Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 20

=
I) - -
Zweite Abtheilung.
Fps rh om nlig.


.
L:
-
Erstes Capitel.
ßszgo Neihe von Jahren war entschwunden, seit man die
Leiche der Baronin von Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen
z katholischen Kirche in Nothenfeld zur Ruhe bestatte: hatie, und
Fschwere, blutige Zeiten waren seitdem über die Erde hingegangen.
F Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hate
Fih die finstere, gewaltige Gestalt Napoleon's des Ersten empor-
gehoben, dessen unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel iber Europa
swang, während Zerstörung, Blut und Thränen den Weg be-
zichneten, den sein Fuuß von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu
Froberung fortschreitend betrat.
- Vom fernsten Westen Europa's bis hin an Deutschlands
und Preußens östliche Grenzen waren die Wogen des Krieges,
das Bestehende umgestaltend oder verschlingend, über die Länder
yzrollt. Staaten waren untergegangen, Könige und Fürsten
nithront, neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige
mgnnt worden. Im Schlosse wie in der Hitte hatte man die
Verall nachzitternde Kraft der ungeheuren Bewegung empfunden,
und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer Beherrscher sich
gändert, so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im Ge-
zmmtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und
yt ihren Beziehuungen zu einander große Veränderungen zugetragen.
I Von jener Freiheit, welche die Franzosen zu erringen ge-
vunscht, als sie den Thron der Bourbonen gestüürzt, die Ne-
-

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publik erllärt, den König und die Königin hingerichtet und dak
Blut derjenigen vergossen hatten, welche sie als Feinde der
Freiheit betraeh-- - war ihnen unter der lyrannischen Herr-
sisppis
schaft ihres erslen Kaisers nichts mehr iübrig geblieben; aber die
in der --evolntion zur Geltung gekommene Erkeuuninis; der mensch-
lichen und biürgerlichen Gleichheit hatte iu den Geistern eine zu
-- -= Irzel geschlagen, um so schnell wie die politische Freiheit
fs.).- I1
vernichiet werden zu lönnen. - - Jaube., welcher ..e alten
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adeligen Geschhlechhier üumg hen, war i jener Zei! fiir das scharfe
Auuge bes Bllrgzersludes i: Fraulreic erlosuhen, uune weder die
von Napoleon ernannten Fit;«. und Herzoge, noc jener Theil
-sipis
des alten französischen Adels, der sich an den Thhron des nenen
Kaisers herandrängie, weil er im Dtenen, gleichviel, wem er
diente, seinen ==-=-- und seine Ehre fand, waren dazu angee
N.is-1s.8s
-pi, die frühere Geltung des Adels wieder zuu erzeugen. Von
ssin
einer abtrennenden Gliederung - -=-=Sangehörigen in drei
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Stände konnte ebenfalls ni.=- --=- die Rede sein, nachdem der
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sogenante driite Stand das Ruder des Staates jahrelang in
seinen Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen
si
-=-oolaten der Welt Geseze vorschrieb. aie Verehrung des
angestammten historischen . i-els war in eine Verehrung der
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--=cht üübergegaugen, und wenn damit der sitiliche Gehalt der
Menschen und de. . - auch nicht eigentlich gehoben wuurde, so
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waren de. -erehrung doch weitere Grenzen gesteckt, seit dem
Verehrenden
Modooi- N,
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Gegenstande
sich dte Aussicl ==;i =- - üll! -al 116-z===-
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-s- zu einem Machthaber und damit zu einem
der Verehrung zu erheben. Das uilitärische Genie,
der Gelehrte, der Küünstler, der Gewerbtreibende fanden dabei
aleichmäßig ihre Nechnung. und was fir Napoleon in den
..ss-
Herzen des D..?, das er unterjochte, dessen Steuerkräfte er
übermäßig in Anspruch nahm und dessen Söhne er unaufhörlich
zur Schlachtbank fihrte, am allermeisten sprach, das war die

