Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 29

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Zehntes Capitel.
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F; Allo Auflösung von Paul's kaufmäm ischem Geschäfte, die
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. lebertragung seines Vermögens in das Fli:? che Haus wurden
k augenblicklich in Angriss genonmen, nachdem man iber die Art
s und Weise, in welcher jene Auflösung erfolgen, wie über die
F Bedingungen einig geworden war, unter denen Paul in das
F ßlieö'sche Haus einireie lonue, ohne die Verhältnisse zu seinen
, früheren Chefs, mit denen er noch für verschiedene gemeinsame
z Unternehmungen verbunden war, unzweckmäßig lösen zu milssen.
? Er war dadurch zu mannigfachen Reis:n genöthigt, und
H sein Kommen und Gehen bildeten für Seba hie Abschnitte, an
F welchen sie in dem ohnehin durch die äußeren Ereignisse viel
bewegten Winter die Zeit abmaß. Sie hatte ihn in den Räumen,
F welche zwischen dem Comptoir und dem Poriensaale gelegen
F waren, eine Wohnung eingerichtet, weil alle freien Zimmer des
oberen Geschosses bereits wieder von einer französischen Einquar-
s tierung eingenommen waren, und da man diese Letztere nicht
F wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte, hatte
man sich gewöhnt, mit denjenigen Personen, mit denen man
vertraulich zu verkehren wünschte, vor der Gesellschaftsstunde in
? Seba's kleinem Cabinette zusammen zu ksmmen, zu welchem sie
sonst Anderen den Zutritt nicht gern gestattet Jatte. ,
Drausßen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem
s
F Wirbel dirch die mit Glatteis bedeckten Straßen. Das Frihs
Fjahr begann mit argen Stiemen. Herr Flies war mit Davide
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in das Opernhaus gefahren, in welchem man, dem Geschmacä;
der Franzosen nachgebend, eine nene Cherubini!sche Oper aufs.
fithrte, und er haite sich, gern oder ungern, die Begleitung des ;
Herrn von Castigni gefallen lassen müssen, der sich seit einigen -'
Tagen unter dem Vorwande, dem dort wohnenden General bei- -
gegeben zu sein, in das Flies'sche Haus einguartieren zu lassen,
gewust hakte.
Ait Morgen war Paul wieder einmal angelommen. Nun -
brannle in seinem Ziuuer Lichi, und lroz des Wellers Ungunst;
hatie er die Lden desselben nichl geschlossen. Der helle Lchi- -
schein fiel auf die einsamen Wege des Gartens hinaus, welche..
der alte Gärtuer, der schon zu Fräulein Esiher's Zeiten im -
Dienste gestanden hatte, in diesem Winter täglich säuberte und ?
fegte, weil, wie er sagte, Mamsell Seba ihren freien Gang nach -
dem Monuumente doch auuch im Winler haben sollte. Aber es ?
war nicht Seba, es war überhauupt kein Franenzimmer, das in'
der vorgerückten Abendstunde unten am Wasser durch die Seiten- =
khüre in den Garten eintrat und sich unter dem Schatten der';
--
Gartenmauuer mit raschem Schritte dem Hause näherte.
Der Gärtner, der ihn eingelassen, hatte sich gleich darauf ?
entfernt. Der Kommende mußte jedoch von Paul erwartet I
worden sein, denn die Thhire des Gartensaales ward von innen z
geöffnef, als Jener sich demselben nahte, und gleich darauf wurden ;;
die Laden in Pauls Stube zugemacht.
Der Fremde war ein Mann in gewählter birgerlicher Klei?
dung. Er warf den weiten Mantel, der seine ganze Gestalt?
verhüllte, von seinen Schultern, schüttelte Paul die Hand und I
sagte, während er ein Packet Briefe aus seiner Brusttasche her- I
vorzog: Nehmen Sie das vor allen Dingen! Ed ist vermuthlich. -
das lezte Mal, daß wir Sie bemühen!
Wie das? fragte Pannl überrascht.
Man ist auf Sie aufmerksam geworden, glaubt Sie um z
-
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-=-- Zss--
Zhrer amerikanischen Verbinduungen und Ihrer wiederholten Neisen
nach Nusland willen auch mit England in Geschäftsverbindung,
zhegt die Vermukhung, das: Sie dem über Nusland gehenden engli-
Zschen Schleichhandel nicht fremd sind, und oie geflissentlich ver-
Fuittelte Einquartierung des Baron von Castigni in das FlieO'sche
-Haus gilt wesentlich Ihnen. Es dürfte also nicht mehr gerathen
Zsein, Ihrer Gefälligkeit die Briefe anzuvertrauen, die man gegen-
, wäriig unier kaufmuischen Adressen freilich am sichersten be-
?förder« Jidesi weun Sie sich der Besorgung dieses Mal noch
zunterziehen wollten, so wirden Sie und sehr verbinden!
- Paul hatte dem Redenden achtsam zugehört; dann sagte
,er: Ich danke Ihnen fine die Warnung, die ich durch Sie er-
O halte. Sie kommt mir nicht unerwartet, denn Mademoiselle
ßlies hatie mir schon Aehnliches mitgetheilt. Das; ich mit dem
FSchleichhandel nichts zu thun habe, brauche ich Ihnen nicht zu
wdersichern, obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt
Pünkt. Hätte ich die Möglichkeit gesehen, eine grose. regelmäßige
Finfuhr überseeischer Produkte über Nußland zu bewerkstelligen,
Hso würde ich sie benutzt haben; der Schleichhandel aber leistet
dem Lande keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht für
Zen Unternehmer auser allem Vergleiche mit seinem wahrschein-
Flichen Gewinne, während er das Leben elender, armer Leute auf
zdas Spiel sezt, die er obenein entsitklicht und verwildert. Von
Jer Seite also habe ich nichis zu fürchten. Es sind reine Geldge-
Fchäfte, die ich in Rußland habe, und die mich auch in den
Jächsten Tagen wieder dorthin fiühren werden.
Wissen Sie, daß Napoleon jezt die Zustimmung zu einer
Versammlung in Dresden erhalten hat, in welcher asle unsere
zonarchen wie zu seiner persönlichen Huldigung erscheinen
Fwwerden?
Nein, entgegnete Paul, ich wuuste das nicht. Ich habe in
en französischen Zeitungen nuur von dem schönen Familienleben

