Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 07

Siebenteä Capitel.
A-
-=u-e Bemühungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht
wieder. Ein Arbeiter hakte spät am Abende einen Knaben,
auf den die Beschreibuungen de Vermisßten saslen, am Auszen-
hzusesi gesehen, uler wwohi er gzetzunzpenu oder wwo er guellielen
war, das haite er nicht bemerlt. Die Polizei, die man in Be-
weguung gesezt hatte, war ungeibt und lässig, und man kannte
damals jene wundervollen Erfindungen noch nicht, welche, Zeit
und Nauu überwindend, dem Menschen fast eine Allgegenwär-
tigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten
unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Sorge machen. Man
mußte abwarten und hoffen oder sich bescheiden, das Schlimmste
zu erfahren, und in diesem Falle war die Liebe verzagter als
der Eigennuz.
Die Kriegsräihin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld
ihres Pflegesohnes gar nicht auuszukommen wuusßte, rechnete zu-
verlässig auf dessen Wiederkehr; Seba betrauerte seinen Verlust.
Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des Knaben, die starken,
tiefen Empfindungen gekannt, deren er fähig war, und die ihn in
einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Aeußer-
sten getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr
Paul, vermißte sie ihren jungen Gefährten, dessen zuversicht-
liche Liebe ihr ein Bedürfniß geworden war, und mit dessen
Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte, wenn ihr der Muth ge-
brach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich alch
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=- IH-
dagegen wehrte, drängie sich ihr doch oftmals die entmuthigende
Vorstellung auf, daß Paul besser daran gewesen sein würde,
wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im Verkehr mit
ihr nicht über seine Jahre hinaus entwoickelt hätte.
Es war gut fitr Seba, daß die Familie von Arten noch
immer in der Siadt war, die Baronin n zh immer in dem
Flies'schen Hause verweilen muusßte, denn es gab Seba eine Be-
schäftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben alzog.
Der Arzt hatte es. selbst als die dringendste Gefahr vor-
über war, entschieden widerrathen, die Kranke in den Gasthof
bringen zu lassen, und Madame Flies woslte davon auch gar
nlch ssreche hören. Ihr gnies Herz und ihre birgerliche Eiiel-
keit fanden eine grosie Befriedigung darin, eine solche Dame zu
bedienen und zu pflegen, mit ihr beständig zu verkehren, ihren
Umgangsgenossen von diesem Verkehr zu erzählen, und daneben
dachte sie, in dem romantischen Glauben an die wuunderbaren
Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen frei sind,
man könne doch nichi wissen, wozu es gul sei, das; die Schwesier
des Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse undn
daß sie ihre Seba und die ganzen Verhältnisse der Familie nun
so unerwartet kennen lerne. In der Residenz hatten schon Grafen
und Prinzen sich mit Jüdinnen verheirathet, und was Einer
Jüdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, beson-
ders wenn dieses ihre Seba war.
Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine Gemahlin
noch immer in der Obhut der Familie Flies zu wissen und sich
von dieser eben in diesem Augenblicke Verbindlichkeiten auferlegen
h. zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich vergelten konnte.
f Sein Geist war ohnehin verdüstert, sein Gemith beschwert.
z Das plözliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst ge-
hangen, das eben so plötzliche Verschwinden desselben hatten einen
z furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht. Troz des flüchtigen