--- L7J-
-Erinnerung, wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes
Zhervorgegangen, Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten
erhoben hatte, und wie er in seiner Persou bie Verkörperung
z dessen darstellte, was der Ehrgeiz des Genies zu erreichen wüünschen
mußte und jezt zu erreichen hoffen konte.
Eben so gros als der Wechsel der Zstände, der sich in
- Frgnkreich innerlich und äuserlich ereignet, war die Wandlung
gewesen, welche sich in Deutschland ducch die Nachwirkung jener
ungeheuren srazisischhen Nkevollion in Bewuslsein und in der
F Empfinduuigsweise der Menschen vollzogen halie. Seit mehr als
J anderthalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französi-
schen Geistes, lechlisch der Nachahmuug französischer Sitte und
Mode unterthanl, war schon vor dem Beginne der französischen
z Nevolution mit dem Auftreten Lessing's, Goethe's und Schiller's
der Mahnruf an die Deutschen ergangen, sich ihrer eigenen Mocht
z und Bedeutung, sich ihrer eigenen Abstammung und Größe zu
, erinnern; und was die Kraft, was die befreiende Erhabenheit
Fdieser Heroen begonnen, das vollendete die napoleonische Tyrannei,
Fderen eiserne Schwere sich stärker und stärker auf Deutschland herab-
Isenkte. In Blut und Thränen, unter dem Drucke der Fremdherr-
- schaft, in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung, in
Ider Knechtschaft und in den Banden Napoleon's war Deutschland
, scei geworden von jener französischen Sclaverei, zu welcher es sich
'so lange selbst verdammt hatte. Französische Sprache, französische
Mode und französische Sitten waren dem vor der Revolution
Hüchtig gewordenen Adel entgegen gekommen, wo immer er sich
in Deutschland hingewendet. Eine Begeisterung für die in
-Frankreich durchgesetzte Neugestaltung der Staatsoerhältnisse hatle
von vielen Seiten die ersten republikanischen Siege der Neu-
Franzosen diesseit des Rheines begrüßt; aber auch diese Zeiten
waren vorübergegangen. Der deutsche Geist war zum Selbst-
gefühl erwacht; an dem Hasse gegen den Nebermuth der fremden
l
l

Vergewalhiger
Mutiersprache
leberall,
ezDa
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hatte sich die lange niedergehaltene Liebe für die
und für das gemeinsame Vaterland entzündet.
wo deutsche Herzen schlugen, wo deutsche Hände
die Saai auus den Feldern des Landes auussireuuten und deutscher
Fleiß sich in Gewerb und Handel bewegte, hatte man das Unheil
der französischen Herrschaft zu tragen. Die Kriegszüge, welche
sich vom fernen Westen und vom Siden Europa's bis an die
ösilichsten uid nördlichsient Grenzen Delschlads auuödehnten, sie
hatten iberall Nolh und Elend im Gefolge gehabt, aber eben
die gemeinsanze Noth haiie die Menschen näher zusammengefilhrt.
Die Vernichiuung, die Eulbehrung äuuszerer Gilter haite erlennen
gelehrt, was Jeder in sich selbst besize und welche Quellen der
Erhebung und des tröstenden Genuusses dem Menschen aus der
Beschäfligung mit dem Gedanken erwachsen können; und wie es bei
solch völliger Umgestaltung der Verhülmnisse uicht anders zu
erwarten war, hatte eine neue Vertheilung des allgemeinen
Vermögens sich vorbereitet und war iheilweise schon aus-
gefithrt.
Das Geld war selten geworden und im Werthe gestiegen.
Wer Geld besaß, konnte viel damit erwerben, wer Geld bedurfte,
musgte es unverhältnißmäßig hoch bezahlen; während also das
Vermögen des Kaufmannes in den Städten mitunter in über-
raschenden Verhältnissen emporstieg, ward der Wohlstand des
Landmannes, des Gutsbesizers eben so oft verringert oder gar
vernichtet, wo die großen Heeresmassen des Eroberers sich über
die Länder wälzten.
Preusen vor allen anderen Ländern hatte die Gewalt der
Ereignisse fiihlen müssen. Erst nach mehrjährigem Aufeuthalie
in den fernen «;tsee-Provinzen war der flichtig gewordene
eg
König wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt zurüc-
gekehrt; aber die ganz zerstiückelte Monarchie stand nichts desto
weniger ihatsächlich noch völlig in Napoleon's Gewalt. Die

