Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 04

Viertes Capitel.
.a vle Abergläubischen bei dem Ersche nen des großen
Komelen gefirchiet und vorausgesagt, was Seba einst hoffend
ausgesprochen, als sie, mit Renatus in der Thüre ihrs Garten-
saales stehend, das prächtige Phänomen betrachtet, es hatte sich
Alles über jedes Erwarten schnell erfüslt.
Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt ge-
kommen, das grösßte Kriegsheer, das die Menschheit seit unvor-
denklicher Zeit gesehen, war vernichtet worden. Die Russen selbst
hatten die heilige Hauupistadi ihres Neiches zersiört. Zuu Hundert-
tausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klima's, waren
die Söhne Frankreichs und Jtaliens, waren Portugiesen und
Spanier, Deutsche und Polen unter dem Schnee der russischen
Eisgefilde umgekommen, und ein Flichtiger, ein Geschlagener -
und Neberwundener, war der bis dahin füür unbesiegbar gehal-
tene Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unter-
jochte und geknechtete Europa seiner Hauptstadt zugeeilt, um, ein
niedergeworfener Riese, aus dem Boden seiner Heimath neue
Kraft zu schöpfen.
Noth und Elend hatien den Weg bezeichnet, auf welchem
das französische Heer nach Nusland gezogen war, Elend, Krank-
heit, Tod und Leichen bezeichneten die Straße, auf der die
NBe
==-unner dieses sihr unilberwindlich gehaltenen Heeres bald in
kleineren, bald in größeren Massen, bald vereinzelt als jammer-
voll Verstümmelte, als in Lumpen gehüllte Bettler durch das

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Land zogen, und es gab in den preusischen Ostprovinzen sicher-
lich nicht Eine Stadt, nicht Ein Dorf, ja, nicht Ein Haus, dem
die Teilnahmne an demn Enlsetzen ersparl worden wwäre, welches
das geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug.
Je größer die Ortschaften waren, je eher man hoffen durfte,
in ihnen Aufnahme oder Erquickung, ja, oft nur ein ruhiges
Sterbekissen zu finden, um so massenhafter drängten die Fliehen-
den sich dorthin, und die Herrschaft Richten mit dem Kirch-
thurme von Neudorf, mit dem weithin in die Ferne ragenden
goldenen Kreuze der Notheufelder Kirche, zogen immer aufs Neue
ganze Scharen von Flichtigen in ihren Bereich.
Die Kirchen beide lagen voll von Kranlen und Sterbenden.
Der srolesialische Psarrer, der de allen Paslors Nachsolger
geworden war, der Caplan und sein Salristan rastelen nicht
Nacht, nicht Tag. Die leibliche Noth ud daö geistige Leiden
der im sreuden Lade, sern von den Ihrigen Hinsierbenden
nahmen die Geistlichen der beiden Gemeinden gleichnäßig und
ganz in Anspruch. Wollte man den Muth der Dorfbewohner
nicht völlig sinken lassen, wollte man nur die Leichen unter die
Erde bringen, so durften diese Männer sich nicht schonen, und
keiner von ihnen dachie an sich und an die eigene Gefahr. Der
Caplan ging Allen voran in hingebender Thätigkeit und Selbst-
aufopferung, und er rechnete sich dies nicht zum Verdienste.
Seine Tage waren gezählt, er hatte nichts, woran seine Seele
gefesselt war, er dankte seinem Gotte, daß er ihm die Kraft
gelassen habe, zu helfen, zu trösten bis an sein Lebensende, und
fernsehend mit dem Auge seines Geistes, gab er sich gläubig
an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin, die am Horizonte
des neuen Jahres emporzusteigen begann.
Der Freiherr theilte diese Hoffnung nicht. Er hatte Na-
poleon verabscheut, als er noch General und Consul gewesen
war; aber die Gesinnungen des Freiherrn hatten eine Aende-

