Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 11

Frittes
Fuc.
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Erstes Capitel.
luropa zilterte noch unier dem Nacdröhnen der Ereig-
-nisse, welche über den Welitheil hingegangen waren. Zwei
blutige Kriege hatten die Herrschaft Napoleon's vernichtet. Ko-
metengleich, wie er Alles überstrahlend am Horizonte der Zeit
emporgestiegen, war er von demselben verschwunden. Zum zweiten
Male war das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der
Bourbonen in seine Heimath zurickgeführt worden, zum zweiten
Male standen die vereinigten Heere in der Hauptstadt Frank-
reichs, während Nayoleon Bonaparte, der dieses Frankreich durch
ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht
hatte, als ein Verbannter auf dem Rücken des ,Bellerophon'
einsam durch die Fluten des Weltmeeres zog, das ihn für immer
von dem Schauplaze seiner Thaten trennen sollte.
Es war in der Mitte des Sommers; Paris war nie
glänzender erschienen, als eben jezt, wo die vertrieben gewesene
Königsfamilie, wo die zurückgekehrten Edelleute der alten Ge-
schlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden sich
für schwere Entbehrungen und Leiden, für blutige Kämpfe und
für Wunden, in den Genüssen entschädigen wollten, die keine
andere Stadt der Welt in so verführerischer Anmuth darzubieten
versteht, als das immer wieder jugendliche, das glänzende, bei
all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris.
Der Tuileriengarten war voll Menschen. Von dem mitt-
leren Pavillon des Schlosses, vom Pavillon de L'Horloge, hing

- J.-=
die weiße Fahne schlaff hernieder. Neber den Rasenplätzen, über
den im altfranzösischen Geschmacke angelegten Blumenbeeten, über
den alten Kastanienbäumen britete die heiße Sommersonne. Jn
den weiten Wasserbehältern, aus denen die Springbrunnen so
hoch gegen den blanen Himmel auufsliegen, das: die fallenden
Tropfen in der Höhe wie flitssige Diamanten erglänzten, zogen
die Schwwänne laugsamn umher. Soldalen aller Grade, Soldaten
aus aller Herren Ländern gingen in den breiten mit großem
Sinne angelegten Wegen auf und nieder, während Schaaren
von Kindern überall ihr Wesen trieben und die Schönen aller
Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in,
Gruppen auf den zur Miethe feil gebotenen Stühlen saßen, nm
der Militärmusik zuzuhören, welche hier um Sonnenuntergang
das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt.
Weiter ab, nach dem Ausgange des Gartens hin, wo die
umschließende Terrasse sich nach dem großen Plaze öffnet, daß
man fern hinaussieht über die elysäischen Felder hinweg, bis zu
dem gigantischen marmornen Triumphbogen, den der gefallene
Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtniß aufzurichten.
begonnen hatte, saßen auf einer der steinernen Bänke vier preußisches
Offiziere bei einander. Drei von ihnen, der junge Lieutenant,
der Hauptmann, ein kräftiger Fimfziger, und der schöne Major,
der den linken Arm in einer leichten Binde trug, gehörten der
Landwehr an. Der Oberst war von den Linientruppen.
Er und der Lieutenant, über dessen Lippe der blonde
Schnurrbart sich eben erst zu kräuseln begann, schienen viel Ge-
fallen an dem bewegten Leben zu finden, das sie umgab. Der
Hauptmann und der Major, auf dessen breiter Brust das Eiserne
Kreuz und der russische Annen»Orden sich würdig ausnahmen,
beachteten es nicht sonderlich, und der Letztere hatte schon eine
geraume Zeit gedankenvoll in die Ferne geblickt, als der Oberst
die Beiden mit der Frage anrief: Sagen Sie mir, meine-

