Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 25

Vierzehntes Capitel.
ls-rünidzwauzig Slen nachh dieser Unuierredung waren
die grosen änseren Thiren des herzoglichen Palasies, die gastlich
offen standen, wenn die Herrschaft auwwesend war, geschlossen.
Die Dienerschaft zog an den Fenstern, welche nach dem vorderen
Hofe gelegen und zum Theil in den oberen Stockwerken von
der Straße aus sichtbar waren, die Gardinen zu und ließ die
hölzernen Vorhänge herunter. In dem stillen, nach dem Garten
hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an dem
Lager der Greisin, deren feste Natur diesem Stoße sich doch;
nicht gewachsen gezeigt hatte. Der Arzt, den man herbeigerufen,
als die Herzogin vom Hofe gekommen war, hatie ihren Anfall
fir einen Herzkrampf, ihren Zustand bei ihren hohen Jahren
für sehr bedenklich erklärt. Es konnte von ihrer Abreise die
Rede nicht sein, obschon sie darauf bestand, dem Könige auch-
in dem Befehle, den er ihr im Zorne gegeben hatte, püünktlich zu
gehorsamen. Man mußte also auf ihre Anordnung dem Palais
wenigstens das Ansehen geben, als habe sie es verlassen, und-
selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen, die gekommen
waren, nach ihr zu fragen, verweigerte man auf ihren aus-
drücklichen Befehl den Zutritt zu ihr. Sie mochte sich in der
Ungnade, die sie getroffen hatte, von Niemandem sehen, von
Niemandem beklagen lassen. Sie versagte Anfangs sogar, Arzenei
und Speise zu nehmen; man war übel mit ihr daran.
Eleonore. war mit Tagesanbruch abgereist. Sie hate noch
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an dem verwichenen Abende einen Pasz fir sich und ihre Be-
, dienung gefordert, und da der englische Gesandke, ein Freund
ihrer verstorbenen Muiier, von dem Vorgange im Schlosse Zeuge
gewesen war, hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr
seine Dienste angebolen, falls sie irgend einet Nathes ober
Schutzes bedinnftig sei. Er hatie sich bei der Gelegenheit die
Frage erlaubt, ob ihr Verlobter ihr bald nac England folgen
werde, ob sie ihn später nach Deuischland zu begleilen gedele,
und gleich uuusähig, sic der lluvahhrhei! anzullagen, wwie eine
, Aeiiserung zu lhuun, die ein salsches Licht auf Nenatus werfen
konnte, hatte sie dem Gesanndten ohne alle Erläuterung erklärt,
daß von einer Verbinduung zwischen ihr und dem Freiherrn nicht
, mehr die Rede sei. Das hatte ihre Lage noch verschlimmert,
- und nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain,
sondern auch in den Kreisen, die dem Hofe nahe staunden, botrn
die Ungade, in welche die Herzogin von Duras gefallen war,
F und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton
, in den nächsien Tagen und Wochen den Gegenstand der Unter-
haltung, den Stoff für die abenteuerlichsten Vermuuihuungen dar.
s Nenatus spielte in denselben bald diese, bald jene Rolle.
; Die Einen behaupteten, die Gräfin habe in Bezug auf ihn
Entdeckungen gemach., die ihm zur Unehre gereicht und sie be-
, wogen hätten, ihre Verlobung mit ihm zu lösen; Andere wollten
, wissen, das; der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin
F gelommnen sei, dem er habe zum Deckmantel dienen sollen, und
-die Zahl derjenigen, welche diese Meinung aufrecht erhielten,
wuchs mit jedem Tage. Man sprach davon, daß sie seit ihrer
Kindheit einen Sohn ihrer Amme, dem man eine gewisse Er-
zehung gegeben hatke, zu ihrem Diener gehabt habe. Man
F erinnerte sich, daß derselbe ein schöner Mensch gewesen sei, daß
F die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt und ihn
auch jetzt wieder mit sich genommen habe, obschon eben in diesem
! I. e wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

