Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 14

Viertes Ca pitel.
FHhaut Tremann war shon lange seinen Geschäften wieder-
gegeben und der Friede war längst geschlossen, als der Juustitiarins;
des freiherrlich von Arten'schen Hauses noch immer vergebens?
die Nückkehr des jungen Freiherrn forderte, für den es unter?
den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde,!
sich einen Urlaub zu verschaffen oder, da er bei einem der Ne-
gimenter stand, die zur Sichepung des nen aufgerichteten Königs-'
thrones der Bourbonen und zur Eintreibung der Kriegs-oniri-
bution in Frankreich zurückgelassen wurden, seine Versezung zu-
einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen. Aber das
Gllck, dessen die Freiherren von Arten sich in früheren Zeiien
sprüchwörtlich zu rühmen geliebt hatten, war während dieser
Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben.
Strahlend in Siegesfreude, durch die Anstrengungen des
Krieges abgehärtet und gekräftigt, hatte Renatus inmitten der
vereinigten Heere, an der Spize seiner Compagnie an dem zweiten
Einzuge der Verbündeten in Frankreichs Hauptstadt Theil genom-
men, und die Neize dieser anmuthsvollsten unter allen Städten,?
welche er zum ersten Male kennen lernte, hatten auf den jungen'
Hauptmann, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein'
Neuling in dem Leben einer solchen Weltstadt war und dem
die Gelegenheit, sie zu genießen, auf jede Art geboten wuurde,
ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt.
Allerdings sah die große Menge der Franzosen widerwillig

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und mit schweigender Empsörung auf die fremden Krieger hi:,
welche ihnen die unwillkommene Herrschaft der Bourbonen auf-
gezwuungen und, was dem Volke vielleicht noch verhaßter war,
auch die alten, ansgewanderten Adelsgeschlechter und das ganze
Priesterregiment wieder in das Land zuricgeführt hatten. Aber
dafür standen den deutschen, russischen und englischen Offizieren
in dem neu belebten Faubourg Saint Germain- in welchem
die alte französische Aristotratie die in ihren snillen Höfen und
Gärten gelegenen Paläste wieder bezogen hatte, Thor und Thüre
offen; und das Hotel der Herzogin von Duraö war eines der
ersten, das gleich nach der ersten Rückkehr der Bourbonen die
alte, gute Sitte regelmäßigen Empfanges wiedeu auufnahm, denn
die Herzogin wollte sich in ihrem Greisenalter en:lich für alle
die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten, denen sie durch
lange Jahre unterworfen gewesen war. Wie sie e ne der Ersten
Frankreich verlassen hatte, so war sie nun als d.r Ersten eine
mit der wiedereingesetzten Königsfamilie in die Hauptstadt zu-
rückgekehrt, und die unbegrenzte Freigebigkeit, welche die Bour-
bonen von jeher ihren Anhängern angedeihen lassen, war natürlich
der Herzogin, die sich seit dem Ende des vorige Jahrhunderts
immer in der Nähe und im Dienste des Hofes befunden hatte,
vor allen Anderen zugewendet worden.
Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit früher
so berühmten Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch
gewesen. Man wird die Greisin nicht besuchen kommen, wie
die junge Schloßherrin, hatte sie sich gesagt, und der König,
der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft ge-
wohnt geworden war, hatte dieselbe auch in der wiedergewon-
nenen Heimath nicht entbehren mögen.
Die Herzogin war nicht mehr im Dienste, aber sie lebte
im engsten Verirauen des Hofes, und sie verstand den Einfluß,
den sie besas;, eben so wohl zu ntzen, als die Unterordnung