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rung erlitten, seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und mit
eiserner Hand der Volksherrschaft in Fran!reich ein Ende gemacht
haite. Der Kaiser, dessen Tyraunei de Franzosen, wie der
Freiherr es nannte, fitr das Freiheitsgelisien geißelte, in welchem
sie ihren König ermordet, den Ael des Landes unter das Messer
der Guillotine geliefert und in die Verbannuung zu gehen ge-
zwungen hatien, erschien ihm wie eine sittliche Nothwcndigkeit
in der Weltordnlng. Er sah das Unglück, das Napoleons schran-
kenlose Eroberungssucht über ganz Europa brachte, als die ge-
rechte Strafe dafir an, das die Füürsten und Völker dem an-
gestammien französischen Herrscherhause und den gut gesinnten
Franzosen nichi ihren vollen Beisiand zur Niederwerfung der
Revolnuiion geliehen hallenn, und wenu er in sein Jered blickle,
fi hlte er fiir den Kaiser, der sein willkiirliches Belieben zum
Gesetze eines Welttheils machte, jezt mehr Vertrauen, mehr Theil-
nahme und Bewunderung, als fiür irge. eien der deutschen
Fürsten, die in widerwilligem Gehorsam und zum Theil in
knechtischer Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers
Füüßen lagen, oder gar zu seinem Landesherrn und zu dessen
egierung, welche gegen die Herrschaft des großen Genius, des
Revoluulions-Besiegers anlämpsen zu lönnen glanbten, indem sie
in dem eigenen Lande die Gemüther des niederen Volkes selbst
in Aufregung bersezten, die Hand an geheiligte, alte Rechte
legten, den Adel beraubten und von sich entfernten, ohne damit
das Volk erheben und zufriedenstellen zu können. Er hatte den
Ausspruch des vierzehnten Ludwig: , Ich bin der Staatrr
immer verstanden und bewundert. Er bewunderte auch Napoleon,
der sich als den Willen und das Gesez für seine Zeit hinstellte,
und der Gedanke einer von Napoleon begründeten Weltherr-
schaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl zusammen,
seit der Kaiser sich geneigt erwies, dem alten Adel seine Hand
zu bieten, und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusezen.

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E war mit seiner vollen Zustimmung geschehen, es hatke
sich kein Widerstreben in ihm geregt, als sein Sohn den Fahnen
Frankreichs nach Nußland hatte folgen müssen. Der jahe Glücks-
wechsel, der den Kaiser traf, erschreckte den Freiherrn also höchlich
und warf ihn fast mehr darnieder, als einst daö Unglitck seineö
Vaterlandes. Er wurde irre an der Folgerichtigleit der Dinge,
wie er sie versland, und die Ohhumachl auch ded gewvalligsten
Einzelwillens, das endliche Unterliegen auch der größten Kraft
des Einzeluen, erschitierten ihhn und liesten ihn Schlisse machen,
die er endlich gegen seine eigenen Neberzeugungen zu richten
sich nothgedrungen sah.
Er wollte nichts wissen von der Verbindung, welche schon
lange im Lande thätig war und alle Stände zu einmithiger
Erhebung gegen die Tyrannei der Fremdherrschaft wachzurufen
trachtete. Er wendete sich von den Mitgliedern des alten Aels
mit Beschämung ah, wenn sie es als ein erstrebenswerthes Ziel
bezeichneten, mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe
und gleichem Gliede zu fechten. Er mochte nichts hören von
den Verhandlungen, durch welche deutsche und vor Allem die
preußischen Vaterlandsfreunde den Anschluß an Rußland vorzu-
bereiten strebten, und er vermied es, den eigenen Sohn zu sehen,
als dieser, mit dem Pork'schen Corps aus Rußland wieder-
kehrend, von der allgemeinen Stimmung über sich hinausgehoben,
voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe entgegen zu gehen
hoffte.
Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schlosse ge-
fangen gehalten. Auch das erwachende Jahr lockte ihn wenig
hinaus. Er war nicht begierig, die Verwüstungen anzuschen,
welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden Russen
innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten. Das Recht des
Stärkeren, die Unerbitilichkeit der Noth hatten überall gewaltet,
der gegenwärtige Amimann war nicht der Mann gewesen, sich

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dem Aeusßersten zu widersetzen; der Freiherr hatte nicht mehr
die Kraft, nicht mehr die Miitel besessen, mt großen Opfern
größere Nebel zu verhindern. Es sah übel auf der Herrschaft
aus, als im Beginne des Frühlings der König von Preußen
den Aufruf an sein Volk erliesß, der Jeden, welcher die Waffen
tragen konnte, zu den Fahnen forderte, um mit Gott unter des
Känigs Fihrung fiir die Freiheit des Vaierlandes zu kämpfen.
Der Freihers hatie den Aufruf wiedeu und wieder gelesen
und ihn daun zu dem Caplan geschickt, den die Pflege seiner
-Verwundeten und Kranken jezt in Nothenfeld zurückhielt und
der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten gekommen war,
um das pestartige Lazareth-Fieber, das sich auus den Spitälern
in den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte, nicht
auch in das Schlos; zu ülbertragen. Aber der Freiherr vermißte
ihn sehr, das Herz war ihm beladen, und Vittoria war nicht
die Frau, vor der er es entlasten konnte.
E waren ihre Schönheit, ihre Weltunerfahrenheit gewesen,
die ihn einst an der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau
bezaubert hatten, und er hatte von Vittoria liebevoll alles fern-
gehalten, was ihr diesen Reiz zerstören konne. Sie war heute
noch schön, fast schöner, als sie je gewesen, sie war heute noch
fremd in der Welt Händeln und in den Nöthen und Bedirf-
nissen des täglichen Lebens, sofern diese letzteren nicht sie selbst
betrafen; aber seit er ihrer Schönheit nicht mehr genießen konnte
wie sonst, rührte sie ihn, statt ihn zu erfreuen, und die Selbst-
sucht, mit welcher Vittoria, wie ein wahres Kind, nuur an ihr
eigenes Wollen und Bedirfen dachte, quälte ihn jetzt bisweilen
eben so, wie sie ihn sonst belustigt hatte. Er dachte jezt oft,
gar oft an die Baronin Angelika zurück, indessen er wußte
daneben auch, nach welcher Seite das Herz seiner ersten Gattin
sich in diesen Zeiten hingewendet haben würde.
Wenige Tage, nachdem der königliche Aufruf in die Provinz

