Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 15

Friinfie ä Capitel.
Fser Gariensaal der Herzogin lag, wie bei all en Schlössern,
welche dem Anfange des achtzehnten Jahrhundects ihre Ent-
slehung verdanken, an einer mächtigen Terrasse. Am Abende des
Tages, an welchem sie Nenatus bei sich aufgenommen hatte,
waren die Thüren des Gartensaales weit geöffnet. Das helle
Licht der Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes
und ließ innen wie auußen alle Gegenstände llar erkennen.
Mitien im Saale sas; die Herzogin mit ihhrem Freunde,
dem Prinzen, und noch zwei andern Personen beim Kartenspiele;
drausßen giig Renatns an der Gräfin Seite auf und nieder,
während ein Mann von reifem Alter und ein junger, schlanker
Geistlicher, die am andern Ende des Zimmers Platz genommen
hatten, in eifriger Unterhaltung begriffen zu sein schienen, obschon
keiner von beiden die auf der Terrasse Lustwandelnden aus dem
Auge verlor.
Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den
Saal, dann aber wendeke sie sich gleich wieder dem Freiherrn
zu, und obschon ihre Unterhaltung sich ausschließlich in jenen
Fragen und Mittheilungen bewegte, mit denen man sich der äußer-
lichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und
ihn in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht, fühlte
Nenatus sich doch von einer Unruhe ergriffen, für welche er sich
keine Ursache anzugeben wuuste.
Ohne es zu wollen, mußte er den Blicken Eleonorens folgen,

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ohne zu wissen, weßhalb, betrachtete er die Geseslschaft, die er in
dem Zimmer vor sich sah, mit einer mißtrauischen Besorgniß.
Er hörte achtsam auf alles, was Eleonore zu ihm sprach, und
er fühlte sich trotzdem üüberzeugt, daß sie an etwas Anderes
denke; ja, es lam ihm endlich vor, als sei sie mit ihm unzu-
frieden, als werde sie ungeduldig; aber er lonnie es sich nicht
erllären, wie er ihr Anlasi zu irgend einer Ulnzusriedenheil ge-
geben haben lönne. Nie zuvor war ihm so sonderbar zu Sinne
gewesen. Die Eipfinduuug, das: die Gräsin ihn geflissentlich auf
die Terrasse hinausgeführt habe, daß jezt etwas geschehen, etwas
gethan werden mülsse, wurde immer lebhafter und unabweislicher
in ihm. Das Herz klopfte ihm in der Brust, er hatte eine Art
von Furcht vor seiner schönen Gefährtin, und wie das dämmernde
Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller
umgoß, kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und
schön, aber so oft der strenge Blick ihres grosßen Auges ihn
berührte, auch wie eine solche unheimlich und dämonisch vor.
Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört; das
konnte er nicht ertragen, und um sich aus der Befangenheii und
Verwirrung, deren er sich schämte, herauszureißen, sagte er
plötzlich: Sie haben mir heute, gnädige Gräfin, im Andenken
an Ihren und meinen Vater, Ihre Freundschaft angeboten, und
ich glaube, daß es Ihnen Ernst damit gewesen ist. Darf ich
diese Freundschaft heute schon zu einem Dienste für mich in
Anspruch nehmen?
Eleonore blieb stehen; Nenatus hörte, daß sie tief auf-
athmete, als werde eine Spannung von ihr genommen, und
ohne sich zu besinnen, entgegnete sie ihm: Unbedenklich, wenn
Sie mir vorher gestaitet haben werden, Ihnen zu erklären, was
mich bewogen hat, Ihnen diese Freundschasi so schnell und so
gewaltsam aufzudrängen.
Renaius wollie ihr enlgeguen, das; sie ihn mii ihrem Ver-

