Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 09

Ne unte ä Cazitel.
Flie Schlachten an der Kazbach und von Großbeeren
waren eben geschlagen worden. Renatus stnnd mit seinem Ne-
gimenle unfern dem rechten Elbuufer, als er die Nachricht von
dem Tode seines Vaters erhielt, und weil er weichherzig war
und im Ganzen der Schicksalsschläge nngewohnt, war sein Schmerz
im ersten Augenblicke äuserst lebhaft. Er hatte allerdings bei
den vorgerickten Jahren seines Vaters, und weil er ihn bei seiner
lezten Anwesenheit in Richten sehr verändert gefunden hatte,
wohl daran gedacht, daß er ihn möglicher Weise nicht wieder-
sehen, daß der Abschied, den er von ihm nahm, ein ewiger
werden könne. Aber die Plözlichkeit, die ganze Art, in welcher
der Freiherr geendet, hatten für die Phantasie des Sohnes im
ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes, etwas ganz besonders
Schmerzliches, und Renatus konnte nicht müde werden, sich immer
auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem
Kirchhofe sterbenden Vaters vor die Seele zu halten.
Indes gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vor-
stellung stumpfte den Eindruck ab, und es bewährte sich an Re-
natus die alte Erfahrung, daß diejenigen, welche bei dem Erleben
eines traurigen Ereignisses gar keines andern Gedankens fähig
und immer nuur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind, das
Geschehene am leichiesten überwinden und verschmerzen. Ed
dauerte gar nicht lange, bis Renatus, wenn er an den Tod
seines Vaters dachte, sich umwillkirlich aller der Tausende er-

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innerte, die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter, von
Rossen zerstampfter Erde, an ihren Wunden verblutend, ihr Leben
ausgehaucht hatten, ohne das; eine liebende Hand ihr brechendes
Auge geschlossen hätie, ohne daß ihr lezter Blick auf das Antliz
eines Freundes gefallen wäre. Wa ihm in den erslen Siunden
oder Tagen so schrecklich erschienen war, die Plözlichkeit, mit
wwelcher der Tod seinenn Vaier iiberrascl haile, das singz er bald
an, als eine Wohlihat der Naiur und als ein Gliüc zu betrach-
ten, und in seinem an den Caplan und an Viltoria gerichieten
Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters, dem es ver-
gönnt worden war, in den Armen seines treuesien Freuundes,,
mit dem Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche,
von der Erde Abschied zu nehmen.
Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit er-
fahren, welche das Leben der Kinder eng mit dem der Eltern
verknüüpft. Einen entscheidenden Einfiusß auf die Erziehung seines
Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geiht, und in den
letzten Jahren war Renatuus nuur selten und immer nuur auf kurze
Zeit in Richten gewesen. Es entstand daher in seinem Herzen
durch seines Vaters Tod keine wesentliche Lücke, aber seine Ver-
hältnisse erlitten durch denselben eine bedeutende Umgestaltung.
Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und Verpflich-
tungen an ihn heran, denen zu begegnen sein bisheriges Leben
ihn in keiner Weise vorbereitet hatte, denen er persönlich zu ge-
nügen jetzt auch völlig außer Stande war. Er kounte nicht
daran denken, inmitten dieses heiligen Krieges einen Urlaub zu
begehren, und da ihm zuerst nuur die Nachricht von dem Tode
seines Vaters zugekommen war, beruhigte er sich mit der Ueber-
legung, daß der Caplan und der Justitiarins doch am Orie
wären und daß er sich ihres Eifers wie ihrer Einsicht versichert
halien dirfe.
Er schsieb Vitiorien, schrieb sofort auch seiner Braut und

-- 1--
machte dieser den Vorschlag, sich mit ihrer Mutter und Schwester
baldmöglichst nach Schloß Richten zu begeben, um der verein-
samten Vitioria eine Gesellschaft zu sein. Er euwähnte dabei,
daß es ihm wohlthun würde, die Gegenstände sAner Liebe i
dieser uuruhigen Zeil an eineut und demselben Orte unter demn
Schutze seines Hauses vereinigt zu wissen, und weil er ent-
schlossen war, sic jetul erusihhasler als bisher mil den Vermögens-
-lngelegenheilen seiner Famnilie zu beschästigen, bemerlie er gegen
die Gräfin, dasi es, nach den Dp ;l, welche der Krieg auch
iifsfs
ihr' auferlegt habe, ihr vielleicht gerathen scheinen dirfte, ihre
Häuslichkeit in der Hauuptstadt auufzulösen und eine Gastfreunb-
schaft anzunehmen, bis Hildegard selbst sie ihr iu Richten an-
zubicten haben werdc.
Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts, es wechselte
die Standauartiere oft, und erst am Tage vor der Leipziger
Schlacht kam der zweite Brief aus Richten, welcher ihm mit
dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem Ab-
leben des Caplans üüberbrachte, durch die Feldpost dem jungen
Freiherrn in die Hände.
- . «ienst hatte- ihn bis gegen den Abend hin ,in An-
D,=- ee
spruch genommen. Mide und erschöpft stieg er vor dem ein-
samen Bauernhhofe, in welchem er im Quartiere lag, vom Pferde
und trat in die niedrige Stube, welche er mit fünf anderen
Offizieren theilte. Drauusen war es herbstlich und feucht, aber
trotz der geöffneten Fenster lag eine schwüüle, heiße Ltft über
dem niederen Naume. Zwei seiner Kameraden hatten sich, die
Tornister unter den Köpfen, auf den Estrich des Bodens nie-
dergeworfen und waren, wie ihr tiefes, schnarchendes Athem-
holen verrieth, obschon es noch ganz hell war, vor Ermüüdung
eingeschlafen. Der Cayitän, ein verheiratheter Mann, schrieb
an der Ecke des Tisches, an welchem die Andern mit juugend-
licher Eszlist ihr geringeä Abendbrod verzehrten. Sie achteten

1M--
kaum auf das Eintreten ihres Kamneraden, uur der Hauplmann
wendete sich flüchtig nach ihm um und sagte: Herr von Arten,
es sind auch fitr Sie ein Brief und ein Packet angekommen;
sie liegen dort auf dem Simse.-- Dann fuhr er still zu
schreiben fort.
E war lein Plaz mchr an dem Tische und auch kein
Plaz zum Sizen in der Stube. Renatus nahm seine Brief-
schaften und ging damit hinaus. Drauszen vor dem Hause war
ein Slickchen Erde eiugehegt. Er und seine Kameraden hatten
das Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerslörung bewahrl. E
stand ein Kirschbaum darin, und aus dem noch grünen Grase
wuchsen einige Slockrosen hervor, die noch in Blitthe standen.
Die untergehende Sonne beschien sie matt. Er warf sich auf
eine kleine Bank unter dem Bauume nieder, steckte den Brief,
auf dem er Hildegard's Handschrift erkannte, in die Brust und
öffnete zunächst das von Richten kommende Packet; aber er suchte
darin vergebens nach einem Worte seines greisen Lehrers oder
nach einem Briefe Vittoria's. Nur der Justitiarius hatte ge-
schrieben. Das fiel Renatus auuf, denn noch nie war eine Sen-
dung von Richten ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an
ihn gekommen, seit er im Felde stand, und er nahm daher das
Schreiben des Justitiarius mit Besorgniß in die Hand. Indes
die Nachricht, welche ihm durch dasselbe wuurde, hatie er doch
nicht vermuthet.
In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete
der Beamte, daß der hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach
dem Tode des verstorbenen Herrn Barons sehr angegriffen und
verändert erschienen sei. Trozdem habe derselbe es sich nicht
nehmen lassen, seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem
Verliste ihres Gemahls äusßerst erschitterten Frau Baronin zur
Seite zu stehen. Er habe dabei offenbar seine Kräfte erschöpft,
und wenn man sich auch häite denken mögen, daß er seinen

z es?
Herrn und Freuund nichi lange ilberleben würde, da sie so eng
in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zer-
reißen solcher alten Lebensbande nicht wohl vertrage, so hahe
doch das plözliche Hinscheiden des verehrten Greises sie Alle
schwer betroffen und werde auuch den Freiherrn sicherlich sehr
überraschen. Er berichtete demselben danach, das er den unbe-
deutenden Nachlas; des Caplans versiegelt, daß r die Meldung
von seinem Ableben hei den beirefsenden Behöcden gemacht habe,
und fragte an, wie der Freiherr es nun hinsichtlich der Ver-
waltung des Nichtener Pfarramies zu halten gewilli sei.
Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen
HHänden. Ed war nichis Ungewöhnliches, woad er erlebte, es
lag im Laufe der Natur, das; der betagte Mann gestorben war;
aber er hatte ihn so lieb gehabt. Wie der Schuzgeisi von
Richten, ja, wie sein eigener Schuzgeist war der Caplan hm
stets erschienen. Jezt erst kam seine Heimath ihm verlassen und
verwaist vor, und sein Gemüth besaß in diesem Augenblicke noch
nicht die Kraft, sich Schloß und Herrschaft unter einer ganz
veränderten Umgebung als sein Eigenthum zu denken und sie
doch zu lieben. Ohne den Gaplan war -= == chten nicht mehr
N
s simz-
die alte, theure Heimath.
.-des: es war kein aag. an welchen: man sich seinen
-zs
Empfindungen lange iberlassen durfte. Jedermann wuste es,
daß am nächsten Morgen eine grose Schlacht bevurstand, und wer
noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte, that dazu, es
nicht hinauszuschieben. Renatus hatte sich auf die Vorsorge
des Caplans mehr als auf sich selbst verlassen. Jezt war er
dieser Stitze beraubt, die kommende Tagesfrihe konnte über
sein Leben entscheiden, und er hinterließ eine Stiefmutter, einen
Mi
=-er, eine Braul. Er h.« .« das Wohlergehen dieser
-li, -
Lieben noch nicht Sorge getragen, wie er wünschte, und jetzt
war es vielleicht zu spät dazu. wenn die Voraussicht seines

-- ILs--
Vaiers nicht in dem Testamente die Vorkehrungen auch auf
den Fall getroffen hatte, daß Renatus nicht aus dem Felde
wiederkehren sollte.
Er öffnete und las das Testament. E war nicht dazu
gemacht, ihn zu beruhigen und zu erheben. Sein Besiz war
weit mehr verschuldet, als er es fir möglich gchalten halte.
-.bschon seine wirthschaftlichen Kenntnisse höchst unledeutend
waren, ahnte er doch, das sich ihm grosie, fast unübersieigliche
Hindernisse in der Verwalluiuzs unid Ersalluunug, der drei gzrostesn,
nnoch zusammengehörenden Giter in den Weg stellen wirden,
und mehr noch als diese Erleuninis; erschiilerte ihn der Theil
des Testamentes, welcher Vittoria und ihren Sohn betraf. Es
iberflog ihn eine heiße Scham, das Herz preßte sich ihm zu-
sammen. Seinem Vater war also das Geheimniß Vittoria's
nicht verborgen geblieben. Der Greis hatte den Schmerz er-
duldet, sich verrathen zu wissen. Wie mußte ihn dies nieder-
geworfen, was mußte er davon gelitten haben! Die reine,
wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria, er
dachte mit widerwilligem Zorn an sie und an Valerio, und Beides,
Beides that ihm weh: denn er liebte Vittoria und er liebte
auch den Knaben, den er, obschon er um Vittoria's Leidenschaft
für einen Andern wußte, bis jezt doch als seinen Bruder an-
gesehen hatte.
Bricht denn Alles, Alles unter meiner Hand zusammen?
fragte er sich schmerzlich, und der alte Gedanke, daß er nicht
zum Glücke geboren sei, bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter
Macht. Er hatte bisher immer viel Mitleid mit Vittoria ge-
habt, ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm stets
als eine große Entsagung für sie erschienen. Jetzt beklagte er
nur seinen Vater. Weil er nicht wußte, daß der Freiherr erst
ganz kurze Zeit vor seinem Tode den Verrath Vittoria's er-
fahren hatte, bewuunderie er dessein siolze Zurüichaliung und die

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- L .a -( -==
großmithige Nachsichl, mit der er Vittoria behandelt hatte. Er
machte sich selbst einen Vorwurf darauus, das er der Verrätherin
so viel von seiner Liebe, so viel Freundschaft zugewendet; er
hätte seinenn Vater wiederhaben mögen, um es ihm abzubitten,
daß er nicht geg Zärtlichkeit fir ihn gefühlt habe, um ihn
auf's Neue und mehr und verständnißooller als bisher zu lieben.
, Er wuste in einzelnen Augenblicken nicht, was er thun,
ja, nicht einmal, woran er zuerst denken solle. Man erwartete
von ihhuu Besliuunnzzeu ilber seie Angelegenlzeilen, aber er ver-
stund von ihne wenig, er haite leine wirkliche Geschäftskenntnisz.
=-er Freiherr halle nach dem Abgange von Sieineri mehrmals
ex:
mit seinen Amtsleuten gewechselt; Renatus mnustr aus des Vaters
eigenem Munde, das: er auch dem gegenwärtigen Amtmanne
nicht vertraue und daß er eben deshalb zum Defteren an eine
Verpachkung der Güter gedacht habe, nur daß er sich nicht ent-
schleßen können, damit einen Aheil seiner persönlich... -==---==--
ofn iiisnnnss,l,
baren Eimwirkzug isber sein Eigenthuum aufzugeben. Der Justi-
tiarius erwähnte in einer dem Testamente beiliegenden Ausein-
andersezung dieser Absicht des Freiherrn, denn der Contrack
des Amtmanis ging mit dem nächsten Frihjahre zu Ende, und
Nenatus musste jezt entscheiden, ob der Contract, wie es fest-
gesetzt war, dann auf drei neue Jahre verlängert werden sollte
oder nicht. Der Justitiarius sprach von einem Pächter, der
sich gemeldet habe und dessen Bedingungen, wenn man die Zeit-
verhältnisse in Erwägung 1g, ncht unginstig genannt werden
-=----=--; aber es ward die Bedinguntg daaß g-=-===i-- vaß ihnt
f,inziiosi
wu?eiszss -
das lebende Inventarium, welches durch den Krieg auf das
Aeußerste heruntergebrag- -oorden war, vollstandig und aus-
,is s
Ffmif-
reichend ersezt werden und die Pa.=-g ihm auf zwölf Johre
zugesichert werden solle. Fir die Beschaffung des Inventariums
musßte man abermals Ka, ul aufnehmen, das jetzt schwer und
-siiH
nur zu hohen Ziuusen zu haben war, und dic jetzt während des

-- 1G--
Krieges gebotenen Pachtprese auf zwölf Jahre im voraus gelten
zu lassen, fand selbst Renatus nicht für möglich. Er mußte
also die Dinge gehen lassen, wie sie eben gingen, aber die Sorge
um seinen Besiz wälzte sich wie eine Last auf ihn, und dazu
fing er an, es schwwer zu bereuen, daß er die Gräfin Nhoden
zu der Uebersiedelung nach Richien aufgefordert hatie, den es
war ihm jetzt eine äuusßerst widerwwärige Vorsiellung, sich seine
Braut in der Nhe Villoria's und in deren käglicher Gesell-
schaft vorzustellen.
Ohne daß er sich bestimue Gründe dafiür anzugeben wußte,
hegte er, weil er es eben wünschte, die bestimmte Hoffnung,
daß die Gräfin seinen Vorschlag nicht angenommen haben werde,
und nachdem er mit einem Seufzer die Testaments-Abschrift
und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag ge
schoben hatte, nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem
zweiten Couverte hervor, weil er sich den Brief seiner Braut
auf zuletzt versparen wollte, um den schweren Tag doch min-
destens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschließen.
Aber seine Hoffnuung und Voraussicht hatten ihn dieses
Mal getäuscht. Die Gräfin schrieb ihm, daß sie Anfangs Be-
denken gegen seine Plane gehegt habe. Sie sei zweifelhaft ge-
wesen, ob es angemessen sei, gleich nach dem Tode des Freiherrn
sich in dessen Hause einzurichten. Sie habe, da Nenatus' Ver-
lobung mit ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimniß sei,
die Besorgniß gefühlt, daß man ihr die Absicht zur Last legen
werde, eben diese Verlobung herbeiführen zu wollen; indeß
Hildegard sei anderer Ansicht gewesen, und da diese ohnehin
einer Erholung bedürfiig sei, weil sie sich in der Pflege der
Verwundeten, deren Zahl nach der Schlacht von Grossbeeren in
den Berliner Hospitälern so furchtbar angewachsen, Anstren-
gungen zugemuthet habe, die weit über ihre Kräfte gegangen
wären, so habe die Gräfin sich nach reiflicher Neberlegung zum

zezr?
Nachgeben entschlossen und die nöthigen Schritie zur Auflösuuuug
F ihrer Verhältnisse in der Nesidenz gethan, wobei ihr Graf Ger-
hard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine Dienste angebvten
, habe. Sie fügte dann noch hinzu, daß sie, wenn sie ihre
ölonomischen Verhällnisse in das Auuge fasse, Renalus siir sein
Aerbieten doppeli Danl zu sagen habe, da ihr die Zinsen ihres
geeingen Vermögens jezt nicht regelmässig eiiglngen; und die
Zweifel, welche sie- un die Sicherheit ihres lleinen Kapitals
aussprach, waren auuch nicht dazu angethan, dem neuen Besitzer
der von Arten'schen Gitter das Herz zu erleichtern. Noch hatte
er nicht Frau, nicht Kind, und schon lag, en mochte es an-
schen, wie er wollte, die Sorge fiir eine große Familie auf
seinen Schultern. Denn an wen hatten sich Vttoria und Valerio
zu halten, als an ihn? Auf wen, als auf ihn, fiel einmal die
Sorge fir Hildegard's Mutier und Schwester? Und diese
Einsicht mußte er gewinnen an dem Vorabende einer großen
Schlacht!-- Sich zu trösten, sich die Seele zu befreien, er-
öffnete er Hildegard's Brief.
,Mein ewig Geliebter,' schrieb sie ihm. ,es soll Ja und
Amen heißen zu Allem, was Du wünschest und angeordnet hast
für jetzt und für alle Zeit! Was könnte Deiner Braut in diesen
Tagen, in denen sie Deine Seele von Trauer beladen weiß,
ohne daß sie zu Dir eilen kann, sie Dir tragen zu helfen, Heil-
sameres begegnen, als an der Stelle zu weilen, an der Ta
geboren bist, als an dem Orte zu leben, der künftig auch ihre
Heimath sein wird und an welcher sie mit Dir vereint das An-
denken Deines edeln Vaters heilig in sich pflegen will.
-- -- mein Renatus, Lieben, Glauben, Hoffen, das ist
alles, was uns übrig bleibt in den Tagen der Prüfung, in
denen wir leben! Ich habe Stunden gehabt, in denen h mich
mit Zweifeln plagte, mit Zwweifeln, ob Dein Vater mich jemals
gern willkommen heißen wülrde; mit immer neuen Zweifeln

- 1Z- -
sogar an Dir, denn ich meiike, wäre Deine Liebe der meinigen ;
gleich, so hätte keine Rücksicht der Welt Dich bewegen können, -
mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung ,
fern von Dir zu halten. Und nun das überwunden ist, nun
=u Herr bist üiber unser Schicksal, nun Dein Wille mich ein- -
führt in Deiner Väter Haus, auch jezt noch darf ich die bräut-
liche Myrlenlrone nichi in meine Locken dritcen, und jede, jede
Stunde lann fiir ewig den Schleier nichi endender' Trauuer iber -
meine ganze Zuukunft werfen! Weiß ich es denn, ob es nicht
schon geschehen ist? Weiß ich es denn, ob des Todes Pfeil Dich
nicht bereits ereilte, ob Dein brechendes Auge sich nicht ver-
gebens nach Deiner Geliebten sehnte, ob T. in leztex Seufzer
d.
nicht vergebens ihren Namen rief?-- Ich habe so manches
Sterbenden leztes A.urt vernommen- Gott, Gott, wenn Du
.i
--- aber ich kann, ich mag es nicht denken! Ich will hoffen,
hoffen und beten, weil ich =u.g liebe!
cd1.s
,Du hast das Richtige finn mich gewäh- .« habe Ruhe
s E,
und Stille nöthig und ich gehöre zu den Trauernden. Wie
verlangt es mich, unsere schöne Signorina wiederzusehen, Deinen
kleinen Bruder zu umarmen! Ich werde mit unserer Signorina
von Dir sprechen, in Deines Bruders liebeu Antliz Deine Ziige
suchen; wir werden nuur in Dur, nur für Dich leben, bis Du
wiederkehrst; und was diese Jahre de. «eübsal Jedem von uns
z- Sa
auch auferlegen- Gott hat sie gesendet, um mit schweren
Leiden an die Herzen derer zu klopfen, die sich abgewendet
hatten von sich selber und von ihm. Denn wie Viele uns der
Tod auch entrissen, das Leben hat uns manchen verloren Ge-
glaubten wiedergegeben, und sollten wir nicht mit unserem
Heilande sagen: Es wird mehr Freude im Himmel sein über
einen Sümder, der Busze ihui, denn über hunderi Gerechle?
, Duu weißt es, mein Geliebter, von wem ich rede. Es ist
eine große, eine erhebende Waudlung mit ihm vorgegangen, und

-=- Fß--
laß es ncuig bekennen, ich meine oftmals, mein briünstig flehendes
Gebet habe dazu mitgewirkt. Ich konnte, o, ic konnte den Ge-
danken nicht ertragen, daß der Deinen Einer, daß Deiner edeln
Mutter Bruder der heiligen Sache des Vateulandes und uns
Allen für immerdar verloren sein sollte nein, ih konnte es nicht!
, Dein Oheim weiß es, wie Dein und wein Herz sich ge-
funden haben, er gönni uns unser Glick, er segnet es, und ich
glaube oftmalö zu, bemerlen, das; seine Augen mit Nihrung auf
mir weilen. Ach, ünsß es ihn nicht schmerzen, daß er in einer
Zeit herangewachsen ist, in der das heilige Feuer der Vaier-
terlandsliebe in den Seelen der Menschen erloschen war? Ist
er denn nicht beklagenswerth, daß seinem Leben, wie er mir das
einst gestanden, niemals der milde Stern einer reinen Luebe
aufgegangen ist?
, Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen
theuren Vater güievoll zur Seite gestanden, er hat mir geholfen,
die Mutter zur Uebersiedelung in unsere künstige Heimath zu
bestimmen. Frei und unabhängig, wie er ist, bietet er Dir seine
Dienste an, und es müßte mein ganzes Empfinden mich be-
krügen, oder Du könntest, was Du von weltlichen Dingen an-
zuordnen hast, keinem verläßlicheren Freunde anvertrauen.
, Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut, und Du, meine
einzige Habe, mein höchstes Gut, bist mir fern, bist in täglicher
Gefahr. D, denke, wo Du auch immer weilest, denke, daß ich
an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem Bilde,
unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende,
denke, daß mein Leben beschlossen ist, wenn es dem Herrn über
Leben und Tod gefallen sollte, das Deinige als ein Opfer auf
dem Altare des Vaterlandes zu begehren.'
Sie hatte ein paar Myrienblätter auf den Nand des
Briefes festgenäht und ein Herz darum gezeichnet., Hier haben
meine Lippen, Dein gedenkend, dleses Blatt berihri! hatie sie
F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlech. Ül.

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darunter geschrieben, und vie Spur ihrer Thränen war auf
dem Papier sichtbar, die Worte waren halb verlöscht. Aber der
ganze Brief und vor Mllem diese Weichheit des Schlsses brachten
keine guute Wirkung auf ihren jungen Verlobten hervor.
Nenatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen, seit er vor
seinem Abmarsche zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr
genommen hatte. Die Heeresabtheilung, bei welcher er stand,
hatie bei dem Aubruch des Befreiungskrieges ihre Marschroute
mach Deutschland im Norden von Berlit gehall. Seii uehr als
einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner
Verlobten angewiesen gewesen, und ein solcher hat imer sein
Bedenkliches, wo es sich nicht um völlig gefestete und klar be-
stimmte Verhältnisse handelt. Daß Nenains es nicht zulässig
gefunden, seinen Vater von der Wahl in Kenutniß zu setzen,
welche er getroffen hatte, war gleich Anfangs ein Anlaß zur
Verstimmung zwischen ihm und seiner Verlobten geworden.
Hildegard hatte ihn der Schwäche angeklagt, ihm vorgehalten,
daß er seines Vaters Nuhe mehr als ihren Frieden liebe, und
da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränktheit nicht
von sich selber abzusehen und keinen Anspruch auser dem ihrigen
für berechtigt anzuerkennen vermochte, hatte Renatus ihr mit
Grund den Vorwurf der Eigensucht gemacht. Von ihm, um
dessen Leben sie sorgte, auf den alle ihre Gedanken gerichiek
waren, getadelt zu werden, das hatte sie nicht ertragen können,
und von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbst-
beschuldigungen übergehend, um ihn wieder zu versöhnen, war
sie im Laufe der Zeit allmählich in eine Sprache der gefihls-
seligen Leidenschaft gerathen, die sich noch gesteigert hatte, seit
der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs-, Empfindungs-
und Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die großen
Aufregungen bis zur Nebertreibung gesteigert hatte.
Renatus hatte sich von dieser Gefi:hlsrichtung seiner Bratt

--- Z!- --
nie woylthätig berührt gefunden. Er liebte ein frisches, kräftiges
Wesen, vielleicht gerade weil er dessen sellst ermangelte, und das
Leben des Soldaten auf dem Marsche u i im Felde wnr wider
sein eigenes Vermuuthen sehr nach seinen: Geschmiack. Er hatte
sich auf dem russischen Feldzuge in Enilehrungen und Anstren-
gungen erproben lernen, er hatte den großen Augenhlick mit
erlebt, in welchem sein General das ihm anvertraute Corps
von der Bundeggenossenschaft mit dem Landesfeinde losgerissen
haite, und von deun erhabenen Schwunge dur begeisterten Volks-
bewegung weit über sich selbst hinausgeagen, hatte auch Ne-
natus endlich auus der Hosfnung auf die Vefreiung seines Va-
terlandes sein höchstes Ziel gemacht, ohne daß seine Lebe fir
Hildegard dadurch beeinträchligt worden wäre; aber sie verstand
es nicht, sich seinen Stimmungen und Zuständen, wie er es
begehrte, anzupassen. Mitten in der stolzen Aufregung des
Kampfes, von Tag zu Tag auf wildem Kriegöpfade fortschreitend,
immer nur des nächsten Augenblickes und oft selbst dieses nicht
sicher, sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines tapferen
Herzens. Wie jeder Jüüngling zum Helden geworden war, so
wollte er ein Heldemweib in der Geliebten finden, und Hildegard
war zu einem solchen nicht geschaffen.
E half Nenatus nicht, daß er sich vorhielt, wie muthig
sie in den Reihen der anderen Franen und Jungfrauen sich der
Pflege der Kranken und Verwundeten unterzogen hatie. So oft
er einen Brief von ihr erhielt, peinigten ihn die klagende Liebe,
die frome Verzagtheit, ja, selbst die entsagende Gottergebenheit
ihres Wesens, die es doch allesanmt nicht hinderten, daß sie
feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwwarf und eine Art von
Herrschaft über seine Empfindungen auszuiben strebte, welche
ihn stets daran erinnerte, daß er sich doch eigentlich sehr früh
gebunden habe.
Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch
g-

n? ---
iiemals ein anderer gewesen. E lähmte ihm jeden Aufschwung,
es verdüsterte ihm den ohnehin krübe genuug gestimmten Sinn,
von Hildegard, wie er es in seinem Innern nannte, im voraus
die Todtenklage um sich anstimmen zu hören. Es schien ihm
eine üble Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein.
Er hätte so viel lieber ein fröhliches Glickauf, einen sicgesge-
wissen, zukunftssicheren Nuf von ihr vernommen; und vollends
die enge Freundschaft, in welche die Franen zu dem Grafen
Gerhard getreten waren, und deren Entstehen und Wachsen er
seit vieles: Monaien bemterli uud immer ungern gesehen haite,
gereichte ihm heute zu besonderem Verdrusse.
Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr
aushalten; er kam sich ohnehin wie an Händen und Füüs;en ge-
bunden vor. Er stand auf und verließ den engen Naum.
Das ganze Dorf lag voll von Truppen. Es war viel
Landwehr dabei, und der Dialelt seiner Heimaih schlug mehr-
mals an sein Ohr. Er meinte, er müsse irgendwo bekauunte Ge-
sichter erblicken, eine Arede erfahren: und sie wäre ihm will-
kommen gewesen. Aber Niemand achteie auf ihn, es hatte Jeder
mit sich selbst geng zu thun.
An den abgeschirrten Batterien, an den Neihen aufgestellter
Bayonnette vorüber schritt er zum Dorfe hinaus. E war dort,
wie hier! Neberall Hast und Lärmen, iberall Gehen und Kommen,
überall das Dröhnen der Schritte von neu heranziehenden
aruppen und das Rollen der Geschitze und der Munitions-
wagen. Dazwischen Gruppen von ermüdeten, am Boden liegenden
Ankömmlingen, die schlafend fast mitten im Wege dalagen und
jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen werden konnten.
Die Sonne war schon untergegangen, der Himmel be-
wölkte sich mehr und mehr, es dunkelte früh. Aus den Wiesen
und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten den Nauch von
den zahllosen Beiwachtfeuern nieder, an denen die Soldaten sich

---- 1IR--
ihr Abendbrod, und fir wie viele unter iznen mußte es das
letzte Abendbrod sein, bereiteten.
.n der Ferne ertönte Trommelwirbel, von verschiedenen
Seiten erschallte in Zwischenräumen die Signaltrompete. Weit
hinten am Horizonte stiegen zwei weisße Le chtkugeln in die Höhe.
Was bedeuteten sie?
-' Er ging zwgalos vorwärts; er halte mitunter leinen festen
Gedanken, so Vielerlei, so Schweres zog ihm durch den Sinn,
und dazwischen fragte er sich immer wieher: was bedeuten die
beiden weissen Leuchiluugeln?
Den Tod fir Viele ganz gewiß! gab er sich endlih selbst
zur Antwort, und wie er denn so einsam dahinzog auf der
weilen, weiten, nachtbedeckten Ebene, einsam unter den Hun-
deritausenden, die morgen das blutige Spiel beginnen mußten,
über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden
sollte, wie er hier an einem Schlafenden vorüberkam, dort
fröhliches Lachen und Singen vernahm, dachte er: Wer von
Euch wird morgen noch singen und scherzen? Wer von uns
wird schlafen gehen für immer? - und es kam ihm gar nicht
furchtbar vor, zu diesen Letzteren zu gehören.
Was blühte ihm denn in der Zukunft? Was hatte er von
ihr zu erwarten? Quälende Verhältnisse, wohin er sich auch
wendete, Verpflichtungen und Sorgen aller Ari! Und wofür
das? Hatte er den Verfall seines Jamililinbesizes und Ver-
mögens verschuldet? Hatte er Vittoxia in das von Arten'sche
Haus geführt? Er mochte gar nicht an sie denken. - Und
Hildegard? Nun, Hildegard hatte sich in ihre künftige Trauer
so hineingelebt, daß sie wohl vorbereitet sein mußte, ihr Schicksal
zu tragen, wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten.
Die Briefe hatien lange Zeit gebraucht, bis sie an ihn ge-
langt waren. Jetzt, dachte er sich, musten sie Alle schon in
Richten beisammen sein. Er sah sie deutlich vor sich: Vittoria

