Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 10

Zrhnteä Capitel.
Fza sie war gefallen, diese Entscheidung: so erhaben und
so glorreich fir das deutsche Vaterland, als die kühnste Ein-
bildungslraft es nur hatte erhoffen lönen.
Da Dorf, duurch welches Renatus an dem Vorabende der
, Schlacht geganget war, lag in rauchenden Trümmern. Es war
, der Schauplaz eines mörderischen Kampfes gewesen. Von den
! Offizieren, die in jenem Banernhause bei einander gesessen hatten.
s waren nach den drei großen Tagen nuur noch Nenatus und ein
s noch jiingerer Edelmann am Leben. E waren Wunder der
- Tapferkeit gethan worden.
Jn Verein mit den Ostpreusten hatte das Regiment, in
, dem Renatus diente, Gehöft um Gehöft, nachdem der Feind
Herr des Ories geworden war, wie eben so viele Festungen,
wiedererobern müssen, und, seiner Compagnie voranstürmend,
war der Hauptmann an Renatus' Seite von einer Kartätschen-
kugel niedergeschmettert worden. Lautlos war er zusammenge-
sunken, und troz des Kampfes wilder Hast sich zu ihm nieder-
beugend, um sein Wort zu lösen, hatte der junge Freiherr die
Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich ge-
Inonmen; aber diese Pflichterfislung hatte ihm. selber fast den
Tod gebracht; denn wie Nenatus sich emporrichten wollte, stolperte
sein Fuß über die Leiche eines eben erstochenen Soldaten. Ein
Kolbenschlag, dem der wankende Renatus nicht widerstehen
konnte, verwundete ihn und warf ihn nieder; auch über seiner

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Brust blizten schon die Bayonnette der Franzosen, die sich aus
einem der in Brand gerathenen Gehöfte in wildem Durchein-
ander den Stürmenden entgegenstüürzten.
Da warf sich plözlich eine hohe, kräftige Mannesgestalt,
an der Spize einiger ihr folgenden Landwehrmänner, mit raschem
Enischlusse den Andringenden in den Weg.
Auf, auf, Herr von Arten! rief er, während er die Feinde,
welche den Hingesunkenen bedrohten, mit ungewöhnlicher Kraft
und höchster eigener Gefahr so lange aufzuhalten wuuste, bis
Nenatus wieder Meister iber sich geworden war und Zeit ge-
funden hatte, sich zu erheben, um sich in dem grausen Hand-
geuenge, das wie die stirzenden Wellen des Meeres auf und
nieder wogte, ßlber wieder zu behaupten.
Es waren nur flüchlige Secuunden gewesen, die sein Er-
retter neben ihm verweilte. Auf! auf Herr von Arten! hatte er
noch einmal gerufen, dann hatte die nächste Kampfeswelle sie
weit von einander fortgerissen, und doch hatte Renatus ihn er-
kannt, doch war selbst in jener verhängnißvollen Minuute das
wundersam unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen, das
er stets empfunden hatte, so oft er in dieses Mannes Nähe ge-
kommen war, so oft er seiner nur gedachte.
Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstun-
fähig gemacht, in Folge der über seine Kräfte gehenden An-
strengungen erschöpft, lag Renatus neben andern Kranken und
Verwundeten, leise fiebernd, in einem der Zimmer des Bürger-
hospitals. Sein Gehirn war frei, nur bisweilen trübten sich
seine Vorstellungen, und er wußte dann nicht zu unterscheiden,
was wirklich geschehen war und was er in dem Halbschlafe des
Fiebers träumend durchgemacht hatte. Ein paar Mal fuhr er
in die Höhe. Er meinte dann, sich wieder im Kampfesgewühle
zu befinden, er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust ge-
zückt, er hörte wieder das kräftig drängende: ,Auf, auf, Herr

