Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 02

ZZweites Capitel.
,ian hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht,
und der nächste Morgen ließ sich auch nicht besser an. Es reg-
nete noch immer fort. Nirgends war ein Durchbruch der Wolken
zu bemerken, der auf eine baldige Aenderung des Wetiers hätte
schließen lassen. Auf dem Lande aber hat ein lange anhalten-
der Regen etwas Einbannendes, das ihn weit lästiger macht,
als in der Stadt.
Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen, weiter-
hin gegen Mittag kamen ungefordert die Schulzen und verschie-
dene Bauern in das Schloß, um bei dem Freiherrn ihre Be-
schwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung
anzubringen. Renatus sah daraus, daß sein Vater die Ver-
waltung seiner Güter fast ganz in seine Hand genommen hatte;
aber er konnte sich nicht daran gewöhnen, daß die schweren
Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses
erschallten, daß ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer
des Freiherrn betrat, und sein Vater that ihm leid, wenn er
ihn Geschäfte verhadeln, ihn um Kleinigkeiten dingen und
feilschen sehen muste, an welche zu denken er in früheren Jahren
weit unter seiner Würde gehalten haben würde. Es war still
im Schlosse, aber nichl so ruhig, wie dereinst.
In dem Zimmer, welches das Wohngemach der Baronin
Angelika gewesen, waren die Fenster alle geschlossen, obschon
troz des Regens die Ltft sehr mild war. Im Kamine brannte

LT-
das Feuer. Vilioria lag auf einem tiirlischen Polster, Renals
saß ihr gegenüber. Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf
und Schultern geschlagen, als ob sie troz der großen Wärme,
welche in dem Zimmer herrschte, an Kälte leide, und bewegte,
im Gegensaz dazu, mechanisch und zerstreut den mit Edelsteinen
besezten Fächer in ihrer Hand, als müisse sie sich Kühliing fächeln.
Renatus sah, wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen nie-
derfielen, wie ihr kleiner Fuß unier dem gelbseidenen Morgen-
Gewande hervorblickte, wie ihre langen Wimpern einen Schatten
auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied, seinem Auge
zu begegnen, so geflissentlich er das ihrige suchte.
Eine geraume Zeit verging auf diese Weise. Mitunter
machte der junge Mann eine Bewegung, als ob er sich erheben
und das Zimmer verlassen wolle; dann folgte ihm der Blick
Vittoria's schnnell und unmerklich, aber er stand immer wieder
von seinem Vorhaben äb, obschon es ihn Ueberwindung kostete,
zu bleiben; und wenn sie sich seines Verweilens auf's Neue
sicher wußte, senkte sich das Auge seiner Stiefmutier wieder
auf den Boden nieder, als gäbe es gar nichts, was ihre Theil-
nahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig
machen könnte.
Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt;
eine jener Unterredungen, die, von dem völligsten Vertrauen
ausgegangen, sie plötzlich zu einem Punkte gelangen lassen, auf
dem sie sich getrennt empfunden hatten. Im Erstaunen über
diese Möglichkeit, im Erschrecken über sie, war von der einen
wie von der andern Seite manches Wort gefallen, das man
gesprochen, ohne es sprechen zu wollen, Worte, die man bereute
und die man doch nicht zurückzunehmen vermochte, weil sie zu
tief in die Seele des Andern eingedrungen waren. Renatus
hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt, sie hatte ihn un-
dankbar genannt. Er hatte ihr vorgeworfen, daß sie nie empfun-

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den habe, was Liebe sei; sie haile ihn daran erinnert, daß es
dem Sohne seines Vaters übel anstehe, es ihr in das Gedächt-
niß zu rufen, was ihre Ehhe ihr versagn habe; und bei jedem
Tadel, bei jedem Vorwurfe, mit dem sie einander entgegentraten,
schärfie der Gedanke, das; es eben Vittorla, das; es eben Nenamus
sei, der sich also ausspreche, den Stachel, mit dem sie einander
verwundeten. Denn Niemand kann uns so tief verletzen, als
die Hand, eine sehr Gelicbten.
Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene
Schwere und Bewegung über sein Wollen hinauusgetriehen wird,
bis man endlich, gewaltsam einhaltend, mit Erschrecken wahr-
nimmt, daß man hart am Rande eines Abgrundes steht, so
saßen Renaius und Vitkoria einander gegenüber. Das Herz
war beiden schwer, beiden that die Bitterkeit wehe, die sie gegen
den Andern empfanden, Jeder von ihnen hätte einlenken mögen,
aber sie konnten den Weg dazu nicht finden, und selbst die ur-
prüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderniß
zwischen ihnen, obschon beide des Französischen völlig mächtig
waren, das ihnen von jeher zur Vermittlerin gedient hatte.
Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe, wie regungS-
los Vittoria zu Boden blickte, mit welch maschinenmäßiger Sicher-
heit sie ihren Fächer handhabte. Er hoffte, sie werde ihn einmal
fallen lassen, er wünschte ihn aufheben, ihn ihr reichen, irgend
eine Veranlassung finden zu können, die es ihm nöthig oder
auch nur möglich machte, ein Wort zu ihr zu sprechen, einen
Blick von ihr zu erhaschen, ihren Dank zu vernehmen. Es war
ihm zu Muthe, al- habe man ihm ein lang besessenes Gut ent-
rissen, als habe man ihm mit einer theuren Erinnerung ein Stück
seines Lebens genommen, als habe er etws Unschäzbares ver-
gessen, als habe auch Vittoria ihn vergessen. Er lebte wie unter
einem Zauberbanne, und er meinte, Ein Wort, das erste, beste,
gleichgiltige Wort, misse diese unselige Verzauberung lösen,