-- I0?--
, trauen glicklich mache, aber sie ließ ihn dieses nicht vollenden.
? Keine Worte, jHerr von Arten! rief sie mil ihrer stolzen, ge-
s bieterischen Weise. Sie müssen es heute schon gesehen haben,
F es fehlt mir nicht an Männern, die mir schmeicheln, weil sie
s glauben, das: auch ich uichiö Höheres kenne, als uich durch die
Schmeicheleien eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit
F beranben zu lassen, die man mir misgöuui! Aber eben deshalb
f hlit ich in der Lage, meine Tanie läglich daran zu erinnern,
F daß ich, Dak deu Testamente meiner Multer, sreier Herr über
F ale meine Etschlieszungen bin, und eben deßhalb bot ich Ihnen
heute so unberufen meine Freundschaft an, um es meiner Tante
darzuthun, daß ich's nicht liebe, wenn man selbst die heiligste
aller Pflichten, die Dankbarkeit, nur zu einem Piedestal für sich,
ß und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht, dem man sie
J zu entrichten hat! Nun, die Herzogin hat ja lange Jahre in
s Jhres Vaters Hanse gelebt -- Sie werden sie also kennen, so
? gut wie ich!
? Der Zorn, der aus jedem ihrer Worte sprach, gab ihrer
- tiefen Stimme nuur einen höheren Reiz, und doch erschreckte ihr
f Wesen den jungen Freiherrn auch in diesem Augenblicke wioder,
F weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich, unter denen
z er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt
ß gewesen war. Selbst die riickhaltlose Härte, mit welcher Eleonore
F über ihre greise Tante gegen einen Fremden ihr .ictheil aus-
sprach, beleidigte sein Schicklichkeitsgefühl, und immer geneigt.
? sich desjenigen anzunehmen, dem nach seiner Meinung ein Unrecht
, zugefügt wurde, sagte er, daß er von der Herzogin zwar ein
F lebhafted Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe, daß er aber
zur Zeit ihres Aufeuthaltes in Nichten zu jung gewesee sei,
irgend ein selbsländiges Urtheil über sie zu besizen.
Und abermals blieb Eleonore stehen, während sie, trotz des
Halblichies, in seinem Anllize zu lesen versnuuhie. Sonderbar,

-- I0Z--
sprach sie; Ihnen fehlte also jener Instinkt, den das Kind doch,
mit dem Thiere gemein hat? Sie hatten also kein inneres.
Widerstreben gegen die Herzogin? Sie hatten kein Abmahnen -
gegen die selbstische, die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen
Natur?
Nein, versezte Renains nach einigem Besinnen. Ich glaubte
nur, das; sie die Kinder nichl eben gern habe, und da meine
theure Mutier ihr weniger als mein Vater nahe stand, so hatie
ic damals, so viel ich mich enisinue, allerdings leine besondere
Liebe fir die Frau Herzogin; aber ich löuie eben so wenhg
sagen, das: ich sie gefiirchtet hätie.
ap habe sie gefirchtet, seit ich zu denken vermochte, fuhr
N,
Eleonore heraus, und jetzt --- jezt kenne ich sie! fügte sie mit
schneidender Bitterkeit leise hinzu, als der Edelmann, welcher
bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte, man nannte ihn, ;
um ihn von seinem Vater, dem Füürsten von Chimay, zu unter- -
scheiden, mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor, zu den
Beiden heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen
Paares damit ein Ende machte.
Eleonore verließ die Terrasse, und Nenatus, der dem Prinzen
schon am Mittage bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden -
war, blieb allein mit ihm zurück. Der Prinz mochte über l
fünfzig Jahre alt sein, aber sein hellblondes Haar, seine schlante
Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn, bei der großen -
Sorgfalt, mit welcher er gekleidet war, noch vortrefflich aussehen. -
Nenatus wußte, das er des alten Fürsten einziger Sohn und
Erbe sei und daß er mit seinem Vater während der ganzen Zeit -
der Verbannmg am Hofe zu Petersburg gelebt habe. Bei der
Herzogin stand er offenbar in groser Gunst. Sie hatte, nachdem
man ihm am Morgen begegnei war, den jungen Freiherrn auf-
merksam darauf gemacht, wie er in dem Prinzen Polydor das
Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe, und dann,