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wwon Arten !' und wie in jenem Augenblicke ertönte es ihm als
z ein Mahnwort von seines Vaters Munde, ber ihn zur Selbst-
s erhaltung um des Hauses willen aufrief.
? Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe
h schaute, um in seines Vaters Schatien seinen Schuzgeist zu er-
s blicken, stand Paunl Tremann wieder vor ihm, jede Sehne der
, vrachwvollen Gestalt gespanut, das schöne Antliz voll kaltblütiger
- Entschlossenheit --- .und ein eisiger Frostschauer beschlich des
Kranken Herz. Er wachte unzufrieden und erscreckend auf. Er
konnte seines Lebensrekiers nicht mit Liebe, nicht mit Freuden
denken. Er glauubie sich sagen zu dinfen, daß er Paul den
gleichen Dienst geleisiet haben winrde. Es war nur Menschen-
pflicht, einander im Kampfe beizustehen, und doch drückte, doch
widerstrebe es ihm, das; Paul ihm mi! eigener Gefahr zu Hiülfe
gekommen war, das; er eben ihm, eben diesem Manne sein
Leben zu verdanken haben sollte.
az
Izndes; Nenakuus hatte von seinem Vaier mit dem fata-
listischen Abexglauben desselben auch die Fähigkeit geerbt,'' sich
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die Dinge nach seinem inneren Bedürfen zurect zu legen und
zu deuten, und wie seine Kräfte ihm allmählich wiederkehrten,
begani er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen
und Dazwischentreten seines Bastardbruders fiat jenes Zeichen
anzusehen, das er in seiner Eutmuthigung am Vorabende vor
der Schlacht von dem Geschicke gefordert hatte.
Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß seinem Hause ein
Fortbestehen sicher sei, und der schöne Erfolg, den er persönlich
errungen hatte, als er noch am lezten Tage der Schlacht zum
Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen Hauupimanns er-
nannt worden war, hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht
auf seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben.
Ihne eigentliche lciegerische Neigung war er in das Heer

getreten und widerstrebend in den russischen Krieg gezogen.

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Aber wie wenig er der französischen Sache auch geneigt gewesen,
war, so hatte er doch die begeisterte Vaterlandsliebe nicht gehegt,s
die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich hatte erwachen?
fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war,?
seit er in ihrem Dieuste Blut und Leben eingesezt. Jetzt warz
mit seinem Erfolge auch sein Ehrgeiz angefacht, und wie sein?
Bsick sich vorwärls auf uene Siege, nene Ehren, auf eine große
militärische Lauufbahn richleie, minderlen sich die Sorgen, mit;
denen er nach der lezten Kunde von den Seinigen an die?
Heimath zuriückgedacht hatte.
Er konnte, wie er sich richtig sagte, bei seiner bisherigen,
Unkentnis; von allem, was die Guts- und VermögenEVer-,
waltung anbetraf, auus der Ferne keine grosen, umgestaltenden !
Maßregeln treffen. Es war das Gerathenste, bis zur Beendi-,
gung des Krieges die Dinge gehen zu lassen, wie sie einmal;
eingeleitet waren. Er wies also, als er endlich wieder im Stande -
war, seine Angelegenheiten vorzunehmen, den Justitiarins an, ,
den Contract mit dem Amtmanne zu ernenern, die Wirthschaft
desselben, so weit es möglich sei, zu überwachen, die Inven-
tarien, so gut es thunlich, allmählich herzustellen, die Ausgaben
auf jede Weise einzuschränken und im Nebrigen wie bisher mit
gewissenhafter Treue für ihn und seinen Besiz Sorge zu tragen.
Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas, kam
ihm, nach dem eben erst Erlebten, der Gedanke an die Mög-
lichkeit seines eigenen Todes doch wieder mit verstärkter Macht,
und er sagte sich, daß er nothwendig für diesen Fall, da sein
Vater es nicht gethan hatte, in Bezug auf Vittoria und vor
allen Dingen in Bezug auf Valerio seine Maßnahmen zu treffen
habe. Es war nothwendig, einen Vormund fir Valerio, einen
männlichen Beistand für die Bargnin, einen Curator für die
ganze Vermögens - und Besitz - Verwaltung zu ernennen, und
Renatus wußte lange keine ihn befriedigende Wahl zu lresfen.

