Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 26

Fiünfzehntes Capitel.
Fhiedergeschlagen wie Einer, den ein schweres Unglick
betroffen hat, sas; Renatus in dem Reisewagen, der ihn von
Paris entfernte. Als er vor vier Jahren inmitten eined be-
geisterten Heeres, von Gefecht zu Gefecht, von Schlacht zu
Schlacht siegreich fortschreitend, durch diese Gegenden zog, war
ihm anders zu Sinne gewesen. Aus der Fremde nach der
Heimath gehend, kam er sich wie ein Verbannter, wie ein
flüchtling vor. Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und
völlig unentschlossen, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er
war unzufrieden mit sich, unzufrieden mit seinen Verhältnissen,
unsicher in seinen Neberzeugungen, und sein Gewissen war
beschwert.
Wenn er sich vorhielt, daß er nach Hause zurückehre, um
sein Wort gegen Hildegard zu lösen, schien es ihm unnatürlich,
daß er zu dieser ging, die seiner nicht bedurfte, statt Eleonoren
nachzueilen, die ihn, oder doch in jedem Falle den Beistand eines
Freundes nöthig haben mußte. Wenn er sich sagte, daß es
Zeit sei, sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu
machen, wozu Paul ihn immer dringender ermahnte, überkam
ihn die drückende Einsicht, wie er von diesen Dingen nichts ver-
stehe, und die Abneigung gegen den persdnlichen Verkehr mit
Paul verminderte dieses Unbehagen nicht. Wohin er seine Ge-
danken richtete, überall stieß er auf Dinge, die ihn beunruhigten.
Der Aufenthalt in Paris war ihm verleidet und peinlich

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geworden, in Berlin erwarteten ihn lästige Erörterungen h
Geschäfte, denen er sich nicht gewachsen wußte, während ihm dß
Möglichkeit vorschwebte, da; die Gerüchte, welche auf seine Kosteß
in Paris in Umlauf gewesen waren, ebenso nach Berlin gelangj
sein konnten; und die Mißverständnisse und Zerwürfnisse zwischeß
seiner Braut und seiner Stiefmutter, mit deren Schilderunh
man ihn auns der Ferne schon behelligt hatie, versprachen aucs
nicht, ihm den Auufenthalt in Richten zu erleichtern oder zF
verschönern. Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung
vorgehalten hatte, dann bemächtigte sich seiner immer wieder diß
Erinnerung an Eleonore, um ihn vollends unglücklich zu machen,
In dieser Verfassung langte er an eineu der lezten Tage
des Februar in der Hauptstadt seines Vaterlandes an. Es wa
gegen den Abend hin und noch sehr kalt. Bis man seinen
Wagen abpackte, seine Koffer öffnete, verging eine geraume ZeitF
und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleides
hatte, war es vollends spät geworden.
Nahezu sechs Jahre waren vergangen, seit er Berlin verF
lassen hatte. Damals war die Stadt voll von Franzosen ges
wesen, und er selber war, ihren Fahnen folgend, für Napoleonj
in den Kampf gezogen, für denselben Kaiser, der jetzt, ein zumnj
zweiten Male Niedergeworfener, auf dem einsamen Felsen!
Eilande inmitten des Weltmeeres in harter Gefangenschaft seins
Tage hinschwinden sah. Jezt herrschten Ruhe und Friede gt
dem Lande, das Geschlecht der Hohenzollern sasß wieder in vollej
Sicherheit auf seinem Throne, und doch wollte es Nenatus, alh
er, von seinem Gasthofe kommend, durch die Straßen gingß
bedünken, als sei es sonst belebter und lustiger in denselhet
gewesen.
Berlin erschien ihm traurig, kleinstädtisch und leer. HasH
schnell fluthende Leben des glänzenden Paris hatie den Maßstäi
verändert, nach welchem der Freiherr die Dinge maß, und mehg

