Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 03

uritte s Capite l.
,Ieiih, ehe der Freiherr noch auufgestanden war, ritt Ne-
natus nach Nothenfeld hinülber, um sich bei seinem greisen
Lehrer und Erzieher Rath zu holen.
Er fand ihn mit seinem Gehilfen, der inzwischen auuch nicht
jüünger geworden war, bei der Morgensuppe sitzen, denn der
Caplan war der Ersten einer gewesen, welcher bei der Theue-
rung der Colonialwwaaren sich bereit erwiesen hatte, auf ihren
Gebrauch zu verzichten, obschon er durch ein langes Leben an
den Kaffe gewöhnt gewesen und bei seiner grosen Mäsßigkeit eigentlich
auf denselben als auf ein ihm nothwendiges Reizmittel ange-
wiesen war. Wie Nenatus ihn in dem hellen Sonnenlichte vor
sich sah, bemerkte er, daß seine Schläfen tief eingesunken waren.
Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Frei-
herrn trotz ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein, und man
hatte in der Pfarrwohnuung, obschon der älteste Diener und
treueste Freund der Arten'schen Familie sie bewohnte, die Ver-
wüüstungen, welche die Einguartierten während der ersten Fran-
zosenzeit in derselben angerichtet hatten, kauum auf das Noth-
dürftigste hergestellt. Die Fensterläden waren erneut, aber immer
noch nicht angesirichen, die Wände noch eben so verräuchert, ald
Renatud sie vor zwei Jahren verlassen, der Kachelofen haite
zwar die nöihigen Ersazsteine erhalten, aber sie paßten nicht zu,
demselben. Ed war Alles in Verfall geralhen; uur die Blu-
mentöpfe des Greises blühten wohlgepflegt am Fenster, und sein

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Auuklitz sah uoch eben so edel und so zufrieden auus, als in den
Tagen, in welchen die vorsorgliche Freundschaft der Varonin
Angelika in Schloß Nichten allen seinen ßedirfnissen scon im
vorauns begegnet wwar.
Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand, er-
zähhlle er ihi, wwas vor seiem Abmarsche uus der Hauuplsludl
vdegegangen war. Er verhehlte ihmn nicis, weder die Stims-
mung, iu welcher er sich befunden, als er ch seiner Neigung
für seine Jugendgespielin bewust geworden war, noch die Zweifel,
die ihn nachdem befallen hatten; auuch niht die Umstände,
unter denen er sich Hildegard angelobt, ehe er noch seines Vaters
Meinung eingeholt und sdessen Billigung erhalten hatte. Er
berichtete darauf, was am gestrigen Tage zwischen ihm und seinem
Vater verhandelt worden war, und sagte dant: Nie in meinem
Leben habe ich mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden.
Es drickt mich, mit einem solchen Geheimnisse vor meinem
Vater zu stehen und von ihm Nathschläge und Wünsche fir
meine Znluuft auöspreche zu hören, die keine Bedeutung mehr
für mich haben. Es driickt mich eben so, daß ich nicht den
,
W.t
=-u.h besitze, meiner Liebe und meiner Braut gerecht zu werden,
indem ich meinem Vater sage, daß ich bereits gewählt und mich
gebunden habe. Aber kann ich meinem Vat.t, den ich sehr ge-
s
altert finde und sehr gebeugt sehe, unter den obwaltenden Un
s
s
k
V
s
ständen ein Zugeständniß abfordern, das er mir, wie ich jetzt
weiß, nur widerstrebend geben würde? Meine Ergebenheit für
meinen Vater, mein Ehrgefühl, ja, selbst meine Liebe für Hilde-
zrd sträuben sich dagegen. Sie ist kein Mädchen, das einer
ee
P ßamilie aufgedrungen werden darf, ud doch liegt uir Alles
- daran, sie auch von meinem Valer als meine limnsiige Gatliu
anerkannt zu wissen. Ich ziehe in das Feld, ud da ich zeht
s in den Besitz meines mütterlichen Vermögens ireten soll, möchte
ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe

I--
verfügen, denn Hildegard wird keinem anderen Maune ange-
hören, wenn ich sterbe. Darauf kenne ich ihr Herz.
Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage, mit keiner Be-
merkung unterbrochen, da Renatus nicht zu den in sich befan-
genen Naturen gehörte, denen man zu Hüülfe kommen musn,
damit sie sich überwinden und erschließßen. Er war vielmehr,
wo er verlrauule, zu überströmender Miltheilung geneigl, wurde
sich in derselben gegenständlich, rüührte und tröstete sich nach
eigenem Bedürfen, sobald er nur erst dahin gekommen war, sich
auuszusprechen, und der Caplan hatte also keine grosße Miihe,
den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen, wenn-
schon zr es nicht für angemessen fand, ihn über denselben sofort
aufzuklären. Er hatte niemals den Grundsatz, daß der Zwweck
die Mittel heilige, zu dem seinigen gemacht, aber er war, wie
so Mancher, unter dessen Augen sich viele Lebensschicksale abge-
wickelt haben, zu der Ansicht gelangt, daß in dem Dasein der
Menschen, wie in der Natur überhaupt, das Geringere dem
Stärkeren dienen müsse. Da er ohne persönliche Wünsche und
also ohne persönliche Hoffnungen war, hatte er, weil kein Mensch
eines bestimmten Zieles entbehren kann, ohne in seiner Thätigkeit
zu erlahmen, das Wohlergehen und Gedeihen des Arten'schen
Geschlechtes und der von demselben gegründeten katholischen Ge-
meinde zu seiner Herzenssache gemacht, und beharrlich wie die
Kirche, der er angehörte, suchte er in dem Sohne und durch
den Sohn dasjenige fortzufiühren, was der Vater begonnen
hatte und was durch die Noth des Tages beeinträchtigt und
gefährdet ward.
Jedes Wort, das Renatus zu ihm gesprochen, hatie den
scharfblickenden Geistlichen davon überzeugt, daß der junge Frei-
herr, stolz aus den Rang, denu sein Geschlechi seii langen Jahren
unter dem Adel des Landes eingenommen. hatte, augenblicklich
mehr mit der Sorge um dessen würdiges Foribestehen, als mit

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seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt, und daß
von einer eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte
Braut, fir Hildegard, bei Nenatus nicht die Rede war.
Aber der Caplan hiütete sich, ihm dieses bemerklich zu
machen. Er wollie ein mild erwärmendes und reinigendes
Fener nicht duurch den scharfen Hauch des Widerspruches zu einer
Flämme anfachen, die man nichl leicht wieder dämpfen und
erdrücken konnte, wvenn man dies zu thun etwva nöthig finden
sollte. Der Caplan war es im Gegentheile nach den schweren
Erfahrungen, welche das von Leidenschaften stirmisch bewegte
Leben des alten Freiherrn ihn hatie machen lassen, sehr wohl
zufricden, daß Nenatus sein unschuldiges Herz einem edeln jungen
Mädchen zugewendet hatte, dessen Bild ihn begleiten, und ihn
vor den Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen
seiner Sinue bewahren konnte. Aber daß Nenatus sich mit
einem armen Mädchen verheirathete, lag eben so außerhalb seiner
als ausßerhalb de Freiherrn Asichten.
Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitieln,
welche der Freiherr seiner Zeit für den Pfarrer seiner katho-
lischen Kirche bestimmt, den Sakristan und die vier Chorschüler
unterhalten; denn es war, da der Freiherr sich nach dem Tode
der Baronin auf Neisen begeben und viel Geld gebraucht hatte,
nicht zu dex Fesistellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke
gekouuen, und auch die Hosfnung, das; man in den Chor-
schilern sich brauchbare Handwerker und eine katholische Gemeinde
erzichen werde, hatie sich nicht verwirklicht. Weil man für die
Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte
und man, wenn einmal ein solcher vorhanden war, bei ihm auf
die Weigerung sties, einen Kaiholiken in sein Haus aufzunehmen,
war man siels genölhigt, die Chorschliler, sobald sie herange-
wachsen waren, in die Lehre nach der Stadi zu schicken, und
die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wander-

