Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 22

den
Dritte Capite l.
Zgze Dazwischenlüis! eineI einireieden Besiches unierbrach ?
!l:
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lehrte. Er brachie der Freundin seine Mappen mit, damit sie -
sich mit ihm an der reichlichen Asbeute seiner Arbeit erfreue,
und Renatuö zeigte den leblaftesien Aiheil daran, da er selber:-
eine recht hüübsche Alage fie das Zeichien haite und, ohne:
besonderen Unterricht erhalten zu haben, im Treffen der Aehn-
lichleit wie in dem Wiedergeben landschasllicher Nalir recht
glücklich war.
Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der?
Slizzen und Sludien beschäfiigt, und als der Maler sich damnF
entfernte, meinte Renatus, dasß er sich kaum ein schöneres Loos,'-
als das des Künsllers, zu denken vermöge, ja, wie er, da ihmJ
auch fir Musik die Begabung nicht versagt sei, sich oftmals auf;
Gedanken ertappt habe, daß er als ausüübender KünsileZ
dem
seine
höchste Befriediguung gefunden haben würde.
I
So hätten Sie Künstler werden sollen! bedeutete ihn Seba.
Ich? fragte Renatus mit einem Tone, als werde ihm
etwas ganz Uumögliches angemuuthet. Wie hätie ich das an-
fangen sollen?
Wie jeder Andere, dem es darum Ernst isi! entgegnele i
ihm Seba.

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= SFe e === -
Aber der Jüngling war von dieser Antn ort nicht befrie-
digt; sie schien ihn sogar zu kränken, denn leicht erröthend ver-
setzte er: Sie vergessen, liebe Seba, das; ich ein Edelmann bin!
Seba lächelte. Soll das heißen. sagte sie mit leichtem:
Spotie, daß es unter Ihrer Würde ist, Sich mit dem Schönen
zu beschäftigen?
Nein, es ist nicht unter unserer Würde- uns mit dem
Schönen zu beschäfiigen, enigegnete sehr eruusihakt der junge
Edelai, der sich sofori als ein Glied der grossen Körperschafr
empfand, der er angehörle; es ist nichl unter unserer Wülrde,
uns mit dem Schönen als Genieszede zu beschäffigen, nu
Vortheil könmnen wir auus unseper Beschäftiguug mit demselben
nicht wohl zlehen. Wäre ich in büürgerlichem Stande geboren,
so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden; jezt wirde mir
das übel ansiehen. Denken Sie doch, Besle, wenn ein Frei-
herr von Arien. Bilder verkaufen oder für Geld Musik machen
z
wollte! O, unmöglich. ganz unmöglich!
Er lachte bei der bloßen Vorstellung, und eö hal. --=--
s z-s
daß Seba ihn daran erinnerte, wie viele der französischen
ßlüchtlinge ihr Brod durch lebung weit geringerer Fertigkeiten
, zl gewiunen genöthigt worden wären. Er erblickte darin eben
- fnuus R
===- -ie Bestätigung, daß allein die Noth den Edelmann be-
wegen dinnfe, sich einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie
sissss
znd K. zu überlassen, und seine Wirthin fand ihn, wie
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v==i bei früheren ähnlichen Gelegenheiten, jeder vernünftigen
leberzeugung unzugänglich. wo diese sich gegen eines der Vor-
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---=-- -=-= --, derenn er weit mehr als sein Vater, als der
Fr=--
Freiherr hegte.
Indeß es lag darin nichts, was Seba, nach ihrer Kenntniß
der Verhältnisse, iberraschen konnte, und sie war einsichisvoll
onss
o--y- es sich zu deuien, wie der Caplan einen so verschiedenen
Einslüuß aus den Vaier und auus den Sohn zu üben vermocht habe.