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und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen, welche durch
Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewährung ihrer
alten Ansprüche und Forderungen zu erlangen wüinschten.
Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris,
als der junge Freiherr in einer der eben ausgegebenen Zeitungen,
in den Hofberichten die Mittheilung las, daß die Frau Herzogin
von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben habe,
welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familieb?
mit ihrem Besuche beehrt worden sei.
Sie ist also hier, sie ist in Paris! rief Nenatus umwwill-
kürlich aus, und eben so plözlich, als ihm diese Kunde geworden
war, beschloß er, die alte Freundin seines Vaters aufzusuchen.
Er dachte freilich daran, welch einen unheilvollen Einfluß die
Herzogin Margarethe auf das Schicksal seiner Mutier ausgeübt
hatte; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart
zurück und er wußte auch wenig Bestimmtes über alle jene
Vorgänge. Seine Neugier, die Herzogin wiederzusehen, deren
Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinerung geblieben
war, trug daher ohne große Müühe über die flüchtigen Bedenken
seiner Kindesliebe den Sieg davon, und er hatte obenein eine
schwere, doppelte Versäumniß nachzuholen. Er hatte der Her-
zogin in der Unruhe seines damaligen Lebens den Tod seines
Vaters nicht gemeldet. Er schuldete es ihr daher, sowohl wie
dem Andenken seines Vaters, die Unterlassung gut zu machen,
und gerades Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zu-
rückkehrend, schrieb er der Herzogin, daß sein Vater gestorben,
daß er selber in Paris sei und daß er sie um die Erlaubniß
bitte, sich ihr vorstellen zu dürfen.
Noch an dem nämlichen Abende fand er, von einem Gange
wiederkehrend, eine Antwort der Herzogin vor.
, Sie sind in Paris, lieber Ren, schrieb sie ihm, ,und
nicht in meinem Hause? =- Wie ist das möglich ?- Ein Sohn,

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Fder einen Vater wie den Freiherrn verloren hat, ist immer be-
ß llagenswerih und hat des Trostes nöthig, welches auch seine
f Aussichten im Leben sein mögen. Wenn Sie mich nicht wissen
F lassen, daß es mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unwer-
k einbar ist, mein Gast zu sein, so wird morgen Mitiag mein
ß Wagen vor Ihrer Thüre stehen, um Ihre Nebersiedlung in
s mein Haus zu bewerkstelligen. Kommen Sie, wenn es Ihre
F Dienstpflichten nicht tnmöglich machen, mein junger Freund!
f Berelten Sie uir die Genugihuung, mit Ihnen von Ihrem
f Vater, meinem unvergeslichen Freunde, zu reden und Ihnen
einen geringen Theil der großen Dankesschuld zu entrichten, die
, nur seine Freundschaft mir leicht zu tragen machen konnte.
? Auch ich habe einen kheuren Todten zu beklagen; aber Sie sind
s jung, das Leben liegt vor Ihnen, und auch neben mir blüht
s ein junges Leben auf. Sie sollen von dem Trübsinne des
Alters nicht bei mir zu leiden haben. Somit auf Wiedersehen,
f mein junger Freund!'
k Es war die alte Anmuth, welche allen Briefen der Herzogin
a ? r
I das Papier, der Duft desselben hatien etwas Reizendes fiür ihn.
z Er mußte sich förmlich daran erinnern, daß es eine Greisin sei,
F von welcher diese Zeilen ihm gekommen waren, denn er fühlte
ß sich von ihnen erheitert und aufgeregt. Sie hatten ihn trotz
ß der Mahnung an seines Vaters Tod, über den nun freilich
F shon zwei Jahre hingegangen waren, in eine so fröhliche Span-
z nung versetzt, als stände er an der Schwelle eines Abenteuers,
F als erwarte ihn irgend ein ganz unverhofftes Glück.
z Er eilte zu seinem Chef, mit dem er auf dem besten Fuße
F stand, ihm von dem Anerbieten der Herzogin und von seinem
, Wunsche, es zu benntzen, Anzeige zu machen, und er fand von
-Seiten des Obersten, da das ganze Negiment an dem linken
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht 1l.
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Seineufer untergebracht war, keine Schwierigkeiten für seine -
Absicht.

Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr, daß eben an -
diesem Tage ein Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimath I
gehe, nahm Nenatus die Gelegenheii wahr, seiner Braut die
Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen. Er legte, um sich
einen Theil des Briesschreibens zu ersparen, das Billel der Her-
zogin fiür Hildegard bei. Er dachte, es könne nebenher nicht
schaden, wenn diese sehe, daß eine Greisin noch solcher bezau-
bernden Anmuth fähig sei, und wenn sie selbst sich daran ein
Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme, deren schwär-
merischer Ernst, ja, selbst deren feste, grose Handschrift ihn
eigentlich je länger desto unschöner bedünkten.
Hildegard wird allerdings verdrießlich darüber sein! sagte
er sich. Aber mochte sie es auch einmal empfinden, wie es ,
thue, von einem Briefe aus der Ferne keine Freude zu empfangen.
Er hielt es für die höchste Zeit, an Hildegards Erziehung zu
gehen, eben da nun ein dauernder Friede vor der Thüre stand
und er an seine Heimkehr und an seine Heirath denken durfte.
Aus dem Geräusche der volksbelebten Straßen, aus der
Gluth der Mittagshize lcachte am nächsten Tage der Wagen
der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte Hotel der Her-
zoge von Duras. Hohe Mauern schlossen es nach Landessitie
von der Straße ab; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem
im edelsten Style des siebenzehnten Jahrhunderts errichteten
Gebäude aus. Durch das geöffnete Portal des Hauses zeigten
sich frische Nasenplätze, von großen Bäumen überschattet.
Die Frau Herzogin lassen den Herrn Varon ersuchen, sch
in seinen Zimmern einzurichten, sagte der Haushofmeister; sie
erwarten ihn danach im Gartensaale.
Renatus war in den Gewohnheiten des Reichihums in
einer würdigen Heimath aufgewachsen; aber die letzten Eindrücke,

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s
z welche er empfangen hatte, als er mit seinem Regimente vor
dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen
war, hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen, und
, seit vollen drei Jahren war er im Felde, in den wechselnden
und osl widerwwäriigslen llugebungen gewesen. Das erhbhie das
Wohlgefallen, welches er bei dem Anblicke dieses Palasies, dieser
- edeln Näume, ja, selbst bei den Hülfsleistungen genoß, deren er
von seinemn Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen
F jezt die Dienerschaft der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte.
Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem
linken Fligel des Hauses gesithrl, in dessen erstemn Stocke man
ihm seine Wohnuung eingerichtet hatte. Nachdem er sich umge-
kleidet, geleikete der Kaummerdiener der Herzogin ihn die breite,
marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale, in welchem er
F die Herzogin wiedersehen sollte.
s Es war ein großer, hoher Naum, dessen Thüren nach dem
f Garten zu geöffnet waren. Duunkelrothe Vorhänge brachen das
ß Licht der Sonne an den Fenstern; die Thüüren waren von außen
F mit Marguisen verschattet. Nahe an dem einen Fenster lag in
F einem Lehnstuhle, die Füße mit einem weichen Polster unter-
F ßitzt, die Herzogin; an dem Schreibtische, der nicht fern von
, ihr stand, saß eine jugendliche Frauengestalt.
ß Als Renatus eintrat, richtete die Herzogin sich mit leb-
, hafter Bewegung in die Höhe, und ihm die Hand entgegen-
F reichend, die heute noch, wie vor jenen Jahren, mit dem zier-
F lichen Handschuh von schwarzer Seide halb bebeckt war, rief sie:
ß Willkommen in Frankreich, mein junger, lieber Freund, und doppelt
F willkommen in meinem Hause, mein lieber enS! Ich danke es
? Ihnen, daß Sie gekommen sind, eine alte Freundin Ihres Vaters
ß aufzusuchen. Der arme Baron, daß er so zeikig von uns gehen
F mußte! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des launenhaften
? Schicksals und nichts mehr. Sie wissen es, auch mein theurer
1F

- 19ü--
Bruder ist schon langst gestorben, jung geslorben, ud ns Ez
trauern ihn noch heute, ich und seine Tochter!
Indeß von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen j
der Greisin, noch in dem strahlenden Antlize ihrer Nichte eine P
Spur zu finden, als diese auf ein Wori ihrer Tante sich zu s
ihnen wendete, um die Vorstellung des Freiherrn von Artens

Richten zu empfangen.
Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig ?
werden, ob er gar kein Bild von der Herzogin in seinem Ge- ?
dächinisse bewahrt gehabt, oder ob sie sich wirklich so wenig ver-
ändert hatte, das; nichts an ihr ihm störend oder fremd, sondern ?
Alles vertrauk und angenehm erschien. Ihre weiße Morgen- ?
kleidung, das Spitzentuch, welches sie über die zierliche Haube -
gebunden trng, die zahlreichen schieeweisen Löckchen, die ihre I
Stirn und ihre Wangen umgaben, machten ein so feines, in j
sich abgeschlossenes Bild, daß man meinte, es müsse eben so, es s
könne niemals anders gewesen sein, und daß man eben deshalb ?
auch bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte, j
besonders da die allerdings lies eigesunlenuen Augen der Greisin -
ihren einschmeichelnden Blick und ihr beredter Mund, trotz der -z
schmal gewordenen Lippen, sein feines Lächeln noch nicht ver- -
loren hatten.

Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin, als ver- ?
schiedene Besuche angemeldet wurden. Es waren jüngere und ?
ältere Männer, zwei Geistliche unter ihnen. Alle aber trngen ;
sie große Namen, alle waren sie unter einander bekannt und ?
im- Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen,F
deren in solcher Vollendung nicht Herr zu sein, Renaius sich -
heute zum ersten Male bewußt ward.
Wohin er bis dahin auch gekommen war, überall halten -
sein Name, sein gutes Aeußeres und später selbst seine Uniform ?
ihm eine Beachtung zugesichert. Hier trugen alle Männer das -

--- 1(?-
blirgerliche Kleid, und die Nennung seines Familiennamens gliit
P an den Anwwesenden spurlos vorüber. Erst als die Herzogin
erwähnte, daß sie in den Tagen der Verbannung eine sehr lie-
benswürdige Aufnahme bei dem Vater des jungen Barons ge-
funden habe, wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerlsam;
aber es war, als ob die Zeit der Auswanderung seit langen,
langen Jahren hinter ihnen läge. Sie schienen es fast vergessen
zu haben, daß sie Frankreich jemals verlassen hatten. Paris,
der Hof, die Verhältnisse, in welche sie zurücgekehrt, waren für
sie so ausschließlich die Welt, daß alles, was nicht in diese Welt
hinein gehörte, kaum für sie vorhanden war.
Freilich erboten sich die jitngeren Männer, den jungen Frei-
herrn mit dem Pariser Leben bekannt zu machen, man besprach
auch seine Vorstellung bei Hofe; Renatus kon:ite es sich indessen
nicht verbergen, daß er unter diesen Marquis, Gcafen und Prin-
zen eine sehr untergeordnete Nolle zu spielen haben werde, und
während ihn dieses verdroß, fühlte er sich doch von der ihn um-
gebenden Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt.
Alle diese Männer waren an den meisien Höfen von Euu-
ropa heimisch. Man redete von den fürstlichen Familien von
England, von Sardinien, von Rußland und von Holland, und
von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von
Vertraulichkeit, welche fir Renatus etwas Ueberraschendes hatte.
Nur wenn sich das Gespräch auf den Hof und die königliche
Familie von Frankreich wendete, änderte und steigerte sich der
Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit, und die Herzogn,
die immer noch Meisterin darin war, die Urterhaltung auf die
Gegenstände zu lenken, von denen sie gesprochen haben wollte,
wußte an dem Ohre ihres jungen Gastes auf diese Weise eine
Reihe von Thatsachen vorüber zu führen, di ihn beschäftigten,
ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu
lassen, und die ihm unablässig und immer wieder das unbehag-

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liche Gefühl aufnöthigten, das er nuur ein zufälliges und nuur
ein unbedeutendes Mitglied in diesem Kreise sei.
Will sich die Herzogin an mir fin die Diensie rächen,
welche mein Vater ihr und ihrem Bruder geleistet hat? fragte
Nenaius sich einmal umoillllirlich. Aber sein guler Sinn stieß
diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine Un-
wilrdigleil von sich, und doch lag diese Vorauussezung der Wahr-
heit näher, als er es zu glauben vermochte.
Renatus wußte es noch nicht, das; man edeln Herzens und
liebevollen Gemithes sein muus, um die Danlbarleii nicht als
eine schwere Last zu empfinden indes; der stolze Sinn der Her-
zogin hatte die Skuide nie vergessen, in welcher sie sich genöthigt
gefunden hatte, von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder
unter Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandischaft eine
Zuflucht und Hülfe zu begehren. .n wie großmithiger Weise
Nz-
der Freiherr sie auch empfangen und unterhalten hatte, das
Brod der Fremde, das Gnadenbrod, wie sie es oft mit herbem
Ausdrucke in ihrem Innern genannt, hatte nie aufgehört, ihr
hart und bitter zu bedünken. Sie mochte sich der Zeiten nicht
gern erinnern, in denen sie in Richten gelebt hatte, sie dachte
anch an den Freiherrn weder oft noch gern, und doch hatte sie
eine lebhafte Freude empfunden, als sie den Brief seines Sohnes
empfangen, eine Freude, wie sie der mehr als siebenzigjährigen
Frau nicht mehr oft zu Theil ward: sie konnte abbezahlen, was
ihr geleistet worden war, sie konnte sich dem jungen Freiherrn
in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer wiedergewonnenen
aGürden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren, daß es
g
eine Ehre fir seinen Vater gewesen sei, die Herzogin von Duras,
die Freundin und Vertraute der königlichen Familie von Frank-
reich, seinen Gast zu nennen. Sie konnte den jungen Freiherrn
einsehen lassen, daß, was man auch für sie und für ihren Bruder
gethan haben mochte, sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei.

