Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 20

Neunteä Capitel.
Aae Lelen a Hofe haite seil ber Nickkehhr der Bouurbonen
eine völlige Umwandlung erlitten. Die körperliche Unbehilflichkeit
des Königs und die mannigfachen Beschwerden, welche ihn im
Winter heimzusuchen pflegten, hatten ihn einer spät dauernden
Geselligkeit abhold und die großen Feste in seiner persönlichen
Hofhaltung allmählich seltener gemacht.
, Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener Junger Leute,
welche versäumte Freuden nachzuholen haben! konnte man den
König, wenn er sich leidlich wohl und in guter Stimmumg befand,
bisyeilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge äußern hören;
aber es schienen vorziglich die Freuden der Tafel zu sein, welche
der König damit meinte, und wer Gelegenheit hatte, ihn bei
denselben zu beobachten, konnte sich versucht fihlen, seine Be-
hauptung wahr zu finden, obschon es fast lauler Greise und
Matronen waren, welche die Tafelrunde des alten Königs
bildeten.
Eines Abends, als man sich im kleinen Speisesaale von der
Mahlzeit erhoben und sich in das angrenzende Gemach begeben
hatte, in welchem man den Kaffee einzunehmen pflegte, schien
der König, der eben in der lezten Zeit viel von sder Gicht zu
leiden gehabt hatte, sich schmerzensfrei zu fühlen und deßhalb
besonders gut gestimmt zu sein. Die Lakaien, welche ihn in
seinem Rollsessel aus dem Speisesaale an den Kamin des Neben-
zimmers gefahren hatten, waren zurückgetreten und die dienst-

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thuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe, um diejenigen
Personen, denen der König die Gnade seinner Unterhaltung an-
gedeihen lassen wollte, sofort herbeizurufen.
Schon hatte der König Diesen und Jeen zu sich enthoten,
und noch immer stand die Herzogin, der Astrengung solches
Dienstes von frühe her gewohnt, fest und aufrecht da, als ob
die Last der Jahre sie nicht beugen, als ob keine körperliche
Schwäche sie anfechien löuene, weun die Gadensonne der Mafestät
sie anstrahle und erwärme. Sie kannte die Weise des Königs,
sich zuerst diejenigen Personen vorführen zu lassen, welche er mit
wenig Worten abzufertigen gedachte, um sich dann in behaglichem
Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit seinen Günst-
lingen zu ergehen. Einen nach dem Andern sah die Herzogin
vortreten und entlassen, ohne daß ihr feines Lächeln von ihren
schmalen Lippen wich, ohne daß ihre welke Hand den Fäicher
auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte, als die schöne
Form es erheischte, oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre.
Endlich ertheilie der König selber mit einer auffordernden
Frage ihr die Erlaubniß, sich ihm zu nahen, und auf ein leises
Zeichen schob der dienstthuende Edelmann ihr das Tabouret
herbei, das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der Ehrgeiz
und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war.
Würdevoll, wie es ihrem Range, wie es ihrem Alter ziemte,
und doch mit einer Leichtigkeit, welche es kund gab, daß es hier
nicht auf ein langes Verweilen abgesehen sei, hatie die Herzogin
das ihr zustehende Tabouret eingenommen. Der König fragte
gnädig nach ihrem Ergehen, aber noch ehe sie ihm darauf die
Antwort geben können, nannte er jene Frage selber eine müßige.
Man braucht Sie nur zu sehen, sagte er, um sich zu über-
zeugen, wie sehr Sie Sich getreu geblieben sind. Immer noch
unwiderstehlich in Ihrer Liebenswütrdigkeit, wissen Sie der Zeit
zu widersiehen, wie Sie einst den Huldigungen der Männer

