Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 36

Ein
Stebzehnteä Ca - - - -
si s s l
erz
Alrei Tage und fast drei Nchte waren seitdem vergangen-
==a?
feiner, trockener Schnee fiel dicht und leuuchtend hernieder.
Von durchsichtigem Gewölle leicht verhitllt, stand der Monnd
am Himmel, als ein offener Schlitien, von zwei kleinen, raschen
Pserden pseilschnell forlgezogen, über die Nchrg, iiber jene
-andenge fuhr, die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen
Haff hinzieht.
Zwei Mäner, u Pelze eiigewickelt, sasßen in dem Schlitten.
Ein polnischer Jnde, ebenfalls in seinen Pelz gehillt, die spize,
verbrämte Sammekmüize lief auuf die gedrehien Seitenlocken her-
untergezogen, machte ihren Kutscher. Die Nacht war kalt. Schwer
und laugsam schlgen die Wogen des Meeres an das lfer, das
sich mit seiner Schneedecke hellschimunernd von der weiien, dunklen
Fläche abhob.
Ein Königsberger Kausmann halle den Juden, der in
=-uland zu Hause war, gedungen, die beiden Fremden über
D.?
die Nehrung nach der Grenze zu bringen; aber wie sehr der
Jude sich auch bemühte, er hatte es nicht ermitieln können, wer
sie wären und was sie in Nußland zu suchen hätten.
Daß sie nicht Herr und Diener seien, als welche ihre
Kleidung sie bezeichnete und als welche sie sich ausgaben, das
sh-s= d.p=- K,s
=--=- - »=p-aue bald bemerkt; denn überall war es der so-
genannte Herr gewesen, der, wo es Noth ihat, die rasche Hand
angelegt, während der Diener sich immer erst nachträglich dazu

ei
entschlossen hatte. Deutsche waren sie nach des Juden Meinung
nicht, denn er hatte, so genau er auuch darauuf merkte, noch kein
deuisches Wort von ihren Lippen vernommen; Franzosen aber
-==== - -icht so gelassen. Für gewöhnle, --p--=- war in dieser
. s?.is,mss.
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JeSze.u »- -=--oA --sz - =--- -=--p - - j«.u Kcüup====- , die
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Geschäfie in Rug=.==- -===»== -, also läng- - »==-- = -=====-- wvoll-
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- -. hatten die Fremden ihm nicht genug Gepäck bei sich, und
Eips:
französische Emissäre konnten sie vollends nicht sein, denn diese
würden bis zur Grenze die Beförderung d.g die Vost ae-
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-- -- , ben. Er kan also, je mehr er darüber nachsann,
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mmner wieder auf dent Geda=- z-=«« has; seine Passagiere,
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obschon sie Französisch mit einan... redefen, Engländer sein
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misslen ud das; sie aus diesemn wenig besuchien Wege nach der
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GrellzE --h- - - --= zu schell, --; -=- -=- =-» -s- i-»» -guü!e
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einem Handelsverlehr., wwie er ihn bei dent Ienseus.t voraus-
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zuuseze . angeessen fand, pflegte fitr die vermitielnden Juden
s füs-
immer ein klet.... oder größerer Gewin abzufallen,-=-
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u. - ben und lebenn lassen-- isi ein alier Guuunndsatz.
N,.
Es war eine schnelle, lauilose Fah.. ---- -- z Zeit
.s y;
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sahh der -« -der ande.. der beiden Reisenden in die Gegend
wisso
hhiuat.«, uld -=-- i- u-o-=-=-, das; sie einsamt aus der über-
nc n
siisss sis npssssslzzipss
schnente Düine blieben, schien ihnen das erwümnscht zu sein. Sie
-- =- dauu auc el. =---=- -- . llaüu, i«u ;o leise, das;
is.- H,,is. imis -
ppApiis
s.:=- s
der Jude nicht ermitteln konnte, um was es sich dabei handle,
obschon er in der langen Zeit des Krieges u.o der Franzosen-
Isd
ssz-z-s,l.,- fs -oifinn
---»-i- ü--z von der Sprache der Fremden erlernt halte, umt sie
verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu können.
Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten
Iszzsz,- lspis siffnomenmoss
-- -==----- »--==b-, als der Diener sich bei dem Fuischer er-
kundigte, wie lange mtan bis zur Grenze noch z-- p-= -b-- -=--
s s»»si»pis s..Ko

