Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 02

Zweites Capitel.
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Zas Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien
angebrochen war, bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen
Anzeichen entsprechend. Der Winter war lang und sehr hart,
das Früihjahr kal uud nas:. Man lonule also die Arbeilen
erst späi beginnen,
Saaten versprachen
Der Freiherr,
und die spärlich und ungleich aufgehenden
nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
welcher sich niemals um die Bestellung des
Landes gekümmert hatie und kein Landwirth war, fing jezt,
da er bald der Zuversicht und Sicherheit in das alte, ihm
dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte, plötzlich nach
dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntniß des Neu-
lings meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten
Sorgfalt des Amtmanns zur Last legen zu dirfen. Der Verdacht,
daß er seine Schuldigkeit nicht thue, beleidigte Adam. Er ver-
theidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser gerechten
Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur
den Hochmuth des Emporkömmlings sehen und beugen zuu müssen,
und er verlor überhaupt mehr und mehr seine heitere, selbst-
gewisse Ruhe, weil er seine bis dahin unumschränkte Herrschaft
über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung, deren er
vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher
gewußt hatie, nun, wohin er blickte, angezweifelt wähnte. Das
machte die Zustände nicht besser, wohl aber ihm und seinen
Leuten das Leben bitter und schwer, und vor allen Andern

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hatten die Geschwister im Amthofe zum Schlusse ihres Aufent-
haltes in der alten Heimath böse Tage, denn die Geldverlegen-
heiten des Freiherrn hatien sich in unern ar:eter Weise gesteigert
Mit dem Vertrauen des Ehrenmaunes und des Edel-
mannes in die Ehrenhaftigkeit seines Standesgenossen und mit
dem Bewußtsein, sich von dem Marquis fir die ihm erwiesenen
mannigfachen Gutthaten des Besten versehen zu dürfen, hatte
der Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden
guten Willen für ihren Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn
Flies als bei einem Banqunier in der Nesidenz ausgedehnte
Eredite eröffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe fitr ihren
Bruder mit der Versicherung angenommen, dasß derselbe natiirlich
nnur den beschränkiesien Gebrauch davon zu machen denke. Sie
hatte es entweder vergessen, wie oft und mit wie großen Opfern
sie dem Marquis zu Hilfe kommen missen, so lange sie selbst
ihm zu helfen im Stande gewesen war, oder sie mochte erwarten,
das; die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen
alten, verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben
würden; indeß diese Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig
Tage hakte der Marquis in der Stadt verweilt, als er sich von
einem Kreise von Emigranten umringt und schnell versucht fand,
sich vor ihnen, deren üble Lage ihn dazu aufforderte, als den
Beschützer, als den Freigebigen, als den großen Herrn ron ehe-
mals zu zeigen. Die Anerkennung, der lebhafte Dank, die er
geerntet, waren verführerisch für ihn geworden. Seit langer
Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er selbst,
endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage ge-
ss
b=--- und fröhlich und leichtherzig gemacht durch die sichtliche
Zufriedenheit, die er um sich her zu verbreiten jm Falle war,
hatte er des Geldes nicht geschont, hatie er gegeben und geholfen
und erfreut, wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten. Er hatte
niemals gerechnet und gezählt; die Herzogin hatte dies immer