-- ZF0--
des Kaisers und von dem Frieden gelesen, den er ersehnc!
die Welt nach seinen großen Planen zu begliicken! fügte' -j
spöttisch dazu.
Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jezt unter Wasfenh
sagte der Andere. Zweimalhunderttausend Deutsche, die ausF
ziehen, um sich als Nation selber vernichten zu helfen! Unseöß
Lage ist furchtbar! Wir gestakten dem ganzen französischen HeeZ
den Drchzug; vor den Thoren der Nesidenz ist unsere FestunF
den Franzosen übergeben. Die Residenz des Königs steht untej
französischem Commando, zwanzigtausend Mann ziehen mit ihneH
gegen Nußland - es ist einer völligen Unterwerfung unter di
Tyrannei dieses Cosen gleich! Es ist schlimmer, weit schlimmerj
als alles, was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten, deng
wir thun anscheinend freiwillig, was wir damals unter deg
Zwange der Nothwendigkeit ertrugen. Damals verließ der Kdni
seine Hauptstadt, jetzt ist sie auch in Feindes Hand, und de
König selber wird gehen, unsern Unterdricker in Dresden zu beß
grüßen! - Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und
nieder; dabei verriethen seine Haltung und sein Gang den Söl!
daten. Paul betrachtete die Briefe, welche jener ihm ausgehänoig!
hatte. Plözlich blieb der Fremde vor ihm stehen.
Wann denken Sie abzureisen? fragte er.
In zwei, drei Tagen spätestens.
Pflegten Sie allein zu reisen?
Ich habe das lezte Mal einen Diener mit mir gehabt-!
Und jezt?
Ich beabsichtige, ihn wieder mit mir zu nehmen.
Würden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen ge
fallen lassen? forschte der Fremde, während ein Lächeln um seins
Lippen spielte.
Sie wollen in russische Dienste treten?
Ich halte es hier nicht aus! rief der Andere. Seit uns