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Freunde, woriüber denken Sie so ernsthaft nach, daß Sie dar-
-über diese liebe, lustige Welt, die sich hier so vergnütglich sonnt
und sich ihres Lebens freut, wie der Fisch im Wasser und wie
der Vogel in der Luft, fast zu vergessen schei ien? Es bleilt
mir nichts als die plumpe Frage ibrig, wenn ich Sie nict
ganz und gar in sich selber versinken lassen will.
Der Hauuyimann hob sein lluges, lrenherziges Auge z
dem Fragenden empok und sagte: Ich dachte darüber nach, ob sie
bei mir zu Hause auch so guntes, trockenes Wetter haben mögen;
die' Weizenernte mus: jetzt im vollen Gange sein. Es ist jetzt das
dritte Jahr, fiigte er mit unterdricktem Seufzer hinzu, daß ich
nicht mehr daheim bin! Ich fange an, mich sehr nach Weib
und Kind, nach Haus und Hof zu sehnen, und obschon meine
Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlugen haben, ist's
doch Zeit, das; ich nach Hause komme. Es ist keine Kleinigkeit
um eine Wirthschaft, der des Herrn Auuge fehlt! Ich habe
hier keine Ruhe mehr.
Da geht's Dir wie mir, mein Freund, rief der Major;
Feit ich aus dem Lazareth bin, läßt's auch mich hier nicht mehn
Jrasten. Die Ruhe macht mich unruhig, und da der Friede jetzt
eine ausgemachte Sache ist, bin ich gestern um meinen Abschied
eeingekommen.
, Um Ihren Abschied? frggten der Oberst und der Lieute-
mnant wie aus Einem Munde. Das ist nicht Ihr Ernst.
Haben Sie denn vergessen, meine Freunde, daß ich Kauf-
man bin, daß mein greiser Freund und Compagnon jetzt seit
mehr als vier Jahren alle Sorgen des Geschäftes allein ge-
tragen hat und daß es eine Ehrensache für mich ist, ihm so
Hald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen?
Aber nach den Erfolgen, die Sie gehabt haben, lieber
,äremann, nach dem militärischen Nange, den Sie einnehmen, nach
den Auszeichnuungen, die Sie erworben haben -- er wies auf

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die Orden, welche Paul auf seiner Brust trug - und vor
Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente, welche
Sie bewiesen, sind Sie fir Ihren jezigen Stand wie geschaffen!
meinte der Oberst. Ich firchte, das ruhige Leben des Ge-
schäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr wie sonst behagen,
ganz abgesehen davon, daß sich Ihnen in dem Heere doch eine
andere, eine voriheilhaslere und schönere Lausbahn dargeboten hak.
Paul lächelte. Kennen Sie mich so wenig, lieber Werben?
sagte er. Ich bin zu sehr auf Thätigkeit gestellt, um jemals
im Frieden einen guten Soldalen abzugeben, und viel zu sehr
an Unabhängigkeit gewöhnt, nm ohne zwingende Nothwendigkeit
auf dieselbe zu verzichten. Im Kriege war das etwwas Anderes.
Da verlangte jeder Tag den ganzen Menschen, da brachte jeder
Tag neue Aufregungen, forderte rasche, selbstständige Enischei-
dung; man gelangte immer und immer wieder, wie der Kauf-
mann das gewohnt wird, zu dem Bewußtwerden aller seiner
Kräfte und seines Einflusses auf Andere; man genoß in jedem
Augenblicke die Genugthuung irgend eines Erfolges, wie wir!
deren in unseren wohlberechneten und darum wohlgelingenden
Geschäften haben. Jetzt, seit den drei Wochen, seit denen man
mich aus dem Hospitale entlassen hat, werde ich meiner nicht
mehr froh. Ja, ich war in der That im Lazarethe, fitgte er
scherzend hinzu, für mein Gefühl weit besser daran, als jetzt,
da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle; denn das
Kranksein, das Schmerzertragenmilssen war doch immer noch
eine Art von Arbeit, eine Art von Leistung. Und was die
vortheilhafte Laufbahn anbetrifft, so wüßte ich keinen Rang und
keine Stellung in der Welt, die mich wünschenswerther dünkte,
als die eines völlig freien, unabhängigen Mannes.
Es entstand eine kleine Pause. Der schlanke Lieutenant,
der .seit seinem Ausmarsche aus der Heimath noch ein tüchtig
Stück gewachsen war und dem das Leben in den großen Städten