-- LL---
widerstanden haben. Die Unwiderstehlichkeit ist erblich unter z
den Frauen Ihres Hauses, das thut uns Ihre schöne Nichte dar. j
Die Herzogin nahm die Gnade des Königs, wie es sich?
zebührte, auf, und sie war selbst zu sehr eine Künstlerin in der,
Anterhaltung, um nicht wirklich eine Freude an der epigramma- F
ischen Form zu haben, in welcher der König sich ausgedrücktZ
hatte. Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungenj
erging, vergaß sie es nicht, seufzend hinzuzufiigen, daß es Fä-j
P;?f =- -- ==»=- ==i
z
Ich hoffe, das: Sie zuu diesen Gaben nicht die Schönheit,j
nicht die ewig jugendliche Anmuth des Geistes zählen, warnte!
sie der König. Bedenken Sie, das; es nicht sißer ist, die Schön
heit zu besiegen, als sich von ihrer Macht besiegt zu fühlen! I
Wie schön! rief die Herzogin, indem sie beistimmend ihr(
Hauyt neigte. Man musg wie Eure Majestät, die klassische Bil-?
dung mit französischem Geiste einen, um diese Wendungen zu?
finden! Aber, fügte sie seufzeng hinzn, wenn Schönheii ohne ?
TU- -
Oh, rief der König, den diese Weise der Unterhaltung.j
wie sie in den Tagen seiner Juugend Mode gewesen war, immer?
noch erheiterte, weil er sich in ihr jung erschien und sich seiner
mannigfachen geselligen Vorziige angenehm bewußt ward, eine
solche Schönheit ohne Gnade wüürde auch vor unseren Augen -
keine Gnade finden! Aber ich fürchte, es ist mehr als ein?
allgemeiner Saz, den Sie hier ausgesprochen haben, und ichs
errathe, wer die schöne Unerbittliche ist, an die Sie dabei!
dachten.
Niemand als der König konnte die Antwort der Herzogin
vernehmen, Niemand hörte, was er ihr entgegnete; aber Aller'
Augen waren auf sie gerichtet, denn die Unterredung währte'

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- -- auD - --
noch eine Weile fort, und keinem von allen seinen Gästen hatte
der König ein so langes Zwiegespräch gegönt.
Wovon konten sie sprechen? Weßhalb lächelte der König
, so anmuthig? Woher glänzten die Augen der Herzogin in einem
Feuer, das ihrer Jahre spotiete, als sie sich endlich von ihrem
Size erhob und dem Könige mit tiefer Verbeugung, welche kunst-
reich zu machen Niemand besser als sie verstand, ihren heißen
Daik aussprach? -
Der König lies; sich langsam durch den Saal fahren, um
jedem der Auwesenden, die jezt, wie es sich gebüührte, wieder im
Kreise umherstanden, ein Wort zu sagen. Als die Reihe an die
Herzogiu kam, lächelte er wieder eben so freundlich, als vorhin,
und so laut, daß es Keinem entgehen konnte, sprach er: Ver-
lassen Sie Sich auf mich! Ich macheIhre Sache zu der meinigen;
verlassen Sie Sich auf mich!
Dann trat der Ober -Ceremonien -Meistrr oor, der König
winkte den Amwesenden mit einer Neigung des Hauptes und der
Hand seinen Abschiedsgrns: zu, und langsam den Rollsessel fort-
bewegend, fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die
lange Reihe der Gemächer nach seinen Wohnzimmern, während
- die besondere Gnade, deren die Herzogin genoß, und die geheim-
nißvollen Worte, welche er ihr zugerufen hatte und die auf ein
völliges Einverständniß schließen ließen, die Hofleute sammt und
sonders in Aufregung und Verwirrung setzten.
Die wundersansten Vermuthungen wurden ausgesprochen
und fanden Glauben. Daß die Herzogin durch die Gnade des
Z Königs, ohne all ihr Zuthun, wieder in den Besiz von Vau-
? dricourt gekommen war, und daß der König ihr zugesagt hatte,
, sobald er im Stande sein werde, die Reise durch die Provinzen
anzutreten, in Vaudricourt bei ihr zu rasten, das hatte schon
; lange festgestanden; aber man hatte kein sonderliches Gewicht
darauf gelegt, da man wußte, daß der König zwar von Reisen