-=- Zs-
=-=u.es, den er auf Paul geworfen, hatien die Schönheit des
Mu1,
Knaben, die auffallende Aehnlichleit mit dem von Arten'schen
Geschlechie ihn erschiilierk, und es war eine wuundersame Frende
aewesen, n.uk der er Pauls unleugbare leberlegenheit über Ne-
natus anerkannt. Auch jezt konnte er des Zwiespaltes in seinem
s.sRiz
-----s- -- ---»=- =- --- - -«arden. Er lies die eifrigslen Nach;=.-
z-- gss,.lss.- Hno
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schungen nach Paul an,llen, so widerwärtig das dadurch ae-
.:
machie Aufsehen ind die unvermeidliche Besprechung aller seiner
persönli.g.« =erhälinisse ihm auch waren. Er litt unier dem
,ss
Gedanken an den immer wahrscheinlicher werdenden Ulntergalg
des Knaben, und er lrug doch lei Verlaugen danac, ihhn wieder
vor sich zu sehsenn; uler auucl Neniiuus mochle er uicl unn sich
z- Ass
haben, und vo. -tleun veried er es, Sela zu legegzuen, deren
=-= ==-u-hrhaftigkeit ihn schwer beleidig! ,. fe.
1.i-»I.- MN.
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Selbsi die Gesellschasl der Herzin war ihi eichi wil!-
lont.-- ape letchie Unierhallungsgabe veruochte utcht, nhn
iisnss =s,
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Zl Fu-;-- =-- -z s
jezt nicht wohl.
an ihn belästigt.
ss..ss isii
=- - =», ihn von sich abzuzichen, -=-- -»
Er fi:hlte sich aslein und von jedem Anspruche
Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden,
das; auuf ihm ein schwweres, ein besonderes Schicksal lasie, das:
eine dämonische Gewalt, machtiger als sein Wille, ---=- ----
zsisii -inf«
gehört habe, ihn, seit er sich von Pauline getrennl und mit der
Baronin verbuunden habe, zu verfolgen, begann er seine Fassung
wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit
seines Looses auusgezeichue- - wie durch seine Gebu. u die
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Bedeutung seiner Person von den ihn umgebenden Menschen
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»-s-=-- ==-- und über sie erhaben vor. == es doch .eeS so
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- Gewöhnliches, gl=-- zu sein! Ein Jude wie Flies konnte
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das Glick für sich h=-- =--i »-» -- s--=-- =--. denn das
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Glück wohnt und waltet auf jener breiken Heerstraße des Lebens,
z. P1s.lis-
-uf bo=- si. -
-- - = =-- =--==-=1gs ui die Niedrigkeit berechnend
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und schwachherzig bewegen. Ein Man, der wie der Freiherr

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seinem inneren Bedüürfen, seinem Glauben an ---- .=uülee, =--
=iss .
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---g den gros:müüthigen Negungen seines Herzens folgte, der
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seinen Ehrbegrifsen und den unabweislichen Pflihten seines --uu-
cN:
doHoss PsA-do
des nachzuleben ha.., der wandelte auf einetl an=--- z i=-
ss,
der hatte wenig Aussicht, auuf seinem einsam erhabenen Wege dem
Glücke zu begeanen. Was war es denn gewesen, als Groß.uh,
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daß er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes ge-
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=- - =as wwar es gewesen, als sein Glaube a- --- D= ules,
viz SR,f
der ihn bewogen, dieses Mädchen zu bilden? Seinen Standes-
ss. fAihiiiisn -ii- (Fszip
z-s-==-- -- Fl gEl(l, seldll! gl!e..==--o--sK h-==z-- zo--- - --
v-ss s,lfnis
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das gelieble Geschöps von sich eniserul und sich mi: -lgella
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verbunden. Auts Achiüug vor seiner Ehe uunnd uun Aigelila seinen
auien Willee zu beweise, haile er darauuf vrrzichlel, Paulinen's
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=»-»=-l lntle. seinen Augen aufwvachsen zu lassen -- u1= --=-
b. s.s.
Pauline und ilsren Sohn, halle der Tod eieil:, beide halle er
elgelika geopserl, der Fran geopsert, die ih: . elie =--
, M.iss
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=- s : -- ldnnen, dem er groszilthng und oertrauend, wie er
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=-gelka verkrauut, sein Hauus geöffnei. Gros;uth und das Ge-
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i=- - -==«ileSchre hatk.i. lhn bbogell, I!. z-- FIl-- -= =--
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=-uranis gasllich bei sich auszunehmen. Sein eigenes Ehrgesuhl
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hatte ihn veranlas;. ue auf das Ehrgefühl des Marquis zu ver-
--u--- und wie haite dieser ihm die Riicsicht fir die Herzogn
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wie hatie er hmn de , -üule gedüe, das er hit bewi.;. -
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religiösen Sintnes -=p-=l schall, = =-- -- i- i-- =hel -=-
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h.- --=gt mehr zu ihmn, wie er es erwarten durfte, und ap=«
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F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

