Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 28

aiebzehntes Capitel.

,enatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienst-
geschäfte und seine geselligen Verzsichiugen i Ausprc ge-
nouen. Er halle sich bei seien Vorgesezten vorzuslellen, alie
Belannie und Freunde aufzusuchen, und ülberall fand er einen
Empfang. der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten
Morgenstunde bei seinem wenig tiefen -Sinne leicht vergessen
machte. Allerdings wurde auch von seinen Vorgesetzten wie von
seinen Freuden die Frage, ob er in Dienste bleiben oder sich
auf seine Giter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es ge-
schah in einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei
einer solchen Entschließung an die vollste Freiheit von seiner
Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner künftigen Gattin,
denn man deutete ihm überall an, daß man um sein Verlöbniß
mit der Gräfin Nhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einfluß
in Betracht bringe.
Wohin er kam, begegnete er einer großen Zufriedenheit
und den besten Hoffnungen fir die Zukunft des Vaterlandes,
in welche denn selbstverständlich die besten Aussichten für den
Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man rühmte sich
nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatie, eines ge-
waltsamen Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit, aber
man sprach es in den militärischen und adeligen Kreisen doch
unzweideutig aus, wie man froh sei, daß jene Tage einer un-
natürlichen Aufregung numn überstanden und überwunden wären,
in denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen
Lg

hinausgetrieben und, freilich durch die Nothwendigkeit, ihrem
häuslichen Leben wie ihrem Berufe und Gewerbe abwendig ge-
worden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom
der Bewegung jezt auf's Neue richtig eingedämmt, in sein altes
Bett zurückgeleitet werde, und wie die natürliche Gliederung der
Stände sich gleichsam von selber wieder herstelle, seit man in
den höchsten Kreisen die schönen, würdigen Formen der Eti-
aunetie wieder strenger auufrecht halte. Besonders jedoch versprach
man sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russi-
schen Thronfolger, dessen Gesinnungen und Charakter man höchlich
pries, wie von dem engen Anschlusse an das conservative Dester-
reich, daß man nn auch in Preusßen schnell den phantastischen,
demagogischen Freiheitsgeliisten, die einer ruhigen Eniwiclung
des Staatslebens im Wege ständen, das Ende machen werde.
Und da man von oben herab einzelnen hartbedränglen adeligen
Grundbesizern mit großen Darlehen zu Hülfe gekommen war, sah
man, wenn in Preusen auch nicht die Milliarde von Franken
in Aussicht stand, mit welcher man die AuSgewanderten in
Frankreich entschädigt hakte, doch für den Adel des Lndes sehr
beruhigt und hoffnuungsreich in die Zulunft hinaus.
Wls Renatus dann am Abende, wie er es versprochen
hatte, seinen Oheim besuchie und ihm von seinem Tagewerke
Rechenschaft geben sollte, gestand er diesem, daß er dieses Tage-
werk, wie er es nannte, mit einer ebereilung, ja, recht eigentlich
mil einer Duummheit angefangen habe.
Der Graf begehrte naiirlich zu wissen, was das heißen
solle, und sein Neffe enigegnete: Ic habe gegen die ersten
Grundsätze der Kriegfihrung gesündigt und dafür eine Schlappe
davongetragen. Ich habe mir unnöthig eine Blöße gegeben,
die ich mir hätte sparen könen, hätie ich, wie sich's gebiührte,
erst den Grund und Boden und die Gegend genau untersucht,
in die ich jezt fast als ein Fremder zurückgekommen bin.

