Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 18

- Siebentes Capite l.
ec
,enatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und an:
Hofe empfangen worden war, nur selten und nur flichlige Brlefeß
in die Heimath gesendef, und er schliig sich die Nachrichien,
welche ihm von dort mit Regelmäsigkeit gegeben wuuurden, ge;
aus dem Sinne.
1
Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauuf zuriük, daß;
die Signorina, wie sie Vittoria noch immer zu nennen liebleF
sich in unhegreifiicher Weise verändert habe. Sie sei heftig un
herrisch geworden, könne sich nicht darein finden, nicht mehr dieß
ausschließliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besizen; sie miß?
gönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Ge
danken, künftig nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, Ianz
oder wolle sie sich entschieden nicht gewöhnen.
Die Schreiberin versicherte dabei, daß sowohl sie als ihrß
Mutier alles Mögliche thäten, das gute, alte Verhältniß zwischeß
ihnen und der Signorina aufrecht zu erhalten. Dies sei abeF
gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich nur Cäcilien, die noäß
immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu gefallet
und zufrieden zu stellen.
Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleicheß
Ereignisse auf die verschiedenen Charaktere verschieden wirkien?
Was sie beträfe, so habe der Ernst der Zeiten sie gereift unb
t kaar

------ 189-
Haben, seine unbestimmte Abneigung gegen seinen Halbbruder
h=« si-8- -; denn cs ll.g--- - - -=---=- ristent Menschen,
ne oskviof? -
o,i iis d,z- f,isisz dov n
aß sie demjenigen zurnen, dem sie ein U.u zugefigt hab.
zpF,s -
- Er bereute es jezt, die Verbindung mit dem alten Flies
ßicht gleich nach dem ode des Freiherrn abgubrnchen zu haben,
ß ging uit sich z Naie, ob und wie er dies xersäisi j-ht
hnschädlich achße line: wer die Sachhe hßulle, lesbers da er
zu Paris z bleilen ,vinscie, ihrr grosien Schwierigleilen, a.
le büukle ihhn in deu gegewwärtigen Zeislüusie ud Umständen,
Fhne Gefahr sir seie Agelegeuhditen. gar üici aösihrbar.
Fenn er de neen Geschäfisiuygber des Flieö'schen Hauses
ßn kränkendes Migtrauuen zigte, konte derselbe sia, leicht versucht
gühlen, Gleiches mit Gleiche zu vergr - und die Flics'schen
l sps: n
-»lipi: -
zP==- z kundigen, die, seut langeu h..i auf Neu.-;
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ßnd Nothenfeld eingetragen, jezt ohne Frage höler z=--hen
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haren, als in jenek zp= thel... aazu wußte ====- - -
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dher in der Heimath n.. uuter se. . Kan. en und in-
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hitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft bewegt
Ftie, ganz und ga- -et, w.. td in wem er einen Ersaz.
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lß alten Geschäftsfreude seines Hauuses zu suchen habe oder
,en er an Stelle des alten Flies zum Curater Vittoria's und
lsalerio's ernennen lassen solle. Und nach..m er im Geiste
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, üge suchend u .=- = - G=-- =-- -==-- - ,lotzlc. ===«
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- =-==l, der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte,
Fs »ls fiviwo-
p -s- ---=. Untergang nicht wünschte, kann nicht im Stande
z ßu so sagte er sich, mich irgendwie geflissentlich zu shädig. Und
ß fer auf das menschliche, arlche Gefüühl-= geb= - ==-»-
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Zaßd, ======-- - -= eiumal gczeg-- ==- u dem Adelsstolze des
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, ßgen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene Bekräftigung;
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i: H:spzf,»zsssf,
g =- Cs.,=s- =-=-.uS dies nu«- ----p=s=«, lann es ihmt eben
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T zs-= Anfo h=ss=
-=-- a---- =p--, es floß doch immer Arten'sches Blut in
eeggsäe?