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MRegiment aufgelöst ward, seit die Schmach diser Zeit auf uns
Flastet, habe ich keinen freien Athemzug mehr gethan. Was hilft
fes mir, daß ich in dem Burean des Staatskuuzlers beschäftigt
Fwerde, das er selbst mich güütig damit vertröstet, ich könne auch
fals Beamter meinem Vaterlande nüzlich werden? Wozu haben
halle diese Schreibereien und Verhandlungen gefihrt, als uns noch
Ftefer hinabzudrücken? Nur Eines hilft uns, nur Eines rettet uns
F= der freie, osfene Kampf!
. Er unterbrach sich und fragte: Warum schweigen Sie,

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Weil Sie ohnehin wissen, lieber Werben, daß ich Ihre An-
hsicht theile; mich dimkt, wir haben uns darüüber ausgesprochen,
sals ich zum ersten Male Sr. Ecellenz die Briefe überbrachte,
ßdie man mir finn ihn in Petersbuurg gegeben hatte.
An dreihundert unserer Officiere, nahm jener wieder das
FWort, sind allmählich nach Hesterreich und Rußland gegangen.
ßMein Vater kan mir, das fühle ich, in seiner Stellung die Er-
ßlaubniß dazu nicht geben, so wenig er mich aufrichtig tadeln
ßlant, wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzengung folge. Willigen
jSie in meinen Plan, so sende ich morgen Ihren Diener mit
Feiner Botschaft zu meiner Mutier, die ihn auf dem Gute be-
fhalten soll, bis Sie ihn zurückwerlangen, und Sie bringen mich
Fan seiner Statt über die Grenze nach Rußlond hinüber.
. Das kann geschehen, sagte Paul nach kurzer Neberlegung.
-. Unt Sie selbst, Tremann, Sie, der Sie doch jenseit des
sDeeans freie Luft geathmet haben, der Sie frei und durch nichts.
Egebunden sind, denken Sie wieder in diese Kerkerluft zurüchu-
ßlehren, freiwillig noch länger in der Knechtschaft zu verharren,
Fin welcher fast ganz Europa schmachiet?
z Ich bin nicht frei; ich habe mit meiner Person fin fremdes,
Finir anvertrautes Gut zu stehen und mein Vermögen zu be-
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. ll.
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wahren, auf dem meine persönliche Unabhängigkeit beruht, ent?
gegnete Paul. Aber alle Schritte sind gethan, mich von den
Verpflichtungen zu lösen, mit denen ich Anderen verhaftet bin;
und ich hoffe, zu rechter Zeit über mich verfiigen zu können.
Er stand mit den Worten auf, ging an seinen Schreib-
tisch, schrieb in mehrere einzelne Blätter immer nur wenige Worte
und benutzte diese Blätter zu Umschlägen iber die Briefe, welche
Herr von Werben ihm ausgehändigt hatie. Dann adressirte er
sie nach verschiedenen Orie:n und wollie dem: Couzkoirdiener
schellenn, der sie sorlbringen sollle; aber er besaun sich eines Anderen.
Kommen Sie zu Seba hinauf? fragte er.
Nein; ich glaube, es ist gerathener, wenn ich's unterlasse,
da Sie nuun den Freunden mittheilen lönnen, was Sie von mir
gehört haben. Nur daß ich mit Ihnen gehe, lassen Sie nicht
verlauten. Nichtwwissen macht unveranlvortlich.
So will ich Sie gleich nach dem Gärkensaale fiühren, ant-
woriete Paul, und die Briefe danach selbst zur Post besorgen.
Es weiß dann außer dem Gärtner, auf den man sich unbedingt
verlassen kann, Niemand, das: ich einen Besuch gehabt habe -
und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft
des Generals uns jetzt, wie ich glaube, in der That.
Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein,
Paul geleitete ihn durch das Nebenzimmer bis an die Thüre
des Gartensaales. Sie schüüitelten einander herzlich die Hand,
und Jener verließ das Haus und den Garten auf dem Wege,
den er gekommen war.
Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba's
Cabinet trat, fand er einen kleinen Kreis von Männern und
Frauen, unter ihnen die Gräfin Nhoden, bei ihr versammelt.
Man hatte sich, seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern
und Frauen gehalten worden, in denen Seba auch mit der
Gräfin Nhoden bekannt geworden war, an bestimmten Abenden

