Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 23

Viertes Capitel.
Pe-
-=== Nenatus die Linden hinabging, um sich nach dem
entegenen Thheile der Wilhelmdstraße zu begeben, in welchem die
Gräfin Nhoden sich, seit sie Berlin bewohnie, niedergelassen hatte,
sah er aus dem Eckfenster eines an der Fricdrichsstraße gelegenen
Hauuses ein helles Licht erglänzen, und da die Uhr an dem
Akademie-Gebäude ihn belehrt hatte, daß es noch ein wenig zu
früh sei, zu der Gräfin zu gehen, wendete er sich jenem Hause
zu, stieg die Treppe bis zum ersien Stockwwerle in die Höhe und
fragte, als eine den höheren Ständen angelörige Frau ihm dort
V3 A
=- «hiüre ösfnete, ob sein Olel zu Hause und zu sprechen sei.
Zu Hause ist der Herr Graf, entgegnete die Frauu, velche
ihn eingelassen hatte, aber er hat einen Besuh, und der Kammer-
diener ist fortgeschickt. Wenn Sie es wünschen, will ich Sie
melden; indeß ich hörte immer schon mit den Stühlen rücken
Zd umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten. - -
Er sagte, daß er nicht lange bleiben könne, daß er jedoch
dersuchen wolle, ob sein Qntel bis dahin fitr ihn frei sein werde,
und nahm den Sessel an, den die Frau ihm an der Seite ihres
Sopha's darbot. Renatus war schon oftmals durch dieses Zimmer
tegangen, aber mit der Achtlosigkeit des im Neichthume geborenen
und im eigenen Hauuse erwachsenen Mannes hatte er es nie eines
Blickes gewirdigt, denn die verschwenderische Ausstaltung desselben
hatie fitr ihn leinen Reiz. Eben so wenig hatle er die Fraun
betrachtet, der er auch friiher schon in diesem Gemache begegnet

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war, oder sie gefragt, welche Stelle sie in dem Haushalte seines
Onkels ausfüllen möge.
Heute, da er sich genöthigt fand, in ihrer Nähe zu ver
weilen, bemerkte er, daß sie offenbar den Fünfzigen nahe war
und sie mißfiel ihm, obwohl sie einmal eine hibsche Frau g
wesen sein konnte. Sie trug jene großen goldenen Ninge in
den Ohren, die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Jo
sephine in Aufnahme gebracht und nach ihr Creolen genamnth
worden waren. Ihre Taille war noch kirzer gegürtet, ihr Busens
noch höher hinaufgeschiri, als die Mode es uit sich brachteF
und aus dem mädchenhaften Fanchontuche, das sie iber den d la
Tiluuo frisirien Kopf gelnipfi hatie, sahen die geschinlten Wangens
und das runde Doppellinn voll und coquet hervor. Dazu haties
sie die Finger reichlich mit Ringen besteckt, und sie musste ent-'
weder aus diese Ninge oder auf ihre allerdings noch hiübschen;
Hände großen Werth legen, denn sie war sehr bemüht, des Jüng--
lings Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen, indem sie die Hände
leise gegen einander rieb und sich bellagte, daß es nach dem
heißen Sommer und bei den warmen Tagen Abends doch schon
so kalt sei und daß ihre Hände die rauuhe Luuft gar nicht ver-?
tragen könnten.
s
Nenatus ließ diese Bemerkung schweigend an sich vorüber-s
gehen; damit war aber die Entschlossenheit der Redseligen, ihnj
in eine Unterhaltung zu verwickeln, nicht zurückgeschlagen, und(
beide Arme auf den Tisch legend, während sie sich weithin über?
dieselben nach vorn bog, so daß sie sich dem jungen Manne da-?
durch beträchtlich näher brachte, sagte sie mit leisem Kopfschüiteln;s
Ich sehe recht, wie die Zeit vergeht! Sie kennen mich gar nicht?
mehr, Herr Baron! Sie haben ganz vergessen, daß Sie michs
s
früher schon gesehen haben!
Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jüüuglinge, dessen;
reiner Sinn vor allem Niedrigen zurückschreckte, nur noch wider;?