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Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sig
gewesen sein wünde. Wenn gegen solche Gerltchte sich auch die
Stimme der Personen, die Eleonoren nahe gestanden hattenF
mit Eutschiedenheit und mit Entristug auflehnte, so gingen
doch manche üble Audeutungen über sie durch die Presse in dle
Deffentlichkeit über, und es waren, sonderbar genug, gerade dies
frömmsten Matronen, die vornehmen Frauen, welche denselben!
geistlichen Beraiher it der Herzogin hailen, von denen jenes
böswilligen Gerichte ihren Ausgang hatten und ihre Bestätig
z
gung erhielten.
Der Abbe von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur
in so fern genannt, als man sich wunderte, wie ein Mann vons
seiner Menschenkenntnis; sich über den wahren Werth und über-
die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so!
völlig habe täuschen können. Als man des Ereignisses einmal
zufällig selbst vor dem Erzbischof erwähnte, meinte derselbe, daß
gerade der hohe und nur auf das Große gerichtete Sinn des
Ahhs das Geringe am leichtesten habe übersehen können undi
daß eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu!
geneigt gewesen sei, das Unedle in Anderen vorauszusetzen. Ers
beklagte den Abbb wegen dieser übeln Erfahrung, fceute sichF
daß derselbe eben jetzt zufällig von Paris entfernt sei und daß
es ihm also erspart werde, ein ohnnächtiger Zuschauer bei soj
schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zuz
werden, und als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in denß
günstigen Urtheile über den Abbä von Herzen beistimmten, als
die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter Entrüstung
gegen Eleonore erhoben, forderte das milde Herz des KirchenF
fürsten Nachsicht auch für die Verirrte. Er gab es zu bedenkenz
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dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Geg

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walt mit Sicherheit zu finden vermöge. Dat räumte man ihm
willig ein. Einem Mädchen, das unter der Aufsicht frommer
Nonnen im Kloster erzogen worden, einent Mädchen, dem der
Rath und die Afsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite
gestanden, häiken solche Abenteuer nicht begegnen können. Man
entschuldigte endlich Eleonore mit einem niederhrückenden Mitleid
uyd man begann gleichzeitig, die Herzogin zu tadeln, die, nur
aiif weliliche Vorkheile fir sich und ihre Freunde bedacht, es
perabsäumt hatie, ihre Nichie auf den Weg des Heils und in
die Arme der Kirche zu führen.
Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen
Rickschlag zu erleiden. Er sah sich von seinen Belannten und
Umgangsgenossen mit einer mehr oder weniger verhehlten Neugier
betrachtet, die Näherstehenden wagten vorsichtige Fragen, um,
wie sie behaupteten, den an sie von allen Ecken und Enden ge-
stellten Erkundigungen entsprechen zu könten, und die Verwir-
rung seines Gemüüthes machte ihm die Nadelstiche, die ihm fort-
wähhrend zu Theil werdenden kleinen Verletzungen und Kränkungen
nur empfindlicher, ihn nur ungeduldiger in ihrer Abwehr. Alles,
was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt, ihn
ganz natüürlich gediünkt hatte, wurde ihm nun plözlich zu einem
Gegenstande, der reifliche Erwägung forderte. Es war zu be-
denken, ob er in dem Palais der Herzogin bleiben könne, bleiben
solle, zu bedenken, ob es gerathener sei, Paris zu verlassen, die
Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen,
oder sich zu behaupten und zu versuchen, in wie weit es möglich
sei, auch Eleonoren dabei nützlich zu werden. Und bei dem
allem lag ihm die Besorgniß, daß man seine Ehre antaste, ohne
daß er das Geringste thun könne, dies zu hindern, schwer auf
der Seele.
Hier und da stieß er auf Fragen, auf Andeutungen, die
sein Blut zum Sieden brachten; mehrmals stand er auf dem
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Punkte, die vorsichtig Zudringlichen, wie es sich nach seinet,
edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte, zu blutigek
Rechenschaft zu ziehen, aber die Besonnenen unter seinen Ge-
uossen und Kameraden wuszten die Zerwürfnisse beizulegen und
ihn zuu beschwichtigen, indem man ihn daran uahnte, daß der
Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen Gefahren aus-
gesetzt sei, und das; in dem Verhältnisse, in welchem die preu-
szischen Truppen sich in Paris befänden, fiür den Chef derselben
nichlü uugzelezzeer louen löuue, uli eis Duell umnler seinen
Offizieren, oder gar dad Duell eies seiner Offiziere mit einem
zum Hofe gehörenden Franzosen.
Troz ihrer Kruuulheit verlangie bie Herzogiu es auch ganz
ausdrücklich, daß ihr junger Gast unter ihhrem Dache bleiben
solle. Sie lies; es ihn duurch den Arzt wissen, dasi es ihr be-
ruhigend sei, einen ihr befreundelen Menschen in ihrer Nähe zu'
haben, für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne,?
sich von ihr zuri czuziehen, und dem sie keinen Nachiheil zuzu-?
fügen füürchten müsse, wenn er sich ihr anhänglich erweise. Mits
ziiternder Hand schrieb sie ihm an einem der folgenden Tage, s
daß sie ihn noch zu sehen hoffe, ehe sie vom Dasein scheide, und?
da die Freude an der schönen Formn in ihr nuur mit dem Leben?
selbst, erlösen Ionnte, figte sie den zwei Zeilen am Schlusses
ris Wendung zu: da sein Vater ihr in Leid und Sorge seine?
Hand gereicht, so habe der Himmel wohl die Hand des Sohnes?
z
auserwählt, ihr die müden Augen zuzuschließen.
Nenatus blieb also in ihrem Hause. Von Seiten seiner?
Freunde und Vorgesetzten sah man dies gern. Es ließ ihn?
schuldlos an dem Geschehenen erscheinen, und er selber war zu
reinen Sinnes, um es der Herzogin zuzutrauen, daß sie ihn -
gerade deßhalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore beiz
sich festzuhalten suchte.
Wenige Tagze tuueh der Abreise der Griisi, als Renuutus

