Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 19

Achtes Capitel.
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,aer Herbst, welcher im Norden sich nr selten und nie
anf lange Zeit als ein freundlicher Vermitiler zwischen dem
Sommer und dem Winter zeigt, enklehnt i den glicklicheren
Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme, dem Winter seine
Klarheit, und niemals hatte er schöner und bestiindiger auf die
Frde und auuf das ohnehin so freundliche Pari hinabgeblickt,
als in dem warmen, schönen Jahre von achtzehnhundert und
Febzehn.
z. Die Blätier waren bereits lange von den Bäumen abge-
Fallen, die Sonne ging schon frih zur Nuhe, aber die Mitiage
waren noch hell und warm wie in der besten Jahreszeit, und
die Herzogin machie noch alltäglich ihre Fahrien in das Freie,
, obschon eine gewisje Veränderung mit ihr vorgzegangen war.
-Ncht das; ihre Körperkräfte abgenommen hätien. Sie war immer
noch um die gewohnten Siunden sichtbar, schrieb Briefe, empfing
»Besuche, fuhr zu den kleinen Zirkeln des Königs an den Hof;
aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte, sic genauer zu beob-
achten, dem konnihe es nicht entgehen, daß sie nicht mehr die
olle Herrschaft über sich besaß, daß es ihr oft schwer fiel, den
Anschein der gleichmäßigen Ruhe zu behaupten, die sonst nie
on ihr gewichen war, und daß irgend etwas sie innerlich auf-
hege und ungeduldig mache.
? Troz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit, mit welcher sie
Eleonoren begegnete, deren zuriückweisende Käste sich beständig

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gleich blieb, sah Renatus es, wie unablässig die Herzogin ihre
Nichte beobachtete, und so oft die Letztere mit ihm im Beson-
deren gesprochen hatte, muste er sich auf irgend welche Erör-
terungen und Fragen gefaßt halten, die sich stets auf Eleonoren
bezogen und denen zu stehen seinem Ehrgefihle allmählich so
lästig ward, das: er trotz des Wohlgefallens, welcheö er an der
Gesellschast der Herzogin hegle, sich osimals verschi fihlie, auf
ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten. So oft er es jedoch
am Abende unerfreulich gefunden hatte, zwischen den beiden ein-
ander mißtrauenden Frauenzimmern zu leben, und so oft er es
sich vorgenommen hatte, am andern Morgen der Herzogin z
sagen, daß sein Dienst ihn nöihige, ihr Hauus zu verlassen und
eine Wohnung in der Nhe seines Chefs zu suchen, so fehlte
ihm, wenn er das Wort aussprechen sollte, der Muth dazu.
Volle zwei Jahre hatte er jezt im Hause seiner Beschützerin
gelebt, und es lag in den äußerlich ruhigen und glatten Le-
bensgewohnheiten dieses Hauses etwas Verführerisches, etwas, -
das ihm die Seele einspann und gefangen nahm. Er konnte
sich es gar nicht mehr denken, daß er nicht morgen oder über-;
morgen und heute eben so wie gestern diese breite und gelinde ,
Treppe hinabsteigen, daß er morgen die Herzogin nicht bei guter-
Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer anmuthigen .
Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am Hofe
besprechen oder sie von den Zeiten erzählen hören werde, in -
denen man seines Lebens anders und besser froh zu werden
verstanden habe, als jezt.
Wenn er erwachte, fragte er sich Wie wird die Gräfin
heute auösehen? Was wird sie heute vorhaben und unternehmen?
Wenn er in die Gemächer der Herzogin irat, suchte sein Auge
Eleonoren, uund es laiu ihmn vor, als begiunne sein eigeniliches
Tagewerk mit der Minute, in welcher er ihrer ansichtig ward, -
in welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer

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Gestalt und ihres Antlizes ergingen. Sein militärischer Dienst
ward ihm jetzt lästig. Der Umgang mit seinen männlichen
Altersgenossen, alles, was ihn bei dem ersten Eintritte in Paris
und in diese Gesellschaft gefesselt hatte, dimkte ihm nicht mehr
wichlig, nichi mehr reizend, wenn es ihn von Hause fern hielt.
Eleonore zu betrachten, zu sehen, wie die verschiedenen Gemiths-
beweguungen sich in ihrem Angesichle malten, zu errathen, was
sie denke, sich vorzustellen, was sie sagen werde, ßch zu freuen,
wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatie und er sich also
rihmen duurfte, daß er sich in lebereinstimmung mit ihr be-
funden habe, das waren ihm Genüsse und Freuden, gegen welche
alles Andere fir ihn verblaßte.
Er merkte es nicht, daß wieder ein Sommer entschwunden
war, daß wieder ein Herbst vorüberging und der Winter seine
-Herrschaft geltend machte. Er lebte wie in einer besonderen
Welt, wie unter dem Einflusse eines Zaubers; und so groß
war die Gewalt desselben, daß er sich über den Zustand ger
, nicht wunderte, in welchem er sich befand, sontern, daß er ihm
,als der natürliche, als der einzig mögliche erschien. Er war
sheiter und es war ihm wohl. Das war allek, was er fühlte,
was er dachte, wenn nicht Briefe aus der Heimath ihn in seinem
,Frieden stören kamen.
Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf, ihn zu ver-
füze. Er war es gewohnt worden, daß sie ihuer Tante kalt
begegnete. Der Stolz, die Herbigkeit paßten so volkkommen zu
ihrer eigenartigen Schönheit, und er selber hatte ja seit der
,Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen
dürfen. Wie ihu: ihre Weise, so war auch der Gräsin seine
Gesellschaft mit der Zeit lieb und vertraut geworden. Sie
fragic ihn u die Sinden, welche sein Dies beanspruchie,
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sie ihn immer, auch in der bewegtesten Gesellschaft, mit Veö-
gnüügen in ihre Nhe kommen sah, ud wie eine Fiirstin gestand F
sie sich das Necht zu, steis iber ihn zu verfigen, sei es, daßF
sie ihn aufforderte, sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu be-F
gleiten, oder daß sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte,!
für welche sie ihn bei einem bevorstehenden Feste zu ihrem F
Partner zu haben wimschte. Selbst über seine Anhänglichkeiij
an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm, weil seine Auf-
merksamkeit fir die Greisin sie mancher Verpflichtungen und
jener lindlichen Dieuslleisiugen euihob, dene sie sich immer
l
nur widerstrebend unterzogen hatie.
Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmamne
ihre Gunst zugewendet, der Abb war ihr darin zuvorgekommen,(
und es hatie sich zwischen diesen drei, einander durch ihre Le-!
benslage so unähnlichen Personen eine Freundschaft herausge-s
bildet, welche Niemandem eniging und welche die ungeduldige Aus-P
regung der Herzogin veranlaste. Denn diese Freundschaft konnte?
ihr, darüber täuschte sie sich nicht, so gefährlich als nützlich werden,
konnte ihren Planen dienen oder sie durchkrenzen, und die Fäden,j
durch welche diese drei Menschen zusaumenhingen, waren so F
eigenthümlich verschlungen, berührten die Wünsche der Herzogin
so manigfach, daß sie Anstand nahm, Hand daran zu legen,?
während sie es für nöihig hielt, beständig ihr Auge auf dio-
z
selben gerichtet zu halten.
Seit ihre Nichte herangewachsen, war die Verbindung der-?
selben mit dem Prinzen Polydor der vorherrschende Gedankej
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gesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen, das er die Bekehrung?
Eleonorens, welche ohnehin dem strenggläubigen und äußerst!
kirchlichen Hofe ejn wohlgefälliges Ereigniß sein musßte, unter!
nehmen möge. Sie hatie sich dabei sorgfältig gehitet, es dem?