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müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtniß wiedergeben
können, das Gedächtniß all der langen Freundschaft, all der
heiteren, überströmenden Neigung, die sie für einander in der
Brust getragen bis auf diese Stunde. Er wollte immer sagen:
Besinne Dich, Vittoria, ich bin's! Er sagte sich innerlich fort-
während: Es ist ja Vittoria!-- Aber der Bann der harten,
unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und
wuchtete immer schwerer und machte ihn immer unfähiger, sich
zu befreien. Und dazwischen dachte er mii Miszmuih und mit
Sorge an Hildegard, welche die unschuldige Ursache all seines
Schmerzes war.
Endlich erhob Vittoria das Haupt. Renatus hätte ihr
schon dafür danken mögen. Sie sah ihn an, flüchtig mit ihrem
dunklen Auge an ihm vorüberstreifend, sah in die Flammen,
als gewahre sie erst jetzt, daß diese im Erlöschen seien, blickte
dann in das Freie hinaus, wie wenn sie den langsamen Fall
der feinen, dichten Regentropfen betrachtete, und sprach zusammen-
schauernd die Worte, mit denen Dante seinen Eintritt in den
dritten Höllenkreis bezeichnet:
T sono ul terro eerchio älella gioru
Kterna, ms.edetta, kresda e grero!rs
D, mag es regnen! rief Nenatus, indem er sich, schon
durch den Klang ihrer Stimme erfreut, zu ihr hinüberneigte
und ihr seine Hand entgegenreichte, mag es doch regnen, went
Du nur wieder mit mir sprichst! - Aber sie nahm seine dar-
gebotene Rechte nicht an. Er hatte also die Kränkung, sie zu-
rückziehen zu müssen, und doch ließ er sich dadurch nicht ent-
muthigen.
Mit ihr von dem Gegenstande zu reden, der sie so weit
von einander entfernt hatte, noch einmal die Unterredung in
P Ich bin im dritien Kreis des ewgen, kalten, gottverfluchten
Regens!

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diesem Augenblicke auf seine Verlobung zurückzuwenden, konnte
und mochte er nicht wagen, da ihm an einer Versöhnung mit
Vittoria gelegen war, und sich selbst verleaugnend, indem er zu
dem Aeußerlichsten, zu dem Gleichgüültigsten seine Zuflucht nahm,
bat er: Habe Geduld mit diesem Wetter, Geduld mit unserem
Klima! Aber er konnte nicht von sich selber los, und mit be-
wegter Stimme fügte er hinzu: Muß ich doch jetzt mich auch
gedulden, bis Du'' mich euhiger hören, bis Du wieder die rechte
Vittoria, meine Vitioria sein willst! Nur ein paar Tage noch,
und die Sonne und der Frühling sind wieder einmal da!
Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen,
was wir den größten Theil des Jahres hindurch entbehren
müssen! entgegnete sie ihm, sich nur an seine letzten Worte hal-
tend. Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an
eines der Fenster heran. Renatus folgte ihr dahin nach. Sie
stüzte die Stirn gegen die Scheiben, schaute eine Weile lautlos
auf die Terrasse und in den Park hinunter, dessen kahle Bäume
gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen, während der
aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu
treiben anfing.
Heute feiern sie in unserem Kloster, hob sie dann mit
einem Male wie aus langem Rückerinnern an, den Namenstag
unserer Aebtissin, der gnten Mütter Benedicka. Wie blühte da
Alles in unserem Lande, wie schwamm der Klostergarten in
Licht und Duft! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste,
welche kamen, der Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen! Hätie
der' Himmel mir statt meines Valerio eine Tochter beschieden,
ich hätte sie in das Kloster gesendet! Ich war sehr gllcklich
in dem Kloster!
Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das
Neue, aber begütigend, wie seine ganze Haltung gegen die Ba-
ronin war, sprach er: Vergiß nicht, Liebe, wie oft Du mir er-


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zähltest, daß Du Dich aus dem Klosier in die Welt hinaus
gesehnt hast!
Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte,
als ich mein Kloster zum ersten Male verließ. Was wuusßte ich
von der Wolt? Ich war ein Kind ! Wie konnie ich begehren,
was ich gar nicht kannte? Und was hat sie mir geboten, diese
Welt, in der ich lebe?
Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen.
Es war das eine der Bewegungen, die er von seinem Vater
ererbt hatte und die sihn denselben in einzelnen Augenblicken
ähnlich machten, so wenig er ihm sonst auch glich. Er wollte
seiner Stiefmutter verbergen, wie sie ihn verletzte, und sich zu-
sammennehmend, fragte er sie mit sanfter Stimme Und bin
ich Dir denn nichts, Vittoria, gar nichts mehr?
Sie schitttelte das Haupt. Man lebt nicht mit einem hal-
ben Herzen und man liebt nicht mit einem getheilten Herzen! gab
sie ihm abweisend zur Antwort, und wieder trat die frühere
Stille ein, und wieder sahen sie beide schweigend in den kahlen,
nassen Garten hinab und zu den schweren, grauen Wolken
empor, die sich nicht zertheilen zu wollen schienen.
Gdlich raffte sich Nenatus auf. Du bist sehr ungerecht,
Vittoria! sprach er, und er mußte innerlich wohl an die Unter-
redung gedacht haben, welche er vor wenig Wochen mit Seba
über seine Stiefmutter gepflogen, denn er wiederholte die Worte,
deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte: Ich habe
kein Glück mit meinen Müttern!
Kein Gllck? sprach Vittoria ihm nach, kein Gllc? Und
wer hat denn Gllck? Habe ich es? Habe ich es je gehabt?
-- Sie wendete sich zu ihm, nahm ihn bei der Hand ind zog
ihn neben sich auf das Polster nieder, auf dem sie vorhin ges
legen hatte. Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke,
in ihrer Stimme, selbst in der Kraft, mit welcher sie seine Hand