--- K--
mit ihrem Sohne, der nicht mehr sein Bruder sein sollte, und
die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester. Er sehnte sich
nicht dorkhin. Zhm bangte vor dem verwaisten Schlosse, und
je länger seine Gedanken dort verweilten, um so schmerzlicher
drängte sich ihm der immer wiederkehrende Frageruf in die
Seele: Vilioria, waru has! Dui uir da= angzelhsan ? - Er
fiühlle sich allem Anderen gewachsen, nur Vitloria verachten zu
müüssen, in Valerio nicht mehr einen Bruder zu besizen, heimliche
Unehre eingedrungen zu sehen in das wirdige Hans seiner
Väter, das zerriß ihm das Herz, und die Zornesthränen in den
Augen zerdrückend, sagte er sich: Ich bin also der Lezte unseres
Hanses, unseres Namens! Falle ich morgen, so ist unser altes
Geschlecht erloschen und dahin!
Aus seiner Entmuthigung ris diese Vorstellung ihn empor.
Er wollte nicht mehr untergehen! Er war es denen schuldig,
die vor ihm gewesen waren, ihr Geschlecht und ihren Namen
aufrecht zu erhalten fi.r die Zukunft, er schuldete sich seinen
Ahnen. Er wollte leben bleiben. Morgen wollte er die Frage
an die geheimnißvollen Mächte thun, welche das Schicksal der
Menschengeschlechter lenken. Verschonte ihn dieses Mal die
Schlacht, so sollte ihm das ein Zeichen sein, daß Gott das Fort-
bestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in seiner
Weisheit angeordnet habe. Der morgende Tag sollte ihm zu
einer Entscheidung auch für sich selber werden.
Gefaßter, als er es verlassen hatte, kehrte er in sein Qartier
zurück. Er fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder,
um nach Hause zu schreiben, denn die Anfragen des Justitiarius
bedurften einer Antwort; als er sich aber anschickte, sie zu geben,
fiel es ihm erst ein, wie in seines Vaters leztwilligen An-
ordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall
genommen war, daß Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr
am Leben gewesen wäre, und obschon diese Zuversicht des Frei-

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herrn auf des Sohnes Stern für diesen eben so erhebend als
rührend war, sagte er sich doch, daß es eine Gewissenssache
für ihn sei, eine Entscheidung zu ireffen, eine Entschließung
zu fassen.
Der Freiherr halte mit seinem Testamente den ihm unter-
geschobenen Sohhn eies Fremden offenbar von dem Antheile an
dein von Arlen'scen Erbe ausschlieszen wollen, so zveit er dies
vermochte, ohne die ihm und seiner Ehre angethane Kränkung
undzuugeben. Das; er seinem Sohne erster Ehe den möglichst
vollständigen Besiz des Hausck zu erhalten suchke, da die Arten-
schen Giter kein Majorat waren, konnie an und fir sich selbst
in den Kreisen, in welchen die Familie lebte, keinen Verdacht
gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio's erregen,
die trotz der freiherrlichen Verfiügung noch immer günstiger zu
stehen kamen, als es bei der Vererbung eines Majorates fir sie
der Fall gewesen sein würde. Der Freiherr hatte also, nach
seines Sohnes Meinung, den Erbantritt Valerio's nicht völlig
ausschließen wollen. Das Fortbestehen seines Namens und Ge-
schlechtes hatte ihm höher gestanden, als die Befriedigung seiner
beleidigten Ehre. Starb Nenatus kinderlos, so fiel, wenn auf
Valerio nicht Bedacht genommen wurde, was jedoch geschehen
mußte, so lange seine unrechtmäßige Geburt nicht gerichtlich fest-
gestellt worden war, der Arten'sche Besiz an die nächsten Erben
und Anverwandten von Nenatus, an die Brüder seiner Mutter,
und mit Einem Male schoß es dem jungen Manne wie ein
Strahl durch das Gehirn, was die Annäherung an ihn, die
Graf Gerhard sejt Jahren mit einer gewissen Beflissenheit be-
trieben hatte, was die Freundschaft, welche der Graf für die
Braut seines Neffen gegenwärtig kundgab, zu bedeuten haben
könnten. Dabei kam ihm, wie mit einem Zauberschlage, eine
Aeußerung in das Gedächtniß, welche Graf Gerhard einmal
gegen ihn gethan hatte, als er ihn zum Eintritte in die Dienste

