Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 26

Siebenteö Capitel.
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Ver lang ersehnte Ton des Posthorns ließ sich in dem F
Augenblicke vernehmen; er klang näher und näher, das Rollen F
des Wagens, der Hsschlag der Pferde schallien heranf. Seba ,
richtete sich freudig empor.
Komm', rief sie, Davide bei der Hand ergreifend, komm', !
wir wollen ihm entgegen gehen!
Das junge Mädchen blieb zdgernd stehen. Ich kan nihtlP
sagte es beklommen, und als Seba es mit sanft ermuthigendemj
Zuuspruch mit sich fortzuziehen strebte, machte Davide ihre HandF
mit dem klagenden Ausrufe: Ach, ich verdiene es nicht! von?!
Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen, F
als die Thüre des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und, diez
Wildschur und die pelzverbrämte Mütze von sich werfend, einzj
großer, schöner Mann in das Zimmer eintrat.
Da bin ich wieder einmal, meine liebe Seba! rief er, indem?
er sie umfaßte und sie, während er sie küßte, mit den kräftigen F
Armen ein wenig in die Höhe hob, daß sie sich plözlich befreite F
Herzens in lachender Abwehr dagegen sträubte. Da bin ihF
wieder einmal und herzlich froh, bei Euch zu sein, denn ich ver- F
sichere Euch, daß in dieser Kälte der Neisewagen und die russi-
schen Schneefelder lange nicht so behaglich sind, als dieses Zimmer z
hier. Aber ich sehe den Vater nicht, er ist doch nicht krank? F
-- Und sich umschauend, fügte er hinzu, indem er Daviden die?
HHand reichle und auuch sie sliichlig umarmle: Wie Dut in den z

----- I?--
drei Monaten wieder gewachsen bist, Davide! Du kannst Dir
etwas darauf einbilden, Du wirst unserer Seba immer ähnlicher.
Der Ton seiner Stimme hatte jenen frisözen Klang, den
man nur aus der Brust eines völlig gesunden Mannes ertönen
hört und der an und fir sich erfreulich und belebend wirkt;
aber auch die ganze ibrige Erscheinung war ein sirahlendes Bild
jugendlicher Mäminlichleii, und es diiulie dem liebevollen Herzen
Seba's, als sei il seineu bloszen Eiireien Licl und Wärme,
als sei Frühling und Sonnenschein in dem Zinmner angebrocen
und üüber sie gekommen. Er war, wie seine fühesie Kindheit es
hatie voraussehen lassen, das vollständige Ebenbild seines Vaters
geworden. Es war dieselbe groste, gebieterische Gestalt, es war
die breite Brust des Freiherrn. Wie dieser trug er den kräftigen
Nacken hoch und stolz, und jeden Zug seines Antlizes, ja, sogar
jene anscheinend zufälligen Mienen, jene kleinen, plötzlichen Ge-
berden, die man gemeinhin als durch die Nachahmung im täglichen
Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende Eigen-
thümlichkeiten zu bezeichnen liebt, hatte Paul mit dem Freiherrn
wie eine Seammeseigenschaft gemein, nur daß alle seine Bewe-
gungen freier, schneller, leichter waren, als der Freiherr sie bei
seinem frühen Bestreben nach würdevoller Gemessenheit in sich
auszubilden im Stande gewesen war.
Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn be-
reitete Zimmer; sie ließ es sich nicht nehmen, ihm selbst das Licht
vorzutragen, während der Diener sich seines Pelzes und seines
übxigen Gepäckes bemächtigte, und abermals schlang Paul voll
Zärtlichkeit, während sie neben einander hergingen, seinen Arm
um sie und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen. Man konnte
es ihnen ansehen, wie sehr sie an einander hingen.
Eine Stunde späier sas; Paul in dem Cabineiie, welches
an das Comptoir des Hauses anstieß, mit Herrn Flies und Seba
in ernstem Gespräche beisanumnen. Es war Posttag und in dem