--- L0I- --
s gleichsam im Selbstgespräche, hinzugefigt: Unb doch war seiner
P Oz.ss
: -- lut dem seines Vaters nicht an Reinht gleich.
=- P
Als Renatus sie darauf fragend angesehen, hatte sie sich
Fin ihren Mittheilugen plözlich unierbrochen und nur flichkig
die Bemerkuug hingeworfen, daß es sich dabei um ein sehr roman-
tisches Ereignis; handle, von welchem man nichl eben spreche,
- obschqn es dem alien Fiirsien eigenllich zur höchsten Ehre an-
gerechet werden uisse, wie der König dies denn auch durch
,sein' Verhallen gege den Vaier und den Sohn gethan habe.
Und es war danach der Einbildungskraft des jungen Freihercn
vorläufig noch ilberlassen geblieben, unter welcer Gestalt er sich
die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte
und konnte.
F Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin, als sich am
z Aende ihre gewohnten Gäste bereits entfernt hatten, unter dem
FVorgeben, dasß sie Renatus recht bald und recht schell unter
Jihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche, abermals
J auf den Fütrsten und seinen Sohn zuriick, und bei diesem Anlasse,
F erfuhr Nenatus, was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur
anzudenten fir gut befunden hatte.
Der alte Fürst von Chimay, so erzählte die Herzogin, war
Fn seiner Jugend ohne alle Frage der schönste Mann, der vollen-
f detste Cavalier des Hofes, und wir lebten damals noch in einer
ß Zeit, in welcher man es einem Manne weit mehr als jezt zum
zVerdienste anzurechnen verstand, wenn er der Welt in sich selbst
s ein vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit
Fdarzubieten wußte. Er hatie in früher Jugend bedeutende Reisen
Fgemacht, überall war ihm der ehrenvolcte Euuwfang zu Thel
geworden, der Ruf seines Geisted uund seiner Lielenswülrdigkeit
z stand iber jeden Zwweifel fest, die Guuust der Frauen kam ihm
bereitwillig entgegen; aber der Fürst war nicht nur schön wie
ein Adonis, er war auch spröde wie ein solcher, und das Ge-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. Ül.

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rücht, das ihn unbesieglich nannte, steigerte nur das Verlangen
der Frauen, ihn zu überwinden und zu fesseln.
Die Herzogin lehnie sich, in ihrer Erzählg innehaltend,
in ihren Polsterstuhl zurick. Es ist die alte Eva-Natur, sggte
sie lächelnd, alles, was ihnen versagt isl, was sich ihuez enhzleht
das reizt die Fraen. Muchen Sio sichh darans Ihren Schluß,
mein junger Freund; und sich langsam mit einem der kleinen
dunkelrolhen Zächer, deren Nenalus sich noch aue seiner Kindhe!
zu erinnern meinte, Kühlung zuwehend, fnuhr sie nach einer kurzen
Pause also in ihrer Erzählung fort: Ich lebte damals fern von
Hofe, an meines verehrten Gatten Seite, in unserem Schlosse.
Wir sahen den Fürsten, der uns sehr befreundet war, immer
nur fir einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns, da
die Gesellschaft des Hofes ihn uns streitig machte. Es war
oftmals von seiner Verheirathung die Rede gewesen, öfter noch
von Herzensverhältnissen, in die er verstrickt sein sollte; aber
alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet, und man
gewöhnte sich bereits daran, den Fürsten als einen Weiberfeind
zu betrachten, als sich ganz unerwartet und zum höchsten Er-
staunen aller Welt die Nachricht verbreitete, der Fürst habe sich
mit einem jungen, im Kloster erzogenen, einer geringen und
armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht, das ihm
einen Sohn geboren habe, und sei, da die junge Mutter von
einem unheilbaren Brustleiden ergriffen worden, zu ihrer Er-
haltung mit Frau und Sohn in's Ausland, in den Süden, ich
meine, nach Sicilien, gegangen.
Die Kunde sezte den Hof, die Stadt, den ganzen Adel
des Landes in Bewegung. Niemand wollte es glauben, Niemand
hatte dem Fürsten eine so phantastische Leidenschaft zugetraut,
Niemand es fiür möglich gehalien, dasi eben der Fürst von Chimay
es vergessen könne, was er sich selber schuldig sei. Man fraghe
sich Wer ist die Zauberin, die den bisher Unbesiegten nicht