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Er kannte die Verwandten seiner Matter wenig, aber er
würde dem Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertcauen
seine ganzen Angelegenheiten ibergeben haben, denn die Ehren-
haftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über jeden Zweifel er-
haben; indeß Graf Felix stand, wie Nenatus selbst, im Felde,
und den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenän.tern zu betrauen,
daran wagle Nenaius nichl zu denlent. Allerdingä beurtheilie
er, weil er iberhaupt zu dauuernder Sirenge u: Entschiedenheit
im Urtheile seiner ganzen Nalr nach nichi geneigt war, den
Grafen jezt in manchem Betrachte milder, a an dem Tage,
da er den lezten Brief iber ihn von Hildegacd erhalten hatie.
Er war sich während seines lurzen Kranlenlagers der ver-
hältnißmäsßigen Wandlungen bewußt geworden. welche er selber
in den lezten beiden Jahren in sich erfahren hatie, und es gah
für ihn manche Stunden, in denen er es zu entschuldigen fand,
daß Graf Gerhard sich friher der französischen Sache und
der kaiserlichen Fahne angeschlossen haite. Waren doch auch in
seinem eigenen Vaterhause französische Sikte und Sprache lange
genug alleinherrschend gewesen, und seiner großen Bewunderung
für den Kaiser hatte sein Vater, der verstorbene Freiherr, selber
niemals Hehl gehabt. EI war also denkbar, es war möglich,
man konnte es vielleicht entschuldigen, wie Graf Gerhard es
jezt selber that, daß dieser sich als ein junger, lebhafter und
dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Thätigkeit in
französischen Diensten ein Feld eröffnet hatte. Es war auch
nicht unglaublich, daß die wachsende Tyrannei, die nicht endende
Kriegslust des Kaisers dem deutschen Eelmanne endlich die
Augen über seinen Irrthum geöffnet hatten, und daß er, in
der Rene über seine Verblendung, sich mit doppeltem Eifer und
doppelter Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hinge-
geben hatte. Aber wenn das, wie Graf Gerhard es von sich
behauptete, der Fall war, weshalb focht er jezt uichi in den Neihen

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seines Volkes, seiner Stawesgenossen, seiner Brüüder? Weshalb
setzt er nicht, wie wir alle, sein Leben für die Sache des Vater-
landes ein? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschäzung.
und sein persönliches Mißtrauuen gegen seinen Oheim wurde
dadurch immer wieder auf's Neue' erweckt und verstärkt.
Indeß eine Wahl mußte er treffen, und wie er die Reihe
der Edelleuie durchdachle, die seinem Valer und seinem Hause
verbunden gewesen waren, stieß er auf eine Schwierigkeit, die
er bis dahin nicht in das Auge gefasst hatte. Ein jeder Be-
vollmächtigte mußte, wenn er das Testament des Freiherrn sah,
in welchem Valerio immer und ausdricklich nur als der Sohn
Vittoria's, nie als des Freiherrn Sohn bezeichnet war, die Ver-
hältnisse des Hauses in einer Weise erkennen lernen, wie sie
Andern, Fremden, bekannt werden zu lassen der verstorbene
Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte; und hin und her
erwägend, wie es vielleicht auch nicht einmal rathsam sei, einem
befreundeten Standesgenossen die volle Einsicht in seine ver-
wickelte und schwierige Lage zu vergönnen, bedauerte Renatus
RAT D--
Er hatte Adam wenig gekannt, aber alles, wak er jemals
von dem verstorbenen Caplan und andern Personen über ihn
vernommen, hatte entschieden zu des Mannes Gunsten gelautet.
Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Güteru und
im Dienste des freiherrlichen Hauses, oder wäre er nur auf
Marienfelde und nicht im Heere gewesen, so wirde Renatus,
allem Familien -Herkommen entgegen, ihn zu dem Vormunde
von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne aus-
ersehen haben; und das Adam sich trotz alles Vorgefallenen
hätte geehrt fühlen müssen, von einem Freiherrn von Arten ein
solches Amt zu übernehmen, daran zu zweifeln fiel dem jungen,
in standesmäßigem Hochmuthe auferzogenen Manne gar nicht