ßoch, als der Ort, kam er selber sich verwandelt vor. Wo
woaren all die Wünsche und Hoffnungen, wo war die schöne,
schmerzliche Sehusuchf, wo war die gaze nnere Zuversicht
geblieben, mit welcher er an jenem hellen, kalten Mittage
än seines Oikels Haus vorüber in den russisch Kricg ge-
zgen war?
- Als er, von semtem Gasthofe ausgehend, an das Schau-
spielhanns lam, sah er aus alter Gewohnheit nach den Fenstern
zines Echauses hinauf. Einer seiner liebsten Ka neraden hatte
dori gewohnt. Der fröhliche Gesell war in einem der ersten
Pefechle des Freiheitskrieges gefallen; auch sein Vetier, der Ne-
iatus diesen Todesfall gemeldet hatte, war ein Opfer des Krieges
geworden. Der Bruder lebte noch und stand bei einem der in
Berlin garnisonirenden Regimenter; aber er hatte sich verheirathet
und Renatus es versäumt, sich um seine Wohnung zu erkundigen.
Er dachte an diesen und jenen von seinen friheren Bekaunten,
bhne zu wissen, ob sie in der Stadt und wo sie anzutreffen
wären. Das ließß ihn nnr nöch deutlicher merken, wie lange er
entfert gewesen sei, wie fremd er in Berlin geworden war,
hud diese Einsicht, verbunden uit jener Scheu, welche man,
wenn man mit sich selbst nicht einig ist, vor jeder Erörterung
Fber sich und seine Zustände empfindet, machte ihn vor dem
Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken, die zu sehen
Fr eigentlich gekommen war. Wäre er seiner Stimmung gefolgt,
ßtte er einen Zanberstab besessen, er wäre in demselben Augen-
Plicke davongegangen. Aber wohin? Es blühten ihm an keinem
Orie Freuden.
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e Unbehaglich, ohne eine bestinmte Absicht, ging er in den
Strasen vorwärts. Endlich fing er an, sich seines Zustandes
zu schämen, und wie einer, der lange zauudernd vor dem kalten
Wasser steht, bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse kopfüber
Hineinstürzt, so schlug Nenatus mit Einem Male seinen Weg

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nach dem Hause ein, welches eiust das Wappen seines Geschlechteß

über dem Portale getragen hatte.
z
Als er in die Strasße kam, in welcher es gelegen warj,
und in die Nhe des Hanses selbst, fand er Alles sehr verändertß
Der gartenartige Hof, der das Haus nach der Straße und zu
beiden Seiten umgeben hatte, war verschwunden, das Eisengitterz
gegen die Straße hin war abgerissen, rechts und links waren
ein paar stattliche Wohnhäuser entstanden, und Renatus sah an
den Wagen, die vor dem chemaligen Arten'schen Hause hielten,
an dem Diener, der den ankommenden Gästen die Thüire deß
Hauses mit Beflissenheit öffnete, wie an der Neihe der hellz
erleuchteten Fenster im ersten Stockwwerke, daß man irgend ein!
Festgelage in demselben begehen müsse. Er blieb einen AugenF
blick stehen und blickte hinauf. Ein paar Leute aus dem VolleZ
ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und betrachteten dies
Aussteigenden. Er hatie einc äusterst unangenehme Epfindungg
als er sich also einsam, in solcher Gesellschaft vor dem Hause,
seiner Väter umhergehend fand, und obschon er sich einen Vor-z
wurf daraus machte, konnte er sich nicht überwinden, eben jetzts
seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und sagen zu lassei,?
daß er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde. z
Unentschlossen, wohin er sich wenden solle, kehrte er nachj
den Linden zurick, und weil ihm die Aussicht, den Abend einsamZ
in der Stube seines Gasthofes zuzubringen, unerträglich fiel,j
beschloß er, seinen Oheim aufzusuchen, obschon dieser im Grundej
der Letzte war, den wiederzusehen er Verlangen trug. Aber!
Renatus war in einer Verfassung, in welcher jede Unterhaltung,s
jede Gesellschaft ihm willkommener war, ald des Alleinsein mitj
den eigenen Gedanken, und er war endlich wirklich froh, er kamj
sich wie geborgen vor, als er auf seine Anfrage den Bescheid!
Eel