eben so wohl gefiel, als er sich selber in der Uriform, sah ver-
legen vor sich hin. Er hatie von seinem Veter in den lezten
-Tagen sehr ähunliche Eimwenduungen hören missen, als er seinen
Wunsch geäußert hatte, ganz im Kriegsdienste zu bleiben, währAn
es Adam Steinert nicht zu Sinne wollte, daz sein Aeltester
ein anderes Gewerbe treiben sollte, als den Landbau, bei dem
die Familie hergekommen und gediehen war eit lieber, langer
Zeit. Auch der Oberst von Werben fand kein besonderes Be-
hagen an seines Freundes Aeuszerungen. Er halie allerdings
mnch de erslen ungliücklichen Kriege duurch eine Reihe von Jahren
das biirgerliche Kleid getragen und zu der Zeit, in welcher der
Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete, es off genuug ausge-
sprochen, wie die Kraft eines Volkes nicht in nem stehenden
Heere, sondern in dem Selbstgefihle und in dem Freiheits-
bedürfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe; aber er war ein
geborener Edelmann, sein Vater und seine Voreltern hatten
den Königen gedient, auch er war mit sechszehn Jahren in das
- Heer getreten, und die erfochtenen Siege, wie groß die Mit-
wirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war, hatten dem
Berufssoldaten doch einen neuen Einfluß und eine neue Macht
gesichert. Der Oberst konnte sich also in das Selbstgefühl seines
Freundes nicht mehr so völlig finden, als in den Tagen, in
denen er, ein aus dem Dienste entlassener Offizier, in dem zer-
schlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung fir dasselbe aus-
gespäht hatte.
eber eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit
ihm zu streiten! sagte er, und man konnte ihm die Empfid-
lichkeit anhören, mit der er Paul den Stand des Kaufmanns
gegen den seinigen erheben hörte. Ich bin auch weit entfernt,
die Macht des Geldes zu unterschäzen; nur glaube ich, daß es
noch ein Höheres gibt, als den Besiz. und Sie selbst, lieber
Tremann, waren dieser Ansicht ebenfalls, als Sie Hab und Gut

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im Stiche ließen, um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen,
um sich, wie Sie es damals nannten, Ihr Bürgerrecht in der
früh verlassenen Heimath zu erwerben.
Nun, mich dünkt, das habe ich gethan! entgegnete Paul
und maß den Obersten mit einem so festen, stolzen Blicke, daß
Steinert und dessen Sohn, so genau sie ihn zu kennen glaubten,
von seiner Haltung sich betroffen fühlten, und der Oberst, der
im Grunde durchauus nicht die Absicht gehabt hatie, ihn zu ver-
lezen, sich in seine Aufwallung nicht finden konnte.
Paul wurde auch schnell wieder Herr üüber sich, und ein-
lenkend ssrach er: Wohl unns, das; jeder vo uns mii seinemn
eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist und groß von ihm
denkt. Die Gesamiiheit lann es besser nicht verlangen. Indeß,
damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können, gesiehe
ich Ihnen, daß ich den Besiz als Mittel zum Zwwecke, als hes
wegende Kraft, als Grundlage aller Civilisgtion und Freihe..
über Alles schäze und das; es mir finr Jeden, dessen Anvesen-
heit im Heere jezt nicht mehr eine Noihwendigkeit ist, geboten
scheint, nach Hause zu gehen und, so viel an ihm ist, an der
Wiederbelebung unseres Wohlstandes zu arbeiten. Der Boden
lechzt nach den Armen und Händen, die ihn pflügen und bauen,
und das Capital, so weit es vorhanden ist, nach den Kräften,
die es in Bewegung sezen, um es zu vermehren; denn reicher
geworden sind in diesen lezten Zeiten gewiß nur Wenige von
uns. Aber wo Handel und Gewerbe so lange gestört worden.
sind, ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine
erfolgreiche Thätigkeit für denjenigen zu finden, der es begreift,
wo sie zu suchen ist.
Er erhob sich bei den Worten; auch die Anderen standen
auf, denn es traten Bekannte hinzu, welche die Unterhaltung
unterbrachen, und man trennte sich bald danach.
Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem

-=- PZI-
jenseitigen Seineufer ein, um noch einen ruhigen Abendspazicr-
gang zu machen; die Anderen gingen in größerer Gesellschaft
nach dem Palais Royal, in welchem sic in jener Zeit gegen
den Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern
die Fremden zusammenfanden.
Du hast vorhin eine Aeußerung gerhan, sagte Steinert,
achdem er schweigend eine Strecke neben Tremann einherge-
gangen war, mir dem die Waffenbrüderschaft und die gemeinsam
getheilten Gefahren ihn eng verbunden hatien, die mich beun-
ruhigt. Ich ficchte, Ihr gehört zu denen, welche durch die Kriegs-
jahre Verliste erlilien haben.
Paul stellte das nicht in Abrede. Er gestand dem Freunde
vielmehr, daß der Fall groser russischer Häuser, mit denen er
und sein Compagnon gemeinsam gearbeitet und fiür die sie dem-
gemäß Verpflichtungen ibernommen hätten, sie stark angegriffen
habe. Es blieb uns in dem Augenblicke, da der Krieg ausbrach,
eben nur die Wahl, uns selbst gleichfalls fiür zahlungsunfähig
zu erklären, sagte er, oder mit Hintansczung jeder anderen Rück-
sicht unsern Gläubigern gerecht zu werden. Das Leztere ist
geschehen. Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade zu-
sammengeschmolzen, in welchem unser Credit gewachsen ist.
Er sprach das mit großer Gelassenheit, obschon seine freie
Stirn sich etwas verdüsterte. Der Hauptmann wollte wissen,
wann Tremann die Nachricht erhalten und warum er nie davon
gesprochen habe.
Ich erhielt die Nachricht am Tage , vor der Schlacht an
der Kazbach, entgegnete Paul, und den Arm in seines Freun-
des Arm legend, sagte er: Wir standen einander damaS noch
nicht so nahe, daß ich Dir es hätte sagen mögen, und ich bin
es auch gewohnt, dergleichen mit mir selber abzumachen. Ich
versichere Dich aber, ich habe oft mitten im Gewühle des
Kampfes, mitten in den, blutigen Gefechten mit Sorge, ja, mit

= == ßß -=
Angst an die Möglichkeit memes Todes gedacht, und es wird
Dir eben so gewesen sein; denn den Tod nicht fürchten, den
Tod verachten kann nur derjenige, dessen Leben für keinen an-
deren Menschen Werth hat.
Wem sagst Du das? rief Steinert aus, und seine Augen
feuchteten sich bei der Erinnerung, wie oft seine Gedanken im
Gesechle sich zu Weib und Kind gewendel hailen.
Paul lies sich jedoch nicht unterbrechen. Das Prahlen
mit der Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge
oder als das umwillkiirliche Zgesländnis groser Unfähigleit und
großer Selbstsiicht erschienen, fuuhr er fort. Wir sind jezi hier
Alle in der Lage gewesen, unser Leben fir die Befreiung
unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen; das hat mich
aber nicht gehindert, es stets zu wünschen, daß das meinige
auufgespart bleiben möge; denn es liegt viel auf mir und ich
habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu erfüüllen. Die russi-
schen Geschäfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb
unternommen worden und haben grosße Vortheile gebracht, bis
sie dann plözlich weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens
verschlungen haben. Seba ist an Reichthum gewöhnt, Davide
in demselben, ohne daß sie eigenes Vermögen hätte, aufgewachsen,
und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht,
seinen Besiz und seine kaufmännische Stellung zu begründen.
Sie sind sammt und sonders wohlthätig und mittheilsam; sich
zu beschränken, würde ihnen allen schwer fallen, und es wan
auch bis jezt noch keine Veranlassung dazu. Wo Eredit, W
beitsteakt zng ßfnsicht ßß die Ferhlnissg ge;, Zeit pöaneü
=as za=ssszKeweaHGoeSggggpe
sind, braucht man nicht ängstlich zu f-n: sie sind Vermöen
J lbeükägei sder verwändeln sich mehr odek' ßenigek schnu
auch wieder in greifbaren Besiz. Unser Credit hat sich, weil
wir alle diese Krisen überstanden haben, wie gesagt, erhalten;
aber mit siebenzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit,