-=- Fshs-
=-- - ie, froh der Anrede, weil sich ihm mit derselben
,=- .
doch eine Möglichkent eröffnete, seine redselige Negier zu be-
friedigen, meinfe, wenn er so zufahre, wie bisher, und seine
Pferde es aushielien, so könne man bald nach Aagesanbruch
auf der Grenze sein.
Musz man die Stadt passiren, um an die Grenze zu ge-
langen? fragte der Diener ihn abermals.
Wenn die gnädigen Herren nichts haben z---==--- in der
s f lziii-
Stadt, entgegnete der Jude, so müsfen die Herren nicht; aber
s, ffsis-
-z -=s h==.-. l = -===- dder mtusz oc eit tal ntacen
elfis
d- Fi,-hs
eine Station hinter der Stadt, von wegen meiner Pferde.
Er hatie die There, während .. dieses sagt.. sich selber
.s P
überlassen; sie fingen also langsamer zu gehen an, und der
Diener ermahnte den Jden, mit Zuusage einer besonderen Be-
lohnmg, sie auf's Neue anzutreiben.
=-=. das sein ein Bedienter, dacht. -- .-e, und niunt
Mtt
-s d.z- ,d
------- z- das == -- =- reg. -- Er schlug nichts desto
H,i ii
sisniis H,vs
wweniger mit lautem, ermuthigendem Schrei anscheinend unbarm-
herzig auf seine Thiere los, wusle den Hieb jedoch so geschict
-p=en, daß er sie gar nich.-=-. Der andere Neisende,
s s--Ais
ss-
dessen schweigender Achlsamket sich nichi das Geringste euizog.
bemerkte diese List.
Lassen Sie ihn ni,. merlen, mein Freuund, sagle er zu
s.s
seinem Gefährten, wie sehr wir die Grenze z --=-- oüünschen.
ozpiplzns: s
Er könnte sonst leicht auf den Gedanken kommen, sich zandernd
eine größere Belohunung zu verdienen, u= --g----- I g-u.
- G,-
s iiis- siind ss s.iis -
. DIs
=----=-pe des Zieles niacht ungeduldng, und Sie kennen
sicher so gnt wie ich die abergläubische Fn.g- -or dem Scheitern
s-s i
im Angesichte des Hafens! entgegnete der Zurechtgewiesene, mit
diesen Worien sich gleichsam rechiferligend.
z- ß,s-
O ja! Es gab eine Zeit, versetzte Paul, in welche.--e
zsii inohiy
diesen Eindrücken sehr unterworfen war; z- uh aber -==- ---==-
s.s s

--- 40 --
sonderlich an dasjenige gloube, was man als Glick bezeichnet,
habe ich auch die Furchi vor seinen Lannen verloren.
Sie würden es also nicht als ein Glick erachten, wenn wir
ungehindert unser Ziel erreichten, und es nicht ein Unglick nennen,
würden wir daran verhindert?
Nein! enkgegnete der Andere. habe für den Fall, daß
N,z
man es wirklich auf meine Person abgesehen hätte, mit Ihrer
Hilfe ach bestem Wissen meine Vorsichtömaßregeln genommen!
Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht, so ist das unser
Verdienst und kein besonderes Gllck! Mißlingt unser Unter-
nehmen, so unterliegen wir nur ei em Naturgesetze, der Macht
des Stärleren, deun zwischen uns und unseren Feinden ist die
Partie nicht gleich!
Er brach ab, und diesmal war er es, der mit scharfem
Auge um sich blickte, denn das Wetter fing an, sich bedenklich
zu verändern. Die leichten Wolkenstreifen hatten sich zusammen-
gezogen und verdichtet, der Mond verschwand bisweilen plözlich
hinter ihnen, dann kam er eben so plötzlich aus dem schweren,
schwarzblauen Gewölke hervor, das Meer beleuchtend, dessen
Wogen sich immer höher hoben, während ein dumpfes Grollen
aus seinen Tiefen dem klagenden Weherufe des Windes Antwori
gab. Licht und Schatten wechselten schnell und phantastisch mit
einander ab, aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener,
die Dunkelheit immer tiefer. Nur bisweilen meinten sie noch
den Gischt der anfgebäumten Welle zu gewahren. wenn sie unter
dem Stoße des heulenden Windes niederdonnerte und hinzischend
auf dem eisigen Ufer zerfloß.
ar länger sie fuhren, je stärker erhob sich der Sturm. Er
N-
trieb ihnen den stechenden Schnee entgegen, daß es ihnen den
Aihem versetzte und sie die Augen kaum noch öffnen konnten;
aber sie beklagten sich nicht darüber, und das bestärkte den Juden
nur in seinen Vermuthungen üüber sie. Die sind's gewohnt,
F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. ll.