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sich eines Abends zu Hause und einsam in seinem Zimmer
befand, ward der AbhH ihm angemeldet.
Er sagte, dasß er eben erst angekomnmnen sei, daß er eben
erst mit höchster Bestürzung das Geschehene erfahren habe. Mit
mehr Lebhaftigkeit, als er seinem Aunsdrucke sonst zu geben
pflegte, beklagte er es, daß er nicht in Stande gewesen sei,
dem Nufe der Gräfin zu folgen. Er beurtheilte sie weit weniger
streng, als in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn,
versicherle, das; er ihr gleich heuie schreiben werde, und billigte
es durchans, das; Renains in der Nhe der Herzogin geblieben
sei. Dann ließ er sich bei dieser aumelden und wuurde von ihr
trotz der spätent Abentdstunde angenomuten.
Von dem Tage ab kehrte er regelmäißig am Morgen und
am Abende wieder, und der Arzt khat keinen Eispruch dagegen.
Das Uebel der Kranken stellte sich als ein unheilbares heraus
und machte raschen Fortschritt. Man gönnte ihr also jede Er-
anickng und Zerstrenuung, deren sie begehrte. Der Abbä kam
und ging. Er hatte es vor Niemandem Hehl, daß er an einer
Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte arbeite; er hatte sogar
verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von Chimay,
den er in das Interesse zu ziehen suchte. So lange man auf
die Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet
hatte, war es zwischen den Betheiligten als selbstverständlich an-
gesehen worden, daß Elenore die Erbin der Herzogin wurde
und daß auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besize des Ver-
mögens gelangte, welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte.
Jezt wollte sie ihrer Nichte natürlich diese Voriheile entziehen,
und der Fitrst seinerseits wünschte sie zur Abfassung eines Testa-
mentes zu Gunsten seines Sohnes zu veranlcssen; aber wider
sein Erwarten stieß er auf ein Widerstreben bei der Herzogin.
Ihr Beichtvater, welcher auf den Wunsch ihres alten
Freded uii ihr zuersi von dieser Augelegenheil gesprochen,