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und in das Schloß gelangt war, brachte einer der Chorsänger
aus Rothenfeld dem Freiherrn einen Brief des Caplans. Der
Freiherr, der in seinen jungen Jahren der verheerenden Seuche,
welche auf den Gitern geherrscht hatte, muthig entgegengetreten
war, zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung
und vermied es also, den Boten vor sich zu lassen. Er empfing
den Brief durch seines Dieners Hand, lies; sich die Brille reichen,
deren er sich, weil es ihn an eine Altersschwäche mahnte, nur
ungern bediente, und trat an das Fenster, um das Schreiben
zu lesen. Es war jedoch, als ob er seinen Augen nicht traute,
denn er nahm die Brille ab, puutzte mit vorsichtiger Hand die
feinen Gläser, las den Brief noch einmal und sagte danach.;
daßß er die Antwort senden werde.
Als der Diener sich entfernt hatte, ging der Freiherr eine
Weile langsam in dem Zimmer auf und nieder. Der Caplan
schrieb ihm, das; die sämntlichen vier Chorschiüler nach der
Kreisstadt zu gehen dächten, um in die Landwehr einzutreten,
daß er sie übermorgen, da die Kirche voll Kranker liege, z
diesem Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzu-
segnen wüünsche, und daß er den Freiherrn anfrage, ob es ihm
möglich sei, den jungen Leuten das Geld zu ihrer Ausrüstung
zu geben, widrigenfalls er ihn ersuche, ihm einen Theil seines
rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen, damit er, so viel an
ihm sei, für die Bewaffnng seiner bisherigen Zöglinge sorge.
Er meldete zugleich, daß aus allen drei Dörfern eine Anzahl
von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem Könige stellen,
daß sie unter Adam Steinert's Führung, der gleichfalls in das
Feld ziehe, sich auf den Weg machen wirden, und daß der
Pastor in Neudorf deßhalb auch eine religiöse Vorbereitung und
Einsegnung auf dem Kirchhofe veranstalten werde.
Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit, sich zu fassen.
Die Welt wurde ihm fremd. Die Worte: Volkserhebung,