E war noch die Wohnung, noch die etwwas prunkende
f Elnrichtung, die der Graf zr Zeit des eussischen Feldzges
, gehabt halte; indeß es war gnit beiden doch cine Veränderung
j vorgenommen worden, und am meisten hatte der Graf selbst sich
ß verändert. Wie er sich einst geflissentlich au? einem preußischen
Offizier in einen Napoleonisten verwandelt, so hatte er sich jetzt
f wisber in das Deutsche zuriück übersezt, und er gefiel Nenatus
ß in dieser Gestalt gleich bei dem ersten Anblice besser, obschon er
, in dem Zeitranme, in welchem sie einander nichk gesehen, ver-
F hältnißmäsig sehr gealtert hatie. Sein Haar, das er vor Jahren
s in der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herab-
, hängen lassen, war am Vorderhaupte und an den Schläfen weit
ß zuriickgewichen und dinn geworden. Man konnte noch nicht
f sagen, daß er kahl sei, aber die Stirn war bedeuklich hoch, und
, wennn sein von Natur feines Antliz dadurch auch noch nicht
, entstellt ward, so veränderte es seinen Auusdruck doch. Dazu
f war er magerer geworden, erschien also noch größer, und die
ß weißen Hände, die aus dem weiten seidenen Schlafrocke auf das
F sorgfältigste gepflegt hervorsahen, hatien nicht mehr den eisen-
ß festen Druck, der sonst den Ankommenden zu begrüßen pflegte.
Die Bilder der französischen Kaiserfamilie, welche einst an
F den Wänden des Wohnzimmers hingen, waren entfernt, sie
, hatten ein paar guten Bildern von des Grafen Eltern Plaz
, machen müssen. An der Stelle des antik gehaltenen fcanzösischen
ß Canapee's stand ein großes. weiches Sopha, und einige Lehn-
, und Ruhestühle zeigten, daß der Besizer dieses Naumes es sich
F behaglich zu machen liebe und verstehe.
Als Renatus eintrat, streckte der Graf ihm die Hände ent-
ß gegen und sagte: Es ist, auf Ehre, um einen Menschen aber-
ß gläubisch zu machen. Ein Gllck kommt nie allein! Heute
NeDnrA

.ZG---
ein mit großem Siegel versehenes Blatt empor - daß er nik
den Orden verliehen, den unser Vater auch getragen hat, und!
jetzt kommt der leinzige Sohn unserer Angelika, kommst Du,?
alter Junge, uns in die Heimath zurick! Nun, willkommen zuz
Hause, herzlich willkommen! -- Einen Sessel fitr den Herrn?
Baron - Du siehst voriresslich aus - aber ganz vortresflih?
Nimm Plaz, Nenatus, nimm Plaz! Wie wird die guie Hilde-'
gard sich freuen!
Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen, ohne
seinem Neffen Zeit zu einer Unterbrechung zu lassen. Damn
warf er sich auf das Sopha, hüüstelie leise, wickelte sich wieder?
fest in seinen Schlafrock ein, zog die Beine auf das Lager und,
sagte, während der alte Dieuer ihm eine Decke über die Füße
legte: Verzeihe, mein Bester, aber wenn man die erste Jugend -
hinter sich, und sie, wie es sich gebührt, genossen hat, muß man?
zum Danl fir tren geleistete Dienste mit seiner Gesundheit,s
seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen, um sich dies
zweite Jugend möglichst lange zu erhalten. Ich dorlottire mich?
ein wenig, wie Du siehst, aber ich befinde mich wohl dabei.!
Wie findest Du mich aussehen?
Nenatus versicherte ihm, daß er sich sehr gut erhalten?
habe; der Graf nahm das mit Wohlgefallen auf.
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Du wirst auch, went Du nach Berka kommst, den Onkelß
Felix sehr munter finden. Die Feldzüge haben ihm entschieden?
gutgethan. Er hat das ganze Haus voll Kinder, schöne Kinder!?
a war zu Weihnachten mit den Ihoden's dort, denn - -
N,
Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war -
Deine Schwiegermutter, der ich den gegenwärtigen engen Zu-
sammenhang mit den Meinigen verdanke. Ich hatte früher wenig ;
Familiensinn, aber ich habe das selbst nicht geglanbt, der Fa-
miliensinn findet sich wirklich mit den Jahren.
Er war ganz ausschließlich mit sich und seinen Angelegen-