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den sicheren, schnellen leberblick nicht mehr, deren der Kaufmann
nicht entrathen kann, und ein Kaufmann im großen Slyle
war mein alter Wohlthäter niemals. - Er machte eine kleine
Pause und figte dann hinzu: Du siehst also, dasf ich nach Hause
gehen musß, und es scheint mir nicht, als ob man uns Frei-
willigen dabei große Schwierigkeiien in den Weg zu legen denke.
Sieinerl wollle wissen, auuf welche Weise Jener um seinen
Abschied eingelommen sei. Paul sagte, er habe vorläufig nur
einen Urlaub auf drei Monate begehrt; nach Verlauf derselben
werde man voraussichtlich so weit mit den Friedensverhand-
lungen vorgeschritien sein, das; man die Landwchr in die Hei-
mnath entlassen werde, und dann gehöre ohnehin Jeder wieder
sich und seinem bürgerlichen Berufe. Steinert sah das als
richtig ein und beschloß, das gleiche Verfahren für sich einzu-
schlagen; nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem Ett-
schlusse kommen. Aber auch hier gab Paul den Ausschlag.
Er rieth, den Jüngling vorläufig noch im Heere zu lassen, na-
mentlich wenn das Regiment, wie es den Anschein hatte, in
- Paris verbleiben sollte. Dein Sohn, sagte er, wird hier des
Französischen vollständig mächtig, lernt die Welt, die Menschen
,kennen und sieht und hört, was ihm später auf Eurem Dorfe
nie geboten werden kann. Las; ihn bis zum völligen Frieden
Fim Regimente und dann übergieb ihn mir.
Meinst Du, daß er Kaufmann werden soll? fragte Steinert
mit einer gewissen Aengstlichkeit.
Paul lachte troz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf.
Und Du willst Dich über die Vorurtheile des Adels beklagen,
-rief er, während Dir selbst der Kastengeist so kief im Blute
steckt, daß der bloße Gedanke, ein Adam Steinert könne etwas
Anderes werden, als ein Landwwirth, oder etvas Anderes thun,
als in Eurer Provinz den Boden bauen, Dich schon unheimlich
berihrt? Ihr kommt noch dahin, Euch Adam Steinert der
F. Le walv, Von Geschleeh: zu Geschlech1. lk. 1