- Ih-
schaft und erlangter Meisterschast mehr ihrem Vortheile ange-
messen, ihr Gewerbe in den großen Städten, als auf den Gütern
des Freiherrn zu betreiben, auf denen obenein die Abneiguung
und das Mißtrauen der proteslantischen Bevölkerung ihnen hin-
dernd entgegentraten. Man mußte also immer aufs Neue
katholische Knaben heranzuziehen suchen, und wenn es an und
fir sich auuch ein gutes Werk war, diesen eine wohlgeleiiete Er-
ziehung zu geben, so ward das Uniernehmen, weil es in sich
michi sorioirlle, sondern sich sasl ganz unsruchlbar erwies, doch
loslspieliger, als man erwarlei halle, und der Freiherr halte
schon bei seiner Rüicklehr aus Jtalien alle Theilnahme dasir ver-
loren. Er hatie es kein Hehl, daß er den Kirchenbau bereute,
er kam auch selten in die Kirche, obschon Vittoria oft zur Messe
fuhr, und wenn er gelegenilich auus den Salrisian und auf die
Sänger zu sprechen kam, fragte er nicht, wie sie unterhalten
würden, nachdem er einmal die Erfahrung gemacht halie, das:
der Caplan fir sie Sorge trug.
HHatte man des Quarieties einmal nöthig, wenn Vittoria
sich vor der Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen
wollte, so berief man den Sakristan mit seinen Schilern; der
Freiherr wuuste sich dann ewas mit dieser Art von Eapelle,
zeigte sich ihr gnädig, lobte und tadelte als ein Kenner und ließ
es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen. Jm lebrigen
beruhigte er sich damit, daß der Caplan in den langen Jahren,
welche er dem Arten'schen Hause angehört hatte, ein hübsches
Vermögen erworben haben müsse, dessen er nicht bedurfte, und
es schien dem Freiherrn so natürlich, wenn der Geistliche, der
durch die Gründung der Pfarre lebenölang versorgt war, seinen
im Arten'schen Dienste zusammengebrachten Besiz auch zum
Nuzen und zur Ehre des Hauses, die hier zugleich die Ehre
Gottes und der Kirche war, verwendete, daß er es nie für nöthig
gefunden hatte, darüber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan

=- Fß---
zu verlieren. Er war in - seinem Verhälknisse zu Allen, die ihm
dienten, nach wie vor derselbe.
Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben, und
wie der Freiherr an dem wirdigen Fortbestehen seines Ge-
schlechtes,. so hing der Geistliche an der Erhaltung des Gottes-
hauses, das unter seinen Augen entstanden war, und an der
Hoffnug, das kaiholische Veleniniß in diesem Theile des Landes
endlich Wuurzel fassen und sich ansbreiien zu sehen. Indes; die
Erhaltung der Kirche fir die kaiholische Confession wuurde zweifel-
haft, wenn Nenatus jemals gezwungen wecden sollte, sich des
väterlichen Besizes zu entäußern, da derselbe dann leicht in -
nichikatholische Hände übergehen und es in einem solchen Falle
nicht allzu schwer halten konnie, das Gotteshauus den Evange-
lischen zusprechen zu lassen. Dem Caplan war also ehen so wie
dem Freiherrn daran gelegen, Renatus mit einer reichen Erbin
aus den katholischen Provinzen sich verbinden zu sehen, und
weil er dieses wüünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen
war, that er wenigstens so viel an ihm lag, dem jungen;Baron
für die Zukunft die mögliche Freiheit bewahren zu helfen.
Er nannte die Neigung, welche Renatus für Hildegard
empfand, edel und berechtigt, er pries die Eigenschaften der
jungen Gräfin und das Glück derjenigen, deren reine Seelen
sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden; aber er gab es
dem Jünglinge zu überlegen, ob unter den Bedenken, die sich
in ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten, nicht eines oder
das andere begründet sein sollte. Er fragte ihn, ob er überzeugt
sei, daß er niemals eine stärkere Empsindung hegen werde; ob
er glaube, daß Hildegard dem Jdeale entspreche, welches jeder
reine Jüngling von dem Weibe, das er lieben solle, im Herzen
trage. Er erinnerte ihn daran, daß er an der Ehe seiner Eltern
das Beispiel vor sich habe, wie unglücklich eine nicht völlige
Zusammengehörigkeit die Gatten machen kdnne, und er sprach
F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.
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--- z(s-
sich, da er Renatus nachdenklich werden sah, endlich dahin aus,
daß er es für alle Theile heilsam glauube, wenn man vorläufig das
Herzensbümndniß der Liebenden noch als ein Geheiumis; bewahre.
Du, mein lheurer Nenaiuus, sagle er, wirst dadurch der
Nothwendigkeit enthoben, Deinem richtigen Zartgefühle entgegen,
eben jetzt von Deinem Vater ein sicherlich widerwillig gegebenes
Zugeständniß zu fordern. Du und auch die lheure Hildegard,
Ihr gewinnt beide die Zeit, in der Trennung Eure Herzen und
die Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und
zu prüfen, und kehrst Du uns, wie wir alle sehnlich hoffen,
unter dem Schuze des Höchslen aus dem Kriege heim, hellt
unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf, daß Ge-
werbe und Handel sich wieder frei bewegen können, das der
Grundbesiz seinen wahren Werth zurückerlangt, nun, so wird
Dein Vater keine Ursache mehr haben, Dir irgend eine Be-
schränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen, und er wird dann
diejenige mit Freuden in seine Arme schließen, der er heute nur
widerwillig seinen Segen geben wülrde.
Renatus hatte, den Kopf in die Hand gestüützt, den Aus-
einandersetzungen seines geistlichen Freundes ohne eine Erwide-
rung zugehört. Auch als derselbe geendet hatte, regte der junge
Mann sich nicht. Der Caplan kannte das an ihm und es galt
ihm als ein gutes Zeichen. Wenn Renatus nach einem Mei-
nungsaustausche auf solche Weise in sich selbst versank, war er
in der Regel damit beschäftigt, wie er die fremde Ansicht mit
der seinigen so verbinden könne, daß dasjenige als freie Ent-
schließung erschien, was er auuf Zureden eines Anderen that.
Denn obschon er die stolze Selbstherrlichkeit seines Vaters nichi
besaß, hatte er doch die Eitelkeit, in den geringfügigsten wie in
den wichtigsten Dingen seine Meinung und seine freie Ent-
schließung kundgeben und behaupten zu wollen; ja, er war im
Stande, seine eigene Neberzeugung, wenn ein Anderer dieselbe

