Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 06

SechStes Capite l.
,ön heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloß
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zurück, und kaum in seinem Zimmer angelangt, sank er in völ-
liger Erschöpfung auf sein Lager nieder. Der Kaumerdiener,
den des Herrn kurzer Athem und sein starrer Blick erschreckten,
wvollle ihun Hüllse leisten, die Baronin ruusen, den Caplan herbei-
holen lassen, aber der Freiherr verwehrte es ihm.
Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen, dann
erhob er sich, und ging, wwie er es in heftigen Gemüihsbewe-
gungen stets zu thuun pflegte, in seinen Zimmern auf und nieder.
Er wies jede Erfrischung, die sein Diener ihm aufzunöthigen
versuchte, schweigend von sich, und es war bereits über Mitter-
nacht hinaus, als er sich plözlich an seinen Schreibtisch nieder-
sezte und dem Diener befahl, neue Kerzen hinzustellen und sich
dann zur Ruhe zu begeben.
Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt
und den Freiherrn in seinen Kleidern auf dem Nuhebette in
seinem Arbeitszimmer eingeschlafen. Das war, so lange der
Diener ihn kannte, nie geschehen, und er hatte doch schon vor
der ersten Verheirathung des Freiherrn seine Stelle angetreien
und viel mit seinem Herrn durchgelebt. Was konnte vorgegangen
sein, das den Herrn bewogen hatte, von seinen strengen, regel-
mäßigen Gewohnheiten abzuweichen?
Es war kein Fremder im Schlosse gewesen, kein Brief an-
gekommen, der Freiherr hatte auuch die Baronin nicht gesprochen.

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Der Diener ging in den Zimmern des Freiherrn suchend umher,
es war nicht aufzufinden, was ihn auf irgend eine Spur hin-
weisen konnte; nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten
eberbleibsel verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen. Da
der Diener sich niederbückte, fie aufzunehmen, zerfielen sie in Asche.
Als der Freiherr erwachte, ließ er sich ankleiden und sein
Frühstück bringen; aber obschon es ein hell-r, schöner Tag war,
ging er nicht aus. Stunden lang sand er am Fenster und sah
jn den Park hinunter; dann wieder saß er schreibend an seinem
Arbeitstische, und ein paar Mal bemerkte der Diener, daß er
das Geschriebene zerris; und die Siicke wieder in das Feuer
warf. Biswweilen nahm er ein Buuch zur Hand, aber er legie
es slels nach wenigen Auugenblicken wieder von sich. Er konnte seine
Gedanken nicht von sich selber, nicht von der Erinnerung an
Paul abziehen. Er konute sich der Vorsteslung nicht entschlagen,
daß Pauul dazu ausersehen sei, ald ein Nächer seiner Mutter,
auch fiür ihn, wie einst fir die Baronin Angelika, der Todes-
bote zu sein, und die Schwermutß, welche ihn nach dem Selbst-
morde seiner Geliebten befallen hatte, ward jetzt in verstärktem
Grade abermals iber ihn Meister. Er meinte ihn immer noch
vor sich zu sehen, den Doppelgänger, der ihm sein eigenes und
doch so gewandeltes Bild vor Auugen gestellt hatte, und weit
davon entfernt, sich zu dem ihm so ähnlichen Sohne hingezogen
zu fiühlen, hegte er einen bittern Groll, ja, einen hassenden Wider-
willen gegen ihn. Er kounte es nicht verschmerzen, daß er nicht
mehr die männliche Schönheit und die Jugend besaß, deren jener
sich erfreute, er meinte seines sinkenden Lebens, seiner geschwun-
denen Kraft sich erst jezt bewußt zu werden, da sein Sohn ihm
vorgehalten hatte, was er einst gewesen war. Und in den bit-
teren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die
distere Sorge um das Foribestehen seines Hauses, dem er Pau-
line hingeopfert hatte. Das Geschlecht derer von Arten-Richten

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stand, wenn er einst starb, und sein Tod war ihm, wie er sich
überzeugt hielt, nahe, nur noch auf zwei Augen, nur noch auf
Nenatus, über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todes-
würfel fallen konnten.
Es war ein furchtbarer Kampf, den der Greis in diesen
Tagen in sich durchzuringen hatte, denn er vermochte nicht dar-
über mit sich einig zu werden, ob er verpflichtet sei, dem Fort-
besiehhen seiiiee Geschhlerhles Alles, sellsi snie leleidigzle Ehre und
sein empörles Gefühl zum Opfer zu bringen, oder ob er, sich
selber genugthuend, die Aufrechterhaltung seines Namens dem
Zufalle überlassen dürfe.
Er hatte Stunden, in denen er Vittoria und Valerio von
sich stoßen, Nenatus Alles enthiislen, ihn zuriickberufen und ihn
schnell zu einer Ehe überreden wollte, um sich durch ihn eine
Nachkommenschaft zu sichern; andere Stunden, in welchen der
Gedanke, Paul anzuerkennen, falls Nenatus in dem Kriege um-
kommen oder ohne Kinder sterben sollte, ihm nahe trat; aber
wenn er eine dieser Absichten zu Papier gebracht hatte, flößte
das Niedergeschriebene ihm beim Durchlesen ein Erschrecken ein,
und weder zu dem einen noch zu dem andern Schritte ver-
mochte sein Stolz sich zu entschließen.
Er konnte sich nicht überwinden, durch die Verstoßung
Vittoria's und durch die gerichtliche und damit öffeutliche Ver-
läugnung ihres Sohnes, der Welt das Eingeständniß bes Irr-
thums zu machen, den er begangen, als er im letzten Mannes-
alter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte; und
eben so wenig konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung
gewöhnen, daß Paul, der Sohn einer Hörigen, einst dazu be-
rufen sein solle, den Namen derer von Arten fortzupflanzen,
daß das Blut einer Magd, wie theuer sie dem Freiherrn auch
gewesen war, in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer
von Arten fließen könne, die auf die Reinheit ihres Geschlechtes