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sprach, daß er aber ihre Unlequemlichleit scheute. Was also
hatte er ihr verheißen? Was hatte sie begehren können? Was
konnte ihr so sehr am Herzen liegen, daß sie Seine Mafestät
damit zu behelligen wagte?
Persönlicher Ehrgeiz lonnie die hochbelagie Frau nicht an-
treiben, dem Könige beschwerlic zu fallen; wo jedoch Viele sich
zu gleichem Zwwecke vereinen, brauchl man an dem Erfolge nicht
zu verzweisel, und noch huullen die lezlen Gäste des Kdnigs
das Schlos; der Tuuilerieen nichi verlassen, als der dienstthuende
Kammerherr sich erinnerte, wie Seine Majestät zu Anfang jener
Unierredung von einer unlesieglichen Schönhei! gesprochen habe;
und man kannte den unternehmenden Geisi der Herzogin genugsam,
um ihr ein Wagniß zuzutrauen, wenn sie nur durch ein solches
an ihr Ziel gelangen konnte. Von Muind zu Mund sprach sich
die leberzeuguung aus, das; der König es der Herzogin zugesagt
hahe, den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Gräfin
Hauughton zu machen, und als an einem der folgenden Tage der
König einen jener Tagbälle ansagen liesß, welche unter seiner Herr-
schaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden, brachte man denselben
mit dem Ereignisse in Verbindung, das den ganzen Hof be-
schäftigte und von dem man selbst in den stillen Sälen des
erzbischöflichen Palastes reden hören konnte.
Es war gegen den Abend hin, als der Abbe im Vorsaale
des Erzbischofs auf den Augenblick wartete, in welchem er den
Zutritt zu demselben erhalten konute. Ein eigenes Handbillet
des Kirchenfinesten hatte ihn aufgefordert, sich bei ihm einzustellen,
und ruhig, wie seine ganze Haltung es immer war, saß der
Abbe an einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine
des Tages in seinem Brevier.
Eine Vierielstuunde mochle so hingegangen sein, als ein
Ordensgeisilicher das Empfangszimer Seiner Eminenz verließ

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und der Kammerdiener dem Abb0 die Kunde brachte, daß er
jetzt erwartet werde.
Es ist lange her, Herr Abbe, redete der Erzbischof ihn an,
daß ich Sie nicht bei mir gesehen habe, und ich hatte Ihcen
Besich seit einiger Zeil erwartel, weil ich eine Nachricht von
Ihnen zu erhalien hossle, an welcher man nichi allein ron
unserer Seiie Theil ßnimmt. Sie haben, ich weis; es, gestern
wieder die Gade gewossen, von Seiner Mafestät im Besonderen
empfangen zu werden. Wovon hat Seine Majestät zu Ihnen
gesprochen?
Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren. Das
Licht einer von der Decke herabhängenden doppelarmigen Lampe
beleuchtete seine hohe Stirn und ließ jeden seiner feinen und
scharfen Züge erkennen, wie er in seinem hochlehnigen Sessel
fest und aufrecht da saß, während seine Hand, an welcher der
Fischerring erglänzte, auf der breiten Seitenlehne ruhte. Auf
dem Tische vor ihm lagen Briefschaften, Papiere, Akten, euc-
ez
schriften und Bicher aller Art, theils in Pcken sorgfältig ge-
sondert, kheils zur Unterzeichnung vorgelegt und ausgebreitet.
-Es war ein edler Naum, einfach und doch fürstlich ausgestattet.
Der Abbe war in demselben wohl zu Hause.
Als sein Auge über den Schreibtisch des Erzbischofs hin-
-glitt, entdeckte sein sicherer Blick troz dieser Schnelle auf einem
der Briefe, die zur Rechten des Erzbischofs lagen, eine schöne,
freie weibliche Handschrift, die ihm sehr genau bekannt war und
die hier zu sehen ihn, wie gut er sich auch zu beherrschen gelernt
hatte, doch erschreckte.
Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann, hob er,
sich schnell fassend, an, von mir Askuuft über die philologischen
Fragen zu erhalien, mil denen SeinefMajestät sich hzu beschäftigen
geruhlen, so dars ich wohl ohne Weiteres berichten, daß Seine
Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäussert haben, die mir,