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ausgesprochen hatte, zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln,
nur um: den Verdacht der Unselbständigkest von sich abzuwehren.
Hier aber, wo der Ralhs seines Lehhrers mni! seiemn geheimsien
Wollen zusanmentraf, verlangte es ihn, vielleicht ohne daß er
sich dessen klar bewußt war, danach, sich auch im voraus gegen
die Vorwüirfe zu sichern, die er oder Andere ihm später über
seine HandlingSwweise machen konnlen. Er wollte Herr über
seine Entschlisse bleiben und doch die Möglichkeit haben, die Ver-
antwortlichkeit für dieselben im Noihfalle auf fremde Schultern
wälzen zu können, und der Caplan war eö als ein Diener
seiner Kirche gewohul, wo es der Förderung ihrer Zwece galt.
schwerere Lasten und Verantwortungen über sich zu nehmen, als
Renatus ihm in diesem Falle zu tragen auferlegen konnte.
Woran denkst Du, lieber Nenatus? fragte er endlich, da
der junge Mann alle Anregung, ja, selbst die Aufforderung,
sich zu erklären, diesmal von seinem alten Freunde zu er-
warten schien.
Mus; ich Ihhnen da erst sagen? Was wird Hildegard.
was die Gräfin von mir denken, wenn ich die Forderung an
sie stellen musß, unsere Verlobung geheim zu halten? Denn ich
darf ihnen nicht auseinander setzen, daß die augenblickliche
Stimmung und die gegenwärtigen Verhältnisse meines Vaters
es mir fast wie eine Entweihung erscheinen lassen, wollte ich
ihm jetzt enthülle und Preis geben, was mir nächst meiner
Ehre das Thheuerste und Heiligste ist!
Er schwieg, um sich eine ihm zu Hülfe kommende Ein-
wendung machen zu lassen; da der Caplan sie ihm aus gutem
Grunde vorenthiel., sprach er selber nach einigem Ueberlegen:
Wenn ich sicher wäre, daß Hildegard meiner Liebe, meinem
g
aorte so voll vertraute, wie ich ihr . - -
Mein Sohn, unterbrach ihn der Caplan, versindige Dich
nicht an Hildegard: sie gibt ihr Herz nicht, wo sie nicht vertraut!
F