-- ZIG-
vnn.
Als Erzieher und Neisebegleiter des Freiherrn Franz hatte'
der Caplan sich es einst angelegen sein lassen, diesen füür dak
Studium der schönen Wissenschaften zu gewinnen und ihm jene ,
humanistische Bildung anzueignen, welche den Freiherrn seiner
Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte. Abek,
die Folge mochte dem Caplan nach seiner Ansicht den Bewei?
geliefert haben, daß die Duldsamkeit gegen Andere auch shr ,
duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkitr werden lasse. ;
und wie die Aufklärung, welche den Menschen auf sich selbst ;
verweise, die Gefahr in sich schliese, das; er sich von der Zucht
der Kirche frei, weder durch ihre Gebote noch durch ihre Strafen
gebunden glaube. Mit bewuuszter Absicht hatie der Caplan also -
fg,
, bei der Erziehuung von Nenatus den Weg verlassen, auf welchen -
er den Vater desselben einst gefihrt. Er hatte füür ihn das un- z
abweisliche Gesez der Religion an die Stelle des eigenen Er- ,
wägens aufgestellt, der Freiheit seines grübelnden Verstandes
Grenzen gezogen, seiner nach Schönheit suchenden Phantasie' -
nur mäsig, ja, diürfiig Nahrung geboten, und es war ihm auf z
diese Weise auuch gelungen, den von Natur fiügsamen Knaben ?
zu einem unbedingten Gehorsam gegen seinen Erzieher und zu
, einem eben so unbedinglen Glauben an die von ihm aufgestellten. ?
! Lehren und Grundsäze zu gewöhnen. Wer aber in geistiger Z
ve
Gefangenschaft erwächst, in wem der Trieb nach freier, priüfen- A
der Forschung nicht lebendig ist, dem werden seine Voruriheile z
gar bald eben so zu einer Schranke seines Denkens, wie z Z
einer Stüze fir seine Unselbständigkeit, und die Zuversicht, der z
Eigensinn, die Heftigkeit, mit welcher der Befangene sich in der z
Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält, sind nur ehn'
Zeichen seiner Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche.
Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen, duräh;
den Maler in seinem Zwiegespräche mit der Freundin seiner?
Mutter unterbrochen worden zu sein, und da er, durch zu auss ?

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Hustbetrachtung wieder allmählc g- -==--=- -===»=-= S
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spotiender Bemerkung sch .. . diese Gereiztheit ßch -.=als -ü i-
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aeben zu wollen, und Seba sithl. - - hn umn dieser Uua
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F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlechhi. 1.

