Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 27

Sechszehnteä Capitel.
, z.utS Arellzimer braeien e der Frihe des
folgenden Morgens noch die Lichter, denn es war nebelig draußen,
und Paul war zeitig auufgestandenu, um einige Entwürfe und
Nechnunggn durchzuschen, die ihm von Dritien zur Prüfung
vorgelegt worden wwaren. Im Comptoir daneben war noch Alles
still, auch von den Seinigen wachte noch Niemand. Das Fest
hatte lange gedauert; Seba bedurfte jetzt bisweilen doch schon
der Nuhe, Davide aber, die es sich sonst nicht nehmen ließ,
ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe
Stunde mit ihm zu haben, ehe die Geschäfte ihn beanspruchten,
war durch den Knaben, den sie selbst nährte, mehr als ge-
wöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne
bereden lassen, sich dafir durch ein paar Stunden Schlaf am
Morgen zu entschädigen.
Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter aus-
löschte, weil die Sonne die Nebel zu durchdringen und durch
die Aeste der prächtig bereiften Bäume freundlich in sein Zimmer
zu scheinen begann, meldete der Diener ihm, daß die Dame,
die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe,
wiedergekommen sei. Paul befahl, sie einzulassen, und sich mit
übertriebener Demuth tief verneigend, trat eine große, noch
rüstige Frau in Trauerkleidern in das Zimmer.
Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr
einen Stuhl in der Nhe seines Schreibtisches an und fragte
dann nach ihrem Begehren.

Z--
Ich komme, sagte sie, Ihnen für all das Gute zu dankenß
das Sie, lieber Herr Tremann, meinem geliebten seligen Manne
bis an sein Lebensende erwiesen haben. Daß er so sanft seine
alten Tage beschließen konnte, das gankte er ja Ihnen ganz
allein und noch auf seinem Todtenbette hat er . - - -
Lassen Sie das, ich bitie, lassen Sie das! unterbrach sief
Paul. Es hat mich gefreut, den alten Mann ohne Sorgen zu
wissen. Hal das Geld zu seiner Beerdigung ausgereicht, das ih,
Ihnen gegeben: habe?
Beinahe, beinahe ganz, entgegnete die Trauernde; aber ich
wollte nur sagen, noch auf seinem Todtenbete hat der gute,
Weißenbach den Tag und die Stunde gesegnet, in welcher der
Herr Caplan Sie in unser Hans gebracht hat; und er hat auch
mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt, daß ich
ihn damals überredete, Sie aufzunehmen, denn er hat es nicht,
gewollt - er hat es nicht gewollt!
Paul hatte sie dieses Mal zu Eide sprechen lassen; nun;
er schwieg, befand sie sich offenbar in einer Verlegenheit, und?
er beeilte sich nicht, sie aus derselben zu befreien. Die Kriegs-!
räthin war ihm stets ein Gegenstand der Abneigung gewesen,-
und ihr jeziges Auftreten war nicht dazu geeignet, diese Ab-
neigung zu vermindern. Der Graf hatte mit seinem Worte
Recht gehabt: die schöne Laura verstand es nicht, mit Anstand z
alt zu werden. Die dicken, falschen Locken, die falschen Zähne,'
welche in herausfordernder Weiße aus dem stets lächelnden -
Munde hervorsahen, die geschminkten Wangen und der schäbige
und doch auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie?
lächerlich, während ihre schlecht erheuchelte Betrübniß sie Paul
noch widerwärtiger erscheinen ließ.
Wünschen Sie noch etwas ? fragte er; sonst bitte ich Sie,
mir zu sagen, wie viel Sie fitr das Begräbniß aus Ihrer

--- ZJ--
Tasche hergegeben haben, damit ich es Ihnen wiedererstatie,
denn ich bin beschäftigt.
Siezog ein Taschenbuch gus dem großen, schwarzen Sammet-
Pompadour, blätterte darin herum, nahm einen Bleistift zu
Hülfe, rechnete eine Weile, versicherte danach, daß sie im ent-
ferntesten nicht darauf gehofft hätte, daß Herr Tremann' ihr
aich damik noch zu Hislfe kommen wolle, wie sie sich aler in
einer Läge befinde, in welcher sie benutzen müsse, was die Gros-
muth ihrer gütigen Gönner fir sie zu thun geneigt sei, und sie
schlos; endlich mit der Atwort, das; sie fiuf Thaler und zwölf
Groschen zu der Beerdigung zugeschossen habe.
Paul nahm einen Zehnthalerschein aus seiner Kasse. Als
die Kriegsräthin ihre Börse hervorholte und Miene machte, nach
dem Gelde zu suchen, welches sie herauszugeben hatte, sagte er
ihr, sie möge sich nicht bemihen, sondern den Neberschus: fir
etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten. Damit hoffte er,
indem er ihr ein Lebewohl bot, ihrer nmn auuch ledig zu sein.
Ideß sie erhob sich zwar von ihrem Size, aber sie blieb nahe
bei dem Pulte stehen, sah sich im Zimmer mehrmals um, schien
gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen, so daß Paul,
obschon er das Erkiinstelte in ihrem Betragen klar durchschaute,
sich doch veranlaßt fand, sie zu fragen, was sie suche oder was
sie sonst noch etwa wolle und begehre.
Was hätte ich hier zu suchen, rief sie mit einem Seufzer,
oder was könnte ich Anderes begehren, als Ihnen, mein ver-
ehrter Herr Tremann, meine Dankbarkeit fir alle Ihre Wohl-
?ihaten an meinem lieben, seligen Weißenbach zu beweisen! Und
ich glaube, ich kann das, ich kann das wirklich, so wie ja die
Maus auch dem Löwen helfen konnte! - Sie sah sich noch-
mals in dem Zimmer um, trat dann an daä Pult heran und
,sprach: Ich weiß nicht, Herr Tremann, in wie weit Sie von
Ider Liebschaft unterrichiet sind, welche die Cousine und Pflege-

34G----
mutter Ihrer Frau Gemahlin mit dem Grafen Gerhard vöh
s
Berka seiner Zeit gehabt hat; aber . - -
Sie hielt inne, da Pal's sinstere Miene ihr Scheu einflößte.
Er liesß sie schweigend stehen, denn er war peinlicher berührt,
als er es ihr zu zeigen fir nöthig fand, und er ging mit sich
zu Nathe, ob er sie sprechen lassen oder sie von sich weisen solle,
Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die
slizliche Verlr-ulichfeli dieser Fru z eier dospellen Kränlung
wurde, entschloß er sich endlich doch, sie anzuhören.
-
Was bringt Sie dazu, mir die Frage vorzulegen, welche!
Sie an mich gerichtet haben? fragte er sie.
Meine Dankbarkeit, Herr Tremann, nur meine Dank-
barkeit, und, sezte sie hinzu, auch die alte Freundschaft fir das
Flies'sche Hauus. Freilich hat Seba es jezk ganz vergessen, daß
ich's gewesen bin, die sie zuerst unter die Menschen und in die
Gesellschaft gebracht hat, ud das ich ihre Manieren und ihre
Haltung formirte. Ich habe auch, was an mir gewesen ist.. .-
Ich bin sehr beschäftigt, unterbrach sie Paul, dem die
Weise der Kriegsräthin immer unleidlicher werden mußte, und
der zu merken anfing, worauf es abgesehen war. Ich bin sehr
beschäftigt, haben Sie also die Güte, Sich an das Wesentliche
zu halten, Frau Kriegsräthin!
Wie Sie wünschen, wie Sie wünschen! versicherte sie. Aber,:
Herr Tremann, erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigun
noch ein paar Worte. Sie sind ein erfahrener Mann, Herß
Tremann, und Sie haben gewiß die Frauen kennen gelernt!
Sie wissen, wie die Mädchen sind. Seba ließ sich nicht ab(
halten, an den Herrn Grafen zu schreiben, Brief auf Brieß
und Jahr und Tag. Das war sehr unrecht, und ich sagte ihs
immer . - - -
Und diese Briefe? fragte Paul, der seine Ungeduld nur
mlhsam unterdrückte.

--- Zg?--
Die Kriegsräthin schlug die Augen nieder. Diese Briefe
besize ich, sagte sie.
Sie besizen diese Briefe- Sie? Wie kommen Sie dazu?
fuhr Pauul auf, dem das Bluut in die Wangen stieg, obschon
er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt anthat, Wie
konen Sie, Fran Kriegsräihin, zu diesen Briefen?
-Sie machte eine Bewegung mit beiden Häiden, als wsle
sie uueuien, sie könne sich dessen kaum erinnern. Ich fand
mich, Sie wissen es ja, Herr Tremann, als uein armer, guter
Weisenbach seiner Versuchung unterlegen war, genöthigt, mir
mein Brod zu suchen. Da nahm Graf Berka mich als Haus-
hälterin, und ich kann sagen, als eine Freundin in sein Haus,
und . - -
Und er, Graf Berka, also ist's, der Ihnen diese Briefe
übergeben hat? fragte Paul bestimm.
Die Kriegsräthin schlug yoll Demuth ihre Blicke nieder.
Der Herr Graf hatte keine Geheimnisse vor mir, sagte sie. Er
wußte, daß man mir vertrauen könne, und, fiigte sie hinzu,
dächte ich nicht, daß ich nicht mehr jung bin, daß der Herr
mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte
Hände fallen könnten, so häte ich gegen Sie, Herr Tremann,
und gegen Niemanden dieser Angelegenheit erwähnt. Aber
Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen; hak, als ich ihr
geschrieben, meinen Brief zurüickgeschickt - was sollte ich da
machen?
Paul's Verachtung gegen die Kriegsräthin, seine Verach-
tung gegen den Grafen, der solche Briefe aufbewahren und sie,
wenn man das wenigst Schlimme von ihm denken wollte, so
schlecht aufbewahren konnte, daß sie einer Person wie dieser in
die Hände fallen mochten, schwellten die Adern auf seiner Stirn.
Wo sind die Briefe? fragte er kurz und kalt.
Die Kriegsräthin brachte aus ihrem Pompadour ein an-

-- ZZZ-
? --
Kreuz zusammengebunden war.
hielt sie fest, als fürchte sie, daß sie ihr entrissen werden könnten. ,
Sind das die Briefe alle, welche Graf Berka von Made- ,
moiselle Flies erhalten hat?
kein
Alle, so viel ich weis.
Paul gig uil sich zu Ruihhe; die KriegSrüihin verwandle
Auge von ihm.
Was verlangen Sie fir diese Briefe? fragte er darauf. j
Die Kriegsräthin' ließ einen Ausruf der Entrüstung hören. ,
Sie betheuerte, daß es ihr nur darauf angekommen sei, dem-F
Wohlthäter ihres Gatien ihre gute und anhängliche Gesinnung?
zu bezeigen, um wo möglich seine Geneigtheit und das Zu-P
trauen, das er doch einst zu ihr gehabt habe, wieder zu erlang- j
Sie brachte es endlich bis zu der unter Thränen geihanen Er-?
klärung, daß sie, die Kinderlose, sich immer der Höffnung hin-
gegeben habe, sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu erziehen;;
aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses s
Gliück gebracht, und sie würde in ihren Herzensergüssen keinI
Ende gefunden haben, hätte Paul sie nicht noch einmal mit der ;
nackten Frage unterbrochen, was sie fir die Briefe fordere. -;
Ihren Beistand - weiter nichts! rief die Kriegsräthin,
T
sich die Augen trocknend.
A
Paul schüttelte verneinend das Haupt. Ich bin nicht ge-
wohnt, solche Wechsel in Blanco auszustellen. Nennen Sie die -
Summe.
Sie haben für meinen Mann so viel gethan - - - -
Täuschen Sie Sich nicht, Frau Kriegsräthin, ich bin nicht,
im entferntesten gesonnen, auch nur irgendwie ein Aehnliches?
fir Sie zu thun! bedeutete er ihr.
Aber, hob sie noch einmal an, wenn ich diese Briefe.. i!

-- Zg9---
Da hielt sich Paul nicht länger. Wenn Sie die Unwir-
digkeit begehen sollten, von diesen Briefen irgend einen Gebrauch
zu machen, der Mademojselle Flies verlezen könnte, so wülrde
ich zunächst den Grafen Gerhard fragen, auf welche Weise Sie
in den Besiz derselben gelangt sind! sagte er.
So wahr Gott lebt, ich habe sie von ihm selbst! rief die
Kriegsräthin egschrocken aus.
Dani behullenn Sie sie; aber ich n:ace von dieseu Siunde
ab den Grafen verantwortlich für jeden Mißbrauch, den Sie
mit denselben treiben ! Und nun, Aieu, Frau Kriegsräthin!
-- Er drehte ihr den Rücken und wollte d Zimmer oerlassen.
Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen. Sie trat rasch
hinzn, legte die Briefe auf sein Pult und sagte: Sie mißtrauen
mir, Herr Tremann; aber wie unrecht Sie mir auch thun, ich
will es Ihnen nicht vergelten. Da sind die Briefe! Seba soll
sehen, ob ich ihre Freundin war und bin. Da sind die Briefe
- alle! Thun Sie nun, was Ihnen von Ihrem Herzen und
von Ihrer Generosität geboten wird.
Sie blieb stehen. Paul nahm eine Feder in die Hand.
Was denken Sie jezt zu unternehmen, da Ihr Mann gestorben ist?
Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen,
daß ich eine Concession erhielte, möblirte Zimmer zu vermiethen;
aber um das anzufangen, um die Möbel anzuschaffen. . -
Brauchen Sie Geld, natürlich! Wie groß ist die Summe,
deren Sie zu bedürfen glauben?
Ich habe mir das oftmals ausgerechnet; dreihundertfünfzig
Thaler wären doch das Wenigste - das Allerwenigste! meinte sie.
Paul fand diese Summe viel zu hoch. Nach einigen kurzen
Erklärungen wurden sie jedoch des Handels einig. Er ließ sich
- von ihr einen Schein unterschreiben, daß sie ihm gegen die von
ihm empfangene Sunnne sämmiliche in irem Besizze gewesenen
Briefe Seba's an den Grafen Berka ausgehändigt habe, so daß,

-- zß--
falls noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten;
sie als Fälschung anzusehen wären. Und nachdem die Kriegs-
räthin sich noch verpflichtet halte, zh niemals mehr, weder
schriftlich noch mündlich, an Seba zu wenden, zahlte er selbstI
ihr die bedungene Summe aus und entließ sie, froh, sich ihrers
endlich entledigen zu lönnen.
Als er allein war, sah er die von der Kriegäräthin nach
ihremt Daluum geordelen Briese noch eiumal slichlig an. Die
vergilbten Blätter rührten ihn. Er dachte all der triigerischen
Hoffnungen, all der verzweiselnden Leidenschaft, mit denen sie
geschrieben worden waren, aber er hätte ein Heiligthum zu ent-
weihen geglauubt, hätie er gelesen, was nicht fir ihn bestimmt
gewesen war. Er nahm das ganze Päckchen, trat an das Feuer
des Kamines, warf die Blätter hinein und blieb bei ihnen
stehen, bis das lezte derselben in Asche zerfiel und zersiob.
Die Begegnung uit der Kriegsräthin, die ganze Ange-
legenheit halie ihn verstimmk; indesß er war uit derselben noch
nicht am Ende, denn er hatte seine Abrechnung noch mit dem
Grafen selbst zu halten, um Seba wo möglich ein für alle
-tal vor den Vexletzungen, die ihr von dieser Seite kommen
konnten, sicher zu stellen, und er beschloß nach kurzem Neber-
legen, dies sofort zu thun.
, Hochgeborener Herr!'' schrieb er. - .eh habe so eben von
Ihrer ehemaligen Haushälterin, der verwittweten Kriegsräthin
Weißenbach, eine Reihe von Briefen erhalten, die eine edle und-'
von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen jugendlicher Liebe
und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals
geliebten Mannes geschrieben hat. Beides, ihre Liebe wie ihr
Vertrauen, waren ein Irrthum, und ich wünsche sie vor jeder
nnangenehmen Erinnerung an dieselben, wie sie ihr durch die
Weißenbach leicht bereitet werden könnte, fortan zu bewahren.
Indem ich es unerörtert lassen will, auf welche Weise jene

--- ZJD--
ßBriefe in die Hände und den Besiz der Kriegsrathin, die sie
Fmir gegenüber als einen Handelsartikel zu betrachten für ange-
messen hielt, gelangt sind, erlaube ich mir, bei Ev. Hochgeboren
Janzufragen, ob sich vielleicht noch andere Briefe jener Dame in
Hhrem Gewahrsam befinden. Sollte das der Jall sein, so bin
fch nach der heute gemachten Erfahrung gezwnngen, Ev. Hoch-
hgeboren azt die Herausgabe dieser Briefe als an die Erfillung
einer silllichen Pslichl zu rrinnern, wogegen lch Ihen auf mein
FWort versichern kant, daß in dem Besitze der betreffenden Dame
Fnichts, gar nichts mehr vorhanden ist, was an Sie erinnern
jönnte. Ich habe es wohl nicht nöthig, Ew. Hochgeboren noch
jdesonders darauf aufmerksam zu machen, daß die Schreiberin
Hener Briefe von dem Mißbrauche, der mit denselben getrieben
(worden ist, nicht Kenntniß hat und nicht Kenntniß erhalten
fwwird. Diese Beleidigung und Kränkung sind von ihr durch
Fnich gllicklicher Weise abgehalten worden. Die Angelegenheik
ßst also zwischen E. Hochgeboren und mir zu ordnen, und ich
Habe dabei nur noch zu bemerken, daß ich der Kriegsräthin ge-
Fenüber meine Maßregeln in der Art genommen habe, daß neue
(nsprüche und Erpressungen auf Anlaß ähnlicher Papiere von
hhrer Seits künftig nicht mehr zu befürchten sind. Ihrer bal-
ßigen Antwort entgegensehend
Paul Tremann.
ß. Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besor-
Fung gegeben und wollte sich in das Comptoir verfügen, in
Fwelchem inzwischen seine Gehülfen angekommen und an ihre
Alrbeit gegangen waren, als man ihm den Freiherrn von Arten-
Gaen weldee.
f . Es war seit lange von der Rückkehr desselben die Rede ge-
hwwesen, aber sie kam Paul doch jetzt völlig mnerwartet, und weil
(er voraussah, daß die Besprechung, welche er mit Renatus haben
Ißte, eine längere Zeit erheischen wiirde, begab er sich erst zu

852--
seinen Leuten, um mit ihnen das Nöthige zu bereden und ihnen,
seine Befehle zu ertheilen, während er den Freiherrn ersuchen!
ließ, ihn in dem Privatzimmer, in welchem Paul sich bis dahinß
aufgehalten hatte, zu erwarten.
Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden,j
und die Bemerkungen des Grafen Gerhard hatten nicht dazu
beigetragen, ihm denselben zu erleichtern.
- ?E r?a :
möge, nach welcher er ihm vor Jahren seine Angelegenheitens
anvertrauie. Er fine sein Theil war jezt sehr geneigt, diesenj
Schritt für eine romantische und grosmüüthige Unbesonnenheit
zu halten, um derentwillen er von sich nicht schlechter dachte,
die er aber doch bereute. Der Graf hatte ihm mit seiner Schil-
derung der rastlosen Habgier, die jedem Kaufmanne inne wohnenj
sollte, ein widerwärsiges Bild in die Seele gedrückt; indeß wedet,
das Haus, in das er getreten war, noch der Naum, in welchen,
man ihn jezt gewiesen hatte, stimmten mit des Grafen Ieej
aussezung zusammen.
Der wohlanständige Hanswart, der ernsthafte Diener inj
schwarzer, birgerlicher Klesdung, die mit Teppichen nach englischerß
Weise belegten Fluren und Korribors, auf denen der Triitj
nicht hörbar war, konnten eben so wohl in dem Hause einerj
Herzogin ihren Plaz finden, und dieses Zimmer, in welchem!
Renatus den Kaufmann zu erwarien hatte, trug vollends einj
beruhigendes Gepräge. Die dunklen Tapeten, die zurücge-!
zogenen dunklen Fenstervorhänge, der große Schreibtisch und diej
wenigen schweren Armstühle, die in dem Zimmer standen, sahen!
sehr würdig aus. Die großen SpecialLandkarten an den Wän-
den, die nicht unbedeutende Bibliothek, welche die eine Seite desj
Gemaches einnahm, und eine Neihe von Modellen zu Maschinen,!
die auf einem der Tische aufgesellt waren, häilen auuch in dak

--- 8Z-
Zimmer eines Gelehrten gehören können. Renatus, der viel
Freude an allem Zusammenstimmenden besas; und durch den
Anblick desselben, wie durch eine angenehme Luft, sehr leicht
reNr
ihm bevorstehende Unterreduung mit ihren unerläßlichen Erör-
terungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und hätte er
es verschmerzen lönnen, daß er hier als ein Fremder auf den
Herrn eben dieses Hauuses warlen muusle, das einsi seiner Fa-
milie angehört hatte.
Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der
alterihümlichen Lehnstühle Plaz genommen, die vor dem Kamine
standen, und wie er von dem knisternden Feuer zu den Aus-
schmückungen des Simses hinaufblickte, leuchtete ihm das Arten'sche
Wappen mit seinem kortis in särersis, hell von den Flammen
angestrahlt, vertraut und doch schmerzlich entgegen. Er zweifelte
nicht, daß auch diese hochlehnigen Eichensessel, daß der schwere,
schön geschnizte Tisch, der jezt den Modellen und Maschinen
zum Träger diente, daß diese große, altmodische Uhr einst Ar-
Jien'scher Besiz gewesen waren, welcher bei der Versteigerung des
-Hausrathes an die neuen Eigenthüümer direkt oder indirekt über-
gegangen war; und ungeduldig den großen, langsam fortrücken-
Fden Zeiger der Uhr verfolgend, wollte er sich eben erheben, als
fdie Thüre, welche nach dem Comptoir ging, sich lautlos öffnete
Fund, eben so lautlos hereintretend, der Herr dieses Hauses vor
ßhm stand.
k Willkommen in Deutschland! sagte er; und ich bitte um -
Werzeihung, daß ich Sie warten ließ! Ich war dazu genöthigt.
kum jetzt völlig zu Ihrer Verfügung zu sein. Seit wann sinb
fSie zuruck?
s Renakus aniwwortete, das; er schon gestern gekommen sei;
zc RA- =- -
2

Z5F--
verbindlichen Ton des Andern nicht gleich finden, er konnte-
iberhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen geben,
was in ihm vorging. Das Arten'sche Gesicht, Paul's mit jedem
Lebensjahre wachsende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Frei- -
herrn verfehlten ihre Wirkung auch jezt wieder nicht auf dessen -
Sohn. Aber dieser Mann in der duukeln, büürgerlichen Tracht,
auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten Fur-
chen zurückgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier I
und da bereits ein weißer Silberfaden schimmerte, war das noch
derselbe Offizier, der feurige Krieger, der einst wie ein Sanct -
Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen Renatus und ?
den Tod gelrelen war ? Auch jeneu Jiugllge, mil dem der
M
seines Autlizes war bleicher geworden, alle seine Züge hattenß
rra ?=arA
wie ihm damals der Schwung und das Feuer des jungen Fren-l
den eine unruhige Eifersuchi eingeflößt hatten, so sezte ihn jhtj
etwas Mächtiges, etwas Gebieterisches in dem Wesen dieses j
Mannes in Verwunderung, obschon er selbst sich ihm gegenüüber,j
in der glänzenden Uniform, in der straffen, regelrechten Hab- j
tung, mit dem Degen an der Seite, entschieden als der Vor-s
nehmere, als das Mitglied einer höheren Kaste bedinkte. Auchj
war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit, mit welchem er Tre-!
mann aufforderte, sich gar nicht. zu geniren, er könne warten,!
denn er habe Zeit.
So besizen Sie, antwortete Tremann ihm in der früheren j
freien Weise, was mir in der Regel fehlt, und ich denke, mm j
machen uns eben deßhalb gleich. an unsere Geschäfte. Wollei j
Sie ablegen? Ich bitte!
Renaius, der bis dahin nicht ohne Absicht noch imw j
--= «« . i TScS
n . e o»T-?=. Ksss« F=a.a=.st ä..Faas aa.e- Se uo « Mca -a I.. H?- a u

-- ZIJ--
j seinen Säbel an der Seite und seinen Czako in der Hand be-
, halten hatie, hakte den Sbel los, stellte, ihn in die Fenster-
, brüstu, stilpte den Czako darüber, zog die Handschuhe aus.
j fuhr sich, in den Spiegel blickend, der über dem Kamine hing.
s einige Male mit der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes.
s blondes Haar und setzte sich dann mit einem unterdrüückten
s Seufzer, wie Einer, der an eine schwere Arbeit geht, an den
j Tische nieder, an welchem Tremann bereits vor ihm Platz ge
s nommen und auf dem er verschiedene Aktenstücke und Papiere
s ansgebreitet haite.
Sie waren eigeihüulich anzusehen, der schöne, kräfiige
s Geschäfisman, der mit selbslgewisser Sicherheit sich zu seiner
; Arbeit anschickte, und der jüngere, eben so schöne und kräftige
? . a?r
Z jener kurzen Nebersichtlichkeit, zu welcher es nur ein sehr klarer
I Kopf bei völliger Beherrschung seines Stoffes bringt, sezte Tre-
z mann dem Freiherrn den Zustand aus einander, in welchen
dessen Vermögensverhältnisse sich befänden. Er wiederholte ihnr
und erklärte ihm ausführlicher, als es in seinen Briefen ge-
z schehen war, daß die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und-
f die daraus erfolgenden Zinszahlungen es jetzt völlig unmöglich
Imachten, die Angelegenheiten in der gewohnten Weise fortzu-
Iführen, und er kam darauf zurück, daß es großer, durchgreifen-
Fder Entschlüsse bedürfe, wenn man zufriedenstellende Erfolge er-
Izielen wolle. Er trug die Summen zusammen, welche allmählich
Jauf Rothenfeld und Neudorf aufgenommen worden waren, er--
zinnerte Nenatus daran, daß man sein mütterliches Capital,
zwelches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten
Fintragen lassen, noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der
ßZustimmung von Renatus auf eine zweite Hypothek gestellt habe,
zweil es nothwendig gewesen sei, neue namhafte Capitalien her-

I Ez====,-=eaFK S.Jz.-aeä -aa==»==== ==eTe

-- 1G =-
beizuschaffen, die man gegen dritte Hypotheken nicht habe er--,
halten können, und schließlich hielt er dann den gegenwärtigen -
Werih der Giter jener Schuldenlast gegeniber, welcher dieselbe
freilich noch immer überstieg, aber doch nicht mehr in solcher
Weise überslieg, das es für Nenaius möglich gewesen wäre, sich ;
noch als einen reichen Mann zu betrachten.
Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus s
in diesem Falle eine erschreckende Wirkung. Indeß er war von ;
Jugend auf gewohnt, mit sicheren Hoffnungen, mit dem Glauben
an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten Verhältnisse in die
Zukunft zu sehen, und sich von dem unangenehmen Eindrucke ?
rasch emporraffend, sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit, die z
er ebensowohl als der verstorbene Freiherr, wenn es ihm ?
paßte, anzunehmen wußte: Das klingt allerdings bedenklich und F
würde auch bedenklich sein, wenn man genöthigt wäre, in diesen F
immer noch ungünstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen
Besizes zu schreiten; gliicklicher Weise ist das nicht der Jall! j
Tremann, der mit großem Bedachte und reiflichem Ernste P
seine Auseinandersezungen gemacht und sich dabei so schonend j
als möglich geäußert hatte, weil er gerecht genug war, den !
jungen Freiherrn nicht für die ungünstige Lage verantworilich j
zu machen, in welche seine Güter durch die Schuld seines Vg- !
kers gebracht worden waren, fühlte sich durch das ganze Betragen j
und durch die Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen, diese l
Schonung nicht weiter zu üben, und trocken und ohne allen !
Umschweif sagte er: Wie die Weltlage und unsere industrillen !
und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen, ist ein rasches j
Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen, und wenn Sie s
Sich jetzt nicht entschließen, Neuvorf und Nothenfeld so bald l
als möglich zu verkaufen, werden Sie nach drei Jahren nichi j
mehr im Stande sein, auch nur Richten zu behaupten.-
Renatus wurde plötzlich blasß. Er konnte die frühere leichta

Weise solchem Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten,
und Tremann schien es auch gar nicht auf eine Gegenäußerung
von ihm abgesehen zu haben. --- Ich uuste mich, fuhr er fori,
als ich mich, Ihrem Wuufche gemäß, dem Amie unterzog, das
nmein verstorbener Compagnon nach Ihres Heren Vaters Tode
von Ihnen üübernommen hatte, erst selber genauer über eine
Menge von landwirthschafilichen Fragen und namentlich über
die Zustände in Ihrei: Provinzen unterrichten, da man ohne
eine vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Be-
rather sein würde, und der ehemalige Amtmann Ihres Herrn
Vaters, der Gutsbesizer Steinert, ist mir dabei mit seiner Einsicht
und, ich darf sagen, mit seinem guten Willen, Ihnen behilflich
zu sein, sehr nützlich gewesen. Nach seinen Mittheilungen ist
seit fast dreißig Jahren, seit dem Tode Ihres Großvaters, wie
Steinert es nannte, so gut wie gar nichts in die Güter hin-
eingesteckt, wohl aber alles aus ihnen herausgezogen worden,
was sie irgend herzugeben vermochten. Der Kieg und die un-
tüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns, mit dem man aus
Vorschnelle und Bequemlichkeit, ohne ihn zu kennen, auf lange
Jahre hinaus einen Vertrag gemacht hatte, der ihn halbwegs
wie einen Pächter hinstellt, der aber keine Caution irgend einer
Art geleistet hat, sind unheilvoll dazugekommen. Die Güter
befinden sich in dem völligsten Verfalle. Sie haben allerdings
in Richten ein groses Schloß, in Neudorf eine Kirche und ein
Pfarrhaus, in Rothenfeld die neue katholische Kirche und da-
neben sogar noch jene Art von Seminar. Das sind Baulich-
keiten genug, aber es sind unfruchtbare, geldkostende Gebäude,
und es fehlt an allem Nöthigen -= es fehlt an Scheunen und
an Ställen, es fehlen Wohnungen für eine größere Anzahl
Leute, die herbeigezogen werden mnülßten, woenn man die Ver-
besserung des Bodens ernstlich betreiben wollte. Man müßte
vierzig, fünfzig Tausend Thaler in die Hand nehmen können,

--- Z7Z - -
um auf den drei Gütern nur die nothwendigsten Gebäude her-
zustellen. Man müißte eine eben so grosße Summe anwenden,
um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen, wie es einem solchen
ausgesogenen Gitter-Complexe nothwendig wäre, und müßte die
Mittel haben, duurch die ersten Jahre nichk nur diesen Viehstand,
sondern auch die Leute völlig durchzuhalien, bis die Gitter selber
den Aufwand wieder tragen köunlen. Wo wollen Sie diese
Capitalien, diese Mittel finden? Wie wollen Sie es machen,
diese neuen Capitalien besten Falles auus dem gegenwärtigen Er-
trage der Güter, neben den ohnehin laufenden alten Zinsen zu
verzinsen?
Er nahm, da Renatus keine Antwort darauf zu geben
vermochte, die Papiere zur Hand, welche den letzten Jahres-
abschluß des Amtmanns enthielten, und jene andern Berichte,
die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen. Der
gegenwwärtige Reinertrag der Wirthschaft hatie, da Renatus sich;
allmählich in der französischen Hofgesellschaft auch an einen
größeren Aufwand gewöhnt hatte, kaum die Höhe der Summe
erreicht, welche er sich in den beiden lezten Jahren als Zuschuß
nach Paris hatte nachsenden lassen, und um den Haushalt und
die Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten, hatte ,
man gelegentlich von den Kaufleuten in den kleinen, den Güternj
nahe gelegenen Städten einzelne Beträge in verschiedener Höhe!
entnommen, die sie, weil alle diese kleinen Kaufleute die Ver-
mögenslage des Freiherrn kannten, nur unter den ungünstigsten !
Bedingungen hergegeben hatten. Sie waren, da auch hier sich
Zins zu Zins gefigt, zu einer Summe angewachsen, gie Re-
natus in Erschrecken versetzte, und zum ersten Male seiner selber l
nicht mehr Meister, rief er, sich gegen die Stirn schlagendi ?
Furchtbar, furchtbar! Da ist ja gar kein Ausweg möglichl j
Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand dieF
Haken und Knöpfe seiner Uniform geöffnet, es wurde ihm angßßg,

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und bange. Wie verkörpert stiegen die Berech nungen genaltig
vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein. Alle, alle,
alle gegen den Einen, gegen ihn! Hier war fitr ihn kein Durch-
hauen möglich -- und hier zu unterliegen war nicht, wie in
einer guten Sache auf dem Schlachtfelde, eine Ehre - hirr zu
unierliegen war ein Schimzf!
Tremaun, der ihn seil dei Beginue ihrer Unierredung
genau beobachet hatte, errieth und sah, was in dem jungen
Freiherrn vorging, und, wie bei allen tüchtigen Menschen, waren
-Feine Theilnahme und sein Mitleid leicht erregbar, wo er an die
Möglichkeit einer nachhaltigen Hülfe glauben konnte.
Nur Muth, Herr von Arten! rief er; die Sache steht
allerdings nicht sonderlich, doch ist sie keineöwegs verloren, noch
ist sie zu halten, Sie missen ntr den Muth nicht sinken lassen!
Aber der natirliche und wohlgemeinte Zuuspruch brache
auf das jezt doppelt verletzbare Gemüth des Freiherrn nicht die
beabsichtigte Wirkung hervor; denn die feinen Augenbrauen
zusammenzichend, sagte er: An Muth hat es noch keinem Arten
je gefehlt, und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht
mir sicherlich nicht ab.
- Tremann ließ diese unberechtigie Gereiztheit völlig unbe-
achtet. Mit einer beruhigenden Milde, die seinem ernsten Anilize
eine Schönheit verlieh, gegen welche Nenatus selbst in diesem
Momente sein Auge nicht verschließen konnte, sprach er: Es
konte mir nicht einfallen, Herr von Arten, an Ihrem Muthe,
an dem sogenannten Heldenmuthe in Ihnen zu zweifeln, der
im entscheidenden Augenblicke mit Selbstvergessenheit sein Leben
daran zu geben weiß. Mich dünkt, in dieser Art von Muth
haben wir beide Gelegenheit gehabt, unsere Proben abzulegen.
Er hielt inne, als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen,
sich auszusprechen; da Renatus aber schwieg und sein Antliz
sich nicht erhellte, sagte Tremann nachdrücklich, wennschon mit

-=- Zßß-
derselben unerschütterlichen Gelassenheit: Es gibt aber einen
Muth, der weniger leicht zu behaupten ist, als jener vsn der
fortreißenden Macht einer begeisterten Masse, oder von der Er-
regung eines gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmuth; ich
meine den moralischen Muth, jenen guten, stillen Muth des
Mannes, der seine Ehre darein setzt, sich mit aller seiner Kraft
in verschuldetem oder nicht verschuldetem Misßgeschicke zu be-
haupten, der entschlossen ist, mit jahrelang währender Arbeit,
mit Sorgen und Mühen, die Niemand sieht und die in vielen
Fällen Niemand sehen und kennen darf, seinen Verpflichtungen
z genüigen, und der herstellen und schasfen will, was fiir ihn
und für Andere das Geforderte und Gebotene ist. Fühlen Sie
von diesem schweigenden, beharrlichen, recht eigentlich büürgerlichen
Muthe etwas in Sich, Herr von Arten -- nun, so brauchen
Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu erschrecken, denn ih
wiederhole es Ihnen: noch ist Hilfe möglich!
Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes
nicht verschließen, zugleich aber fihlte er jenen hochmithigen
Arten'schen Aberglauben noch einmal in sich rege werden, der
erst gestern dem Grafen Gerhard Anlaß gegeben hatte, ihn zu
verspotten. Zum zweiten Male stellte dieser Treman sich zwischen
ihn und eine ihm drohende Gefahr. Er hatte ihm im Kampfe
der offenen Feldschlacht einst durch seinen Muth das Leben er--
halten; weßhalb sollte er von dem Schicksal nicht auch bestimmt?
sein, ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren, der
ihm jetzt zu drohen schien? Und von der Bewegung, in welche
dieser Gedanke ihn versetzte, über seine sonstige enge Schranke
des Empfindens fortgerissen, rief er plötzlich: Soll ich Ihnen?
- er wollte hinzusetzen: eben Ihnen denn Alles zu verdanlen?
haben? = Aber er unterdrückte diesen Zusatz, und obschon Paul!
das wohl bemerkte, focht es ihn nicht an. Im Gegentheil, das-?
znige, was Nenatus aufregte, dinkte ihn nur ein ganz Natürliches?

-=- Zß!-
zu sein. Er hatte dem jungen Manne, de: an sich völlig schuldlos
an allem demjenigen war, was in Paul's Schicksal mit den
Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing, mit Gefahr
des eigenen Lebens das Leben gerettet; ek erschien ihm also,
da er sich einmal bereitwillig hatte finden lassen, die Arten'schen
Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, eben deßhalb jetzt nur
Folgerecht, daß er, so vies an ihm war, auch dazu that, den
Freiherrn auf den Weg zu weisen, auf welchem er sein Leben
ehrenhaft und würdig weiter fortzuführen vermochte.
.c war, hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder
an, da ich nach fast vierjähriger Abwesenheit aus dem Felde
kam, Ihnen will ich es zu Ihrer Ermuthigung bekennen, ziemlich
in der gleichen Lage, in der Sie gegenwärtig sind. Mein Vor-
gänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu
halten vermocht, wir waren durch seine Schuld in die bedenk-
lichsten Geschäfte und Unternehmungen verwickelt, es waren bereits
große Verluste vorgekommen, und da ich ohnehin nach dem
Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien seiner Tochter
gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte, fand ich mich
nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte, an dem ich,
um den augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht
zu werden und mit meinem guten Namen auch meine bürgerliche
Ehre und meinen kaufmännischen Eredit zu erhalten, wie ich es
Ihnen eben jezt gerathen habe, Alles an Alles sezen mußte.
Was heißt das in Ihrem Falle? fragte Renatus mit
wachsender Spannung.
Das heißt, daß ich alles, was ich an Fonds, an Papieren,
selbst an Jmmobilien besaß, unter den ungünstigsten Verhält-
fnissen verkaufen muste, um die auf unsere Firma laufenden
-Wechsel einlösen und dem Mißtrauen begegnen zu können, das
F sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglüclichen
I Geschäfte und Unternehmuungen gegen unser Haus erhoben hatte.

Z6R--
Es kam ein Abend, sprach er langsam und nachdrücklich,
es kam ein Abend, an welchem ich, nach Wochen und Monaten
voll der schwersten Sorgen, voll schlafloser Nächte, mir sagen
mußte, daß ich jetzt fast so pfenniglos da stände, als an dem ;
Tage, an welchem ich in die Welt hinausgegangen war, und
mir fehlten jezt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und
die zwanzig Jahre voll rüstiger Kraft, in denen ich mir meinen
Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte. Ich besaß
an jenem Abende, setzte er nach einem tiefen Athemzuge mit
schwerem, gewichtigem Tone hinzu, nicht viel mehr, als das
Bewußtsein, das Rechte gethan zu haben, nicht viel mehr, als
das unbedingie Verlrauen derjenigen, mil denen ich meine Ge-
schäfte gemacht hatte, und die Neberzengung, daß ich mich auf
mich selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne. Das
aber ist ein Großes!-- Und wicder entstand eine neue Pause.
Troz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen, welche ;
er eben nicht häufig in sich zu erwecken gewohnt war, den ernsten -
Mann erschüttert, während in Nenatus die widersprechendsten!
Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen auf und nieder -
wogten. Bald fühlte er sich geneigt, sich Tremann mit Be-
wunderung in brüderlicher Verehrung in die Arme zu werfen;ß
dann wieder bedünkte es ihn, als dürfe er demselben, ohne sich?
etwas zu vergeben, nicht eine Genugthuung bereiten, deren Z
er jetzt ohnehin schon vollauf genießen mußte; denn daß ein
Mann das Rechte um des Rechien willen thun, daß er fördern?
und Hülfe leisten könne, ohne dabei an sich selbst und an diej
Wirkung zu geenken, welche diese Hülfsleistung auf das Gefühls
des Geförderten hervorbringt, das einzusehen, dazu war diej
Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht. Und doch fühlte er,l
Ma rc.aN--
Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, sagte er endlich, undF

-- ZZ--
ich wünschie, ich befände mich in so einfachen Verhältnissen,
wie Sie, dasi ich das Gleiche möglich machen und mich
doch behaupten könnte. Unser Standpunkt ist nur wieder sehr
verschieden.
Tremann sah ihn prüfend an. Er hörte aus den Worten
des Freiherrn, was in dessen Seele vorging, aber er gab nichts
auf döe hochmüthige und vorurtheilsvolle Ueberhebung, mit welcher
jener seine Zustände als ganz besondere von denen des bürger-
lichen Kauufmanns abzutrennen suchte; und wie der Arzt die
Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht,
das ihn nicht beirren darf, sagie Tremann: Das ist vielleicht
nicht so schwer, als es Sie dünlt, und ich bin bereit, Ihnen
meine Ansicht und meine Plane für Sie mitzutheilen, wenn
Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen. Haben
Sie Liebe fir das Landleben? Denken Sie, Sich auf Ihren
Gittern aufzuhalten?
N,
ah bin auf dem Lande geboren, und die Herren von
Arten haben stets auf ihren Besitzungen gelebt, es ist ein Her-
kommen unter uns, gab er abermals ausweichend zur Antwort.
Das fing Paul endlich doch zu verdrießen an. Wir haben
es hier nicht mit Ihren Familien-Traditionen, Herr von Arten,
sondern mit Ihren Möglichkeiten zu thun, sagte er schärfer, als
, er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatie, und zu der
Uhr emporsehend, fügte er hinzu, daß ihm in einer halben
Stunde eine Geschäftsbesprechung bevorstehe, daß er also genöthigt
,sei, dem Freiherrn in großen Umrissen die Möglichkeiten und
Maßnahmen vorzuzeichnen, mittels deren er es für khunlich halte,
-die Arten'schen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung eines
Theiles des Vermögens die Mitiel zu einer allmählichen Wieder-
herstellung desselben zu gewinnen.
Er rieih, Neudorf und Rothenfeld sofort zu verkaufen.
Für Neudorf finde sich in dem Baurath Herbert, der einst die

Z6g-
Rothenfelder Kirche aufgeführt und bei der Gelegenheit den Werihz
der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen, ein Käufer, da
der Baurath mit Andern in Gemeinschaft eine regelmäßige ?
Ausbeutung der Brüche unternehmen möchte. Auch auf Rothenfeld j
sei ein den Zeitumständen nach recht günstiges Gebot geihan.
Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die Möglichkeit?
besizen, seine Wechselschulden zu tilgen, die hoch verzinsten j
Hypotheken von Nichten theilweise abzulösen und dann Geld von j
der Landschaft zu geeingern Zinsen auf Richten zu erhalten. 1
Sei dies geschehen, so fcage er sich, ob der Freiherr es nicht j
vorziehe, im militärischen Dienste zu verbleiben, in welchem er
sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Beg zu weiterem F
Vorwärtskommen gebahnt habe. Man mache an einen Privat- F
mann, welchem Stande er auch angehöre, in einer großen Stadt j
nicht die Ansprüche, die man gewohnt sei, an die Herren von j
Arten auf ihrem Schlosse zu erheben. Der Hauptmann von !
Arten könne in der Stadt sehr standesgemäß mit dem achten !
Theile der Summe leben, welche der Freiherr von Arten einst j
in Richten alljährlich ausgegeben habe. Neberantworte man ,
Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter, nachdem !
man die Bauten hergeftellt, das Inventarium vervollständigt und j
somit die Mittel vorbereitet habe, welche zur Verbesserung des j
Gutes unerläßlich wären, so werde man sich in der Lage be-
finden, jährlich einen Theil der auf Nichten dann noch haftenden !
Schulden zu tilgen. Noch im rüstigsten Mannesalter aber könne !
Renatus dann wieder Herr eines Besizes sein, der bei den Fort-j
schritten, welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen j
und Erfahrungen der Engländer und Franzosen nothwendig auch !
in Deutschland machen müsse, immer noch ausreichend groß genugj
sein werde, ihm, wenn er dann den Abschied nehmen und, nach ,
seinem Familien-Herkommen, sich auf seinem Gute niederlassen
wolle, auch auf dem Lande ein reichliches Leben mögliß gHa

-- ZßJ--
machen und den Seinen ein schönes Erbe zu werden. Wolle
Nenatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben, um sich auf sein
Stammgut zurückzuziehen, nun, so bleibe ihm nichts übrig, als den
Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen, die Landwirth-
schaft gründlich als einen Beruf zu erlernen, die Bewirthschaftung
seines Gutes selbst zu übernehmen und zu sehen, in wie weit
es ihm-gelinge, ait tüchtigen Gehülfen das Gut zu heben und
seine Bedirfnisse mit seinen Einnahmen in das Eleiche zu sezen,
wobei denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der
Baronin Vittoria Rücksicht genommen, und die Ecziehung des
jugen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung als bisher
geleitet werden müßte.
Renatus halte ihm schwweigend zugehört. Als Tremann
dann geendet hatte, dankte Jener ihm fir diese gewiß sehr
richtigen und höchst wohlgemeinten Auseinandersetzungen und für
seine Rathschläge; aber, sagte er, ich sehe und füühle, wo der
Punkt liegt, den Sie bei Ihren Planen für meine Unterneh-
mungen nicht in's Auge fassen und den ich unbericksichtigt zu
lassen nicht im Stande bin, ja, den ich, selbst wenn ich es über
mein Gefiihl vermöchte, nicht unbericksichtigt lassen barf. Mein
Onkel, Graf Berka, bemerkte mir gestern mit Recht: dem Kauf-
manne, dem bürgerlichen Gewerbetreibenden, Ihnen zum Beispiel,
habe alles, was Sie erwerben, nuur seinen wirklichen Werth.
Alles, was Sie besizen, ist Ihnen Geld, ist Ihnen Mitiel zum
Zwecke. Sie geben selbst den erworbenen, liegenden Besiz mit
voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken auf, sobald es Ihnen
paßt, und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das Ge-
ringste, wenn Sie ein Haus, ein Gut kaufen oder es verkaufen
und wieder zurückkaufen, wie der Anlaß sich eben dazu bietet.
Wir aber, wir befinden uns in einer solchen Lage nicht. Unsere
Verhältnisse sind völlig anders. Wir, sagte er mit besonderer
Betonung, wir sind durch langjährigen Besiz Eins geworden

Z6---
mit unserem Grunde und Boden, mit unserem Lande und unseren
Schlössern. Wir tragen ihren Namen, sie sind unser Unter-
scheidungszeichen. Ein junger Baum -- setzen Sie ihn von
seinem heimathlichen Boden fern, wohin Sie wollen -- er kann
auch in der fremden Erde wachsen und gedeihen. Ein Stamm,
der, weithin schaktend, durch Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln
durch dasselbe Erdreich forterstreckte . -
Geht aus, fiel Paul ihm in die Nede, wenn er den Boden
ausgesogen hat, ans dem er seine Nahrung schöpfie.
Das ist wohl möglich, entgegnele Nenatus mit einem Aus-
drucke von Schwermuth in seiner Stimnmne, die der Andere an
ihm noch nicht wahrgenommen hatte, das ist möglich; aber es
ist sicher, wenn Sie es unternehmen, ihn zu entwurzeln und ihn
zu verpflanzen. Unid tief auufakhend, sezte er hinzu: Sie
sprechen zu mir mit einem Antheile, den ich dankbar anerkennen
muß. Indeß Sie haben nur die eine Seite meiner Verhält-
nisse im Auge, und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen
Bedeutung wohl nicht zu ermessen. Sie sagen mir: verkaufen
Sie Neudorf. Aber Neudorf war der erste Besiz unseres Hausck.
Der Hochmeister Winrich von Knipprode belehnte im vierzehnten
Jahrhundert meinen Ahnherry, nach der Schlacht von Nudau,
mit der Feldmark Neudorf. Neudorf ist seit nahezu vierhun-
dert Jahren unser Eigenthum. Es wäre mir, wenn ich Neu-
dorf fortgäbe, als zöge ich mir den Boden unter den eigenen
Füßen fort, um mich darauf zu verlassen, daß ich im Nothfalle
fliegen lernen werde. Das vermag ich nicht. Sie sagen mir:
verkaufen Sie Rothenfeld, und Sie bedenken nicht, daß in der
Rothenfelder Kirche, die meine Eltern aufgerichtet haben, jezt
die Gebeine meiner Eltern, meiner Ahnen ruhen, daß ich von
ihnen die fromme Pflicht ererbte, in Nothenfeld eben jenes Stift
fir katholische Knaben zu erhalten.
Es wird Ihnen das in leinem Falle lange mehr möglich

-- Z? ---
sein, warf Paul abermals dazwischen, auch wenn Sie Sich
nicht zu der gedachten durchgreifenden Aenderung vermögen.
Und nuun vollends Richten verpachten, das Haus veröden
lassen, sagte Renatus wie zu sich selber, das seit mehr als
hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht zuu Geschlecht geboren
werden und sterben sah? Unmöglich, ganz unmöglich -- es
muß einen anderen Auuöweg geben!
Treman erhöb sich; seine Geduld war erschöpft, seine
freie Zeii z Ende. Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfin-
dungen, sagte er, und ich hatte nicht erwartet, daß Sie Sich
leichten Herzens zu den schweren Schritten entschließen würden.
Aber täuschen Sie Sich darüber nicht, Herr von Arten, Sie
haben keine Zeit, Sich Ihren Empfindungen zu überlassen.
Ich sehe, und es gibt sicherlich fir Sie keinen anderen Auusweg,
als den, welchen ich Ihnen angedeutet habe. Sie müssen Neu-
dorf und Rothenfeld verkaufen, Sie müssen Richten verpachten,
wenn Sie Sich nicht zu persönlicher Arbeit kequemen mögen,
die, wie ich fürchte, auch gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten
und wahrscheinlich ebenfalls gegen die Neberlieferungen Ihres
Hauses verstößt. Ich habe das Amt, mit dem Sie mich be-
trauten, nur bis zu Ihrer Nückkunft übernommen. Wollen Sie
Sorge dafür tragen, daß Ihrer Frau Stiefmutier jetzt ein
anderer Curator, Ihrem Bruder baldigst ein anderer Vormund
gegeben werde, und wollen Sie es mir ermöglichen, daß ich in
Bälde die Papiere, die ich in meiner Obhur habe, einem An-
deren, viesleicht weniger Beschäftigten überliefern kann, so wird
das meinen eigenen Arbeiten zu Gute kommen und ich werde
es Ihnen danken.
Renatus hatte sich jetzt auch erhoben. Er schnallte den
Säbel wieder um, nahm den Czako zur Hand, und so auf's
Neue in voller Unifor, entschuldigte er sich gegen Tremann,
daß er ihn also lange aufgehalten, ohne von seinen guten Ab-

- ZZ--
sichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen ge-
zogen zu haben. Er versprach, sobald es ihm irgend thunlich
werde, Paul's gänzliche Entlastung zu bewirken, verhieß, die
Arten'schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines Bru-
ders in kürzester Zeit an sich zu nehmen, und sie trennten sich
darauf höflich, aber kalt.
Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank
und seine Anerkennung zu wiederholten Malen aus; Paul nahm
dieselben auch mit seiner gewohnten guien Weise hin, indes; sie
waren sich duurch diese Begegng um leinen Schrill nüihher ge-
ireten, sie hatien sich nuur weiter und entschiedener als je von
einander getrennt empfunden.
Als Paul dan auf der Wendeltreppe, die er sich aus
seinem Arbeitszimmer nach Daviden's Wohnstube hatte legen
lassen, hinaufstieg, fand er die beiden Frauen seiner bereits
wartend. Er umarmte die junge Mutter, reichte Seba die Hand,
und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig
und heiter anblickte, umarmte er auch sie. Er fühlte eine große
Zärtlichkeit für sie, weil es ihm gelungen war, von ihrem Herzen
eben heute eine Kränkung abzuwenden.
Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide, deren Liebe sie
hellsehend machte, dennoch, das ihm etwas nicht ganz recht sein
oder daß er eine Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben
misse, und sie fragte, um ihm Anlaß zur Mittheilung zu geben,
weßhalb er sie also lange habe auf sich warten lassen.
Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt, und zuletzt
war Herr von Arten, der gestern von Paris gekommen ist, sehr
lange bei mir, gab er ihr zur Antwort.
Und wie hast Du ihn gefunden ? frief Seba, in welcher
die Theilnahme für den Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich
wieder regte.
Er ist ein schöner Mann geworden, breitschulterig und

-- ZIß-
kräftig, ein sehr schöner Mann, gab er zur Antwort, während
er sich zum Jmbiß niedersezte.
Und wie ist er sonst geworden? fragte Jene noch einmal.
Nicht anders, als er gewesen ist. Es geht ihm wie dem
Herrscherstamme der Bourbonen, von deren Hofe er nach Hause
Lommt. Er hat nichts gelernt und hat nichts vergessen.
Was will das in seinem Falle besagen ? erkundigte Davide
sich, der die Mis;stimmung ihres Gatten jezt erklärlich wurde.
Wad das sagen will, mein Kind? Nun, er möchle sein
Leben geniesßen, wie sein Vater und seine Ahnen es genossen
haben; möchte wie sie die Herrschaften besizen und geachtet
lelen nud sterben wie sie. Er hat auch reiht viel schöne Empfin-
dungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust.
Die Frauen schwiegen. Sie mochten sich erinnern, daß
sie es gewesen waren, die Paul gegen seine Absicht überredet
hatten, sich mit den Arten'schen Angelegenheiten zu befassen,
und da er dieses wohl errieth, sagte er, gleich darauf bedacht,
ihnen jede Reue zu ersparen: Macht Euch um meineiwillen
darüber keine Sorge, meine Lieben! Ich erleide durch Renatus
keine Entiäuschung, habe obenein in dieser Verwaltung mancherlei
erfahren und gelernt, das mir gelegentlich von Nuzen sein wird;
und auf eine Handvoll Arbeit! mehr kommi es mir glicklicher
Weise nicht an.
Und Du glaubst, daß er sich nicht rathen lassen, sich nicht
ändern werde? erkundigte sich Seba noch einmal. -
Nein; denn wie sollten Menschen, die sich für eine besondere
Abart halten, sich verständig in die der großen Gesammtheit
genfinsamen Bedingungen der Gegenwart zu schicken wissen?-
Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr ernsthaft: Täuscht
Euch nicht darin: Alles undTJedes hat nur einen zeitweisen
Bestand, eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens. So gewis:
als die forischreitennde Culiuur die gemeinschädlichen Thiere in die
F. Le walv, Von Geschlechl zu Geschlecht. 1l.

-- Z7ßs-
Einöden zurückdrängen und endlich völlig ausrotten muß und
wird, so gewiß muß und wird die fortschreitende Bildung, die
in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des Menschen,
und in der Freiheit und Genuß bereitenden Arbeit ihre höchste
Ehre erkennt, über alle die Geschlechter hinweggehen, die ohne
Nuzen für die Gesammtheit leben und, sich von ihr ausschließend,
sich hinter Vorrechten und Vorurtheilen verschanzen und halten
zu kdnnen glauben. Was werthlos für das Allgemeine ist, muß
untergehen; und kein Adelsbrief und leine Gros;that irgend eines
Ahnen kan dagegen schiizen, kann die Allgemeiheii schahlos
halten fir unberechtigte Anspriche und fir hochmüüihige Arbeiis-
scheu. Mögen sie zu Grunde gehen!
Er hatte dieses Verdammungsuurtheil, dessen lezte Worte in
seinem Munde und in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges
und Furchtbares gewannen, noch nicht beendet, als die Wärterin-
ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte. Der derbe Bursche
streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen, und kaum hatie
dieser ihn auf seinen Knieen, als der Knabe sich mit allen seinen
Kräften aufzurichten strebte, um das Stück Brod zu erlangen,
das in einiger Entfernung vor dem Vater auf dem Tische lag.
Die Frauen lachten über die lebhaften, wenn auch noch unge-
schickten Bewegungen des kleinen Menschen, und ihm empor-
helfend, rief der Vater mit sichtlichem Vergniigen: So recht,
so recht, mein Sohn, hilf Du Dir selber zu Deinem Brode --
ich hab's eben so gemacht - und ich denke, das soll uns wohl
bekommen! Geh' nur gerade darauf los!
Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung
in sein Comptoir und zu seiner täglichen Arbeit zurück.