----- aHi-
Tremann's Aern, umnd dieses konnte sich nicht in Paul ver-
läugnen, mit solchem Blute war man keiner niederen, keinerF
e
schlechten Handlung fähig.
Er war einen Augenllick nahe daran, ed -remann unum-s
- eE
wunden auszusprechen, wie er in der Beziehuung, in welcher sie,
zu einander sländen, und in der Selbslauusopserung, mil welcher,
Pauul ihu ndr Mhern beigeslanden hale, die besie Birgschaft -
dafür zu besizen glaube, dasß er die Familien- und Geschäfts-
Angelegenheiten des Hauses von Arten-Richten keiner zuverläs- -
sigeren Kouirole, als der seinigen übergeben löne. Ides: Renatus -
war von frih auf dazu angehalten worden, bei allem seinem?
ahun es reiflich zu iberlegen, ob er sich und seinem Stande ?
damit auch nichts vergebe, und dieses ewige Erwwägen hatte ihm -
allmählich die Fähigkeit eines schnellen Entschlusses und jede -
Möglichkeit eines Handelns nach freien, plözlichen Eingebungen-
ein fir alle Mal genommen. Seine Erziehung hatie ihn, wie(
einen Füirsten, ängstlich und scheu, hatie ihn mistranisch gegen?
Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht.,
Er bedachte also auuch in diesem Falle wieder, daß ein;
solches Aussprechen seines Vertrauens ihm fir spätere Zeiten,
unbequeme, bindende Verpflichtungen auuferlegen könne; daß eßF
den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein vorhergegangenes?
Mißtranen schließen lassen dürfte, und als er dann endlich die!
Feder in die Hand nahm, um Pauul mit nöthiger Vehutsamleitk
seine Zugeständnisse und Vorschläge zu machen, deutete er e
ihm also, ganz gegen seine erste Absicht, in keiner Weise an, daß
er wisse, in welchem Verhältnisse Paul zu seinem Vater gestanden
habe. Er erwähnte es auch mit keinem Worte, daß er seinen Er-
retter in der Schlacht erkannt. Er erklärte ihm nur ohne Weiteres,
wie er ihn, als den Nachfolger des Herrn Flies, mit welchem die
Familie von Arten seit langen Jahren alle ihre Geschäfie zu machen,
gewohnt gewesen sei, auch ferner mit denselben ganz und gar zu

-- 41---
betrauen wünsche. Sollte Paul jedoch aus irgend einem Grunde
Izu der Uebernahme dieses Auftrageö nicht geneigt sein, so müüsse er
ihn trozdem jedenfalls ersuchen, sich der bisherigen Mühewaltung
wenigsiens so lange zu nnnterziehen, bis Rena!us in die Heimath
zuriclehren und sich, sosern dieö nölhig wirde, nach einem
andern Handlungshause fie seine Zwecke umsehen könne. Er
spraeh danach i guler Form die Hoffnung aus, daß die alte
Geschäftsverbindungkeine Störung zu erleiden hrauche, knüpfte
daran den: Wuunsch, das; sie beiden Theilen erspriesslich werden oder
bleiben möge, und als er den Brief dann noch einmal gelesen
und gesiegell halie, hieli er sich üiberzengt, als ein sich selbst
achtender Mann, nach reiflicher leberlegung und mit einem Ver-
trauen gehandelt zu haben, das mancher Andere in ähnlicher
Lage Pauul nicht bewiesen haben wülrde und das anzuerkennen
derselbe sicherlich nicht,ermangelu könne. Ja, er machte sich
endlich geradezu darauf gefast, sich von dem geschmeichelten Ehr-
gefihle seines Bastardbruders jezt für alle Zeit jedes Besten
versehen zu dirfen. Er rechnete sich, jvie gar Mancher, seine
Aufwallungen von guter Empfindung, auch wenn er es, wie
eben jetzt, fiir recht befunden hakie, sie schnell wieder zu unter-
drücken, als gute Thaten an, deren Aunerkennung und Belohnung
ihm von dem Leben nicht vorenthalten werden düürfe, und er
gewann damit nichts als die Möglichkeit, sich über das Leben
und über die Menschen zu lbeklagen, wennn sie ihm für das
Nichtgoschehene nicht zu danken vermochten und ihn nicht schätzten,
wie er selbst sich beurtheilte und hochhielt. --
Es verging eine geraume Zeit, ehe Paul von dem jungen
Freiherrn die lange ansgebliebene Autwort auf die Todesanzeige
des Herrn Flies erhielt. Da Renatus dieselbe nicht, wie es sich
eigentlich gebihrte, an die Firma, sondern im StyleJund Tone
eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte, ließ
dieser den Brief sofort verzeichnen, aber er behielt ihn auf seinem
F. Le wald, Von Geschlech zu Geschlech. lk.
1

