Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 21

Zehntes Capitel.
Fer Mond stand schon hell am Himmel, als der Abbs;
von dem erzbischöflichen Palaste kommend, iber die Brücke gings
und sich dem schönen Uferwege zuwendete, an welchem dasZ
Palais der Herzogin gelegen war. Er hatte zu jeder StundeF
des Tages Zuirilt zu demselben, und auch jezt befand er sich?
bereits vor dem großen Portale, aber als er die Schelle ziehen?
wollte, hielt er die Hand zurick. Er mochte Eleonore jetzt nichtF
sehen, er mochte Niemanden sehen; er mußte mit sich allein sein.ß
Er schlug den langen, schwarzen Mantel fest um sich und?
entfernte sich von dem Palaste. Bald langsam, bald in hefiigerj
Bewegung ging er an der Seite des Flusses auf und nieder.?
Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an den;
dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen, die sich in;
vielfachen Reihen an dem Ufer hinziehen. Der Mond goß seinj
volles Licht über die prächtigen Gebäude aus, deren Fenster zumJ
Theile hell erglänzten. Es war die Stunde, in welcher die
vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt. Vor den einzelnens
Häusern fuhren die Wagen vor, hier und dort öffneten sich?
gastlich die Fligel der Einfahrtsthinen. Die Stadt erschien, soß
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schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab.
!
Aber was jedem Anderen an dieser Sielle das Auge er-z
freut und den Sinn erheitert haben würde, was auch ihn sonst j

mit Wohlgefallen erfillt hatte, heute sah der Abbs es nicht.
Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele; in raschestem
Wechsel zogen abenteuerliche Plane, wilde Vorsätze und Ent-
schlüsse durch sein Gehirn, und aus der glühenden Leidenschaft,
die in ihm brannte, loderten in einzelnen Auzenblicken zuckend
die Flammen der Verzweiflung in ihm emtor. Und doch war
es ihm nichts Neues, was er in sich wahrnahm. Er hatte auch
nichts Unerwartetes erlebt. Warum traf es ihn denn so furchtbar,
was er lange hatte kommen sehen? Warum zerriß sie ihm denn
das Herz, die Eutscheidung, die er längst getroffen hatte?
Seii er Eleonore gesehen, war er nie iber die Empfindung
im Zweifel oder im Unklaren gewesen, die sie in ihm wach-
gerusen halle. Von frihh auf zur strengsten Selbstprüfung ge-
wöhnt, hatte er sich nicht darüber täuschen können, daß er sie
mit glihendem Verlangen begehrte, das er sie leidenschaftlich
liebte, aber sein stolzer Sinn hatte sich nicht entschließen mögen,
die Gefahr zu meiden; er hatte seinen geistigen Ruhm darein
gesezt, sich zu besiegen. und wie er bis dahin auf der Welt
nichts Höheres gekannt hatte, als seine Kirche und ihre Macht,
so hatie er sich gelobt, seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen
und ihr mit Verleugnung und Neberwindung seiner selbst die
I starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens zuzuführen und
zu gewinnen.
Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem
FSchmerze, in brünstigem Gebete. Er wußte, was Eleonore sich
Fnie deutlich gemacht hatte, daß es nur eines Wortes von ihm
Fbedurfte, um sie ihm anzueignen ganz und gar, und heute zum
Fersten Male fühlte er sich nicht sicher, daß er dieses Wort nicht
Aprechen, daß sein Blick ihr nicht verrathen würde, was in seiner
FSeele vorging.
Er sah sie, als er so umherwandelte, mit seines Geistes
Fugen deutlich vor sich, wie fie auf das Geständniß seiner Liebe
1