--- 10F--
wie ich, dachte er, und er wollte versuchen, ob sich aus der Lage,
in welcher sich nach seiner Meinung die Reisenden befanden,
nicht ein Vortheil fir ihn ziehen ließe.
Gnädiger Herr, hob er an, sich auf seinem Sitze halb um-
wendend, gnädiger Herr! Der Herr Bedienter haben mich vorhin
zu fragen beliebt, ob man kaunn an die Grenze kommen, ohne
zu fahren durch die Stadt. Wenn der gnädige Herr uir geben
will finfunddreißig Rubel mehr, daß ich meine Pferdchen kann
nachher rasien lassen, will ich den gnädigen Herrn iber die
Grenze briugen, ohne das: er soll zu sehen belomen einen
Grenz-Kosaken oder einen Beamten von dem Zoll.
Und wer soll mir denn den Pas; visiren? fragte Paul.
Der Herr haben also einen Pas;? forschte der Jude un
glänbig.
Wie anders? entgegnete Paul und wickelte sich fesier. in
seinen Pelz ein.
d.s- .
V-- .ide war aber so leicht nicht abzuweisen. Ich bin
drüben gleich hinter unserer Grenze zu Hanse, fuhr er fort,
und habe meine Tochter diesseits verheirathet im lezien Kruge.
Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn Leuinau: von
der Wache und den Herrn Inspeckor von dem Zoll, und sie
kennen mich auch. Wenu vielleicht.... Er hielt iberlegend
inne, ob er so weit gehen sollte, und wagte es endlich dennnoch,
seine pfiffige Vermulhuung auszusprechen -=- wenn vielleicht der
Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Paß -- die Pässe
werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger!
Schlimm für Dich, der Du heimlich über die Grenze gehen
willst, falls wir Dich verhindern, Deine Contrebande in der
Stadt oder draußen bei Deinem Tochtermanne abzulegen, bis
Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst! Und nun fahr
zu! rief Pauul befehlend, allen Vermuthungen, Vorschlägen und
Planen des Juden damit ein Ende machend, wie sehr dieser

---- g1Z----
sich auuch hoch und khener verschwor, das; er gar leine Waare
bei sich habe, das; er ein ehrlich:r Maun und ganz ausschlies:lich
nur anf der gnädigen Herren Vortheil bedacht gewesen sei. Aber
die Besorgnis, daß es doch vielleicht französische, mit heimlicher
Beaufsichtigung der Grenze bekranute Beamie sein lönnien, die
er fahre, lähmte endlich des Juden Zunge, und, Jeder in seine
Gedanken versenkt, sahen die beiden Reisenden schweigend in die
Nacht hinans, während die Sekunden kamen und entschwanden,
während Woge um Woge gleichmäsig auf das Eis des Ufers rollte,
während der Stuurm die Wolken, die er zusau;ngefegt hat-. in
wildem Laufe vor sich her trieb, bis hier ein Stern durchblizte
und dort ein zweiter, und bis endlich hoch am Horizonte der
Nordstern wieder hell strahhlend auus dem Siebengestirn herniedersah.
Paul begriste ihn wie einen alten Freund. Seine frühesien
Erinnerungen knipften sich an dieses Gestirn. In dem kleinen
Hause seiner Muiter hatte er auf seines Vaters Knie gesessen,
als dieser ihm das Gestiru gezeigt; aus dem Fenster der Kriegs-
räthtn, auus Seba's Stube hatte er es gesehen. Es hatie ihm
geleuchiet in der Schmerzensna.g.. -ie ihn aus der Heimath fori-
Fs -
getrlkben, es hatte ihn nicht verlassen, als er, ein flüchtig ge-
wordener Knabe, über das weiie Weltmeer gefahren war, und
es war hei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der Hei-
math, als er in dem fremden Welttheile nichts sein eigen genannt
hatte, als sein nacktes Leben.
Eine Ruhrung, die ihm fremd war, bemächtigte sich seiner.
Hingenommen von seiner rastlosen = =z, war ihm durch
s.8s.-?.
alle die Jahre wenig Zeit zum Nachsinnen geblieben. Wie man
im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem Blicke und sicherer
Hand den Ring absticht, hatte er im eiligen Wechsel der Ereig-
nisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen
die Ueberzeuguungen und Grundsäze bilden müssen, nach denen
er sein Leben regelte. Von der flüchtigen Minute hatte er Ve-