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ein. Er erinnerte sich, daß selbst der alte Flies, der mit seinem
Lobe zu kargen gewohnt war, den Adan. Steinert als einen
der ausgezeichtetsten Landwirthe und als eiuen höchst umsichtigen
Geschäftsmann bezeichnet hakte, und währerd Renatus diesen
Ausspruch noch in sich erwog. fiel es ihm ein, wie der alte
Flies seit länger alö einem Menschenalter mit allen Unter-
nehmungen und auch mit den wachsenden Verlegenheiten des
verstorbenen Freißerrn wohl bekannt gewesen sei und wie es
also vielleicht das Gerathenste sein dinfte, ihn, auf dessen Ver-
schwiegenheit der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen
hatie und an dessen Meinung dem jungen Edelmane im Grunde
nicht viel gelegen war, dem Justitiarius beizugesellen und ihnen
gemeinsam die Vorsorge für die väterliche Verlassenschaft wie
für die in Richten Hinterbliebenen zu überaniworten.
Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn
Flies noch weniger, als er sie von Steinert erwartet haben
würde; denn einerseits hatte der Banauier bedeutende Hypo-
kheken auf Neudorf und auf Rothenfelde, anderseits hatte er
aber auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen,
die fir dessen Erben in jedem Augenblicke unbegnem und ge-
fchrlich werden konnten, wenn Herr Flies sich einmal versucht
fühlen sollte, sie nicht mehr zu verlängern. Es lag also in dem
beiderseitigen Vortheile, in gutem Einvernehmen zu verbleiben.
Dem Herrn Flies mußte es nothwendig gerade darum zu thnn
sein, die Sachverhältnisse genau zu kennen, und - Renatus
schämte sich halbwegs vor sich selber, als er sich dieses Be-
stimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise
auch tiefer, als Jener es begehrte, in das von Arten'sche Fa-
milienleben hineinsah, nun, so konnte man sich immer noch auf
Seba's Freundschaft fir die verstorbene Baronin Angelika ver-
lassen, und schlimmsten Falles, nach den vertraulichen Mitthei-
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. lll.
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lungen des Grafen Gerhard, von Herrn Flies um Seba's willen
Verschwiegenheit gegen Verschwiegenheit beanspruchen.
Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen
lezten Erwägungen und Betrachtungen zu Muthe. Er würde
nie darauf gekommen sein, sie gegenüber einer adeligen Familie
anzustellen; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit einer
Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes. Er stand
mit ihnen, welche Nechte die neuere Zeit und die neue Gesetz-
gebung ihnen auch einräumten, durchaus nicht auf demselben
Boden; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen. Ihre
und seine Ehrbegrife konnten gar nicht dieselben sein, ihre Welt
war njcht die seine, und es blieb ja immer seinem Ermessen
überlassen, sobald die Zeitverhältnisse es ihm gestatteten, eine
Verbindung zu lösen, einen Zusammenhang aufzugeben, die eben
nur durch die zwingende Gewalt der Umstände für ihn zu einer
augenblicklichen Nothwendigkeit geworden waren.
Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes
Verlangen, so bald als möglich seinem Regimente zu folgen, dem
Befehl iber die Compagnie, den er in den beiden letzten Tagen
der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte, nun
als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen,
und selbst die Rüicksicht, das; Paul ein Theilnehmer des Flies'-
schen Handlungshauses sei, änderte schließlich in des jungen
FFreiherrn Vorhaben nichts, sie bestärkte ihn nur noch in dem-
selben. Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Re-
natus vorläufig dadurch keineswegs nothwendig. Bei Geschäften,
wie das Haus Flies sie seit langen Jahren mit seiner Familie
gemacht hatte, fielen aber dem Kaufmanne immer wesentliche
Vortheile zu, und, sagte Nenatus sich mit selbstgefälliger Herab-
lassung, Paul war doch einmal seines Vaters Sohn. Es stand
also, wie der junge Freiherr meinte, den Erben seines Vaters
gar wohl an, dem nicht rechtmäßigen Sohne desselben, wenn es