heiten beschäftigt. Er erzählte, wie er während der Freiheits-
kriege duurch die Gräfin Rhoden, die er jezt immer nur die
Cousine nannte, mit der Prinzessin in nähere Beziehung ge
kommen sei, wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann
auch neuerdings die Verleihuug jenes Ordens erwirlt hälte, der,
in ferner Zeit, als Lohn fiir besondere Tugend und Selbst-
vepläignung gestifiek, jehk zu einer Auszeichnug fiir den Adel
gewvorden wwar.
Es ist eine schöne Decoration, sagte er, auf das Kästchen
weisend, in welchem der Orden vor ihm lag, und man mußte
doch endlich auch etwwas für mich thun! In das Militär zurück-
zutreten, fühlte ich keine Neigung mehr, und eine Anerkennung
war man mir fiür die mannigfachen und ost recht peinlichen
und drickenden Vermitilungen, die ich während der Franzosen-
herrschaft über mich genommen hatte, allerdings wohl schuldig.
Du glaubst nicht, wie viel Nebles ich verhitet, wie oft ich durch
meine Kenntniß der Personen und der Verhältnisse recht arge
und bedenkliche Zusammenstöße verhindert habe, und ich hätte
vielleicht sehr recht daran gethan, wie die Prinzessin mir es vor-
schlug, eines der zu vergebenden großen Consulate anzunehmen,
um mir auf diesem Wege den Uebergang in die diplomatische
Laufbahn zu bereiten. - Aber was willst Du? Ich bin beguem
geworden. Ich hänge an meiner Wohnung, an meinen Gewohn-
heiten, meinen Freunden ich bin ohne Ehrgeiz! Lout borne-
mert ein alter Junggeselle, der sich von seinen Freunden ver-
brauchen läßt. Und ich versichere Dich, sie machen sich das zu
Nuze! Alle, alle sammt und sonders, selbst Deine Hildegard,
die ein Juwel von einem Mädchen ist! So klug, so umsichtig,
ein wahrer Schaz! Wir sind große Freunde, nun, sie hat Dir's
ja geschrieben!
Er unterbrach sich endlich selbst, da die Verwunderung des
Freiherrn diesen lange nicht zum Sprechen kommen ließ; denn
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. I.
A

-=- ZZZ--
Renatus trauute seinen Ohren nicht. Wie musßten die Zeiten,
und die Zustände sich hier geändert haben, wenn man den,
Grafen für Hanndlungen belohnen konnte, die ihm einst den ge-
rechten Zorn seiner ganzen Familie und die Mißachtung aller,
rechtschaffenen Vaterlandsfreunde zugezogen hatten! Wie sicherz
mußte der Graf sich fühlen, daß er auf gar keine mögliche Ein-!
wendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen
nöthig fand. Und was war es mit dem Ordenöwesen üüberhaupt,
wenn ein Gerhard von Berka den Orden erhalten und zu tragen
sich unterfangen konnte, der als ein Zeichen besonderer Sinnes-
reinheit nur dem Ael verliehen werden durfte? Alles, was er
hörie und vernahm, war dazu angelhan, den Heimgekehrten zu
überraschen, denn weit mehr noch als alle diese Thatsachen setzten
die Zustände ihn in Verwunderung, aus denen heraus sie einzig
möglich geworden sein konnten.
Dazu berührte die Weise, in welcher der Graf bei jedenn
Anlasse Hildegardens Lob aussprach, den Freiherrn nicht ange-
nehm. Er meinte überall herauszufüühlen, daß der Onkel das
Vertrauen seiner Brauut mehr, als es nöthig sei, besize. Es
klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhalting, als müsse
Hildegard sich sogar über ihn, über sein langes Ausbleiben, ja.
über seine Beziehungen zu der Herzogin und zu Eleonoren gegen -
den Onkel klagend ausgesprochen haben, denn der Eifer, mit I
welchem Graf Gerhard das Deuischihum auf Kosteu des Fran- j
zosenthums, und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau
über alle Reize der Ausländerinnen erhob, klangen in seinem s
Munde so unberechtigt, daß er, bei seinem Scharfsinn und bei z
seiner Klugheit, nothwendig eine bestimmte Absicht haben mußte,j
um eine solche Ungeschicktheit zu begehen.
z
Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Ver- ?
lobten, zu der er nicht geneigt war, abzukommen wünschte und -
weil er der in jedem Augenblicke drohenden direkten Frage nach -

