Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 03

-e-ritte o Capite l.
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lfhsülge Tage waren seit diesei Gespräche vergangen, und
- der Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt. Die Baronin
fuhr zwar täglich aus, um ihrem Sohne die Stadt und deren
Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben
zu ergözen, aber dic ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die
Luft in den enggebauten Straßen schien ihc sehr drückend, und
der Auspruch des zu Rathe gezogenen Arztes hatte auch nicht
tröstlich gelautet, obschon er keine bestimmte Erklärung von sich
gegeben. Es war fir den Winter von einem Aufenthalte in
einem milden Klima die Rede gewesen, Jtalien, an das man
dabei dachte, kontte jedoch unter den obwaltenden politischen
Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer Leidenden ge-
wählt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen
und Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische
Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert
hatte; und sollte er auch die Gattin, wie die Schwester, über
die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen?
Er liebie Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die
hnge, schöne Frau vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch
nahe, und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus
nicht, wie er es wünschte, ordnen lassen. Die Kaufleute, denen
es belanni war, das; die Herren: von Arten bisher alle ihre
Geschäfie mit dem Hause Flies gemacht hatien, und die es
wußten, wie dieses wohl im Stande wäre, das anscheinend so

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sichere Darlehn zu leisten, wurden mißtrauisch, eben weil man
ihnen das Geschäft anbot. Denn der bisherige Banquier der
Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen
Grunde zurückgewiesen haben. Sie zögerten, machten Schwierig-
keiten, verlangten, wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt
hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen nöthigen muußten, und
da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte
Erfahrung bestätigt fand, daß Geld und Eredit für denjenigen.
der sie braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer
wieder auf den Hausverkauf hingewiesen.
Die Noihwendigleii hat eine iberzeugende und verfiührerische
Beredsamleit. Je länger er ihr gegenüberstand, um so mehr
räumie es sich der Freiherr ein, das; er eigenilich niemals
Freude an dem Hause in der Residenz gehabl und das; Keiner
der Seinigen dort gern oder gliücklich gelebt habe. Seit es
erbaut worden, hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche, welche
die Familie in der Stadt gemacht, fast immer leer gestanden,
bis Fräulein Esther es bezogen; und weder die Erinnerungen
an sie, noch jene, welche sich an jdie sechs Monate knüpfien,
die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheirathung in der
Residenz zugebracht hatte, waren von der Art, ihn an das
Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, daß er es
verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit
denen die grillenhafte Besizerin die Abtretung des Grundstückes
an einen Anderen belastet hatte, waren nicht unüberwindlich;
und daß Herr Flies, den er als einen beguemen Geschäfts-
mann kannte, sich nicht kleinlich zeigen würde, wo er für sich
und seine Familie jetwas Angenehmes zu erreichen wünschte,
darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen.
Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe, sie beschäftigte ihn
am Tage, sie quälte ihn in der Nacht. In seinen Träumen
ging er mit seinem Sohne in dem alten Hause umher, und

von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und ver-
folgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, daß er
sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wußte. Wenn er
angstvoll die Thüüre und das Portal des Hofes erreicht hatte,
so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm
den Ausgang; und jenseit des Gitters thürmten sich dichte
Wolken auf, aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen
Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte: Was wollen Sie
mit dem alten Hauuse, Herr Baron? Es ist darin f:r Sie nicht
mehr geheuer!
Ait Morgen nach einer solchen Nacht beschloß er, ein
Ende damii zu machen, nur um der läsiigen Gedauulen los zu
werden; aber der Mittag lamn heran, ehe er sich dazu bringen
lonute, den darauuf bezüglichen Brief zu schreiben.
Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau
und Tochter in dem Garten hinter seinem Hause, als ihm das
Schreiben des Freiherrn zu Händen kam, und da die Kriegs-
räthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land
gefahren war, verstand es sich von selbst, daß Paul den freien
Tag bei seinen Freunden und Beschüützern zubrachte.
Vou dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als
er Herrn Flies den Brief übergab. Die Mutter warf dem
Vater einen Blick des Einverständnisses zu, den er nicht beachtete.
Er läs das kurze Schreiben, sagte, daß er nicht ermangeln
werde, sich morgen in der Frihe einzustellen, und entließ den
Diener. Die Mutier fragte nichts, Herr Flies sprach auch
nicht von der Sache; da sie aber Alle wußten, um was es
sich handelte, konnten sie sich denken, was der Brief bedeute,
und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber, als
wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage
zu lesen, die er nicht zu thun wagte. Er vermochte nicht bei
dem Buche zu bleiben, mit dem er beschäftigt gewesen war;