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Färtiger, und kurz abweisend sagte er, daß er sich wohl erinnere,
Fie sie auch sonst schon die Güte gehabt häit, ihn einzulassen.
F In dem Aungenblicke ward die Thire des Nebenzimmers
heffnet, Graf Gerhard Berka trat mit einem Fremden, einem
Franzosen, in das Vorzimmer hinans; sie schiitelten einander
Fe Hände, nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag,
ßer Graf rief seinem Neffen, da er ihn gewahrte. einen freund-
ichen Guten Abend zu, machte scherzend die Bemerkung, daß
ßan vom Wolfe nr zu sprechen brauche, damit er erscheine, was
Feöoch in diesem Falle ohne allen anziglichen Vergleich gemeini
Fein solle, und stellie darauf dem Fremden, den er Baron und
seinen lieben Gastigni nannte, den jungen Freiherrn als den
Mesfen vor, dessen er so eben gegen ihn gedacht habe.
f Nach einer sehhr verbindlichen Begrisuing emvfahl sich Herr
fpon Castigni dem Grafen wie Renatus, und mit einem Zeichen,
sdaß sie dem Scheidenden das Geleit zu geben habe, sagte der
jGraf: Leuchten Sie, liebe Kriegsräthin! Dann nahm er seinen
Meffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück.
; Bist Du abergläubisch oder wundergläuubig, mein Freund?
Fagte er Nenatus mit leichtem Tone, nachdem sie sich dort
znedergelassen hatten.
F Renatus entgegnete, daß es darauf ankomme, was man
ßmter abergläubisch und wundergläubig verstehe; aber Jener ließ
ßhm zu keiner weiteren Erklärung Zeit, sondern sagte: Nun,
Fberglaube oder Unglaube, was thut uns das? Es ist gut, daß
Fu überhaupt wieder in Berlin, und sehr gut, daß Du eben
Fzt zu mir gekommen bist! Wir wollen das als eines der guten
Zeichen ansehen, an die zu glauben immer Zuversicht und Muth
zlbt. Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir die
Feve, als Du kamst.
ß - Von mir? Und in wie fern, wenn ich dies fragen darf?
Fagte der Neffe.

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Daest D geneigt. den prenfüschen Dienst zu venassät
erkundigte sich der Graf.
Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt:g j
Aber es war, soviel ich davon weiß, nicht eben Dein Wile
der Dich bewog, die Uniform zu nehmen! bedentete Jener. -7j
Nenatus wuurde coth bis unter die Wuurzel seines hellenj
Haares, und mit einem leichten Zusammenziehen seiner AugenF
branen, welches seine iniere Selbsiiberwindung lund gab; vetF
sezle er: Ich wrde allerdigs dae Lele eies uabhänglgenj
Edelmaues, wie wir Artens es von je gefihrl, iberhaupt henj
Dienste vorgezogen haben; da die llslände mir dies nicht verß
staiteten, da mein Vater mich in die Armee eintreien lassen, ung!
der König mir das Paient gegeben hat, scheint es mir Ehre
sache, auch im Dienste zu bleiben, bis ich dieses mein Patent ni
der That verdieni und einen Eid i Kampfe besiegelt habe!»
Sehr gut, sehr schön gesagt, rief der Graf mit einem leichtegs
Anfluge von Spott, während er sich weit in das Sopha zurüöF
lehnte -= nnr nicht sehr einsichisvoll, mein lieber Freund! Dag
soll mich jedoch durchaus nicht abhalten, es mit Dic besser uß
meinen, als Du es verstehst! Las; uns in's Klare kommenß
Von welchem Kampfe sprichst D?
Nenatus hob sein Age zu seinem Oheim empor und wende
es eben so schnell wieder von ihm ab. Es lag etwas UnheimF
liches in dem beständigen Lcheln des Grafen und mehr noch ißs
seinem scharfen und lauernden Blicke, der mit jenem Lächeln-ig,
grellem Widerspruche stand. Er war noch immer ein auffalleds
schöner Mann, aber der prenßische -fficier war in ihm nihH
mehr zu erkennen. Sein glänzendes, blondes Haar war in einets
großen Locke mitten auf der Stirn zusammengekräuselt, sein ie
in die Wangen hineingehender Bart, seine hohe, weiße HalöbindH
wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischen,
Vorbilde gemodelt, und wenn er nicht geradezu, wie er dies meisteng

