Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 21

Iw eiie s Capite l.
OAf
lhslährend Seba ihre jungen Gaste den Thee hinreichte
und sich selber bediente, fragte sie ihn, ob r Nachrichten von
Hause erhalten habe und wie es den Seiüigen ergehe.
«-« habe mit der lezten Post einen Brief von Vittoria
N,
empfangen, entgegnete er. Sie ist wohl, und auch meinem kleinen
Bruder geht ek gut; indes; wen: Vitioria so lange Briefe schreibt,
ist es immer kein ginstiges Zeichen. Weni sie recht heiter und
zufrieden ist, so schreibt sie nicht.
Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten,
meinte Seba, müssen Sie auf diese Weise in einen beständigen
Zwiespalt gerathen. Sie sehnen Sich nach den Briefen Ihrer
Stiefmutter, weil Sie sie lieben, und dirfen Sich der Akunft
dieser Briefe, eben weil Sie sie lieben, doch uicht freuen.
Gewiß, so ist es auuch, versezte Renalus; aber es ist das
nicht der einzige Zwwiespalt, in dem ich lebe. Sie wissen es,
ich hange an Vittoria sehr; nicht wie an einer Mutter, denn
dazu ist sie viel zu jnng, aber auch nicht wie an einer Schwester,
oder gar wie an einem Freunde. Ich liebe sie eigentlich am
meisien von allen Menschen, die ich kenne, und ich weiß Nie-
manden, den ich so gern glicklich sähe, als sie, oder in dessen
Nähe ich mich so völlig zufrieden fi:hle, als in der ihrigen. Alles
an ihr ist Schhönheii, Heiterleit und Frohsiin, und mein kl:iner
Bruder ist ganz und gar ihe Ebenbild.
Und doch sprachen Sie eben jezt und auuch sonsi schon öfter

- ZFs--
von den wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutier, nahm?
Seba nach einigem Bedenken das Wort; Sie werden es also P
natürlich finden, wenn ich die Frage an Sie richte, worin die- J
selben ihre Ursache haben.
Nenatus sah ernsthaft vor sich nieder. Wenn Sie Vitioria ;
meine Stiefmutter oder gar die Baronin nennen, begann er nach I
einer kleinen Pause, so ist damit eigentlich Alles gesagt; denn -
Viiloria gehörle nichl in unseren Norden. Sie leidei von dem- -
selben, der Winter macht sie ungliücklich. Sie ist so fremd bei z
uns -- so fremd, wiederholte er schmerzlich, wie die Granat- D
blithen in unseren Treibhäusern, die mich nie recht sreuen, weil -
ich ihnen anzusehen meine, wie viel schöner sie in ihrem Vater- ;
lande sein missen! Uid doch klagt Vilioria niemals, doch hat z
auußer mir und ihrer Dieneriu wohl Niemannd eine Ahnung davon, z
daß sie nicht immer heiter ist, dasi sie auch traurig sein kann! -
Niemand ? wiederholle Seba. Sollte der Freiherr sich über ?
die Gemüthsverfassung seiner Gattin, der er an Jahren und an -
z
Erfahrungen so iberlegen ist, wohl täuschen können?
Z
Es entstand eine Pause. Der junge Mann schien sich nur Z
mit Mühe von einer Aniwort, von weiteren Mittheilungen zurüc ?
zuhalten, und Seba, die schon öfter bemerkt hatte, wie sehr er
Neigung fühlte, ihr sein Herz zu erschliesen, trug doch Bedenken, z
ihn dazu zu ermuntern, weil sie es nur allzu wohl wußte, daß Z
man im Leben nichts häufiger bereut, als unnöthig bewiesenes s
Vertrauen, auch wennn man es würdigen Personen gewährt hat, ?
bei denen es wohl aufgehoben scheinen durfte; denn man giebi Z?
mit seinem Vertrauen immer einen Theil seiner kinftigen freien -
Entschließungen hinwweg. Andererseits wußte sie aber genugsam, ?
welch ein Genuß und welche Erleichterung es zu Zeiten für z
den Menschen sein kann, von sich und von denjenigen Personen I
sprechen zu dirfen, mit denen er sich verbunden fihlt, und Renatus ?
es völlig iberlassend, was er ihun wolle, bemterlie sie also nur, z
F
e

