Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 24

Füinftes Capitel.
Bse
Fpier, als er es sonst pflegte, langte Rnatus an dem
Abende bei der Gräsin Nhoden an, und fasi bereuie er es, das;
er gekommen war, denn die friedliche Stille, in welcher er die
Frauen aniraf, lies: ihn seine Aufregung erst reht deuilich em-
pfinden. E war ihm zu Muihe, als habe er in der letzten
Stunde eine Gegend und die Menschen in ihr durch ein ver-
zerrendes Glas betrachtet. Alle Bilder, die er in der Seele
trug, dünkten ihm verändert und entstellt, und doch kam ihm
umvilllirlich immer wieder die Frage: Wic aber, wenn Du
Dich wirllich bisher getäuscht hätiest? Wie aber, wenn der
Oheim Necht häite mit den Urtheilen, die er iber die Personen
und Zustände, deren er erwähute, gegen Dich ausgesprochen hat?
Er erinnerte sich genaun, wie kurze Zeit nach dem Tode
seiner Mutter die Nhoden's zu ihren Verwandten nach Lichten-
forst gezogen und wie sie das erste Mal nach Richten zum
Besuche gekommen waren. Die Gräfin war, wie sein Vater,
in Trauerkleidern gewesen, obgleich sie ihren Gatten schon zwei
-Jahre vorher verloren, und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter
sehr willkommen geheißen. Als er dann nach Jtalien gegangen
war, hatie er die Gräfin gebeten, sich seines Knaben anzunehmen,
und sie hatte Nenaius darauf an sich gedrückt, hatte gesagt, der
Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt, sie wolle also Re-
natus lieben als wäre er ihr eigen Kind, und ihre Töchter Hildegard
und Ceilie solllen ihm, dem Schvesierlosen, Schwvesiern sein.

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Nenaius hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nhe
steks wie in einer Heimath, wie in seiner Familie gefihlt, obschsg
die Verwandtschaft zwischen den Berla's und den Nhoden's sehc
entfernt war; er konnte es sich ald sehr wahrscheinlich denken,,
daß seine Großeltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter zu!
geben gewünscht hatten, ehe der Caplan die Bekehrung der.
Gräfin unternommen. Es war aber ein schöner Tag und ein,
erhebender Anblick gewesen, als die Gräfin mit den beiden kleinen'
Töchiern in der Kirche vnn Roihenfeld zum Katholicismus über-
getrelen war. Der heimliche Anschlus; der Famnilie von Wedderau
an die katholische Kirche war bald danach gefolgt, und die kleine'
Gemeinde hatle unler des Caplans Leiluung schr zusamnnenge-
halten. Alljähclich hatie man danach den Todestag der Baronin
Angelila, in welcher man die eigeniliche Urheberin des Kirchen-
baued verehrte, uit einer besonderen Feier begangen, und wenn
die Gräfin wirklich beabsichtigt hatte, einmal die Stelle der Ver-
storbenen einzunehmen, so war es schön von ihr gewesen, daß
sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria noch Nenatus hatie
entgelten lassen.
Sie zuerst hatte sich der fremden jugen Fran müiterlich
freundlich genähert, als man des Verwunderns über die unerz
wartete und auffallende Heirath des Freiherrn kein Ende finden
konnte. Sie war der Fremden stets mit Naih und Ermunte-
rung zur Hand gewesen; Tage und Nächte hatte sie an dem
Bette Vittoria's zugebracht, als diese vor drei Jahren im Ner-
venfieber mit dem Tode so schwer gerungen, daß man hatte;
fürchten müssen, mit ihr auch das Leben ihres zu erwartenden
Kindes zu verlieren. Renatus konnte ihr das nie vergessen.
Er liebte die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch
mit so natuurwüchsiger Neigung an ihren beiden Töchtern, als
wenn sie nicht nur seine Spielgenossen, sondern als wenn se.
wirklich seine Schwestern wären.