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ggat. Französifch sprach, so brauchte er selbst im Deutschen so
Hiele remdwörter und schob so viele französische Säze in das
Feutsche hinein, das man dieses Gebahren als ein absichtliches
tenen muusne.
; Er hatte, als nach dem Friedensschlusie von Tilsit sein
Fegiment aufgelöst worden war, wie Hundertc von anderen
ßfficieren sich zu seinen Eltern auf das Lad begeben, aber
las Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen.
Pazu war man wuste ie der Familie nichl, wodurch ---
Pes Grafe Verhäiinis zu seiner Mlier set Jazren schon geiribi.
on beiden Seiien gab sich eine fast kraulhzaste Enpfindlichneit
Zegen einander kund, und man hatte ihn als nicht davon ab-
Ft=-n. als er nach lurzem Verweilen wieder nach der Haupt-
s.nls.s
Fadt zurückzukehren gewinscht hatte. Freilich hatie der alte
Graf dem Sohne zu bedelen gegeben. das: er jezt, bedrägi
Jurch die allgemeine Noih und Drangsal, mct uehr wie früher
ßm Stande sei, dessen mannigfachen und großn Ansprüchen
Gl bs-
y- -- allen Freigebigleil zu begeguen; das hatle jedoch den
frafen Gerhard wenig angefochten. Die Sumne, welche man
ßhm fir das ersie Halbjahr zuuwwieö, war nicht ubedeutend, und
gber den Tag, über das Verlangen und Gelüsten oder Bedürfen
Jes Auugenblic'es dachie er nicht leicht hinauus.
- Aber das Berlin, in welches Graf Gerhard zue-=--
-s,s.s-sd

jpar nicht mehr die Sta.., die er vor dem ungluhen Feld-
R,19
.s
ßuge des Jahres achtzehnhundert und sechs verlassen hatte. Seine
ameraden und Umgangsgenossen lebten fern und zerstreut.
Die Einen wartelen hossenden Sinnes in Einsauleit der Zeiten.
HFoelche sie wieder zu neuer Ahätigkeit berufen wirden; die Un-
ßeduldigen hatten sich nach Desterreich, nach Spanien und nach
ßdußland gewandi, wo der Tag eines neuen Kampfes früher
h - - ==- »===-- =====

--- Z7ß
Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher EmF
pörung, während der Wille der französischen Machthaber eine
glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang. deren leppigkeit düEß
Leichtgesinnten und Genußsichtigen verlockend mit sich fortrißF
welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über dies
feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bitiene
Noth des Vaterlandes und die Knechtschaft vergaßen, unter deneüF
man lebte. Allerdings war es finn denjenigen, der nicht dieß
Möglichkeit besaß, sich fern von den Städten auf irgend einen,j
zufäslig von Einanarlierug verschonien Hose oder Guuie den
Verkehre mit den Unterdritckern zu entziehen, äuus:erst schwer, denF
Umgang mit ihnen zu vermeiden; aler die Zahl derjenigen wayF
leider nicht gering, die diesen Uugang in eigeniziger Absichl
suchten, und die Fremdherrschaft fand ihren Vortheil darin, solche?
lleberläuufer bereiiwillig in ihre Reihen auszunehuen.
a
Gin Edelmann von dem: alten und schönen Namen dee?
Grafen Berka, ein friiherer preusüischer Officier mii den persön-?
lichen Vorzügen des Grafen Gerhard, der sich geneigt finden?
. A
ließ, sich der damals in Berlin den Ton angebenden franzd-1
sischen Gesellschaft anzuschliesen, durfte sich von ihr des zuvor-?
kommendsien Empfanges sicher fühlen, und des schwermüüthigeng
Ernstes vou Herzen mide. der in dem Kreise seiner Jamilie
geherrscht, seit das Uglück über das Vaterland hereingebrochen
war, hatie Graf Gerhard sich bei seiner Niclehr von Berkn
mit vollen Athemzügen in das ihn anmuthende Leben der Haupt-?
stadt, in die Gesellschaft der Franzosen gestinzt, die, reich an
Kriegsbeute, schnell und verschwwenderisch zu genießen suchtenzz
was zu genießen ein eben so schneller Tod auf irgend einen
der Schlachtfelder, zu welchen der Kaiser sie fihrte, ihnen balhhß
unmöglich machen konnte.
Man hatte den Grafen üiberreden wollen, in franzdsischej
Kriegsdienste zu treten, aber dessen hatte er sich geweigert; demnß