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für ihn übernommen, und sorglos die flüchtigen Tage und das
flüchtige Geld hingleiten lassend, war er plötzlich doch betroffen
worden durch die Summen, die er in liebenswürdigen Gefällig-
keiten, in Hülfsleistungen auufgewendet hatte, die seinem Herzen
Ehre gemacht haben wilrden, hätke er sie aus eigenen Mittelnn
zu leisten vermocht. Er wünschte einzuhalten, ja, mehr als das,
er wünschte zu vergiten, zu ersetzen, und an das Spiel von
Jugend auf gewohnt, hatten ihm die verführerischen Gunst-
bezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg aus
seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel
war ihm niemals besonders güünstig gewesen und versagte sich
ihm auch jetzt. Von einem Tage zum andern hosfend, inmer
leidenschaftlicher wagend, je weniger diese Wagnisse ihm ein-
schlugen ud je lleser sie ihn in die Verlegenheii verwickelien,
der er sich zu entziehen wünschte, hatte er allmählich Summen
erhoben, welche die Auszahler stutzig werden ließen und welche
endlich Herrn Flies bewogen, jene Anfrage und jene Berichte zu
machen, die der Freiherr eben am Neujahrstage erhalten und
die ihn genöthigt hatten, auf eine augenblicklich: Deckung dieser
bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rath schaffen und
Herr Flies sollte Geld schaffen; aber guter Raih war theuer,
und Geld war es noch mehr.
Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg,
die von Frankreich aus immer weiter um sich griffen, machten alle
Capitalisten in der Anlage ihres Geldes vorsichtig und schwierig.
In den Gegenden, in welchen sich revolutionäre Gesinnungen
kund gaben, suchten ängstliche Besizer sich ihrer liegenden Grinde
zu entäußern, und wie der Werth des Grundbesizes sank, stieg
der Werth des baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr
zu Statten. Er hakte seinen Handel wegen des schönen Gutes
Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr das neue
Darlehn auf Rothenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren

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er bedurfie, um die Wechsel des Marquis zu decken und um
endlich den Bau der Kirche vollenden zu lassen, der im letzten
aahre nur wenig vorgeschritten war. Dem Freiherrn selber
war freilich dieser Kirchenbau niemalö eine persönliche Herzens-
angelegenheit gewesen; jezt war er ihm aus mehr als einem
Grunde lästig, und er würde ihn in diesem Augenblicke mit
Freuden unterbrochen, die Kirche vorläufig unvollendet stehen
gelassen haben, hätie er nicht fiürchten müssen, eben dadurch den
nachiheiligen Gerüchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin
so wesentlich erschwerien, Geld zu sinden, selbsi wenn er es mit
hohhem Zins bezahlle.
Mit Wirthschastsbeamien zu verhandel, welche die Sielle
des Amtmannes ersezen sollten, sich selbst um die Aufbringung
vonn Geldern zu bemihen und daa Geld, welches ihhut bisher
nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwece und zur Befrie-
digung seiner Wünsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten,
fiel dem Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschränkungen
zu machen, aber er wusßte nicht, wie er das anfangen oder wem
er sie auferlegen sollte, denn in der sorglosen Freiheit des Ver-
brauches erwachsen, war der Ueberfluß ihm zur Gewohnheit
geworden, und er glaubte nuur das Nothwendige zu haben, wenn
er alles Dasjenige besaß, was ihm irgend wünschenswerth erschien.
Sich etwas zu versagen, das verstand er nicht, die Herzogin z
beschränken, häike ihm ungasllich und grade nach dem unange-
nehmen Vorfalle mit dem Marquis ungroßmüihig gedünkt. Die
Bedürfnisse der Baronin waren immer mäßig gewesen, und ihr
auch nur ein kleines Ersparniß vorzuschlagen, würde er in dem
Verhältnisse, in welchem er jezt zu ihr stand, als unehrenhaft
und unanständig betrachtet haben.
Ungliücklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu aus-
ersehen war, vom Spätherbste ab die Stelle des Amtmannes
zu verwalten, den Freiherrn dadurch fir sich einzunehmen ge-