epts
Fir zu besiegen, sondern sich selber abwendig zu machen ver-
Fnden hat? Man forschte nach ihrem Namen, man war begierig.
ße zu sehen, man glanbte an jedem Tage, irgend eine Lsung
Hises Näthsels zu erhalten, die wo möglich noch geheinnißvoller
,ud auffalleuder als dad Ereiguis: selber seln sollle; indeß man
Frfuhr nichts, gar nichts über den Gegenstand dieser unbegreif-
Pchen Leidenschast. Der Fürst tehrte denn auch nicht, wie man
ss doch erwariel halle, mil der schöen Jahreszeii nach Frankreich
hd an den Hof zurick; er legte vielmehr das Ait eines Kammer-
hrrn; das er bekleidet haite, nieder, und alles, was man er-
hiieln konte, war, das: die Tranng in der lleinen Kirche des
Flosters vollzogen worden war, in welchem die Braut bis dahin
hAebt hatie, und daß sie an ihrem Hochzeitstage eben so schön
ßs kront asgesehen habe.
f, Ich befand mich im Auslande, auf einer Badereise, als
heser Noman die Gesellschaft in Aufruhr sezte, und alle Briefe,
helche ich erhielt, sprachen mir nur von unsexem Freunde. Indeß
ß slber gab mir keine Kunde von sich, und nachdem man des
Perwunderns von allen Seiten müde geworden war, fingen die
Pinen den Prinzen zu vergessen, die Andern auf ihn zu ver-
Pchten an. Man sagte sich, dasß er wiederkehren und seine alte
Pielle unter uns einnehmen werde, wenn er seiner romanhaften
jhile geng gethan habe oder wen die fabelhafte Prinzessin
hHhorben sein würde. Aber als handele es sich wirklich um ein
Färchen, so geschahen auch hier jezt Wunder, und zwar gerade
ßejenigen, welche man am wenigsten erwartet hatte.
h Die Herzogin unterbrach sich abermals, und Renatus, den
he Thatsachen dieser Erzählung eben so anzogen, als ihn die
heifterhafie Weise fesselte, in welcher die Greisin sie berichtete,
henerkte, das Eleonore das Buch, in welchem sie bis dahin
Plesen hatie, zur Seite legte und, die Arme über die Brust
heheuzt, ebenfalls auf die Forisezung der Erzählung achten zu
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wollen schien. Auch der Herzogin entging die plözliche A!
merksamkeit keineswegs. Sie fragte, ob Eleonore ihr Bu
beendel habe.
Nein, versezte diese; Ihre Erzählung isi uir aber wek
wichliger, als das Buch, und ich bin begierig, liebe Tante,d
Abzzz derselleni, iler eni ih susi srhnn ssrecrn hirle, gerad
aus Ihrem Munde zu verehmen. Nicht wahr, die Fürstin bewie
sich den schönen Frauen des Hofes nichi so gefällig, als sies
wünschten und erwartet hatten, die Fütrstin blieb am Leben
und, was noch schlinmner war, der Firsl, weil davon enifer'
ihr dieses zu verargen, gewöhnte sich an sie und liebte sie;ß
daß er darüüber des Hofes und seiner schönen Frauen ganz ur!
gar vergaß?
Es schoß ein scharfer, schneidender Blick aus den eing
sunkenen Augen der Herzogin zu ihrer Nichte herüber, als diß
ihre Fragen im Tone der Unwwiderleglichkeit spöttisch über ih
Lippen gleiten ließ, und Renatus wus:te nicht, welche von dß
Beiden, ob die Greisin oder das junge Mädchen, ihm in dieß
Augenblicke mehr misßfiel. Aber das Autliz der Herzogin gewan
gleich wieder seine Nuhe, und mit der freundlichen Gelassenheh
die sie äuuserlich fast immer zu bewahren wuste, fragte sie: Wü
-?
wer ist es, dem Du diese Mitkheilungen dankst?
Dem Herrn Abb von Montmerie! entgegnete die jun
Gräfin mit einer so geflissentlichen Deutlichkeit und Lngsamkeh
als wolle sie damit etwas Besonderes sagen oder errathen lassnn
Die Herzogin ging jedoch, während ihr Gast sich von dem iihß
unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren Feind
seligkeit, welche zwischen den beiden Frauen herrschte, unheimlh
berihrt sand, leichi dariber fori.
=ea sehen Sie die llgeduuld und auch den lebebacht ds
Jgend, mein lleber Nene, sagle sle. Wir alien Luie sind u
schnell, wie sie. Wir müssen uns langsam in unsere Erinn