-= - -sZ -- --
Vierundvierzigste zu nennen, wie unsere kleinen Fürsten, wen-
Ihr so fortfahrt, wie bisher. Aber sei unbesorgt, er soll den
Acker bauen, wie Du selbst, nur vorläufig nicht den Eurigen.
Steinert antvortete nicht gleich; denn lein älterer Mann
erträgt es willig, sich von der besseren Einsicht eines jingeren
zurecht gewiesen zu sehen. Indeß Paul besaß die auf Erfah-
rung und auus verständiges Sellstverirauuen gegrindeie Kraft,
die Menschen leicht von dem Richtigen zu iberzeugen und, weil
er immer Herr über sich selber war, auch ohne daß er eö suchte
und wollle, Herrschaft über Andere zu gewinnen. So währte
es denn nicht lange, bis Steinert, den kleinen Unmuth über-
Z ? - pn=- e == =
Ihn nach Amerika hinüberwerfen.
Zu welchem Zwecke?
Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt!
Steinert verstand nicht, was Tremann damit sagen wolle;
dieser war also genöthigt, sich deutlicher zu erklären.
Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen, sagte er, daß
er bei unverkennnbar guten Anlagen unselbständig ist, und das
ist nicht seine, sondern seines Lebensweges Schuld. Du bist
ihm ein wackerer Vater gewesen, hast ihn streng zum Gehorsam
erzogen, und das erste Kindesalter hat das nöthig, denn in ihm
muß der vernünftige fremde Wille die eigene mangelnde Ver-
nunft ersetzen. Aber Eure Schulen, wie sie jetzt sind, fordern
ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem Knaben; Alles ist
vorausbestimmte Regel, Alles vorausgesehen, der ganze Beg
von der Kindheit bis zum reiferen Jünglingsalter für Alle der-
selbe, für Alle unwandelbar festgestellt; das schadet der reien
Entwiclung ggg ßßggjöulichkeit. Nun ist er aus der Vormund-
schaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer ge-
treten, wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet

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Hät und Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist. Er kenut
hlso noch gar nichts Besseres, als piinttliches Unterordnen unter
Finen fremden Willen, und eben darum fühlt er auch die Nei-
hgung, in einer lebenslänglichen Usifreiheit und Dienstbarkeit zu
Jleiben, wo diese, wie im Heere, mit einem gewissen äusern
Glanze und in die Augen fallenden Auuszeichuugen verbunden
Zind. Göne ihu deuun die Zeii, einmal gelegenilich den Druuck
ker Abhhängigleit zu enppfinben, gönne seiner Ingend auch den
Kriumzh, mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug in
fie Heimath zu theilen, und dann wollen wir weiter von der
fSache sprechen und sehen, ob wir ihm die Lust am Dienen
Licht abgewöhnen können.
Wir Steinert's haben so lange gedient, meinte der Vater, daß ..
Daß es endlich Zeit war, sich frei zu machen, fiel ihm
ger Andere in die Rede, weil er befürchtete, daß Aam's Em-
Ffindlichkeit noch uicht völlig überwunden sei, und daß Dein
Fohn sehr unrecht ihun würde, freiwillig auf die Vortheile zu
Jerzichten, die Deine rüstige Etschlossenheit ihm bereitet hat.
Fir weiß, daß ich im Vereine mit, dem englisch-amerikanischen
Hause, in dem ich früher gearbeitet habe, Landankäufe in Amerika
Femacht habe und noch zu machen denke, die verwerthet werden
hollen. Dabei können wir junge Leute, die, wie Dein Sohn,
Fn der Landwirthschaft aufgewachsen und bei lhr hergekommen
Fnd, verwenden, und er kann, indem er unseren Absichten dient,
ßich die Grundlagen eines selbständigen Vermögens erschaffen,
hnit dem er sich dann später in der neuen oder in der alten
Welt auf die eigenen Füße stellen mag, auf denen jeder Mann
Jenn doch am besten steht. Diese Aussicht will ich ihm eröffnen,
Fee ich gehe, vorausgesetzt, daß sie Deinen Ansichten nicht wider-
raRaaree
Aber die Freude an den blanken Epaulettes davontragen sollte.
1