D,1 H
Pulte liegen, denn er war nicht mit sich einig, was er thun
und avofür er ßch entscheiden sollte. Ein paar Tage lang erwog
er diese Angelegenheit still mit sich allein, dann trng er sie, als
er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden
zuusammenfand, gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor.
Es begegnet mir selten, sagte er mit seinem schlichten Ernste,
nachdem er ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatie,
daß ich mir über meine Gedanlen und Empfindungen keine rechte
klave Rechenschaft zu geben vermag, und wo dieses der Fall it,
zdgere ich mit meinen Etschlissen. Ich hatie Ansangs die
Absicht, das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres
zurüczuweisen, weil er mit der geflifsentlichen Nückhaltigkeit der
Keste, welcher er angehört, sich Dank von mir verdienen möchte,
wo er mmir viel Mühe und mannichfache Verantwortungen auf-
erkegt. Ich wollke seiner halben Wahrheit mit dem ganzen Ge-
ständnisse entgegentreben, das; es mir nicht wünschenswerih sei, in
das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden, weil ich
selbst in dessen geheime Geschichte verwickelt bin. Damit ich dann
aber auch völlig des äuseren Zusammenhauges mit der freiherr-
lichen Familie ledig wirde, beabsichtigte ich Deine Capiialien, liebe
Seba, von Rothenfeld und Neudorf zuriczuzichen und sie hier
unter mneinen Augen anderweit unterzubringen. Aber . -
Hältst Du sie auf den Gitern irgendwie gefährdet? unter-
brach dhn Seba.
Paul verneinte dies, da es erste Hypotheken wären und der
bloße Bodenwerth der Giter sehr bedeutend sei.
So laß das Geld dort stehen, bat die Freundin. Nenalus
ist der Sohn meiner theuersten Freundin, meiner unvergeßlichen
Angelika! Man soll nicht glauben - -
Sie hielt inne, und da Paul sie darauf fragend ansah,
sprach sie: Es lebt doch eine Anzahl von Personen, die um Deine
Herkunft wissen. Ich möchte nicht, daß irgend Jemand Dir

---- LgZ--
den Vorwurf machen lönnie, Du habest aus persönlichem Uebel-
wollen die ohnehin nicht günstige Lage der Arren'schen Familie
noch verschlimmert. Und wenn Du in Dir selber ungewiß ge-
wesen bist, wie Du handeln solltest, so bitte ih Dich, da mir
obenein nach Deiner Meinung kein Nachtheil daraus erwächst,
ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verkältnissen!
Paul gab ihr darin Necht. Ich hatie mich in Bezug auf
die Hypothel, sagte er, bereits in Deinem Snne entschieden;
denn wenn es üiberall thöricht ist, sich unnöthig einer ibeln Nach-
rede auszusczen, so hat der Kaufmann doppelt Ursache, sich vor
einer solchen zu bewahren. Seine Unternehmungen wie seine
Erfolge sind vielfach auf das Vertrauen begründet, dessen er
genießt, und es ist nicht der Nachtheil, sondern der Vortheil,
den wir unseren Geschäft?verbüündeken bereiten, welcher uns den
eigenen, danernden Gewinn verbürgt. Darübeu also, daß Dein
Capital auf Nothenfeld verbleiben soll, war ich selbst nicht mehr
in Zweifel; nur ob ich wohl daran thun würde, das Amn zu
übernehmen, welches Renatus Deinem Vater übertragen hatte
und das er nun auf meine Schultern legene möchte, das habe
ich mir uoch nicht llar gemacht.
Du meinst, hob Seba an, es stehe Dir nicht zu, Dich zum
Berather und Vertrauten eben der Arten'schen Familie herzugeben,
weil man vermuthen könnte, Du seiest in ihren Angelegenheiten
nicht völlig unparteiisch? Aber wenn Du wirklich Theil an ihnen
nimmst und Renatus die Zuuversichk zu Dir hat, daß Du ihm
.
helfen könntest, so weiß ich nicht, warum Du dieser nicht ent-
sprechen solltest? Du pflegtest doch vor dem Urtheile der Unver-
ständigen nicht leicht Scheu zu tragen!
Paul hatte sie ruhig sprechen lassen. Als sie geendet hatie,
sagte er: Ic mache. da ich Duch, Lebe, reden hörie, eine Er-
fahrung, die sich mir oft bestätigt hat und die sich mir jetzt
eben deutlich wiederholt. Man braucht mitunter rinen unrichtigen
zgg