-
ezt S
==- J! l. Hg? -
angen versenken, wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen
usammen, und wenn wir unser kleines Kunsiwerk zu vollenden
Alen, fährl irgend eine uwvorsichlige junge Hand dazwischen
nd zerreisst und verwirrl uns unsern Faden, das; wir ihn nicht
Zedersinden köunen.
Sie lrgle ihsrn Füicher u der Hannd, zog ie lleine, unil
Fxillantez besezle Tabacsdose aus der Tasche, nahm mit ge-
piztem Finger eine Prkse und schellte, damit der Diener ihr
u- ihrem Zimmer leuchte.
E war vergebens, daß Nenalus sie ersuchle, ihm den
Schluß der Erzählung nicht zu entziehen. Sie vertröstete ihn
uf einen anderen Tag, wiederholte, daß sie nicht mehr in der
slle ihrer geistigen Mittel lebe, daß sie Rücksicht und Schonung
dthig habe, und forderte, obgleich sie sich noch immer mit voller
stiheit bewegte, den Arm Eleonorens, sich darauf zu stützen,
l sie, ihrem jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine an-
eßehme Nuhe und gute Träume wünschend, den Saal verließ.
I Es währte jedoch lange, ehe der Freiherr die ihm gewünschte
tuhe finden konnte. Die Menge der Eindrücke, welche er heute
a'seiner nächsten Umgebuung erhalten hatie, hielt ihn wach. Er
znte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie in einem
Adchen von Eleonorens Alter, bei einer so bevorzugten Lebens-
ge, sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wo-
urch in das Verhältniß zwischen ihr und ihrer Tante jene
iterkeit gekommen sei, die Eleonore selbst vor dem fremden
lanne entwweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen
smochte. Aber der rechte Aufschluß bot sich ihm nicht dar,
nd in jener Aufregung, welche uns immer befällt, wenn wir
icht wissen, ob wir die Personen, die uns anziehen, lieben oder
zsen sollen, schlies er endlich lberreizl und schr ermidel ein,
ä l-.. e
oe ---- daluie noch von wirren, unzusammenhängenden Vor-
Allungen und Gebilden hin und her geworfen.