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er stand auf, ging fort, kam wieder - man war nicht gewohnt,
ihn so unstät zu sehen.
Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag für die
Mutter auszurichten, folgte er ihr nach, und seinen Arm in
den ihrigen legend - dent der vierzehnjährige Knabe war
fast so groß alö sie - sagte er, während eine duunkle Nöthe
sein schönes, krsliges Gesichl iiberzog: Seba, isl denn mein
Vater hier?
Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen, und
sie drückte ihm beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahle.
Warum sagtest Du mir's uicht?
Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort
Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich
wohl nach mir erkundigt hat?
Sie entgegnete, daß sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn
nicht damit zufrieden.
Du würdest es wissen, wenn es geschehen wäre, sagte er,
g
und ich bin kein Kind mehr, dem man, mit Unwahrheiten ein
Vergnüügen macht. Er hat nicht nach, min gefragt!
Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren in-
zwischen zu den. Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht
weiter die Nede davon sein. Indeß Seba sah, daß in seinem
Innern: die Aufregung nicht vorüber war, und als er sich später
wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu er-
fahren, wo sein Vater wohne.
Seba erschrak. Weßhalb fragst Du mich das? sagte sie.
Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war,
wenn er seine Nührung zu besiegen strebte, und sagte dann,
sich gewaltsam zusammennehmend, während seine Lippen bebten:
Ich möchte ihn doch wenlgstens einmal sehen, meinen Vater! --
Aber seine Bewegung war mtächtiger als sein Wille, die Thränen
traten ihm in die Augen, er schüttelte zornig und unzufrieden

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mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in
das Haus.
Daß der Knabe nicht leicht von einer Sache abließ, die
er sich in den Sinn gesetzt hatte, war eine Eigenthümlichkeit
an ihm, welche Alle kannten, die mit ihm zu thun hatten, und
Seba sand es daher fiir nöihig, als Paul' Pslegeellern am
Abend von ihrer Auussahrt wiederlehrien, sie vnn seinem Ver-
laugen und von deu ganzen Vorgange zu unterrichten. Daß
man ihn davon zuriickhalten, mlisse, seinen Valer aussuchen zu
gehen, darin stimmten Alle überein. Madame Flies und der
Kriegsrath waren nur der Ansicht, daß man ihn vertrösten,
ihn beschwichtigen solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegs-
räthin hiugegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu ver-
bieten, ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen, aber wie
immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der
Erstere, und man soll auch von einem Knaben seines Alters
blinden Gehorsam fordern, wenn man die Aussicht hat, ihn
vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können. Er muß
völlig aufgeklärt werden' über die Lage, in welche seine Geburt
ihn versetzt hat. Er ahnt sie, ohne ihre bürgerlichen Folgen
zu begreifen, und wie überall, so hat auch hier das halbe
Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes, für den. Ver-
stand etwas Aufregendes. Was er aber zu hören hat, wird
er am besten von Seba erfahren, da sie die Einzige ist, mit
welcher er über diose Angelegenheit gesprochen hat, und bitiere
Kunde muß man wo möglich mit freundlichem Munde versüßen.
Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben
zu sagen habe, und. man verabredete, daß man ihn unte irgend
einem Vorwwando in der Friihe, ehe er in die Shule gehe, z
Seba senden solle. Jndeß die Kriegsräthin war koine Frau,
die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen

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und Aufwallungen zu gebicten vermochte, und sie mißtraute der
rücksichtsvollen Schonung, die man Paul zu gewähren wünschte.
Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren,
sich der Hoffnung hingegeben, das: er sich nach Paul erlundigen,
daß er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und
nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde, und sie
hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit
des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen,
als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebens-
aussichten der Kriegsräthin nun lange schon begriffen.
Der Präsident, welcher sonst im täglichen Verkehre mit
dem Kriegsrathe es eben nicht gewahrt hatte, daß dieser dem
allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe, und der
sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen
Uriheils enthaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen
besonderen Werth gelegt haite, glanbte jezt zu erlennen, das:
eine maschinenmäßige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht för-
derlich sei und daß man von einem alternden Manne keinen
geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten
mehr zu gewärtigen habe. Von einer Beförderung des Kriegs-
rathes, auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura
hoffen lassen, konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein. Es
waren demselben bereits mehrfach jüngere, selhstdenkende Collegen
vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch Enthüllung
jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsführung ihres
älteren Collegen etwwa nachweisen ließ, rechtfertigen zu müüssen
glaubten; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines
Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten her-
absinken zu sehen, das war eine Kränkung, welche auch einen
festeren Charakter als den des Kriegsrathes überwältigen und
einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte, sich wider-
standslos der Entmuthigung zu überlassen.

