Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 17

- Siebentes Capite l.
e
,enatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und ant
Hofe empfangen worden war, nur selten und nur fliichiige Brlesej
in die Heimaih gesendei, und er schlig sich die Nachrichten,s
welche ihm von dort mit Regelmäsigkeit gegeben wurden, gej
aus dem Sinne.
1
Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauf zurick, daßF
die Signorina, wie sie Vittoria noch immer zu nennnen lieble,s
sich in unbegreiflicher Weise verändert habe. Sie sei heftig unp
herrisch geworden, könne sich nicht darein finden, nicht mehr dies
ausschließliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besizen; sie miß-ß
gönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Ge-ß
danken, künftig nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, lömnej
oder wolle sie sich entschieden nicht gewöhnen.
Die Schreiberin versicherte dabei, daß sowohl sie als ihrj
Mutter alles Mögliche thäten, das gute, alte Verhältniß zwischej
ihnen und der Signorina aufrecht zu erhalten. Dies sei aberj
gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich nur Cäcilien, die noch!
immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu gefallens
und zufrieden zu stellen.
Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleiches
Ereignisse auf die verschiedenen Charaktere verschieden wirkienF
Was sie beträfe, so habe der Ernßt der Zeiten sie gereift unö
kkaD

Zhres geliebten Nenatus Seite auf dem Lande in edler und ernster
Zuritckgezogenheit ihre Tage hinzubringen. Sie habe in diesem
Betrachte durchaus den Sinn und die Anschauungsweise ihrer
Mutter geerbt. Cäcilie hingegen trage ein Verlangen nach der
äüelt, in dem sie von der Signorina, welche die Welt freilich
hoch weniger als ihre Schwester kenne, bestärkt werde, und die
Mutter sei der Meinung, daß man den Beiden kine Hindernisse
Fn den Weg legen dßrfe, sondern ihnen so bald als möglich die
GGelegenheit eröffnen misse, sich selber durch die Gehaltlosigteit
ex sogenannfen Zerstreunngen von dem Werihe einer ernsten
sZebensführung zu iberzeugen. Sie habe eben deßhalb einen
zPlan euivorsen, den sie Nenalus bei seiner Nickehr vorzulegen
Fenke und dessen Ausfihrung hosfentlich das Wohlbehagen Aller
Hichern werde, während er zugleich die Mitiel fitr eine zweck-
Znäßige Erziehung Valerio's darzubieten verspreche, der hier im
Fchlosse, unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften
Finne seiner Mutter, völlig sich selber und seieer eigenen Phan-
zastik überlassen sei.
? Sie erwähnte dann noch, das: man ab und zu Besuche aus
Jer Nachbarschaft empfange, daß sie und die Mutter sich darin
ßmn des lieben Friedens willen den beiden lebenslustigen Freun-
Finnen gern fügten und daß neulich auch Graf Gerhard wieder
Für einige Tage, von Berka kommend, im Schlosse ihe Gast
ßewesen sei. Da Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesände-
ßung seines Oheims besize und ihrem und ihrer Mutter Auge
ßicht vertraue, enthalte sie sich, ihrem Verlobten hzu berichten,
hie wohlthuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria
hngewirkt habe und wie eine einzige geheime Unterredung, die
Zr mit derselben gehabt habe, die Baronin zu einem Nachdenken,
ßa, zu einem Ernste gebracht hätte, welchen der jezige Geistliche
ßn Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe. Auch mit dem
flmtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf, der sich