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wie ich vermuthe, die Ehre zugewendet hat, heute von EurF
Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden.
Sie haben das Richtige gefunden, Herr Abbä, sprach de
Erzbischof mit einer kaum merklichen Neigung seines HauptesF
Dann wies er den Abbä an, sich zu sezen, und sagte: Es sind
jezi drei Jahre her, das: die Fran Herzogin von Duras gegen
mich das naküirliche und fromme Verlangen äußerte, ihre NichteI
die eizige ihr lebende Blutsverwwandle, zu unserer Kirche zurücF
R ?d
die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer Nicht,
katholikin zu betreiben, so war ich es doch wohl zufrieden, als
sie das fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte,
zu dem wir selber uns des Besten versehen zu können meinten.?
Woran liegt es, das; die Gräfin Haughton sich noch immer denh
ihr zugedachten Segnungen entzicht?
Der Abb« schwieg einen Augenblick. dann sagte er: Aes
Frage, welche Eure Eminenz mir vorlegen, und die Art, ins
welcher Sie mir dieselbe vorlegen, beweist mir, daß Sie nichtj
an meinem Eifer zweifeln, und macht es mir möglich, mich einfachs
zu erkären. Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung, Ehenj
zu stiften, einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einerz
Protestantin hintrieb, so hindert ihr Verlangen, die Gräfinj
Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu vermählen, denj
ebertritt derselben. Hätte die Frau Herzogin die Klugheit uud!
R M
wir wünschen und für das Seelenheil der Gräfin hoffen müssen.!
Der Erzbischof ließ die Antwort gelten.
Sie wissen, daß Seine Majestät sich für die gedachte?
Heirath ausgesprochen hai ? sagle er.
Seine Mafestät haben, wie ich vorhin die Ehre hatie Eurer

-- 6? --
zEminenz zu sagen, die Gnade gehabt, sich auch gegen mich dahin
Izu äußern.
Was haben Sie darauf geantwortet?
Der Abbe richtete sich hoch auf, und mit einem Tone,
dessen Festigkeit sehr gegen die Unterordnung abstach, die er bis
Aahiu gegen seinen Vorgesetzten lund gegeben halte, sprach er:
Ich habe geantvortet, was meine Pflicht und mein Gewissen
mir geboten. Ich habe geantwortet, daß ich die Bekehrung der
-hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene
heilige Aufgabe betrachte, das: ich mit allen meinen Kräften
danach strebe, ihrem Aige das Licht der Wahrheit, ihrer Secle
die Giade zuzufiihren, aber das; ich meine Hand nicht dazu
bieten könne, die Gräfin in ein Eheband zu verstricken, das durch
die Nähe ihrer Bltsverwandtschaft mit dem Prinzen ein ver-
botenes, das in den Augen unserer Kirche ein Jncest ist.
, Es entstand eine Pause; der Erzbischof befand sich in einer
unangenehmen Verlegenheit, und er wußte, daß sein Untergebener
kug und umsichtig geng war, die schwierige Lage vollauf er-
;messen zu haben, in welche er ihn mit dieser Wendung der
JAngelegenheit versetzt hatte.
Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es
zu loben, wenn ein Diener der Kirche das Gebot derselben über
Fden Willen des Staatsoberhauptes stellte. Er sah es auch nicht
Eungern, wenn der König dieser Glaubenstreue oder diesem
Ihierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete, und doch hatte
- man zugleich allen Grund, die besonderen Wünsche und Mei-
nungen des Königs zu schonen und sie zu fördern, weil er
-seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte großmüüthig und
ergeben zeigte.
Wer nöthigte Sie, zu wissen, was man der Welt ge-
flissentlich verborgen hal? fragte endlich der Erzbischof, die
mildeste Form erwählend, in welcher er seine Ansicht von der