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Abbö zu vertrauen, welche Hoffnungen sie auf Eleonorens Ueber-
tritt zur katholischen Kirche baue, und der gewandie Weltmann
hatie zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen, um
errathen zu lassen, daß ihm klar sei, was man ihm zu ver-
bergen noch fiir angemessen fand. Nur von Eleonorens Seelen-
heil war zwischen ihm und der Herzogin die Nede gewesen,
nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgniß
ausgesprochen, dasß ihr und des Abb's Einflus; auf Eleonore
sich noihwendig jetzt verringern dirfte, da Eleonore mit ihrem
lezien Gebnrlsisiage ihre gesezliche Volljährigleit erreicht habe,
nach welcher eö allein von ihrem Ermessen abling, ob sie noch
in Frankreich, ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben, oder
dasselbe verlassen wolle, um ihren Wohnsiz in ihrem englischen
Siammschlosse oder wo sonst immer aufzusclagen.
.ndeß der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres
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achtzehnhundert und siebzehn vorübergegangen, und die Gräfin,
welche diesen Tag sonst so lebhaft herbeigesehnt hatte, verweilte
noch in Frankreich, verweilte noch im Palast Duras. Sie
schien jetzt den Aufenthalt in demselben nicht mehr so drückend
zu finden, als sonst. Aber wie sehr die Harzogin auch gewüünscht
hätte, vermochte sie dennoch nicht, diese Sinnesänderung auf
,ihre Rechnung zu schreiben oder als eine ihren Absichten gün-
stige zu deuten. Selbst ein weniger scharfes Auge und eine
Frau, die weniger herzenskundig gewesen wäre, als sie, konnte
sich nicht darüber täuschen, was Eleonore in ihrem Hause fest-
zlst
,o-, und doch konnte sie troz der Besorgnisse, welche sie er-
ßfüllten, gar nichts thun, dieselben zu vermindern. Sie hatte
Fsich selbst die Hände gebunden und sich mit gebundenen Händen
an eine Kraft und an eine Energie überantwortet, welche die
Ihrige um ein Großes übertrafen.
Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu
Imachen versuchie, daß deren Gesinnuungen iu Bezug auf die
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1l.
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katholische Kirche und ihr Mißtrauen gegen den katholischen;
Klerus sich wesentlich geändert hätten, so entgegnete Eleonorel
ihr, daß sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisses
festhalte. Sie versicherte, das: zwischen ihr und dem Abbe von'
religiösen oder gar von kirchlichen Fragen äusßerst selten die Nede
sei und daß sie keinen Anlas; habe, von dem Klerus, dessen'
T huun und Treiben ihhr verdüichlig und unheilvnll erscheiue, eine
bessere Meinung zu fassen, wel ihr das seltene Gliick zu Theil
geworden sei, unter demselben einem Manne zu begegnen, dessen
liese Bilduug und Gelehhrsauleii sie sördere, und dessen weiter,
freier Blick sich über die engen Schranken zu erheben wisse, in
welche der Beruf, den er vielleicht zu frühzeitig und ohne genaue
Kenntniß seiner eigenen Begabung und Natur erwählt habe, ihn
zu bannen strebe. Rühmte man in Eleonorens Beisein, wie
man es überhaupt zu thun gewohnt war, die strengen Gesin-
nungen und den kirchlichen Eifer des AbbI, so schien seine junge
Anhängerin dies nicht zu hören, und die Herzogin, der nichts
entging, hatie es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenom-
men. wie der schnelle und leuchtende Blick ihrer Nichie dann
das Auge des Geistlichen suchte und von ihm mit einem ver-
ständnißvollen Lächeln begriüßt und aufgenommen wurde.
Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl, wie sie den
Abbe hochschätze und verehre. Sie rühmte es von ihm und
auch von sich, daß die vöslige Verschiedenheit ihrer religidsen-
Ueberzeugungen, daß die Ungleichheit ihres Alters und ihrer
Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe, Freunde zu werden,
weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere
seien; und wenn die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab,
wie eine solche Freundschaft ihre Gefahren für beide Theile habe,
so anlvoriele die Grhsin mii der Enschiedenheil, welche ihr an-
geboren und in den letzten Jahren unter der Leitung ihres
neuen Freundes noch sehr gewachsen war: sie zweifle nicht, daß

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eine solche Erinnerung füür die meisten Fälle sehr berechtigt wäre;
sie aber kenne den Abbe, und dieser kenne sne. Man möge sie
gewähren lassen, went man sie nicht zwingen wolle, sich durch
eine lebersiedelung in ihre Heimath jeder lästigen Beeinflussung
fiür immer zu entziehen und ihre Freunde, den:i auch Herr von
Artenu sei ihr ein werther Freuund geworden, in der ihr wiün-
schensventlsen Ulnalhsängzigleii uid Freilsei! in Haughlon Caslle
zu empfangen.
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ae länger diese Verhältnisse bestanden, um so beunruhigen-
der wuurdenn sie siir die Herzogin. Sie uuuszte sich sagen, daß
ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem Hause lebe, weil sie vor-
aussehe, daß der Abbä sich n., leicht entschliejzen würde, den
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Hof zu verlassen und auf die Vortßeile zu verzichten, welche
die stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine
Kirche hoffen liesß. Wollte die Herzogin ihre alten Plane ngch
zur Ausfihrung bringen, so mußte sie jezt mehr als jemals
darauf denken, den Abb- selber zu ihrem Werkzeuge zu machen.
Dieses zu ermöglichen, gab es aber nur noch Einen Weg, und
sie beschloß, ihn einzuschlagen.
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