Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 31

I wölftes Capitel.
zst u dieseibe Zeit, i welcher Nenois die Wohnzng
der Gräfin verlies, stand Paul vor der niedrigen Thüre eines
Zimmers, das in einem Hinterhause derselben Strasze im dritien
Stockwerle gelegen war. Aus sein Klopfen rief man: Herein!
und ein mitelgroßer, sehr schmächtiger Mann erhob sich von
dem Tische, an welchem er schreibend gesessen haiie.
Er trug einen hechtgrauen, alumodischen lleberrock, eine
Kniehose und Weste von schwarzem Tuuche, und selbst den Puder
und den kleinen, steifen Zopf, der ihm sest und gerade am Hin-
terkopfe sasß, hatke er gegen die veränderte Sitte beibehalten.
Alles an ihm und in seinem Slibchen trug das Gepräge pein-
licher Genauigkeit und Ordnungsliebe. Lineal und Papierscheere,
Federn und Bleistift lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf'
dem Tusche, das Wasserglas war mit einem rundgeschnittenens
Papier bedeckt. Um den Käfig des Hänflings, der reich mits
frischem Vogelkraut behängt war, fanden sich Papierstreifen durch'
das Gitter gezogen, damit der Vogel das Futter nicht verstreuen
kömte; selbst unter die kleine, irdene Vase, in der einige Weiden-
zweige mit ihren grauen Blüthenkätzchen sich im Sonnenscheine
entfalteten, war ein zierlich zurecht geschnitienes Papierblatt ge-
breitet, und Paul bemerkte mit Vergnüigen, das; das Gesicht des
schon bejahrlen Manues, der ihn empsiug, eben so ruhhig und fried-
lich aussah, wie das Stübchen, welches er bewohnte.

--- Zg!---
Auf seine Frage, wie es ihm ergeh, antwortete der Greis:
Gut, gut, lieber Herr Tremann. Wi: sollte es mir anders
ergehen, da Sie so gütig fir mich sorgen? Ich habe ja alles,
was ich brauuche, und das müssen Sie sagen, ein so hübsches,
somniges Zimmer habe ich nicht gehabt, selbst nicht, als wir das
Stockverl im Flies'schen Hause noch ganz allein bewohnten.
Er schob bei den Worien sir Pauul eine Siuhl an das
Fensier, machte ihn auufmmerlsam, wie der Schnee in der lezten
Nacht geschmolzen sei, wie in den Grten, auuf die er aus seiner
Wohnuig hiniter sah, sich an einzelnen Stellen schon der Rasen
über dem befreiten, braunen Boden neu zu färben beginne, und
sagte dann: Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf
nach demn Himmel, und habe solch einen schinen, weiten Horizont
vor Augen, so denke ich immer nur mit Screcken an die Arbeits-
stube, in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten meine
Tage hingebracht habe, und ich frage mich, wie ich sündiger
Mensch jetzt nr ein so ruhiges Leben und es in meinen alten
Tagen noch so gar gui auf Erden haben lann.
Denken Sie, daß Sie es durch Ihrr Gite für mich ver-
dient haben, meinie Paul.
Ja, freilich, das muß ich mir denlen, went mich nicht
drücken soll, was Sie finn mich thun. - Er schwieg einen Augen-
blick und sagte dann: Ich weiß nicht, was auus mir geworden
wäre, hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen Helfer
in der Noth gesendet. Nicht wissen, wo man sein Haupt zur
Ruhe legen soll, und nicht wagen, sich mit seinem grauen Kopfe
vor den Menschen, die man gekannt hat, sehen zu lassen, weil
man es mit Schimpf und Schande beladen, weil man im Zucht-
hause gesessen hat -- das ist gar zu schreckich. gar zu schrecklich,
lieber Paul!
Er senulle dabei sein Gesichi in seie Hände; aber als
der Aundere ihn ermahnte, diese trüben Gedanken von sich fern