--- Z. -
wußt, daß er ihm bemerklich gemacht hatie, es ließen sich große
Summen ersparen, wenn man den Insassen der: Güter nicht so
viel' Freiheit ließe, wie die Steinerts es gethan, und namentlich
bei dem Kirchenbaue könne man auch jetzt noch sehr beträchtliche
Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen und Käthner,
wie es sich gehörte, zur Arbeit heranzöge und verwendete. Das
sollte nun Aam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung
bringen.
Vergebens bewies dieser, daß man die Leute in dem letzten
Winier, wo man einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen.
sehr stark in Anspruch genommen habe, daß man ihnen bei der
drängenden Arbeit in dem späien Frühjahre kaum die Zeit habe
gönnen können, ihr Stitck Garten und Feld zu bestellen, und
daß man sie im Winter zu ernähren haben würde, wenn man
sie jezt nicht so viel als nöihig fikr sich selber sorgen ließe.
Der Freiherr wollte davon nichts hören. Er war in eine Lage
und in eine Stimmung versezt, in welcher er immer nur der
nächsten Belästigung enthoben sein wollte, und vor Allem schien
es ihm darauf anzukommen, Herbert's ein fir alle Mal ledig
zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit Eva zusammen zu
sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und
sich bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jingeren
Gehülfen vertreten ließ.
Es blieb also Adam gar nichts übrig, als sich zu fügen
und unter einer Bevölkerung, unter welcher seine Familie seit
mehr als hundert Jahren in Liebe und Frieden gelebt hatie,
schließlich wider seinen Willen den Frohnvogt zu machen. Er
mußte die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sic
rundweg abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten,
welche man ihnen sonst ohne große Opfer hatte bewilligen können.
Das gab böses Blut. Wo die Leute beisammen waren, konnte
man es sagen hören, das es eine Sünde und Schande sei,

Christenmenschen in das Joch zu
zubauen, mit der sie nichts zu
spannen, un: eine Kirche auf-
schaffen häiten, und um im
Alle Arb.it wurde widerwillig
Schlosse fremdes Volk zu füttern.
gethan, Vorwände, mit welchen die Leute sich derselben zu entziehen
suchten, gaben Anlaß zu Untersuchungen und Strafen; und diese
Sirafen machten das Uebel ärger. Heute hatte man Händel
und Schlägereien zu schlichten, wenn einer von den Leuten sich
bei den Arbeitsforderungen zu stark herangezogen oder einen
Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt glaubte, und
morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herr-
schaft vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist ent-
wichen, der hier bisher gewaltet halie. Des Zanlens, Anschul-
digens, Strafens war gar kein Ende mehr. Häite der Amtmann,
wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur Rechenschaft
fordern wollen, die sich widerspänstig zeigten. und diejenigen
eingesperrt, welche grundlos Händel anzettelten, so hätte er noch
beträchtlich an Arbeitskräften eingebißt. Er mußte also ein Auge
zudrücken, Mancherlei nicht hören, Vielerlei stillschweigend mit
anschen, um uur durchzukomtmen, und noch war der Sommer
nicht da, als auf den Gütern, auf welchen bis dahin eine für
jne Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht halte, jener Zustand
eingetreten war, der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden,
weil sie Unngprechtes u lebermäsßiges heischen, Ungesezliches
und Maßloses geschehen lassen müssen, um sich von einem Tage
zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten,
daß auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde, was
gestern und vorgestern eben noch gegangen sei.
Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel. Wie
jeder, der das Land bebauut, hatte er frühzeitig begriffen, daß
in der eigenen Lebensfüührung wie in der Leitung eines Ge-
meinwesens, mag dies nun groß oder klein sein, Voraussicht
und mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind

--- IZ--
und wenn er selber auch die Folgen des jezigen Verfahrens
nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten ihn doch der
gegenwärtige Zuustand und die Gewisheit, daß die übeln Früchte
desselben nicht ausbleiben könnten. Die Schullehrer klagten be-
reits, daß die Kinder, weil sie zu Hause die Arbeit der zum
Dienste befohlenen Erwachsenen verrichten mußten, die Schule
versäumten, der Pfarrer beschwerte sich, daß die Leute, weil
ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen wüürde,
Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, daß er das Wort
Gottes vor leeren Bünken predigen misse, während die große
katholische Kirche, in der Niemand auster der Herrschaft und
den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst be-
gehen könie, sich der Vollendung nähere.
Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in
seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren.
Jetzt fragte er danach, fragte, weil er dies nicht gewohnt war,
nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er häufig
falsch berichtet ward, es mit einem Geiste des Aufruhrs zu
thun zu haben, den er unterdrücken, und zwar mit Gewalt
unterdrüücken müsse, während er und sein Thun und Gebieten
ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkei: erzeugten, die
er dem bösen, von Frankreich kommenden Zeikgeiste entsprungen
wähnte.
So viel stellte sich indes an Einsicht für ihn bald heraus,
daß er, um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen
zu können, auch die driückendsten Geldverlegenheiten beseitigt
haben müsse, und da bisher die schriftlich oder durch Dritte ge-
führten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden
Abschlusse gelangen wollten, beschloß der Freiherr, persönlich
einen Versuch zu einem Nebereinkommen mit ihm zu machen.
Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die
Herzogin, welche von seinem Vorsaze sprechen hörte, nante

- 1
einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm,-- da
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Renatus ein großes Verlangen zeigte, mitgenommen zu werhen,
war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschäftsreise, die er
antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiien zu befreien,
eine VergniguungSreise mit seiner ganzen Fnmnilie zu macen,
welche bei der damalige. - - z V «gut ni.ht ohne einen an-
z 9s.s
w.ss.
sehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und
derenn Brustbeklemmuingen immer häuufiger geworden waren, hatie
Ansange eine Scheu vor dieser Neise gelragin. da sie die zu-
nehmende Wärme der Jahreszeil und die Unbequemlichkeit der
Nachiqunarliere fiirchtete; aber der Freiherr hatie auf ihr Mit-
gehen gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die --=== - möge doch
»szsf:=-
1
-gk z Hause bleiben, und die «uronin gal endlich gegen ihr
. M.i
--atiges Gefithl dem Verlangen der Ihrigen nach, weil sie für sich
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keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniß hegte.
So fuuhren deun an einem frühen Morgen die grosen,
vierspännigen Reiscwagen vor das Portal. Iu dem ei ien
wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem anderen
sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammer-
jungfer seiner Mutter fahren, die während der k rzen Reise den
=-=.st bei den beiden Damen zu versehen hatte; aber schon am
D.-s
ersten Neisetage zeigte es sich, das; die Baronin es nicht ertragen
konnie, aag über in der Gesellsch..; -.r lebhafien g- ogin
,ss d.
E.
zuzubringen, und man musßte für den nächsten Morgen die Ein-
z-,s
---=-hg treffen, sie den einen Wagen allein ---=--. Kammer-
zzss - ss-ps
jungfer einnehmen zu lassen, um ihr die nöthige Nuuhe zu gönnen.
Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man
Ruchten verlassen hatte, als man dem Freiherrn, -.r das ganze
»-ss. s..?
--- »-=-= -- des Gasthauses für sich in Beschlag genuunen
ssnz-s
lissd
=-- die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich bitien
lassen, sei gekomnnen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu .= ----
sz-ofs

-- Z(--
und setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit
er nicht nöthig hatte, ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun
er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand, dinkte
ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein.
Als Herr Flies eintrat, hieß der Freiherr ihn mit den
Worten: Sie sind pünktlich, lieber Flies! willkommen.
.ch bin ein Geschäftsmann! entgegnete dieser höflich. Aber