--hße.-
Steinert drickte dem Freunde die Hand. Du bist sAz
gut, sagte er, den selbst mit Sorgen beladen, sorgst Du Dichj
um Andere, und während Du eigene, schwere Vermögensverlusiss
zu ersezen hast, deulst Du daran, das Vermögen Dritier zus
begründen. Wie soll ich Dir das danken?
Dannten? wiederholte Paul; davon lann ja in dieser ein
fachen Angelegenheit gar nicht die Nede sein. Sieh', fuhr et!
dann, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander her
gegangen waren, in seiner Rede fort, sieh', das dünkt mich ssj
schön am Leben, daß für denjenigen, der geneigt ist, die Ver-j
hältnisse einfach zu nehmen, sich Alles einfach macht oder doähs
mit leichter Mühe zurechtlegen läßt, wenn der Mensch nur errstj
begriffen hat, das; sein Vortheil und der Vortheil aller Anderenj
gleichbedeutend sind. Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand!
so leicht und so sicher, als der Kaufmann, der durch tägliches
Erfahrung darüber belehrt wird. wie sein Wohlstand auf den
Wohlstand Anderer begründet ist, und wie er den seinen nichi!
veniehöeii kann, wenn er das allgemeine Capital des auf derj
Erde vorhandenen Besizes nicht vergrößern hilft. Es ist füt!
mich schon lange eine Neberzengungssache, daß klng und gut in!
gewissem: Sinne gleichbedeutend sind, und das: man immer dass
Gute thut, wenn man das von den praktischen Verhältnissenj
Gebotene befördert. Inn großen Sinne ein Kaufmann zu sein,,
ohne seinen sitilichen Werth dadurch zu erheben, scheint mir fasts
unmöglich.
Man sollte an die Richtigkeit dieses Sazes glauben, meinteß
der Andere, wenn man Dich vor Augen hat, und doch, daßs
ich Dir es ehrlich gestehe, haben der Glickswechsel und die Un-s
sicherheit der Zustände, wie sie sich im Handel kundgeben und
wie Du sie an Dir selber jezt ersahren msssen, etwas, dasß
mich gegen den Handel einnimnut und mich, wie ich einmalß
geartet bin, unfähig gemacht haben würde, ihn zu betreiben.

= ,ßJ-
Pon einem Tage zum andern nene Plane zu schmieden, be-
Fändig über Erfolg und Mißlingen im Ungewissen, fariwährend
hnit seinem Sine auf die Verhältnisse der ganzen Welt ge-
ßichiet zu sein, wäre meine Sache nicht. Ich mß den festen
Grund und Boden unler meinen Fißen fihlen, ich will es ner
ßnit ihm und mit den natüürlichen Ereignissen, die Gott uns
Fchict, zu' thun haben, wgll der Erde abgewinnen, was sie mir
Pu bieten hat, und mit langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse
ßberwinden, die sich mir entgegenstellen, die Wuunden heilen,
Jie mir, wie Dir und Andern, durch diesen Krieg geschlagen
ßworden sind. Zum Kaufmanne muß man geboren sein; in
ßmserem Blute liegt es nicht!
Als ob es in dem Blute läge, aus dem ich stamme, als
zich von dem Freiherrn von Arten oder von meiner armen
Mutter die Einsicht und die eberzeugungen vererbt erhalten
Hätte, aus denen ich lebe! hätte Paul entgegnen mögen. Aber
hr hielt den Ausruf vorsichtig zurück. Er wußte, daß er hier
ßn der Grenze stehe, über welche hinaus der Andere ihm
ßicht zu folgen vermochte, weil er, aufgewachsen in den Neber-
Feferungen eines alten Familiengeistes und nicht vollständig ge-
Hßildet, nicht fähig war, aus dem Kreise herauszutreten, in dem
h sich rüstig zu bewegen gewohnt war, und eben so unfähig,
Fch über sich selber zu erheben und, von sich absehend, sich in
der Allgemeinheit wiederzuerkennen.
Sie hatien während dessen Paul's Quartier erreicht, und
Adam verließ den Freund, weil dieser, wie er es nannte, noch
Feine Post zu besorgen, das heißt die Briefe zu schreiben hatte,
it denen er, seit er nach dem zweiien Einzuge der Alliirten in
Faris wieder zu einer gewissen Nuhe gelangt war, die Verbin-
Fung zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschäfts-
t :t Ma=