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Ihre Güte, ihre Freundlichkeit für Renains trugen in jedem
Worte den Stempel jener freiwilligen Herablassung, die, so
schmeichelhaft sie sich im Augenblicke demjenigen, dem sie zu
Theil wird, auch erweisen mag, ihn doch herunrerdrückt und ihn
seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig, macht. Nenatus
empfand es, das; er sich nicht geben konnte, geben durfte, wie
er war; aber die völlige Znsammengehörigkeit der Personen,
welchen er an diesem ersten Morgen in dem Saale der Herzogin
begegnete, die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem, was
sie hier umgab, hinderten ihn, zu erkennen, worin jener ihn
befangende Zauuber bestehe, oder wer es sei, der denselben über
ihn ausübe.
Mitunier, wenn sein Auge eine Weile mt entzücktem Er-
staunen auf der Nichte der Herzogin haften geblieben war, meinte
er, das es ihre Schönheit sei, welche ihn so s-ltsam beherrsche,
ihn so wnderbar sich selbst entfremde, unh die junge Gräfin
war ganz dazu gemacht, einem Manne die Empfindung anbeten-
den Staunens aufzudringen. Renatus gestand sich, niemals eine
so vollkommene Schönheit gesehen zu haben; denn Eleonorens
auffallend große und üppige Gestalt, die siegesgewisse Ruhe auf
ihcer weißen Stirn, von welcher das goldig schimmernde Haar
sich wie bei den ankiken Statuen in welliger Fülle weit zurück-
bog, um sich in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu ver-
einen, gaben ihr troz ihrer großen Jugend etwas Gebietendes
und Mächtiges.
Ihr Vater, der Marquis von Lauzun, welcher der Herzogin
gleich gefolgt war, nachdem diese in Turin in die Dienste der
königlichen Familie getreten war, hatte durch seine Wohlgestalt
und durch die geschickte Vermitilung seiner vorsorglichen Schwester
die Hand einer der reichslen englischen Erbinnen gewonnen, welche
sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen Verwand-
, ten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte. Eleonore Haughton

- - L00 -
war, wie der englische Sprachgebrauch es bezeichnet, eine Erbin
durch ihr eigenes Recht gewesen. Die großen Besizungen, der
Name und die Pairie ihres Hauses waren nach dem Tode ihret
Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen, aber sie hatie
sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können. Die Geburt
ihres ersten Kindes halte ihr das Leben gekostet, und mit dem
Tauf- und Familiennamen ihrer Mutter waren der Tochter des
Marquis die Adelslilel, die Pairswülrde und der Reichlhum: der
Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an, als
ausschließliches Erbe zugefallen.
Nach der ausdrücklichen leztwilligen Verordnung ihrer Mutier
war eine Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kin-
des von ihr bestimmt worden. Bei dem Einflusse. welchen die
Herzogin aber von jeher über ihren Bruder ausgeüübt, hatte sie
es durchzusezen gewusßt, daß ihr die Oberaufsicht über dessen
Tochter zugewiesen worden, als der Marquis ebenfalls frühzeitig
vom Leben geschieden war, und Fräulein Arabella Warwell
hatte also mit ihrer Pflegebefohlenen unter dem Schuze und in
dem Hause der Herzogin gelebt, bis diese die Erziehung der
jngen Gräfin fir vollendet erllärt, und Fräulein Arabella
von ihrem Zöglinge entfernt hatte. Die besten Lehrer hatten
Eleonore vielseitig unterrichtet, und wie man ihr in der Taufe,
zur Erinnerung an das Meisterwerk einer großen Dichterin,
neben dem Namen ihrer Mutter den Namen Corinna beigelegt
hatte, war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden, sie diesem
bedeutungsvollen Namen anzupassen.
Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen
ihrer beiden Eltern wie des Jtalienischen völlig mächtig. Sie
drückte sich in ihnen mit einer Sicherheit und Entschiedenheit
aus, die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben und sie älter
erscheinen ließen, als sie war. Wer sie in diesem Kreise von
Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah, sie