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Compioir arbeiteten die Gehilfen noch still und schweigend an ihre
Pulten, obschon es später als gewöhnlich war. Die Reitpos
welche zweimal in der Woche den Briefverkehr nach Osten bosß
sorgte, ging frih am anderen Morgen ab, und den großen Hand-
lungshäusern, die in dem Postbureau ihre laufenden Nechnungen?
hatten, war es vergönnt, ihre Briefe noch über die allgemeine
Schlußstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post?
s
zu senden.
Pauul haile ein Noiizbich in der Hand, ein Copieheft und!
eine Anzahl Briefe lagen neben ihm. Er wünschte Herrn Flies?
Auökunft über die Erfolge einer gemachien Geschäfiöreise zu gebenI
sofern dieselben nicht aus seinen früheren Briefen ersichtlich waren,
und Seba hörie schweigend zu, obschon sie einsichtig und unler-?
richtet genug war, um an dieser Unterhaltung einen lebhaftenh
Antheil zu nehmen, auch wenn es nicht ihr Vater und Paul ge-(
wesen wären, welche sie fihrten. E freute sie eben so die scharfs!
Klarheit, mit der ihr Vater alle seine Fragen stellte, als dieh
sichere Bestimmtheit, mit welcher Paul sie beantwortete; denns
Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen, das sie!
voll und ganz beherrschen, gewährt an und fir sich immer eine?
Genuglhuuuung, weil es uns, gleichviel von welcher Seite, einen,
Einblick in das grosße, aus den verschiedensten Bestandiheilen sich,
zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen Culturzustandes verF
gönnt, während es uns zugleich - und dieses Letztere genoßs
Seba in dem Falle mit sesonderer Befriedigung -- Achtung vot
dem menschlichen Wollen und Vollbringen einflößt.
-F
Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem, wäh
der junge Mann berichkete. Paul mußte danach Auskunft übeF
seine Erlebnisse während dieser Abwesenheit geben, und als maE
endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu dem Allgeß
meinen überging, als man des furchtbaren Druckes gedachte, den
die Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausübie, fcagte

--- ZIß --
Seba, wie Paul die Stimmuung gegen Ncpoleon in Nußland
igefunden habe.
- Pauul sah sich vorsichiig um, machte die Thire, welche nach
dem Nebenzimmer füührte, noch besonders zu und sagte darauf:
Wie wir es nur winschen können! Der Haß gegen ihn ist dort
vollkommen so hark und so feurig, als hier bei uns, und es sind
dor Männer, welche die Gluth zu erhalten und zu schüren
wissen. Ich habe Briefe des Freiherrn pom Stein zn den
Staatslanzler mitgebracht.
! Du? Und wie kamst Du zu solchen Briefen? fragte Herr
Aes.
Paul nannie den Namen eines grosten englischen Banquiers,
Fin dessen Hauuse er den Freiherrn gesehen hatie und ihm vorge-
ziellt worden war. Der Freiherr, sagte er, hat von mir, da ich
Fgerades Weges von Deutschland kain, Auskunft mancher Art
Zerlangt, die ich ihm geben konnte; und als er hörte, daß ich
Fmich von Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben
Fwürde, hat er mich gefragt, ob ich mich entschsießen könne, Briefe
Foon ihm nach Deutschland mitzunehmen.
s Und Du? fragte Seba ängstlich, da ein solcher Dienst fir
fenen Geächteien gefährlich geng war.
z Nun, ich habe mich natürlich nicht besonnen, entgegnete
Faul; ich war glicklich geng, den Mann zu sehen, solz darauf.
Ftwas fir ihn leisien zu können, und noch heute will ich die
Papiere in die Hände des Staatskanzlers überliefern.
z Er nahm, während er das sagte, die Pelzmütze, die er auf
Fer Reise getragen, von dem Seitentische, auf dem er sie liegen
ßhatte, zog ein kleines Messer hervor und fing an, den breiten
FZobelbesaz, der sie umgab, mit schneller Hand herunter zu trenen
Fund die Briefe, welche unter demselben verborgen gewesen waren,
Flrgfaltig zu glänten.
F Welch ein Zustand, rief Seba, in dem die Bewohner eines