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im Flies'schen Hause vereinigt, um sich in gemeinsamen Lesen
=--==- ---=-- -ss=--g des Gehörten Üiz-===Il; aber die Ver-
mifd sss s,sszs---ufs
szzs psAinn
suche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen, sich
in diesen Kreis Eingang zu verschaffen, nönhigten die -gel-
N.
nehmer, sich gegeus= - ---8---ugen Zusammenkiünste zu
»-ss dos oeolssIs-
enthalten und sich mit gelegentlichen Verabred ngen zu behelfen.
Pauul war den Freunden bereits bei einer seiner früüheren
Aiwesenhheiten in der Nesidenz zgefihhri wonden, und seil er
nach jeuer ersle ruussischenn Neise mit Briefen des Freiherrn von
Siein a den alaatslanzler betraut worden war, halte das Zu-
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suen des Kreises zu ihm und sein.. iichnigleit sich gesteigert,
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so das; er einer isber seine Jahre großen Gltuung un demselben
donns e
L---u- ie anwesenden Mämner enpfiugen ihn mit freüund-
lichem Handschlage, die Franen hiesßen ihn willkommen, nur die
Gräfin Nhoden,-- - her noch nichk gesehen, wei Krankheit
d.- -;z- s,?'

,.. längere .k zuriicgehalten hatie, schien von seinem Anllicke
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-;-bek zu werden, und =-=-=ug bliehen ihre Blicke auf
i fssssgsz-s1,s.
= ---- als er sich nach geschehener Vorstelluung von ihr zu
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den ihn bekaunten Personen wendete.
Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministeriumn, welcher schon
s=-.s-
--= angekommen war, halte die Nachricht von dem Dresdener
Congresse, die Paul als NeuI-----=--==e, bereits vor ihm
,-s.-s z--s--,s
wverkündet, und die Trauer über diese Ku. de war unverkennbar.
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z ==l bellagle .: König, man fand ei. ---==- --, daß
isnss Fz-p-ss d-»ss
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fher Fgiser vont --;-- -» p-- Zs ---zs-z=-- -------s -g lÜD
RpzAlpirli: Alzspzkofsfiife
R,ss=s-=s- s,
?.isK
-=--lgung habe herbeilassen müssen, und b-dauerte das Luod
-derjenigen preuusßischen =-pen, welche bestint waren, = --
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,feindlichen Erob.. - ---- =-==-- . h-« -uslland zu begleiten.
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Fast jeder der Anwesenden hatie einen od- =- uderen Be-
zwz Ap- r
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ss. sfüip s.iespz
= -==-u lt diesen Regilu==, Und die Gräfin erwäht.,-= -==--
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ihr junger Vetker, der Lieutenant von Arten, dies Schicksal finde.
So soll er sich vor demselben wahren! meinte Paul.
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, Wenn er Das könnte!'' seufzte die Gräfin.
Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen, als mgn-
das neue Bündniß zur Neife kommen sah, das Preußen zu
seiner Selbstvernichtung eingegangen ist.
Während er diese Worte aussprach, klopfte es an die Thütre,;
und ohne von dem Diener gemeldet zu werden, der es wußte, -
welchen Personen er den Zutritt gestatten durfte, trat der junge
Freiherr in das Cabinet.
Sie kommen eben recht, lieber Nenalus, rief ihm die -
Gräsin freundlich enigegen, sich wider einen Angriff zu veriheidigen!
Einen Angriff? wiederholte der Lieutenant, indem er mit-
einem Blicke umhersah. der es aussprach, daß er dergleichen --
nicht gewohnt sei. Und darf ich fragen, wer mich in meiner I
Abwesenheit anzugreifen fiir nothwendig hielt?
Seba halie eine leise Bewegung bei dem lange und von ,
ihr mit peinlicher Besorgniß erwarteten Zusammentreffen de;';
beiten jungen Männer nicht verbergen lönnen, und die Art und-
Weise, in welcher es sich jezt gestaltete, war nicht geeignet, sie ?
zu bernhigen; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm -
eigenthüümlichen, sesten Bestimmtheil: Ich, Herr von Arien, habe I
Sie nach der Meinung der Frau Gräfin angegriffen, obschon -
meine geäußerte Ansicht sich nicht auf Sie allein, sondern guf-'
alle diejenigen Herren Officiere bezog, welche widerwillig den -
Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen.
Es war noihwendig, die beiden jungen Männer, die, noch'
ehe sie sich kannten, feindlich zusammenstießen, einander vorzge
stellen. Und als Paul sich zu der geforderten Begrüßung ahet
mals von, seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor einz
änder standen, fiel die große Verschiedenheit in ihrem Aeußeren
den sämmtlichen Anwwesenden auf. Paul überragte- den feinge?
bauten, schlanken Nenatus um eines Kopfes Höhe, und seine
breilbrustige Gesiall wie die Kraft der Jahre, welche er vor

