Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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Zwölftes Capitel.
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,iler milden Winternacht folgte ein karer, schöner Tag.
In den prachtvollen, alterthümlichen Kaminen des großen könig-
lichen Ballsaales brannten die Feuer. Ihre rothe Gluth, ihre
blauen, zingelnden Flammen erschienen bei dem hellen Sonnen-
s lichte dunkel; auch die Kleiduung und die Schönheit der Frauen

z hallen bei den Frihstücsbällen in den Tuilerieen eine wahre
e Lichiprobe zu beslehen. Aber Niemand ertrug die Priüfung
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s durch das Tageslicht so siegreich, als die Gräfin Haughton, ob-
, schon ihrem Autize hente die ihm sonst so eigenhimliche Frische,
ihrenn Augen der gewohnte Glanz gebrachen.
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Die ersten Quadrillen waren vorüber. Eleonore hätte kaum
sagen können, wer ihre Tänzer in denselben gewesen wären.
Es wgr ihr zu Muthe, als sei sie verwandelt, als wohne eine
fremde Seele in ihrem Leibe. Nur ihre Gestalt war noch die
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alte, war noch lebendig; sie selber, die Eleonore, als welche sie
sich bis gestern noch empfunden hatte, war dahin.
Sie hatie die ganze Nacht kein Auge geschlossen, den ganzen
Morgen in marternder Spannung vergebens auf den Besuch
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? des Abbes, auf eine Zeile, auf ein Wort von ihm gewartet,
die ihr hätten zum Troste, zur Stütze werden können. Was
s, war geschehen, dasß er sie also in ihrer Herzensnoth verließ?
F Hatte man ihn unter irgend einem Vorwande gezwungen, Paris
; schon an diesem Morgen zu verlassen? Konnte er sich entfernt
z haben, ohne sie davon in Kenntniß zu sezen? Ließ man ihn

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nicht aus den Augen, und fand er keine Möglichkeit, ihr, wemn?
auch nur mit Einem Worte, sich zu nahen ?
Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm?
Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr -
Hirn: Ich liebe einen Mann, dem die Lebe ein Verbrechen ist!-
Ich, die Protestantin, liebe einen Katholiken, einen Priester!I
Ich habe ihm diese Liebe verrathen, und er will mich bestimmen,-
einem Anderen, einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen, -
um sich zu retten, um seine Plane zu verfolgen! Warum ver-

kraute ich einem Katholiken, einem Priester?
Dann wieder, wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte,

wenn der Gedanke, sich und ihre Liebe verschmähht zu sehen, sie
-
völlig niedersvurs, russle sie sic mil Gewwaull uu einer anderen
Ansicht ihrer Lage empor. War es denn seine Schuld, daß sie
ihn liebte? Konnte er dafür, daß ihre Seele nicht stark, nicht


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rein genug gewesen war, sich an der Freundschaft geniügen z - -
lassen, die allein er ihr zu bieten hatte? Wann hatte er je einen Z
Wunsch, einen Anspruch an sie erhoben, der über den Antheil A
an ihrem Seelenheile hinauögegangen war? Und wie hatte er z
sich selbst in seinem Eifer fie dasselbe zu mäsigen, sich überall -;
in Schranken zu halten gewust ! Mit keinem Worte hatie er ?
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ihr je gestanden, was er für sie fihle. Und er liebte sie! Sie ;
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zweifelte nicht daran: er liebte sie! Eine Liebe, wie die, welche -
sie für den Abbs empfand, konnte keine einseitige sein, konnte T
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nicht unerwiedert bleiben ! Es war nicht anders möglich: er z
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liebte sie, er mußte sie lieber!

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Aber durfte sie das hoffen? Durfte sie es wünschen? - -
Nein, nein! nur das nicht! rief sie laut, daß der Ton ihrer Z
eigenen Stimme sie in der nächtlichen Einsamkeit erschreckte. Und -
ihr Gesicht in den Händen verbergend, warf sie sich nieder und -

weinte, daß es ihr die Brust zu sprengen drohte.