--- LT--
Gedanlen, den man selbsl gehegk hai, nr von einem Andern
aussprechen zu hören, um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen
und auch die lrübe Quelle zu entdecken, aus der er stammt.
ap habe mich, wie ich eben merke, bisher wirklich mit den
g,
Vorstellungen herumgeschlagen, deren Du gedenkst. Nun sehe
ich, dasi es lauter leere Schemen sind, die man nur fest in's
Auge zu fassen braucht, damit sie in ihr Nichts verschwinden,
und ich frage mich mit Erstaunen, wie ich mich also an falsche
Begriffe verlieren konnte! Denn legte ich auf die Verwandt-
schaft, auf die Zusammengehörigkeit mit dem Arten'schen Hause
irgend einen Werih, nmn, so ihäte ich vielleichi recht und klug
daran, die mir gebotene Handhabe zu ergreifen! Gebe ich aber,
wie dies der Fall ist, nichts auf meine Abstammung von ihnen,
so ist, wie Diu mit Necht behauptest, vollends kein Grund vor-
handen, weßhalb ich ein an und fir sich guies Zutrauen von
mir weisen sollte! Und wenn ich daneben mein inneres Wider-
streben immer wieder fühle, so frage ich mich mit Fug und
Recht: Was habe ich mit diesen Artens denn gemein. daß ich
befürchten müßte, für oder wider sie in einem Grade einge-
nommen zu sein, der mein Thun und Lassen bis zu einer un-
gerechkfertigten Handlungsweise beeinflussen köunte?
Seba blickte ihn mit Neberraschung an, und auch Davide
hob ihre sanften, klugen Augen fragend zu ihm empor, als die
Erstere die Worte aussprach: Was Du gemein mit ihnen hast?
-- Der Freiherr von Arien war Dein Valer!
Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger, weiter nichts!
Ein Vater hat er mir nicht sein wollen, ist er mir nicht ge-
wesen! entgegnete Paul bestimmt. Und, figte er hinzu, die
Zeit, die Knabenzeit, in welcher ich dieses Leztere als ein Unglick
für mich empfand, liegt sehr fern hinter mir! Der Baron von
Arten leble und hanndelie nach sehr salschen, sehr verwerflichen
Begriffen, als er das verwaiste, nicht zu seiner Kasie gehörende

-- ZgJ--
Mädchen je nach seiner Laune und nach sei iem Beditrfen an
sich kettete und von sich sties;, als er eö zu dem Opfer seiner
gr
aVollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer
brachte. Aber er handelte darin nicht besser und nicht schlechter,
wie unzählige Andere auch! Mein Dasein hal ihn sicherlich nur
bis zu dem Augenblicke gefreut, in welchem er meine Mutter
von sich zu entfernen wiünschte - ich hcbe ih für dosselbe
alsb keinen besonderen Dank zu zollen, dent die höchsten Vater-
rechte und die wahre Kindesliehe werden für den denkenden
Menschen nicht angeboren, sondern durch di dem Kinde ge-
spendete Liebe erworben! Der Freiherr hat meine Liebe nicht
begehrt, und als ich nach der seinigen Verlangen trug, ist sie
mir nicht zu Theil geworden! Den Tod meiner Mutter hat er,
deß bin ich gewiß, eben so wenig gewollt, als ich die kranke
Baronin zu erschrecken und zu gefährden beabsichtigte, da ich in
Deines Vaters Lden vor sie hintrat! Mit seinem kalten Blicke
hat er mich in die Welt hinausgetrieben, weil mein früh er-
wachtes und von Dir gepflegtes Selbstgefihl es nicht ertragen
konnte, Wohlthaten von demjenigen anzunehen, der uns zu
verläugnen nöthig findet! Und ich bin dann in einer Anwand-
lug von Empfindsamkeit, der nachzugeben ich nicht wohlgethan
habe, ihm vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise
gegeniber getreien, die ihn qnälte und uich nicht erfreute!
Der Freiherr Franz von Arten und ich, wir waren also völlig
mit einaunder guikt!
Seba schittelte leise verneinend das Haupt. Wissentlich
oder nicht -- ich glaube, Du äuschest Dich über Dich selbst,
bemerkte sie -- Du grollst dem Freiherrn noch!
Nein! betheuerte er, wie könnte ich das, da ich meine
Flucht aus Europa schon zeitig als ein Glick fir mich erkennen
lernte? Hal sie allein mich doch zu der inneren und äußeren
Selbständigkeit gefihrt, die ich im Weisenlach'schen Hause und