. et
A gibt herkömmliche Ehrbegriffe, von denen Männer wie der
Fraf sich nicht leicht freimachen. obschon jene Ehrbegriffe mit
dem wahren Ehrgefihl, das in jedem Menschen nur die höchste
Flüthe einer vollkommenen sittlichen Bildung ist, eben blos den
Fußeren Anschein gemeinsam haben.
z
- ER
jannnte er es unverständig, sich der herrschende Gewalt oln-
hächtig zu widersezen. Weil Nachgiebigkeit ihm in diesem Falle
eguemer dinlie, als Zuurickhallung, naunie er es geboiene Iic-
Zcht, sich der Gesellschaft der Fremden anzuschsiesßen, und er
Fezeichnele es als eine Ehhrensache, sich standesmäsig in ihr zu
Fehaupten. Es dinkte ihm eben so eine Ehrensache, vor den
Fmporkömmlingen. ans denen sie sich zum grußen Theil zu-
Jammensezie, die vornehme Leichilebigleit des alten Edelmannes
Jarzulhun, und er hatte keine Ahnung davon, wie die frische
hßmd gewaltige Kraft dieser neu und wild entstandenen Gesesl-
sschaft ihn bemeisterte, wie er, dem Anspruche des Augenblickes
Fehorchend, mit seinen Voruriheilen und Ueberzeugungen auch
Ich selber hingab, und wie die, troßz ihrer genusfiichtigen lep-
Higkeit, vom Leben geschulten, in Geschäften versuchten Fremden,
smit denen er verkehrte, sich seiner bemächtigten, weil sie ihn
hbrauchen zu lönnnen glaubten. Denn Fremdherrschaft mus
ßgrannisch sein, und die Tyrannei kann der heimlichen Verbitn-
sdeien nicht entrathen. Sie muß wissen, was in dem unter-
zworfenen Lande und Volke geschieht, sie muß Einflis; haben,
G
p- wo sie selber nicht hinzudringen vermag. Sie muß sich
Fiener schaffen und Dienste empfangen ohne daß diejenigen,
ßoelche sie bedienen, sich dessen bewußt sind, und Graf Gerhard
Hoar auf solche Weise schnell, noch ehe er es ahn!.. zu einem
Fgghzezige in den Hnden seiner französischen gangsgenossen
Hewoppen. Freilich hatte man von ihm niemals eine Leistung,

eFh
= lp E F ==
gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten, geforder
aber man haite gelegentlich seine vermiltelnde Sprachkenntniß beß
Einführung in gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch ge?
noumen, manche Auudluifi über Personen und Dinge beiläufig
von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend einer Reiß
als Freundschaftsdienst begehri. Man hatie auch nicht daran,
gedacht, ihn diese Diensie oder diese Opfer an Zeit zu lohnenß
sein Ehsrlegriss würde ihzn lewwgr halen, sich dessen unbedingh
zu weigern. Aber er halle lein Bedenlen gelragen, als stintß
standesäsigen Asgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehH
hestreiten liesen, die freiwillig und in schicklichster, beguemsieF
Geise angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmenß
und die Größe dieser Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt, demß
die glicklichen Sieger hatien reiche Mitiel zu ihrer Verfügung
und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden nich
gewohnt.
T
Auch in der Unterredung, welche Graf Gerhard mit seinen,
Freunde eben, als Nenatus bei ihm vorsprach, gehabt hatie, war?
nr ganz zufällig von der phantastischen und schwärmerischen,
Stimmung gesprochen worden, welche sich in der deutschen JuF
gend zu regen beginne, und Herr von Castigni, der, wie ders
Graf, einem alten Adelsgeschlechle angehörte, halte dabei dies
Aeußerung hingeworfen, wie viel seiner Negierung daran gelegenß
sei, dieser unglücklichen Nichtung entgegen zu arbeiten, wie sehrj
man den Anschluß des jungen Adels an das Gouvernement beF
günstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männerß
eröffnen könnten. die. sich geneigt zeigen würden, sich bei denß
verschiedenen kaiserlichen Gesandtschaften in =auischland, wemnF
m,
auch vorläufig nur als zeitweilige Attache's, verwenden zu lassen
A.« Nenatns daher seinem Oheim auf dessen Frage diej
Autwort zu geben zbgerte, nahm jener selbst das Wort.
A
Du willst Deine Sporen verdienen, sagte er, und ich wiederH