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ergrisf u festhielt. Er haile diese zarie Geslali, er halle die
heitere Natur Vittoria's einer solchen Leidenschaft gar nicht fir
sähig gehalten, so gut er sie zu kennen gewäihnt hatte.
Weisßt Du, was es heist, fuhr sie u derselben Erregung
fort, die um so heftiger erschien, als sie sich bis dahin gewalt-
sam zur Nuhe gezwuungen hatte, weißt Du, was es heißt, wenn
einem Menschen seine letzie Frende, seine lezte Zuversicht ent-
rissen wird? Weißt Du, was es heißt, keine Hoffnung mehr
zu haben?
Vitioria, wie magst Du also reden! mahnte der junge
Mann, der sich nicht erklären konnte, was in ihrer Seele vorging.
Sie lachte. Freilich, rief sie, schweigen, immerfort schwei-
gen; lachen, singen, immerfort lachen und singen und scherzen
wäre besser gewesen! Es ist ja so bequem, an das Glück der
Menschen zu glauben, so angenehm, sich zu sagen, Vittoria ist
und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich! Es
ist ja so bequem, Dank zu ernten von einem Herzen, das zu
großmüthig ist, sein Wehe laut auszuschreien und die Hand an-
zuklagen, die es aus dem Boden seines Vaterlandes riß, ohne
ihm eine neue Heimath in der Fremde bereitcn zu können! Du
sagst mir, ich hätie ie geliebt! -- Sie lachte wieder mit jenem
bitteren Lachen, das ihm in das Herz schnitt. Und was ist's,
fuhr sie fort, was Du von der Liebe weißt? Glaubst Du, die
blasse Empfindung, welche man seit Jahren in Dir großgezogen
und die man zu benutzen verstanden hat, als man sie fir reif
hielt, das sei Liebe? Ist diese blut- und phantasielose Hilde-
gard, die älter ist, als Du, Jie jne jung gewesen ist in der
agend des HerzensJ ist sie ein Weib, das lieben kann, das
man lieben kann? Ist sie in Dein Leben getreien so überraschend,
so blendend, so überwältigend wie die Sonne. wenn sie plötzlich
um Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele
wie Schuppen von Deinen Augen und Du müßtest Dir sagen:

Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde, nun bin ich erwacht
und ich lebe!?
Vittoria! rief Renatus noch einm al mit bittender Abwehr,
denn ihm bangte vor dem Geständnisse, das er zu hören fürchten
mußte. Aber sie gab auf seine Mahnung nichts, und wie sich
selber zur Genugthuung sprach sie: Hast Du es je empfunden.
das Gliick der Leidenschaft, dns so grns: ist, das: ee kei Goslern
hat und an kein Morgen denkt, weil der Augenblick ihm die
Welt und das ganze Dasein aufwiegt -- das so gros; ist, das;
Necht und Unrecht, Tuugend und Sünde davor wie leere Schemen
in sich selbst zerfallen -- so gros, daß nuur ein Schmerz daneben
denkbar bleibt, ein einziger, der Schmerz der Endlichkeit! Kennst
Du solch ein Gllc?
Er antwortete ihr nicht.-- Und wenn sie nun kommt,
die Trennungsstunde, wenn nun Alles vorüber ist und nichts
mehr bleibt, als die Hoffnuung eines Wiedersehens, und es kommt
der Tag, der es verkidet: es gibt kein Wiedersehen, keines,
keines! Denn die Erde gibt nicht wieder, was sie verschlungen hat.
Sie brach in lautes Weinen aus, Nenatus lag zu ihren
Füßen und preßte ihre Hände in die seinigen. Er wußte nicht,
was er ihr sagen oder was er khun solle, ihre Aufregung zu
besänftigen. Er dachte gar nicht mehr an sich. Jezt erfuhr er,
was Vitioria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm
bisweilen so fremd und unbegreiflich erschienen war. Sie war
ihm auch fremd in ihrer Leidenschaft. Es kam mit einer heißen
Angst der Gedanke über ihn, daß es seine Stiefmutter, daß es
die Gattin seines Vaters sei, die also zu ihm spreche; aber er
hatte das Herz nicht, sie zu verdammen. Er fühlte ein unaus-
sprechliches Mitleiden mit ihr, indeß er fragte sie um nichts und
sie sagte ihm nichts weiter. Er blieb auf seinen Knieen vor ihr
liegen, sie schien ihn fasi vergessen zu haben. Erst nach einer -
langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken.