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Er erzählte darauf, wie er, tatt sich erst zu seinen Freun-
den zu begeben, gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei,
wie dieser ihm eine Besorgniß erregende Rechenschaft über seine
Angelegenheiten abgestattet, wie er selber sie im trübsten Lichte
angesehen und wirklich an nicht? cls an den Untergang gedacht
habe. Um sich aber wegen dessen, was er jetzt als seinen khö-
richten - Kleinmuth bezeichnete, zu entschuldigen, gab er dem
Oheim zu bedenken, daß er die Eindricke seiner Kindheit, in
welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig durch die Welt
habe ziehen sehen, niemals loö geworden sei, und daß er sich,
von seinem Stammbesize abgetrennt, so elend wie ein Ver-
stimmelter, ja, wie ein Meusch ohne seinen natirlichen Schalten
erscheinen wüürde. Er berichlele, von dem Drange nach Mitihei-
luung dazu verleitet, alles, was er von Tremann erfahren hatte,
ließ es nicht unerwähnt, daß Herbert, der dem Grafen dem
Namen nach aus den früheren Zeiken wohl bekannt war, auf
Neudorf Absichten hege, daß auch von einem Käufer fitr No-
thenfeld die Nede gewesen sei, und der Graf hörte ihm, ohne
ihn zu unterbrechen, geduldig zu.
Dann, als jener geendet hatte. sprach er: Ja, sie regen
sich gewaltig, diese Herren vom Geldsacke und von der Hacke,
und man könnte wirklich mitunter meinen, das goldene und
das eiserne Zeitalter rückten gleichzeilig, und zwar zu unserem
Verderben, auf uns heran. Glicklicher Weise aber hat es keine
Noth mit ihnen. Ihre Interessen sind tausendfältig, kreuzen
und widerstreben einander, und die unseren sind eines - eines
und dasselbe durch die ganze Welt! Ihre Habgier trennt sie
von einander, unser berechtigtes Verlangen, das Unserige, seien
es Rechte oder Besizthümer, zu erhalten, zwingt uns zur Einig-
keit. Wir gipfeln in dem Throne, den wir stützen, sie suchen
nach einer Gestaltung, die Alle auf gleiche Höhe stellt, und sie
verflachen und vernichten sich auf diese Weise, während wir uns

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durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen
und erheben. Es hat keine Noth mit ihnen und mit uns! Ich
habe sie unter den Franzosen studirt und kennen lernen, diese
republikanischen Grafen von vorgestern und Prinzen von gestern!
-- Er lachte.-- Du hast ja selber Proben von ihnen hier bei
mir gesehen. Schmuuhziges, habgieriges Gesindel, das Jeden fitr
läuflich hiell, weil es selber läuflich war!
Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu.
aber er wurde an seinen eigenen Erinnerungen und Erlebnissen
irre. Indes; wie alles in sich Vollendete, hai auuch die vollendete
Heuchelei sir denjenigen, der einer solcheu ichl säähig isl, elvas,
das ihn wenigstend fiir Agenllicke und oft sir lange Zeil be
herrschen und blenden kann, besonders wenn ihre Aeußerungen
den persönlichen Aisichien und Wiüuschen dessen begegnen, an den
sie gerichiet sind; und alles, was Reuatus von seinem Oheim
vernahm, war dazu geeignei, ihn zu beruuhigen. Freilich entsann
er sich gar wohl der Vorschläge und Aniräge, welche der Graf
ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen
Herrschafi gethan hatie; er erinnerte sich auuch aller der Gerüchte,
die über seinen Oheim in Umlauf gewesen waren, und des
Tadels und der Unzufriedenheik, ja, des schweren Kummer?,
zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlas: gegeben hatte.
Aber der Freiherr hatte in Paris eine große Anzahl von Män-
uern kennen lernen, von deren stürmisch durchlebter Jugend, von
deren auffallenden Sinnesänderungen man sich ebenfalls das
Abenteuerlichste zu erzählen wuste, und es hatte das nicht gehin-
dert, das man ihnen Ehre und Achtung zollte, wenn sie endlich
zu einer wüirdigen Abklärung ihres Lebens, zu Neberzeuguungen
durchgedrungen schienen, mit denen man sich einverstanden zu
erklären vermochte. Wie durfte der Neffe auch an der ehrlichen
Wandlung und siitlich -patriotischen Erhebung seines Oheims
zweifeln, wenn der König, in dessen unbedingter Verehrung der