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Neben der ausgesuchten Behaglichkeit n Seba's Garten-
,aal, neben der auffallend modischen und glänzenden Einrichtung
Fseines Oheims erschien dem jungen Manne die Wohnuung der
ß Gräfin heute zum ersten Male ärmich. Er sh, was ihn bisher
znicht angefochien hatte, das ihre Zimmer nur schlicht geti-=-
ss-
F daß ihre Möbel alt und abgenuutzt waren, daß nur zwei Kerzen
Fden Naum erhelltenn. Sie leuchteten jedoch genngsam, das schöne,
K hber dem Sopha hängende Bild der jung verstorbenen, allge-
F liebien Köeigin Loüise zu erlennen, daö diesc selbsi der Grlfin
Felnst gescheult hatie; sie reichien hin, die Bist- des bei Saalkeld
gebliebenen geislreichen Prinzen Lonis Ferdinad beirachten zu
F lassen, der ein Freund des Grafen und Cäcilirns Pathe gewesen
ßwar, und der ihr zur Erinnerung an die Schutzheilige der Musik,
f der Kuist, die er mit Meisterschaft beherrschte, eben den Namen
F Eäcilie gegeben hatie; und sie hatten Licht genng, das edle in
Fweiße Schleier gehillte Antliz der Mutter und das schöne, blonde
HHaar der beiden Töchter mild zu unspielen.
Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt;
Zaber er wuurde ruhiger in dem krauten Kreise, in dem gewohnten
Flieben Naume. Die halbe Dämmerung, die weißen Fenstervor-
ähänge, durch die der Mond hinein schien, daß sein Schimmer
fden ganzen Fuusboden streifenweise erhellte, der Duft des Neseda
Fvon den wohlgepflegten Siöcken am Fenster thaten ihm wohl.
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Ach, bei Ihnen ist's gut! sagte er, unwillkürlich aus tiefer
jBrust auufathmend, als er der Gräfin die Hand gekißt und
szwischen den beiden Schwestern seinen gewohnten Plaz am
kdc
z ==;che eingenommen hatte. Man lachte über diesen Ausruf;
Fer sollte sagen, wie er darauf gekommen sei, ihn eben in dieser
Ffast feierlichen Weise zu thn, und er ward dabei inne, daß
Fihm heuie ganz anders als sonst in der Gegemwart dieser Frauen
u Wsi
ßs« -»lhe sei.
? E kam ihm vor, als sei er, wer weiß wwie lange von

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diesem Raume und von diesen lieben Menschen entfernt gee
wesen, als habe er sie nie so gut gekannt, als eben jetzt, und
doch wieder, als habe er ihnen ein Unrecht abzubiiten.
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Die wirdige Erscheinung der Gräfin, ihre keusche, matro-z
nenhafte Tracht - Renaius hatie sie, seit er sie kannte, nieß
anders als in weißer oder schwarzer Kleidung gesehen - dünlien
ihm so schön, da er eben erst neben der geschminkten Haushälterrinß
seines Oheius gesessen hatie. Die Bilder der löniglichen Familie!
sprachen ihn wie Schuzgötter des Hanses an und es freute ihn,?
das er sein Auge frei zu ihnen erheben durfte, das; keiner seineß
Gedanken sich durch die verführerischen Auseinandersezungent
seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste hatie abwendigß
machen lassen. Nur an der Gräfin und an diesen Mädcheuß
hatie er sich versiindigt. Sie haite er so eben noch selbstsiichsiger
Absichten, berechneler Plane fähig gehalien; denn die yon seinemZ
Oheim in ihm erweckte Vorstellung, dasß die Mutter oder Hilde?
gard selber darauuf anögegangen sein lönnten, ihn unmerklich zu?
einer Heirath mit der Lezteren zu bewegen, hatte ihn wider-
wärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine, herzlihe

Verhäliniß geworfen, in welchem er, seit er sich zurückerinnernF

konnte, zu diesen ihm so kheuren Freunden gestanden hatte.
Jezt schämte er sich seines Zveifels an ihnen, und daneben
dachte er zum ersten Male daran, wie im Grunde gar nichis?
natiürlicher sei, ja, wie es sich eigentsich von selbst verstehe,
daß er die Gefährtin seiner Kindheit, das er Hildegard einsi!
zu seiner Gattin wähle. Sie hatien oft geng als Kinder
Mann und Fran gespielt, sich immer auuf das beste veriragen,!
sie waren nur um anderthalb Jahre, die Hildegard vor ihmF
voraus halte, im Alier von einander getrennt. Ihr Name,s
ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtg, sß!
war katholisch, wie er, Vittoria hatie die Nhoden's gern, einß
künftiges Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keineF

