Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 12

Il weites Capitel.
la war spät am Abende, als Paul das Siegel auf denz
letzten seiner Briefe drickte. Ein Courier, welchen der Feld-
marschall in der Frühe des nächsten Morgens in die Heimath!
entsenden wollte, hatte die Beförderung dieser Briefe zugesagt.
und Paul hatte eben seine Feldmütze aufgesetzt, um das Pacel,
der Sicherheit wegen, selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls,
zu tragen, als ihm unten vor der Thüre seiner Behauusung ders
Postbote ein Schreiben aushändigte, das durch eine Estafetiej
z
für ihn aus Berlin angekommen war.
Er trat in das Haus zurück, um den Brief zu lesen. Erj
war von Seba geschrieben und enthielt nichts als die Worte:s
, Unser theurer Vater ist von einem Schlaganfalle getroffen, man!
gibt wenig Hoffnung für seine Erhaltung. Er äußert, so weiis
er sich verständlich machen kann, das Verlangen, Dich zu sehen.l
Ist es möglich, so kehre heim, wenn auch nur, um wieder forö-
zugehen. Davide und ich sind wohl.
Paul las den Brief noch einmal durch, dann steckte er ihn;
ein, warf sich in den ersten Wagen, dessen er habhaft werden?
konnte, und befahl, ihn zu dem Commandirenden seines Regiments?
zu fahren. Aber weder sein General noch sein Adjutant waren?
in ihrer Behausung anzutreffen, und Paul wollte abreisen, gleich
abreisen, und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen.
Einen Augenblick stand er unentschlossen da; dann hieß er den

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Kuischer, ihn nach de Schlosse hinzusaren, in welch:i der
König von Preuszen Qartier genommen hatte.
Es war, wie er wußte, ein großer Empfang bei dem Kö-
nige angesagt, alle anwesenden Fürsteg waren eingeladen, der
Feldmarschall konnte dort nicht fehlen. Seine Uniform und
sein Nang bahnten Paul den Weg. Er wendete sich an einen
der diensulhnenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften
mit deu Fürsten Feldmarschall persdulich z sprechen. Man fihhrte
ihn duurch verschiedene Galerieen und Säle ud hieß ihn warten.
Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem
Lichkglanze des Festes. Er sah durch die geöffneten Thiren in
der Ferne eine grose Gesellschaft sich bewwegen, reiche Uniformen,
prächtig geschmüickte Frauen gingen hin und wieder, fröhliche
Musit schlng in grellem Gegensaze zu seiner Stimmung an sein
Ohr. Die Secunden, die Minuten dehnten sich ihm furchtbar
aus, und doch war e nichts Unerwartetes, was er erfahren
hatte, nichts, was ihn unvorbereitet fand.
Er hatte sich es oft gesagt, daß sein alter Freund dem
Ziele des Daseins nahe sei, ja, er hatte bei den neuen Unter-
nehmungen, in welche er sich eingelassen, stets darauf gerechnet,
daß er allein sie durchzuführen haben werde. In mancher ein-
samen Stunde, an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn
beunruhigt, wie die Geschäftsfihrung möglich sein würde, sollte
Herr Flies vom Tode fortgerafft werden, ehe der Krieg beendet
und er selber seiner eigentlichen Thätigkeit zurückgegeben sein
werde. Und doch war es nicht das, was ihn so ängstlich den
Zeiger der Uhr verfolgen ließ. Nicht umt Geld und Gut, nicht
um Handel und Erwerb war es ihm zu thun in diesem Augen-
blicke: er wollte sein Theil haben an Seba's Schmerz, an Da-
viden's Kummer, er wollte sie mit ihnen gemein haben, den
lezten Blick und das letzte Wort des Mannes, den auch er wie
einen Vater liebte.