---- 1F--
lehrung sordern, in die freie Minuie sein Epfinden zusammen-
pressen missen, und des glicklich Erreichien hatie er sich kaum
erfreuuen düürfen, weil immner ein ueuues, nothwenndig noch zu Er-
reichendes schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte.
Nun freilich hatie er, was er zuerst erstrebl. Er halle
einen eigenen und einen guten Namen, den ihm nicht sein stolzer
Vaier vererll unud eichhi seiue arne Mmiier hiilerlassen haile,
sondern einen Namen, den er sich selbst geschassen, wie seinen
ganzen, nicht unbedeutenden Besiz. Aber wozu das alles ? fragte er
sich auch in dieser Stunde. Wer bedarf des Besizes, den Du Dir
erworben hast? Wen frent es, wenn Dein Fleiß ihn wachsen
macht? Wer sorgt sich darum, wenn er =-r verloren geht?
l
Für wen bist Du eine Nothwendigkeit in dieser weiten Welt?
Und während diese Gedanlen in ihu aufsliegen, nanule er
selbst sie ein Unrechk gegen die Frau, welche die Beschützerin
seiner Kindheit und das Jdeal seiner Jugend gewesen war. Er
liebte Seba auch heute noch, wärmer, zärtlicher, begeisterter, als
der Sohn die Mutter liebt; denn seine Liebe war freier, als
die Kindesliebe, war nicht naturbestimmt, sondern Erkentniß
und fre! Wahl, und überall steht das Freigewählte hoch über
allem Angeborenen.
Aber Seba war nicht jung wie er, sie beduurfte seiner nicht,
sie war nicht ausschließlich sein eigen. Es änderte sich in ihrem
Loose, in ihrem Leben nichts, was auch aus ihm werden mochte,
und doch düünkte es ihn, als gleiche er immer nur dem Blatie,
das der Wind unherireibt, als fasse er nicht feste Wuurzel in
dem Leben, so lange er sich nicht nothwendig, nicht unentbehrlich
für ein anderes Menschenwesen wisse, so lange er, der keine
Heimath und keine Familie für sich vorgefunden hatte, sich nichi
seine Heimath selbst geschaffen habe in der Familie, die er selbst
begrindet, so lange er sich in seinen Kindern nicht eine Fort-
dauer iber seinen Tod gesichert habe.