Ae
in seine Arme sinken, er kannte sie darauf, daß sie nicht zu-
rückschrecken würde, mit ihm zu fliehen, um in irgend einem ,
fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden, das Weib des-
geweihten Priesters, des Meineidigen Weib. - Aber wer hinderte -
ihn, sich mil Offenheil von dieseu: Eide loszusagen? Wer hinderle z
ihh, eine Glaühen zu eulsagen, der seinem Menschenrechte,-
seiner Manneskraft ud Wüirde unalllrliche Scraulen sezte, F
unwürdige Gewalt anthat? Wer hinderte ihn, zu thun, wad ?
vor zweihunderi Jahren, in de Zeiien der grosten kirchlichen --
Umwälzung, Tausende von Priestern vor ihm gethan hatten?II
Was hielt Eleonoren ab, einem durch sie belehrten Maune ihre
Hand zu geben? Sie war unabhängig und reich genug, in -
Haughton Castle, in ihrem freien Vaterlande, von dem Gesetze ;
unangefochten und die öffentliche Meinung slolz verachtend, z
-
glücklich mit ihm zu sein.
Die Stirn brante ihm wie im Fieber, alle seine Pulse -
klopften. Troz der winterlichen Kälte riß er den Mantel auf, F
entblößte er sein Haupt. Er fühlte seine ganze, ungebrochene ,
Kraft in seinen Adern, er sah jezt auch mit Einem Male die -
glänzende Anmuth der Stadt und der Gegend, er empfand die ,
Schönheit dieser milden Winternacht. Umwillkürlich breitete er Z
seine Arme aus, als wolle er sich mit der Natur vereinen, und J
ein Seufzer, der wie ein unterdrlckter Aufschrei klang, riß sich?
aus seinem Busen los.
Es war vorüber!- Müde, wie einer, der aus einem ihn I
erschöpfenden Traume erwacht, liesß er sich auf eine der Bänke z
fallen, die unter den Bäumen stehen. Er stüzte den Kopf in F
die Hand, sein Haupt sank schwer hernieder, schwer und still z
fielen ein paar gliühende Tropfen aus seinen Augen auf die
Wangen herab.

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Nicht zum ersien Male hatte er den Kampf gekäupft, aus F
dem er jetzt wieder als Neberwinder hervorging; nicht zum ersten
?
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-


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-

Male hatte sein Gewissen seine Phantasie bemeistert, aber noch
nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den Wunsch gehegt, sich
nicht gebunden zu haben oder jene ungelrochene Willenskraft,
jne muuthige Niicksichtslosigkeit der Menshen zu besizen, die
slch sellsl als den Mllelpuull der Scöpfung, ihr Wohlbesinden
als den: letilenn Zwers dersellen ansehhen. E ? - r kounle
nichl vergessen, dasi er von sriiher Jngrnd an gelernt hatie,
sich als einen uilvirkenden Theil der grosten Gemeinschaft an-
zusehen. welche sich das Necht der Herrschast iber die Geister
zuerkennt, welche die Anvartschaft zu diesem Rechte aus Gottes
Hand empfangen zu haben behauptet, aus der Hand des Gottes,
f
?
dessen Anerkennuung und Verehrung zu predigen die Aufgabe
der katholischen Kirche ist. Wohin hatten sein Geist, seine
Phantasie sich verirrt, das: er wachend in Träume verfallen
konnte, die ein Verbrechen für ihn waren? Und was konnte
andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren, ihn

f
schadlos zu halten fir die furchtbare Enisagung, die er über

sich genommen hatte?

Er schauderte zusammen, als er sich mit seinen Gedanken

wieder auf demselben Wege, wieder auf denselben Bildern fand,
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F
von denen er sich gewaltsam abzuwenden beschlossen hatte. Er
ß stand an dem Abgrunde, an welchem Mächtige gestanden hatten
und zu Grunde gegangen waren, er erlebte und erlitt, was er
h
selber über sich herauufbeschworen, als er sich die Kraft, die
Festigkeit und den Glauben zugetraut hatie, die ihm alle jetzt

l
versagten.
k
Jmmer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wie-
k-
derholt, das; er nicht zu der großen Masse jener entsagenden,
demülthigen Seelen gehöre, die in frommen Glauben, in nicht
z
wankender Hingebung an ein stilles Thun, ihres Geistes Befcie-