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die Herzogin halie es nicht ganz begriffen, das; ein Maun wie
er mit seinem Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner
Neigung nicht unterhandeln, daß er keine Gemeinschaft mehr mit
seiner Gattin haben könne, wenn deren Hingabe für ihn nicht
mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand
ihn nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein,
ganz allein in seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen,
weil ihnen allen der rechte Sinn des Aels verloren gegauget
war. Aber dad Bewisztsein dieser Einsauleit warf ihn nicht
mieder, sondern hol ihnn in seiien Anigen iiber die Aderi hoch
empor; denn ,lortis in ael-er-iO?, , »uth in Widerwärtig-
kelten' war der Wahlspruch seies Hauses! Mochle die Guust
des Lebenns sich von ihm wenden und das Glitck sich ihm ent-
ziehen, - den slolzen Herzschlag seines edelnn Blules, den frei
üüber die Neihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwin-
genden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes, den lomnte ihm
nichts rauben; und diese Vorzige immer und gegen Jedermann -
mit Entschiedenheit geltend zu machen, das däuchte ihm in diesen
Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die
wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein.
Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Gite wenig
Ahnuung von solchen idealen Lebendaufgaben hatte, weil sie sich
immer an das Nächste und an das Natütrliche hielt, sah es mit
Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt, wie
das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner Gemah-
lin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und
alle jene Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer
gefallen sein wüirde, ihn gar nicht anzufechten schienen. Sie-
wußte nich., sollte sie ihn bewundern und loben, oder ihn verab-
scheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn
am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklären, warum
dieselbe seufzte, sobald er sie verließ, warum sie ihr und vor

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Mllem ihrer Sela so sreuudlich die weisie, schmale Hand entgegen
reichie, so oft sie sich ihr nahten.
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==- - ------ z=-- -aO -. »aplan verlanngt und der Frei-
- - bH - ---- =-b-ii-==- z! ihilt gesendet; indeß es muszten
mo- snl.sf: -issn Fs,-ffsfs. s
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=- ----- --age bergehen, ehe man auf seisnt E iitreffen rechnen
of inA, szif-ns
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=s j -, .ll0 oe- -=uz- 1, t au j==- -=-; --ß»sß j -- - - = »sss-
nH sGs=- As,- I1, efniis
=---- die nothwendig verzögerte Aukmft des Geistlichen nicht
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--g---- lgelila hingegen fragte an jeden Morgen, ob der
Caplan noch uichi angelommen sei, schient aber soust kaum ein
Bedisrseis: iuuh Millhseilinuz. z hulen. Sie luugs meisl still und
mt sich gelehrt uti! gefalkele: Händen da uind rerlad--==---
innip ssiini
h== sie im Luuuse des Tages ihren Sohn eiumal gesehen p=---
hAs fs
dem sie mil erusler Jzarilichleil begegnele. Seba, die ihr un-
=---ibar die lielsle Pslegerin war, verlies; sie selien. Einst-
sz,sss
mals, als sie wieder an ihreiu Beiie weilie und das Sonnenlicht
sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Anngelika's
---i--g. blieh diese lange in ihrem: Anschauen v?rsnlen, dann
üis-ss,iss
z»iss . si.-
-==--- - -=- oie Hand und sagte: So wie in diesem Augen-
s.lIF. s.ifss- ?
===-- z- -,--=- b- s z---- -= ;iea Flejhe Utr ztir, glS .ig,
g;- sss s.wiss üsnssis
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aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend, == --
dof- s,
- unter Ihrer Huut genosse:., » i-- - -- »---=-- =»=-- =-- -
»ss s.lzss!
s (, s=- nin is F,si
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---.ickten so liebevoll, so kraurig -i -g nieder! Sie sind
-inf zis.si
aewiß sehr gut! Ulnd das; man Ihnen ansieht, wie sanft, wie
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, glicklich Ihr Lebenöwea aewesen und wie Sie reinen Herzens
, s1g, IüL -===p - -s - yz-- --=- -==- s=- -b j===y -
l.s.: W. s- em.8s1»!
T ffnA,s sifiz- E s,=-s
! Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba'« =---i-- ==»?
= 9zs Asss,.
F Blut entwich aus ihren Wange.-=- -=s--- a=-. uud
s sss.-z- Es-nw: -
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F dem Audrufe: Und das sagen Sie, eben Sie! sank sie vor dem
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- EAp voz- K,:si- ßis i.- Wzsn, d
; -L- - - =-= =----=-=; -- =---, oas Gesicht in ihren Händen
Z soz-oss Hls,.=- ßfs dos-s snIs»ls,zs l .ss.ls», fniis isi i
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g ?»sz»1s E- z.=?ü u us ae-s1s vl6l11 s»lli1C1s 111ßy»11=»sG- »V1ss l1 - uliuf =
? Gedanke, daß sie Aigelika erschreckt habe, daß sie sie nicht beun-
-isi-pzs d.üi»-fp zid -oofisßilsssis dsf H=-=-sF,ss ß s.hz- ss, -ofmHirA
J »Is- = =s-s-, -sn= sz s=iisis ss =is . Kj»s =i=u = ss)F s=iiv1=ss=?z
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-- Ze--
richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren noch bleich, indeß
ihe Mund konte wieder lächeln, und Angelika's Hände sanft
in die ihren schließend, sprach sie freundlich Wie mich das freut,
daß meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nhe Ihnen
lieb ist! Nuur danken, mnr loben müssen Sie mich nicht, ich
verdiene das nicht!
Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird
feinfühlig für fremden Schmerz. Angelika hörte, daß in Seba's
Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes ver-
borgen war, mit der die geseslschaftliche Sitte sich ihr Dankes-
capital, auf Zinsen. legen läßt; darum wagte sie keine Frage
zu thun, aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegne!
sein, was sie erfahren und erlitten haben könne, beschäftigte sie
fort und fort. Sie winschte von ihr zu hören, sie winschte zu
wissen, ob ihre Theilnahme fin Seba Werlh besizen lönne, und
sie haiie, als ihre Kräfie sich wieder hoben, leine grose Mühe,
Madame Flies von ihrem einzigen Kinde, von ihrer Seba
sprechen zu machen.
Mit größter Genugthnung erzählte dieselbe der Baronin
wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit, von der ersten,
blihenden Jgend ihrer Tochter, von den zahlreichen Bewerbern,
welche sie zurückgewwiesen, und wie sie jetzt mit ihren bleicheren
Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schön sie sei, doch
lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.
Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert? War sie
krank oder was ist ihr geschehen ? fragte die Baronin, die, ab-'
gesehen von ihrer Theilnahme für Seba, immer mehr von der,
Fremdheit der Lebensverhältnisse, welche sie umgaben, angezogen
wurde.
Madame Flies schöpfte Athem. Also endlich war er doch;
gekommen, der Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den,
sie sich vorbereitet hatte, seit die Baronin in ihrem Hause dar-'

--- ZJ-
niederlag, endlich war er gekommen, endlich war er da! Sie
rückte näher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grünen
Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schcb sich die Kanten-
haube zurecht und sagte mit klopfendem Herzrn, während sie ver-
trauulich ihre Hand auf den Aru der Kranlen legle: Ausrichiig,
gnädige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von uns?
Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprocen?
Angelika' verskand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen
wissen, meine Veste?
Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was
wir gethan haben, war unsere Schuldigkeit, und wir haben es
sehr ger gethan! Nur von meiner Seba meinie ich! bedeutete
die Mutter.
Vonn Seba -- wer sollte mir wohl von ihr gesprochen
haben ? sragle Agelila.
.h dachie der Herr Graf! -- Aber freilich, der Herr
N,
Graf sind gerahe. ... Sie wollte sagen: wie der Herr Baron;
indesß sie unterdriückte dad Wort, und Angelika fiel ihr mit der
Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft in
die Rede.
Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie
wußte, daß sie auf dem Punkte stand, ein Unrecht gegen die
Rtuhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen, und dasß Seba
ihr sicherlich nicht danken wüürde, was sie unternahm; aber die
Selbstsucht und die anmasende Gewaltthätigkeit, von denen die
Liebe so vieler Mütter nicht frei ist, trugen es über jede Riick-
sicht davon, und auf die wiederholte Frage Angelika's, welchen
Grafen sie denn meine, antwortete sie schnell, als wolle sie es
sich unmöglich machen. sich eines Besseren zu besinnen: Wen
denn anders, als den Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard,
der im Quarticre bei uns lag!
Die Baronin schwieg. Es war lange her, daß Jemand

- ZG- -
ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte. In der Welt, in
welcher sie lebte, wußte Jedermant, dasß sie mit ihrer Familie
zerfallen war, und man hütete sich, sie daran zu erinnern; aber
sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben ge-
glaubt, sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutier
gesehnt, und hier in diesem Hause, in dem sie, fremd unter
Fremden, einer Liebe theilhaftig wurde, welche sie an ihr Vater-
haus gemahnte, hier plözlich von ihrem Bruder reden zu hören,
kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen, wie ein Grusß der
IIhrigen vor.
Sie kenten meinen Bruder? fragie sie endlich.
-=o ich ihn leue! ries Madauune FlieC, un erzzing sich
in einer Schilderung des Grafen, in einer weitläufigen Erzäh-
lung der kleinen Erlebnisse, die man hier im Hauuse zur Zeit
seines Aufenthaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung
gedenlen zu können, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit
lebhaftem Kopfschütteln pöllig unbegreiflich zu sinden, das er
ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Er-
wähnung gethan habe.
Agelika schwoanlte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit
der Seele, welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr
wirklicher Würde ist, machte sie davor zurückschrecken, einer Frau,
welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein Vertrauen zu beweisen,
das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber sie mochte
auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen
lassen, denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet
fuhlte, und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr
eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen Bruder seit Jahren
nicht gesehen! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend.
Indeß sie hatte selbst diese Aeußerung zu bereuen; denn
nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen
war, überstürzte Madame Flies die Kranke mit den Fragen

Z?---
ihres beschränkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen Neugier, und
wie man sich von der harmlosen und doch guuäilenden Zudring-
lichkeit eines Kindes, nur um der Beunruhig ng zu entgehen,
oftmals uehr eullocken lässt, als man ihm irgzend zuzugestehen
dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich zurüczog, dcß
sie, solcher anmasenden Herzlichkeit in ihrer l ngebung nicht
gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr änwernnaut, als sie
irgend beabsichtigt hatie. Aber auch sie meinte erfahren zu haben,
was ihr bisher nicht deutlich gewesen war. Se meinte jezt zu
wissen, weshalb Seba sich nichi verheiraihel haiie, weshalb ihre
dunleln Auugen ofi so trauurig und forschend auf ihr ruhien, ja,
wesshalb ihhre Züirllicleil sie so waru uusiuz, und Seba wuurde
hr nur werther, seit die Baronin sich sagen onnte: auch sie
liebte hofsunglos, auch ihr kraten die Schranken entgegen,
welche die Slände von einander halten, auch sie hat es gekanni,
das hosfende Verlangen und das traurige Entsage , und sie ist
besser als Du, den keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre -===e

zu verfiigen, und lein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzen
freier Wahl!
Ss
« dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen
Brüten der Nchte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst
gehallen, sich Bekenntnisse gemacht, wie man sic nie vor einem
Andern, wie man sie nuur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag; denn es gibt ein Jmnerstes in dem Seelenleben fast
eines jeden Menschen, das er nicht Preis geben lum, ohne das
fA-s
geheime Band zu zerreißen, welches die Elemente seines Wesens
zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäußern, der
Zhn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen
macht, als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen
unterscheidet. Jedes Bekenntniß, welches der Mensch vor einem
andern Menschen ablegt, ist daher immer ein bedingtes. =ie
eg;
Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir

-- ZZ--
sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos
wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn
Geständniß und Urtheil, aus gleicher Quelle entspringend, in
Eins zusammenfallen.
So lange sie sich in der Nhe und unter der geistigen
Obhut des Caplans befunden, hatten sein religiöser Sinn und
sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt. Sie
hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glicke eine
Simnde in ihrer Bruest geschvlten. Dae Beispiel des Caslans
hatte sie zur Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf
seine Weise that, hatie auch sie danach gestrebt, sich mit dem
Gedanlen an ihre bevorzuugte Lebensstellung, mit der Erinnerung
an ihren Nang und an ihre Geburt zu lröstenn und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben.
Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen ge-
hören ihm nur an, wie die Frucht dem Samenkorn angehört.
Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen Entwickelung,
wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände
bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte, seit
sie nicht mehr ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt,
nicht mehr von der Unterwütrfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben
ward, fing die Welt an, ihr verwandelt zu dünken, weil der
Blick sich änderte, mit dem sie in ihr Jueres nd in das
Leben schaute.
Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin
geworden war, hatte die Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäu-
schungen, Sorge um seinen Gemüthszustand, Gewissenszweifel,
religiöse Kämpfe und Familienzerwirfnisse hatien ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast
des freiherrlichen Hauses geworden war, und seit dem Erscheinen
dieser Frau war AngelJa nicht nur sich selber, sondern war
ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie trug

--- ZZ--
und dem sie sich für gute und fir böse Tage unauflöslich ver-
bunden hatte.
-s?. da sie nicht mehr käglich auf die Unternehmungen
,
und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatke, da
die Auforderungen augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in
Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die
vergangenen Jahre zurückblicken konnte, wurden ihre Erlebnisse
ihr klar und räthselhaft, deutl.ug und fast unbegreiflich zu gleicher
1.s-
Zeit. Sie loite sich die Liele nichl weglä tgnen. welche sie
für Herbert hegte, aber sie vermnochte sic es jezt völlig darzu-
legen, mit welcher berechieten Arglisi die Herzogin sie dahin
gebracht haile, sich eine Neiguung fir den jungen Architekten
zuzutrauen, und wie schlauu und geflissentlich ßie dieselbe in ihr
zu näihren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufetern verstanden
habe. Sie erinnerle sich, mit welchen Erschreckee es sie erfüllt,
als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe fir Her-
bert vor das Auuge gefihrk; sie durfte sich sagen, das sie redlich
dagegen angekämpft hahe, und wenn sie danehen auf die Ver-
wicklungen, auf das Unglick l.tuite, das über sie gekommen war,
M1.?
das ihrem ganzen Hause drohte, so vermochte sie sich nicht, wie
der Freiherr, fest auf sich selbst zuriczuziehen, sondern sie fragte
sich: Warun ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott
mir Priüfungen auf, die zu besiehen er mich zu schwach gemacht
hat? Grade jezt, wo sie des festen,
- nöthiger als jemalö hatie, versagte
gottverkrauenden Glaubens
= - i--- -ve, und ihr Ver-
s C, s
- langen nach der beruhigenden Nihe
des Caplan? steigerte sich
an ihrem Trostbediufnisse, obschon sie eben in ihrem gegen-
vss,sss,: -
-=----get reiden die Füihrung und Fügung einer höheren, sie
erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war.
Krank und im höchsten Grade hülfsbeditrftig, hatie sie sich
in einem bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden
Familie angewiesen gefunden. Keine Verwanhtschaft, keine ge-

=- ßß -
meinsame Erinnerung, keine Gleichheit der Gesinnungen, nicht
einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen. Man
haiie die Baronin von Jigend ans gelehrl, die Biirgerlichen
gering zu schätzen, die Juden zu verachten; ihre Wirkhe, ihre
Pflegerinnen, die das wuusten, liesen sie es nicht enigelten,
sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz er-
wärmte und es ihr darthat, was der Mensch dem Menschen
über alle Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der -
Bildung hinaus zu sein vermag. Sie hörte es gar nicht mehr,
was ihr Anfangs in der Sprache des jiidischen Kaufmanns
auffällig gewesen war; sie merkte die Verstöße gegen dic gute
Form nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer
häufig zu Schulden kommen lteß. Sie sah nur das uneigen-
nützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente, nur den
Eifer, mit dem man ihre Wiusche zu erralhen sirebte; sie fi:hlte
nur die Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, .
und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nr ?
darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so -
glücklich bezeigten. Sie vergas es fast, daß sie vornehm sei,
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe. Nur
der Dank der Kranken, der jungen Frau gegen die ältere,
mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig, wenn Madame Flies ,
sich neben ihr bemüühte, und die Baronin hatte es bald geng
erlernt, wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft; ?
welche die Stände von einander halten; sie lernte es in ihrer -
Hinfälligkeit, wie erhebend es sei, bei seinen Mitmenschen frei-
williger Hingebung und reiner, erbarmender Menschenliebe zu -
begegnen.
Noch an dem Tage ihres Erkrankens haite die Aussicht,
das die Familie Flies künftig das Haus von Fräulein Esiher,
das von Arten'sche Haus in der Nesidenz bewohnen werde, die,
Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie mit --

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völliger Ruuhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich
besserte, sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung,
das; ihr Lebensziel ihr nichl allzu sern geslecl si, und vor dem
Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung
von der Vergänglichkeit und aandelbarleit alles: Besiehenden
immer mehr ihre Schrecken fin sie, bis sie ihr als eine Noih-
wendigkeit, ja, fast als eine Wohlthat zu diünken begannen.
Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und
Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines
Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die
gleiche Erkenntniß seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche
wirkt verschieden, je nach dem Boden, auf den es fällt, je nach
den Elementen, mit denen es sich vermischt.
A.
=-»-s ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus,
in Stauub zersallen lassen, sagte sich Angelika, wie dinnfte mich's
betrüben, das ein Hans von Stein und Mörtel nicht auf ewige
Zeiten hinauus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter es errich-
teten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist
von Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen,
sein eigenes Haus erbauen, und wie Gerhard und ich hier in
diesem fremden Hause weilten und von seinen Bewohnern Gutes
erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in Gottes
z Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und
das ich einst bewohnte; nur --- fügte sie seufzend hinzu -=
möge sie dort glucklicher werden, als ich!
a=ggggg