=- ZöZ--
Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweisss
des Abb8s zu äußern vermochte.
Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf. und meinj
Gewissen ließ mein Gedächtniß nicht zum Schweigen bringen,!
entgegnete der Abbs.
Der Erzbischof hatie sich erhoben, der Abbe war seinemF
Beispiele gefolgt. Sie standen einander gegeniber, beide hoch!
aufgerichtet, beide voll festen Willens, voll verschwiegener Ent-j
schlossenheit sich gegenseilig beobachtend, und beide mit dem Ve-(
wußtsein, wie sie, bei der wuundervoll berechneken Gliederung undF
Einrichtung der hierarchischen Herrschaft, Einer in des Andernß
Schicksal einzugreifen, Einer des Andern Zukunft zu fördern?
s
oder zu beeinträchtigen vermochten.
Genießen Sie das Verirauen der Gräsin? erlundigte sich ;
der Greis.
s
I ausgedehntesien Masie, gab der Abbe zur Antwori, -
und sein Ton und seine Haltung nahmen wieder die frühere
z
Unterwürfigkeit an.
Hoffen Sie, die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugenI
zu können?
Mik Gottes Hüülfe zuversichtlich.
Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen?
Der Abbs schien nachzudenken, dann sagte er: Es steht bei!
Maa =
Sprechen Sie das Wort aus, und ich werde ohne Murren gehen,?
und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen, was ich -
mit Vorsicht säete, mit Ausdauer zeitigte. Fehlt mir die Ge-!
wißheit, daß das Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werkeh
ist, so geht mir auch die Kraft verloren, welche der Einzelne?
aus dem Gedanken an die große, heilige Gemeinschaft zieht, der
er angehört und der er dient. Mein Thun wird fortan ohne

-- IßI--
jSegen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die
jßergünstigung zu bitien haben, mich mit einer anderen Aufgabe,
fern von hier, betrauen zu wollen.
Der Erzbischof blickte den jingeren Geistlichen mit festem
Auge an. Er wste, daß der Abbö Paris nicht zu verlassen
Fwünschen konnte. Eben deßhalb aber fragte er sich, was den-
Zelben bewegen könne! ein so gewagtes Spiel zu spielen; und
ßdie gleiche Taktik befolgend, sagte er: Die junge Giäfin Haughton
ßist schö ud Sie sind ju. Herr Abb! Sint Sie Ihrer selbst
,gemiß? Sind Sie sicher, das sich in Ihnen keine Abneigung
Firgend welcher Art gegen eine Verheirathung der Gräfin regi?

s Ich war um ein paar Jahre jinger und die Schönheit
der Gräfin stand schon in ihrer vollen Blüthe, als Eminenz
ßkeiner solchen Frage, keiner solchen Warnung mir gegenüber
ßnöihig zu haben glaubten. Ich bin gezwungen, Sie um Auf-
ßschluß dariber zu bikten, wer oder was mich einem solchen
FVerdachte unterwwerfen könnte, erwiderte der Abb, während der
ßganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in seinem Antlitze
Fiicbor ward.
f Der Erzbischof ließ sein Auge unverwandt auf dem vor ihm
FStehenden haften. Die Frau Herzogin, sagte er nachdrücklich,
ßlebt des Glaubens, daß die - die Freundschaft, welche die
fGräfin Ihnen entgegenhringt, sie hindere, den Bewerbungen des
Prinzen ihr Gehör zu leihen, nnd daß es diese Freundschaft se.
Fje Sie, Herr Abbs, gegen die Verbindung eingenommen habe,
Fwelcher nicht nur die Frau Herzogin, sondern Seine Majestdt
Per König selber günstig ist.
t?
; Zum ersten Male röiheten sich des jüngeren Priesters Stirn
ßund Wangen, aber es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, welche
FBewegung sein Blut in Wallung brachte, und sch schnell be-
ßmeisternd, sprach er: Des Menschen Schlüsse stammen und be-
Emessen sich aus seinem eigenen Charalter und seinen eigenen