z=-
digung, ihres Herzens Beseligung genießen. Von früher Jugend
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auf hatten seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in
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-
in den Seminarien ein weites, ein hohes Ziel gesteckt. Er hatte?.
Herrschaft gewonnen, wo immer er mit Arnderen in Gemein- -
schaft gewesen war, Herrschaft hatie ihm das höchste Glück,-
Herrschaft im Dienste der Kirche, die ihn trug, so lange er sie I
stiitzen half, das höchste, erstrebenswertheste Ziel gedinlt, und ;
Herrschaft, Herrschaft iber die Anderen, da hatte er inmer -
gefühli, war das Einnzige, das Ersaz zu bielen vermochte fir -
Selbstbefriedignng, fin Liebe und fitr Glick.
Er kannte die Kirche und den Glerus, denen er angehdrte. -?
Er wußte, was der Abtrünnige von der Kirche zu erwarten z
hat. Er selber hatte in verschiedenen Fällen dazu mitgewirkt, ,
dem Verirrten wie einem gehezten Wilde die Wege zu verstellen, -
-
bis er müüde und verblutend an dem Altare niedergesunken war, z
von dem er sich hatte entfernen wollen. Er fihlte sich nicht g
dazu geschaffen, solcher Verfolgung Stand zu halten, er konnte Z
sich nicht vor sjch selbst erniedrigen durch den nicht endenden z
Kampf, in welchen er sich unretibar verstrickte, wenn er sich -J
nicht überwand. Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des ?
Bannes und des Eides, die er freiwillig und mit stolzem Ehr- H
- -c
geize über sich genommen hatte; und der bloße Gedanke, daß -
er als ein Büßender, als ein unwirksam Befundener, als ein z
Ausgestoßener vor denen stehen solle, die in ihm eine Kraft z
geehrt, in ihm einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten F
und über die er sich einst zu erheben gehofft, ward endlich sein, H
Erretter aus dem Zwwiespalte, in dem er sich in dieser Stunde z
bewegt und ermattet hatte.
Aber der starke und gesunde Mensch reißt die schönste und I
-F
gewaltigste seiner Kräfte, die Liebe, nicht aus seinem Herzen, z
ohne Schaden an seiner Seele zu leiden, und heute mehr als F
je zuvor hatte der Abbe es erkannt, das: er auf die Liebe nicht z
verzichten könne, ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht z
hinzugeben, und daß es ihm nicht erspart sei, die Qualen der H