Es war genug an ihrem Elende, an ihrer Verzweiflung, Z
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Z er sollte nicht unselig sein, wie sie. Er sollte den Trost besizen,
F daß er rein und malellos den Lebensweg gegangen sei. Er
Z sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füsßen Gottes, zu
den Füisen der reinen, makellosen Jungfran, zu deren Altären
Z er sie hinzufiühren gestrebt hatte, in deren Verehrung sie eine
ß unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm haben konnte.
s - =. daß ich ihn besäße, den Glauben, der ihm Kraft ver-
, leiht! seufzte sie il ihrem Schmerze. Dasß ich es gelernt hätte,
F wie er, in früher Juugend zu entsagen! Wenn ich es vermöchte,
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, Zz zich an das Kreuz zu schlagen, und -rost zu finden,
? nr-., in dem Gedanlen, das; ich eine Wahrheit erlanni, eine
z Wahrheii zu verlinden hahe, das: ich uir eichi sellsi gelöre,
F sonderu nuur ein Dienier der Menschhheii bin, ein schwwaches Wer!-
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z wiederholte sie sich wdie Ausspriche, die er oft vor ihr gethan
, hatte. Vor wwenigen Augenblicken hatie sie ihm gezürnt, nun
s zrnte sie sich selber. Mit der Demuth der Lebe klagte sie sich
an, daß sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhhe seines Daseins
J icbe. Sie, sie allein war die Schuldige. Ihre Maßlosigkeit,
? -
F ihre Ungenügsamkeit verstrickten ihn in Verwirrungen, die er nie
F zuvor gekannt hatte. Sie erinnerte sich, wie man ihr die hohe
? Sinnesart, den reinen Wandel des Abbö gepriesen hatte. Auch
F se kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen
, mit Begeisterung zugewendet! Was mochte er jetzt von ihr
h denken? Was mochte er jetzt thun?
Sie sah ihn knieen vor dem Muttergotiesbilde, das er von
s einem früh gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je -
,' bisweilen wohl gesprochen hatte. Sie zweifelte icht daran, daß
, er ihrer dachte, daß er für sie betete. Sie hätte es vor sich
l haben mögen, das Madonnenbild, vor dem er ofimals Trost
s gefunden hatte. Sie hatte den Trost sehr nöthig!
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Wenn sie ihn sehen, ihm Alles bekennen, ihn berathen,
ihm beichten könnte! -- Beichten! -- Vor einem Madonnenbilde-'
knieen!-- Wie hatte das alles ihrem Geiste, ihrem Empfinden, -
ja, ihrem Versiande sonst widerstrebt, als sie noch in stolzem Z
Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte! Und jezt? I
Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit ?
Einem Male wieder der alte Stolz empor, und der Troz mit ;
ihm. Sie wollte thun, was der Abbb begehrte, sie wollte die-
:
Hand des Priuzen aunehmen, uu es den Alb eupsinden zu -
lassen, was das Herz des Menschen leiden könne. Denn sie mit -
Gleichmuth in des Prinzen Armen zu sehen, das konnte auch ;
-
dem Abbü nicht möglich sein.
Und wieder sagte sie sich, daß sie ihn herabziehen würde -
von seiner Höhe und wieder wurde die Anbetungslust der Liebe
in ihr mächtig, die sie hoch hinaushob über jede menschliche -