- I!----
Aber die Gräsin ? wendele Renaius ein.
Der Caplan legte seine Hand auf des jungen Mannes
Schulter und sagte: Gräfin Nhoden ist eine welterfahrene Frau
und eine vorsorgliche Mutter, die Dich und ihre Tochter kennt,
aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und Möglichkeiten
denkt. Sie weiß, daß Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter
angehören, wenn Du heimkehrst, indeß . . Er hielt inne und
sagte dann, mit vorsichiiger Misglilligug den seinen Kops wie-
gend: Es war vielleicht nicht wohlgethan, im Agesichte eines
solchen Krieges um die Hand eines jungen Mädchens zu werben.
Ich bin sicher, dasß es der Fran Gräfin nicht willkommen war,
und es wäre großmüthiger von Dir gewesen, Dich zu über-
winden und zu schweigen, denn es ist traurig, ein junges Mädchen
zur Wittwe werden zu sehen, ehe es noch das Glick der Ehe
kennen gelernt hat.
Nenatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich. Hil-
degard's Herz hätte in jedem Falle um mich getrauert, meinte
er, wenn die Würfel des Todes mir fallen sollten!
Gewiß; aber man betrauert einen im Perschwiegenen ge-
liebten Mann mit anderer Empfindung, als einen, dem man
sich heimlich anverlobte, oder gar als einen erklärten Bräutigam.
Das Mitwissen Anderer steigert fir die meisten Menschen den
Schmerz und zwingt oder veranlaßt sie oftmals, ihn in sich
noch aufrecht zu erhalten, wenn sie bereits in der Verfassung
wären, ihn zu überwinden. Und wo man nicht sicher ist, Gliick
und,Freude bereiten zu können, soll man trachten, mögliches Leid
und Unglück zu verhüten.
Renatus erhob sich, denn es bemächtigte sich seiner eine
große Unruhe. Er konnte den Ansichten des Caplans nichts
entgegensetzen,, sofern sie auf eine noch zu begehende Handlung
angewendet werden sollten; aber er ahnte ihren Zweck füür diesen

-=- IZ -
besonderen Fall und er verhehlie sich nich, das; seine Neigung
für Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war, daß
er eine ebereilung begangen habe und daß er leicht in die
Lage kommen könne, ja, daß er sich eigentlich bereits in der
Lage befinde, diese Uebereilung zu bereuen.
Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, blieb
dann plözlich vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig:
Was soll ich ken thn? Was wollen Sie denn, das ich thuue?
Dasjenjge, was Dun zu ihnn ohnehin entschlossen warst,
sprach der Geistliche gelassen.
Sie rathen mir also, gegen meinen Vater von der ganzen
Angelegenheit zu schweigen?
Ubedenklich!
Und Hildegard - die Gräfin -- wie soll ich vor ihnen
dieses Verhalten rechtfertigen? Wie kann ich ihnen meine Hand-
lungsweise erklären? rief er noch einmal.
Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn
ruhig an. Neberlasse es mir, mein theurer Sohn, Deine Recht-
fertigung zu übernehmen! sagte er. Und er wußte, daß Renatus
diese Antwort von ihm erwartet hatte. Renatus zögerte auch
nicht, sich dieselbe zu Nutzen zu machen.
Aber, fragte er, was soll ich Hildegarden schreiben?
Das fragst Du mich? entgegnete der Caplan. Nun, Du
wirst Hildegarden alles sagen, was Dein Herz Dir eingibt, und
das Uebrige vergönne mir, der Frau Gräfin auseinander zu
sezen. Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht
Preis, und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus lang-
jährigem Vertrauen kenne, hoffe ich, Gehör bei ihr und die
Billigung Deiner Handlungsweise von ihr zu erlangen. Iezt
aber -= er trat an's Fenster und sah zu dem Kirchthurme
empor -- jetzt ist's wohl an der Zeit, auf Deine Nlickkehr zn
denken, denn der Freiherr wird Dich erwarten.