z
s


, Eifersucht zu leiden, auch wenn er darauf verzichte, für sich
- selber einen Anspruch an Glück zu erheben.
Oftmals schon hatte er es durchgekostet, wie nnahe der Has.
und die zum Eutsagen gezwungene Liebe in ihm an einander
- grenzlen, ofimals haiie er es mit dem lihlen Blicke eines Be-
, obachters in sich wahrgenommen, wie die Grausamkeit sich der
Seele bemächiigt, die leine milde Hoffnung fir sich selber hegen
darf. Warum sollte kr das Weib nicht hassen, vor dem alle
- glücwersprechenden Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen, während
er sich mit unlöslichem Eide von allen Freuden des Daseins
geschieden hatte, ehe er vorauuSgesehen, das eine Elevnore Haughton
leben und das; sie ihm der Güter höchstes, des Gliickes be-
gehrenswerthestes erscheinen wiirde?
Wenn kein Gebet, wenn kein noch so festes Wollen ihm
? Ruhe zu schaffen vermocht, dann hatte er mit grausamer Wonne
daran gedacht, das Eleonore einst die gleichen Qualen leiden
s werde; wenn er sich unglicklich gefühlt bis in das Innerste
seines Herzens. so hatte der Gedanke ihm gelächelt, daß auch
F sie sich elend fühlen werde, die ihn also leiden machte, daß auch
F se unglicklich sein werde, die ihn herunterzustosien drohte von
F dek Höhe, auf die er sich gestellt hatte und von der er in den
? Abgrund sinken mußte, wenn er nicht hoch über seinen jetzigen
FStandpunkt emporstieg.
.
Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen,
F die jezt an ihn herangetreten war. Er oder sie!-- Dennn sie
Z glüclich zu sehen und zu entsagen, sie glücklich und frei zu denken,
z während er sich seinem Vorgesetzten als müßiger Knecht mit
gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterord-
F nung enge, vorgeschriebene Wege zu gehen hatte, das überstieg
F seine Kräfte. Er oder sie!- Es gab kein Drittes! -
Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen.
Die Nacht begann kalt zu werden, der Wind, welcher vom
?
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Wasser aufstieg, strich ihm mit eisigem Hauche über die Schläfen
hin. Er zog die Uhr heraus, es war später, als er es vers
muthet hatte. Jezt, er wuste es, jezt befand sich Eleonore
schon in dem Empfangszimmer ihrer Tante, jetzt erwartete sie
ihn sicherlich. Er lächelte, als er sich ihr Bild vergegenvärtigte,
aber wer dieses Lächeln häike sehen können, hätte sich seines -
Ausdruckes nicht erfreut.
An der Ecke der Seilenstrase lag ein bescheidenes Speisos.
haud. Er halle sonst nichi die Gewohnhheil, ähnliche Orte zu
besuchen, indes; die Aufregung machte ihn, da er die Mahlzeit'
versäumt hatie, nach Speise und Trank verlangen. Er ließ;
sich zu Essen geben, trank elwas Wein, ordnete mit rascher ,
Hand sein reiches Haar, das durch die schnelle Bewegung seines -
langen Ganges in Unordnung gerathen war, und gefaßt undh
wieder seiner selber Meister, kehrte er auf der Straße, von der
er gekommen war, nach dem Palaste der Herzogin zurück. -
Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ,
ihrem schönen Saale erschienen. Die auffallende Gunst, mit
welcher der König sie bei der lezten Mittagsgesellschaft beehr,;
hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht, und jeder derselben,
schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde,
den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu er-;
fahren und sich darüber zu vergewissern, was von dem Gerüchte;
über die Freiwerbung Sr. Majestät zu halten sei. Die Gräfin ;
allein schien nicht zu wissen, was die Nebrigen beschäftigte. Sie
saß weit zurückgelehnt, so daß die schöne Länge ihres Leibes-
ersichtlich war, auf einem niedrigen Sopha, nahe an einem der«
beiden Kamine. Das Licht der Kerzen und das Licht des Feuerz
vereinten sich, sie magisch zu überstrahlen. Ihr Haar glänzt
wie von einer Aureole umleuchtet, und nie meinte der Abbs
sie schöner gesehen zu haben, als eben jetzt, da sie bei seinen
Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete.i -