der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem An-
blicke des Juweliers nicht erwehren. Er kam ihm gröser, an-
sehnlicher vor, deunn er irug sich aufgerichieler als friher; seine
Kleidung war einfach, indess nach der Mode und von den besten
Stoffen. Er hatte eine gewisse demiüthige Weise, gewisse liese
Verbeuugungen und gewisse Manieren, die er sonsl als Sianeö-
gewohnheiten unwillkirlich zur Schau getragen, völlig abgelegt
und dafür eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem Frei-
herrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt,
ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durch-
sprechen, wegen derer er ihn rufen lassen; nun er den Kauf-
mann vor sich hatte, dessen Augen klug und forschend auf ihm
ruhten, wußte er nicht gleich, von welchem Punkte er die Sache
in Angriff nehmen sollte, und' wie alle vom Glitcke Verwöhnten
vor jeder Unbequemlichkeit zaghaft und zaudernd, sagte er: Wie
geht es Ihnen, lieber Flies? Ich habe Sie lange nicht gesehen.
ich war lange nicht hier; aber ich wollte meinem Sohne doch
einmal eine Stadt zeigen und muß auch einen der hiesigen
Aerzte wegen der Baronin zu Nathe ziehen.
So sind die Frau Baronin leidend ? fragte Flies.
Recht sehr, recht sehr, antwortete der Freiherr mit sicht-
licher Zerstreutheit; ich denke, der Doctor muß bald kommen!
Er hatte noch immer nicht den Muth, dasjenige zu ver-
langen, was er mit Leichtigleit gefordert haben wirde, als er
sich noch im Vollbesize seines Vermögens und seines Ansehens

-- Z!--
gewußt halte, und Herr Flies, welcher den Zustand des Frei-
herrn wohl erkannte, fand es daher angemessen, ihm mit der
Bemerkung entgegen zu kommen, daß es ihm, da er den Arzt
erwarte, wahrscheinlich erwünscht sein werde, die Geschäfte schnell
zu beenden, und daß er ihm einen, wie er glaube, sehr an-
nehgaren Vorschlag für dieselben zu machen habe.
-- Der Freiherr, sehr zufrieden, daß er nicht derjenige zu
sein brauchte, der die Verhandlungen in Gang brachte, und
doch zugleich verdrießlich darüber, daß Flies sich so heiter und
frei zu fiihlen schien, während er selbst sich von dessen gutem
Willen mehr als ihm lieb war abhängig wuiste, verlangte den
Vorschlag zu hören.
Herr Flies zog die Briefe, welche er von dem Freiherrn
erhalten hatte, aus seiner Brusttasche hervor und sagte: Verstehe
ich die Meinung Ihres lezten Briefes recht, Herr Baron, so
winschen Sie außer der Summe, welche auf Rothenfeld jetzt
aufgesommen war, eine zweite Hypothek in gleichem Betrage
auf Nothenfeld, und eine eben so große auf Neudorf eintragen
zu lassen.
Der Freiherr bejahte das; Flies machte ein nachdenkliches
Gesicht. Es war dem Freiherrn, als säße er angeklagt vor
seinem Nichter.
Die Posten sind stark, hob nach kurzem Schweigen der
Kaufmant an, und Geld ist theuer! Es wird Ihnen große
Zinsen kosten, Herr Baron, Zinsen, die kaum aufzubringen sein
werden, wenn wir einmal ein Mißjghr haben, wie eben jezt,
und vollends wenn der Krieg - - -
Der Freiherr wurde ungeduldig. Das sind Vorstellungen
und keine Vorschläge, mein lieber Flies! rief er, ihn unter-
brechend. Die ersteren habe ich mir selber längst gemacht,
wollen Sie mich die anderen hören lassen?
.ch weiß nicht, ob sie dem Herrn Barvn passen werden,