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sich so füigte, einen Vortheil zuzuwenden und ihn verdienen zu
lassen, was sonst einem Fremden zufiel. Er war mii dieser
Schlußfolgerung, von großek Niedergeschlagenheit ausgehend, doch
schnell wieder dahin gelangt, sich und seine Verhältnisse zu über-
schätzen, weil es ihm zu quälend war, sie lange in ihrem richtigen
Lichte zu betrachten, und wie er sich nun äuf' Neue nach seinem
selbstgeschaffenen Masßstabe auferbaut hatie, legte er denselben
auch an die Andern an, so das; er sich bald in gutem Glauben
zu der Ausfihrung seiner Absichten entschlos.
Er schrieb dem Justitiarius also, wie ec es gehalten haben
wolle, er schrieb auch an Herrn Flies, wi: jenes Vertrauen,
welches die Freiherren von Arten, sein Grofvater wie der ver-
storbene Freiherr Franz, zu Herrn Flies und zu dessen Einsicht
und Nechtschaffenheit steis gehegt hätien, es ihm sehr wünschens-
werth machten, wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vor-
mundschaft über den jungen Freiherrn Valerio unterziehe, wenn
er der verwittweten Freifrau von Arten wie dem Justitiarius
zur Seite stehe, und Nenatus berief sich dabei ausdrücklich auf
die friheren persönlichen Beziehungen, welche zwischen ihm selbst
und dem Flies'schen Hause obgewaltet hätten. Er meldete es,
daß er Hauptmann geworden sei, erwähnte, daß er in der
Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe; aber er
unterließ es, hinzuzufügen, wem er seine Rettung zu verdanken
habe. Daß er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin
Rhoden aufgefordert, jeden Umgang mit Seba abzubrechen, daß
das bloße Wort des Grafen Gerhard, dem ec in seinen persön-
lichen Beziehungen ganz und gar mißtraute, hingereicht hatte,
ihn den Stab iber Seba, über die Freundin seiner Mutter,
brechen zu lassen, das alles erwähnte er freilich nicht. Er hegte
die feste Ansicht, daß es einem Manne wie ihm anstehe und
erlaubt sei, sich Ider ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der
Werkzeuge zu bedienen, die man aufnehme und liegen lasse, je
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nachdem man sich ihrer benöthigt finde. Es war das keine
Sache der Ueberlegung bei ihm, es lag ihm im Blute, war ihm
ein angezeugier, angeerbler Glannbe, und er haile iüber dasjenige,
was ihn nicht selbst betraf, niemals ernsthaft nachgedacht, obschon
es ihm, wo er ihn anzuwenden sir gul besand, an Scharssinn
nicht gebrach.
Der versiorbene Freihherr halle sich, wie Renais wuusste,
des Herrn Flies bedient, als es sich um die Unterbringung und
Erziehung Paul's gehandelt, man hatte die Baronin im FlieD'-
schen Hause ihr Krankenlager halten lassen, ohne dadurch sich
irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie ver-
pflichtet zu glauben, und Nenaius war überzeugt, daß auch fir
ihn angemessen und auch jetzt noch möglich sei, was seine Eltern
einst für sich angemessen und möglich gefunden hatten. Er haftete
überhaupt, und wie sollie und lonnte es anders sein, mit seinem
ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen. Die Ehre,
wie er sie versiand, erschien ihm immer noch als ein Vorrecht,
als ein ganz ausschließlicher Besiz des Adels. Nur der Rücblick
auf eine Ahnenreihe konute den Begriff der wahren Ehre, wie
er meinte, in dem Menschen entwickeln. Nur wer sein Thun
und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen
anzupassen hatte, die vor ihm den Familienschatz der Familienehre
gngesammelt hatien, konnte die verantwortlich machende Selbst-
achtung besizen, ohne welche die wahrKhre, uicht bestehen kann:
jene Ehre und jene Ehren, die den mitiellosesten und geistig ge-
ringsten Edelman, als Mitglied einer besonderen Kaste und
einer besonderen Race, über alle Nichtadeligen erheben, welcher
geistigen oder äußerlichen Mitiel und Vorzüge diese sich auch zu
rühmen haben mögen.
Es war nicht allein der Tod seines Vaters, es war miehr
noch das Bewusßtsein der eigenen im Felde bewiesenen Tapferleii,
welche in Renatus den alten Adelsstolz seines Hauses jezt auf's