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N81
- Eine Gruppe von Männern umgab sie, der Prinz und
2 der junge deutsche Freiherr saßen ihr zur Seite. Die Unter-
z haltung war heiter und lebhaft gewesen, wie sie es immer
- wird, wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit
F dem sicheren Bewustsein ihrer Schönheit jede ihe dargebrachte
- Huldigung nnr alö einen schuldigen Tribut, ohne Dank und
F ohne-besonderen Anreiz aufnimmt. Der Prinz hatte sich im
Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen, ohne daß die
s Halkg der Grüsin ihun dazu das Necht gegeben hätie, und laum
z hatte der Abbs sich der Herzogin vorgestellt, so llagie Eleonore,
- das; die Gluih des Feuers sie beläshige, und crhob sich.
Milien in dem Saale kraf sie uit dem Abbü zusammen.
Ich habe Sie heute am Morgen und heute am Mittage vergebens
erwartet, und Sie kommen spät! sagte sie im Tone des Vor-
wurfes. Es ist Ihr Wort, das ich Ihnen zurüickgebe, Herr
Abbä! Man soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen, was
? man nicht sicher oder nicht geneigt ist, uns dauernd zu gewähren!
Wie sie so neben einander standen, beide hoch und maje-
- stätisch gewachsen, daß Auuge in Auge traf, beide mit hexrischer
Miene, war es kaum möglich, sich ein Menschenpaar zu denken,
F das mehr fiür einander geschaffen, mehr auf einander angewiesen
- zu sein schien, sei es, daß sie in Liebe oder in Abneigung z
sammentrafen. E war neben Eleonorens vollkommener Schön-
? heit stets ihr Stolz zewesen, der den Abbe angezogen und ihn
? gereizt hatte, ihr seine Herrschaft aufzudringen, und man hätte
,'' sagen können, dasß sie sich im Streite nahe getreten waren, daß
- sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist
verstrickt hatten, daß Sieg und Niederlage zwischen ihnen steis
?
; gewechselt hatten und beides ihnen zum Genuuß geworden war.
Auch jetzt empfand der Abbe den alten Zauber wieder
- mächtig auf sich wirkend, aber er hatte Grund, sich demselben
s-
-
nicht mehr wie sonst zu überlassen, und auf ihre Anrede ein-
?
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gehend, versetzte er: Schlimm genug für mich, daß ich aus
meiner eigenen Erfahrung keinen Nuzen zog, daß ich sie nicht.
zu beherzigen verstand!
Was soll das heißen? fragte sie voll banger Ahnung, weil;
ihr
in seinem Wesen etwas Fremdes entgegentrat.
a B? - -
E es stets vermieden, sie und sich als Einheit zu bezeichnen, und ?
,nun, da ihr Name, von seinen Lippen ausgesprochen, ihr mit;
lunsäglicher Wonne das eigene Herz berührte, nun das beglickende,
,Wir' ihr von seinem Munde entgegenklang, nun sollie sie sich?
von ihm trennen -- nun?
Scheiden? wiederholte sie. Und weßhalb das? - weßhalb?
Er blickte mit schnellem Auge um sich her; als er sah,
daß Niemand nahe geng stand, seine Worte zu vernehmen, -
sagte er: Ich komme von Seiner Eminenz dem Erzbischof. -.
Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand. Es -
war offenbar das kleine Billet, däs Sie mir neulich gesendet ?-
und das ich nicht erhalten hatte. Ein Brief der Frau Herzogin -,
lag daneben.
Eleonore erbleichte, aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl-
verließen sie nicht. Ich habe nie ein Wort geschrieben, Fprach
sie, das eines Anderen Blick zu scheuen hätte, und pon Seiten-
meiner Tante überrascht mich nichts, wenschon. - -
Auch nicht, fiel der Abbe ihr leise in die Rede, daß sie
gewagt hat, Ihnen, Ihnen, Eleonore, eine Leidenschaft anzu- ?
dichten, deren Mitschuldiger ich sein sollte und die ein Verbrechen' s
für mich wäre?
Er war selbst blaß geworden und die Stimme hatte ihm -
versagt, da er diese Worte aussprach. Sie trafen das Herz ;
des unglücklichen Mädchens wie ein ködtender Bliz. Sie sah, i
sie entdeckte in sich, was sie sich bisher mit stolzer Scham ver- -

.
-
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-- W8A---
Jorgen hatte. Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden Leiden-
Fhaft in sich auflodern, und der Mann, der sie in ihr angefacht
,und genähri halie, stand ihr lali gegenüber, sprach zu ihr in
F einer Weise, als wäre es undenkbar, daß er jemals etwas für
?ie empfunden habe, etwas für sie fihlen könne.
- Ihre Füße wankten, sie faßte krampfhaft die Lehne eines
HSessels, der in ihrer Nhe stand, sie füürchtete, sich nicht aufrecht
halten zu können; aber mehr noch als Alles peinigte sie der
FGedanke, dem ungerührten Manne zu verrathen, was in ihrer
FSeele vorging, ihn ahnen zu lassen, was sie in diesem Augen-
Alicke um ihn litt. Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln
-zwingend, das ihr das Herz zerriß, fragte sie ihn: Deßhalb
Jalso will man Sie entfernen?
Der Abbs bejahte es. Die Thräneu traten der Gräfin
- bor diesem kalten, nackten Ja in's Auge.
, Freilich! das Scheiden von einer Freundin - das Scheiden
Fdon Eleonore Haughton -= was ist das für Sie! sagte sie mit
FBitterkeit.
Der Abbs ließ den vollen Strahl seines Auges in die
ihrigen fallen, aber er schwieg.
So standen sie sich einige Sekunden gegenüber, und es
Fdünkte Eleonore, als durchlebe sie eine lange Leidenszeit, denn
z großer Schmerz und große Freude rauben uns den wahren
FMaßstab für den Verlauf der Zeit. Es kam ihr vor, als sei
Fder Augenblick lange her, in welchem sie das Wort, das nieder-
,shmetternde Wort von dem Munde des Geliebten vernommen
hatte, als sei es lange her, daß sie sich allein gefunden, allein
Anit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust. Allein!
-- Nur das konnte sie nicht ertragen! Allein, ohne ihn konnte
sie nicht leben. Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend
zugleich nach Rettung ausschaut, fcagte sie: Und gibt es kein
s Mittel, keines, das Sie - mir erhält?
s
-

-- W---
Es war geschehen, sie hatie es ihm gesagt; aber besorgh'-
daß eben dieses Wort ihn bestimmen könte, sich von ihr ze
trennen, fiügte sie hinzu, als wolle sie ihhn vergessen machen, ihn'
über dasjenige täuschen, was sie ihm eben verrathen und ge- -
standen haite: Ich weis: es, Sie verlassen Parid, den Hof-
nicht gern, Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufenö-,
halt geknioft. Gibt es kein Mittel, Ihre beabsichtigte Entfer??
nung zu vermeiden? -- Und wie von einer plözlichen Eingebung ?
ergrisfen sprach sie: Ich will Paris verlassen, ich will in meine,
Heimath gehen! Sie sollen bleiben. Ich will gehen!
Das jedoch war es nicht, was der Abbb begehrie. Ee?
schüttelte verneinend das Hauupt. Fassen Sie sich, Gräfin, man,
beobachtet Sie und mich! sagte er leise. Ihre Entfernung vonh
Paris würde nichts in meiner Lage ändern, nichts! Aber einen?
Ausweg gibt es, Einen! - Er zögerte, als falle es ihm schwer, ;
ihr denselben zu nennen. Endlich, da sie auf seine Antwort
bange harrte, sagte er: Nehmen Sie die Hand des Prinzen -
an, für den der König selber morgen um Sie werben wirh!-
Unmöglich, unmöglich! rief die Gräfin so laut, daß die Z
Anwesenden alle es vernahmen.
Aber sie und der Abbe schlugen wie auf eine Verabredung
ein Lachen auf, und mit lachender Miene füügte Eleonore leise -
hinzu: Soll ich der Herzogin den Triumph bereiten? Soll ich
mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die Arme werfen, ?
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vor der Sie selbst mich warnten?
So treffen Sie schnell eine andere Wahl, Sie sind Here-

darüber! warf der Abbe ihr ein.
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Aber wen - wen? fragte die Gräfin, der in der Angst
ihres Herzens und in der Verwirrung dieses Augenblickes jedes F
Mittel erwünscht kam, welches sie vor der Trennung von denI
Abbä bewahren und ihm beweisen lonte, daß fin ihn keinF
Opfer ihr zu schwer sei.
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Og
-
? Der Abbä wendete das Haupt in das Zimmer und zu der
FGruppe zurick, welche die Gräfin vorhin veclaßen hatte. Eine
FFrau wie Sie, sagie er, wird schwwerlich einei Man finden,
F der sie verdieuul; aber es miszte mich Alles lä schen, oder der
freiherr von Arten weis es, was Sic werth sind, und seine
z -
F liebende Verehrung wird mir den Antheil a- .per Freund-
ss Se:
Hschaft nicht misßgönnen. Er ist ein Mann von Ehre und er
zlebt Sie, Gräfin, dessen bin ich sicher!
E?
Sie konnte ihm nichts erwiedern. Der Ausdruck der Ver-
Z zweiflung und der Lebe, mit dem sie zu ihm emporsah, drohte,
Tihn seiner Fassug zu berauuben, und sich vor ihr verneigend,
z sagte er so laut, das; die Anderen ihn vernehmen konnten:
FDenken Sie daran, Gräfin, wir sprechen mehr davon!
z
=- Dann wendete er sich zu den ebrigen, und auch Eleonore
khrte, wie hart ihr das auch ankam, zu ihrer früheren Unter-
Fhaliung zurick
ß

e
Sf

h

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z
z
e?
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h -
D-
?,
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