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junge Freiherr auferzogen und den er gewöhnt worden war, als
die irdische Verkörperung der höchsten Gerechtigkeit zu betrachten,
den Grafen zu Gnaden angenomnnen und ihn mit einem seiner
höchsten Orden ausgezeichnek hatte? Der Autoritätenglaube,
welchen er zu den Pflichten seiues Standes zählte, zwang den
Freiherrn, das eigene Urtheil der Ansicht seines Königs unter-
zuordnen, und anzuerkennen, gelten zu lassen und zu verehren,
was dem Landesherrn, dessen menschliche Beschränktheit doch natür-
lich stets auf fremdes Urtheil, auf fremde Angaben zuriczugehen
sich genöthigt sah, von Dritten als ein Ehrenwerthes und als
der Anerlennung wirdig geschildert worden war.
Sein Verkrauuen in deö Oheim Einsicht sieigerle sich be-
ständig, und die mannigfache Kenntniß, welche derselbe von allen
praktischen Dingen zu haben schien, üüberraschte den Neffen. Auch
über Tremann's Angelegenheiten zeigte der Graf sich völlig
unterrichtet. Er erzählte, wie Tremann von der Flies das von
Aren'sche Grundstick in der Hauuplsiadt an sich gebracht, wie er
es parzellirt, wie er die Bewillignng erhalten habe, hinten im
Garten dem Wasser entlang eine Straße anzulegen, und wie
er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen Verlegenheit
gerettet, sondern auch ein namhaftes Capital gemonnen und
seinen großen Credit aufrecht erhalten habe.
Sie haben sich, sagke der Graf, zusammengethan, wie ich
neulich hörte, als ich einmal ausnahmsweise, denn ich liebe
meine eigene Kiche, mit einem Bekannten im Hötel zu Mittag
as;; sie haben sich zusammengethan, Euer Steinert, dieser Tre-
mann und der Baurath Herbert. Sie sind es, die ihre Ab-
sichten auf Neudorf und auf Rothenfeld gerichtet haben. Sie
wollen bei Euch in der Prowinz, wo der Boden und der Ar-
beitslohn noch bilger sind als hier, Fabriken anlegen, Del-
und Zuckersiedereien, und, was weiß ich, was sonst noch Alles.
Steinert, der Marienfelde schon besizt, soll so viel als möglich

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von dem Rohyrodukte auf eigenem, den Fabriken gehörendem
Boden erzielen. Herbert übernimmt die Bauten. Steinert's
Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun
nach Amerika hinübergeschickt, damit er sich in dem Fabrikwesen
umsehen solle, und Tremann, der jetzt hier bereits wieder zu
den grosen Firmen zählt, findet fir jede seiner Unierehmungen
Theilnehmer und Capital, wobei denn, wie sich das nach Mei-
nmg dieser Leute wohl gebihrt, dem Erfinder der Löwenaniheil
anheimfällt. Die Continentalsperre hat sie alle llug gemacht,
und was wir Bonaparte auch nachzutragen haben, die Industrie
des Festlandes hat er mit einem Federzuge um Jahrhunderte
gefördert.
Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden
Weise verschiedener anderer Gewerbtreibenden, die in kurzer Zeit
große Vermögen erworben hatten; aber Nenatus hörte es nicht,
mehr. Es war ihm unheimlich, zu denlen, wie Andere sich
bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güier
machten; und wie sich in solcher Lage die Vorstellungen dem
Menschen leicht zum Bilde verkörpern, kam er sich wie ein von
Jägern vorsichtig umstelltes Wild vor, dem zwwar die freie Be-
wvegung innerhalb des Reviers, aber kein Entrinnen mehr ver-
gönnt ist. Er sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt,
von Neudorf und Rothenfeld qualmte der Nauch aus den Schloten
der Delmühlen und Zuckersiedereien, er meinte den Donner der
Minen zu hören, mit denen man in den Steinbrüchen hinter
Neudorf die Felsen sprengte, und von seinem Mißempfinden
fortgerissen, rief er: Wenn ich mir denke, das diese Compagnie
sich bei uns einzunisten denkt.. -
Wo denken sie sich denn nicht einzuudrängen? erwiederte
mit lachendem Achselzucken der Graf. Und vor Allen dieser
Monsieur Tremann! Da - er stand auf, ging an seinen
Schreibschrank, schob einige Papiere, die auf demselben lagen,

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mit rascher Hand zur Seite, und seinem Neffen ein Blatt hin-
haltend, fügte er hinzu: Da, lies einmal, welch eine Epistel ich
heute von dem Patron erhalten habe.
Nenats ihat, wie Jener brgehrte; indeß die Wirkung des
Schreibens war eine andere, als der Graf erwartet haben mochte,
denn mit sichtlicher Mißbilligung fragte sein Neffe: Aber wie
konnte das auch geschehen? wie konnte die Person zu diesen
Briefen kommen? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben
können, so muß sie sie entwandet haben. Was werden Sie
denn khun ?
Was ich khun werde? lachte der Graf, Nichts! Ich werde
dem Herrn Tremann die Zeit vergönnen, den LandwehrMafor
zu vergessen, der ihm noch im Kopfe spukt, und sein Arten'sches
Blut, an das er sicherlich auch mit Vergnüigen denkt, allmählich
zu beruhigen. Wenn man als versiändiger und gewiegter Mann
sich noch um solche Jugendsiinden kümmern sollte, da hätte man
viel zu ihuun, voraunsgesezt, das man ein Paar rothe Backen
besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt hat. ---
Aber den Scherz bei Seite! Du denkst doch hoffentlich jezt
nicht daran, Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger
zur Ausbeutung zu überlassen?
Renatus sagte, wie Tremann selbst gefordert habe, daß er
ihn davon entbinden möge.
So ihne es, je cher, desto lieber! sprach der Graf. Du
bist jetzt hier, gehst jetzt nach Huse. Sieh' Dir an, wie die
Verhältnisse dort sind, und da ja zwischen heute und morgen
nichts entschieden zu werden braucht, so kann man überlegen,
was zu machen ist. Bringe mir die Berichte einmal her, viel-
leicht vermag ich etwas für Dich zu ihun. Ich komyne im Früh-
jahre in unsere Provinz. Der Regicrungs-Präsident, der Direltor
der Landschaft sind alte Freunde von mir. Man muß die Dinge
nur anzufassen, höchsten Ortes richtig darzustellen wissen! Es

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geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen, und wenn
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man sich bei Aulas; Deiner Hochzeit an die rechie Stelle wendel,
so komut man Du. da Hildegard und die Mutter sehr geschäzt
sind, wohl zu Hüülfe. Sind wir denn Hans und Kunz, daß
wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Krethi und Plethi
aus der Affaire ziehen könnten?
Der Graf war bei diesen Auseinandersezungen äuserst
heiter geworden. Das wirkte auf Renatus vortheilhaft zurück.
-tach kurzer Beralhung kamen der Oheim und der Nesfe dahin
iiberein, das: der j:unge Freiherr gleich jehzl an kremann schreiben
uund die soforlige AuIhindigung der Geschäsisalien uid Dd -
luumenie begehren solle, weil Nenaius sie mit sich zu nehmen
wimsche. Das brachte die Unterhalkung denn auch auf die
Abreise des Freiherrn, und der Graf rielh ihm mil einer ge-
wissen Dringlichket, dieselbe zu beschleunigen und auch seine
Hochzeit so bald als uöglich zu begehen. Da died seinem
Nesfen beides auffiel, sagle Jener unuumwuunden, Nenatus möge
nicht vergessen, daß er aegenwärtig der lezte Arten sei und das
er seinem Hause schlde, endlich fitr die Erhaltung dieses alten
Geschlechtes Sorge zu fragen. Nebenher sei Hildegard durch den
langen Braulsland muihlos und an sich selber irre geworden,
habe ein Mißtrauen in Renatus Zuuneigung zu ihr, und es
sei auch fir Renatus selber nöthig, daß er sich von dem Gerede
frei mache, das über ihn im Gange sei.
Der junge Freiherr fuhr auf. Er begehrte zu wissen, was
daö sagen wolle; sein Oheim suchte ihn zu beschwichligen, und
da Jener in ihn drang, meinte der Graf, er selber habe nicht
recht dahinter kommen lönnen, um was es sich dabei handle.
Graf Stammburg, der Aitach der preußischen Gesandischaft,
welcher dieser Tage mit Privat- apeschen von aundon ange-
D,
N,.
kommen sei, habe das Gerücht von einem Liebeshandel, einem
Bekehrungsplane, einer Verfihrungs- oder Etfihrungsgeschichte

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hierhergebracht, in welcher der Name eines katholischen Geist-
lichen mit Renatu Namen und dem Namen der bekannten
Schönheit, der Gräfin Haughton, wunderlich verschlungen z
gleicher Zeit genannt worden wären. So viel stehe fest, daß
die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen, daß sie sich
auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen
baabsichtige. Käme sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin, so sei
es, was auch immer zwischen ihr und dem Freiherrn vorge-
gangen wäre, gewisß das Beste, wenn derselbe bei ihrer Aulunft
nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei, um
sich damil gegen seine eigenen Erinnerungen wie gegen die mög-
lichen Ansprüche der Gräfin eine Schuzwehr zu bereiien.
Renatus war sehr betroffen. Er konnte es nicht ertragen,
von sich und von Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder
einen Verdacht gegen seine Ehre auf sich sizen zu lassen. Um
sich zu rechifertigen, erzählte er dem Oheim seine Erlebnisse bis
in ihre kleinsten Einzelheiten, und es war lange nach Mitier-
nacht, als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen
sasßen.
Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer. Er verstand zu
fragen, sprechen zu lassen und zu schweigen. Als Renatus aber
alle seine Mittheilungen geendet und dem Grafen selbst sein
erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen hatte,
rieth dieser ihm nur noch entschiedener, gleich an einem der
nächsten Tage nach seiner Heimath aufzubrechen. Er pries Hilde-
gard in gewohnter Weise auf das wärmste, meinte, jedes Feuer
erlösche, wenn man es zu lange ohne Nahrung lasse. Auch Re-
natus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein, um die
alten Flammen wieder auflodern zu fühlen. Dazu gab er ihm
des Königs bekannten Widerwillen gegen alles, was irgend nach
einem romantischen Abenteuer aussähe, zu bedenken. Es sei nicht
rathsam, meinte er, wenn der König jetzt zum ersten Male von