N,i e
zu halten, meinte der Alte, es thue ihm gut, sich einmal aus-
sprechen zu dirfen.
Sehen Sie, rief er, indem er sich erhob und aus der
Schblade seines Tisches ein in schwarzes Leder gebundenes
an Sie, und weil ih
Hüüchelchen hervornahm, ich denke immer
sonst gar nichts für Sie thun kann und
anzunehmen habe, so schreibe ich hier in
immer nur von Ihnen
dad Buch, das ich mir
eigens dazu habe binden lassen, alle die guten Lehren ein, die
ich mir aus meiner verkehrten Handlungsweise abgenommen habe,
und das soll einmal Ihr Erbe sein, obschon Sie meiner guten
Lehren wahrlic nichl bedirsenn. ls will duc aler Jeder gern
elwas z geben und zu hinlerlassen haben.
Er hielt Paul das Buch hin; es hatte einen vergoldeten
Schnilt, der Tiel war wie eine Fesigabe in schönster Fraltur-
schrift geschrieben und trug unter der reichverzierten Neberschrift:
, Erfahrungssäze und Sinnspriche'', auf der ersien Seite' äls
ssas
, ersle Lehre die -«orte: ,Gil nie einem Weibe Gewall -u=--
- N.
; =-ich, denn des Weibes Herz ist verkehrt und sein Thun und
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; =-eiben eitel!'
Herr Weisßenbach schien großes Gewicht auf diesen Aus-
spruch zu legen. Wenn Sie wisßten, sagte er, wie öft ich mir
das in meinem Ungliicke vor die Seele gehalten habe! Und
ich war nicht am unglicklichsten, als das Geheimnis; meiner Ver-
schuldiguung entdeckt, als die Untersuchung gegen mich eingeleitet
und mein Urtheil erst gesprochen war, als ich die Untreue, mit
welcher ich die mir anvertraute Kasse angegriffen haite, im Ge-
fängnisse büste. -- Er blätterte in seinem Buche,
mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief:
da steht es: ,Ehre annehmen mit dem Bewusßtsein,
zeigte dann
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sie nicht zu
verdienen, thut einem Rechtschaffenen sehr wehe!'?-- Und ich
kann mir das sagen und Sie werden mir das bezeugen, lieber
=uremann, ich war ein rechtschaffener Mann. Ich bedurfte nicht

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viel, ich=u zufrieden, wenn ich ruhig bei meinen Acten saß,
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wenn ich meine Pflicht that; aber ich hctte einem Weibe Gewalt
über mich gegeben, einem jungen, einen. shönen Weibe, als ich
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-=-- Hnglitg mehr war, und ich kruuute einer Delila! Ic
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--»-»---. ich folgte ihr und ihren verfihrerischen Nathschlägen, weil
ich ihrem klugen Kopfe und g- -- - = ==- ---=--=----=-, als
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- meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte! Das
soll man =«- -=l, soll man nicht thun!
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Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne; aber er
fand es endlich doch uöthig, seinen Erzäh' ungen und Herzens-
ergiesiüingzen ein Enide zu machen, indemn er ihz bai, sic der
Gedanken an seine Schuld, an seine sassation und an seine
Frau zu entschlagen.
D,s- 9ss.-
=-- - -==- versicherte, das; er dies auch hue. Nur wenn
sie hier war, sezte er hinzu, -enn sie einmal wieder lier .e.
dann wurmt und brennt's mich wieder, darrn wacht Allcs wieder
auf - und heule isi sie dagewesen!
Ma
=-as wollte sie? fragte Paul.
Nichts, nichis, lieber Herr Tremann. Seit sie bei dem
Grafen ist, hat sie nichts von mir verlangt, sie hat's ja -=
bei dem vollauf.
Aber weßhalb kam sie denn, sie pflegte doch nichts ohne
Absicht, nichts umsonst zu thnn? meinte Paul, der seine Ab-
neigung gegen die Kriegsräthin nicht verhehlte.
Der Alte sah sich schich u und sagte: Das; ich die
zfpzi:

==-»rheit sage, sie kam Ihretvegen!
z Meinetwwegen -- und wie das? Was wull sie von mir?
Gewis, lieber Paul, ch wollte sagen: lieber Herr Tremann,
npvsi»szpsz-s,-
----==--- der Kriegsraig, dieses Mal hatte sie keine -==---s-
-
Jsoi
, dieses Mal meinte sie es gu-- -- ---ze. ob ich noch immer
s »,. s----s
- Ms» s.6 s.ss.
- -- =--. ob Sie mir noch das Monatsgeld gäben, woher
uh die Arbeit hätte, was ich fir Sie schriebe? Ich zngf---
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- Zge--
die Auszüge, die ich für Sie aus den Zeitungen machen mußn
sie besah sich das alles, denn sie versteht sich auf dergleichen,, un
als sie schon im Fortgehen war, drehte sie sich noch einmal um ,
und sagte: ,Der Paul hat uns zwar schmäihlich verlassen und -
ist eigentlich an Allem schuld, denn wenn er bei uns geblieben
wäre, würde Alles anders geworden und wir nie in die Ver- -
legenheit gerathen sein. Da er Dich aber in Deiner Noth undI
in Deinem Alter wenigstens nicht verläszt - denn ich brauche ;
ihn nichl, ich weis; mir selbsi zu helfen--- iuud da ich Dir seinen -
Beistand auch nicht entzogen sehen mag, so sage ihm, er solle
machen, daß er von hier fortkomme, und zwar je eher, destoI
lieber! Sag ihm das, und ich verlangte keinen Dank für
meinen guten Rath!
Und damit ließen Sie sich geniigen? Sie erkundigten sich -
nicht, was diese Weisung, diese Warnung z bedeuten habe, ?
--
worauf sie sich beziehe?
Der Alte sah ihn verlegen an. Sie wissen, was meine I
Laura nicht sagen will...
Er brach ab; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegs- -
rath. Er stand vielmehr auf, händigte dem Greise die Pension, ;
die er ihm seit dessen Freilassung zahlte, fir den nächsten Monat ;
aus, sagte, daß er sich dieselbe aus dem Flies'schen Comptoir ?
für die nächsten Monate holen möge, und wie er in dem Bureau -
des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zufage erhalten ?
habe, daß man Herrn Weißenbach auch ferner mit Copisten-;
Arbeit beschäftigen werde. Dann nahm er seinen Hut und wollte?
sich entfernen, aber der Kriegsrath hielt ihn zurick. Er haite -
offenbar noch etwas auf dem Herzen, das er sich zu sagen scheute, -
und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage, ob er noch irgend?
etwas wünsche.
. -?
Der Alte sah ihn scheu und bitiend an. Sie haben' sß-
viel fiür mich gethan, lieber Herr Tremann, sprach er endlich