---- - 7--
Erfahrungen; ich habe mich also über die Frau Herzogin nichhz
Aber wäre und empfände
zu beschweren, wennschon ich sie beklage.
A
ich, wie sie voraussetzt, so könnte ich
als die Gräsin eine Ehe schliesßen zu
sie die Jingere und an Kraft wie an Begabung in jedem Bos
trachte dem Prinzen überlegen ist, bald Herr und Meister seinF
ud bleiben würde, eine Ehe, bei der ich nicht zu finnchten hätie,j
auf --- er zügerte bei dem Worte gerade so geflissentlich, wie,
der Erzbischof es vorhin gethan haite -- auf die Freundschast?
D. E. M Dr
wenn die religiösen Bedenken der Gräfin überwunden sind, die;
religiösen Neberzeugungen in ihr zu wüürdigen und zu erhaltenz
verstehen wütrde? Eine Natur wie die der Gräfin Haughton wird -
durch einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden, nichth
von ihrem stolzen Selbstgefihle geheilt. Sie wird, so weit ich
sie beurtheilen kann, überhaupt nicht leicht zur Lebe hingerissen!
und durch die Liebe auch nicht gewandelt werden. Sie muß in?
ihrge jhsgez Meseuheit verichtet werden, wenn sie neugeboren?
wexoen söl!
z
Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein?
Verdammungsurtheil ausgesprochen, aber sie beschwichtigten das?
Mißtrauen des Erzbischofs keineswegs; sie halfen ihm auch nichß
aus der Verlegenheit heraus, in welcher er sich befand. Indeß
der Abbe war' jezt gewarnt. Der Erzbischof hatie ihn daran!
erinnert, daß das wachsame Auge seiner Vorgesezten, daß ihr
? r
Kräfte zusammenzuhalten und sich dieselben diensibar' zu machenF
beschlos er, den kihnen und eigenwilligen jungen Geistlichen'
vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und die Weises
suchen zu lassen, auf denen er die Zwecke der Kirche, die Winschs

N1--
des Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern
für möglich erachten wüürde. Er wendete sich von ihm und krat
an seinen Schreibtisch zuriick, von dem er, uls komme es ihm
zufällig in die Hand, ein Blati Papier aufnahm, das er zuerst
mit den Aegen iüberslog und dann sorgfällig zu lesen schien.
Der AbbI stand ruhig wartend da, bis der Erzbischof bas
Papier zusammengesaliel und an seine alle Sielle gelegt haile.
Dain verneigte er sich lauum merklich und fragte, ob Eminenz
ihm noch weitere Befehle zu geben habe.
- Dem Erzbischof war diese Frage willkommen, und weil er
dies erwartet, hatte der Abbs sie gethan. Auch war der Aus-
- druck des Erzbischofs plözlich ein veränderter.
Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen, sagte er, das
man Ihnen vor vielen Anderen und schon in jungen Jahren
angedeihen lassen, weil man Ihnen die Gelegenheit bereiten
wollte, die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte ermessen
Izu lernen. Sie glauben offenbar auch jezt nöch, der Aufgabe,
der Sie Sich unterzogen haben. gewachsen zu sein, und Sie
scheinen nach einem vorbedachten Plane zu Werke zu gehen.
Der Abbe wollte eine Erklärung, eine Bemerkung machen;
, der Erzbischof ließ es nicht dazu kommen. Ic verlange von
, Ihnen vorläufig keine Auskunft über den Weg, welchen Sie
,zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben
ßund weiterhin zu nehmen denken. Der Erfolg oder das Miß-
ß lingen soll Ihnen, Ihnen allein, Herr Abbe, zugeschrieben
ß werden, merken Sie es wohl, Ihnen ganz allein! Doch gebe
kich Ihnen zu bedenken, daß man dem milden und uns geneigten
f Sinne Seiner Majestät des Königs, sofern es mit dem Seelen-
Fheile der Gräfin zu vereinen ist, nicht entgegentreten darf, und
z Seine Majestät haben es! wie ich erfahren, der Frauu Herzogin
F zgesagt, bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu sein.
Das war auch mir bekannt, bestätigte der Abb«, und ich