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Mitternacht war vorüber, als der Feldmarschall rasch und ;
mit festem Schritte, gefolgt von einem Adjutanten, in den Saal ;
trat. Er hatte beim Spiele gesessen, als man gekommen war,
ihn abzurufen, und seine zusammengezogenen buschigen Brauen
zeigten den Unmuth iber die uuwillkommene Störung. Wer
sind Sie, was wollen Sie? fuhr er den Wartenden an, während
er ihn mit dem scharfen Blicke seiner grauen Augen musterte.
Mein Name ist Treman, ich bin Theilnehmer des Eurer
Durchlaucht wahrscheinlich bekaunten Handlungshauuses Flies und
habe seit dem Frühjahre achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger
unsere Feldzüge uitgemacht.
Ich weiß, ich weiß! unterbrach ihn, sich erinnernd, der
Fürst, und durch den Aublick des Eisernen Kreuzek günstiger
für den Sprechenden gestimmt, fügte er hinzu: Sie haben Ihr
Kreuz bei Bar sur Aube erhalteu, Sie waren verwundet! Was
haben Sie zu melden?
Nichts, als daß ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht
mit einer Unwahrheit verschaffte, weil ich eine Vergünstigung
zu fordern habe.
Herr! Reitet Sie denn der Teufel, daß Sie mich dazu
um Mitternacht aus des Königs Sälen rufen lassen? fuhr der
Alte auf und wollte sich mit einem neuen und noch derberen
- Fluche entfernen, aber Paul's Anruf hielt ihn zurück.
Ich muß Eure Durchlaucht bitien, mich zu hören, sagte
er mit solcher Festigkeit, daß der Feldmarschall sich auf's Neue
zu ihm wendete. Nothwendige Geschäfte in der Heimath hatten
mich schon vor einigen Tagen bestimmt, um einen dreimonat-
lichen Urlaub nachzusuchen! Er ist mir noch nicht ertheilt wor-
den, und ich erhalte in diesem Auugenblicke die Nachricht von der
iödtlichen Erkrankung meines Compagnons! Meinen Regiments-
Chef habe ich nicht finden können, und ich muß fort, noch in
dieser Nacht fort, denn man verlangt meine Rückkehr und ich

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erkenne sie als dringend nöthig! Geben Sie mir den Urlaub,
dessen ich bedarf!
Ist nicht meine Sache! rief der Fünst. Sehen Sie zu,
wie Sie Sich selber helfen! - und abermals wollte er sich ent-
fernen.
Das wird schnell geihan sein, entgegnete Paul, sich leicht
verneigend; nur werden Eure Durchlaucht morgen den Namen
des preußischen Mäjors, der aus Ihrer eigenen Hand sein Eiser-
ies Krenz als Ehrenzeichen empfangen hct, als den Namen
eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können, denn ich gehe
noch vor Tagesanbruch fort!
Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück. Er war
-der Mann, jede Art von Entschlossenheit zu schätzen. Und wenn
ich Sie verhaften lasse? fragte er, indem er Paul, wie es seine
Weise war, mit seiner starkknochigen Hand am Nockknopfe faßte
A und nahe an ihn herantrat.
So werden Durchlaucht schuld daran sein, wenn ich meinen
I persönlichen Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten
Fgegen den König und das Vaterland genügen kann! entgegnete
Fer, und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer Antwort zu lassen,
Ffügte er hinzu: Der Lieutenant von der Marwell geht in drei
FStunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab! Geben
FSie mir den Urlaub, den ich brauche, und dem Lieutenant die
TWeisung, mich mit sich zu nehmen. Ich bin des CourierRei-
F sens aus früheren Zeiten wohl gewohnt!
F Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzu-
zspähen. Tremann, Tremann? wiederholte er, ich habe den
FNamen schon vorher gehört! Sind Sie der Tremann, durch
dessen Hände vor dem Kriege ein Theil unnserer Briefe nach Ruß-
- land gegangen ist?
Derselbe, Eure Durchlaucht.
Da muß man ihm das Desertiren doch unmöglich machen,