Schwachheit. Sie fand ganz plözlich ein Geniigen, ja, einen F
Trost darin, das: er nicht ahne, was sie dulde, das er, ruhig z
und selbstgewiß, der Lebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei. F
Von einer Pein zur anderen fortgetrieben, ward ihr keine F
Rast, bis ihre Kraft erschöpft war und die mide Natur nach
z
Ruhe verlangte. Die Hände gefaltet, sas; sie in einer Art von z
Betäuubung wachend auf ihrem Lager. Minute auf Minute,
Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber; sie gewahrte e? F
nicht. Kein tröstender, kein beruhigender Gedanke kühlte ihre ,
heiße Stirn, erhob ihr gebeugtes Haupt. Sie kam sich alt, sehr
alt, sie kam sich einsam vor und sehr verlassen. Was sind auch?
agend und Schönheit und Besiz und Macht in der Stunde, ,
in der man einer großen Liebe zu entsagen hat?
Es überraschte sie, als der Morgen wie immer in die Höhe z
kam und das alltägliche Leben mit ihm. Es überraschte sie, als ;
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- derte sich, daß ihr Haar, da jene die haltenden Nadeln desselben
Flöste, noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren
Leib herniederfloß. Was sollte es ihr? -- Sie hätte es ruhig
; unier der Scheere fallen sehen. Heute hätte sie mit Freude den
F sie für ewig verhillenden Schleier über ißre Schläfe und ihr
s Atliz decken mögen, damit Niemand die Thränen gewahre, welche
,ans ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und
Z auf ihre Wanget niederflossen. Heute begriff sie es, das es eine
- Wohlihal sein löne, fern von der Welt, ungesehen und ver-
gessen von ihr, seinem Schmerze ganz allein zu leben.
Sie mußte ihre Dienerin entfernen, um sich noch einmal
Precht von Herzen auszuweinen. Und wie sie nuun da saß, hoff-
,nungslos und an sich selbst verzweifelnd, sticg jener unselige
TGedanke der Opferung, der schon manches Weib in gleicher Lage
,von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt
Z hat, blendend und verfihrerisch in ihrer Seele eupor.
Was war sie sich denn noch? Was war an ihr gelegen?
TEr sollte sehen, das auch sie entsagen, daß auch sie sich über-
, winden konnte, wenn es darauf ankam, ihm eine Genugthuung,
Fhm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten, in den
hre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebrachi haite und den er
Fnicht verdiente. Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach
Fihrem vollen Werthe geschätzt, er sollte der Firstin von Chiuay
Pas Zugeständniß nicht versagen dürfen, daß sie der höchsten
Piebe würdig gewesen wäre, weil sie die höchste Liebe ihres
Herzens, weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen
ermochte.
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a dieser Stimmung ließ sie sich zu dem Feste kleiden.
Sie legte zum ersten Male den Erbschmuck ihres Hauses an.
-Wie man die Jngfran, die der Welt entsagt, um sich dem
;immlischen Bräutigam, dem Heilande unauflöslich hinzugeben,
snoch einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen

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läßt, ehe des Klosters Psorte sie von der Weli abirennt, ss
wollte sie sich noch einmal in dem vollen Glanze ihrer Schönheit -
betrachten, ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten Manne übere?
liesß, umn dem Gelieben damil die ganze Grösße der Hingebung -
zu beweisen, deren sie fir ihn und seine Ehre, seine Ruhe fähigsei. I
Weil sie dahin gelommnen war, sich auuf einen falschen und -
lrilgerischen Boden zu slellen, verscholen uund verwirrlen sich ihr, ?
ohne das: sie es bemerkie, alle ihre Aesichten und Begriffe. Sie?
vergas: es, das: sie sich dem Prinzen zu vermählen beschlossen A
hatie, weil sie sich auuf diese Weise das Glick zu erkaufen dachte, F
den Abbe wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Um- ?
ganges, seiner Freundschaft nach wie vor geniesßen zu können. -
Sie vergaß auuch bald, daß eben der Abb sie vor der Ehe mit z
dem Prinzen gewarnt und daß er ihr vorgeschlagen hatte, Re-?
natus zum Gemahl zu wählen. Nur einen fliichtigen Gedanken ?
hatie sie auf diesen hingewendet, aber sie hatte zu viel Freund-s
schaft finr den jungen Freiherrn, sie wünschte ihm zu ehrlih ;
Glück, um sich ihm zur Gattin anzutragen; und da sie einmalT
auf die Vorstellung der Opferung gekommen war, diinkte sie dak
Opfer nicht groß geng, welches sie in einer Ehe mit Renatus,
die doch fir sie und fitr ihn kein Glick zu bringen hatte, über.-
sich genommen haben würde. Je länger sie darüber nachsann,?
um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel, vons
denen sie sich sonst mit Widerstreben, ja, mit Empörung abge-h
wendet hatte, so oft der Abbs es unternommen, ihr jene Ge- -
fühlsrichtung eingänglich zu machen, welche in der Selbstver- -
läugnuung, in der Entsagung, in der Opferung eine Tugend, j.
die höchste Tngend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblict.'
Daß solche Handlung auch mitien in dem Leben und Geräusche;
der Welt vollzogen werden, daß man sich schweigend und ohne- ;
Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie mit einem?
eingestandenen Opfer bringen könne, das hakte der Abbs oftmalt?
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F als seine lleberzeugng ausgesiellt; und eben so hatte er es oft
F behauptet, daß fir Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben
F werde, in welcher sich ihr urplözlich die Eckenntniß und die
F Wahrheil der Lehren erschließen wirden, die er vor ihr auusge-
, sprochen halte, das: die Stunde schlagen wünde, in der sie sich
j' mit ihm in denselben leberzengungen zusammenfinden und vielleicht
z ohne sie ünsierlic zu belenuen auus innerer Nolhwendigleil nach
hden Grudsäzen der- Mulierlirche handeln werdc.
? Nun war sie da, diese Slunie! llnd wie Eleonore in dem
s Königsschlosse, die im Glanze der Diamanten trchlende Grafen-
F lrone in dem blonden Haare, an der Seite der Herzogin durch
F die Neihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt,
F erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem
P Empfinden ihr so gros, dünkte ihre Lage ihr so einzig, daß sie
hdarin eine Auszeichnung des Himmels, daß sie eines jener be-
ßsonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte, wie Gott sie nur
Tseinen Auserwählten, nur denjenigen grosßen Seelen sendet, die
f er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heran-
z rifen zu lassen beschlossen hat. Der Stolz des Unglicks be-
Fmächtigte sich ihrer. Sie fand einen Genuß in dem Gedanken,
Fum des Geliebten willen großes Leid zu tragen, so sdaß sie
zendlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegen-
Fharrte, der ihr das Opfer für den Mann ihrer Liebe, die Ent-
Acheidung über ihre ganze Zuukunft auferlegen sollte. -- Und er
ieß nicht auf sich warten!
z Der König befand sich seit einigen Tagen ganz
FAuf seinen Stock gestiüzt, ging er in der großen
vortrefflich.
Pause des
FBalles langsam durch die Säle. Das schöne Wetter
machte ihn
Fheiter. Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des Tanzsaales
über den schönenTuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen
F Felder that ihm wohl. Paris war doch unendlich schöner, als
das enge, weitentlegene Mitau, als das melancholische Schloß
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von Edinburg. Und es umgaben ihn, wohin er heute blickte, so
viel Liebe, so viel Verehrung gg,d Bewunderung! Das Schiksal-
war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen, aber es gewährte sje
ihm auch. Er war sehr zufrieden heute, sehr wohl aufgeleg;
Alle Welt hatte sich heute des Besten von ihm zu rühmen, die
Uniformenträger, wwie die Männer in geistlicher Tracht, deren
sich eine große Anzahl in den Neihen der Gäste vorfand. Alt -
und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet, und mitI
huldvollsler Miene lral er an die Herzogin heran, an deren;
Seiie ihsre Nichle siand.
Wissen Sie, meine schöne Gräfin, sprach er, das: ich Ihnen -
zirne, erusilich zitrne?
Eleonore verneigie sich lief, und ahnend, was ihr jetzt be-;
vorstand, nahm sie sich fest zusammen und sagte lächelnd, während;
alles Blut ans ihren Wangen schwand, das: sie sich nicht be-;
wust sei, durch irgend etwas den Zorn der Majestät verschuldei
zu haben.
Daf Sie es nicht wissen, ist ein Verbrechen mehr, scherzte z
der König, denu es leiht Ihrer Schöheit, die Ihr Verbrechen,
ist, nur einen höheren Neiz. Sie verderben uns den Charalter, ?
Sie lehren uns den Neid, und es ist Zeit, daß man Sie aus
unserer Nähe, daß man Sie für eine Weile von dem Hofe I
entfernt!

Die Umstehenden zeigten sich entzüückt von so viel Gnade, -
von so viel anmuthvollem Scherze. Der König, fir solche An-
erkennung immer sehr empfänglich, wendete sich, so leicht alkz
seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete, zu seinem ersten,kammer?
herrn, dem Prinzen Polydor.
Mein Prinz, sprach er, Sie wünschten ja schon lange, h
Sich für einige Wochen auf Ihre Güter zurückzuziehen. Dek'?
König ergriff Eleonorens Hand. Zur Nettung unserer armen ?
Seele nehmen Sie die Gräfin Hauughton mit Sich. Unsere besten -