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H
ganzen Welttheiles unter der Tyrannei eines Einzigen ihreh
Lebens nicht mehr sicher sind; in dem jede persnliche Freiheii
Nreiüeit gleichdsig beoroht, in den ?
wie die allgemeine
selbstbestimmte That
Bio, fiel Pauul
gefährlich wird!--
ihr in das Wort, ud seine grosen Angen
funkelten in schönem Fener, bis alle die Einzelnen sich zu einer
grosten, selbsibestimmien Thgt vereinen, und dieser ersehnte Au- ?
genblick wird nicht lange auuf sich warten lassen! -- Er hattej
das mit uehr Lbhastigleit gesprochen, als er bisher gezeighl?
aber seine Siiume zu leiser, verlraulicher Miliheilung senlend,j
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und wüürde selbst der Kaiser Alexander schwanlend, so ist er von ;
Männern umgeben, die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen?
werden. Aber mehr noch als der theoretische Has gegen die
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adern unterbindet, mnuß er die Bande sprengen, sofern er niht(
ersticken will. Fir unsere ideale leberzeugung ist unser Vorihellß
der stärlste Bundesgenosse: der Handel kaun die ContinentalsperreZ
nicht länger ertragen, das Gewerbe liegt iberall darnieder, dak
Land, durch welches ich gekommen bin, ist, soweit der Krieg esZ
getroffen, furchtbar mitgenommen, und Niemand kann wagetg
neue Capitalien, neue Arbeit an seine Herstellung zu wendenF
da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht. Und ebene
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deßhalb, lieber Vater, habe ich ein Ansuchen an Sie!
s
E lag in dem Tone, mit welchem er diese lezten Worte sprach.F
eine gewisse Bewegung, welche Seba sich nicht gleich zu deutenF
wuste, aber Paul ließ ihr nicht Zeit, darber lange nachzusinnen-j
Als ich vor drei Jahren nach Eropa zurickkam, botenß
Sie, lieber Valer, mir großmiihig an, mich als Theilnehmex
.s z-
-- a=- Haus aufzunehmen.

- --- I0 -
Und Du lehntest es ab! bemerkte Herr Flies, ihm in die
Rede fallend.
a-g lehnte es ab, entgegnäte Paul, wei! Sie meiner in
N,
Jeiner Weise nöthig hatten und weil ich zu erroben wünsc,...
sie.
was ich selber fiir mich khu könnte.-- Ar hielt ein wenig
inne und sagie dann mil einer Bescheidenhei:, die seiner stolzen
Gestalt sehr wohl ansland: Die lliuslännde, Sie wissen es, üind
mir ginslig gewesen. Ich habe mir mit den Mitteln, die ich
herüber gebracht, in Hauburg ein eigenes Geschäft, ein eigenes
Hans und ein gewisses Vermögen geschasfen. Wollen Sie uir
jezt noch die Möglichleit gewähren, mich mit diesem Capiiale
-in Ihrem Hause arbeiten zu lassen, so wüirden Sie mir eine
große Guust erzeigen.
Herr Flies zgerte, zu antworten, abec sein Blick ruhte
Imit wohlwollendem Nachdenlen auf dem jungen Manne.
au wolliest nicht mit leeren Händen kommen, sagte er.
e
Mißbilligen Sie das ? entgegnete der junge Mann.
Nein, mein Sohn, ich lobe es vieliehr. Jedermann soll
sund mus: erproben, was er sich selber werth ist; aber Du hattest
sdies bereits gethßan, als Du nach Eropa wiederkehrtest, und ich
Fann nicht absehen, was Duch in diesem Augen.e dazu be-
.t-s
ftimmt, Deine Geschäfte, die sich sehr gut angelassen haben, auf-
,zldsen, um mit mir zu arbeiken, denn was das Brauchen und
Föihighaben anbetrifft, walten heute genau dieselben Verhältnisse
hpie vor drei Jahren ob .o bin, dem Himmel sei Dank dafin,
D,
Fnoch rüstig, und D. kannst immerhin, da Du einmal auf eigenen
D.s
. ?
gaube.
? Sie halten mich fitr selbstloser als ich bin, meinte Panul.
Ich biiie um meiner eigenen Sicherheil, um meines Vortheiles
willen, jezt als schweigender Pariner bei Ihnen eintreten zu