-- IZ--
Renatus, gerade auf Anlaß eines so vieldeutigen Gerüchies,
sprechen höre, ohne daß man durch den Hinweis auf seine nahe
Vermählung mit einer ihm von Jugend auf verlobten Braut
jene Verdächtigungen entkräften könne. Füir die Herstellung von
Nenatus' Vermögen und Besiz sei des Königs Gust die ersie
und die einzige Bedingung, und die Gräfin Rhoden, die Mutter
wie die Töchier, besästen diese Güsl.
Der Graf kam allmähhlich auch auf die Baronin Vitioria
zu reden, erwähnte mit Bedauern, das; sie seinen verstorbenen
Schwager wohl mnanche unangenehme Erfahrung habe machen
lassen, und meinte, da heute einmal zwischen ihnen Alles, wie
es sich zwischen so nahen Blütsverwandken und zwischenn Männern
zieme, welche die Welt und dad Leben keunen gelernt hätten,
durchgesprochen würde, so wolle er Nenatuus denn auch vertrauen,
daß er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr wichtiges Do-
kument besize. Es sei ein Brief, der Brief eines im Felde ge-
bliebenen italienischen Offiziers an die Baronin. Er, der Graf,
sei sonst, wie Nenatus es heute gesehen habe, eben lein sorg-
fältiger Aufbewahrer von Papieren, indeß dieses sei ihm doch
der Mühe werth erschienen. und da man nicht wissen köune,
wie Alles sich einmal im Leben füge, so sei er bereit, es Ne-
natus auszuhändigen.
Die Mittheilung kam dem Freiherrn höchlich unerwimscht.
Sein Schamgefihl wie sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese
Enthüllung des Verrathes auf, welchen Vittoria gegen seinen
Vater begangen hatte; und daß ein Anderer, als eben er und
sein verstorbener Vater, sich daä Recht zuerkennen durfte, seine
Stiefmutter zu verurtheilen, that ihm auch um ihretwillen weh.
äSäre er seiner ersten Eingebung gefolgt, so würde er das An-
erbieen von sich gewiesen haben, aber die sliüchligste leberlegung
ließ ihn erkennen, daß ein Zeugniß gegen die Baronin, gegen
die Frau, die seines Vaters Gattin gewesen war und seines

=-- ZF--
Hauses Namen trug, nicht in framden Händen bleiben dinfe;
und sich überwindend, sagte er so ruhig, als er es vermochte,
das; er es seinem Dukel natitrlich nur Dank w ssen könne, wenn
er ihm den Brief abtreten wollk.
Der Graf holie ihn also sofcrt herbei. Der Zufall spiel:
oft wunderbar, meinte er. Ein inliener, der uns hier zur Zeit
des rzssischen Feldzuges iu Hause erlrankie und am Typhuus
slarb, haite das Blait an Vilioria in seiner Briefiasche. Die
Weisßenbach, welche des Kranken gewartet und dann später sein
Hab und Gut an sich genommen hat, brachte mir das Schreiben.
E war in der That nuur ein einzelnes Blait, wie man
es aus einer Schreibkafel heranureisßt, los zusammengelegt, mit
Bleistift geschrieben, die Buuchstabun und die Zeilen unregelmäßig;
man mußte annehmen, daß ein Kranker, ein Sterbender sie
hingeworfen haite. Die Aufschrift aber war von einer anderen
Hand. Sie trug in festen, sihern Lettern Vittoria's Namen
mit genauer Angabe ihres Wohnortes und der Stadt, in deren
Nähe Schloß Richten gelegen wr.
Ohne den Neffen anzusehen --- und diese Ricksicht wußte
Nenatus sehr zu würdigen -- reichte er ihm iber die Schulter
hin das Blatt. Wer weiß, wie Du es einmal brauchen kannst,
Deine Stiefmuutter im Zaume zu halten, sagte er. Ich habe,
wie ich Dir bekennen will, durch die bloße Andeutung, daß ich
von dem Dasein eines solchen Briefes wisse, Ruhe und Frieden
in Richten geschafft, und die Gräfin und Hildegard haben mich
seitdem für einen großen Psycholugen, ja, für einen halben
Zauberer angesehen. Du wirsi viel zu schlichten und zu schaffen
finden, denn auch der Junge ist ein wahrer Satan, aber viel-
leicht auch ein Genie, und wenn Du etwa von dem Briefe
einml Gebrauuch zu machen denlsi. -
Das werde ich niemals! fiel Renatus ihm in die Rede.
Hüte Duch, mein Lieber; man soll so etwas nicht sagen!

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meinte der Graf. Das Leben nimmt uns oft sonderbar beim
Worte!
Es entsiaud eine Pause; Renatus schickte sich zum Fort-
gehen an. Der Graf fragte ihn, wann er nach Hause zu reisen
denke, und er entgegnete, das; er schon morgen aufbrechen möchte,
daß er jedoch erst uoch einmal zu Tremann gehen und seine
Papiere an sich nehmen misse. Der Gras hingrgen meinie, das:
Nenalus deßhalb ja nicht noch einmal mit Tremaun zusammen
zn kommen brauche, sondern das; diese Sache sich auch schriftlich
abthun lasse; und uach lurzeu Hin- und Widerreden lamen sic
überein, daß der Graf gleich jezt zwei Zeilen an Tremann
schreiben solle, um dem Neffen ein neues uuwilllomnenes Be-
gegnen zu ersparen.
Der Graf, der es unter der Franzosenherrschaft wohl ge-
lernt hatte, rasch und gewandt mnit der Feder uuzugehen, setzte
sich sofort an seinen Schreibtisch nieder. Warte, sagte er, dabei
kann ich ihm gleich auf seinen ritierlichen Brief von diesem
Morgen dic ihm gebührende Antwwort vergönnen. Als er geendet
hatte, bot er seinem Neffen dad Billet zur Aesicht dar. Es lantete:
, Mein Neffe, der Freiherr Renatus von Arten-Richten,
welchen der Wunsch, seine Heimath und seine Braut baldmöglichst
wiederzuschen, zu beschleunigter Abreise veranlaßt, hat mich be-
auftragt, die sämmilichen in Ihrem Gewahrsam befindlichen,
ihm zustehenden Papiere und Dokumente pon Ihnen zurüczu-
fordern. Ich ersuche Sie also, mir dieselben gegen einen von
dem Freiherrn unterzeichneten Epfangsschein zustellen zu lassen.
Bei dieser Gelegenheit bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben
von heute früh, daß es mir gegen die Ehre und gegen die
sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoßen scheint, entwendete
Papiere käuflich an sich zu bringen, daß es aber fern von mir
ist, Sie deßhalb zu einer Nechenschaft zu zehen, da jene mir
entwendeten Briefschaften völlig werthlos für mich sind.

-= ZZZZ--
Der Graf sah, daß die lezten Zeilen dieses Bricfes nicht
nach dem Sinne seines Nefsen warrn, aber er wuszte dem Aus-
drucke dieses Mißfallens vorzubeugen. Man muß hiesen Herren
doch gute Sitten lehren, sagte er spittisch, und ihnen zeigen,
wie ein Cavalier u ,hresgleihen uuzugehen hat. Sie möchien
1i N
sich am liebsten auch in der Gese lschaft in Neihe ued Glied
mi! llisereiie:u slellen, weil sie einn al im: Felde neben uns
gestanden haben. Aher die Tuuge flgen einander und gleichen
einander nicht! wie die Franzosen richkig sagen.
Er ersuchte Renatus darauuf, ihm den Emofaugsschein,
dessen er fir Tremann benöthigt wr, zu schreiben. Sie ver-
abredeten, daßß sie am nächsten aage noch zusanmen speisc:u
wollten, und Renatus, der von der Menge der verschiedensten
Eindrücke auufgeregt war, trug jezt selbst ein.rlangen, nach
N.
Richten zu konumen, um seine Zustände und Verhälinisse einnal
durch eigene Anschauuung und Erfahrung z --- uud wo
i.wüisz i
möglich zu einem Abschlisse zu
N, hs-
n-- -- -uhe auf sich selber zu
brilge!!, der es lg=-. =- z=--s-
Iisss orrifHf f
besinnen.