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sagte der Füirst, sich lächelnd zu seinem Adjuianten wendend.
denn der wäre capabel und beginge solchen Streich! Ist ein
Stick Papier zur Hand?
Der Adjuuiant zog seine Brieslasche hervor und ris ein
Blatt aus derselben. Der Füst setzte in die unterste Ecke des-
selben mit Bleisiift seinen Namen und reichte eö dem Ajutanien.
Schreibei Sie ihm dariber, was er haben will, und der Mar-
well soll ihn mir vom Halse schaffen, damit er mir nicht wieder
die Partie verdirbt!
Er ging mit freundlichem Gruße an Paul vorüber. Drei
Stunden später halte dieser daö glänzende Paris verlassen und
fuhr an der Seite des preußischen Couriers durch die warme
Sommernacht der deutschen Grenze z.
Er hatte Berlin nicht wiedergesehen, seit er heimlich mit
Herrn von Werben aus der Stadt geflohen war. Der Truppen-
theil, welchem er angehörke, hatte im ersten Feldzuge die Haupt-
stadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn noch am
Rheine gewesen, als man die Landwehren auf das Neue zu den
Fahnen gerufen hatte, weil Napoleon von Elba zurückgekehrt
war und noch einmal die Brandfackel des Krieges über dem kaum
beruhigten Welttheile angezindet hatte.
Je näher Paul der Heimath kam, um so banger bewegten
Furcht und Hoffnmg ihm das Herz. Werde ich ihn noch finden?
fcagte er sich immer wieder, wenn seine Gedanken eine Weile
eine andere Richtung genommen hatten, und es kamen Augen-
blicke, in denen er dem Schicksal grollte, daß es ihn so, eben
so, zu den Seinigen wiederkehren lasse. Er war noch jung
genng, um ungern und schwer von seinen Hoffnungen zu schei-
den, und er hatte an den Tag, an welchem er inmitten der
Landwehr, an der Spize des Zuges, den er in mancher Schlacht
geführt, in die Hauptstadt einziehen würde, oft mit freudigemi
Borgefihle gedacht. Dann hatte er sich beschieden, darauf Verzicht

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zu leisien, aber das er in solcher Sorge, unier der Pein einer
solchen Ungewißheit aus dem Felde wiedeckehren solle, dünkte
ihn doch hart.
Es war srih am Morgen, als der Feldjäger den leichten
Reisewagen vor der Thire des Flies'schen Hauses halten ließ.
Das Schlafzimmer des Hausherrn lag nach der Straße hinaus
- die Vorhäuge waren heruntergelassen, die Fenster offen. Was
bedeutete daö? War Alles voriber, oder war der Kranke so
weit genesen, daß man ihm wieder die Wohlthat der sommer-
Uchen Luft und Wärme zukommen lassen durfte, während man
ihn vor dem grellen Lichle noch zu hliten hatte? -- Das Herz
klopfte ihm, als stände er wieder vor dem Feinde, und er stand
ja auch vor ihm, vor dem Feinde alles Lebens, vor dem Tode!
Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck, welches
er mit sich führte, von dem Wagen herunter und eilte in das
Haus. Die schwarze Kleidung des Dieners sagte ihm Alles.
Er fragte nach den Frauen. Man wies ihn nach dem Gartensaale.
Seba und Davide sasen bei dem Frühstücke. Als Paul
in die Thüre trat, fuhren sie beide erschreckend auf. Man hatte
ihn so früh nicht zurückerwarten können. Mehr als drei Jahre
waren vergangen, seit sie einander nicht gesehen hatten. Mitten
in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen, nun fand
er sie im Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder.
Ich komme zu spät!-- das war alles, was er sagte.
Seba gab ihm nur mit leiser Neigung des Hauptes Antwort.
Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte, und sie wollte ihren
Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen. Er nahm sie
an sein Herz, er küßte ihre Stirn, ihren .und, er ließ sie weinen,
und sie weinte so sanft, so still, als wisse sie sich nun sicher
und geborgen vor allem Unheil. Als sie sich, seine beiden Hände
zuversichtlich drückend, emporrichtete, trat er an Davide heran,
und jezt erst, da er aus Daviden's hellen Augen die TJränen