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hatte eben dadurch ihr Mißtrauen erregt, und es hatte kaün!
einer Mühe für den Abbe bedurft, um die Herzogin zur Mit?
theilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen. Sie nannte
es eine unbegreifliche Härte, daß man von ihr mit der Erb-
einsezung des Prinzen Polydor ein Zugesländnis fordere, welches
sie zu machen durch ihr ganzes Leben vorsichtig vermieden habe.
Da mir das Loos gefallen ist, mil meines Königs Un-'
gnade belastet von der Welt zu scheiden, sagte sie, wäre es ein;
Verbrechen gegen mich selbst, wenn ich meine Hand in meinen
lezten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Nuf und an
meine Ehre legen sollte! -- Und der Abb bestärkte sie in dieser
Ansich:.
Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den
Prinzen Polydor, in deren engstes Vertrauen er sich auf diese
Weise plötzlich gezogen fand, daß man die Empfindungen der,
Sierbenden zu ehren und zu schonen habe, und als des Hin-?
und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte,.
that er endlich einen Vorschlag, auf den Niemand zuvor ver-
z
fallen war.
Er schilderte dem Prinzen die üble Lage, in welche die?
Gräfin sich versetzt hatie, spielte darauf an, daß in dem Wappen,
der Fürsten von Chimay sich ein gefesseltes Weib befinde, weih
dex erste Chimay seinen Adel durch eine an einer Jungfcauf
geübte großmüthige That errungen habe, und er rieth dem Prln?
zen, dem Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten.
Gllck und Unglück haben verschiedene Maßstäbe, erzeugen?
verschiedene Ansichten, sagte er. Was man in der Fülle des?
Glückes, in voller, freier Sicherheit zurückweist, das ersehnt man?
in der Stunde der Gefahr. Er behauptete zu wissen, daß nicht?
wirkliche Abneigung gegen den Prinzen, sondern nur die eigen-,
sinnige Auflehnung der Gräfin gegen das, was sie als eine List?
der Herzogin bezeichnete, den ganzen beklagenswerthen Vorfall'

veranlaßt habe. Er sprach den Glauben ars, daß es eben jetzt
in der Macht des Prinzen stehe, von der Dankbarkeit und
Achtuung der Gräfin zu erlangen, was seine Liebe bisher ver-
gebens von ihr erbeten hatte. Er schlug dem Prinzen vor, sich
schrifilich gegen die Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszu-
sprechen, ihr zu erklären, wie er an dem Charakteradel und der
hohen Siniesreinhheil Eleonorens leinen Zweifel hege, und wie
er es beklage, wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu
beigetragen haben sollte, die unheilvolle Vermittlung Seiner
Majestät heraufzubeschwören. Schließlich aber gab der Wbbs
den beiden Fünsten zu bedenken, daß es einc gcose, eine schöne
Handlung sei, wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbe-
fleckten Ehre sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme, und
wie es völlig unmöglich sei, daß ein solches Mädchen der Groß-
muth des sie beschützenden Mannes dauernd widerstehen könne.
Er kam immer darauf zurück, daß für den Prinzen Alles zu
-gewinnen oder Alles zu verlieren sei, und daß derselbe der Her-
zogin seine Anhänglichkeit besser nicht beweisen könne, als indem
er, gleichviel, ob auf geradem Wege oder auf einem Umwege, ihr
zur Verwirklichung ihrer Absichten und Wünsche behülflich werde.
Darüber verlief eine Reihe von Tagen, und Renatus hatte
gerade sein Urlaubspatent erhalten, als man ihn in der Nacht
weckte, weil die Herzogin zu sterben glaube und ihr Testament
zu machen vorhabe, bei dem sie der Zeugen nicht entbehren kdnne.
Es war eine große Aufregung im Hause; man hatte in
den Corridoren und auf der Treppe die Lampen in Eile ange-
zündet, das Portal war offen. Fast gleichzeitig fuhren die beiden
Wagen der Herzogin in dasselbe ein. Sie hatte die Prinzen
von Chimay, Vater und Sohn, und ihren Beichtiger zu sehen
verlangt, ud man haiie sich beeilt, sie herbeizuholen. Der
Notar und der Arzt waren schon vor ihnen angelangt; Renatus
fand sie alle um die Sterbende versammelt.