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Sieh', sprach sie, wenn ich manchmal am Tage um mich
sah und die Welt mir so leer war und ich mir sagte, daß ich
hung sei und noch lange leben müüsse und daß ich Niemanden
hätte, Niemanden, der mich liebte. - -
Vittoria, sagte Renatus schiüchtern, mein Vter liebtDich! --
Wie den Vogel, den er eingefangen har und den er im
vergoldelen Käsig nähsri, dnil sei Gesang ihn im Wiiiier
glauben mache, das: es Frihling sei! Ist das Lebe?
Aber Du nahust seine Hand an, obschon Duu es sehen
mußtest, daß sein Lebenswinter nahe sei!
Singe ich denn nicht, sicht er mich traurig, glaubt er mich
nicht glicklich? gab sie ihm zur Antwori.
es
Du hast auch Valerio! erinnerte er sie.
Sie sah ihn an und schwieg. Ja, sagte sie danach, ich
bin Deines Vaters Frau und ich habe einen Sohn! Ich lebe
für sie. Wer aber lebt fir mich? Valerio ist ein Kind, und
mein Gaite ist ein Greis ! -- Uid wieder schwieg sie.
Bin ich Dir den nichts, nichts mehr, Vittoria? fragte er,
wie am Anfange ihrer Unterredung.
Sie schittelte verneinend das Haupt. Hildegard liebt nicht
zu theilen, sprach sie, und Hildegard hat Rechi! E wohnen
nicht zwei Gefüühle verträglich in einem Herzen bei einander!
Sie und Du -- Du und sie, das ist Deine Zukunft! Was
kümmert Dich die meine?
Renatus verstummte. Er hatte, seit er sich ein selbstän-
diges Urtheil über seine Stiefmutter zu bilden im Stande ge-
wesen war, ihre Neigung zur Eifersucht gekanni und sie als
einen Zug ihres National-Charakters angesehen; aber daß dieselbe
sich auch auf ihn erstrecken könie. hatie er nict erwartet, und
doch war' es nicht diese Erfahruung, die ihn xathlos machte.
Wer war der Maunn, denn Vittoria geliebt hatte? Wann
hatie sie ihn gekannt? Wußte sein Vater davon, und was sollte

z--
er selber gegenüber den Geständnissen thun, die ihm zu machen
Vittoria sich hatte hinreißen lassen?
Er erschrak, als sein Vater eintrat, und doch war es ihm
sehr willkommen, als derselbe ihn aufforderte, ihn auf einer
Fahrt zu begleiten, die er unternehmen wollte, um sich zu über-
zeugen, wie man in Rothenfeld und in Neudorf die Vorbereitungen
zur Unterbringung des Regimentes treffe. Vittoria war aufge-
standen, als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer ver-
nonmen, und hatte sich an das Fenster gesieslt. Als sie den
Kopf zurülckwwendele, war jede Spur der Leidenschafl, der Auf-
regung aus ihren Mienen verschwunden, das dunkle Auge glänzie,
als hätte es nie eine Thräne gekannt, der schöne Mund lächelte,
als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffuungslosen Un-
glücks ausgesprochen.
Sie verlaugie mitzusahren. Der Freiherr, der nicht ge-
wohnt war, ihr etwoas abzuschlagen, machte sie auf des Weiters
Ungunst aufmerksam; aber sie bestand auf ihrem Sinne, und
bittend und schmneichelud und scherzend versuchte sie, wenn auch
vergebens, die Weigerung ihres Gaiten zu bekämpfen und ihren
Willen durchzusezen. Nenatus war dabei nicht wohl zu Muthe.
Die Zärtlichkeit, welche sein Vater dieser Frau bewies, die
Freude, mit der er sie betrachiete, die Befriedigung, mit welcher
er jeder ihrer Beweguungen folgte, thaten dem Sohne eben so
wehe, als die Heiterkeit Vittoria's. Er glaubte zu bemerken,
daß sie ihn ängstlich beobachte, und von Minute zu Minute
schwebte ihm der Ausruf auf der Lippe: Sprich nicht mit ihr,
mein Vater, denn sie liebt «ich nicht! Sprich nicht mit ihr,
ed:
denn sie hat Dich verrathen! - Aber durfte er dem Vater,
dessen veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher
machte als an dem verwichenen Abende, den Glauben an Vit-
toria rauben, ihm das Glitck zerstören, das er in ihr besasß?
Haite er ein Necht, ihr unseliges Geheinniß zu verrathen?

Durfte er vergessen, daß er sie selbst beklagzenswerth gefunden
hatte und das; sie ihm nur Gutes eroiesen hatte bis auf
biesen Tag?
Was er erlebte, kam ihm fast unmöglich vor. Es waren
die Gestalten, die er kannte, und sie waren es auch wieder nicht.
Er liebte sie und hatte doch das alte Verhältniß nicht mehr zu
ihnen. Er wosle sprechen und mste schwweigen. Er sah Alles
in einem neuen Lichte und konute doch nichis deutlich unter-
scheiden. Nie iu Leben halle er eine grösßere Qnal empfuunden!
Er glauble zu bemerlen, daß Vilioria's Augen ihm mil
Sorge folgten, daß sie ihn in dieser Verfassung mit dem Vater
nicht allein zu lassen wüiusche; er selber hätte sich der Noth-
wendigkeit, eben jetzt mi! seinem Vater allein zu sein, eniziehen
mögen, und doch rihrte ihn Vitioria's banger Blick, doch ibten
auch in dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und
der Zauber ihres Wesens die alte, durch lange Gewohnheit ge-
steigerte Gewalt über ihn aus.
Er war froh, als der Wagen endlich vorfuhr; aber das
Alleinsein mik seinem Vater erleichterte ihn nicht. Weil der
Freiherr den Sohn immer in einer ehrfurchtövollen Entfernuung
von sich zu halten bemüht gewesen war, weil er an den Spielen
des Kindes, an den Beschäftigungen des Knaben, an den täg-
lichen Erlebnissen des Jünglings keinen thätigen Antheil ge-
nommen und den Sohn bisher geflissentlich von allen ernsten
Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten hatte, fehlte es ihnen
an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und Berührungs-
punkten, durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter
und der Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammen-
hang so unentbehrlieh sind wie die Scheidemünze für den täg-
lichen Verkehr. Dazu war Alles seit gestern so völlig anders,
gekommen, als er es erwartet hatte, die Menschen, die Verhältnisse
,verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich, daß er Scheu
F. Le wal d, Von Geshlecht zu Geschlecht. lll.

vor seinem eigenen Worte trug, weil er meinte, auch das Wor:
könne sich verwandeln auf seiner Lippe, und was er heute spreche,
könne nicht zum Heile führen.
So waren sie schweigend nach Nothenfeld gelangt. Der
Freiherr stieg aus und besah in Begleikung des Amtmannes die
Stuben und die Stallungen, in welchen die betreffende Ein-
anartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte. Er
wendele sich dabei mit mannigfachen Erlläruungen an seinen
Sohn, gab ihm ungefragt Auslunft über die Verhältuisse des
Dorfes, und Nenatus begann sich an dem Gedanken, daß sein
Vater ihn auf die einstige Nebernahme der Güter vorzubereiten
strebe, zu erfreuen. Es zeugte ihm sogar fiir die feine Em-
psindung des Freiherrn, das: er eben den Augenblick des Ab-
marsches zu dem Anfange dieser Vorbereitung wähle, als wolle
er zu erlenuen geben, wie zuversichilich er auf seines Sohnes
glückliche Heimkehr baue, und Nenatus war bemüht, den Frei-
herrn über seine antheilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu
lassen, als dieser in das Haus seines Justitiarius ging, um sich
zu erkundigen, ob er seine Befehle ausgerichtet und ob man den
Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht erhalien
habe. Der Justitiarins sagte, die nöthigen Schritte seien von
ihm gethan, und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage
in Richten verweile, so würde man Alles in Richtigkeit bringen
können, da die Verfügung in jeder Stunde ankommen könne.
Renatus fragte, wovon die Rede sei. - Von Deiner Min-
digkeits-Erklärung! gab sein Vater ihm zur Antwort. Der Sohn,
der dies mit der Art und Weise in Verbindung brachte, in
welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der Ge-
schäftsverwaltung auf den Gütern sprach, glaubte daran zu er-
kennen, wie sein Vater sich altern fihle, und das machte ihn
traurig. Aber du jeder Meusch bei den Ereiguissen, die ihu
begegnen, mit Naturnothwendigkeit zuerst an sich und an die

=== 7ßFß =
Wirkung denken muß, welche sie auf ihn und seine Zustände
üben werden, so freute sich Renatus der Absicht seines Vaters,
weil er sich sagte, dem Sohne, den er mindig sprechen lasse,
könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl seiner
Lebensgefährtin um so weniger versagen, als Renatus mit seiner
Volljährigkeit den unbeschränkten Besiz seines allerdings nnicht
eben grosten mütterlichen Erbes antrat.
Gerade diese Betrachlug legte jedoch seinem rechischaffenen
Herzen, wie er meinle, die Verpflichtung auf, dem Vater seine
Verlobung mit Hildegard anzuzeigen, noch ehe derselbe ihn aus
der väterlichen Gewalt entlassen habe, und er schicck sich, sobald
sie wieder im Wagen neben einander sgßen, zu seinen Mit-
theilungen an, als der Freiherr, ihm zuvorlommnend, das
Wort nahm.
Er sagie, das: die Auluft seines Sohnues ihmn sehr will-
kommen gewesen sei, weil er die Angelegenheiten seines Hauses
zu ordnen beabsichtige, und er wüünsche, daß für det Fall seines
Todes Renatus sich in der Lage befinde, unabhängig von irgend
einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse in die
Hand uehmen zu ldunen. Er sprach das mit der Kraft und
Ruhe, welche ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten,
Renatus gab sich also wieder der Hoffnuung hin, daß er sich
getäuuscht habe, als er seinen Vater so verändert geglaubt. Er
versicherte den Freiherrn, wie zuversichtlich er darauf rechne, ihn
noch lange leben und sich seines Besizes und Taseins erfreuen
zu sehen. Der Freiherr drückte ihm die Hand.
Deine Gesinnung kenne ich, sprach er; sie ist gut, und ich
habe eben im Hinblicke auf sie meine Maßregeln genommen.
Es gliti ein Schaitey über des Freiherrn Züge, er schien der
eberwindung nöthig zu haben, um in seiner Rede fortzufahren.
Deine Gesiug isl guui, wiederholle er, und ich weiß, daß es
Dir eine Genugthuung sein wird, mir eine Erleichterung in den
zn

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mannigfachen Verlegenheiten zu bereiten, mit denen ich seit
Jahren und Jahren nun zu kämpfen habe. Er hielt abermals
inne, Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem Antlitze.
Du wünschest mir, sprach der Freiherr, daß ich mich noch
lange meines Besitzes, meines Daseins erfreuen möge, und Du
kannst es selber kaum ermessen, denn Du hast es nicht empfun-
den, wie erfreulich das Dasein dem Manne ist, wenn er der
Herr ist innerhalb seines Besitzes. Judesß die Zeiten, in welchen
das der Fall war, sind voriber. Man hat unsere alten Rechie
angetasiel, uns neue Pflichlen aufgelegt und uns die Mitiel
entzogen, ihnen zu entsprechen, indem man unseren Besiz und
unsere Vorrechte geschmälert hat. ch bin nicht mehr Herr auf
meinen Gitern, seit mian die Leuie, die mir gehörten, freige-
geben hat, seit die Willkür des Königs ihnen Ansprüche an
mein Eigenthum zuerkannt hat, seit ich es nicht mehr bin, der
mein Verhältnis zu ihnen nach meiner Einsicht und nach meinem
Ermessen ordnet. Es ist nicht erfreulich, mit denjenigen rechten
zu sollen, die nicht unseres Gleichen sind, und noch weniger er-
freulich, am Fuße seines alten Stammes ein Geschlecht heran-
wachsen zu sehen, das wie die Schwämme wuchert und sich
breit macht.
Seine Stirn hatie sich gerunzelt, seine buschigen Augen-
brauen hingen ihm tief herab.! Er versenkte sich eine Weile
in seine eigenen Gedanken, der Sohn wagte es nicht, ihn darin
zu stören.
Wir sind nicht mehr die Herren! hob er nach einer Weile
abermals an. Nicht die Herren in unserem Lande, nicht Herren
auf unseren Gütern mehr. Der gewaltige Napoleon hat seinen
Fuß auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem Ge-
bieter gemacht, und der Geist des Umsturzes, dessen Verkör-
perung er ist, ist auch in unsere neue Gesetzgebng eingedrungen
und hat sie verdorben bis in ihre Tiefe. Wir sind rechtlos

--- Z? -
geworden. Das Wort: ,Stehe auf, damit ich mich setze!'' ist
der Grundsatz, der jetzt die Welt beherrschr. Jeder für sich und
Niemand für den Andern !
Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster, sich
Luft zu verschasfen, denn von diesen Angelegenheiten lonnte er
nicht sprechen, ohne daß es ihm das Blut zu Kopfe trieb.
Renatus, der ihn eben deshalb von dem Gegenstande abzuleiten
wiinschie, erlaubte sich die Bemerkung, daß die Zeit vielleicht
eine Ansgleichung der angenblicklichen lebclstände mit sich brin-
gen werde, und wie er diese Zuuversicht von verschiedenen Seiten
habe äuusiern hören.
Ausgleichungen bringen? fihr der Freiherr lebhaft auf -=
wie soll das zugehen, wo von beiden Seiten die Kräfte so über-
spannt werden müssen, daß sie sich erschöpfen! Er war ja so
glicklich gewählt, der Augenblick fir die nene Gesetzgebung, sezte
er spottend hinzu, so gliicklich gewählt am Ende eines schweren
Krieges, in Tagen, in denen die ganze Welt in Flammen stand!
Frage die sogenannten freien Leute, ob sie jetzt besser daran
sind, als zu jenen Zeiten, da sie mir gehörten! Frage sie, ob
sie nicht heute, wo die schwere Last der Einquartierung wieder
auf uns niederzufallen droht, lieber meine Leibeigenen und
Hörigen sein wollten; ob sie besser daran sind, wenn man ihnen
jezt das Brod aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle
nimmt! Und was uns anbetrifft - unser Besiz hat schwer
gelitien, unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen!
Er warf einen schnellen, prüfenden Blick auf seinen Sohn,
aber obschon die Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu
verkennen war, schien der Freiherr durch die Haltung desselben
sich beruhigter z fühlen. Dennoch gewann er es nur mit
großer Mühe über sich, dem Sohne pon seinen Augelegenheiten
weiter. Auskunft zu ertheilen.' Er sagte wie der Krieg und die
ihm folgenden, fast unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genöthigt

- A----
hätien, die Gütter, eines nach dem andern, mit Hypotheken zu
belasten, wie die allgemeine Geldnoth den Werth des Geldes
von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuß so erhöht habe,
daß es immer schwerer geworden sei, den Gläubigern gerecht
zu werden; wie er sich oftmals und gerade dann in peinlichen
Geldverlegenheiten befunden habe, wenn es darauf angekommen
sei, die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine
zur Schau getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen
Eredit zu schwächen. Er erzählte das mit jener Klarheit, welche
aus einer genauen lelersichi den Verhhälinnisse enissringi. aser
er hatie nicht mehr die leicht abfertigende Weise, die ihm sonst
allen Geschäsien gegeniber eigenlhümlich gewesen war. Nur die
Unlust des grosten Herrn, der sich widerwillig dazu bequemt,
den obwaltenden Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen,
war noch die alte in ihm, und Nenaius fühlte ihm diese in
ihrem ganzen Umfange nach.
Wenn Sie es wüisten, mein Vaier, rief er, was ich dabei
empfinde, Sie unter dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen!
Ich weiß es, ich weiß es! fiel ihm der Freiherr mit
scheuer Hastigkeit in die Rede, und eben deßhalb habe ich be-
schlossen, Dich mündig sprechen zu lassen, denn Du erhältst da-
durch die Möglichkeit, mir in einer vorübergehenden Verlegen-
heit zu helfen!
Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort
zu erwarten; aber Renatus war so betroffen, es stürmten so
verschiedene Gedanken und Empfindungen auf einmal auf ihn
ein, daß er nicht im Stande war, gleich den Ausdruck für sie
zu finden. Seines Vaters Lage mußte sehr übel sein, wenn
er sich herbei ließ, Beistand von seinem Sohne zu verlangen,
selbst auf Kosten der Herrschaft und Gewalt über denselben,
auf die er stets so eifersüchtig gewesen war. Renatus wagte
es nicht, das Auge zu erheben, er mochte nicht sehen, wie sein