-- A7-
war Willens; die Gräfin noch hente darauf vorzubereiten, älsj
Eurer Eminenz Befehl mich hierher rief.
Der Erzbischof wollie offenbar eine Bemerkung machen;?
er unterdrüückte sie jedoch, und nach einigen auf die allgemeinen
Ereignisse innerhalb der Kirche bezüglichen Worten war diej
eaerA
der Freiherr von Arien, welcher seil dem Eizuge der Fremden?
in dem Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräsins
ebenfalls ihrer Freundschaft wiirdigt- sollte er es vielleicht;
sein, der den Ansprüchen des Prinzen entgegensteht?
Der Freiherr von Arten ist seit Johren heimlich verloüz
antvortete der Abbä.
Heimlich verlobt? wiederholte der Erzbischof. Davon besizt!
die Fran Harzogin keine Kunde. Ist die Gräfin davon unter-?
richtet?
Der Abbä verneinte es. Der Erzbischof fragte, wie Jener?
die Kenntnisß dieses Umstandes gewonnen habe, ob er der Beich- ?
tiger des Freiherrn sei.

Nein, Eminenz, ich habe es abgelehnt, ihn Beichte zu hören,?
als er mir sein Vertrauen zuzuwenden wünschte. Ich wollte mirz
die Freiheit des Handelns nicht beschränken, mir nicht eine?
Mitwissenschaft und damit zugleich die Pficht auforängen lassen,?
es nöthigenfalls zu verschweigen, was der Freiherr seinen Freunden?
bis jetzt vorenthalten hat, daß er noch bei dem Leben seinesZ
Vaters einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen ge-?
leistet hat.
Und welche Gründe können ihn bewegen, das Verhältniß?
auch jetzt, auch nach dem Tode seines Vaters, noch nicht zu?
einem bindenden zu machen?

Ich glaube nicht zu irren, wen ich vorauussetze, daß die''
Neigung des Herrn von Arten für die Entfernte erkaltet und

cs D
- «« s .
Fdaß sein tägliches Beisammensein mit der Gräsin auf diese Aen-
derung seines Sinies nicht ohne Einfsus gewrsen ist.
Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbniß des
ßhngen Edelmaes?
Von dem Pfarrer der Kirche, die des Freiherrn Vater auf
ßseinem Siamnguhe gegrindel hai. Die Verloble des Barons
ß lei mit ihrer Schwester und mit ihrer Mutter in dem frei-
hherelihe Schloss-.
h Als der Erzbischof den Abbä so wohl unterrichiet fand,
serkundigte er sich, wo die Erzieherin der Grkfin geblieben sei,
F welche er friher uit ihr bei der Herzogin gesehen habe.
?
Die Gräfin ist es mide geworden, die käglichen Vor-
Pfetungen ihrer Erzieherin zu hdren, sich täglich gegen das Ver-
Ztauen warnen zu lassen, mit dem sie mich beehct. Miß Arabella
Fst in ihre Heimaih zurücgekehrt.
Nach Hanghton Castie? fragie der Erzbischof.
L Nein; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt,
Fjede Verbindung zwischen ihnen hat aufgehört, berichtete der Abbs.
F Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen, daß
ßer mit dieser Kunde wohl zufrieden war. Freundlicher, als er
sich ihm bis dahin gezeigt haite, reichte er dem Abbe die Hand,
der sich neigte und sie küßte. Der Erzbischof segnete ihn mit leichter
Aerührung seines Hauptes.
z Leben Sie wohl, mein lieber Abbä, sprach er, und er-
müden Sie nicht in Ihrem Werke, nicht in der Strenge gegen
R aEr
Ien rechten Pfad zu weisen, ist eines der guten Werke, denen
Jer Gläubige sich zu unterziehen hat. Leben Sie wohl! Sie
werden mir in einigen Tagen die Kunde bringen, welche Wen-
Aung diese Angelegenheii genommen hat.
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1l.