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Freiherr an den Caplan geschrieben, ,so werden Sie es natürlich
------ das; ich Sie erst, nachdem ich mit mir selbst völlig einig
ssssdoi:
bin, von einem Schritte in Kenntnis; seze, den ich bereiks geihan
haben werde, wenn Sie diesen Brief empfangen.
, Der Hiuuunel, -«. uieine- -= en von Jngend aus selne be-
iin R,l.,
dps in
sonderen Wege und seine eigenihimlichen Schicksale vorgezeichnet,
hat mir ein grosses Glick, eie wundersame Verjingung an jener
letzten Grenze des reifeun Maunesallers vorbeh.=l,h-- -====-
is ssolrions
--ls.s
weniger bevorzugle Naiüiren sitr die höchslen Gmssieduungen und
Freuden des Daseins oft nicht mehr eupfänglich sind.
,Was ich in frihen Jahren besessen, die volle, ü-D-
ruckhaltlose Liebe eines jugen Herzens, das ist mir abermals
zu Thetl gewworden, und wenn damals lrenende Lebensver-
hälinisse mich verhinderlen, meiies Glitckes mnich osseu zu erfreuen,
so ist es mir jelt eine Genugihuuung und eine Ehrensache, meiner
liütfligen Galii eine ihrer Gelurt uud ihren Vorzigen ange-
Hssssnfss Fs, ssf
-;j- - s=====-==sgz Fll blaa.=ss-
-swifiss
Hzz izofnie
--=-- -==--gz Tagen wird hier in Venedig meine Trauung
mit Vittoria Giustiniani vollzogen werden, m wenig Wochen denke
ich sie in ihre nene Heimaih und in mein Hans zu fihren. Ich
winsche die schd.. Jhreszeit zu, benuzen, damil dne aheure unsere
is E,i
Gegend im besten Lichte und i. -=- schönst.. =»-- =-
zs liwpmis
sF. ss
--s M,
=o- ---==- also, mein Freund, Alles fir meine Wiederkehr
N,. sss= ,
--==»--==- z s-zt=-, »» -= - -»--- vübet, wie ißnmer, auf Ihre
pf i?fn oif
Assp- in
. s» »-pFmsn de
Freundschaft fite mich, die darauuf bedacht sein wird, meiner
s s.i iois Ms?s g.i
-=-=--- --=== eia einen vohllhuenden Eindruc vorzubereiten.
-- ---= ==------=- ---- g6z ursprüngliche Natur und
gf imoeAoi- ifs -s.- nisso -
iol. g
s ssiiie
---- -olle.«. . -.ünsilerin finden, und da ich selbsi mich z-u
piss ss
=-e in der Liebe dieses holdseligen Wesens, so freut es mich
sn
auch, das; sorlan in mneineu Hause eine jgze Fran wallen
wird, welche meines.. ===------ zhren näher siehl, als Sie
s F,imin ii- -,-
. s.ifs.1s-
und ic, -- d-- »---=-ch dazu beikragen wird, a hugendlicher
zsssd.
ss

-=- ZJß--
und fröhlicher zu machen, als er mir ncch seinen Briefen zu
sein scheint, in denen sich die schwerlebige BkO'sche Gemthsart,
v on der ich so viel gelitten habe, mehr als mir erwünscht ist,
P kundgibt. Theilen Sie ihm meine bevorslehende Verhelralhung
Fg mli und sorgen Sie dafür, das; er seiner Stiefmutter ein ver-
z. tranendes Herz enigegenbringe.-
k
, Seba las den Brief mit grosßem Aütheile, aber er that
h.
i; ihr fitr das Adenken ihrer Angelika und fir Nenatus weh,
denn des Freiherrn geringe Liebe für den Sohn und seine Ab-
s
ieigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus.
Als sie dem Jiinglinge den Brief zurickgab, sagte er: Ich
habe Ihnen dieses Blatt, das kein fremdes Auuge je gesehen hat,
unbedenklich anvertrant, denn Ihnen wird es keine Neuigkriten
, und keine Geheinnisse verrathen jhaben. Und doch sehen Sie
, jzt gerade so betribt auus, als ich nach Ankuuift jenes Briefes
meine ganze Umgebung erblickte. Ich kam offenbar aller Welt
F beklagenswerth vor. Die Gräfin Rhoden umarmte mich unter
-
- Thränen, als wir sic zum ersten Male wieder besuchten, meine
' k'einen Freundinnen hofften, daß meine Stiefmutier mich nicht
- schlecht behandeln werde; der Caplan, welcher im Schlosse Alles
,erneuern ließ, was etva der Erneuerung bedurfte, schien gleich-
Falls niedergeschlagen, Mamsell Marianne aber blieb in einer
Fbeständigen, still unterdrückten Wuth.
Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante
, Amanda wurden aus dem Wohnzimmer in den Ahnensaal ge-
F bracht, und während die Nebrigen alle der Ankunft meines
WVaters mit sehr unginstigen Erwartungen entgegen sahen, unter-
Ihielten mich schon die bloßen Vorkehrungen für seine Rückkehr
: so angenehm, dasi ich mich des Allerbesien von derselben versah.
- Der bloße Gedanke, daß noch andere Personen, als der Caplan
und Mausell Marianne, daß mein Vater und eine junge Fran
im Schlosse leben pütrden, entzicte mich.