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A solgenden Morge sah er die Nraen des Häüßs
nicht, da der Dienst ihn auswärts beschäftigt hielt. Später,al j
er sie aufzusuchen kam, vermied die Gräfin ihn eben so absichliß j
als sie ihm Anfangs entgegengekommen war. Nicht einmald!
Möglichkeit vergönnte sie ihm, sie um die Grinde ihrer ve j
änderteu Halhug zu besragen. Sie schien überhaupt wwenl j
Gesallen an der Geselligleil zu haben, deun sie zog sich, wennd j
Epfangsslunde der Herzogin geloumen war, häufig aus de j
Saale in ihre eigenen Zimer zuric, und ihre Tanle versuh !
es dann auch nicht, sie neben sich und in der Gesellschaft fff j
zuhalten.
Nenatus wuuste nicht, was er ihn sollte. Bisweilen süh s
er das Bedürfniß, der Gräfin zu schreiben und sich zu erhu j
digen, womit er ihre gute Meinung verscherzt habe, dann wih j
schalt er sich eitel und thöricht, daß er Eleonorens Foeiblelk. ,
überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen wag j
Wenn er sich schuldig glaubte, dachte er mit Bewunderung,j
mit Entzücken an die Gräfin; wenn er die Kälte, welche sie ih
bewies, auf Rechnung ihrer launenhaften Selbstwilligkeit ste
zürnte und grollte er ihr, aber immer blieb sein Sinn mit-?
beschäftigt, wie das neue Leben, das er führte, seit er ind
Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nah
und von allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünse
abzuziehen geeignet war.
Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und n
kein weibliches Wesen gekannt, das mit der Gräfin Haugh
zu vergleichen gewesen wäre. Das Erfahren und Erleben wu
für ihn fast überwältigend, und doch sagte er sich an' je
Tage, daß er jezt erst zu leben anfange, daß ihm jetzt erst.
Juuugend aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wwie sie ei
Mannes von seinem Stande würdig und wie sie ihm durch!
Ugunst der Verhältnisse viel zu lange vorenthalien wordcJ,,l

--- LJ--
Da er in den Stürmen der Revoluttonszeit geboren und
erwachsen war, huulle man ihn, uit dem Hiuweise auuf die ln-
beständigkeit aller irdischen Macht und Güter, zu einer gewisen
Selbstbeschränkung erzogen und es waren, ohne daß man ee
beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte, doch viele der An-
schanungen an ihn herangekommeu, welche als ein neues Mensch-
heits-Epangelium die Welt umzugestalten begonnen hatten. Nun
befand er sich mil Eineiu Male auuf einem Boden und iumitten
Aner Nailon, in welchen die Lehren von der Freiheit und Gleich-
berechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewußtsein eingedrungen, und von Wirkungen und Thaten
so zerstörender und durchgreifender Art gefolgt gewesen waren,
daß man die erneute Herrschaft der früheren Weltanschauung und
die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und Zustände für
immer unmöglich hätte halten müssen. Trotzdem thronte der
ächtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den
hertriebenen und wieder heimgekehrten Aelsgeschlechtern, doch
waren der kakholischen Geistlichkeit ihre Titel und Würden und
Besitzthümer zurückerstattet worden, und von den Beamten des
Naiserthums wie von den einstigen Republikanern drängten sich
große Massen an die neue Gnadensone heran, und gar viele
Hon den Bekennern der Vernunft-Religion fillten jezt wieder
zie Kirchen, in denen man die Dankes-Hymnen für die Nieder-
herfung der Revolution und für die Besiegung des Bonapartismus
Frtönen ließ.
F Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich
zoch in keiner Weise gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen
Fnschauungen nahe verwandten Meinung der Gesellschaft an-
jchloß, in der er sich bewegte? Und was hatte Nenatus aus
Jeinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen
ginzuwenden, wenn die Herzogin und ihre Freunde den Aus-
jpruch des Kaisers Alexander auch zu dem ihrigen machten,

