Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 27

Achhtes Capitel.
Ee war nahezu Mitiernachl. Herr Flies hatie sich zu-
rückgezogen, auch Davide, die sonst gern mit Seba wach blieb,
wwar zur Nuhe gegangen, und diese sas: nuur noch mit Paul in
einsamem Gespräche beisammen.
Sie wollte wissen, wie er den Vater aussehend fände, denn
HHerr Flies war allgemach in die Jahre gekommen, in denen die
sorgsame Lebe ängstlich auf jedes Zeichen von Schwäche oder.
von der nokhwendig beginnenden Abnahme der Kräfte achtet,,
weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat;
aber Paul versicherte ihr, daß er keinen Wechsel weder in ihres-
Vaters körperlicher Nistigleit noch in seiner geistigen Frische und,
Festigkeit bemerke, und er erinnerte sie daran, daß Herr Flie?
während des Abendessens von weitgreifenden kaufmännischen
Planen gesprochen habe, was man im Greisenalter immer als,
das beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse, weil!
ein hinfälliger Mant, im Gefihle seiner Ohnmacht, sich nicht,
leicht zu solchen Gedanken verleitet fühle. Dagegen meinte er,l
daß mit Davide eine groste Wandlung vorgegangen sei. ß
Als ich vor vier Monaten hier war, sagte er, dünkte sie,
mir noch völlig ein Kind zu sein. Ihre unruhige Neugier, ihre
oft unbegreifliche Verlegenheit und daneben das oft eben so un-
begreifliche Zutrauen, mit dem sie Fragen thun und Erörterungen-
veranlassen konnte, die sonst Niemand herbeigeführt haben würde,!
haiten noch etwwas völlig Kindisches. Sie hatie fir mich nur

- I0t
Bedeutung, weil Du sie liebst, weil sie zu Deinem Lebensgliicke
gehört; ich fir mein Theil häiie sie Tage leng nm mich haben
können, ohne daß es mich gefreut oder gestört hätte. Heute finde
ich plözlich, das; sie anziehend geworden ist. Izr Blick ist stätiger,
ihre Stimme weicher, und das knabenhaft Herbe, das mir an
ihr misßfiel, scheint sich auch verloren zu haben. Sie hat etwas
Demiihiges belommmen, elwad Mädchenhafies, das ihr sehr wohl
ansiehl.
Seba üicle zusliumend. Du irrsi Dic nichi, entgegneie
-Fe, aber diese Wandlung ist der neueslen e. ne. Sie hat sich
heute, eben in diesen Siunden erst vollzogen, und Du hast mehr
Antheil daran, als Du es weißt. Was D. - mädchenhafte
A: s=-
Demuuth hältst, ist ein Schuldbewustsein, eine Art von Neue,
und diese wird vielleicht dazu dienen, die herbe Sprödigkeit in
, Davidens Wesen, die an und fir sich mir immer als ein Zeichen
innerex Gesuidheil an ihr erschienen isl, zu brechen.
Wie soll ich das verstehen ? fragte Paul.
Seba sezte ihm danach auseinander, was vorgegalgen
s war; er hörte ihr achtsam zuu und meinte, das junge Mädch.t.
f:
F sei in seinem Nechte gewesen, ald es Aufklärung über die Ver-
f hältnisse gefordert, die ihm auffallend und unverständlich gewesen
F wären. Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen b.uihseln
Va
z wohl befinden, und es gefalle ihm von Daviden, das sie den
.s
ß ==-=h gefunden habe, --;=-rung zu fordern.
Nafs;
? Seba fragte ihn, was sie ihr iber seine Jugend und Ver-
s aangenheit sagen solle. Er besanu sich eine kleine Weile und
zf -
s meinte sodann, daß es nicht nöthig sei, uhr den Namen seines
j Vaters zu nennen.
? Seba bemerkte, sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen,
s =
z -- -enatus jezt, wie er wisse, öfier in ihrem Hause se:, und
f sie knipfte daran das Bedenken, ob es Pauul nicht unerwünscht
, sein würde, den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr zu treffen.
s F. Le wald, Von Geschlech! zu Geschlechn. ls.
D

b=-- Zß--
Mir? fragie der Erstere, indem er sie mit einer gewissenß
Befremdung ansah. Ich wüßte nicht, daß ich die Begegnngj
mit irgend Jemandem, am wenigsten eine solche mit diesenF
jungen Manne zu scheuen hätte; und auch ihm, obschon ich nichtß
die mindeste Ursache habe, auf seine Empfindungen Nücksichtzu!
rDk
ander gemein, am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren An- ;
schauuungen, und wer weis; es, ob er mich üüberhaupt erkennt?

oder in wie weit seine Erinnerungen an seine Kindheit und an ,
den Tag, an welchem wir uns geschen haben, in ihm lebendig
geblieben sind?

Es war darüber spät geworden, und die Ermüduung fing ;
an, sich dem jungen Manne fi.hlbar zu machen, da er seit?
mehreren Nchten in kein Bett gekoumen war. Er lis;te Seba's ;
Hand, als er ihr eine Gute Nacht wimnschle; sie umarmte lhnz
wie einen Sohn. Die Aussicht, daß sie kiünftig an demselben ;
Orte, in demselben Hauuse leben würden, halie fie Veide einen
großen Neiz, und Pauul gefiel sich darin, es der älieren Freundin
auszumalen, wie er sie hegen und pslegen wolle und wie gut
er es neben ihr haben würde. Sie hörte ihm mit stillem, glick j
lichem Lächeln zu, aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend, meinte F
sie: Was aber liegt noch alles zwischen dieser Stunde und der ,
freudevollen Nuhe, die D mir versprichst? Es minsen noch !
Wunder geschehen, ehe wir sie genießen können!
Wunder? Was sind Wunder? rief Paul mit Heiterkeit F
Alles ist ein Wunder und nichts ist ein Wuder! Ist's demn P
nicht auch ein Wunder, daß ich jezt hier in Deiner Nhe bin - 1
s
daß ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde, ein ;
reicher Mann zu werden - daß der Stein, den die Bauleute s
verworfen haben, vielleicht noch einmal zum Eckstein wird? k

S== 1F ? -== --
Die alte Wuunde in Dir ist nicht vecnarbt! bemerkte Seba
, warnend.
s Vernarbt bis auf die lezte Spir, versicherte der junge
I Ws»s-
- --, und sie schmerzt bei keinem Wetterwechsel! Bingt mich
-' der Zufall einnal dazu, die Stelle z hetrachten, an der sie
sizt, so sehe ich die Narbe nur, um mich darüber zu freuen,
daß ich stark und gesund genig zu solcher Heilung war, daß ich
Niemandem däfir zu danken habe, und doß die Einzigen, gegen
die ich ein lnrecht begangen. eben Du und Dem Vater sind,
, die es mir so schön verzichen haben! Gute Nacht, Du Liebe!
F rief er ihr noch einmal zu, und da sie ein Gefallen daran hatte,
sich seinem Nathe unterzuordnen. fragte sie ihn noch einmal,
; was sie mit Davide machen solle.
z Gieb ihr die othe Bxieftasche, meinte er, im Grunde hat
ß es auch Nichts auf sich, wenn sie die ganze Kugrheit weiß,
N1s
k wenn sie den Namen meines Vaters ahnt. Mich dünkt, sie
; lann den ganzen Inhalt lesen, und geringfilgig, wie er ist, wird
F er auusreichen, sie zwischen und wieder fesizusezen. Denn fesi
F szen und fest stehen, wo man sich befindet, das ist die Haupi-
F snche, wen man in sich zu etwas kommen soll!
Ag