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-==- JFe(? F =
Fungeheure Kriegsschuld, die von Napoleon rerhängte Continental-
ßsperre, wie die durch ganz Europa, so weit es ihm gehorchte,
sangeordneten großen Ristungen brachten Nouth un- =rangsale
K- eg
zaller' Art hervor, indes; sie hinderten die Völke: nicht, zur Selbst-
Ferkenntis; zu erwachen. Der König wie jener bessere Theil des
Cats
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, gehalten hsaite von der Erniedriguungz nor d i: Erberer, vmr
-Allen aber der gebildete Birgerstand hatten begreifen gelernt,
wad Jedem iu Einzelen fehle, wad Allen gemeinsam Noih
thue, und die Besten des Landes, Mäuner so wie Frauen,
hatten sich vereinigt.- durch Selbsterziehung und Selbster-
Ihebung jene allgemeine Auferbauuung zu beginnen, -.. Uner-
Afost
Jaßlichkeit Jedweder ahnte oder empfand.
Eben in jener Zeii, im Herbste des Jauhres achtzehnhuundert
und elf, sasten in Berlin in dem Gartensaale eines großen
-Hauses zwei Frauenzimmer bei einander. Die Thüren des
Jemaches standen ofsen, obschon ein großes Feuer in dem Kamine
brannte, dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald d
chinesischen Malereien an den noch von der Sonne beschienenen
Wänden, bald die wunderlichen, langgeschwänzte.. Vogelbild«.
an der Decke beleuchtete, über die sich schon der Schatten des
Abends auszubreiten anfing.
Es musßten reiche = --= --- denen diescs Haus gehdr...
N,isb snif
denn es standen lauter silberne Theegeräthschaften auf dem Tnsche,
und das Silber war jetzt schwer besteuert; auch der Thee selbst
war durch die Continentalsperöe zu einem sehe .;tbaren ruuzuS-
=- ?..s
Artikel geworden. Das jingere der beiden Frauenzimmer, ein
eben erst der Kindheit entoachsenes Mädchen, mit dem Zube-
reiten des Thee's beschäfiigt, sezte behutsam eineu kleinen Sehirm
von chinesischem -==- zum Scuze gegen den=zzug vor die
N,i.e
N..?
Flamme, die unter dem uheekessel brannte, als die Aeltere einen

-- ZZZ-
Strauus; von Herlsibluumnen, den sie eben gebunden, aus der
Hand legte und sich von ihrem Size erhob.
Komm', mein Kind, sagte sie, wir wollen die Blumen
nach dem Denkmal tragen.
Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Direckorium
in Mode gekommenen tirkischen Shawls um ihre Schnltern,
reichte dem jungen Mädchen eine Pelerine zu gleichem Zwecke
hin, und wäihrend dieses sich an den Arut der älteren Freundin
hing, glngen sie über den Mitielweg des großen Gartens nach
einer Gruppe von Bäumen, aus deren Schatten, von üppigem
Gebüsch umwuchert, eine mäsig hohe Sandsteinsäule hervorsah.
Dte Vase, welche sie trg. haite die Jschrif! , Den Hin-
gegangeuen,! und so lange die Jahreszeil ihremt Garien Grln
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Fräulein Esther von Arten, denn es woar der Garten des
chemaligen von Arte'schen Hauses in der Residenz, in wwelchem
die Frauuenzimmer sich ergien. Fräulein Esther halte das
Denkmal einst in dem schönen Sinne einer gesi:hlvollen Zeit
errichien lassen, um sich alltäglich ihrer Todten zu erinnern.
Nun war sie gleichfalls schon lange hingegangen, auch die schöne
Baronin Angelika von Arten, welche nach ihr dieses Haus be-
sessen, deckte seit Jahren und Jahren das Grab; aber ihr An-
denken lebte in aller ihrer Anmuth und Gite in dem Herzen
ihrer Freundin Seba fort, und es war dieser eine Genug-
-==--g, die Liebespflicht zu üben, welche Angelika einst über sich
ssziiii r
genommen, nachdem sich ihre Scheu vor dem Andenken an
Fräulein Esther in liebende Erinnerung umgewandelt. Hatten
doch auch Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen kheuren
Person zu beklagen, da durch eine plözliche Krankheit ihnen die
Mutter bald nach der lebersiedelung in die Nesidenz und in
dieses Haus entrissen worden war.