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Neue und stärker als je zuvor belebte. Daß um ihn her Tau-
sende und aber Tausende von Nichiadeligen das Gleiche wie er
gethan hatten und thaten, das verminderie seine Selbstzufrieden-
heit nicht im geringsten. Wie es Sitte uner denen von Arten
war, den Familienschmuuck der Franen bei der Verheiralhung des
Stammhauuptes zu vergrösern, so gehörte es sich, daß jeder Herr
on Arten den Slammesschatz der Fan nülienehren zu erhöhen
suchte. Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche
in Richten gebaut; Renatus dachte dem Hause in seinem Namen
neue Ehren, kriegerische Ehren zuzuführen, da die Bahn des
Krieges vor ihm ausgebreitet lag; und nun er sich durch seine
neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt
versichert glaubte, waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über -
ihn gekommen, die ihm sonst nicht eigen gewesen waren.
Nur an Hildegard konnte er nicht mit sreiem Herzen denken,
und es kam ihm schwer an, ihr zu schreiben. Als er sich aber
dazu erst überwunden hatte, beschloß er, es mit aller der Wahr-
haftigkeit zu thun, die einem Edelmanne seiner künftigen Gattin
gegenüüber zieme.
Er sagte ihr, daß er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals
gar nicht in Nebereinstimmung finde, daß er sich jetzt, wo er
dem Tode nur mit genauer Noth, nur wie durch ein Wunder
entgangen sei, in seinem Innern reiflich geprüft, und es erkannt
habe, wie seinem Verlöbniß mit ihr nicht jene Alles umfassende
Liebe zum Grunde gelegen habe, welche die Verbindung zwischen
Mann und Weib zu einer Naturnothwendigkeit mache; aber
daß er sie werth halte, daß er entschlossen sei, sein Wort, wie
es einem Edelmanne gebühre, einzulösen, ja, wie er sich über-
zeugt fühle, daß Hildegard ihn beglücken, daß er sie auf das
wärmse lieben werde, wenn sie aus dem Bereiche der Schwär-
merei in die Wirklichleit hinabsteigen und die fröhliche Zuversicht
zum Leben fassen wolle, die ihm gerade mitten in Todesnoth

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und Gefahren gekommen sei. Er rieth ihr dan, gegen den
Grafen Gerhard troz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut
zu sein, theilte ihr mit, daß er Herrn Flies und nicht seinem
Oheim die Familien -Angelegenheiten übergeben habe, und bat
Hildegard danach, sich es mit den Ihrigen in seinem Schlosse
gefallen zu lassen und sich von jezt ab als die Herrin desselben
betrachten zu wollen, an deren Seite er in nicht zu ferner Zeit
von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe. Um sich aber ihren
Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig an-
zupassen, kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurick,
deren Begebnisse er ihr ausführlich schilderte; und seine späteren
Träume mit den Erlebnissen und Eindrücken der Wirklichkeit
willkitrlich und ganz bewusgt vermischend, stellte er es ihr mit
allem poetischen Schwunge, über den er verfügte, ausführlich
dar, wie er seines Vaters Stimme plözlich mitten im Gewühle
des Kampfes zu vernehmen geglaubt habe, wie er, die Augen
emporhebend, die Augen seines Vaters über sich leuchten gesehen,
und wie er sich überzeugt halte, daß Gott selbst ihm diesen Bei-
stand, diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe,
um ihm damit Muth und Hoffnung in seiner Trauer um den
Vater und ein Zeichen für das lange, dauernde Fortbestehen des
Hauses derer von Arten zu gewähren.
, Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche
an und denke meiner, so oft Du Dich in unserem Gotteshause
betend niederwirfst!r so schloß er. - Wer aber der Muthige
gewesen war, der ihn geretiet hatte, das schrieb er auch Hilde-
garden nicht.
Er besorgte, für ihr Herz das ganze Ereigniß seines ge-
weihten Eindrucks und seines dichterischen Zaubers zu entkleiden,
wenn er ihr sagte, daß es ein gewöhnlicher Sterblicher, daß es
Paul Tremann sei, dem er sein Leben zu verdanken habe.