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; Nenatus voraus hatte, ließen diesen in seiner knappen Uniform
- neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten
? Bürger fast schwächlich erscheinen. Dazu erging es dem Frei-
F herrn wie es der Gräfin ergangen war, Paul's Aehnlichkeit mit
F seinem Vater, die namentlich im Klange den Stimme eine voll-
, ständige war, verwirrte ihn, und von der plötzlich in ihm auf-
- teigenden Erinerung an sein einstiges, in der Knabenzeit erfolgtes
; Zusammentreffen mit diesem Manne unwillkürlich ergriffen, sagte
J er kurz und trocken: So habe ich als ein Mitglied des Officier-
, corps wohl ein Recht, Sie ui die Wiederholung jener Meinung
- oder Asichi zu ersuchen.
Ich, stehe mit Vergnüügen zu Diensten, entgegnete Paul.
oz
= war der Meinig, das; es die Pflicht jedes preußischen
, Officiers gewesen sein würde, zur Zeit des neuen französischen -
I Biddnisses seinen Abschied zu nehmen, wenn er die tyrannische
- Fremdherrschaft verachtet.
? Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren, ge-
- stattet die militärische Ehre nicht, und unc dem Befehle unseres
F Königs zu widersetzen, verbietet uns sowohl der Eid, den wir
, geschwoxen haben, als unsere angeborene Unterthanenpflicht!
- antwwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit, die immer
; hervortrat, wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes
angegriffen glaubte.
Paul verneigte sich, als lasse er diese Gründe gelten, und
die kräftigen Lppen stolz aufwerfend, sprach er: So hat die
I Frau Gräfin unbedenklich Recht, wenn sie das Loos der preußi-
z schen Officiere bedauert, und ich habe mich gliücklich zu preisen,
- e?
daß ich, als ein Bürger des freien Amerika, keinem Herrn einen
I Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen
meiner Neberzeugung nachzuleben brauche.
Sebb und die Gräfin versuchten, sich in das Mittel zu
, legen; die gute und schöne Stimmung, welche in diesem auf

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das erhabene Ziel der Selbsterziehung und der Veredlung ge I
stellten Kreise herrschte, lam ihnen dabei zu Hiilfe. Die älteren H
Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden, und Paul Z
war auch bald bereit, sein Verhalten gegen den jungen Officier Z
als ein Unrecht anzuerkennen. Er gestand ein, daß man die -?
obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Auugen setzen dürfe, daß -
nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände, und ?
al er sah, wie schwer es Renatus fiel, seine Gereiztheit zu be- -;
siegen und zu einem Gleichmase zu gelangen, bemächtigte sich ?
seiner jene Neue des Mitleids, die sich einen Vorwurf daraus ?
macht, seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren Gegner -
angewendet zu haben. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder Z
in den gewohnten Flus; man nahm also zu gemeinsamem Lesen F
z
seine Zfluchl, utd auch hierlei lralen die beiben jungen Männerz
eiander bald wieder feindlich eutgegen, als in dem vorgelesenen z
Werke die Lebe zum Vaterlande als die stärkste Triebfeder für z
die Handlugen des Mannes angegeben wurde.
F
Paul wollte das nicht gelten lassen; er nannte die Vater-