----- - ZgG---
in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder -
doch weit später erst errungen haben würde! Muß ich Dir -
heute noch versichern, daß ich mit meinem Lebensgange und
Lebensloose ganz und gar zufrieden bin, weil sie mir fir alle
meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung,
fin all mein Wollen und Thun eine völlige Freiheit gewähren!
Wae huil das Lebenu uir beun vers gzl ? Wae kdmmnle i.h wümnschen,
das ich mir nicht zu erringen vermöchte? Oder was besizt Ne-
nakus, des Freiherrn Erbe, um das ich ihn zu beneiden hätte?
-- Uid vollends seii Duu mir gewis bisi, seil Dir, Du Geliebte,
zu Gute kommen soll, was ich schaffe und bin, figte er zärilich
hinzu, Davide in seine Arme schließend - was könnte ich noch
verlangen?
Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für über-
wunden. Der Unterschied, den Du zwischen einem Erzeuger
und einem Vater machst, widerstrebt meinem ganzen Empfinden,
sagte sie. Der Mensch hängt, wie ich es fihle, unzertrenbar
mit denen zusammen, denen er sein Dasein schuldet. Er kann
sich nicht denken, ohne an sie zu denken -- sie sind seine Vor-
aussezung. Und war es denn nicht ein Gefühl der brüderlichen
Zusammengehörigkeit, mit welchem Dui, Nenatus erkenend, ihm
trotz eigener Gefahr zu Hülfe eiltest?
Du irrst, Liebe! In jenem Augenblicke dachte ich gewiß
an nichts und an Niemanden weniger, als an irgend eine Ver-
wandtschaft mit dem Herrn von Arten! Ich eilte einem Ange-
grifenen, einem Kameraden zu Hülfe und erkannte in ihm den
jungen Freiherrn! Welchem Bedrängten hätte ich, hätte jeder
Andere nicht das Nämliche geihan?
Was aber kann Dich also zögern machen, den Auftrag
von Renatus anzunehmen und seinem bittenden Wunsche zu
entsprechen? Du würdest keinem Andern an seiner Stelle diesen
Dienst verweigern, wie mich dinkt!

== ZAF=
Nein, gewiß nicht, entgegneke ihr Paul, und das eben ist
es, was mich die Tage hier innerlich belästigt hat! Ich wiederhole
es mir, daß ich keinen ausreichenden Grund habe, mich dieses
Dienstes zu weigern, daß ich ihn dem Freiherrn wenigstens bis
zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann, ohne ihm
zu Vermukhungen über mich Ursache zu gelen, die jedes An-
halie eullehsren; um doch wollle ich, ich sände einien Anlast,
mich von dem Anspruche wie von der Leistuung zu befreien!
Paul stand auf, ging an das Fenster und hlicte eine Weile
schweigend hinaus. Da lrat Davide zu ihm, legte ihren Arm
in den seinigen und fragte: Besorgst Du denn irgend wekche
Unannehmlichkeiten fitr Dich, wen Du das Verlangen des
Barons erfitllst?
Paul besann sich. Einen eigentlichen Nachtheil für mich
befürchte ich nicht, gab er ihr zur Antwort. Aber, fügte er
hinzu, und die Frauen erkannten an seinem Tone, daß der
Unmuth in ihm rege wuurde, aber an Unannehmlichkeiten wiürde
es dabei für mich nicht fehlen; denn Ihr kennt meine Unlust
an allem halben Thun und meine Abneigung, mich mit den
Angelegenheiten einer Kaste zu befassen, welche sich schon durch
ihre blose Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und über
sie erhaben glaubt. Ihr wißt, ich habe die im Ganzen stets
kleinlichen Geschäfte, welche der Vater mit dem Adel des Landes
zu machen pflegte, nach und nach völlig von uns abgewiesen.
Sie sagten mir nicht zu, uud ich ziehe es ohnehin vor, mit
meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen!
Seba schwieg noch einen Augenblick, um seiner Stimmung
zum Ausllingen die Zeit lassen, daun sagte sie: Du tadelst uns,
und stets mit Recht, wenn Du uns in einem Vorurtheile be-
fangen findest. Ist Deine Abneigung gegen den Adel im All
gemeinen denn nicht auch ein Vorurtheil, wie jedes im Allge-
meinen über einen ganzen Stand gefällte Urthe:l?