---- gßJ--
Ei scharfer Lftstrom streifie iber Pauul's Stirn ud enir!s:
ihn seinem weichen Sinnen. Die Nacht var im Eischoinde.
Wie am ersten Schöpfunngetage begannen Lufi und Wasser sich
vor seinem Auuge zu scheidin, der Blick wurde wieder Herr der
==--- und langsam durchdeingend und sich Bahnn machend durc
NC,si
das schwebende und wallenhe Gewölk, das sie mit ihrem Puurpnr
shrble, slieg enndlichh in slamender Herrlichfeil die Sonne, mäclig
in ihrer Leben bringenden Krast, aus den dunleln, lnlien Wogen
an dem klar gewordenen Wirterhimmnel enpor.
Der Morgen, rauh und kalt wie er war, erfrischte Paul
und gab ihn sich selber wieder. Er wußte, was ihm das Herz
so weich gemacht hatte. aber er scheuchte den Gedanken wie einen
entnervenden Traum weit von sch fort, denn Ungeduld und Unzu-
friedenheit mil dem selbstgescaffenen Lvose erschienen ihm als eine
Unmännlichkeit und Schwäche. Erst das Vaterland und dann
das Haus, erst die Freihei: und dann das Gllick! rief er lani
sich selber zu, und ohne zu wissen, worauuf dieser Wahlspruch sich
bezog, stimmte Herr von Werben von Herzen in denselben ein.
Deu Jden, der inzwischen nicht aufgehört hal... seine
ss Hi
Passagiere heimlich zu beobachten, entging weder dic sichtliche
Zuufriedenheit, mit welcher sie den Tag begrißten, noch ihr wach-
sendes Verlangen, an die Grenze zu kommen, und er gab
die Hoffnung noch -==- =l-;. von ihrer guten Stimmng zu
zssFs -
erlangen, was ihre Verschlessenheit ihm abgeschlagen hatt. --
. e,
seine Passagiere keine gewöhnliche Leute seien und daß er unier
ihrem Schutze, wenn sie nur wollten, mit seinen Waaren die
Grenze gut passiren könne, das hatte sich in den Stunden ein-
samen Sinnens fir ihn als lezte leberzeugung fesigestellt. E
kam daher für ihn, wie er meinte, nur Alles darauf an, -.
ssi.-
Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu gewinnen, und
er ließ es an den Zeichen - -grglosen Heiterkeit nicht fehlen.
»isspz sf.
Er rückte seine Spiznlt- - -t-« -== =lls =- --=--
o Koinss
AIi. fssif -
doz- sii--s

-- 0G--
zuriick, er schnalzle mi! der Zinge, lnallie uil der Peitsche,
schlug, sich zu erwärmen, mit den Beinen gegen seinen elenden
Siz, daß die Stiefel gegen das Holz klapperten. Aber was
er auch hat, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen,
es schlug alles fehl, den Paul war Kaufmann genug, um den
Begehrenden an sich herankommen zu lassen. Endlich, als über
der weiten Fläche die Thürme der Hafenstadt sich schon erhoben,
hielt der Jnde seine Pferde mitten in ihrem Laufe an und sagte,
sich mit deu pfiffigen und zugleich ängstlichen Blice seines Voltes
zuu den Neisennden wendend, während er mit dei: Stiele seiner
zerbrochenen Peitsche vorwärts zeigte: Der gnädige Herr sehen,
ich habe gehalten mein Wort und meine Zeit! Was soll ich
haben, wenn ich die Herren gerades Weges nach der Grenze
fahre?
Das wird sich an der Grenze finden, gab ihm Paul zur
Antwwort, dessen sich, nun er sich dem Ziele so nahe wußte,
das Verlangen, es zu erreichen, mit einer wahren Leidenschaft
bemächtigte, und noch ehe der Jude sich besinnen konnte, hatte
Paul, um seiner Säche sicher zu sein, sich an seine Seite gesetzt
und ihm mit dem Befehle, ihm die nächste Straße nach der Grenze
anzugeben, Zülgel und Peitsche aus der Hand genommen.
- - de, sobald er merlte, das es Erust und das; lein
D,- Ai:
Auflehnen gegen den fremden Willen möglich sei, ließ zwar Alles
geschehen, denn auch er war schneller Berechnung fähig und hoffte
seinen Vortheil von seiner Nachgiebigkeit zu ziehen. Aber er
schrie und klagte über die Gewaltthat, die Paul an ihm beging.
Er jammerte über sein Mißgeschick, er nahm Gott zum Zeugen,
daß er ein rechtlicher Mann sei, und klagte Gott an, daß er
ihm diese Passagiere zugesendet. Er verwünschte sich und sie
und seine Noth und seine Armuth, bis er endlich den kutschiren-
den Paul, der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar
nicht ach.. beschwor, wenigstens den Pferden in dem einsamen
pi,