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s Wiunsche uund der Segen der Fran Herzogin begleiten Sie. Jm
h ßrühjahre sprechen wir dann selber bei der schönen Fürstin oor!
! Gnädiger, geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie
F gefunden, besser hatte er sich nie gefallen. Aber in dem Momente,
? in welchem der König Eleonorens Hand ergriff. um sie in die
F des Prinzen zu legen, fiel ihr Auge auf die Herzogin, und der
Z Ausdruck des Triumphes, den sie in ihren Mienen las, ver-
F wandelte das Herz der Gräfin. Sie konte sich zum Opfer
: bringen - der Herzogin diesen Triuuh zu bereilen, bas ver-
? üiochie sie uichhl, das wllie sie nici. llid von ihrem Hass zu
z
A rascher Entschlossenhheit getrieben, sprach sie, indem sie ihre Hand
F lesse auus der des Königs zog: Ic vermag Erer Majestät nicht
F zu gehorchen, denn ich bi ichi srei!
s Des Königs Brauen zogen sich zusanmen; es entstand eine
z Art von Erstarrung in den Mienenn Aller, die veruehmen und
ß sehen könnten, was geschah. Die Herzogin muste sich auf den
J Arm der Dame stizen, die ihr die nächste war.
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e Sie sind nicht frei? wiederholte der König, und sein
strenger Blic traf wie die Gräfin, so die Herzogin. Sie sind
; nicht frei?
? Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt!
erklärte Eleonore rasch entschlossen, wennschon mit bebender
z Stimme, während die Nöihe der Scham ihr Antliz übergoß,
als sie diese Unwahrheit behauptete.
z So gehen Sie Ihr Glick in Stille und Einsamkeit ge-
? nießen;' aber gehen Sie, und noch heute -- die Frau Herzogin
z wird Sie begleiten! herrschte der König. Und sich vons iht
- wendend, ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber.
Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof. Seit Könige
Z in den Tuilerien wohnten, war ein solcher Vorgang nicht erhört
F worden. Nur eine Engländerin, nur ein Mädchen, das in so
F schrankenloser Freiheit auferzogen worden war, konte eine solche

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Unwüsrdigkeit begehen, sich solchen Verlennens der Allerhöchsten
Gnade, solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen.
Man trat, soweit die Sitte dies erlaubte, nahe zusammen, e
entstand eine Leere neben der Gräfin und der Herzogin, die sich
in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler lehnte. Nie-
mand kam ihr zu Hilfe. Haite doch ihre Zudringlichleit den
gnädigen Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt. ,
Welch eine andere Frau hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen, -
so schlecht bewahrt! Die Ungade der Herzogin war vollauf -
verdient, man lonnie, mann durfie sie nicht bellagen; und wie -
mmtaun sie verdamule und fallen ließ, bewunderle mann den Prinzen
Polydor und seinen Vater, die, sobald der Dieust sie freiließ,
den beiden Verbannien ihren Aru und ihre Begleiiung boten, ,
um sie durch die Vorsäle in das Vorgemac zu siihren, in welchem -
die Diener sie erwarteten.
Vom Hofe verbannt - das hies vernichtel fir die Herzogin. -
In ihren lezten und höchsten Hoffnungen betrogen, sarr -
vor Schrecken, daß die Sprache sich ihr versagte, war die Herzogin ?
in ihrem Palaste angelangt. Keiner von ihren Leuten, wußte,
was geschehen war, die Bestirzung brachte das ganze Haus in ?
Aufruhr. Aber noch hatte man die Greisin, die in heftiger,
Beklemmung nach Athem rang, in ihren Zimmern der Hof--
kleidung nicht entledigt, als Eleonore schon den Freiherrn von -
Arten zu sich bescheiden ließ.
Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause. Die gestrige-
Unterhaltung mit dem Abbe hatte einen tiefen Eindruck auf ihn
gemacht und ihn unzufrieden mit sich selbst zurückgelassen.;
Er konnte es sich nicht wegläugnen, daß fast alles, wasß
sein geistlicher Freund über die Gräfin und über deren Tante-.
geäußert hatte, richtig war. Auch in dem allgemeinen Urtheile, -
welches der Abbe über die Frauen und über die Bedeutung und ;
den Werth einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatie, siimmie -