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auuf die Wangen niederrollen sah, singen auch die seinigen zu
fließen an.
Liebe Davide! rief er leise, aber es bebte eine unauSsprech-
liche Bewegung durch sein Herz und ein beseligendes Feuer
durchströmte sein ganzes Wesen. Er hatte ihre Hände ergriffen
und blieb schweigend, in ihren Anblick versunken, vor ihr stehen.
Wie oft, wie oft haile er an sie gedacht, wie oft haite er sie
vor sich gesehen wie an dem Abende, an dem er sich auf dem
Balle von ihr getrennt hatte! Nun war er wieder da, und sie
stand vor ihm - dieselbe wie sonst, und doch so anders und
so viel schöner, als er sie je gedacht!
Liebe Davide! wiederholte er noch einmal, und sie lehnte
sich freiwillig an seine Brust, und er fühlte, wie ihre Lippen
leise das Eiserne Kreuz berührten, das er auf derselben trug.
Mit einer Gliicksempfindung, deren er das Menschenherz nicht
für fähig gehalten hatte, schaute er in ihr Antlitz, in die Augen,
die sich voll sehnsichtiger Liebe zu ihm erhoben; aber war es
die Achtung vor dem Schmerze Seba's, war es ein Zartgefühl,
welches ihn hinderte, sich in dem Hause der Trauer einer Freude
hinzugeben, oder war es das Bewußtsein, daß bieses schöne
Wesen aufhören ferde, für sich selber zu bestehen, sobald er es
sich angeeignet habe, er vermochte nicht, es in seine Arme zu
schließen. Er war befriedigt durch Daviden's bloßen Anblick,
beruhigt durch ihre lang entbehrte Nähe und voll großer Freude
durch die feste Neberzeugung, daß zwischen ihr und ihm gar
nichts zu sagen sei, daß lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche
und Einer sich der Liebe des Andern, obschon nie ein Wort
davon gesprochen worden, so völlig sicher fiühle, wie der unzer-
störbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen Zukunft. Er drickte und
küßte ihre Hand, dann gehörte er wieder Seba an, und Davide
verstand ihn ohne Worte.
Es verging eine geraume Zeit, ehe sie zum rechten Sprechen

kommen konnten. Sie mußten sich erst dnein finden, daß sie
nicht mehr zu Vieren, das: sie nuur ihrer Drei in diesem Saale,
an diesem Tische bei einander waren. Die verheerendsten Kriege,
der Tod von Millionen Menschen, der Sterz der Mächtigen
und der Sieg der Gebeugten hatten nichis geändert in diesem
stillen Nauue. Die chinesischen Blumen euf der Tapete hatten
ihre Farben voll bewahrt, die fremdartigen, gemalten Vögel
guckten mit ihren, starren Augen noch gerade so wie vor dem
Kriege von der Decke des Gartensaales herab. Das silberne
Theegeräth, die Tassen von sächsischem Porzellan, sie waren für
Paul wie fir Davide mit ihren schönen Frucht- und Blumen-
Zierrathen in ihrer Kindheit Gegenstände der höchsten Bewun-
derung gewesen, standen wie seit Jahren und Jahren auf der
weißen Damastdecke, und doch war das alles nicht mehr dasselbe.
Denn des Vaters grosße Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle
in der Mitte der Geräthschaften ein, man hatte sie fortgetragen,
wohl verwahrt, weil der Vater sie nicht mehr brauchte, weil der
Vater nicht mehr da war, weil zwei gute Augen sich geschlossen
hatten für immerdar.
Kommt, rief Seba endlich, sich zum Frihstückstische wen-
dend, kommt, Paul hat es nöthig, etwas zu genießen!=- Aber
es fehlte das Gedeck für ihn. Gib ihm des Vaters Tasse!
sagte Seba.
Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei. Dem Haus-
herrn! stand darauf.
Dem Hausherrn! sagte Seba kaum hörbar, während sie
mit bebender Hand die Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte,
und allen Dreien stürzten bei dem Anblicke dieses unscheinbaren
Geräthes die Thränen aus den Augen, und in allen Dreien stieg
sie noch einmal empor, die uralte Klage. daß des Menschen
Dasein dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf, daß des
Menschen Leben vergänglicher ist, als die vergänglichen Dinge