-

- IF--
Fdaß sie Vittoria nicht gesehen habe, als der Freiherr mit ihr
aus Jtalien heimgekehrt sei, daß Herr Flies sich damals aber
sehr gewundert habe, sie so überaus jung unb der verstorbenen
, Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden.
Es ist mir gerade so gegangen, sagte Wenztus, indeß neine
z Ueberraschung war eine sehr angenehme; denn Sie können sich
gar nicht vorstellen, wie traurig meime Kindheit und meine
, Jugend gewesen sied, ehe Villoria nach Richien kam, und wie
F bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte.
A -
? - Er hielt abermals inne und hob dann, als sei er mit sich
z zu Nathe gegangen, ob er schweigen oder reden solle, und habe
Z sich nun zu dem Lezteren entschlossen, in jenem ruhig ausholen-
F -
, den Tone zu sprechen an, mil welchem mae s ch zu einer län-
s.
z gnen Erzählung anschickt.
?? Wie Sie wissen, war ich erst acht Jahre alt, als meine
? arne Multer starb, aber ich hatie doch bereits Verstand genug,
, die Grösße eines solchen Verlusies zu begreifen und zu empfinden,
und auch von ihrem trauurigen Loose, von der unglücklichen Che
Z meinr Eltern, von dem übeln Einflusse, den die Herzogin von
. Duras in unserem Hause auusgeiibt, hatie ich sehr früh eine
F Ahnng gehabt. Meine Mutter jemals recht heiter, meinen
F Vater herzlich uit ihr oder fröhlich mit mir gesehen zu haben,
z kann iä mich kaum erinnern. Die Schwermuth meiner Mutter
F warf ihen Schatten denn auch bald auf mich; ich war nicht
- gern bei ihr, nicht gern bei meinem Vater, und noch weniger
- mochte ich in der Nhe der Herzogin sein. Ich fürchtete mich
--' vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise, und als
dann mein- Mutter starb, sehnte ich mich - daß ich es Ihnen
ehrlich gesteh -- recht nach Ihnen.
Nach nr? fragte Seba mit der Theilnahme, die sich in
z guten Herzen mgenblicklich für denjenigen erzengt, dem sie etwas

leisten zu lömmun glanben.

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-- L18 ---
. c:
«-- nach Ihnen! wiederholte Renatus. Sie hatten meinez
,
Mutter sehr geliebt, waren immer freundlich mit mir, ich warF
in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen,' und bei uns in Nichten
war es in dem Herbste äuuserst traurig. Mein Vater hielt es
dort auch nicht lange aus. Er vermißte dic Herzogin, meine
Mutter fehlte ihm wohl auch, der lurze Beileidsbesuch, den mein j
Grossvater, der Gras Berka, ihm machle, enisernie die beidenI
Männer nur noch weiter von einander, und die Sireitigkeiten,
lit ble iiiei Valer sich rih uisern allenu Neudorser Paslor mit
den prokesiantischen Consislorium und mil der Negierung ver-
wickelt fand, verleideten ihm das Leben auuf unseren Gütern
vollends. Dazu schrieb die Herzogin beständig, wie glicklich sie ,
sich am sardinischen Hofe fihle, und da mein Vaier der Ansich! -
war, dasß er eine zwecnäszige ölonomische Maszregel treffe, wem
er, wie er sich ausdrückte, als schlichter Privatmann, nuur vmnn,
seinem Kammerdiener begleitet, finn einige Zeit ins Ausland gee,
so rieth der Pfarrer-- Sie wissen, ich meine damit unsren
guten, trefflichen Caplan, der Pfarrer geworden war, sei er
unsere Kirche in Nothenfeld verwallete -- meinem Vater selbst
dazu, seiner neu erwachten Neiselust zu folgen. Man dachte
dabei, so viel ich mich erinnere, von beiden Seiten nur ar einen
Winteraufenthalt im Siden, und an die Rickunft, wem das
Frihjghr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck erliehen
haben würde; aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende
gingen zu Ende, ohne das auuch nuur von der Heimkefr meines s
Vaters die Rede gewesen wäre.
Und hielt Ihr Herr Vater sich während dessen beständig
am sardinischen Hofe auf? fragle Seba.
Nein, eutgegneke Nenaius; er blieb allerdings den ganzen
z-lF-
ersten Winter dort, kehrte auch immer wieder an deselben zt=-
indeß seine Beziehungen zu der Herzogin waren dch nicht mehr
die alten.--- Der junge Mann unierbrach sich klber, sah, wie