Hz-
Nenatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht.
Er sagte, daß er ihm eine große Beruhigung verdanke, dasß er
nun wieder mit freiem Herzen an die Geliebte denken könne,
und daß er nur bedauere, Vittoria in das Vertrauen gezoge
zu haben. Indeß er nahm das alles leicht, da er für jetzt der
Riicksprache mit dem Freiherrn enihoben war, vor der er sich
mehr, als er sich selbsl gesiehen mochte, gefirchiet halte.
Im Schlosse fand er, da von dem Freiherrn alle vorbe-
reitenden Schritte bereits vor einigen Wochen geschehen waren,
die richterlichen Beamten, vor denen der besprochdne Akt seiner
Mündigkeitserklärung vollzogen, und durch welche die Eintragung
von Nenaiuus Vermögen auus Nichlen bewerkslelligl werden sollte,
schon angelangt. Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge
Freiherr, daß seine Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht
ohne Grund gewesen waren. Sein Capital stand, wenn man die
Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden Möglich-
keiten in Betracht zog, keineswegs sicher auf dem Gute, und die vor.
ihm eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnißmäßig höhere
Zinsen, als der Freiherr sie seinem Sohne festzusezen für angemessen
fand. Auch sah der Freiherr wohl, daß Renatus die Farbe
wechselte, als er das betreffende Schriftstück unterzeichnete, indeß
der Vater behandelte nur die Mündigkeits-Erklärung des Sohnes
als ein ernstes Ereigniß, an das er mit aller Würde und Feier-
lichkeit heranging.
Er umarmte den Sohn, nannte ihn vor allen Zeugen einen
fertigen Mann, einen Mann von wahrer Ehre und seinen Freund,
und gab dann auf die Regelung der Geldangelegenheit anschei-
nend nur wenig Acht. Er erklärte sie für eine bloße Form,
da zwwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht
die Rede sein könne, meinte dann, daß Renatus erst jetzt wahr-
haft in den Besiz seines mütterlichen Erbtheiles trete, wo er es
in dem Grunde und Boden des Familiengutes anlege; und als
=- Eas - TT. FssaSE. »==s=.

«
-=- ZJ
dann im Laufe des Nachmitiages der miltärische Chef des jungen
- Freiherrn mit seinem Stabe eintraf, waur von den abgethanen
Geschäften natinrlich keine Rede mehr.
Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, es
seinen militärischen Gästen, es einer solchen Gesellschaft von Edel-
lenten aus allen Provinzen des Landes, in seinem Schlosse an
- irgend etwwas fchlen zu lassen, was zu bieten er im Stande war,
und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf, daß der
Empfang seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause
Ehre mache.
Er hatte sonst es nicht leicht gewagt, dem Freiherrn gegen-
über Verlangnisse zu äußern und Vorschläge zu thun; aber er
war nun großjährig gesprochen, er hatte auch sein ganzes, per-
sönliches Vermögen hergegeben, seinem Vater eine Erleichterung
zu bereiten, und man konnte es doch in der That nicht wissen,
ob es nicht das lezte Mal sei, daß er im Vaterhause weile. Er
hatie nie gefühlt, was es mit der hastigen und feurigen Lebens-
lust des Soldaten auf sich habe. Jezt erwachte sie in ihm.
Er wollte froh sein, er wollte genießen und Andere mitgenießen
lassen, was er besaß. Er blieb in beständiger Bewegung und
Aufregung, erhielt alle Andern in derselben, und noch niemals
hatte er seinem Vater so wohlgefallen, noch nie hatie der Freiherr
es wie eben jetzt erkannnt, daß sein Sohn ihm doch sehr ähnlich -
sei. Er gab jezt allei: Wünschen desselben unbedingte Folge.
Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt, die
Säle, die Zimmer, die Fluren und Treppen waren wieder einmal
belebt, wie in den Tagen, deren Renatus sich aus seiner Kind-
heit zu erinnern wußte. Wo die jetzt beschrännkte Dienerschaft
des Hauses nicht ausreichte, half die militärische Bedienung der
Einquartierten aus, die man fir die wenigen Stunden, in denen
man ihrer bedurfte, in die Livreen des Hauses steckte; es waren
deren noch mehrere von früher her vorhanden.