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i ;
--- ZeJ-
, und ich danke Ihnen, daß Sie sich so fü mich verwenden! ich
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? thue mein Möglichstes, Ihrer Füsprache Ehre zu machen, aber...
Nun was denn?
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Aber könten Sie mir nicht etwwas zu rechnen schaffen?
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F rief der Alte, und er sah so hell dabei aus wie ein Liebender, der
? endlich sein lange beabsichtigtes Geständniß anzubringen vermochte.
F- Etwas zu rechnen? Aber was soll das sein? Weßhalb
J eben etwas zu rechnen? Sie haben ja Arbeit genug!
?
Ja, Arbeit, aber lein Vergnigen, keine Freude! r.ef der
- Alte. Solch einu Blalt, das ich abschreib, steht vor mir und
z rückt und rührt sich nicht; es ist mein Herr, ich bin sein Sclave,
? ich darf nichts zu-, nichts abkhun, jeder Buchstabe ist mein
Meister. Aber Zahlen, die commandire ich, die fige ich zu-
sammen, die vermehre und vermindere, die verbinde und theile
-
z ich, die sind meine Geschöpfe. Und wie schön sieht es aus, solch
z ein Cassabuch, wie statilich, wie majestätisch, wenn die Stellen
I unten sich auuf jeder Seite mehren, woenn es in die Tauusende,
? in die Hundertiausende geht! - Er hielt ein wenig inne, als
:
f schäme er sich dieser Aufwallung, und sagte dann ganz leise und
s
z. bewegt: Ich war sehr glicklich damals, als in meinem Haupt-
1I buche das Soll und das Haben sich noch wohl vertrugen, als
! - ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen, schlanken Zahlen-
! I reihen blicken konnte; und - ich würde hier in dieser schönen,
g J ffillen Stube recht glücklich sein, wenn ich wieder etwas zu rechnen,
,? wenn ich wieder die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und
! - oor Auugen hätte! Es ist das Einzige, was mir zu meinem
! - Glicke und zu meiner Zuufriedenheit fehli!
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Paul konnte nur mülhsam sein milleidiges Lächeln verbergen;
h, er versprach dem Alten, an seinen Wunsch zu denken, und als
1- dieser ihm die =gur öffnete, um ihn hinaus zu lassen, fragte
Ac,t
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h; er: Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus? Wissen
;. Sie das zufäslig?
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k?

IäG-
Meistentheils Franzosen, entgegnele der Kriegsrah. Ein
Baron von Castigni kommt alle Tage. Meine Laura sagt, es
sei ein verbindlicher und feiner Mannn. Aber auch von den
Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere, und
in den lezten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten
öfter bei dem Herrn Grafen zu Tische gewesen. Heute ißt er,
glaube ich, allein mit ihm.
Paul hörte das ohne Eigegnuung an und schied von dem
Alten mit dem wiederholten Versprechen, an die Erfillung seiner
Winsche denken zu wollen; aber die Frage, was die Warnung
der Kriegsräthin zu bedeuten habe, beschäftigte ihn doch mehr,
als er es dem Greise zu zeigen fir angemessen fand, denn sie
traf mit den Bemerkungen zusammen, welche auch Herr von
Werben ihm in dieser Bezichung gemacht hatte. Da er nicht
dazu neigle, seine Person und seine Thäiigleit höher, als e!
recht war, anzuschlagen, fiel es ihm auf, daß man überhaupt
a- »
von französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war. Seine -
Geschäfte waren nicht größer, nicht bedeutender gewesen, als die
mancher anderer Kaufleute, seine Reisen hatten an und für sich
auch nichts Auffallendes, und der Verkehr, welchen er zwischen -
den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden -
vermittelt hatte, war mit solcher Vorsicht behandelt worden, daß -
er nicht wohl verrathen sein konnte. Den Grafen Gerhard, über
dessen Verhältniß zu Seba er nicht im Zveifel war, hatte er-
seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen. Er trug auch kein
Verlangen danach, dem von ihm in jeder Beziehung verachteten,
Manne aufs Neue zu begegnen, und mit dem Herrn von Ca-
stigni, mit dem er jezt im Flies'schen Hause freilich beständig -
zusammentraf, hatte er keine Unannehmlichkeit gehabt. Die ein-
zige peinliche Berührung hatie gestern zwischen ihm und Nenatus I
Statt gefunden; damit konnte aber die Warnung der Kriegs- -'
räkhin, die ohnehin von ällerem Daium war, nichts gemein
=-

--=- eg ! =====
haben, und es blieb ihm auf diese Weise also lein Anhalt fir
seine Vermuthuungen. Da man sich jedoch untrr der obwaltenden
französischen Gewaltherrschaft auf jede Art von Spionage und
Angeberei gefasßt halten muste, so war es ihm erwünscht, mit
seinen Agelegeheiten so weit vorgeschritten zu sein, das; seiner
Abreise nicht mehr viel im Wege stand.