- -
Allabendlich, weun die Soune zu siulen begann, pflcgte
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Seba den frischen Strauß auf das ------- z legen, und hre
junge Gefährtin lez es sich daunn nicht nelnnen, u---- - --
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des vorigett Ta ge« - - =- --= -===- F== =--- =- - ul!gsant an
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Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte, die eben
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--- -- - Hause leben, -- -ch dieses Schauspiels noch nicht
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n-- gewworden, und selbst auf Reisen e==- ics dent Abl!.
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Auf Reisen? wiederholte das junge Mädchn kopfschiüttelnd;
==---, da habe ich niemals oder doch -« ,. lten h.=- - gedacht.
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= hat man ja Anderes, Neues zu betrachten.
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Ja, wenn man jung ist, meinte die ältere Freundin, und
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=-- --uches Andere in einer gewissen Abgeschlossenheit und
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=-»-------g eines Wesens begrindet sein, fiügte sie hglb wie
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zss ss? s- =- - sß-=»-z-i=es ujlllFll, ss=u - »'jz -ss==s ==s s si=z =ei= ====9s
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i----- - ---- -. allen Einzelheiten recht vertraut sind. Ein
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re siiiAo sifs» ss ß,.=-s
Ffifsfnniii:iinfee
------- als der Anblick, den ich hier geniese. Das Licht aus
oyfppis osn
eben diesen Bäumen, denen ich die belebende Wärme gönne

--- -- L0---
und wüinsche, weil ich sehe, wie sie sich mit jedem Jahre neu
belauben, wie sie wachsend immer mächtiger werden, entzück,
mich wie das freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebiei?
Antlize. Was könnte mir auch die strahlendste Freude einer?
fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit in Deinens
guten Auugen?
Und doch möchte ich schön sein! rief das junge Mädchen-
lebhaft aus.
Seine Gefährlin blickte es sreuudlich an. Kennst Du -
nicht die Worte, Davide, die wir neulich in dem ,Landprediger?
von Wakefield' gemeinsam lasen: Schön ist, wer schön handeli?
Da mußt Du also sehr schön gehandelt haben! entgegnete
das junge Mädchen, ganz vergnütgt über die Logik, welche sin ;
liebevolles Herz ihm plözlich eingab.
Thörichtes Kind! entgegnete Seba, dem Schmeichelworte -
des Mädchens wehrend, dad Seba's Hand an seine Lippen.
drickte und von ihr mit einer Umarmung belohnt ward, ehe ?
sie ihm den Auftrag gab, nach dem Hause zu gehen, um nachs ;
zuhören, wo der Vater gar so lange weile.
Als Davide sich entfernte, blickte Seba ihr mit lächelndem,;
Behagen nach, denn Davide war ihre Conusine und ihr Pflege- ;
kind, und es war eine Lust, diese junge, schlanke Gestalt zu -
betrachten, wie sie sich mit unbewußter Aumuth so leicht und -
schnell bewegte.