- L1s --
in eigenem Rückerinnern, vor sich nieder und meinte dann: Sie
=-=- -- z ß =- -zegin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vaier
K8sos in
. H,i-
---- -- ---- --. als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause
Fpsfssos lofssni:
lhten. Mein - ? =-« Freude an der Gesellschaft der Her-
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Fg--, ab.. -.g gli1=. -» --==p - Fdeü.- -=-- - --=-paszlichen
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=s=------- -, wvelche die Herzogin ihm zu gewäihren damzals fir
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ihrer Alsichle zu lhun. .-- .ulen hnel. lr Hofami sie he-
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z- gl, sld hsalle llette Pla... --- j»z --- i--- -=---- =- -==--
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=---=- nach den Süden aefo.ggt war, und wenn sie auch klug
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s-- --==--ll genug wwar, minem Vater inmer die gebührende
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=--i-- 1- -= - -, so sahh sie es gewisz nicht ungern, als e.,
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v-bsi-----« ==.uÜlber, 1g - ----= - - -=- .Uge Gegenstand ihrer
omsnifisls-si ds
zs.us sis doi ll.s
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----- ------=-- z sein, gegen das erste Früihjghr hin den sar-
dinischen Hof verlies, um sich nach Florenz zu begeben.
Und in Flo...z also hat Ihr Vater sich so lange aufge-
haltent ? erkundigte sich Seba, die elen uil diesn lleinen l..« ---
iss o
lsSi-
=--=ugen deun zungen Maunne ein Zeichen ihrer Theilnahme
und eine Ermuunterung gewähren wollte, in seinen Mitthei-
=g-- nach seines Herzens Bediürfen fortzufah cen.
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Er lies: sich wenigstens an toslanischenu Hofe fie einige
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--=- nieder, anwortete Renaluus. Schon sein Aufenthalt am
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dem er Richten verlassen. E? =.. -1l« -- --- -- =-==b -
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==-- -gilc, als Priyatmtaul -zh----- -- =- -h=-gD-. olso
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in Florenz ein Haus, moblirte es, leg- -=- -=- -»- -=- a-? - - -
Af. s,s, Npis.s-s.s..iss -
Aber welche Ausgalb. ---u-- -=t das veruursachen! rief
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Seba - und Sie haben mir aesagl, das; der Fr.«- - -
-piswf-i -iiis
u»b i-ss =ß.=- W,)s,. sz-sfihzs-sss.
=s=e --i - =- ;- - == -;- = s= - -j; - b ss==pus: .Is, sgsfg !
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Renainus zuuekle -== gullern und sagte mit einem Ernste
.. ».s-

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und mit einer Gewichtigkeit, die ihn bei seiner Jugend fast
komisch erscheinen ließen: Ersparnisse zu machen ist eben nichs
in allen Lebenslagen möglich, ljebste Flies! Uuser Nang legt
uns Pflichten gegen uns selbst unb gegen die Gesellschaft auf,
deren wir uns nlcht entschlagen kdnnen ! Allerdings hörie lh
es meinen Erzieher und den nenen Amimann, welcher Adam
Steinert bei uns ersetzt haite, beklagen, daß meines Vater -
Aufenthalt in der Fremde so kosibar sei, aber das Reiseleben
mus doch wohl elvas sehr Besirickenudes haben!
Gewiß, versetzte Seba, denn es käuuscht uns mit demF
Wechsel unserer Umgebung iber jenen andern Wechsel, der sih
an und in uns selber vollzieht. Wer immer an demselbent
Orte, immer in demselben Menschenkreise lebt, wird diesem -
zur Gewohnheit, und wie man diese Gewohnheit des Beisan.
menseins auch lieben und hochhalten mag, entzieht sie uns doh-
den Reiz, den das Frende immer für die Menschen hat unö
den man als ein Fremder auf Fremde, als ein Kommender -
und Gehender auf diejenigen ausibt, denen wir werth sinb.
und denen unsere Anwesenheit erfreulich ist. Wo wir erscheinen,.
werden wir als etwwas Neues begrüßt; kein Altersgenosse, kein;
Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch sein Alter,
durch seine wankenden Kräfte daran, daß auch an uns die'
Jahre nicht spurlos vorübergehen, und ich glaube, daß ma
in solchem Wanderleben seinen Lebensabend erreichen kann, ohnt ;
es, wenn man sonst leidlich bei Kräften ist, gewahr zu werden,
daß man sich dem Niedergange nähert.
Ach, rief Renatus, wenn Sie meinen Vater heute sehen,
würden, so würden Sie ihn doch gealtert finden! Freilich ht
er noch immer seine gebieiende Gestalt, sein Auuge hat auch noch
immer etwas Mächtiges, seine kräftige Farbe bildet sogar einen s
anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare, aber als,e
damals aus Jtalien wiederlehrte, war er doch noch ein Anderer!'