Oes
hob jener an. Ich denke mein Geschäft mit Nchstem einmal
aufzugeben.
Natürlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr,
dem die Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dinkte.
Nun, ich habe allenfalls zu leben, entgegnete dieser mit
Gelassenheit, und ich fiihle, das es mir nicht mehr belonml,
die ganzen Tage im Laden und im Compkoir zu stehen. Fünf-
MR?. aR -
Liebster Flies, unterbrach ihn der Freiherr, Sie dirfen
glauben, das; Ihr Wohlergehen mich freut, aber die Vorschläge,
welche Sie mir zu machen hatten. . -
Haugen damil eben zusammen, Herr Baron! versicherle
der Kaufmann. Wer sich zur Ruhe sezen will, muus; vorsich-
tiger werden, als der Geschäftsmann, darf nicht Alles auf eine
Karte, auf einen Wurf sezen und mus: sich fir den Fall, daß
die Ruhe ihm doch nicht zusagt, immer ein Capital zur
Hand halten, mit dem sich allenfalls einmal wieder etwas an-
fangen läst. Ich wäre nicht abgeneigt, Geld auf Nothenfeld
herzugeben, es ist ein schönes Gut; auch Neudorf ist ein schönes
Gut, und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital
beschaffen lassen; aber die zweite Hypothek auf Nothenfeld würde
mir nicht conveniren, Herr Baron, und deßhalb wollte iu« Ihen
.
den Vorschlag machen, ob Sie nicht etwas von Ihrem liegen-
den Besize verkaufen wollten?
Der Freiherr fuhr auf: Verkaufen? -- Sie werden doch
nicht glauben, daß ich eines meiner Güker zu verkaufen denke?
Sie denken doch nicht daran, daß ich Neudorf oder gar Nothen-
sösn
--- wo ich eben jetzt die Kirche baue, verkaufen soll?
Herr Flies lächelie kaum: merlbar, und mit einem Blicke
seiner llgen Agen. den ein Achisamer uichi uisßoersiehen
konnte, sagte er: Wie sollte ich adelige Güter kaufen wollen,

-- ZZ--
Herr Baron, und vollends die neue Kirce, was sollte mir
die? -- Nein, Herr Baron, ich dachie an Ihre Güter nicht;
aber wie wäre es mit dem Hause, das drr Herr Baron von
der Fräulein Tante in Berlin ererbten? Es steht leer, wie
ich gesehen habe.
Der Freiherr schwieg, denn obschon der Vorschlag, der
ihu am leichleslen aus den Verlegenheiten helfen konnte, ihm
sofirl einlennchleie, sidersirelle ihu doch der Genuule, sich irgend
eines Besizthumes zu entschlagen, auf das äuusßerste. Während
er sousi seines Hauses in der Nesidenz mit groser Gleichgüliig-
keit gedachle, siand es ihm jezt in seiner ganzen Wirdigkeit vor
Auugen, und er fiihlte sich mit mannigfachen Banden und Er-
innerungen an dasselbe gefesselt. Was wollen Sie denn mit
einemn solchen Hause lhun? fragle er endlich.
Herr Flies lächelte abermals, und so, daß der Baron es
sehen mußte. Was ich damit machen will? - Ich war im
vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der Residenz und es
hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt
das Theater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke
deßhalb nach der Nesidenz zu ziehen, und das Haus der Fräulein
Tante ist mit seinem großen Garten recht wie meine Tochter
es sich wimnscht.
Der Freiherr biß sich unwwillkürlich auf die Lippe. Er
halte den Mann zu schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm
schwer, ihm nicht zu sagen, daß und wie sehr dieser Vorschlag
ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige. In seinem
Hause, in dem Hauuse, an welchem, seit sein Großvater es
erbaut, das stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten
Handel und Gewerbe lünftig ihr Wesen treiben? Wo Fräulein
Esther den Besch des großen Friedrich empsangen, sollten
Juuudenfranen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stieß den
Gedanken weit zurück; der Kaufmann fügte sich augenblicklich,
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

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aber er wollte nun auch von dem anderen Darlehn nichts
wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz übersiedele,
seine hiesigen Geschäfte, fir die er seine ganzen Capitalien
brauche, fortzuführen denke; und da der Freiherr, beleidigi
durch den Zwwang, den Flies ihm aulhun zu woslen schien,
sich weder zum Nachgeben noch zu einem eingehenden Verhan-
deln geneigt bewies, so empsahl sich jener, die ganze Angele-
genheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend.