Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Achtes Capitel.
S
Zie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr,
als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat, und fast wäre
Ihre Gegenwart hier uicht mehr gefordert, denn ich kann Sie
mit der erfreulichen Kunde empsaugen, daß die Baronin ihrer
Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Lngsten
hier gewesen und werden die Schwüile der Sidi bald mit
unserer frischen Luuft vertauschen können. nach der auch unsere
Kranke zu verlangen anfängt. Aber was bringen Sie uns,
lieber Freund, der Sie von Hause kommen ?
Zuuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Ein-
treffens.
Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben
hat Ihnen die Gewohnheit schnelle. -ubrechens genommen, ich
s s.:s
kenne das, und im Grunde war das niemals Ihre Sache! rief
der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmuung. .p hoffe
N,.
nur, daß nicht ein Uuwohlsein Sie zurückgehalten hat!
Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können, dem
Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen! sagte
der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung, die den Freiherrn
zu der Frage veranlasßte: Sie hatten also andere Grüünde, die -
Sie zum Verweilen zwangen ?
g,. .=-z- 1
os- z- =»aron, und sie waren nicht so erfreulich,
die angenehme Kunde, mit der ich hier empfangen werde!
als
Da
aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet, was man

- IZ--
zu segnen hat, so möchte ich's ein Gliick nen en, daß die Frau
Baronin und die Frau Herzogin eben jez: von Hause fern
gewesen sind!
Der Freiherr sah den Geistlichen fest a: und sagte: Sie
lassen mich sehr langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben;
es ist also sicher etwas recht Verdrießliches gFcehen!
- aeider mehr, als das! sprach der Caplan. Amt Mittwoch
vor Pfingsten langte der Wagen in Richten an, den man zum
..bholen des Standbildes nach der Siadt gesaedt hatte, und
der Verabredung gemäs; wurde es gleich ncch Rothenfeld ge-
bra.,, um dort vor der Kirche abgeladen und anSgepackt zu
,s
werden. Da die Vorbereiluungen sür die Aufsiellung im Voraus
getroffen waren, gab der Bauführer denu utuch die Weisung,
mit der Errichiung der Gruppe sofort zu beginnen.
Ued durch die Uugeschicklichleii unserer Arbeiter ist sie be-
schädigt worden! rief der Freiherr.
Nein, Herr Baron ! De. -ldhauer selbsi hat sie, wie er
-- 91
übernonmen, herausgebracht und auch die Auuspackung besorgt.
lnd die Arbeil, wie isi sie ausgefallen? unlerbrach der
Freiherr den Geistlichen noch einmal.
Es war eine lobenswerthe Arbeit; die Gestalt des Christus
recht edel, der Kopf voll Ausd.., und auch die Figur der
ys,
büsenden Magdalena nahm sich schön und charnkteristisch aus.
Sie sagen: es war eine schöne Arbeit, die Figur nahm
sich gut aus -- wwas soll das heisßen ? fragte der Freiherr.
Das Siandbild st zerstört! berichtete der Geistliche, und
sein Ton und seine Miene verriethen die Empfindung, welcher
er das Wort nicht gab.
Zerstört? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
Hz=---
=-=h geflissentlich erregten Glaubenshaß! antwortete der
Caplan mit jener Selbstbeherrschung, welche ihm z- -===»-
z- H?z-fmi=
geworden war.

-=- ZeF-
Den Freiherrn jedoch verließ in diese Falle seine Fassung,
und mit dem Fuße stampfend, rief er hefiig: Unerhört! Das
ist ganz unerhört! Sind denn jetzi alle Teufel los?-- Aber
er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich nieder-
setzend, während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies,
sprach er: Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts
mehr wundern und auf jede Art von Ausschreitungen vorbe-
reitet sein; dennoch überrascht uns, wenn uns widerfährt, was
wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie
meine Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts
zurüück, mein Freund, ich bin jezt volllouumen vorbereilel.
Au Mittwoch, fnuhr der Caplan fort, war, wie gesagt,
die Gruppe angekommen, Sauslags, als die Feiersluunde nahte,
halte man die Arbeit des Aufsteslens beendet; ich fuhr also
nach Rothenfeld, dad Geleisiete zu belrachten. Die Gruppe ge-
reichte deut ganzen Vauue zur Zierde; man lomnte in jeder Weise
seine Freude daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten,
keine Sörungen irgend welcher Art bei der Aufrichtig gehabt.
Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen, hatten es
angestaunt; nun standen die Kitder drausßen an dem Gitter
und betrachteten es neugierig. =es Försters Sohn, ein auf-
geweckter Knabe, fragte mich. ob das die Mutter Maria sei,
die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid gal, ging der
Candidat vorüber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu
seinen Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatie sich, was
er doch sonst zu thun pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
Der Bursche war mir siets zuwider, bemerkte der Freiherr,
den Erzähler unterbrechend, und er weiß es, daß seine ehr-
geizige Scheinheiligkeit, wie man diese Richtung von oben her
jezt auch beschützt, bei mir ihre Wirkung verfehlt!
Um so größer und unheilvoller war aber die Wirkung,
welche er auf die Gemeinde übte, berichlete der Geistliche, der

-- J-
- sich geflzzentlich jedes Urtheils enthielt und sich nur auf die
Mittheiluung der Thatsachen beschränkte. In der Absicht, die
Leute an ihn zu gewöhnen, hatie der Pfarrer seinen Sohn, wie
seit Jahren, auch jetzt wieder an zweiten Feiertage für sich die
Predigt halten lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit
, der Herrschaften für den geeigneten Zeitpunkt angesehen huuhen,
in welchem er seinem Zore gegen unsere Kirche einmal Luft
machen und bei seinen Vorgesezten sich damit eine geneigte An-
erkennung verdienen könne. Die Aufstellung des Siandbildes,
meine zufällige Unterreduung mit dem Knaben, deren Zeuge der
- Candidat eben so zusällig geworden war, bolen ihm dazu den
erwüünschtesten Stoff uu Anlas;, und er hat sich denn in den
, heftigslen Ausdriicken, in jeen landläuusigen Nedensarten gegen
, den Baalsdienst, gegen die Gözenanbetung, gegzen die heimliche
Verfihrung zu derselben und gegen unsere Kirche iberhaupt, so
, lange gehen lassen, bis er es der Gemeinde ennhlich förmlich an
- das Herz gelegt, sich iber die Gewalt zu beschweren, die man
F ihr mit deu Baue der Kirche angethan habr, ui die Errich-
Jiung von Gözenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht
F zu dulden.
Die Frechheit keunt uicht Masß, nicht Ziel! rief der Frei-
Therr, sich von seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie ver-
Z hilten sie sich? Was thaten sie?
EK traf sich ibel, daß ihrer Aufregung eine Gelegenheit,
. g,
kas
g n- zu bekunden, dargeboten wurde. Mißgestimmt waren sie
Fseit langer Zeit, und die Menge liebt es j«, Alles, worunter
Fsie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt, auf
FFeine und dieselbe Ursache und Qielle zurüczuführen. Als die
FZeute von Neudorf aus der Kirche nach Nothenfeld zurückkehrten,
ge-
machten die Kaumerjungfer der Frau Herzogin und der Koch
FFeben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer Heimath des
Anblicks gewohnt, den das Staudbild ihnen darbot, warfen ihr

-- ßß-
religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das
verlassene, unglückliche Vaterland sie betend zu den Füßen des
Heilandes nieder. - Sie knieend im Gebet erblicken, an ihrer
Andacht Aergerniß nehmen und diesem Aerger Ausdruck geben,
war bei den vorübergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren?
Sabbath nicht durch Gözendiener schänden lassen! rief eine
Stimme, und als hätte es nur dieses Anstosßes bedurft, so erhob
sich von allen Seiten der Ruf Nieder mit dem Gözenbilde!
Nieder mit den Gözendienern! Jagt das fremde Pack zum
Lande hinaus!
Weiter, weiter! drängle der Freiherr.
a Begrisse, mich hieher z Ihen zu begeben, lam ich -
mit meinem Wagen durch Nothenfeld. Schon beim Einfahren
in das Dorf sah ich, das: eiwas Ungewöhnliches vor sich gehen
misse, und das wiste Duurcheinander lärmender Skiunmen zeigte
mir den Weg.-- Der Gaplan hieli einen Auugenblick inne,
dann sagte er: Erlassen Sie es mir. ,huen die Scene zu,
schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben muuste. De Leute;
kannten sich nicht in ihrer Auufregung. Alt und Jung, Männer?
und Weiber waren iber die beiden Unglicklichen hergefallen,!
Man machte ihnen die Flucht unmöglich, man steinigte ses
buchstäblich, während die kräftigsten unter den Männern das
Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhiebei.j
Das Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten überiöntenj
das Geschrei und Toben der Withenden.
Aber war denn Niemand da, der Einhalt that? fragte detj
Freiherr, athemlos vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer
=Vo war Steinert? Wo war der Justitiarius? Und Sie selbsh
Caplan - -
Sie vergessen, Herr Baron, daß der unselige Vorfau sch!
nicht in Neudorf, sondern in Rothenfeld ereignete, daß detj
Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis Alles voriber war -

= I? ! =-==
und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein.
Steinert war über Land gefahren, und der Justitiarius, der
sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich
herzukam, hatte, wie ich, vollauf zu thun, die beiden Verwnn-
deien...
Verwundet - die Unglücklichen sind verwundet? Aber doch
nichi ernstlich, es hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwuundung des
Kochs war unbedeutend, er ist völlig davon hergestellt. Made-
moiselle Lise aber, die ein Steinwurf an die Schläfe traf--
ist todt!
Der Geisiliche hielt ine; der Freiherr schlosß umwilllürlich
die Augen. Er sprach kein Wort. Die Hände auf dem Nicken
ging er mit schwwerem Schritte im Zimmer auf und nieder.
Ein Mord, sagie er endlich tonlos, ein Mord an einem schwachen,
wehrlosen Weibe -- entsezlich!- Und die Herzogin --- wie
wird sie es vernehmen? -- Und wieder fing er an umherzu-
Fchreiten.
Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch
zmich hatte ein Stein am Hinterkopfe verlezt. . -
F Sie, Sie, mein Freünd ? rief der Freiherr, in der Sorge
ßum den altbewährten Lbensgenossen alles Andere vergessend
zund an den Geistlichen herantretend, dessen Hände er in ltb-
fhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr übles Aus-
ehen auf; aber fceilich solch einen Anlaß, solch einen Grund
Fwar ich mir nicht vermuthend. Und jezt, wie fühlen Sie
zb
; ? Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde
hpar nicht schwer, und -- fügte er mit seiner sanften Stimme
,egütigend hinzu --- der sie mir schlug, des Hirten armer, schwach-
Fßmniger Bube, wuste in Wahrheit kaum, was er gethan hatte.
ß. Der Freiherr athmeie schwer auf, drückte dem Geistlichen
F, d. Lewet. Vo selatea i seaee u

-=- ZZ--
tief ergriffen die Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm,
seine Erschütterung zu zeigen. Er trat an das Fenster, das
auf denn Markt hinaussah, aber
was draußen vor seinen Augen
dem so eben Gehörten beschäfiigt,
er gewahrte nichts von dem,
vorging. Er war einzig mit
ganz in seine Gedaulen ver-
sunken. So verging eine geraume Zeit. Beide Männer hielten
vor einander zuurück, was doch ausgesprochen werden musßte, und
beiden ward d Schweigen drickeder, je länger es sich sortsezie.
Endlich rasste der Freiherr sich zusamen. Lazsen Sie
uns zu Ende kommen! sagle er sinsler und gepresgt. Wie verlief
die Sache, und wie verließen Sie die Dinge?
Es war, als ob der Unfall, den ich erlitten hatte, sie zur
Besinnug brächte. Ein paar Frauuen in meiner Nhe riefen
meinen Namen, sprangen mir bei, versuchten mich zu sczüzen.
Ich redete ihnen zu, verlangte ihre Hilfe fir die Ugliickliche,
der Aublick der Sterbenden erschreckte die Sinulosen und brachte
einen Stillstand in ihre wilde Aufregung. Diesen benutzte der
Justitiarius. Er uannte sie Verbrecher und verlaugte die Aus-
lieferung des Mörders. Sie hatten nicht daran gedacht, daß
sie ein Verbrechen begangen, daß sie einen Mord veribt hatten;
sie schwankten, ob sie dieses Bewußtsein durch neue Unthat in
sich übertäuben, ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Er-
schrecken forthelfen oder sich aus Furcht zerstreuen sollten.
Da haben Sie das Voll, rief der Freiherr mit bitierem
Hohne, da haben Sie das Volk, dessen Menschenrechle man an-
erkennen, dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen, dem man
Autheil an der Regierung des undes zuerkennen soll! Nohe,
N,
wilde Bestien, nur durch Zwang zu bändigen, durch Strenge
und Gewalt in den Schranken der Menschlichkeit zu erhalten!
-- Das sind die Freiheitshelden, die jenseit des Nheines ihr
Wesen getrieben haben -- Kirchenschänder und Mörder! Aber
so wahr Gott lebt, ich denke es ihnen grüündlich zu verleiden!

--- ß-
. I. sagie der Caplan, sie bebürfen er Zuucht, sie lönnen
der Führung, der Leitung nicht entbehren und werden dies je-
mals schwerlich können. Aber soll das Messer fiir die That
einstehen, die man mit ihm verüübt? Soll die bildungslose
Masse dafir einstehen, das: man also die freie Gleichberechligung
der Culte auudibt? Soll ein armer, irregeleiteter Bauuernbursche
es entgelt.t.. wenn man von den Kanzel: bes Landes unsere
heilige Kirche schmälen darf? Soll es ihm hingehen, dem un-
reise:n jumngten Mauauie, deu lihherischen Gandidaien, das; er sich
auflehute gegen dad Gesez seines Landes, gegen den Willen
seines König«, der unsere Gewissensfreiheit und unsere freie
Religionsübung so gut wie die der Andersglaubenden zu schitzen
hat? Wollent Sie es dulden, das; diese freche anaßende
Mensch Ihren Etschließuungen. .rem freien Willen auf der
Sk.
Kanzes .-er eigenen Kirche entgegentritt? das; er Ihre Leute
-s.--
zur Veurtheilng ao-r Handlungen aufreizt, daß er sie zu
-s.=-n
Es. -ßzs 9
-=- =eichtern macht?- Ich füür meinen ahei! habe gleich
E
gethan, was meines Auies war. Ich habe noch an demselben
Tage dem Fitrsibischof einen Vericht der Vorgänge eingesandt.
Ich habe. ihn aufgefordert, bei der Regierung Beschwerde über
den Angriff zu führen, -er durch den Candidaten gegen unsere
freie Religionsibung vollführt ist, und es mißte keine Gerech-
tigkeit im Lande mtehr zu finden sein, wenn uns unser Recht,
und dem Gotthard nicht das seinige werden sollte.
Es war selten, dass der aplan sich also lebhaft äus. ---
osft
und dem Freiherrn fiel es daher auf. Er hatte in dem ruhigen
Laufe der Zeiten es fast vergessen, das: sein alter Lebensgenosse
noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher, daß er ein
Mitglied jenes großen Elerus, jenes wundervollen Organismus
sei, dessen Mitglied... aus allen Schichten des Volkes hervor-
gehend, über die ganze Welt zerstreut, in sich verein.gt, und
losgelöst von allen Banden der Familie, in Einem der Ihrigen

- 1e --
gipfeln, der sich die höchste irdische und geistiiche Machwvoll-
kommenheit zuerkennt, von welcher ein Theil auch dem geringsten
Angehörigen dieses Bundes übertragen wird, so das; ein jeder
zur Befestigung und Stärkung des großen Ganzen mitwirkt,
während er sich von demselben getragen, gehoben und beschitzt
weiß. Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen, daß der
Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang
mit seiner Kirche mahnte, das: er fir seinen Theil Masßregelu
getroffen und selbstständige Schritie gethan hatte. Er sah dies
als einen lebergriff in seine Rechte an und er war eben jezt
noch weniger als sonst gewillt, seinen Nechten etvas zu vergeben.
Ohne daher auuf die Aimahnungen des Caplans weiter
eizugehen, sprach er lall ui erust: Ehse wir daran denulen
dürfen, die Freiheit unseres Cultue zu vertreten, scheint es mir
nothwendig, das: den Verbrechern ihre Strafe, das: Jstiz geibt
werde, no gege das Gesez gefrevelt ward. -- Was hat der
Justitiarins gethan?
Der Caplan, der sich zuricgewiesen sah und dies fir sich
und mehr noch finn die heilige Sache, der er diente, schwer
empfand, liesß den Freiherrn seine Antwort eine lleine Zeit er-
warten. Dann sagte er: Bei dem wüsten Angriffe, den man
auf unsere unglicklichen Glaubenögenossen richtete, bei der Plöz-
lap.t und Wildheit, mit der Alle zugleich über die Beklagens-
I,
werthen herfielen, war es nicht zu sagen, wer die That verübt.
aeder konnie, Niemand wollte der Mörder sein, und noch hatte
der Justitiarius nichts entschicden, als Steinert von seinem
Ausfluge zurückkam. Mit Einem Blicke übersah er, was geschehen
war, mit Einem Satze war er vom Pferde, und rasch den
Stephan aus Neudorf bei der Brust fassend, rief er: Wer's
gethan hat, das weiß in diesem Augenblicke Gott allein, aber
sein Theil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben,
denn ich habe sie oft genug von ihm gehört, die Redensarten

--- 10!---
gegen den Kirchenbau und gegen die Fremden und die Fran-
zosen. Er wird auuch jetzt wieder der Anfiihrer gewesen sein!
Führt diesen hier vor allen Dingen weg, und dann wollen wir
weiter sehen; das ebrige wird sich finden!
Ud was dann? fragte der Freiherr, dessen Miene sich
belebte, da er hörte, daß eine entschlossene Hand über die Auf-
rührischen gekommen war.
Steinert selbst üibergab dann Stephuun den beiden Amts-
boten; in dem Bestreben, sich zu rechtfertigen, zieh der Verhaftete
Andere der Schuld, und auch diese hat man festgenommen; eh
sizen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Männer,
weinend und schreiend gingen die Weiher aus einander. Steinert
eilie nach Nedors in die Pfarre. Ich war nicht im Stande,
meine Neise an dem Nachmittage fortzusczen, und hätte ich es
vermocht, so wäre es doch nicht zulässig gewesen. Ich mußte
bleiben, um die Sielle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen
sollte, und un sie zu bestatten, und in Beidem habe ich leine
Siörungen erlitien. Ich habe ihr Grab in der Nähe des zer-
trümmerten Standbildes graben lassen, damit die Leüte eä auf
ihrem täglichen Wege vor den Augen haben.
Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen
und den Kopf auf die Hand gestizt. Er schauderte zusammen,
aber er sagte nicht, was ihn bewegte, bis er sich plözlich mit
dem Ausrfe: Gleich morgen mus; ich hin, gleich morgen! von
seinem Sessel erhob.
Um Ihre Rickkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als
der Justitiarius mir auch aufgetragen! meldete der Caplan,
indem er gleichfalls aufstand.
Und weshalb das ? fragte der
Um zu begnadigen, wo jene
Freiherr.
nur Gerechtigkeit zu üben
hätten!
Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie würden

-=-- IL-
mir rathen, dem Gesetze vorzugreifen? Sie wirden der Mei-
nung sein, das: ich durch schwwache Nachgiebigleit ähnlichen Freveln
--hür und Thor öffne?
D« würde die höchste Strenge finn den bewußten Urheber
N
des Frevels fordern und Gnade üben - -
Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu
richten habe, und freveln lassen, wo ich Herr bin?-- Nein,
Caplan! Ich gehe nach Hanse, morgen -- aber sie sollen sich
meiner Nückkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen, daß ich
der Herr bin!
Der Caplan versuchte, Einspruch zu thun, des Freiherrn
Ansicht umzustimmen, aber es gelang ihm nicht.
eberzeugung gegen leberzeugung! sagte der Freiherr. Sie
folgten Ihrem Gewissen, als Sie sich an den Fürstbischof wandien,
ich folge dem meinigen, indem ich mich meines Rechtes bediene,
mir selber Recht schasfe, und ich muus: der verruchien Nolle zeigen,
was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor allen
Dingen muß ich die Herzogin sehen!-- Und der Thüre zu-
schreitend, sprach er zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer
Gang!