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und die zerbrechlichen Geräthschaften, die er geschaffen und deren
er sich bediente.
Es kam Paul vor, als sei erst jetzt sein alter Freund ge-
storben, da man für ihn die Tasse reichte, aus welcher, so lange
Jener gelebt, nie ein Anderer getrunken hatie. Er filhlte es in
diesem kleinen Zeichen sinnlicher, deutlicher, als in all den Tagen,
daß er jetzt das Haupt der Familie sei, in welcher er Schuz
und Liebe gefunden, seit er denken konnte, und mit einem
schmerzlichen, aber ihn doch erhebenden Gefihle schloß er die
beiden Frauen noch einmal an sein Herz.
Er war lein Heimaihloser mehr, er sand nichl mehr einsam
in der Welt. Sein Leben ward ihm noch wichliger, er ward
sich selbst mehr werth, weil er sich fitr das Glick der Menschen,
die ihm die Theuersten waren, als nothwendig fühlte.
Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorüber-
gegangen. Sie hatte sich viel gesorgt, viel durchgemacht, denn
es hatte der Arbeit und der Anstrengungen für sie, wie fir alle
die Frauen der Hauupistadt und des Landes, mehr als genng
gegeben, welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger
in den überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten. Die
Fältchen an den Augenwwinkeln, die leisen Furchen auf ihrer
schönen Stirn hatte Paul früher nicht an ihr bemerkt, und wie
das Sontenlicht mut von der Seite über ihren Scheitel fiel,
sah er, daß hier und da ein silberweißer Faden auf ihrem
schwarzen Haar erglänzte. Er konnte sich des Erschreckens nicht
erwehren. Wie lange war es denn her, daß er Seba an jenem
Ball»Abende, an dem des Grafen Gerhard Worte ihn zuerst
wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt
hatten, in aller Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatie?
Und nun ergraute schon ihr Haar, nun kam die Neihe bald
an sie!
E that ihm in der Seele weh, denn wo der Tod in einen

eng verbundenen Menschenkreis getreten ist, wird man so ängstlich.
Jeder möchte in dem Antlize des Andern lesen können, auf wie
lange er ihm noch gegönnt ist, man möchte zusanmneurücken, um
sich selber die entstandene Lücke zu verbergen, man möchie sich
fester, man möchte sich für immer an einander schließen, und
man kann sich es bei allem besten Willen nicht vergessen machen,
daß kein menschliches Verhältniß unzerstörlar. daß Alles dem
Vergehen unterworfen, Alles nur im Auge blicke unser ist, und
daß unser sicherer Besiz einzig in der Venuzung dieses Augen-
blickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht.
Dieses Augenblickes wollie man geniesßen, man wollte sich
gemeinsam der gehabten Ereignisse erinnern. Hatte man doch
so tausendfältig oft gewünscht: O, das er hier wäre! duß ich
sie jetzt bei mir hätte! Und wie man nun beisammen saß, hatte
man sich nichts zu sagen, weil Jeder nur das Nothwendige und
Rechte gethan zu haben meinte, und da Nothwendige und
Rechte sich einfach und unauffällig in das allgemeine Thun einfügt.
Paul hatie die Feldzige mitgemachi, aber das hatten
Hunderttausende gethan; er hatte sich tapfer und muthig erwiesen,
Andere waren darin nicht hinter ihm zurückgeblieben. Seba hatte
mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den Hospitälern
gearbeitet, das war nuur natürlich gewesen. Ihr Vater war
gestorben, ihr Vermögen theilweise verloren gegangen: indeß es
weinten unzählige Familien in wahrer Noth um ihre Väter und
Versorger, und die kleinen Begegnungen, die wechselnden Ereig-
nisse, deren man sich zu erinnern hatte, kamen in diesen ernsten
Stunden des Wiedersehens neben den großen Erschütterungen
und Erfahrungen, welche man durchgemacht hatte und in sich
nachzittern fühlte, einem Jeden zu geringfügig vor, um ihrer zu
gedenken und ihrer zu erwähnen.
Man war stiller als jemals bei einander, bis Paul sich