- - L48--
Nein, versetzte Paul, uuud es überrascht mich, in Dir einen;
heimlichen Bundesgenossen des jungen Freiherrn, ja, eine Arti
von Vorliebe für den Adel zu entdecken, die ich, ich möchteß
sagen, in Deinem Tone mehr noch als in Deinen Worten
höre. Deine bittende, entschuldigende Stimme sprichk fiir sie,;
und... Er hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer-
Bitterkeit: Du weißt es, dünkt mich, es waren nicht die Herren
von Arien, die zuerst den Widerwillen gegen die Adelskaste in -
mein Herz gedrückt haben!
Ed ennlsland eine Pauuse; Seba war bleich geworden. Paul,
der sich nur selten zu einer Härte hinreisen ließ, besonders wo
diese einem geliebten Menschen schmerzlich werden konnte, bereute
seine Nebereilung auch sofori. Ud wie er eben jetzt von dem
Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegaugen war, versuchie
er nun, von diesem zu jenem seinen Niickweg zu finden.
Von einem wirklichen Vorurtheile, hob er an, kann, wie
mich dünkt, überhaupt nur da die Nede sein, wo es sich um
bloße Meinungen, um Vermuthungen, um unbeslinuie Abnei-
gungen, nicht aber, wo es sich um ganz entschiedene Thatsachen
und um sehr wesentliche Vorrechte handelt, welche noch in jedem
Augenblicke von einem bis jezt vielfach bevorzugten Theile der
Siaatsangehörigen gegen alle übrigen Staatsbürger geltend ge-
macht werden können. So lange ek noch Gesellschafien gibt,
die sich einem Büürgerlichen blos um seines Blutes willen ver-
schließen, Würden und Aemter, die man ihm aus gleichem
Grunde vorenthält, so lange die Heirath eines Edelmannes mit
der edelsten Tochter einer ehrenhaften büürgerlichen Familie, mag
des Adeligen Charakter noch so elend, sein Ruf noch so zwei-
felhaft sein, von seines Gleichen als eie Mißheirath angesehen
wird, die in gewissen Fällen der Staat als eine solche gesezlich
anzuerkennen nicht Bedenken trägt, jg, so lange selbst die Arbeit,
die ich ihue, der Handel, auf dem mein Wohlstand und mein