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Volkskrieg, Volkswille, die ihhm von Zrankreich her oft genng
aus der Ferne entgegengeklungen, wurden von dem ältesten
Genossen seines Lebens anerkennend gebcaucht, wurden jezt
unter seinen Auugen, wenn auch in veränderter Gestalt, zu einer
Wahrheit, und sie erschreckten ihn.
Er sah um sich her ein Geschlecht, eine Zeit, eine Welt
erstehen, in welcher er besorgen musßte, seine bevorzugte Stellung
nicht mehr aufrecht erhalten zu können, und ein Traum, den
er einst gehabt, kam ihm plötzlich in die Erinnerung zurück.
Er hatte einmal geträumt, daß er an einem Sommertage schlafend
in einem Saafelde gelegen, und die Sant war gewachsen und in
Aehren geschossen und die Halme waren hoch und immer höher
geworden, bis sie über ihm zusammenschlugen wie ein wallendes
Meer, auus dem er sich mit Herzensangst zu erretien strebte und
das ihn endlich doch in seinen Wellen begrub. Jezt schoß eine
solche Saat empor und ihre Halme schlugen über ihm zusammen.
Er fihlte sich vereinsamt und gebeugt, aber er durfte dem
FFreunde nicht verweigern, was dieser mit Recht begehren konnte,
und er mußte sich mit Widerstreben eingestehen, daß er diese
Volkserhebung, der er sich im tiefsten Innern abgeneigt fühlte,
daß er diesem Kriegsunternehmen, welches er als ein unglück-
liches und hoffnungsloses ansah, seinen Beistand leihen, daß er
sich dem allgemeinen Wollen, der allgemeinen Stimmung und
Meinung unterordnen und zur Ausrüstung der Freiwilligen
wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse, wenn er nicht
dazu gezwungen werden, wenn er nicht auf die Achtung fast
aller seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle.
Er hatte wenig baares Geld im Vorrathe, und es war
überall nicht leicht, in diesem Augenblite Geld herbeizuschaffen.
Nachdenklich staud er vor dem Schranke, in welchem er die
Werthgegenstände des Hauses aufbewahrte. Er sah die Schmuck-
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gehört hatten, und nahm dasjenige in die Hand, das einst zur
Hochzeit für die Gräfin Angelika angefertigt worden war. Ohne
recht zu wissen, was er damit wollte, öffnete er es. Der ganze,
prächtige Schmuck lag noch darin, er sah ihn wohlgefällig an,
die Brillanten funkelten im Sonnenlichte. Sie sprachen zu ihm
von fernen Tagen. Es war ihm zu Muthe wie einem Gläu-
bigen vor einem Heiligenschreine, und doch überkam ihn eine
Art von Unruhe, von Angst vor seinem Denken und vor seinem
Wollen. Er hielt den Kasten gegen das Fenster, um der Schönheit
des Schmuckes recht inne zu werden. Es fehlt kein Stein! sagte
e A -
. Er mochte nicht mit sich allein sein, er war auch nicht in
der Verfassung, jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen.
Vittoria war nicht in ihrem Zimmer. Der warme Sonnen-
schein hatte sie mit ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt.
Die Wärterin meinte, die Frau Baronin müsse bald wieder-
kehren, da die Mittagszeit Valerio's nahe sei. Der Freiherr
schickte sie fort, ihre Herrin und das Kind zu holen, und sczte
sich auf das Sopha nieder. Es war Vittoria's gewöhnlicher
Plaz. Er wußte nicht recht, was er dachte, aber es lag eine tiefe
Traurigkeit über seiner Seele. Er wünschte, Vittoria zu sehen,
er wollte sie bitten, ihm etwas vorzusingen, er hatte Lust, den
Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus. Freilich hatte
die Wärterin sie erst suchen zu gehen, und sie wußte nicht, nach
welcher Seite sie gegangen waren, indeß das Warten machte
ihn doch ungeduldig. Er griff nach einem Buche, das auf dem
kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha's lag. Vittoria
hatte ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem
Schränkchen aufbewahrt; sie hing an diesem kleinen Besize mit
großer Liebe; es durfte Niemand daran rühren, sie trug den
kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust. Heute

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jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen; der
Entschluß, auszugehen, mochte ihr wohl plözlich gekommen sein,
und sie mußte in ihrer Lebhaftigkeit des Schlissels vergessen haben.
Der Freiherr, in müüßigem Warten, wollte statt ihrer das
Schränkchen zuschließen, indeß es widerstand etwas darin. Er
öffnete die Thüre, einige Blätter Papier waren aus dem oberen
Fache herabgeglitten. Als er sie auf die Seite schieben wollte,
fiel ihm eine goldene Kapsel auf, die er nie bei Vittoria gesehen
hatte. Arglos nahm er sie zur Hand, und blieb regungslos vor
dem kleinen Schranke stehen.
Eine reiche, schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel
ein. ,Der Seele meiner Seele!'' war in italienischer Sprache
in den kleinen Mittelraum hineingeschrieben. Die andere Seite
wies das Bildniß eines schönen Mannes in militärischer Kleidung
-- und der Freiherr kannte diesen Mann. Es war Graf
Mariano, der Oberst der italienischen Nobelgarde, der nach dem
ersten Kriege Monate lang als Verwundeter im Schlosse und dem
Freiherrn ein willkommener Gesellschafter und Gast gewesen war.
Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des
Greises. Er raffte eilig zusammen, was er von Papieren vor
sich liegen fand, und verließ das Gemach. Im Vorsaale kam
ihm Vittoria entgegen, und der Knabe lief auf ihren Antrieb
auf ihn zu. Er stieß ihn von sich, daß das Kind zur Erde fiel.
Was ist geschehen- im Namen Gottes, was ist geschehen?
rief Vittoria, da sie die Verstörtheit ihres Gatten bemerkte; aber
er antwortete ihr nicht. Die Papiere und die Kapsel, welche sie
in seiner Hand sah, sagten ihr Alles.
Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort, Vitioria
blieb mitten in dem Vorgemache stehen. Ihr Kopf hob sich stolz
in die Höhe, ihre Brust athmete tief; iroz ihrer kleinen Gestalt
sah sie mächtig aus, mächtig und entschlossen, und wie von einer
schweren Lst befreit, rief sie Endlich! Jetzt endlich bin ich frei!