-- A8---
fhole Dir, mein Leber, das ist gut und schö Aber wo wilst
He
p-- den Kampfplaz suchen, wo den Tummelplatz fin Deine
h. Thaten finden? Die Zeiten, in denen unsere Vorfahren sich unter
, dem grosen Könige ihre Lorbeern erfochten, sind fir immerdar
Eporber:
Onkel! rief Nenatus mit abwehrendem Erstaunen.
Der Graf zuckte die Schuultern. Ich versiehe Dich, sagie
er, und ich weis, wae bieser Auerus sagen wisl; aber ich sprach
h ehen mit Herrn von asligi davon. Eo ist ihbricht, sich gegen
,elne historische Thaisache auflehnen zu wollen, thöricht, seine
fWünsche fiu Möglichkeiten anzusehen, und verbrecherisch, wenn
fkeife Mäner die Jugend in ihren misigen ideologischen Tcäu-
f men bestärken, statt sie zu kräftigem Mitwirken in den vorlie-
fgenden Lebensbedingungen anzuuhalten.
- Und welcher miisßigen Träume halten Sie mich schuldig, zu
,ivelcher Arbeit wollen Sie mich berufen? fragte der junge Baron,
ß durch die Aussprüche seines Oheims immer mehr betroffen.
- Ihr jungen Leute seid übel daran! hob Jener, der be-
ßstinmten Aitwwort ausweichend, auf das Neue an. Man hat
FEure Kindheit, Ere Juugend mit dem Gedanken der Vaterlands-
Fliebe genährt und hat Euuch als den würdigen Gegenstand einer
ßsolchen Lebe das Preußen des großen Friedrich, den von einem
I großen Könige gegen alle natürlichei Bedingungen zusammen-
ßgebrachten und nur durch sein Genie, durch seine Herrscher- und
Feldherrntraft erhaltenen Staat, hingestellt. Aber die gewalt-
ßsame Schöpfung eines Genius ist jezt durch den größeren Ge-
ß nius naturgemäß und eben so gewaltsam zerstört. Vor der Ge-
ßwalt und Größe eines Napoleon konnte die junge Monarchie
,des alten Friz, vor dem weltumfassenden Blicke, vor dem welt-
humgestaltenden Geiste und Willen dieses lltalschen Kaisers kann
ßdie alte Weltordnung nicht bestehen, und wie unter den Stin-
jmen des Frühlings die lezten Bläiler an den alten Bäumen ver-
F g. Lewal. zon seswhtechn z Gesatech. tt
18

cz r? g
stieben, damit Naum werde fir die neue Schöpfung eines neuen
Jahres, so miissen die bisherigen Staatsverhältnisse zu Grunde,
gehen, damit der riesige, durch alle Zeiten wiedergekehrte undß
endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines Welt-
reiches, einer Universal»Monarchie, wie Alexander und Cäsar -
und Karl der Große sie vorahnend gedacht haben, zur Wahrheit
werde! Sich mit Gefühlsiberspannung an das Untergehende
anzuklammern, mag dem zukunftslosen Alter ziemen; die Jugend?
hat sichh deii: Neienn, deiu Werdenden anzuuschliesien, und wer
Leben, wer Thaikraft in sich fihlt, wer sich eine Zukunft zu er-;
öffnen hat, mus; sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen!I
Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen, wie dies lalt-;
herzigen und gesinnungslosen Menschen leicht geschieht, die, wennz
sie Aidere überreden wollen, vor Allem sich selber überredenI
müssen, und also beständig einen doppelten Zweck zu erfüllen,,
einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben. Er war weder
geistreich noch liefsinnig, aber er hatie Phantasie und Bildungs
genug, sich fremde Meinungen, sobald es ihm gefiel. anzueignen,,
und es waren die Gedanken des Gastes, der ihn eben erst ver-?
lassen hatte, es war die Anschauungsweise der französischen Ge-s
sellschaft, in welcher Graf Gerhard sich bewegte, die er seinemI
Neffen zur Beherzigung empfahl.
Renatus bildete jedoch fast in allen Sticen den Gegensaz,
zu seinem Oheim, und ihn zu verwirren war nicht leicht. SeineI
Phantasie war nicht lebhaft, indeß innerhalb des nicht weitenz
Kreises, den er überschaute, sah er klar geng, und seine Schüch-ß
ternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig, wie seins
Misßtrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen
sich selber sein ließ.
Es war nicht das erste Mal, daß der junge Baron die:
Aisichien, welche der Graf an den Tag legle, von einem Preußenz
aussprechen hörte. Man konite sie von allen denjenigen ver-:

czr
b=F a P e -=- -
snehmen, die, auf den Pfaden des Grafen g:hend. ihrer zur
FSelbstentschuldigung bedurften. Sie verfehlten an sich also,
Finen Eindruck auf den Jüngling zu machen, aber es ergrif
M.aR
nntergehen, als untreu werden ! Was sollte mir eine Zukunst
,auf den Trimmern meines Vaterlandes? Wie könnte ich an
ein Glück denken in der Fremde unter Fremden, während...
Er brach al, scieni seine ware Auswallung zu bereuen und
sagte: Gewiß, mein Onkel, Sie sprachen nicht im Ernste zu
mir, Sie wollten mich priüfen; seien Sie unbesorgt! Kein Vor-
theil der Welt soll mich verlocken, von meinem Könige abzu-
Fallen oder meinen Eid zu brechen! Ich bin ein Preuße, ich
bin ein Eelmaun, unserem Könige unterihan und sein Soldat;
so will ich leben und, muß es sein, auch sterben!
Der Graf nickte beisällig, alö habe er den Vorwurf in
Feines Neffen Worten nicht gemerkt, und wiederholte seine frühere
Aeußerung, das; dies Alles sehr gut, sehr schön sei, nuur praktisch sei
es nicht. Bedenke, sprach er, was Du Deinem Vater schuldig bist!
Er machte danach eine kleine Pause und sezte in ruhig
erklärender Weise hinzu: Du siehst die ungeheuren Nüstungen,
welche der Kaiser durch ganz Europa anstellen läßt. Niemand
kan zweifelhaft darüber sein, gegen wen sie gerichtet sind. Wir
,stehen einem großen, einem gewaltigen Feldzuge näher, als Du
zglaubst, und D bist der einzige Erbe Deines Vaters, der Lezte
jeines Hauses!
Und mein Bruder? wendete Nenatus ein.
Der Graf lächelte. Vittoria's Sohn wird, wenn er einst
erwächst, voraussichtlich auf Dich und Deine Großmuth ange-
wiesen sein, denn Dein Vater ist bejahrt und sein Besiz hat
Isich, wie Du weißt, um ein Bedeutendes verringert.
Wir halen allerdings unler dem Kriege schwer geliiten,
1z

entschuldigte Nenatus, den jede Miene und jedes Wort deH
Grafen kränkte.
Nicht mehe, als Andere, meinte dieser; aber Dein VaG
und meine gute romantische Schwester hatten kostspielige LebF
habereien, bauten Kirchen, hielten Sängerchöre, ließen die AmiF
leute und Pächter gewähren. Das war ideologisch, war falschers
Jdealismus! Das ist unpraktisch!

Er sah nach der Uhr, erhob sich, ging an den Spiegelß
zn dessen beidei: Teilen Ariiileiichler ani deni Widei: brannten,'
besah sich in deu GGlse, liiuule ie grosie Loce aus ber Slirn,
iber die uniergehallene Hand zurechi und sagle, ohne den be--
leidigten Renatus, der hinter ihm sitzen geblieben war, anzue
sehen: Glaube mir, mein Lieber, früher oder späier wirst =t
dz.
genöthigt sein, Dein eigenes Schicsal zu spielen und das Look,
und das Vermögen Deines Hausek uen zu begrimnden. Nur'
deshalb un nur dazu wollie ich Dir die Mittel und die Wege,
zeigen und eröffnen, die ich Dir heute vorschlug.
z
Er klingelte, sein Kammerdiener' trak ein. -- Warum er--
innern Sie mich nicht, daß es Zeit ist, mich anzukleiden?
fragte er. Der Diener entgegnete, daß Alles bereit liege, undj
ward mit dem Bemerken fortgeschickt, daß der Graf gleich komz
men werde, und daß der Diener das Eisen heiß machen könne,?
ihm Haar und Bart auf's Neue zu kräuuseln.
Wir haben heute eine Soiree bei dem französischen Ge-z
sandten. Das ist ein Haus, in das Du Dich einfihren lassen,
solltest, und ich bin bereit, Dich vorzustellen, sagte er. Es iß?
die Rede davon, einige junge Deutsche von Familie als Ca-
valiere, als Kammerherren an den Hof des Königs von West-?
falen zu ziehen, junge Männer, die des Französischen mächtig,
sind. Ich hatte dabei an Dich gedacht. König Jerome ist jungI
ist geiftreich, ist äußerst liebenswürdig und fceigebig geneigt, füt?
die Personen, die ihm wohlgefallen, viel zu ihnn. Indeß Duß