---- I1 --
Stolz, wie der ganze grosze Weltverlehr beruuhen, als ein dem
- ge
, eligeu nicht anstehendes Thun erachtet wind, so lange fühle
Jich mich nicht berufen, die Hand dazu zu bieien, daß diesen
alten Geschlechtern neben ihren ererbten Vorrecten auch ndch
ihr ererbler Besiz lroz ihreö osi hochmilhigen und uisiggän-
gerischen Leichlsinnes erhalten bleibe.
Der Stolz auf ihr Blut, vergiß das nichk, ist in ihnen
- oöllig unabhängig vozr ihrem Besize, wendele Seba ein.
Aber die Besizlosigkeit zwingt sie, sich in Arbeit uund Ge-
werbe aller Arl zu uns z gesellen und damit ihren Ansprüchen
auf eine Auiahmestelluig so nolhwendig zu enisagen, als sie
genöthigt gewesen sind, aus ihren einsamen B rgen und Raub-
nesteru in die Städle und in das flache Land hinunt. zu zehen.
Ausnahmestellungen verschlechtern den, der sie inne hat, woie sie
auch jeemn zu nahe ireken, gegen den sie sich richten.
Willst Du es geflissentlich verkennen, fragt: Seba, deren
hoher Sinn es sich zur Afgabe gemacht hatte, s-lbst da gerecht
und mild zu sein, wo sie amn meisten Anlaß zur Sirenge und
fzur Verdammung hatte, willst Du es verkennen, daß die letzten
,s-
J-=-zehnde viel, sehr viel in jenen Zuuständen geändert haben,
zderen Du gedenkst? Haben wir uns nicht lange vor den Frei-
heitskriegen in dem gemeinsamen Bestreben, fir die Erhebu.g
Ides Vaterlandes zu wirlen, ... Personen a =eände, mit
D.-- i
siis
Fden Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender Be-
geisterung und Einigleit zusanmengefunden? Habt ihr nicht
PWsss---
g---- an Mann in Reihe und Glied gestanden, der Bürger
Fwie der Edelmann?
; a-- entgegnete Paul, und es ging ein disterer Schatten
N,-
über seine festen, ernsten Zige, za, so lange Noth am Manne
-war, so lange der Mann seinen Man zu stehen = und
s.,-ffo s
man die Landwehr brauchte, sich des Feindes zu erwehren! -
Er hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne. Dann sprach
- er mil erusten Gewichle Die S;aute Zeil, die seiideni ver-

--- Z0--
flofsen, ist kurz geng; aber bticke um Dich und frage heute,
nach, und- Dn wirst erfahren, was Dich nicht erfreut! Wo iß
die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben, die zur Zeit deH
Tugendbundes ohne Dich kaunt leben zu können behauptetek
Wo zeigt sich noch die große Verehrung, welche Hildegard für,
Dich hatte? Seit der Freiherr von Arten ihnen ein Asyl in'
seinem Schlosse angeboten hat, seit die alte Ordnung der Dinge
wieder hergestellt, ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden,
und von Hildegard's Verehrung isl auch nichls mehr zu hören.
Und vollends nun im Heere! Wir Landwehrmänner sind, wie,
es sich gebührt, zu unserem Herde, zu unserer Arbeit, zu einer,
schaßenden Thätigkeit zurücgekehrt. Die Wunden, welche der,
Krieg dem Lande geschlagen, verlangen ihre Heilung. Die Junker,
aber stehen und bleiben in der Armee nach wie vor, auch ims
tiefsten Frieden, in Neihe und Glied beisammen, und schon jz?
wieder fühlen sie sich als die alte Kaste. Nur noch eine kleine!
Geduld, und sie werden es vergessen haben, dasß es nicht eine,,
daß es sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist, welche das'
Joch der Fremdherrschaft von uns genommen hat, sondern daß
der König seinen Thkon und wir unsere Befreiung der großen,'
ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben, der sich
mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf ge-
stürzt und geholfen hat, ihn glorreich auszufechten.
Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf
und nieder. Da gesellte sich Davide abermals zu ihm, und
ihren Arm wieder in den seinigen legend, fragte sie: Du bißf
also entschlossen, das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen?
aa. denn es ist sicherlich das Klügste, was ich thun kann.
Die beiden Frauen schwiegen; aber Paul konnte bemerken,
daß es ihm dieses Mal nicht gelungen war, sie zu seiner Mei-!
nung hinüberzuziehen, und er wollte eben das Gemach verlassen,
um dem Freiherrn zu melden, daß er dessen Wünschen nichts
entsprechen könne, als Seba ihn mit der Bitie anging, ihr zuj