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des Königs von Westfalen üüberreden wollen. Er hatte Renatus
damals, um ihn vom Kriegsdienste abzuhalten, den einzigen
Erben seines Familiennamens genannt, und als dieser ihn an
seinen Bruder Valerio erinnert, hatte der Graf mit einem bösen
Lächeln ihm entgegnet: ,Viitoria's Sohn wird einmal auf Deine
Großmuth angewiesen sein !? Renatus haite das lange nicht
vergessen können; dann hatten die Ereignisse der lezten Jahre
jene Aeußerung aus seiner Erinnerung verwischt, und jetzt trat
sie wieder mit voller Klarheit in sein Bewus:tsein zuriick.
Es überlief ihn heis; und lalt. Graf Gerhard wuszte also
um Vittoria's Untreue und er rechneke auf sie; denn das er,
der seine eigene, wahre Ehre nicht geachtet hakie, kein Bedenken
haben wiürde, fremde Ehre Preis zu geben, wo sein Vortheil
es erheischte, darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl
zu kennen. Wie der flammensprühende Krater eines mit Ver-
nichtung drohenden Vulkans that es sich vor seinen Blicken auf.
Ihm graute davor, und doch konnte er sein Auge nicht davon
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Er dachte daran, sein Testament zu machen und Valerio
ganz ausdrücklich zu seinem Erben zu ernennen, denn immer wieder
fühlte er es, er liebte diesen Knaben brüderlich. Aber sein
Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich gewollt, und auch
in Renatus sträubte sich das Arten'sche Blut dagegen, ganz ab-
gesehen davon, daß die Einsezung Valerio's ohne Frage einen
Erbschaftsstreit und mit ihm die Enthüüllung von Vittoria's Ehe-
bruch Jeraufbeschwören konnte, den der Freiherr vor der Welt
zu verbergen beabsichtigt hatte. Dann wieder fand Nenatus sich
geneigt, Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen. Indeß der
Name seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten. Die
Freundschaft, welche Graf Gerhard fir die mitiellose junge
Gräfin hegte, konnte gegenüber der Erbin des Arten'schen Be-

sizes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen, und Renatus
hielt es gar nieht fir unmöglich, daß Hildegard, um ihr Werk
der vermeintlichen Belehrung an dem Guafenn Gerhard zu ver-
vollständigen, sich selbst zum Opfer bringen könie. Er hatte
heule ein unaussprechlich bitieres Gefühl, so oft er an sie dachte.
Er wußte nicht, war es Mißtrauen, war S Eifersucht, was ihn
älso quälte; aber.er vermochte das letztere nicht recht zu glauben,
denn heute konte er es sich nicht verbergen: er liebte sie eigentlich
nicht, er hakte sie niemals wahrhaft gelielt. Es war eine Auf-
wallung, eine Nebereilung gewesen, das; er sich ihr anverlobt
hatte, ihr ganzes Wesen sagle ihm immer weniger zu, und wie
ein Angsischrei rang sich, ohne das: er es wuste, aus seinem
beklommenen, geänstigten Herzen der laute Ausruf: Freiheit,
Freiheii! empor.
Er erschrak, als er ihn gethan hatte. Seine Kameraden,
die noch plaudernd beisammen saßen-- die beiden Schläfer
waren während seines einsamen Ganges auch wieder munter
geworden - wendeten sich nach ihm um.
Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher außer
Ihnen rufen, lieber Arten, sagte der Hauptmann; und frei
werden wir werden auf die eine oder die andere Art, wenn Jeder
von uns morgen Alles an Alles sezt! fügte er hinzu.
Die Unterhaltung der Anderen gerieth dadurch ins Stocken;
sie waren sammt und sonders ernsthaft geworden. Der Haupt-
mann zog einen Brief aus der Brusttasche und sprach Es wird
morgen eine Schlacht geschlagen werden, wie die Weltgeschichte
noch keine aufzuweisen hat. Wer sie von uns überleben wird,
das steht in des Allmächtigen Hand. Lassen Sie uns einander
das Versyrechen leisten, daß die Ueberlebenden Kunde von den
Todten in die Heimath senden.
Er hielt einen Augenblick inne, zeigte den Anderen den
Brief, den er danach wieder in die Brusttasche steckte, und setzte

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mit weicher Stimme hinzu : .P habe eine Frau und zwei
,
Kinder zu Hause. Falle ich und Sie können meiner Leiche hab-
haft werden, so schicken Sie diesen Brief an meine Fran. Gehe
ich verloren i der Masse, uu, so melbel wohl Eier von Ihnen
ihr das Geschehene, damik es ihr menschlicher und friher als
durch die Todtenliste zukommt. Ich stehe, soweit es nöihig und
mir möglich ist, Jede von Ihnen zu dem kraurigen Gegen-
dienste bereit.
Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu.
Die Lieutenants waren junge Eelleule und gleich Renatus
unverheirathet. Der Hanpimann war büirgerlicher Herkunft. Er
war bedeutend älter als die Anderen, und hatte in dem Regi-
mente von der Pike auf gedient. Renatus wusßte, das er ohne
Vermögen sei, daß er seiner Familie nichts weiter zu vererben
habe, als seinen unbescholtenen Namen und die Erinnerung an
seine Liebe und an seine Treue; aber nie schwer dem Hauptanne
das Herz auch sein mochte, Renatus beneidete ihn, weil so einfache,
natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten. Denn wie
er sich dagegen auch innerlich vertheidigte, es bemächtigte sich
seiner auf's Neue der dumpfe Lebensüberdruß, der ihn heute
schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte, und unfähig,
irgend einen festen Entschluß zu fassen, warf er sich mit den
Anderen zum Schlafe auf den Boden nieder.
Der morgende Tag sollte entscheiden! Auch über ihn und
seine persönlichen Angelegenheiten sollte er entscheiden!