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Ichwierigkeiten, und -- darin hatie sein Onkel Recht - das
,einst so blühende Arten'sche Geschlecht war ;tzt wirklich nur auf
ihn und seinen lleinen Bruuder gestellt. E war noihwendig,
es war unerläszlich, das Renatus sich frih verheirathete.
Je mehr er darüber nachdachte, um so wahrscheinlicher
dünkte es ihn, das auch seinem Vater eine Verbindung zwischen
Ahm und Hildegard willkommen sein würde, denn sowohl der
Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem Umgange
znit den hoden's angehalten; und nun er sich im Geiste die
Sache überlegi, fand er, das: ihm selbst, wenn er sich seine
Zukunft und seine einstige Ehe vorgestellt, immer mehr oder
weniger deutlich Hildegardens Bild vor der Seele geschwebt hatte.
Die Misßslimmuung, in welcher er bei den Freunden an-
gelangt war, schwand vor diesenu Gedanlen völlig hin, eine
,außerordentlich sanfte Epfindung trat an ihre Sielle. Er
fühlte kein leidenschaftliches Verlangen, er hegte keinen neuen,
lebhafien Wuunsch, er schnte die Zuukunft unb eine Aenderung
der jrzigen Verhältnisse nicht einmal herbei. Er war zufrieden
wie Einer, der einen wohl begründeten, gesicherten Besitz in
ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht, aber er rückte unwill-
klrlich seinen Stuhl näher an Hildegard hecan, als er es sonst
gethan hatie, und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt,
beugte er sich zu ihr hinüber, ihren fleißigen Händen zuzusehen,
-wie sie mit sicherem Finger die Blumen in den weißen Musselin
einstickte, welcher zum Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte.
Er hatte ihr selbst das Muster dazu aufgezrichnet.
Hildegard, von seinem Athem warm berührt, wendete sich
nach ihm hin, und wie sie die Augen zu ihm erhob, wie ihre
,Blicke sich so nahe begegneten und trafen, fuhr ihm ein elektri-
scher Strahl durch den ganzen Körper. Das Blut wallte, wie
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Hildegard gerade so empfinden misse, das: sie, obschon sie g
Hauupt gleich wieder auf ihee Arbeit niedersenkte, erglihe und!
erbebe, wie er selbst. Er hatte Mühe, ihre röthlichen LocenF
die ihr ber den schlanke Nücken bis zuum Gütrtel niederflossenj
und die er, ohne das; sie es bemerlte, mit vorsichtiger Hand!
berihren konnte, nichi an seine Lippen zu dricken; er hielt sichj
jedoch zrick. E war ih so gliclich ud so still ums Het
wie in eineun der Träuune, in denen wir Wuuer erleben, ohneF
uns über sie zu wndern, in denen wir unser märchenhasiesj
Gliick ganz natiirlich finden und in denen eine duunlle Ahnungj
uus doch von jedeu sellslständigen Wolleu ud Thu zurückhält,
weil wir durch jedes Negen oder Handelu den wohlihätigen
Zaber, der uns umfängt, zu zerstören befirchten.
Er hdrte es, wie die Gräfiu der jüngeren Tochter dies
Weisung gab, ihr das Buch von ihrem Arbeitstische zu holen,!
er sah, wie das vierzehnjährige rosige Mädchen sich erhob, undz
er kannte das Buch in seinem Einbande von blaßblauem Moirse.s
Es waren Novalis' Gedichie, seine Hynnnen an die Ngcht. Deaß
früh verstorbenen Dichters Muutter, eine nahe Anverwandie derj
Gräfin, hatte sie ihr verehrt, sie gehörten zu den Lieblingspoesien?