landsliebe ein beschränktes Gefihl, eine Art von bewußtlosem
Instinct.
-

Renatus, der wie alle reizbaren Menschen eine von der
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seinen abweichende Meinung leicht als einen persönlichen Angrif
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auffaßte, fuhr mit Jder Frage dazwischen: Aber was kümmert
Sie denn Europa, was kümmert Sie Preußen, wenn Sie es
nicht als Ihr Vaterland lieben? Weßhalb hassen Sie Napoleon,
dessen Größe Sie nicht läugnen werden, wenn Sie in ihm nicht
den Unterdrücker Ihres Vaterlandes hassen?
Ich hasse in ihm den Tyrannen, den Wortbrüchigen, den
Unterdrücker der Freiheit überhaupt, entgegnete Paul, ich läugne
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auch seine Größe, denn sie ist nicht so gros als sein Glück, als ?
die Gunst der Umstände, die ihn auf den Schultern und über -s
die Köpfe einer entsitilichten Gesellschaft, einer verrotteten Ma- z
A
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narchie emporgetragen hat; und. füigte er, da Seba's Augen
F ihn mit bittendem Blicke zur Vorsicht mahten, in leichterem
Tone hinzu, vielleicht sind es auch meine kaufmännischen An-
Z gelegenheiten, die mich die gegenwärtigen Z nstände als uner-
, trägliche und darum unhaltbare ansehen machen. Unter dieser
F Gewaliherrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen, kann
I das Capital sich nicht frei bewegen, leidet Jeder auf seine Weise.
Die Gräfin, ivelche befirchteie, Renatus möchte diese Ent-
s gegnung als neuen Spott empfinden, behauptete, sie könne jene
K lezten Gründe unmöglich als die für Paul bestimmenden be-
z, trachten; aber er blieb bei seinem Worte, und während sein
F schönes Gesichi sich wieder ganz und gar erhellte, rief er: Nechnen
I Sie den pie Habschi ud die Selbstsch nicht iberall zu den
H
F grosen, die Welt bewegenden und erneuenden Kräften? Sullen
F sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben? Es ist ganz einfach,
wie ich's sagte. .ah hasse Bonaparte, weil er mich in meinem
N,
? Erwerbe stört. Thut das ein Jeder an seinem Plaze, so kommt
j Paß geng zusammen, ihn von seiner angemasten Höhe hinab
z z stirzen; und went es auch nicht groß, nicht idealistisch klingt,
F seinen Erwerb in die erste Neihe zu stellen, so ist doch Jdealismus
s, genug darin verborgen; denn auf meinem Erwerbe ruht mein
z Pab und Gut, ruht mein Vermögen, das heißt die Unabhängigkeit
ß, und Freiheit meines ganzen Thuns und Lassens.
z. Solche Ansichten lagen eigentlich außerhalb der Meinungen
h-
F und Gesinnuungen dieses Kreises. Seba hatie j,ne Gleichgültigkeit
Z gegen den Besiz, welche man häufig bei bevorzugten Naturen
Z findet, wenn sie, im Neichihume erwachsen, niemals eine Et-
t behrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben, ihren Zustand
hzzen Wohlhabenheit wie eine Naturnothwendigkeit anzusehen.
h,ie Gräfin hingegen und die anderen Genossen hatten mehr
F oder weniger unter der Noth der letzten Jahre gelitten. Sie
h hatten sich beschränken, sich viel versagen, auf manches von ihnen

-- Z2Z-
bis dahin fin unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen, ohnej
daß sie sich in ihrem inneren Werthe und in dem Aufschwunges
ihres Geistes dadurch beeinträchtigt fühlten; und die Freundej
waren deßhalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt, die Bo
deutung und den Werth der äußeren Glicksgüter zu unterschätzen,ß
da sie sich mit ihren Gedanken und Hosfnungen aus der bs-!
engenden Gegeuwwarl in den Bereich einer schönen und befreiienß
Zukunft erhoben. Trozdem ließ man die Aeuserungen des in?
den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort
waltenden Anschauuungen gebildeten Mannes endlich gelten, weilß
man sich zu seinem frischen, selbstgewissen und freien Wesen desß
Besten versehen zu können glaubte; und während Nenatus sich
mit Geflissenheit von dem weiteren Gespräche fern hielt, fühltes
die Gräfin sich von ihrer antheilvollen Neugieroe getrieben, sich,
fast ausschließlich mit Paul zu beschäftigen, bis man den Wagenj
des Hausherrn vor der Thiüre halten hörie und die ganze lleineF
Gesellschaft sich in das Wohnzimmer begab, den Vater und diel
Hausfreunde und Gäste zu erwarten, welche sich häufig nochs
nach dem Theater einzufinden pflegten.