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erhob, um sich, wie er sagte, umkleiden und im Comptoir seine
Ankunft melden zu gehen.
Es war ein eigenes Gefühl, mit dem er aus dem Garten- ß
saale in die Zimmer eintrat, welche er neben demselbrn früher j
bewohnt hatte. Alles lag und stand, wie er es verlassen hatte. j
Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und das
Vaterland hatte unter der Kechischaft freuder Tyrane geseufßt, z
und jezt leuchtete die helle Sommersone durch die im Lufthauche I
spielenden Blätter und Deutschland war frei und sich selber ;
wiedergegeben worden. Aber so warm Paul's Herz auch schlug, -
R R: -
Er hatte den Krieg immer als ein Unglick, als ein furcht- ?
bares, wenn auch in diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet
und den Frieden oft sehnlich herbeigewünscht, der ihn seinem I
Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte. Jezt aber war !
es ihm unheimlich in den stillen, nach dem Hofe hin gelegenen
Räumen des Comptoirs, es erschreckte ihn, als er den Geschäfts- ,
führer mit seiner unerschütterlichen Gleichmüthigkeit genau auf
demselben Platze und in derselben gebückten Stellung jwie vor -
drei Jahren, die eingegangenen Briefe durchsehend, vor sich er-
blickte, als er den alten Kassirer gerade so, wie er es vor drei ,
Jahren und vor jenen zwanzig Jahren gethan, die Geldrollen -
über den Zahltisch werfend und die Banknoten musternd wiederfand.
Ein Chronometer, den Seba ihm bald nach seiner Rück
kunft au Amerika geschenkt hatte, stand auf seinem Tische. Er
war, wie der Datumzeiger es auswies, wenig Tage, nachdem
Paul Berlin verlassen hatte, abgelaufen. Damals war er acht-
undzwanzig Jahre alt gewesen, jezt stand er im einunddreißigsten.
Er trat an den Spiegel und betrachtete sich. Das war
sonst nicht seine Sache, obschon er wußte, daß er ein schöner
Mann sei. Die Uniform dinkte ihm etwas sehr Bequemes zu

sein. Er fand sie einfach, zweckmäßig und kleiosam. Sie gefiel
ihm heute sehr, und er gefiel sich auch in ihr.
Der kreue, ehrliche Rock! sagte er zu sich selber, wähcend
er das Eiserne Kreuz von deniselben losmacte, um es zu ver-
schließen, und den Rock ablegte, um ihn nicht wieder anzuziehen.
Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die Freiheit seines
kaufmännischen Siandes, im Gegensaze zu der Abhängigkeit des
militärischen Dieust?s, hoch erhoben und Steinert es zugesagt,
daß er dessen Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurück-
fishren werde, und jetzt iberfiel ihn selber eine Angst vor der
Nuhe und Stille, eine Scheu vor der Gleichmäßigkeit der täglich
sich wiederholenden büürgerlichen Arbeit.
Vorhin, als Davide sich ihm an das Herz gelegt, hatte
ihn die Ahnung ergriffen, wie das Weib sich selber in der Liebe
verloren gehe, nun schreckte sein dem Menschen eingeborenes Ver-
langen, sich in seiner Eigenheit und Freiheit zu erhalten, vor
-der Aussicht und vor der Nothwendigkeit zuriick, sich künftig
nicht mehr als nur fiir sich selber bestehend betrachten zu dürfen,
künftig leisten und thun zu müssen, was er im Grunde bisher
nur freiwillig gethan hatte, künftig keine Freiheit des Wollens
und des Dütrfens mehr vor sich zu haben, wenn er einmal aus
- einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau, zum
Begründer und Beschüützer einer Familie gemacht haben werde.
Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen, so deutlich traten
urplözlich alle die anmuhigen Begegnunzen, alle die hibschen,
kleinen Abenteuer und artigen Erlebnisse ihm vor die Seele,
welche er als Junggeselle auf seinen vielen Neisen und während
seiner Feldzüge gehabt hatie, und er konnte sich eines Seufzers
nicht erwehren, wenn er dachte, daß dies nun für ihn zu Ende
sein, das; fir ihn zum Unrecht wzerden solle. was ihm bisher
eine so reizende Unterhaltung gewesen war. Freilich, er liebte
Davide, aber es war keine jener heftigen, unwiderstehlichen Leiden-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschtecht. I.