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Vater in dem Momente aussah. Des Freiherrn leise bebende
Stimme durchschnitt des Sohnes Herz, und ohne sich zu fragen,
was er damit für die eigene Zukunft aus den Händen gebe
und auf sich nehme, sagte er: Wenn mein mütterliches Erbe
Sie aus einer Verlegenheit befreien kann, so werde ich glücklich
sein, mein Vater, wenn Sie darüber ganz verfügen wollen!'-
Der Freiherr holte ief Athem, aber er erwiederte nichts.
Sie hatten Beide die Farbe gewechselt, denn ohne daß sie es
aussprachen, fihlten sie es, daß ihr Verhältnisß zu einander von
diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei. Renatus hatte,
gerührt von seines greisen Valers Aublic und Verlegenhhelt,
nach seinem inneren Bedirfen, nach seiner Kindesliebe und
seinem Ehrgefiühle gehandelt; aber er hatte das Anerbieten kaum
gemacht, als er sich sagte, daß er selber Verpflichtungen einge-
gangen sei, denen zu genügen ihm jetzt vielleicht nicht möglich
sein werde, wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine
Art verlustig gehen soslte. Er fihlte, daß er der Geschäfts-
kenntniß, der Sparsamkeit und selbst der Gewissenhaftigkeit seines
Vaters nicht unbedingt vertraute, und er schämte sich doch wieder
solchen Gedankens. Er hätte es seinem Vater abbitten, sich ihm
in die Arme werfen mögen, indeß ihm fehlte das Herz dazu,
denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes mißver-
stehen. Er hätte dem Vater von Hildegacd sprechen mögen,
um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und dem Vater die
Genuugthnung zu bereiten, daß er seinem Sohne gegenüber
immer noch der Herr und der Gewährende sei. Wie aber, wenn
der Freiherr in der Verfasjung, in welcher er sich eben jetzt
befand, des Sohnes Absichten und Wünschen sich nicht geneigt
erwies, oder wenn er glauben könnte, der Sohn rechne darauf,
daß der Vater ihm, der eben jetzt ein großes Opfer gebracht
habe, in allen Fällen zu Willen sein mlsse?
Er konnte zu keinem Entschlusse kommen. Das Mein und

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Dein war zwischen ihn und seinen Vater getreten und machte
ihn unfrei, eben jetzt, da sein Vater ihm anscheinend Freiheit
zuu geben beabsichtigte.
Es war jedoch, als errathe der Freiherr, was in seinem
Sohne vorging, denn er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich
sehr beruhigt: Es freut mich, daß ich mich in Dir nicht irrte.
Art läßt nicht von Art, und es soll meine Sorge sein, daß
Die Nichts entzogen wird. Ich werde Dein mütterliches Ver-
mögen auf Richten eintragen lassen, das am wenigsten belastet
ist und dessen wir uns sicherlich nicht entäusßern werden. Die
Zinsen sollen Dir regeläsig zgehen, und das Jahrgelb.
welches ich Dir bis jetzt gegeben habe, Dir nicht vorenihalien
werden. Mit unserem Namen, mit Deinen persönlichen Vor-
ziügen hast Du unier den ersten Familien des Landes zu wählen,
und es wird Deine Sache sein, wenn Du, was der Himnnel
fügen wolle, uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst, eine
Frau in unser Haus zu führen, deren Vermögen Dir einst die
Mitiel an die Hand giebt, den Schaden herzustellen, welchen
die Noth und Ungunst der lezten Jahre unserem Besitze gebracht
haben. Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glick beschieden
werden, wie es mir in dem schönen, fröhlichen Herzen Vittoria's
zu Theil geworden ist!
Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung
aller der Vorzige seiner Gattin, erwähnte, daß er sein Testament
zn machen beabsichtige, sobald Renaius müündig gesprochen sei,
weil er über Vittoria's und ihres Sohnes Zukunft sich beruhigt
fühlen dürfe, wenn er sie in die Hände von Renatus lege, und
er war allmählich von diesen ernsthaften Erörterungen wieder
zu den Ansprüchen zurückgekehrt, welche die Erfordernisse der
nächsten Tage an ihn und seine Mittel machten, ohne daß sein
Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund gegeben hatte,
daß er den Mittheilungen seines Vaters achtsam folge.