---- 4:--
Kruuge, aus dessen Schornsien man den weissgrauuen Nauuc aus-
steigen sah, eine kleine Rast zu gönnen.
Wemn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Bramni-
wein, werden's die armen Thiere nichi halten aus, und die
gnädigen Herren werden iegen bleiben, wenn sie nicht hier an
halten bei dem Abraham, drr ein ehrlicher Mann ist und mein
Tochtermann! Et ist noch eine geschlagene Stunde bis zur
Grenze, und ohne Fiitterung können die Pferdchen nicht weiter sort!
Paul konnte es sich nicht verhehlen, daß der Juude hierin
die Wahrheit redete. Die abgetriebenen Pferde stolperien vor
Mailigleit, und die Peitsche und sein Zuuruf machien leinen
Eindruck mehr auf sie.
Als sie vor dem: einsamen, an der Strasße liegenden Ge-
höfte des Wirthshauses vorfuhren, trat der Kriiger, ebenfalls ein
polnischer Jude, vor die Thire hinaus und erkaunte und be-
grüßte seinen Schwiegervater, der ihm in einer den Reisenden
unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegeurief.
WVie weit ist's von hier zur Grenze? fragte Paul den Kriger.
Eine halbe Stunde, gnädige Herren! antwortete ihm dieser,
weil er dadurch Zeit fiür die Nast zu gewinnen meinte. Aber
sein Schwiegervater fiel ihm in die Rede.
Eine halbe Stunde, sagst Du! Wie kannst Du sagen eine
halbe Stunde? Eine Stunde ist's, und eine gute Stunde, und
die Pferde. -
Genug! versetzte Paul, der am Ende dem Juden in seinem
Erwerbe, wie dieser auch geartet war, kein unnöthiges Hindernis;
und keine Gefahr bereiten wollte; denn er hatte sie gut bedient,
und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine Belohnung zge
dacht. Genng! wiederholte er, zog die Uhr aus der Tasche und
hielt sie dem Juuden vor das Gesichi. Du sollst zwölf Minuten
Zeit haben, Deine Pferde zu erfrischen, wenn Du uns danach
in einer halben Stunde über die Grenze bringst!

- 10Z--
Der Junde versprach es und die Neisenden siiegen einen
Augenblick vom Schlitten ab. Eine tragbare Krippe ward rasch
herbeigeholt und vor die kriefenden Pferde hingestellt, denen ihr
Besizer ein paar alte Decken überwarf, während die hungrigen
Thiere das in Stiücke geschnittene, mit Branntvein getränlie
Brod gierig verschlangen.
Izwischen waren des Kritgers Fran und Kinder herbei
gelomuen, welche haslig die Kissen von dem Schliilen nahmen,
sie mit anderen, eben so elenden Sizkissen vertauschten und ver-
schiedene Päcke und Nollen unter dem Stroh hervorzogen, das
der Fuhrmann unter seinen Fiüsen liegen gehabt hatte. Zi
wiederholten Malen öthigle der Wirth die Fremden, einzulreten,
um ein Glas Branntwein am warmen Ofen zu sich zu nehmen;
aber er konnte sie nicht dazu bewegen. Die Uhr in der Hand,
fragte ihn Paul, ob neuerdings viel Verlehr von Fremden in
seinem Hause gewesen sei. Der Krüger verneinte es, hoffte
aber, es werde bald besser fitr seine Wirihschaft lommien, weun
erst der Kriegszug des großen Kaisers begonnen haben werde,
von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensd'arme Kuude
gebracht habe, der erst gestern wieder bei ihm angesprochen.
Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten, außer den
preusüschen; sie vigiliren scharf auf die Herren, die da passiren
wwollen über die Grenze! setzte er mit bedentendem und listigem
Blicke und Auugenzwinkern hinzu. Aber das beredte Wort erstarb
ihm auf der Zunge, als er sah, daß Paul das Taschen-Fern-
rohr, mit dem er nach der Seite, von welcher er hergekommen
wzar, anögespäht hatte, rasch zusammenschob und, nachdem er
einige Worte auf Englisch zu seinem Gefährten gesprochen hatte,
dem Fuhrmanne den Befehl gab, augenblicklich aufzubrechen. Er
selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen
Zigel wieder an, dann sprangen sie in den Schlitten, zwwangen
den jammernden und lamentirenden Juden, mit ihnen einzu-