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Die Herzogin sas, von ihren Frauen unterstitzt, troz ihösß
Schwäche hochaufgerichiet auf ihrem Lager. Obschon das Haup?
ihr müde herabsank, sahen doch ihre scharfen Augen noch fesk
umher, und sie hatte für Jeden ein Work, ein Zeichen des Be?
s
merkens, wie in ihren guten Tagen.
Als sie alle diejenigen beisammen fand, die sie halte rufen
lassen, ersüuchle sie den Noiar, den Awwesenden dad Testament
vorzulesen, wie er es nach ihren Anorduungen niedergeschrieben
hatte. Sie hörte, weil die Brust ihr sehr gepreßt war, nuk
wwenig danach hin, wähhrend er das Formnular vorlas, aber sie
richtete mit Anstrengug ihr Haupt in die Höhe, und ihr Auge
ging von dem greisen Füürsten zu dem Prinzen und von diesen
zu dessen Vater zurüück, als der Notar die Worte aussprach:
,Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werthen
Freunde, des Fürsten August Philipp von Chimay und seines
Sohnes, des Prinzen Philipp Polydor von Chimay, vermachß
ich meinen ganzen Besiz, er mag Namen haben, welchen ef
wolle, an meine Nichte, Eleonore Corinna Marquise von Lauzunß
Gräfin von Haughton, unter der Voraussicht, daß sie sich meinenß
Wunsche und dem Befehle Seiner Majestät des Königs in Ge?
horsam fügen und den Prinzen Polydor, nachdem sie ihret
Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauf
ben überantwortet hat, in Anerkennung seines verzeihenden Pep,
zens und seiner großmüthigen und edelmännischen Gesinnung,
zu ihrem Gatten wählen werde. Sollte sie sich dessen weigern,
sollte sie mir die Genugthuung versagen, die ich von ihr z
erwarten berechtigt bin und welche die letzte ist, die ich nocß
hienieden erhoffen kann, so will ich, allem Irdischen, mich abß
wendend, nur auf das Heil meiner unsterblichen Seele bedach
sein. Von dem Tage ab, an nelchem man die Wappen deH
Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zus
Vaudricourt, an der Seite meines vielgeliebten Gatien, des vet

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1 storbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert Chlodwig von Duras,
befestigen wird, sollen, sofern die Gräfin Haughton die Hand
-des Fürsten Polydor nicht annimmt, die frommen Väter des
Jesuiten -Klosters zu Malanche die alleinigen Erben meines
ganzen Vermögens und Besitzes werden, damit mein Andenken
in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner
aren Seele die Gebete und die erlösenden Firbitten nicht fehlen
nögen, auuf welche ich in dem Falle von meiner Nichte, der
Gräfin Haughton, nicht zu rechnen haben wiede.!
- Der Nolar hiel iuue. Er las danach den Schlus; des
Formulars, man reichto: der Herzogin die Feder hin, hielt einen
Leuchter so in die Höhe, daß sie sehen und schreiben konnte,
ohne von dem Lichte geblendet zu werden, und erwartete, daß
j ße jetzt unterzeichnen würde. Aber sie zögerte, es zu thun.
Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen, blickte sie
üden Fütrsten noch einmal an. Keiner von beiden, man konnte
Z es in ihren Mienen lesen, hatte diesen Schluß des Testaments
erwartet. Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich über-
rascht; auf eine Wendung des Testamentes, die Alles von der
Entscheidung der Gräfin abhängig werden ließ, hatte er nicht
s gerechnet.
z Es war kodtenstill im Zimmer. Renatus, der auf der
flinken Seite des Lagers der Herzogin zunächst stand, meinte in
sihren erstarrenden Zigen plötzlich noch einmal jenes überlegene
,sarkastische Lcheln zu gewahren, vor dem er als Knabe Scheu
Fgetragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war.
s Die Herzogin athmete immer schwerer. Wie betrübi sie
Find! sagie sie kaum hörbar. Wie betrinbt ste Alle sind! Mein
zod macht Niema.den froh, und sie werden Alle, Alle lange
an mich denken! - Die Feder, die Feder! - Licht, schnell
Zas Licht! rief sie mit lezter, plözlicher Kraftanstrengung, und
ie Hand mit Gewalt fest auf das Papier auflegend, daß sich

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ihre Schwäche nicht verrieih, unterzeichnete sie mit klaren BuchFz
staben ihren vollen Namen. Dann ließ sie die Feder fallen, ihr!
Haupt sank ihr zurück, und ehe noch die Zeugen ihre Namen untek
das Testament geschrieben halien, war die Herzogin gestorben.
Jeder von ihnen hatte seine besonderen Nückerinnnerungen
bei dem Tode dieser Frau. Eine halbe Stunde späier war das
Zimmer verlassen. Der Notar traf die nöthigen gerichtlichen
Mascegeln, die herrenlose Dienerschaft ging ihrem Belieben nach.
Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der
Herzogin ohne besondere Theilnahme und ohne irgend ein Er-
stauunen. Man fand es natiürlich, daß des Königs Ungnade
ihr das Herz gebrochen hale. Als aber der Monarch, im An-
gedenken alter Freundschaft, den Befehl gab, dasß sein Wagen
den Leichenzug der Herzogin eröffnen solle, folgten der Hof und
die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser Anweisung, und die Her-
zogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Nuhe bestattet.