-- L1ü--
wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre als.
einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die'
Zeit zum Verlauufen habe gönnen misssen, damit das Danernde,
das allein Würdige, die Herrschaft des Adels und der Kirche
in ungetrübter Nuhe wieder zur Erscheinung und zu ihrer
Geltung habe kommen können.
Der junge Freiherr hatte bisher mit Siolz daran gedacht,
das; auch er, so viel an ihm gewesen sei, zum Sluurze Napo-
leon's und der Napoleoniden, zuur Wiederherslellung der al!en,
legilimen Herrscher beigeiragen hale; aber der Ton, die Art
und Weise, in welcher man in der französischen Hofgesellschaft
von dem leberwwuunndenen sprach, verleidete ihm allmählich seine
Siegesfreude. Nicht die Niederwerfung des Eroberers war das
Verdieust, das man hier schätzie, sondern die zuversichlliche Treue,
mit welcher man auf den endlichen Untergang Bonaparte's und
auf den Sieg des angestammten Königshauuses wie auf eine
Naturnothwendigkeit gerechnet und gewartet hatke. Nicht die
That war es, die man hier ehrte, sondern der Glaube und das
Erdulden, und fir dieses Leztere sich zu entschädigen, war alles,
worauf man jetzt noch dachte.
Feste folgten den Festen, die Verbindungen des jungen
Freiherrn dehnten sich bei denselben immer weiter auus, und
seine Bewunderung der französischen Gesellschaft, sein Geschmack
an dem Hofleben wuchsen, je mehr er in demselben heimisch
wurde. Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen
Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den
Willen seines Vaters und Erziehers angehalten worden war,
hatte er sich gewöhnt, sich selbst und seinen Werth nach dem
Maßstabe zu messen, der ihm von Andern, gleichsam von außen
her, dargeboten wurde. Er fand sich also sehr leicht darein,
ja, es dünkte ihn eigentlich nur natürlich, das die Gesellschaft,
in die er jezt eingetreten war, einander nach der Bedeutung

F schätzte, welche der König und die königliche Funilie den ein-
F zelnen Personen zuerkannten, und er stand sich gar wohl bei
; dieser neuen Ansicht, dennn man nahm ihn um seiner Beschiützerin
willen am königlichen Hofe günstig auf.
? Er war ein schöner Mann geworden, er tanzte den Walzer,
, den die Fremden in Frankreich eingeführt haiten, mit Meister-
s schaft, seine jugendliche Genusfähigkeit, selbst seine Schiichternheit
z empfählen ihu den Frauuen. Dazn war er eiu iresslicher Neiier,
Z wußte die Waffen wohl zu brauchen, und weil er sich der ihn
F uugebenden Meinung gefigig zeigte, gewane er sich auch die
Gunst der Mäiner. Es währie also gar nicht lange, bid man
z der Herzogin voü vielen Seiten das Lob ihres jungen Schiüz-
F lings wiederholte, und diese blieb nur sich selbst getreu, wenn
- sie Nenatus, den sie in ganz eigensichtiger Absicht bei sich auf-
F genommen hatie, werth zu halten und auszuzeichnen anfing,
z sobald er eine vortheilhafte Erwerbung fiür ihre besondere Hof-
f haltung zu werden versprach.
? Kein Tag verstrich, an welchem sie sich nicht eine Weile
F in einsamem Zwiegespräche mit ihm beschäftigte. Sie machte
F sich eine Pflicht daraus, seine Ausdrucksweise in der fremden
s Sprache zu verbessern, sie wies ihn an, wie er sich gegen die
ß verschiedenen Personen, mit welchen sie ihn in Berührung brachle,
F zu verhalten habe, und wenn er sich ihr dankbar und allen
ß ühren Anordnungen gehorsam erwies, rief die Herzogin oft
l seufzend aus: Ach, warum hat der Himmel mir es versagt, iin
f meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden! Warum ist es
F mir auferlegt, kaltem Starrsinne zu begegnen, wo ich so viel
ß Lebe säete und für die letzten Tage meines Lebens Lebe zu
F ernen hoffte!
Sie hielt ihrem neuen Schitzlinge dan ihre Hände hin,
? e drickte einmal sogar einen Kus auuf sein schönes, blondes

-- LZ-
Haar, da er sich neigte, ihre Hand an seine Lippen zu ziehen,'
und gerade, daß er sich sagen mußte, wie hart und ungerecht
er, von Eleonoren dazu verleitet, an dem ersten Tage die Her-
zogin zu beurtheilen geneigt gewesen war, gerade das befestigte
seine Ergebenheil fiür die Greisin und wendeke seine Empsindung
von Eleonoren ab, so oft er die eisige Zuurückveisung bemerlte,
mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin vergalt