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Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben na-
türlich denn auch nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit
Sicherheit darauf bauen konnte, den einflußreichen Präsidenten
immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu finden, legte
man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und
da man bald bemerkte, daß der Präsident es nicht wie früher
erwartete, überall, wohin er kam, den Kriegsrath mit seiner
Frau zu finden, untsrließ man cs öfter, dieselben zu den Ge-
sellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr
bitter, aber wenn Herr Weißenbach geneigt wur, sein Schicksal
über sich zu nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie
entbehren muuußte, gewann einen doppelten Reiz für sie, und das
Verlangen, wiederzugewiunen, was sie einst besessen hatte, die
galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf be-
gründete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Ansiren-
zungeu und Uniernehmugen auf. Sich zuriickzuzichen, weil
das Glück sich von ihr wendete, war nach ihrer Meinung eine
Schwäche, deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen
durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freund-
schaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte, so mußte man
suchen, ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen,
und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher getrieben hatte,
ließ sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnke man, seit
Herbert einen Theil der Zimmer inne hatie, nicht mehr so gut
und beguem, als früher, und auch die Handwerker ließen sich
nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten.
Aber man mußte nuur Muth haben, nur gewisse tägliche Ge-
wohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ju für Menschen,
die einen bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen
konnte; man mußte nuur zeigen, daß man immer noch wohlauf,
daß man aus eigenen Mitteln unabhängig sei, um seine alte
Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen,

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daß es kein Eigennuuz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei,
wenn man nicht aufhöre, eine Annäherung an ihn zu suchen,
und sich Mühe gebe, die alten Beziehugen wieder anzukniipfen.
Laura hatte übrigens mit dem Kriegsraihe jetzt ein leichtes
Spiel. Ein Mann, der sein Selbstgefühl auus der Anerkennung
gezegen, welche Andere ihm zollten, wird haltlos, wenn ihm
diese fehlt; und unfähig, in sich selber zu beruhen, wird er
leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen unterthan zu machen,
wenn er durch diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vor-
theile wicderzugewinnen. Der Kriegsrath war ein bedächtiger
Mann, ein überlegender Haushalter gewesen, so lange er sich
in seinem Amie geachtet wuuste und so lange er seine Ein-
nahmen und Ausgaben in sirengem Gleichgewichte zu erhalten
vermocht. Jetzt, da dies nicht immer gelingen, da die Ab-
schlisse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine ami-
lichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten, konnte er den Anblick
seines Hauishaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die
Gewißheit peinigte, daß er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte
er es allmählich aufgegeben, seine Ausgaben zu verzeichnen und
seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst, drückende Zveifel
konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm
Freude und Genuß gewesen; Zahlen als Ankläger vor sich zu
sehen, das ging über seine Kräfte, und sich wieder mit den
Zahlen seiner Bücher auszusöhnen, war Alles, wonach er krachtete.
Er war zu jeden Enibehrungen, er war fogar bereit, seiner
Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkom-
mens zeitweilig ganz zu iberlassen, nur mit seinen Zahlen
sollte sie ihn versöhnen, denn die Zahlen standen vor ihm auf
in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen nach Aus-
gleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen,
wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen
Wangen rötheten. Die Summe der einen Seite wuchs immer