Eben an jenem verhängnißvollen Tage, an welchem Seba--
einst im Beisein der alten Gräfin Berka und Angelika's mit?
dem Grafen Eberhard ziusammengetroffen und in der furchtbar-
sten Aufregung mn ihhr Vaterhaus zurückgekehrt war, hatte ein,
Brief ihren Eltern die Kunde gebracht, daß eine verwittwete-.
Schwester ihrer Mutter auf den Tod liege und nach derselben
verlange, um dieser ihr einziges Kind zu übergeben. Noch an?
demselben Abende war Madame Flies in Seba's Begleitung.:


----- Lg1-
saufgebrochen, und vierundzwanzig Stunden später hatien sie an
Zdem Bette der Sterbenden gestanden.
z Nimm mich! hatie die kleine, kaum- dweijhrige Davibe,
Pwie alle Kinder, von der Schönheit angezogen, ausgerufen, als
FSeba an das Krankenlager herangetreten war; und wie einst
»Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und
der Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wieder-
Igewonnen, so hatte das Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten
Male aus der Deupsheit des Schmerzes wachgerufen, in welche
die - bittere Erfahrung sie versenkt haite, daß es Selbstbefrie-
digungen und Siege giebt, an denen nian zu Grunde gehen kann.
Laß mir das Kind! hatte Seba gebeten, als die Sterbende
s es der Schwester übergeben wollte. Laß es mein Kind sein,
Tante - es soll gut, es soll besser und glücklicher werden, als
- ich! hatte sie leise hinzugefiigt, und von dem Herzen der ster-
'benden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen.
Von dem Tage ab hatte Seba's Leben einen Halt ge-
wonnen. Sie hatte sich, seit Paul verschwunden und troz aller
Nachforschungen nicht zu finden gewesen war, wenn ihre Thä-
, iigkeit nicht, wie in der Krankheit der Baronin, durch einen
F augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward, sehr
überflüssig in der Welt gefühlt, und in der Entmuthigung eines
, oerletzten und hoffnungslosen Herzens auch nicht daran gedacht,
Feinst in ihrer eigenen Entwicklung und Selbstvollendung Trost
zzu suchen; denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes nur im
Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe. Nun war das plötz-
Zich anders geworden. Sie haite jetzt ein festes Ziel gehabt, sie
Zhatte sich, da der Mensch, je hülfsbedürftiger und rathloser er
Fsich fühlt, um so lieber an eine höhere Hülfe oder an geheimniß-
Zoolle Zeichen glaubt, die Vorstellung gebildet, daß das Schicksal
zes ausersehen habe, die Muiter dex Verwaisten zu sein, das es
zhr, wie einst Paui so jsß HäüSe Figeiölse habe, und mit
J F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
1

-- LPZ--
dem Augenblicke, in welchem sie die Sorge für dieses Kind
über sich genommen, war auch die Hoffnuung, daß der ihr-sg
iheure Knabe, wie Angelika es prophezeit, noch wiederkehren?
könne, wiederkehren werde, obschon alle Spur von ihm verloren,
blieb, auf's Neue in ihr rege geworden.
Die Nebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane -
zn Hülfe gekommen, den Seba sich vorgezeichnet hatie. Auf -
alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend, welche ihre noch
immer jugendliche Schönheit der Füinfundzwanzigjährigen gaben. ,
hatte sie angefangen, ihre Keuninisse zu priisen, und sie ober- ;
flächlich gefunden. Alles, was sie gelernt, war ihr ungründlich. ;
ihr ganzes Denken und Thun unzusanmenhängend erschienen. I
Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen, sie hatte in ern- -
sterer Weise zu denken begonnen, weil sie in sich das geißige -
Capital erwerben und ansammeln wollte, von dessen Zinsen ihr J
Pflegekind sein tägliches Leben haben sollte; und da sich den=
jenigen, der genau weiß, was er will, und sich dabei in seinem r
Wollen zu beschränken weiß, das ihm Nöthige fast wie von selber ?
bietet, so hatte das ernste Bemühen des schönen, geistbegabten -
Mädchens ihm die Theilnahme bedeutender Männer und Frauen ;
zugewandt, und bei dem Reichthume und der Gastfreiheit ihrer I
Eltern hatte Seba sich in der Lage befunden, diesen ihr werthen ?
Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen Versamm- Z
lungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können. ,.
Das war zu jener Zeit, in welcher der Krieg und dig, ?
Fremdherrschaft die meisten Familien zu großen Einschränkungen?
und Entbehrungen nöthigten, nichts Gewöhnliches gewesen. Man Z
hatte das sich Darbietende gern benuzt, und seit im Beginne -
des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war, hatte Seba
als Hausfrau in dem alten von Arten'schen Hause geschaltet;
bis sie allmählich zu dem geistigen. Mittelpunkte eines. Kreisss
geworden war, der, wie es zu jener Zeit, in welcher die gemein- ;
-
-
.