Om
- --- - au1--
ihre kurzen Fragen stellen, jede Anrede schnell erwidern, jedem
ihrer Gedanken lebhaft und rüückhaltlos Aeußrung geben hörte,
der mußte sich eingestehen, daß er hier ein ungewöhnliches Wesen
vor sich habe, went es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte, ob
man dieses Mädchen lieben könne oder nicht. Was aber dem
fliichtigslen Beobachier nicht entgehen lonnte, war die Vorsicht,
mit welcher die Herzogin ihre Nichte behandelte, und die geflissent-
liche Weise, mit welcher diese ihre stolze Unabhänigigkeit zur Schau
trug. Sie trat fortwährend wie ein strahlendes Licht, wie ein
mächtiger Ton aus der gleichmäßigen Stimmung dieser in feinen
Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor, und Nenatus fragte
sich schon in der ersten halben Stunde: Wie kommt sie hierher,
wie konnte sie in dieser Welt sich so entfalten, wie konnte sie
ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luuft bewahren?
Man hatte eine gerauume Zeit hindurch die Vorkommnisse
des Hoflebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und
alle Anwesenden hatten sich in den Ausdrücken ihrer Verehrung
und Ergebenheit für das zum zweiten Male wiedergekehrte bour-
bonische Königshaus überboten, als Eleonore, sich zu Renatus
wendend, plözlich ausrief: Ud Sie, Herr Baron, Sie schweigen?
Sie sagen nichts zum Lobe der heimgekehrten Dynastie, für die
Sie doch bei Ligny und bei Waterloo mit Ihren und meinen
Landsleuten gefochten haben, während diese Herren friedlich in
der Nähe ihres Königs weilten?
Eleonore, rief tadelnd die Herzogin, was soll hier diese
Frage?
Mich aufklären, liebe Tante, weiter nichts! entgegnete die
Gräfin, ohne sich durch die Mißbilligung der Herzegin im gering-
sten beirren zu lassen.
Man war es gewohnt, der Gräfin viel uachzusehen, und
man hatte auch keine andere Wahl, wenn mai das Haus der
Herzogin, das man zum Theil um Eleonoren's willen suchte,

10R--
nicht eben ihretwegen meiden wollte; indeß der ernste Ton, mit
welchem sie die dreiste Frage gethan hatte, ließß diesmal eine
scherzhafte Deutung nicht wohl zu.
Es war daher Allen sehr erwünscht, als der alte und ver-
traute Freund der Herzogin, der Prinz von Chimay, dessen
grauem Haare die gemessene Ruhe seiner Sprache und Bewegun-
gen sehr wohl anstand, sich in das Mittel legte und, den Kampf
auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend, die
Bemerkung machte: Sie sprechen von unserem Königshause, Gräfin.
und von Ihren Landsleuten, als ob Sie nicht Französin, als
ob Sie nicht unsere Landömännin wären! Bedenlen Sie, daß
wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten
wollen! So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt, sind
Sie die Unsere, und wir werden Alles hun, Sie in der Heimath
und in Ihrem Vaterlande festzuhalten!
Vaterland und Heimath! wiederholte die Gräfin, Sie nennen
das zusammen, mein Fürst, als ob es nicht verschiedene Dinge
wären! Frankreich ist allerdings meines Vaters Geburtsland,
ist mein Vaterland, aber meine Heimath ist es nicht. Meine
Heimath ist jenseit des Kanals in Haughton Castle, wo ich so
glücklich war, Sie bereits zu sehen, und wo ich Sie wieder zu
begrüßen hoffe, wenn ich erst ganz dort leben werde, füügte sie
mit einer Verneigung hinzu, die verbindlich, die versöhnend wirken
sollte, während die stolze Siegesgewißheit abermals über ihre
Mienen glitt. Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht fort-
gesetzt sehen, wendete sie sich zu Nenatus, um auch ihn für die
Zukunft nach ihrem Schlosse einzuladen. Sie werde stolz und
glücklich sein, sagte sie ihm, wenn er ihr Gast zu sein verspreche,
nachdem ihr Vater durch so viele Jahre seines Hauses Gast ge-
wesen sei. Dabei reichte sie ihm, nach Art ihrer englischen Lands-
leute, die Nechte hin, daß er einschlagen und ihr sein Versprechen
geben solle, und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd,