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weiter über die Summe der anderen Seitr hinaus, und weder
Laura's Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoff-
nuunngen vermochten das zu ändern.
Seit Jahr und Tag hatie sie ihn darauf hingewiesen, das;
ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige Hüllfe und
Befreiung kommen misse. Allerdings wr die Theilnahme,
welche derselbe für seinen Sohn bezeigte, niemals eine persön-
liche und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach
Paul gefragt; in allen den Verhandlungen, welche der Caplan
mit der Kriegsräthin gepflogen, war des Freiherrn Name nie
erwähnt, und es war für Paul auch außer der durch den Caplan
regelmäsßig besorgten Pensionszahluung weiter nich!s gethan worden.
Sie hatien die Schulzeugnisse des Kaben dem Caplan einge-
schia.., hatten von diesem die immer wiederholte Weisungg er-
halten,
achten,
führen
ihn streng und ejnfach zu erziehen und wohl darauf zu
zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn
könnten, da er füür sich selber einzustehen haben werde.
Nichts desto weniger war, wie Laura es ihrem Manne aus
einander sezte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein Geheimniß
so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und daß
endlich in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens
einmal fir den Knaben sprechen, daß er endlich doch einmal
kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, daß der Anblick des
ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen. daß er ihnen danken
werde, was sie für Paul gethan, das war füür Laura über jeden
Zweifel sicher. Man muste nur warten, es nur mit Anstand
durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann konten die
Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen,
dann mußte der Kriegsrath die reichen Frichie ihrer Gutihat
ernten und dann wüürde er auch eine neue Bestätigung ihrer
Behauptung erhalten, dasß er sich immer am besten stehe, wenn
er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.

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Die Nachricht, das; der Freiherr in der Siadt sei hatie Laura
natürlichsin eine große Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche
sie gehegt, standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung.
In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung
von dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich ein-
ireten zu sehen. Sie ließ ihre Zimmer in besondere Ordnung
bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst pflegte, um
nicht bei einer etwaigen Neberraschung in unangemessener Weise
erscheinen zu müssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel,
um zu sehen, wie die Miene zuriückhaltenden Verständnisses sie
kleide, mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte.
Sie hatie sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht
gemacht. Sie musßte als Erzieherin des Knaben der sitilichen
Würde nicht ermangeln, sie durfte aber auch nicht eine üüber-
triebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater nicht
zu verletzen. Leichtlebig und doch ernsthaft, vornehm und doch
zuvorkommend, selbstständig und fügsam muste sie sich darstellen,
um die Freundschast des Freiherrn erwerben und ihm das A-
erbieten nahe legen zu können, welches sie ihm: zu machen
wünschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt zu adop-
tiren, um ihm mit dem Namen Weißenbach, mit dem Namen
eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Wct und in
der Gesellschaft zu eröffnen, die sich ihm mit dem völlig unbe-
kannien Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte. Na-
türlich mußten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage
befinden, welche ihnen ein solches Opfer möglich machte; aber
sie in diese Lage zu versetzen. konnte einem Manne von den
Mitteln und dem Einflitsse des Freiherrn gar nicht schwer sein.
Sie lächelte, wenn sie sich die Wenduung im Geisie wiederholte,
mit der sie ihm den Vorschlag khun wollte, sie sah die gütige,
zufriedene Miene, sie fihlte den freundschaftlichen Händedruck,
durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte, und sie

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hatle auch Nichis dagegen, wwenn er es elwa angemessener finden
sollie, ihrem Gaiien einen besseren Posten in der Residenz z
schaffen. Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jezt müde,
den eine Mittelstadt war füür eine Frau we sie doch eigetlich
niemals der rechte Wirkungskreis gewesen.
Es paßte Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich
ausgedacht hate, es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der
Freiherr kam, uns kommen mußte er, weil sie sich sonst ja
nicht zu helfen wusßte. Wie sollte sich nichi figen, was fir sie
so unerläßlich schien?
Da brachle plözlich der Einfall des unseligen Knaben einen
Stillstand in ihre muihig vorwärts gehenden Gedanken. Wenn
Paul seinen Vorsatz ausfüührte, wenn er, ohne dazu ermächtigt
zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben konnte,
daß man Paul geflissentlich von der Awesenheit seines Vaters
benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Frei-
herrn zu nahen, so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der
Laune eines Kindes, dem Verstande und der Beredsamkeit eines
unerfahrenen Mädchens alle ihre AuSsichten anzuvertrauen, das
wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets zu-
wartender, gelassen.r Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig
machen konnten, die es gar nicht mehr zu wissen schienen, daß
man fremden Beistandes bedürfen könne.
Wollte sie nicht die Mihe langer Jahre vergebens getragen
haben, nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hasens
scheitern, so mußte sie ihre Maßregeln treffen, so mußte sie mit
dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn sie fühlte sich eben
in der richtigen Verfassung fiür den Zweck. Sie wollte, wenn
etwa der Freiherr am nächsten Tage käme, Herr üüber alle ihre
Os
=-==-el sein ! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht
nicht rauben; für Paul hatte es keine Noth, denn-- Kinder
schlafen immer!