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= ae,F z ==-====
Er schien mir vöslig wie verjingt. Die lästigen Geschäfte hatien
ihn dort nicht gedrückt, die leichtere, freiere Lebenöweise der
z Südländer, die man ja von allen Seiten ruhmt, hatte ihm
z immer eben so sehr zugesagt. als das Lhi und die Lsi
E dl,s!
g os=-el, und wwenn mein Vaier währen' seier langen Ah-
wesenhei! auch, so ofi der Frihling lam oder wenu der Herbst
Fsich nahte, von seiner Heimkehr gessrochen haile, so haile die
F F
- Scheu vor unserem rauuhen Klimia und vor uunserem einsamen
-Schlosse ihn doch immer wieder in Italien feslgehalten.
F Aber hal er sich denn nich! nach Ih. nach seinem
FSohne gesehnt? erkundigte sich Seba.
? Nenatus gab ihr leine Atwort. Indes: sie bemerl.., daß
sseine Stirn sich verdisterte und das sein Auuge den schwer-
Azö-üißpzs l
so-b-ü - .usdruuck annahm, der, so lange sie seine Muutter ge-
ßkannt, das Autliz derselben fast niemals verlassen hatie. Er
ßglich =-=------ --=pig der verstorbenen Baronin, und gerade
..»-sihinsi ß.sisssszz
Ks
zoas gewann ihm Seba's Guuusl. Nchis in des jungen Mannes
FGesialt und Wesen erinerie an seinen raier, ud eö rüührte
zSeba, als er mit seinem melancholischen Blicke die --=»
L,ifs»-ß
,=-; - der Freiherr sei wohl nicht im Stande, ein Herz an
zssz,zf -
zoender zu hängen, wie manche andere Männer es bisweilen
hs.zsf-
iis K,-ihs fssFs f
zs-- - nd obenndrein sei er leider seite.: -== -===- -F
Hdessen Sinne.
ß Noch als meine Mutter lebie, äuus-=---- »ate- ;=ls,
fin isspiss
v- ..fs sis
KiK s=? »-s s.K
y - ---==- .-plic genng, ich sei zu ernsthaft. Hätte mein
ßVater mehrere Söhne gehabt, ich glanbe, er wirde mich dem
Ccdz1zziss d--
-..
s:eßin Aoi j
z =s-i-- - =-=- gcwoidmtet hes- - iO- = - zlge Mamt.
ibss
fund es ist traurig, z sagen, mein kleiner Bruder, der voller
Ta=n.
g===-l und Schalkheit isi, irägt Scheu vor unserem Vate., so
fdaß dieser ihn deshalb p- C - 11l g« -=- u1 -ue Sa-
didok is
fissz- N
zsspzs oin
N.a s
ßlerlo's Zrilichkeit misgönnt.
Nenatus hieli abermals inne. Er kämpfte offenbar eine

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peinliche Empfindung in sich nieder, und Seba bedauerte es,
daß der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig so ernst gemacht
habe.
Daran trägt, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, wohl'
vor Allem die Abgeschiedenheit Schuld, in der ich von meinem
achten Jahre bis zur Wiederverheirathung meines Vaters er-
zogen worden bin. Delen Sie nuur, das; der Caplan meine
einzige Gesellschaft und -- Renatus lächelte, was ihn sehr
hübsch erscheinen ließ-- und Mamsell Marianne mit ihren.
feierlichen Mienen und alwväterischen Knixen das einzige weib-'
liche Geschöpf gewesen ist, mit dem ich Jahr aus Jahr ein zu
verkehren hatie. Weil mein Vater so lange in Jtalien blieb,
- entließ mein Erzieher, der zugleich sein Bevollmächtigter war,
die ganze französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehr-
lichen Leute, und da ich schwächlich war und der Arzt füt,
mich ein einfaches und regelmäßiges Leben verordnet hgtte, -
ging es bei uns wie in einem Kloster zu. Ich hakte viel Un-;
terricht, war nie eine Stunde ohne Aufsicht, genoß, weil mirz
jede Gelegenheit, einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu
thun, entzogen war, die volle Zufriedenheit der beiden krefflichen,
alten Leute und kannte nur zwwei Arten von Belohnungen, die
darin bestanden, daß ich mit dem Jäger reiten oder schießen
durfte und daß Mamsell Marianne mich in unserem Ahnens
saale von den Thaten, den Eigenschaften und den Familien-
Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen unterhielt, da.
sie sich im Dienste meiner Großtante Esther zu einer wahren -
Familien-Chronik ausgebildet hatte.
Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Großeltern in dee,
Abwesenheit Ihres Vaters nicht?
Nein, sie kainen nie nach Nichten; ich wurde jedoch in -
jedem Jahre einmal auf wenige Tage in ihr Haus geführt.
Indeß ich war so schüchtern, dasß ich mich nicht wohl in der -

er O
FGesellschaft meiner jungen Vettern fihlte. Dazu scheute ich mich
auch vor all den Fragen. die man üüber meinen Glauben ---
,Sie wissen, meine Groseltern gehören nicht zu unserer Kirche
-- stets an mich zu richten pflegte, und heilere Tage hcbe ich
in meiner Kindheit nuur im Hause ber guten Gräfin Ihoden
und in der Gesellschast ihrer beiden Tchker genossen und
erlebt.