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seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen wollte,
brachte er die Nede auf seine Geschäfte. Er sagte, dasi er eben
nr so lauge in Berlin zu bleiben vorhabe, als dieselben es
; erheischen wirden, erwähnte, daß er schen heute zu Tremann
habe gehen wollen, daß die Auffahrt einer Gesellschaft ihn aber
davon zurückgehalten und daß er morgen gleich in der Frühe sich
zu ihm zu begeban denke.
Der Graf ließ sich das ruhig erzählen, schenkte sich und
F seinem Neffen sorgfältig den Thee ein, welchen der Diener in-
zwischen aufgetragen hatke, wählte mit Kenterblick fitnr seinen
Gast die besten Stitcke der kalten Kiche ans und zeigte ilber-
haupl alle jene lleinen Auusmerlsauleiten fir ihn, duurch welche
eine achtsame Hausfrauu ihrem Besucher die Freude üüber seine
Amwesenhheit auözudrücken liebt.
Nenatus rühmte dies dankbar, der Graf nannte es scherzend
seine Hagestolzekimste, und das brachte Jenen auf die Frage,
ob der Dukel seine frihexe Haushälterin, die Kriegsräthin, noch
bei sich habe.
Der Graf verneinte es. Ich habe sie schon vor drei Jahren
fortgeschickt, sagte er. Sie war eine vortreffliche Köchin, üüber-
haupt eine brauchbare Person, aber Eine Kunst ging ihr völlig
db: sie verstand nicht, alt zu werden. Sie wurde eine lächerliche
Figur, und eine solche in meinem Vorzinmer zu haben, konnte
Fir nicht passen.
Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen, und Graf
Ferhard meinte, es sei ihm unbegreiflich gewesen, wie Renatus
feben ihn zu seinem Bevollmächtigten habe wählen mögen. Auß
Fie Frage, ob der Graf denn Gründe habe, Tremann zu miß-
firauen, versetzte er: Und welche Gründe hast ku, ihm zuvertrauen?
Es entstand eine kleine Pause, ehe der Graf mit dem
Ausspruche wieder das Wort nahm, daß er für sein Theil.
berhaupt keinem Kaufmanne vertraue, und dem thätigen, dem
An

-- ZFß -
unternehmenden am wenigsten. Der Besiz, sagte er mit einei?
jener hochtönenden Phrasen, welche der müßige Nebermuth soh
leicht erl.ent, der Besiz ist finn diese Art von Lenten nicht das
zu schonende Feld, der zu pflegende Baum, von dessen Fruchts
und Ernte sie leben wollen, ruhig leben wollen. Nicht ders
Besiz erfreut sie, sondern der Erwerb. Das Jagen nach dem,
selben, die rastlose Arbeit ist ihr eigentlicher Genß. Sie schmiedenz
sich an das ewig rollende Rad des wechselnden Glückes; und?
rrea
wisrde, isi die Wollus slcher niebrig gelorenen Naiuurenn. Nimm
Dich mit ihm in Acht!
Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprocheneF
Saz, vor Allem, went er auuf irgend etwas anwendbar ist, dasF
mit ihren besonderen Verhältnissen zusammenhängt, Anfangs?
immer einen bannenden Eindruck, und troz seiner achtund-
zwanzig Jahre und seines in der lezien Zeit so mannigfach bo-,
wegten Lebens war Renatus in sich nicht freier, nicht von derj
leichten Bestimmbarkeit geheilt worden, welche, als eine Folges
seiner Erziehung, ihn immer unsicher über sich selbst und zumj
Sklaven jeder fremden Meinung machte, die ihm mit Sicherheit1
entgegentrat. Er hatte sich bisher etwas damit gewuußt, daß erj
Paul zu seinem Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatie.s
Es war auch alles, was derselbe bis jezt für ihn gethan, soweitj
Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und beuriheilenj
können, durchaus zufriedenstellend gewesen, so daß er in seinem F
Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gess
wesen war, den er bewiesen hatte. Jezt aber kam plötzlich bei,
des Grafen Worten der böse Genius aller schwachen Seelen,
das Mißtrauen gegen sich und Andere, über den jungen Frei-j
herrn, und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich, wem die beidenj
M.a? -