. Ns --
schaften, die er für sie fühlte. Er hegte für sie die zuversichtliche
Neigung, die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch
die Erkenntniß bildet, daß man in allen Fällen auf einander
zählen könne. Jung, wie er Davide verlassen, hatte er doch
schon ihre Selbstbeherrschung, ihre Festigkeit und ihre Gte bei
den verschiedensten Anlässen erprobt, und die Wahrhaftigkeit ihres
Herzens, die Unschuld, mit der sie ihm ihre Liebe lund gab,
ohne daß er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte, machten
sie ihm eben so theuer, als ihre Schönheit sie ihm begehrens-
werth erscheinen ließ. Seit Jahren haiie er sich gesagt, daß
Davide einst seine Gattin werden müsse, er hatte sich darauf
gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles, wie
auf eine lezte Lebenserfiüllung. Nun er sich derselben nahe
glauben durfte, bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben,
vor dem Ausharrenmüssen; und er konnte des beklemmenden
Gefühles nicht gieich Meister werden, das ein Jeglicher empfindet,
wenn er nach einem viel bewegten, wechselvollen Dasein plözlich
in alte, fest begründeke Lebensverhältnisse einzugehen und zuric
zutreten hat.
Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun
vorüber! rief er, und es war, als ob das unwillkürlich aus-
gesprochene Wort ihn auch von der augenblicklichen Verwirrung
befreie, die ihn befangen hielt. Denn er richtete sich in seiner
schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plözlich erheiterter
Stirn und gewandeltem Sinne hinzu: So lange hat man für
sich selbst gelebt; es ist Zeit, nuun für die Andern zu leben! Laß
uns sehen, was man für sie werth ist und vermgg!
Er hatie inzwischen seine birgerliche Kleidung angelegt und
trat an das Fenster. Heißer Sonnenschein, warmer Blumenduft
strömten ihm eutgegen. Er blieb einen Auugenblick am Fenster
stehen und sah in den Garten hinaus. In der Ferne gingen
die beiden Frauuen voriber.

b== h F I ==
Sie tragen den Kranz nach dem Montmente, dachte Paul,
und er, der sich so eben noch vor dem Gleichmaße der Tage
und vor allem, was sich mit unausgesezter Regelmäßigkeit zu
wiederholen hatte, gescheut, fihlte sich von der heharrlichen Treue
gerührt, mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebes-
pflicht erfillte. Es ist eine geringfügige Handlung, sagte er sich,
eiumal einen Blumensiraus; auf einen Denkstein niederzulegen;
aber durch ein halbes Menschenleben dem Andenken der Hinge-
gangenen die gleiche Erinnerung zu wweihen, während maun den
Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt, an jedem
Tage den gleichen Weg zu gehen, immer dieselbe kleine Sorge
zu tragen, das macht die an sich geringfüügige That zu einem
das Herz befriedigenden Cultus. Und es sollte nicht dasselbe
mit aller unserer Arbeit sein, wenn wir sie, von ihrer Noth-
wendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt, mit Liebe und für
geliebte Menschen thun?
Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen
nach, wie sie langsam durch die Wege gingen. Es freute ihn,
daß er sie wieder sehen konnnte, daß er sie heute, morgen, immer
wieder sehen würde. Selbst als die Gebüsche unter den Tannnen
die Frauen seinem Auge entzogen hatien, verweilte er noch an
dem Fenster. Die Sille, die über dem Garten ausgebreitet lag,
war ihm etwas Neues geworden und erquickte ihn. Er hatte
auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie tönten noch un-
vergessen in sein Ohr: der Donner des Geschiitzes, der Weheruf
der Verwundeten, das Röcheln all der Sterbenden, die in fremder
Erde unter ungeschmüückten Gräbern ruhten.
Friede, Friede! rief er und schlug die Hände umwillkürlich,
wie beim Gebet in seinen Kindertagen, in einander, Friede und
Beharren und Bleiben hier bei den geliehten Menschen, und
leben und schasfen mit ihnen und fir sie!
Freien und gehobenen Sinnes verlies; er seine Zimmer,
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um gleich an diesem Morgen, gleich in dieser Stunde seine Arbeit
zu beginnen. An der Thüre des Comptoirs wendete er sich
noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster nach dem
Garten hinaus. Seba und Davide saßen vor dem Gartensaale,
mit Nhterei beschäfigt, bei einander. Aber Paul ging nich!
zu ihnen. Er konnte es ja später thun, denn er blieb jetzt hier,
und sie wareiut ihi zn riges-
Was war gegen eine solche Gewißheit aller überraschende
Reiz des Zufalles? Er wiegte sich in dem beglickenden Gefihle
dieser Sicherheit, und ihrer wie seiner selbst gewiß, kehrte er,
ein reifer Mann, aus dem Felde zu seinem bürgerlichen Be-
rufe zurick.