B--
Allerdings durfte Nenatus nicht nach der Schloßthorseite
an das Fenster treten, ohne daß es ihm durch das Herz schnitt,
wenn die Allee, die prächtige Allee, ihm fehlte, wenn er so weit
hinaus die grosße Fläche übersehhen koutle. Sie kam ihm wie
ein Schlachlfeld vor, es schvebten trauurige Schatten, Unheil
verkündende Geister über ihr. Aber Niemannd von seinen Kamera-
den vermißßte die alten Bäume, es vermißte auch Niemand die
schweren silbernen Taselaufsätze und Prachi-Gerälhschasien, die
sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafcl geziert und den
großen alten Schenktisch geschmückt hatten. Es waren während
des Krieges viele Alleen niedergeschlagen worden und viele
Gutsbesizer hatten in den harten Zeiten ihr Silber einge-
schmolzen oder es in den großen Städien in verhälnis;mäßige
Sicherheit zu bringen gesuchl. Nenaius fragle nicht darum,
er nahm ohne Weiteres das Leztere an. Man ritt, man jagte
in den schönen Revieren der Herrschaft, Alles wurde besehen.
Alles bewundert: der Ahnensaal im Schlosse und die Kirche in
Rothenfeld und die prächtige Familiengruft, in welcher die Ba-
ronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre
Ruhestätie gefunden hatte.
Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden, ohne daß
Renatus zur Besinnung kam. Er sah seinen Vater angeregt
und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren nicht. Vittoria schien
auch neu belebt zu sein, die Anwesenheit so vieler Männer, der
Eindruck, den sie auf dieselben machte, die Bewunderung, welche
sie durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen
Wesens erregte, zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem
Gatten. Renatus konnte es nicht über sich gewinnen, noch ein-
mal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und die seltene
Zufriedenheit zu stören, die ihn umgab. Es ward von Hildegard -
gar nicht mehr gesprochen. Nur mit Mühe fand er die Muße,
seiner Braut zu schreiben oder ihrer in Ruhe zu gedenken.

- ,ß F ===
Am Abende vor dem Abmarsche hatt man noch einmal
die Gesellschaft aus der ganzen lmgegend zusammengebeten.
- Man tanzte noch einmal, und man spielte. Spät, als die Dun-
kelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Fnoöpen
des Früühlings auusgebreitet lag, flammte oben auf der Margarethen-
Höhe ein Feuerwerl empor und an dem Gicbelfelde des Freund-
schaftstempels glänzte in farbigem Licht das Wort: , Victoria.-
E war einnne leberraschuung, mit welcer der Chef des Ne-
giments seinen Wirthen den Dank fir ihre verschwenderische
Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte; denn wie das Wort
die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach. so
huldigte es auch der schönen Schlosßherrin, und es kam dabei
nicht in Betracht, daß der Freundschaftstempel sehr verfallen
war, das man alte Geräthschaften und Reisig in dem Naume
aufbewahrte, der einst das Bild der Herzogin Margarckhe um-
schlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war.
Das glänzende Licht des Feuerwerks, wie vergänglich es auch
war, machte alles Andere vergessen, und als es erloschen war,
dachte man des Tempelö und der Margarethen-Höhe überhaupt
nicht mehr.
Renatus schrieb, wie er sich ausdrückte, mit dem Fuße im
Bügel, noch an seine Braut. Der Caplan übernahm die Be-
sorgung dieses Briefes.
Die Regimentsmusik schmetterte auf dem großen Schloßhofe -
- schon ihre muthigsten Weisen, als der Freiherr den Sohn in
die Arme schloß, als Renatus, mit Thränen und von des Vaters
Segenswünschen begleitet, aus seinen Armen schied. Sie hatten
sich nie so nahe gestanden, waren einander nie so lieb gewesen,
als in diesem Beisammensein, und noch im lezten Augenblicke
legte der Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes
Herz und sagte sehr erschütiert, obschon die Fremden es sehen
und hören konnten: Kehre mir wieder, mein theurer, theurer

=- F=-
Sohn, und sei ihre Stiütze, wenn ich nichi mehr bin, wie D:
mein Freund und meine Freude bist!-
Er weinte und schämte sichi der Thränen nicht. Der Mensch,
der Vater, trugen in ihm den Sieg über die Formen der Gesell-
schaft davon, die überall aufrecht zu erhalten er sonst als seine
Aufgabe angesehen hatte. Die Ereignisse waren stärler, als er
und seine schwindende Kraft, und sie wuchsen mit jedem Tage
an Gewaltigkeit, an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn
hinaus.