ezp ry
willst es nich! Nuen, Du wirst wissen, was Dir frommt, ich
z hatte es gui mit Dir im Sine!
? Er sprach dad Alles, während er aus ei er reichverzierten
Bichse seine goldene Dose mit frifchem aaback fillte. Renatus
z hatte sich erhoben. Er sagie, das er seinen Ozeim nicht stören,
nicht länger aufhalten wolle. Der Graf erluedigte sich, wo er
, seinen Abend zulringen werde, und als er hörte, das; Renaiuus
hie Gräfin Nhoden zu beschen denle, meinie er, e sei schade,
das sie srn zzrunene sei, u us: sie ihhre Töuhser in gzleicher
eberssauuug aserzoge hale; sie sei sriiher eiie angeuehme
Frau gewesen, die gewuuust hale, was sie sich schuldig sei.
N.
Man halie sie bei uns, fuuhr er fort, da sie eine --?
wandie von uus isi, Deinem Vater eigenilich zur zweiten Frau
bestimmi, und sie hai sich, eben weil sie kein Vermögen besass,
wohl selber doppelt mit dem Gedanlen geiragen. Ich bin sicher,
ts,
.- 1g. deöhalb in Eure Gegend, und -,ee Freundschaft

, fir Dich wird wohl aus derselben Lelle enisprungen sein.
- Aber der Bekehrungseifer Eures Caplans hatte sie uns entfremdet,
noch ehe die Heirath Deines Vaters mit der Giustiniani im
, Werke war, und hätte sie diese Heirath vorhersehen können, so
- würde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben.
? Jezt indessen, glanbe ich, ist sie ja selbst mit Belehrungenbe -
schäftigt. Sie hat es wahrscheinlich auf die kochter des alten
Flies abgesehen, denn daö allein kaun mir dic Freundschaft der
z Gräfin fir die Flies erllären.
z
Renatus, dem jede Aeusserung des Grafen empfindlich und
s
- zuwider war, erinnerte daran, daß Seba auch eine Freundin
, seiner Mutter gewesen sei, daß er selbst von seinem Vater an
- den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen worden, und
fcagte, ob der Graf die Familie, und namenilich, ob er Seba kenne.
f Er bejahte es. Ich war vor dem Feldzuge nach der Cham-
Aagne bei ihnen im kmnartier, sagte er gleichgiültig. Seba war

--- 7? --
damals eine Schönheit, aber sie war schon damals eine seniö
mentale Schwärmerin ! Nimm Dich mit ihr in Acht! Diöj
Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und diss
Professoren und Gelehrten, mit denen sie zusammenhangen, sindß
thörichte Jdeologen, Phantasten, die gegen den Lauf der Welts
ankämpfen, vergangene Zeiten lebendig machen möchten! Man.
hat ein Auuge auf dieses Treiben, obschon man es gewährens
läßt. Verninftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen
darauf verlas; Dich, und sich umöthig verdächlig zu machen,(
sich einer unöihigen Beaussichligung auözusczen, ist nlchi an!
ständig fir Unsereinen!
i
Er reichle ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiedes
und sagte, als sein Neffe sich ihm empfahl: Ehe ich es vergeß,j
mein Lieber! Seit ich mir hier selbst eine Wohng einge
richtet und die Kriegsräthin zu mir genommen habe, speise ih?
in der Negel zu Hase. Sie ist eine Köchin, um die man michj
beneidet. Fir eine oder zwei Personen ist immer das Couverß
bereit. Willst Du es auf gut Gllck mit mir versuchen, soß
weißt Du, daß Du wislkommen bist, und wir iauschen dannF
unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus. Bei-?
läufig, las: Dich von den Nhodens nicht einfangen! Das sindF
keine Partieen, die sich für Dich schicken!
E gab ü nochol die Had. rieth h. ich vie eassaej
Angelegenheit ruhig und reiflich zu überlegen, und entließ ihnt;
danach, um sich ankleiden zu gehen.