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er mit ihm zusammen. Schon während jener noch an sginer
, Seite ging, hatte Nenatus unwillkürlich die beiden Gestalten,
Eleonore und Hildegard, einander gegenüber gestellt und mit ein-
- ander verglichen. Er hatte das schon oft, er hatte es fast an
jedem Tage gethan, und immer war die Enischeidung zu
Eleonorens Gunsten ausgefallen. Nun hatie er mit Einem
Male zu bemerken geglaubt, daß er gegen seine Verlobte nicht
gerecht gewesen sei, daß er ihr lange in seinem Herzen Unrecht
gethan habe, und wie der AbbI ihm mit so viel Wärme von
dem Gliicke gessrochen hhaiie, da eie Mammue aus der vollen,
hingebenden Lebe einer demüihigen, in engem Kreise sich be-
schränkenden Fran erwachse, halie Nenalus sich mii einer Be-
schämuuig, die jedoch ihr Süstes hale, eiugesladen, duuus ihn
dieses Glic erwarle und das: es nuur an ihm liege, es sich,
sobald als er wolle, anzueignen.
Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an
seine Verlobte, nicht mehr mit Sehnsucht an die Heimath gedacht.
F Wls er aber am verwwichenen Abende in seine Wohnung zurüc-
; gekehrt war, hatte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder
? Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen,
in dem er sie bewahrte. Die schöne, röthlich blonde Locke, welche
, se sich in der Scheidestunde abgeschnitien, fiel ihm dabei in die
Hand. Er hatie sie während der ganzen Feldzüige auf der Brust
s getragen; erst in Paris hatie er sie von sich abgelegt.
? Nun hielt er sie gegen das Licht, sie glänzte hell wie Gold.
j Er ließ sie durch die Finger gleiten, strich sanft mit der Hand
F darüber hin; das Haar war seidenweich, und zärilich, als habe
z er die Geliebte selber neben sich, drückte er die Locke an die
z Lippen.
z Er war gerührt und fihlte sich schuldig. Einen nach dem
s andern las er die Briefe durch, welche er im Lnufe der letzten
- Jahre von Hildegard erhalten hatie; aber je mehr er sih in sie
- F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
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vertiefte, je weniger war er mit sich zufrieden. Er komnte
es nicht begreifen, wie er diese lieben Briefe so gänzlich mißoer-
stehen können, wie er diesen armen, guten Briefen so schweres
Unrecht habe thun mögen. Die Liebe halte seine Braut seherisch.
gemacht, und er war blind gewesen, verblendet über sie und!
über sich.
Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen ,
Sorgen? Hatte sie nicht Necht gehabt mit ihrer Ahnung, daß -
eiiie Anidere ihhr dio Lole ilsres Brhuligas eniziehe, das; er sih
nicht mehr nach ihr sehuue, das; er sie zuu vergessen nahe sei? -
Und was konnte sie dafür, daß die Zustände in Nichten nicht -
erfreulich waren, das; sie ihm von den Schwierigkeiien sprechen -
mußte, von denen sie sich ungeben sah? - Arme, arme Hilde-
garg! rief er aus, und er kam sich treulos und pflichtvergessen;
gegeniiber ihrem treuuen Herzen vor.
Er nannte ek ein wahres Glück, das er eben heute dem -
Abb das Geleit gegeben, daß ihre Unterhaltung eben diess
Wendung genommen hatte. Es wäre ihm unmöglich gewesen, -
die Ruhe zu suchen, ohne an Hildegard geschrieben zu haben,.
und einmal auf den Weg der Bekenntnisse gerathen, fand er.
eine Lust darin, sein Gewissen zu befreien, indem er seiner Ver?
lobten die Gefahr, in der er sich befunden hatte, wie die Ver-s
suchung, der er ausgesetzt gewesen sei, mit den warmen Farben;
darstellte, welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und zau-
berische Reize in seiner Phankasie hervorrief.
Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Ninaldo in Ar«
midens Zaubergärten; er schilderte Hildegarden die Gräfin inz
aller ihrer Schönheit, um der Entfernten klar zu machen, daß-
er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden, und um ,
ihr zu beweisen, daß nur eine so starke und treue Liebe wie die;
seinige einer solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe?
Und wie er am Abende mit inierer Beschämung seinen Brief ;