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Renatus befand sich in jenem Zuustande, in welchem wir
gleichsam ein doppeltes Denken haben. Eu körte alles, was
der Freiherr zu ihm sprach, er nahm es mit dem Sinne auuf,
mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entwweder jelbst
ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte. Er war
unter dem Einflusse, den die angeborene und anerzogene Ehr-
furcht vor seinem Vater auuf ihn übte, und doch hatte er die
eberzeugung. sein Vater käusche ihn und sich mit bewußter
Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses, er sei weit
weniger ruhhig, weit weniger unbesorgt üüber hieselben, als er
sich zeige; und doch wußte er, die Lebe, welche der Freiherr
fir Vilioria hegie, beritge denselben, ued seine Zuuversicht sei
verrathen. Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater
auf einmal. Jeder seiner Gedanken, jede seiner Eupfindungen
wurde von einem widersprechenden Gedanken, oon einer wider-
sprechenden Empfindung gekrenzt. Er fühlte sich eben so be-
ängstigt als unglicklich.
Er ahnte, obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig
war, daß auch Nichten bereits mit schweren Schulden beladen
sein müsse, und daß sein Vater nuur darum sich zu seiner Mün-
digsprechung entschlossen haben werde, weil er es unmöglic ge-
funden habe, in den gegeuwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten
Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypothekenstelle
zu erhalten. Daß er sein Vermögen hergeben müsse, darüber
war er keine Minute in Zweifel gewesen. Er war das seinem
ater schuldig und es mußte fraglos auch geschehen, wenn er
es nicht zu einem Aeußersten kommen lassen, woenn er sich und
seinem Geschlechte den angestammten Grundbesiz erhalten wollte.
Aber wer bürgte ihm dafür, daß damit wirklich den Nothständen
abgeholfen war, und was sollte aus ihm selber werden, wenn
seines Väters Verhälinisse sich immer mehr vcrschlechterten, wenn
man gezwungen wurde, wie das in den lezten Jahren manchem
z. -

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Edelmanne begegnet war, die Giter zu verkaufen, und wenn
der Kaufpreis nicht hoch genug sein sollte, sein auf Richten
einzutragendes Vermögen zu decken?
Er selber - nun, er selber, so meinte er mit der Zuver-
sicht des Reichgeborenen, der es nie bedacht hat, wie vieles
leberfliissige ihm durch Gewohnheit zum Bedinnfnisse gewoxden
ist, und der es nie erfahhren, wie schver es fiir den lge-
ülbten ist, sich auch nuur des Lebens Nothduurft zu erwerben --
er werde mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden
können; aber was sollte er beginnen, nun er sich gebunden
hatte? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen, wenn
sein Vermögen ihm verloren ging?-
Alle jene Bedenken, welche er eben an dem Tage vor
seiner Verlobung gegen dieselbe gehegt halte, stiegen jetzt in
erhöhtem Maße vor ihm auf, und das Herzeleid Vittoria's, die
Täuschung, in welcher sein Vater von ihr gehalten ward, das
ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln
Hintergrunde, auf welchem er sich und seinen Zuustand wie in
einem Spiegelbilde betrachten konnte. Aber er sah sich in dem-
selben nicht mehr als den sorglosen und glicklichen Jüngling.
als welchen er sich bisher betrachtet hatte. Seine Jgend lag
mit Einem Male weit hinter ihm, sein Gliick zerrann wie Nebel
vor seinem Auge. Er war ein Mann geworden, von welchem
um der Selbsterhaltung, um der Ehre seines Hauses willen ein
schweres Opfer gefordert ward. Er trat plötzlich in die vordere
Reihe seines Geschlechtes, er übernahm dessen Sorgen, Lasten
und Pflichten, da die Schultern seines Vaters müde geworden
waren; und nicht sein persönliches Wünschen, die Ehre seines
Hauses muuste jezt sein erstes und sein höchstes Ziel sein.
Er trug ein großes Verlangen, den Caplan allein zu sehen,
sein Herz im Gespräche mit dem ireuen Freunde zu befreien,
aber er konnte an dem Tage nicht dazu kommen. Der Frei-
herr hielt ihn beständig in seiner Nähe. Er sah auch Vitioria

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nicht anders, als in Gegenwart der Andern, und wie überall,
wo es tiefe Mißstände in einer Familie gibt, war man es seit
lange gewohnt, sich in der Unierhaltung an der Auusenseite der
Dinge zu halten. Es war von dem Vorhaben des Freiherrn
in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede, indes; man gedachte
desselben nur als einer ehrenvollen Anerlennuung, die der Frei-
herr deim Sohe z gevüihren siir gul befand, und dieser ward
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Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so
fröhlich, das: die Schalten von des Freiheren Stirn davor ver-
schwanden, wie draußen die Wolken vor des Frühlings ersten,
mächtigen Sonnenstrahlen. Nenatus wußte nicht, ob er sie be-
wundern und beklagen, ob er sie verachten und hassen solle.
Sie erschien ihm wie ein unheimliches Räthsel; eben deßhalb
nahm sie jedoch seine Phantasie gefangen, und während ihre
eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn übte, betrachtete
er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung, wenn er
sich sagte, daß der Freiherr ihn zum Schitzer dieser Frau
ersehen, und daß er einzustehen habe fir des Knaben Zukunft,
der ihr in seiner Schönheit und in seincr sremdartigen Anmuth
so völlig ähnlich war, dasß eben diese Aehnlichkeit des älteren
Bruders Herz bestrickte.
Er mußte es sich immer wiederholen, daß er im Vater-
hause sei, so verändert fand er Alles und so hatte sich seine
Ansicht über die Seinigen und seine Stellung zu ihnen ver-
wandelt. Er konute zu keinem klaren Bilde von seiner Zukunft
gelangen. Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeußer-
sten zum andern, bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides,
die wohlthätige Ermüdung, ihn in ihre Arme nahm und der
Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste und das
Unvereinbarste zusammenführte.