z7

-- Zß--
Wenige Wochen nach meiner Confirmalion, recht mitien -
in der Rosenzeit, traf dann mein Vater bei uns ein. Der
Eaplan hatte angeordnet, das: ich den Freiherrn im Schlosse er-
warten sollie, da dieser sich den Eipfang, wie er meiner Mutter
an unserer Grenze zt -geil geworden und wie er sich fr die
s.
llis zsi
Gutsherrschaft gebührte, verbeten hatte. Die Ungeduld -- --=
aber nichi im Schlosse. Ich wuste damal noch nicht, sagte er
- und wieder ging Angelila's schwermilhhiges Lceln iber seine
Zige -- was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem
Briefe meines Vaiers an den Caplan leider bestätigte, das; sein
-. elangen nach mir nicht eben lebhaft war; und den ersien
M.«
grosßen Ungehorsam gegen den Vefehl meines Mentors begeh-u=-
uassd
lies ich mir heimlich mein Pferd salieln, umn den sehnlich Er-
warteten so bald als möglich zu begrißßen.
Mein Vater erlannfe mich im ersien Augenblicke nicht, als
ich in den Bereich des Wagens kam. Er ,uite mich als ein
Kind verlassen, mich nur als Kind gedacht, und Viitoria hatte
nach meines Vaters Aeußerungen auuch nicht darauf gerechnet,
einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden. Sie
rief mir in ihrer Muliersprache etwas zu, was ich nicht versland;
da sie dies merkte, grüßte sie mich mit einer jener Handbewe-
gungen, welche leine Nordländerin nachzuahmnen vermag, und ich
war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung.
Sie kömnen sich kaum vorstellen, rief er, sich unterbrechend,;
wie schön Vittoria damals war; aber noch auffallender, als ihre
Schönheit, war auch mir ihre grosße Jugend. Als sie vor dem
Schlosse ausstieg, als mein Vater mich ihr, wie sich's gebihrte,
feier.u.g als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich umarmte,
sF
war ich vollends verwundert, sie kleiner als mich, sie ===-=- -
Isn»sihi
so klein zu find.ü; denn meine Mutter war sehr groß gewesen,
und ich musßte mich schon damals biicken, meinen Mund dem-
Munde Vittoria's nahe zu bringen, sagte er erröthend.

-- Iß---
Sprach Ihre Sliefmutter nr das Jtnlienische? fragte Seba.
»I nein, ich sagte es Ihnen ja bereits, sie war cuch des
Französischen mächtig, und mit dem fremdorligen venetianischen
Accente, der mir sehr lieblich in ihrem Munde llang, frunzösisch
zu mir sprechend, sagte sie: -=----- jng bin, Deine Mutter
D,
s,iod.f
zu sein und eine grosse Verehrung von «-- z .-=l, so ent-
7=-
schliesße Dch, mein Freund, mich zu lieben. ., will das Gleiche
,a
ihun, sei desi ganz gewisz!''
Und hat die Baronin das gehalten, lieber Arten?
ag habe keinen besseren Freund, als sie! betheuerte der
N,
Vs
a-gliug. Dann hielt er inne und ließ seiner Wirihin damit
zu der Frage Zeit, ob Vitioria's Eltern uoch am Leben wären
und wo und wie sein Vater sie lennen gelernt habe.
Vittoria war eine Waise, berichtete Renatus. Sie selbst
hat mir, als ich erwwachsen war, ihre Jgedgeschichte erzählt.
-uus Geschlecht der Giustiniani, dem sie angehört, ist sehr alt
,
und weit verzweigt; aber der Zweig, von dem sie stammt, war
pif rspis
-=llos, und man hatte -=== la, da ihre Eltern früh g-;-=---
Mss:.--'
psis?,-
waren, zur Erziehuung in ein Kloster gethan, un welchemt man
sie später den Schleier uehmen lassen wollte. Ich weiß nicht,
ob ich sagen soll, zu ihrem Glicke, brachen de Blattern in dem
Kloster auus, als sie auf dem Punlte stand, ihr Noviciat autreten
zu missen, und man sendele also zeitweilig alle Pensionre zu
- deren Familien zuriück. So kau Vittoria in das Haus der
Marchesa Moncenigo, l= - ---==, die damals, wahrend des
1.s-p=- S,izni.
Sommers, eine Villa am Ufer der Brenta bewohnte; aber man
zeg sie nicht u die Gesellschaft, die sich dort zur Villeggiatur ver-
snssisls s.,sss;-
w------- -- =-- und zu der auch mein Vater gehörte. Man brachte
das junge, weltfrende Mädchen mit einer Dienerin in einem
verlassenen Casino im entlegensten Theile der Besizung unter,
da man nicht geneigt war, die mittellose Waise die Reize der
- Gesellschaft kosten zu lassen, it die einz.=--- .-- --=- =--b----
- ff-fpss sip zss si-ss sssifiif