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gonnen hatte, war er sehr wohl mit sich zufrieden, als er ihn
h andern Morgen durchlas und beendigte.
F Die Jahre, welche er fernc von der Heimath und von seiner
ßaut verlebt hatte, dünkten ihn unbegreiflich lange. Er warf
s sch vor, daß er nicht eher an seine Heimkehr gedacht, daß
ß die immer wiederholten Mahnungen seiner Brut, die auf
bd genaueste mit den Vorstellungen Paul's zusammentrafen,
iher unbeachiet gelassen habe. Er versprach an: Schlusse seines
Briefes, dasi er noch selbigen Tnge die nihsigen Schriiie ihunn
polle, um sic eiuen längeren Urlaub zu erwirken, oerhieß seiner
aut, das ihre Verbindung nun nicht weiter hinausgeschoben
kerden sollte unnd das; sie dann gemeinsam üüberlegen wüirden,
h sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurickkehren
der ob er darauf antragen solle, in eines der in der Heimath
ienden Negimenier versetzt zu werden. Es fiel ihm dabei gar
iht auf, das: er der Möglichkeit, in Nichten auf seinen Be-
jungen zu leben, nicht gedachte, obschon alle seine und seiner
hrlobten Plane früüher eben darauf berechnet gewesen waren.
h-
, Da er um Mittag zur Parade gehen mußte, nahm er den
ßief an Hildegard mit sich, um nachzufragen, ob er nicht auf
e Gesandtschaft eine Gelegenheit fände, ihn schneller als durch
A damals noch sehr langsam gehenden Posten zu befördern,
h als ihm dies gelungen war, sprach er noch in dem Col-
gtum vor, weil er den Abbe zu sehen und ihm zu sagen
dnschte, wie wohlthätig und befreiend seine gestrigen Erklärun-
F auf ihn gewirkt hätten. Aber als er sich nach demselben
Fundigte, erhielt er den Bescheid, daß der Herr Abbe vor zwei
Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium
hgereist sei. Auf die Frage, wohin er gegangen wäre, ob
ßn die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen könne, wußte der
enstihuende keinen Bescheid zu geben, und Renatus ließ also
zr seine Karte mit einem Grusze und ein paar Danlesworten
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-- Z08--
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fine den Abbä zurick. welche diesem verständlich sein komnte
ohne einem Dritten irgend etwas Ungewöhnliches zu sagenF
An Hildegard senkend und dabei immer wieder auf Eleongt
zurückgefihrt, tadelte er sich endlich, das er sich nicht offener u
freier gegen dieselbe gestellt habe. Alles, was der Abb vg
ihr behauptet, das gab Renatus auch jetzt noch zu, hatte meh
oder weniger seine Richtigkeit; aber darin schien der Abbsih
Unrecht zu khnn, das er der Gräfin ihre eigentliche Wesenhh
zum Vorwwurfe machle, das; er nichi anerkannte, wie eine solß
Natur sich auf ihre Weise mil der Welt und mit dem Lebe
abzufinden habe. Es ist sein Stand, es ist seine Ehelosiglh
sagte sich Nenatus, die unseren Abbä so streng machen, undg
gefiel ihm, daß er sich eines nachsichiigeren Uriheils üüber d
Gräfin bewust war. Wenn eine Frau wie diese mehr für b?
Freundschaft als finr die Lebe geschaffen schien, so hatie man?
nach des jungen Freiherrn Ansicht, diese Eigenschaften, dieF'
besas. zu schäzen, hatte man anzunehmen. was sie zu biete,
gewillt war, ihr zu leisten, was sie begehrte, und der Akb'
TPF =- »==- =- = == =
--
Nenatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewe
tigen Eindruckes bewusßt gewesen, den Eleonore auf ihn gemah
hatte. Er gestand es sich jezt offen ein. daß es hauptsächlß
sie gewesen sei, die ihn an Paris gefesselt und ihm den E
danken an seine Heimath und an seine Braut beängstigendg
macht habe. Nun er aber zur Besinnung und zu sich undd;
eigentlichen Bedingungen seines Daseins zurückgekehrt war, meit!
er es eben einer Eleonore auch schuldig zu sein, ihr frei uy
unumwunden seine Freundschaft anzutragen. Er wollte T
Vertrauen gewinnen, indem er ihr das seinige voll und gef
gewährte. Sie sollte wissen, wie nahe er daran gewesen wä
um ihretwillen sich und seinen Pflichten, ja, seiner Ehre untrh
-
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y werden; und da seit geslern auf dem Boden seiner neu ge-
Pien guten Vorsätze das Bild seiner Braut wwieder lebendig in
h emporstieg, fo das: es sich ihm in bem Schimmer der Sehn-
zcht uud der Erinnerung immer mehr ver?lä.i., so tauchte
z-Fp-
Feichzeitig auch das Verlangen in ihm empor, die beiden Jfig-
Jpmof
g= -- - welche ihm als die Jdeale ihres Geschlechtes, als die
kden weiblichen Wesen erschienen waren, denen er sich in Liebe
Pd Freundschaft hknzugeben wünschte, einandec nahe zu bringen
hd wo möglich durch seine Vermitilung z. verbinden. -
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