===e Jpe,F ., -=-=
s Liebe von seinem Vorsatze abzustehen. Sie behauptete, man
ßdürfe im besonderen Falle, und er dürfe gerade in diesem be-
Isonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten lassen, was man
, gegen die Gesammtheit, welcher jener zufällig augehöre, einzu-
zwenden habe. Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne, habe
vielmehr die sittliche Aufgabe, die weniger Freien so viel als
; möglich an sich heranzuziehen, um ihnen den Weg zu richtigeren
-Anschauungen zu eröffnen; und als Paul daraus den Einwand
machte, dasß ihre Gite sie zu falschen Schlissen und Urtheilen
, verleite, erklärte sie, daß, wie sie auch irren möge, sie sich doch
F don dem guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen
FFreiherrn völlig überzeugt halte. Schon daß Renatus sich eben
Fan Paul wende, verbürge ihr, wie die Erfahrungen der letzten
FJahre für Renatus Frucht getragen hätten. Es könne ihm ja
fin seiner Familie, unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen
fehlen, die ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht an-
siehen würden. Wenn er trotzdem es eben Paul zu übertragen
wünsche, dessen Abstammung von dem verstorbenen Freiherrn
FFranz für Nenatus kein Geheimniß sei, wenn er einen Bürger-
?lichen, dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne,
- wenn er endlich einen Kaufmann zum Berather und Vertrauens-
Imanne der Familie zu machen sich entschließe, von dessen weit-
Fgreifender Thätigkeit, von dessen energischer Handlungsweise er
Fvielfach durch sie selber habe sprechen hören, so leiste dieses alles
kdafür Bürgschaft, daß Renatus von der gegenwärtigen Zeit und
fvon dem, was ihm selber Noth thue, mehr, weit mehr begriffen
zhabe, als Paul anzunehmen scheine. Sie wiederholte darauf
ihre Bitte mit dem Zusaze, daß Paul nach ihrem Empfinden
Jein entschiedenes Unrecht thun würde, einen Nath- und Beistand-
Fuchenden, der, Paul möge sagen, was er wolle, doch immer
Jseines Vaters Sohn, sein Halbbruder sei, ohne alle bestimmten
-Gründe von sich zu stoßen; und als hätte sie in des jungen
zEdelmannes Seele gelesen, bemerkte sie, wie es vielleicht gerade

chr ez
diese Zusammengehörigkeit, wie es wohl das Zuutrauen zu dens
Sohne seines Vaters sein möge, welches Renatus zu Paul hinF
geführt habe und ihn seine Hoffnung auf denselben setzen lasse
Aber gerade diese lezte Muthmafung fand vor dem Ver
stande Paul's nicht Gnade. Ic begehre eines solchen ererbten;
und auf keine vernünftigen Gründe zurückzuleitenden Vertrauen?
nicht, am wenigsten, wo ich's nicht theile! versetzte er kurz.
Als dann aber auch Davide in ihn drang, den Bitien der'
Cousine nachzugeben, als sie ihm versicherte, daß es sie glüclichs
machen und daß sie stolz darauf, sein würde, wenn er dec
Arten'schen Familie mit großmüthiger Freiheit des Sinnes beiF
stehen wolle, wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen
Anlasse um seiner hilfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe
sagte er: Alle Eure Vorstellngen beweisen mir nur, daß auchs
in Euch die in Europa leider noch so verbreitete VoreingenomF
menheit für die alten Familien und die alten Namen tieferß
wurzelt, als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu verZ
muthen Ursache hatte. Aber sei es drum; vielleicht erhaltet Ihk
einen nenen Beitrag zur Menschenkemntniß und zur Kenntnißs
des Adels, der Euch aufklärt! Ihr sollt Euren Willen habenß
Und es wird nicht an mir liegen, wenn sich Dein Begehren,
liebe Seba, daß ich dem Sohne Deiner Freundin nüzlich werden'
möchte, nicht erfi:llt, wie Du es wünschest!
Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er sie. Aber noch,
in derselben Stunde schrieb er dem jungen Freüerrn, daß ers
bereit sei, sich der Oberaufsicht über seine Agelegenheiten und,
wenn die gerichtlichen Schritte deshalb gethan sein wüürden, auch,
der Vormundschaft iber den Knaben Valerio bis zu RenatuK
Rückkehr zu unterziehen. Doch werde es ihm, im Hinblicke auß
die eigenen, ihn vollauf in Anspruch nehmenden Geschäfte, sshg
erwünscht sein, die Heimlehr des Freiherrn nicht in zu ferns
Zeit hinausgeschoben zu sehen.
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