-=- Zg!--
Wer anders soll sie erbaut haben, al Tremann! ent-
- gegnete der Graf. Es war eine Spekulation, die ihm, glaube
ich, guut eingeschlagen ist, und es gibt lein grosßes Unternehmen
irgend einer Art, in dem er nicht die Hände hätte. Wo er die
Capitalien dazu hernimmt, ist freilich nicht zu sagen.
Izch denke, Flies war reich, wendete Renatus ein.
- Reich genng!, Aber der Alte kaunte seine Leute, lächelte
der Graf. Nicht ein Pfennig des Flies'schen Capitals ist in
dem Geschäfte geblieben. Tremant mnß andere Qnellen haben,
und Du sellsi hasl ihm vielleichi mehr, als wir ibersehen lönnen,
damil genuzl, als Du ihm Deine Augelegenhseilen ilberanlvorlet
hast! E war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir, und ich
bekenne Dir,
, denken sollte!
Du im Felde.
unfreiwilligen
mein Lieber, ich wuusßte nicht, was ich von Dir
Mein Bruder Felix stand freilich eben so wie
Aber war ich denn nicht da ? Ich hatte in meiner
Muse mir ein gut Theil Geschäftskenntniß er-
worben, und abgesehen davon, Bester, so wären, dünkt mich,
Eure immerhin ein wenig delikaten Familien-Angelegenheiten in
, Deines Onikels, in eines Edelmanns Händen besser, als in denen
dieses -- dieses Tremann aufgehoben gewesen!
Es ging Nenatus, wie es ihm mit dem Grafen stets
gegangen war. Er hatte eine Abneigung, eine Scheu, ja, ein
entschiedenes Mißtrauen gegen ihn und fühlte sich doch von ihm
beherrscht. Sich dieser Herrschaft zu entziehen, oder doch min-
destens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns
s zu befreien, den der Graf ihm machte, überwand er sich so weit,
F demselben von seinem Abenteuer in der Schlacht von Möckern
und von der heldenmüthigen Aufopferung zu sprechen, mit welcher
Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte.
Der Graf ließ ihn ruhig erzählen und berichten.
Als er aber geendet hatte, schien der Graf ein spöttisches
Lächeln länger nicht verbergen zu können. Wie der Vater, sagte

-- S--
er - genau wie dein Vater! Verzeihe mir, dasß ich lachen mußlz
Ich glaube, es mus Eure Neligion sein, die Euch so gläubigj
für Zeihen und fir Wuder machi! E sehli nr noch, daß!
= wie Schiller's Wallenstein, Euch einen Astrologen haltetj
Vnz-
und paiheiisch Eer:, Ulnd dieses Pferdes Schnelligkeit entriß!
mich Baier's verfolgenden Dragoeru!' dellamirt! Ich habe?
das Siick erst gesiern mil angesehen -- schade, das: Du nichtj
dabei warst! E hälie Dir eine Lehre von der Uufehlbarkeit -
der Zeichen und der Wunder geben können.- Er hielt inne;
und sagte dann erslhafi ud mit achselze'ender Geringschätzung:?
Du thust wahrhaftig, lieber Junge, als ob solch ein Dazwischen- ?
springen im Gefechte etwas auf sich hätte! Bedenke doch nnr,;
das dieser Tremann allen Grund hat, Dich und Dein Geschlecht
zu hassen! Glaubst Du, dasß er nicht gern ein Herr von Arten-!
Richten wäre? Glaubst Du, das diese Flies, die ihn erzogen?
hat, sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätie?
Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt, sie hassen Dich und?
mich - und ich verdenle ihnen das nicht im geringsten!?
Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle eben so. Aber daran,
halte fest, der Wahlspruch aller dieser Leute, aller sammt undz
sonders, ist: ,Stehe auf, damit ich mich setze!? - und wemn?
man sie nicht niederwirst, sie nicht in ihre alten Schranken mit?
Entschiedenheit. zurückdrängt, so werden wir diese sogenanntenj
Freiheitskriege einst noch gründlich zu verwünschen haben!
- k r.R e
Zimmer auf und nieder. Renatus war sehr nachdenklich ge-
worden. Alles, was er hier vernahm, bedrängte ihn, und mits
der schweren Besorgniß, daß er einen grosen Fehler begangen,-
dessen Folgen er zu tragen haben werde, verließ er endlich den,
Grafen, der ihn aufgefordert hatte, seinen Rath zu bentzen,
wo und wie er es fir nöthig finden würde.