-- Z0Z-
während sie ihm frei und aufrecht in das Auge sah, rief sie:
-Wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr, recht gute Freunde,
Herr von Arten!
Nenatus wusßte sich nicht zu erklären, welcher Stimmung
des schönen Mädchens er diese unerwartete und auffallende Gunst-
bezeiguig zu verdanken habe, welche ihm sehr leicht die Abneigung
der andern jungen Edelleute zuziehen konnte; aber er fühlte sich
deshalb nicht weniger von Eleonoren's sonnigem Auge erwärmt,
er bermochte ihrer kräftigen und frischen Stimnme den Zugang
zu seinem Herzen nicht zu verschliesen, und im Jnnersten seines
Wesens geschmeichelt, sprach er: Sie eröffnen mir eine Aussicht,
gnädige Gräfin, die mich hoch erhebt, und zeigen mir ein Ziel,
nach dem zu streben mir um so mehr ein Glick sein wird, da
ch die Freundschaft, die Sie mich hoffen lassen, zunächst doch
nur meinem Vater zu verdanken habe.
Wie er seinem Vater ähnlich sieht! rief die Herzogin, sich
an den alten Fürsten wendend, nicht wahr, mein Fürst? Sie
zwaren in Vaudricourt, als der Freiherr von Arten mich zum
ersten Male besuchte, und Sie erinnern Sich des Freiherrn noch!
Aber der Fürst versicherte, daß er den Freiherrn nie gesehen
Hhabe, und die Herzogin wußte das eben so genau, als daß
MRenatus seinem Vater ganz und gar nicht glich. Sie hatte
nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben, nur Eleo-
Inoren's Launen in den Weg treten, einer unangenehmen Scene
Jein Ende machen wollen, und von allen Seiten war man sofort
bereit, über die kleine Störung leicht hinweg zu gehen, um der
FHerzogin, über deren Absicht Niemand in Zweifel war, geschickten
Beistand zu gewähren.
Der Füürst rühmie die Reize von Haughton Castle, während
die Herzogin das Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte; man
sprach vou der Jagd, die dort ergiebig sei, von dem Besuche,
welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre, als die Herzogin

- W ----
es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte, in
dem Schlosse gemacht hatte, und Eleonore hörte der ganzen Unter-
haltung schweigend zu. Als habe sie sich jezt geng gethan,
ließ sie ihre dunkeln Augen langsam von Einem zu dem Andern
gleiten, und nur wen ihr Blick auf den Fürsten oder auf die
Herzogin fiel, meinte Renains zu bemerken, das: ein spöttisches
Licheln um den Muund der juugen Schönen spiele uund daß ein
Gefühl des Triumphes ihre lräsligen Nasenslügel schwelle.
Niemand machte ihn emsfinden, das; er, wenn auch ohne
sein Verschulden, den Anlaß zu der Kränkung geboten hatie,
welche die Gräfin den Gästen und Freunden ihrer Tante zugefügt
hatte. Renatus ließ es sich also doppelt angelegen sein, sich durch
anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise, in den et
eingetreten war, in ein güünstiges Verhältniß zu sezen, und es
gelang ihm dieses auch nach Wunsch; denn als die Besucher
sich empfahlen, weil die Stunde gekommen war, in welcher die
Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne
zu machen pflegte, schied man in einer so heiteren Weise, als
ob gar nichts Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt
niemals etwas Störendes zwischen die Glieder dieses Kreise?
treten könnte.