--- 1ßß--
steigen, und nachdem Paul dem Wirihe noch ein Geldstick als
Bezahlung zugeworfen hatte, ging es fort, sc schnell die unvosl-
ständig erquickten Pferde zu lausen vermochten.
Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren, als Paul
wwiederum sein Fernrohr auf die beiden Punlte richlele, deren
Gewahrung vorher den Entschlus: des plötzlichen Aufbruches in
ihm weranlasgt haiie. Er hieli es lange am Auge, während
sein Freund die Zilgel in die Hand nahm, und fragte dann,
als er es absetzte, atf die abgejagten Thiere und den in Todes-
angst zitternden Kutscher blickend Was halten Sie von der
Sache, Herr von Werben?
Werbe blickte ebenfalls zurick, zuckte die Schultern und
sagte: Es hilft uns nichts! Ihre Pferde sind frisch -- sie holen
uns ein, noch ehe wir die Grenze erreichen.
So ist's besser, wir machen es gleich ab, meinte Paul.
Sie hatten auch diese Worte wieder englisch gesprochen; Herr
von Werben üüberließ dem Juden wieder die Zügel seiner Pferde,
die beiden Reisenden nahmen auuf dem hinteren Sitze ihre alten
Plätze ein und Paul sagte, sich an den Juden wendend: Fahre
langsam!
Dieser lies; sich das nicht zweimal sagen, und die Pferde
fielen gleich in Schritt, als man eben in das heschneite Fichten-
holz eiufuhr, an dessen anderem Ende, wie der Jude angab, die
Grenze sich hinziehe.
Was gedenken Sie zu thun, Tremaun? fragte Herr von
Werben seinen Gefährten, indem er ein Paar fein gearbeitete
Doppel -Pistolen aus der Manteltasche nahm und Paul die
Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser
auf's Neue schärfte und frisches Züindkraut auf die Pfannen
schütiete.
Das kommt darauf an! Sinh es Preußen, so haben wir
nnsere geschriebenen Pässe, die in Ordnung sind; wen es dagegen
F. Le wald, Vont Geschlecht zu Geschlecht. 1.

10---
Franzosen sind, nun, so-- er lächelte mit einem Ausdrucke
grimmiger Entschlossenheit, den Herr von Werben nie bisher an
ihm bemerkt hatte - so haben wir diese geladenen Pässe, die
nun auch in Tdnung sind!
Während die Reisenden, ihre Waffen in der Hand, langsam
vorwärts fuhren, hielten an dem elenden Kruge, den sie kurz
zuvor verlassen hatten, zwei Reiter. Der eine derselben, in halb
militärischer Tracht, war augenscheinlich ein Franzose, der andere
ein preußischer Gensd arme, welcher jenem als Fihrer mikgegeben
zn sein schien. Sie waren beschäftigi, den Wirth des Kruges zu
verhören, und die Auuskunft, welche sie anf ihre Erkundigungen
erhielien, schien ganz nach dem Wuusche des Franzosen auszufallen.
Wir erreichen sie noch vor der Grenze! rief der Franzose
seinem Begleiter zu, und wenn es die sind, die wir suchen, sezte
er leise fltr sich hinzu, so ist mein Glick gemacht. Vorwärts,
Kamerad! =- Sie gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten
nach der Richtung fort, welche die Reisenden genommen hatten.
Es währte nicht lange, bis sie den langsam durch das
Gestrüpp dahinfahrenden Schlitten vor sich erblickten. Sie waren
noch ungefähr einige Hundert Schritte von demselben entfernt,
als der preußische Gensd'arme gegen seinen Begleiter bemerkte:
Das sind schwerlich Leute, die es eilig haben, Herr Commissar,
dennn sie fahren Schritt, obschon sie uns bereits seit längerer
Zeit gesehen haben müssen, und die Grenze ist keine Viertelstunde
mehr entfernt. Die müssen ein gutes Gewissen haben!
Aber der Aundere antwortete auf diese Bemerkung nur durch
ein drohendes Halt, welches er den Fahrenden zurief, während
er' im vollen Laufe an den ruhig weiter fahrenden Schlitten
heransprengte. Kopfschütttelnd und sichibar unzufrieden folgie
ihm langsam der Gensd arme. Er traf seinen Begleiter bereits
in heftigem Wortwechsel mit den beiden Reisenden.
Ich kimmere mich den Teufel um Ihre Pässe! schrie der