-- IßF-
war. Ihre Rüickkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe
bevor, als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange
Vittoria an dem Fenster ihres Casino sah und sie, unbemerkt von
ihr, eine jener alten Kirchen-Cantaten singen hörte, die Niemand,
glaube ich, schöner al sie zu singen versteht. Mein Vater war
von ihrer Schönheit wie von ihrer Stinme hingerissen. Er
kehrte öfter wieder; die Dienerin, welche man Viktoria zugesellt,
hatie es bald herausgebrachi, wer der Fremde sei und daß er
ihrer juugen Herrin eie glänzende Zulunsl zu bielen habe.
Vittoria war ein Kind, sie sehnie sich, aus dem Klosier sortzu-
lommen, wüuschte in das Leben einzuirelen, und wie hätte auf
sie, der noch lein Manut genahl war, eiue so eiuehmnende Per-
sönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen könten?
äe Bewuimnderung, die sie ihm bezeigte, sleigerte natüürlich seine
Leidenschaft fitr sie; ihre Verlassenheit rihrle ihn, seine Groß-
muth sprach fir sie in seinem Herzen, und als er dann von'
seinen Gastfreunden Vittoria's Hand begehrle, war man natirlich
eben so überrascht über die unerwartete Aussicht, welche sich der
armen verabsäumken Verwandten darbot, als bereit, sie eine solche
Verbindung schließen zu lassen. Vittoria Giustiniani wurde also
mit Freuden Baronin von Arten, wurde meines Vaters Frau,
und doch, fügte er seufzend hinzu, kann ich wie der Prinz in
Schiller's ,Don Carlos- von mir sagen -a habe kein Gliück
N,
mit meinen Müttern!-
Er erhob sich bei den Worten, sah nach der =-p- und ent-
1fs.s- -
schuldigte sich, daß er Seba's Zeit so lange und so selbstsüchtig
fitr sich in Anspruch genommen habe. Als diese ihn aufforderte,
bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei ihr zu bleiben,
um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen, lehnte er es
ab, weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der
Gräfin Nhoden sei, der er ausserdem heule noch einen Auftrag
der Signorina zu iberbringen habe.