!
--- ZgZ--
f' same Noth und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen
s , und die Geister über die trennende Kluft der Siandesuunter-
, schiede forttrug, gar oft geschah, die verschiedensten geselligen
F Elemente schön und förderlich in sich vereinigte.
Die Nüickkehr Daviden's erwartend, ging Seba im Genusse
F des hellen Abends langsam am Wasser auf und nieder. Bald
J blickte sie nach dem Parke hinüber, als wolle sie das Abendroth
s nichi scheiden lassen,- ehe der Vater sich nicht auch daran gefreut,
s bald sah sie nach dem Hase hin, und fast gedansenlos blieb ihe
t. k
, von Arten'sche Wappen geprangt hatte. Die Steinschilde waren
F auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden, als er
das Haus verkaufte. Sie schmüückten nuun die Gruft der Nothen-
; felder Kirche, und nichts, als einige Slicke Möbel erinnerien
-Ijezt in dem Flies'schen Hause an seine früüheren Eigenthiümer,
- denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert, das ganze
Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besiz des Kufers über-
, gehen zu lassen, und es vorgezogen, es in Versteigerungen weit
J unter seinem Werthe fortzugeben.
Er hatte auch, obschon er in der Nesidenz gewesen war,
s
- das verkaufte Haus nicht wieder betreten, aber seinen Sohn, der
seit einigen Monaten von dem Negimente, bei welchem er bis
h dahin in der Provinz gestanden, nach der Hauptstadt versezt war,
-hatte er an Herrn Flies gewiesen, mit dem er noch immer in
-Geschäftsverbindung war, und die freundliche Erinnerung, welche
Nenatus aus seiner Kindheit an das Flieösche Haus bewahrte,
wie der antheilvolle Empfang, den Seba ihm um seiner Mutter
willen bereitete, hatten den jungen Edelmann bald zu einem der
oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht, seit die Flieö sche
Familie von der Reise heimgekehrt war, die sie sich in keinem
Jahre zu versagen pflegte.
n -
ze

----- L4Z -----
Es war also kein ungewöhnliches Ereigniß, als Davide in
des jungen Herrn von Arten Begleitung aus dem Hause wieder-
kehrte.
Der Onkel kann nichi kommen, sagte sie; er hat Geschäfte,
er muß fortgehen! Wir sollen ihn nicht erwarten, sondern den
Thee mit Herrn von Arten trinken, aber. . - -
Al.r? wieterhslie -el, uulti Dauwihe zigzernud iune hielt.
Ich möchle auuch gern forigehen! sagle das junge Mädchen
bittend.
Dad ist nicht scheichelhaft fir mich, meinte NenatiS,
ag dachte nicht an Sie, und Sie sind ja auch nicht mein
N,
Gast! erwiederte sie, indem sie ihn mit ihren großen, braunen
Augen ehrlich ansah.
Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnuung machen,
aber Seba ließ es nicht dazu kommen. Sie ertheilte Daviden,
als sie erfahren, daß es sich um eine eben erhaltene Aufforderung
handle, die Erlaubniß, ihre Freundin zu besuchen, und nachdem
das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatie, folgte
Nenatus seiner Wirthin in den Gartensaal, in welchem der Im-
biß ihrer wartete.