des Hauses.
Man war von jeher gewohnt gewesen, etwas zu lesen,
wenn Renatus kam. Eine Reihe von erhabenen Dichiwerlen,
von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm und Hildegarös
gemeinsam zu eigen geworden, und jetzt, da man das Bekamnteß
abermals mit einander durchging, um es der jingeren Schwester
zugänglich zu machen, genoß man es auf's Neue mit steigender?
s
Erkenntniß.
Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen,
ohne daß Nenatus mehr als den sanfien Schasl ihrer Siimme?
vernommen hätte. Endlich trafen auch die Worte sein Ohr,Du?
Nachlbegeislrung, Schluumer des Hiumels lausl ilber mich l? sol

Hgn
Fas sie. , Die Gegend hob sich sacht empor, über der Gegend
ßchwebte mein eutbundener, neugeborener Geist. Zur Staubwolke
fwurde der Hügel, durch die Wolke sah ich die verklärten Zige
Fder Geliebten. In ihren Agen ruhte die Ewigkeit; ich faste ihre
gßände, und die ahränen wurden ein funlelndes, unzerreißliches
Egs-« e
pd--=- Jahrtauusende zogen abwärts in die Ferne, vie Ungewitier.
Tär,
z=- irem Halse weinl' ich dem nenen Leben enlzickende Thränen.
gEd war der ersle, kizige Tran, ud ersl seildem fihl' ich
sßewigen unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und
Fsin Lcht, vie Gellebet
f Nenaiuus lonie die Fiille seiner Enpfindung nicht be-
tFüeistern. Er stand auf und trat an das Fenster., Unwandel-
ßbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Lcht, die
jGeliebte!'' wiederhallte es in seiner Seele.
Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das
jhelle Gewölt, der Jügling meinie noch keine s»lche Nacht erlebt
ju haben. Ach Hildegard halte sich erhoben und sich zu ihm
hesellt. Sie fragte ihn, wonach er ausschaue. Aber statt der Ant-
Fwort legte er seine Hand auf die ihrige, die auf dem Fensterkissen
huhte. So blieben sie stehen in stillem Glicke, bis Ceilie ihnen
Furief, ob sie denn nicht wiederkommen würden, und die Gräfin
ßhnen den Vorschlag machte, etvas zu singen, wenn sie nicht mehr
sen udchten.
s Sie waren dazu bereit, denn ihre Stimmen paßten wohl
zusammen und waren uit einander eingeübt. Hildegard öffnete
ßäs Clavier, Nenatus suchte das Notenheft aus und wählte ein
Matthisson'sches Led. Die Gräfin ibernahm die egleitung des
ßweistimmigen Gesanges.
Hildegard hub an:
Auf ewig dein! Wenn Berg und Meere lrennen,
Wenn Stürme dräu'n,

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Wenn Weste säuseln oder Wlsten brennen:
Auf ewig dein!
fiel die schöne, kräftige Stimme des Jinglings ein.
Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale,
Des
Beint Silberschein
Abendmnonds im stislen Hirtenthale:
Sentt
Dann
Auf ewig dein!
einst mein Genius die Fackel nieder,
Mich zuu befrei!n,
halli'ö noch im gebrochnen Herzen wieder:
Auf ewig dein!
Sie haiten das Lied schon oft gesigen, und doch erschien
es beiden heute so neu, als hätte der Augenblick es eben erst
in ihnen selbst erzeugt; auch die Gräfin rührte es mehr al?
sonst, und sie belobte die Beiden.
Inzwischen war es spät geworden, und Nenatus sagte, daß
er gehen müsse. Eeilie wollie ihn zu bleiben bewegen, aber er
ließ sich nicht zum längeren Verweilen bestimmen, und Hildegarö
nöthigte ihn auch nicht dazu. .=e Herzen waren voll zum
Ea-
Neberfließen.
Als sie ihm das Geleite gab, kißte er ihr die Hand. Er
hatte sie sonst oftmals umarmt, und sie hatte es ihm nie vers
wehrt. Heute hätte er das nicht vermocht; denn heute hatte er
es empfunden: er liebte Hildegard!