---- L------
Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter?
erkundigte sich Seba.
Nenatus wurde verlegen und roth. I, sagte er; entschul-
digen Sie die üble Angewohnheit, denn einne solche ist es in der
That, und ich habe sie zu meiner Schande noch obendcein von
Mamsell Marianne angenomnen, die sich immer nicht enischließen
, kann, die juunge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen=«ter
Aes
anzureden. Sie nannle sie desßhalb, wie die mitgebrachte Die-
nerin es ihai, besiändig die Signora. --- Mir aber llang das
fremde Wort so schön! llned weil Viltoria in ihrer Weise fitr
mich ein Ulnvergleichliches war, freute es mich, fir sie auch eine
Bezeichuug zu haben, die leiner anderen Frau gegeben ward.
Meine Jgrndgespielinnen, die Töchier der Gräfin Rhoden, die
gleich mir schnell eine grosie Neigung fir Vittoria faßlen, nannten
sie bald auch nuur die Signorina. Sie haben das vielleicht selbst
schon von ihnen gehört; und von den Bekanuten unseres Hauses
heißt jetzt laum Jemand sie anders, wenn er von Vittoria spricht.
Der junge Offizier hatte während dieser lezten Worte seinen
Säbel umgehakt nnd seinen Hut genommen. Seba fragte, ob
er sonst Neuigkeiten aus der Heimath habe, ob er wisse, wie es
den Marienfelder Steinert's ergehe.- Er hatte aber nichts
g:
otäheres von ihnen gehört, da Aam Steinert in gar keinem
Zusammenhange mit seinem früheren Herrn sand, und nur ge-
legentlich hatte er erfahren, daß es Sieinert's unermüdlicher
Ausdauer gelungen sei, g« d===u, die Noth der Kriegsjahre ver-

mz-F
zhälinißmäsig gut durchzubringen.
Das ist einer von den Ungebeugten, meinte Seba, denen
die Kraft, zu hoffen und in dieser Hoffnung zu schaffen, in den
trübsten Stunden aus dem Herzen quillt.
Hoffnuung mus uur einen Anhalt haben, wendete Renatus
ein; und woran laun sie sich ltltpfen in eine: Zeit, welcher,
wie eben jezl, nach laum überstandenem furchtbarem Kriege und

---- 6- --
unheilvollem Frieden, rund umher neue Rüstungen befohlen;
werden, deren Zweck nicht zweifelhaft ist? Worauf soll der ein?
zelne ohnmächtige Mensch seine Hoffnung richten, sein Bestreben?
lenken, da einem gewaltigen, dämonischen Willen nach Gottes.
unerforschlichem Nathschlisse wie einer Geisßel des Gerichtes über'
die Erde Macht gegeben ist?
Seba hatte sich auch von ihrem Size erhoben und war mit
ihrem jungen Gaste bis an die Thitre des Gartensaalek gegangen.
Als sie dieselbe össnele, hatten sie in aller seiner strahlenden
Herrlichkeit den prächtigen Komelen vor ihren Augen, der in,
diesem ganzen Somnner am Horizonie gestanden uund die Herzen
der ohnehin gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge
und unheimlichen Befitrchtungen erfitllt hatte.
Wie blendend er ist, rief Renatus aus, und wie gewaltig
in seiner fast den ganzen Horizont durchmessenden Größe!
Da faszte Seba des Jiinglings Hand und sagie leise und ein
dringlich: Aber auch er wird vorübergehen, und seine Zeit ist nahe!
Sehen Sie hin, sein Licht ist im Erlöschen, er neigt sich dem Unter-,
gange zu! Noch eine kurze Frist, und an dem befreiten Himmel,
werden die alten, schönen Sternbilder in aller ihrer Klarheit,
leuchten, und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen,:
dessen wilde Großheit jezt die schwachen Seelen entmuthigt und'
geknechtet hat! Nur eine kurze Geduld, nur Muth und Hoffnungl
Der junge Mannn sah sie betroffen an. Ihre Agen leuch?
teten in schöner Erhebung, es lag in ihren Worten etwas GsF
heimnißvolles, das ihn unwillkltrlich ergrif; indeß er konnte'siM
nicht entschließen, sie um die Deutung zu bitten, und ohne eine
weitere Erklärung ließ sie ihn mit dem Auftrage, die Gräfin.
Nhoden von ihr zu grüßen, von sich gehen.
Arme Angelika, seufzte sie, als er sich enifernt haiie, arme
Angelika, warum muusßtest du so frih von uns scheiden! Dein!
Sohn würde mich versianden haben, hättest du ihn auferzogenl'