--- g11---
Franzose, in welchem Panul angenbicklich einen der französischen
Beamien erlaunnie, die er täglih ei Herrn von Gasiigni ein-
und ausgehen gesehen hatte. Sie sind allerdings Herr Tremann,
ich glaube das meinen Augen, niht Ihrem Passe; aber der
andere Herr ist eben so wenig Ihr Bedienter, als ich es bin!
Sie müüssen beide mit mir umlehren, ich habe Sie nach der
nächsten' Kreisstadt abzuliefern!
Sehen Sie Sich vor, was Sie thui! rief Paul ihm zu.
Sie sind kein Beamter unseres Kön gs! Sie haben leine Voll-
macht, Sie haben kein Recht, frielliche Reisenude auufzuhalien, die
sich durch ihre Psse answeisen lhnuen!
Sehen Sie selbst Sich vor, Monsieur Trenann! versezte
hohnlachend der Franzose. Sie sind der Spionage verdächtig,
und der Bundesgenosse und Herr Ihres Königs, der Kaiser
Napoleon, pflegt mit Spionen keiien langen Proceß zu machen!
N,
aF rufe Sie zum Zeugen an, wendete sich Pauul, da He.
von Werben sich in der Rolle des Bedienten, wenn auch mit
großer Selbstiüberwindung, schweigend und zuwartend verhalten
mußte, an den preußischen Gensd armen, der inzwischen ruhig
die Pässe der Reisenden durchgesehen hatie -- ich rufe Sie zum
Zengen an, dasß hier die Mafeslät Ihres Königs un-- =-
z Hpis
beleidigt wird! Sie sind ein prenßischer -==ul und Soldat,
1s,-f=-iI.is
wollen Sie das geschehen lassen?
Der Angeredete war sichtlich bewegt. Er versuchte, sich in
das Mittel zu legen; aber eö war oergebens, daß er dem Fran-
zosen bemerklich machte, daß die Papiere der Reisenden völlig
in Ordnung seien und daß also gar kein Grund vorliege, die-
selben weiter auufzuhalten.
Kein Grund? rief der Franzose. Aber wenn ich Ihnen
n sage, daß dieser Bediente ein Offizier, ein preußischer Offi-
zier, daß eö der Hauptmann von Werben ist, den ich hiermit
als Deserteur verhafte!

Aue
r F aa r
Wie ein Bliz zuckte es über das Gesicht des Gensd armen,
als Herr von Werben, nnn er sich entdeckt sah, der Verstellung
ohnehin längst mide, die Mitze zuriickschlug, welche sein Atliz
verborgen hatte, und Jener ihn erkannte. Herr Hauuptmann,
mein Herr Hauptmann! Sind Sie es denn wirklich? rief er
in freudiger Bewegung ans.
.i, ich bin es! euigegnele Werben, indem er auus seiner
Brieftasche ein Papier hervorzog --- aber ich bin lein Deserleur!
Hier ist mein Abschied, von Seiner Mafestät unserem Könige
unterzeichnek! Ich bin frei, z grhhen, wohhin ich will, ud Goll
der Allmächtige weisß es, setzte er knirschend hinzu, warum ein
preusüischer Soldat ud Edelmann gezwungen ist, heimlich zu
thun, was er offen zu thun berechtigt ist! Willst Du Deien
Hauptmann an die Franzosen verrathen, Wendland? --
Er haile den Schlittenu verlassen und war it den Genc-
-d armen ein wenig seitwärts an den Rand des Gehölzes ge-
treten, als plözlich dicht hinter ihnen ein Pistolenschus fiel, dem
auf der Stelle ein zweiter folgte. Sie blickten zuriick: der Fran-
zose, durch den Kopf geschossen, stürzte von dem Pferde, das,
davon aufgeschreckt, zurück jagte. Panl siand aufrecht im
Schlitten, die abgefeuerte Waffe in der Hand.
Er hat es gewollt! sagte er finster - der Elende hai
seinen Lohn! Er schoß zuerst, fiigte er hinzu, indem er mit
der Hand nach der linken Schulter fuhr und sie bluiig zuriiczog.
Sein Bluut komme über ihn! Und jezt vorwärts, Herr von
Werben! Wir sind jezt Zwei gegen Einen!
Gott bewahre, wir sind unserer Drei, rief der Gensd'arme,
denn wo mein Herr Hauptmann bleibt, da bleib' ich auch! Mag
der Teufel noch länger preußischer Gensd arme in franzdsischen
Diensten sein! Ich gehe mit Ihnen zu den Nussen und über
die Grenze!