-- ZGF-
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dinrfen. Meine Vorräthe sind, Dank der uheilvollen Handelss
politik Napoleon's, iber all' mein Erwarten vortheilhaft verö!
werthet. Die Neise, welche ich eben beendet, hat mir vollauf?
bewiesen, daß auf dem Landwege kein Ersaz füür die gehemmte
Einfuhr zur See zu hoffen ist, von dem man sich wesentliche
Erfolge versprechen darf, und die Truppenmärsche, die selt MoH
nnalen aus deun sereslei Süden uid Wesien sich langsam gegen?
Osten bewegen, schieiden vorläufig die lezie Aussicht auf ander
als auf solche Unternehmungen ab, welche die Versorgung der
Armeen oder den Handel mit der Waare, die jezt die begehrteste
nt, den Handel mit dem Gelde selbst, zur Grundlage haben. F
Lieferungen für die Franzosen kaunst Du nicht uniernehmenlh
fiel Seba ihm in die Rede.

Gewiß nicht! betheuerte Paul; aber gerade darum möchte!
ich meine Capitalien frei zur Hand haben, den die Rüstungenz
von dieser Seite werden Rülstungen von der anderen hervor-!
rufen, und mehr als das! Es kommt doch hoffentlich der Tag.;
an welchem wir selber einzustehen haben werden für unser Rechtß
Ist dann mein Vermögen in Ihren Händen, theuerster VaierFF
LPFI? - = == -- ==

Seba reichte ihu ihre Hand, er ergriff sie und liste siez
herzlich. Herr Flies war aufgestanden und ging im Zimmerß
auf und nieder. Er war gewohnt, sich die Dinge von allenß
Seiten zu betrachten, ehe er seine Meinung aussprach. Während?
dessen brachte einer der Handlungsgehülfen ihm die Briefe, welchez
an dem Abende noch abgehen sollten, zur Unterschrift. Er sahy
sie mit schnellem Blicke durch, unterzeichnete sie, und sich an;
Paul wendend, nachdem der Gehülfe das Cabinet verlassen hatte,,
sprach er, an das Unterzeichnen der Briefe denlend: Das wirsi?
Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auc;
an den Posttagen mein Whist haben können. Die politischenz

-- Z(Z--
FFreignisse, fir welche Du Deine Freiheit sicher zu stellen wünschest,
scheinen mir umwahrscheinlich oder mindestens so sehr in weitem
elde, daß man darauf hin noch keine Plane zuu machen braucht;
denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute,
woie Napoleon Bonaparle, den eniourzell man nicht wieder!
ügie er mil jener Bewunderung des Erfosges hinzu, die man
,bei Kausleien häusig anirissl, weil sie leichi d n versiihri werden,
zihre eigene persönliche Bedeutug an ihren Erfolgen abzumessen.
z- Er machie darauf eine lleine Pause und sagte danach:
FJm Uebrigen aber, algesehen von allen Deinen politischen Er-
ßwartungen und patriotischen Hoffnungen, gefällt mir Dein Vor-
schlag. Thne immer die nöthigen Schritte zu seiner Ausfihrung.
gWir sprechen mehr davon. Jezt sieh' zu, das = - -u, Deiner
d.
r. c
smitgebrachten Briefe bald entledigst. Es ist spat, de- ==eg bis
-=- MgL,
Fzum Palais des Staatskanzlers ist weit, und ich möchte Dich
Fbei Asche haben.
Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zuusage,
ßso bald als möglich wieder zurick zu sein. Herr Flies blickte
sihm durch die Glasthüre nach, wie er leichien Schrittes durch
,das Comptoir hinging.
Wie schön er geworden isi! sagle Seba mit einer wahrhaft
Fmitterlichen Zrtüichkeit.
»-. er ist ein ordentlicher Mensch! bekräfiigte der Vater.
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