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und auf die Bedeutung aller ihrer geschloss-ne Verbindungen
von jeher den höchsten Werth gelegt hatten. Paul's Anerken-
nung einzuleiten, so lange Renatus noch am Lcben war, daran
dachte der Freiherr natürlich nicht, aber wer konnte es ihm zu-
sichern, daß er selbst noch leben und im Stande sein würde,
Verfügungen zu treffen, wenn in den nächste. Monaten einmal
die Nachricht von Renatnus Tode nach Richt:n anlangte? Und
wie war ess in diese lrhzierenn Fanlle zu verhhindern, das; dad
von Arlen'sche Erbe an Valerio, an den Sohn der Ehhebrecherin
fiel? Wie war es zu machen, daß sein Blut, sein Name nicht
untergingen? - Tage und Tage verstrichen, und seine Qualen
minderten sich nicht.
Nastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen
Gemächern umher; angswvoll den Ereignissen des Krieges fol-
gend, immer bange vor der Möglichkeit, den Tod seines Sohnes
und Erben zu erfahren, und doch ohne die eigentliche Vater-
liebe für diesen Sohn, auf dessen Erhaltung feine theuersten
Hofßtuungen gerichtet waren, und ohne alle freudige Theilnahme
an den beginnenden Erfolgen und Siegen des Volkes, in dessen
Mitte und fir dessen Befreiung die beiden Erben seines Blutes
ihr Leben in die Schanze schlugen.
Mit jedem Fortschritte, den die Waffen der Verbindeten
erfochten, mit der aufjauchzenden Freude des Landes und des
Volkes über die ersten Siege derselben wuchs die innere Ver-
einsamung des Greises. Er hatte nichts gemein mit den Ge-
fühlen der Verbrüderung und der Erkenntniß der menschlichen
Gleichheit, welche die Zeit der Noth in dem Volke begründet
uib die Gemeinsamkeit des Kampfes und der Gefahr in den
Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick festgestellt
hatien. Er gehörte nicht zu denen, welche bie Neuerungen gut
hießen, die der König und seine Negierung vor dem Ausbruche
deö Krieges unternommen hatten und deren Ausdehnung und

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Entwicklung verheißen worden und nach erfolgtem Siege erwartet
wurden. Wie auch die Würfel des Krieges fallen mochten, er
sah kein Heil in der Zukunft, und doch hing er am Leben,
doch wollte er mit seinem Willen bestimmend in die Zuukunft
hinüberreichen.
Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des
furchibaren französischen Riczuges aus Nisland fingen in en
preußischen Ostprovinzen sich zuu vermindern an, als man in
olhenfeld endlich daran denken kounnte, die Kirche, welce duurch
viele Monaie zum Hospitale gedient halle, zu reinigen und dem
Gottesdienste wiederzugeben. Aber als die letzten Kranken sie
verlassen hatten, wurde man erst recht gewahr, wie schwer sie
gelitten hatte und das man einer für die gegenwärtigen Ver-
hälinisse nicht unbedenlenden Sumumne bedirfeinu wüirde, sie nnr
einigermaßen herzustellenn. E konnte nicht die Rede davon ,
sein, die Silbergeräthschaften zu erneuern, welche von den ersten
durchziehenden Franzosen mitgenomnnen worden waren, oder den
schönen Beichtstuhl und die kunstreich geschnitzte Kanzel her-
stellen zu lassen, welche dic durchmarschitenden Hessen zerschla-
gen und zur Fenerung bentzt hatten. Nur die Tünchung der
Wände, nur die Ausbesserung des Fußbodens wüünschte der
Caplan, denn es hatten, als die Armee nach Rußland gegangen
war, durch viele Tage die Pfepde in dem Gotteshaufe gestan-
den, so daß der Boden zerstampft und überall, wo man die
Krippen ang bracht hatte, die Löcher von den eingeschlagenen
Eisen in den Wänden und an den Pfeilern sichtbar waren.
Der Caplan war lange nicht im Schlosse gewesen, aber es
war ihm nicht verborgen geblieben, was dort geschehen. Die
Bekenntnisse Vittoria's hatten ihm Alles enthüllt. Er hatie
vergebens danach gestrebt, den Freiherrn persönlich zu sprechen.
um ihm die Hilfe zu leisien, welche ihm bieien zu können er
sich fähig glaubte. Der Freiherr haiie seine Besorgnisß vor der

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Uebertragung des Lazarethfiebers zum Vorwande benutzt, den
Besuch des Caplans abzulehnen, und uuls dieser es bei Anlaß
der Kirchen - Reparatur unternommen, sich dem alten Lebens-
genossen schriftlich zu nähern, um ihm, der sich sonst gern
mündlich und brieflich mitzutheilen und auszusprechen geliebi
hatte, eine Befreiung auf solchem Wege darzubieten, hatte der-
selbe sich ur an den geschäftlichen Theil des Briefes gehalten
und die Fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne
Erwiederuug geluuusse-
Jn schwerer Belimunerniß um den Freund und um das -
Schicksal des Geschlechtes, an das er sein eigenes Schicksal ge-
knüpft hatte, verliesß der Caplan an einem heißen Sommer-
abende sein Haus. Er wollte sich üüberzeugen, wie weit die
Arbeiter an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorge-
schritten wären. Die Sonue war schon im Sinken, der Himmel
hing voll Wolken, und ihre Schwere erhöhte für die Phantasie
den Druck, den die Schwüüle der Luft auf alles, was lebte und
athmete, ausübte. Kein Vogel sang, kein Grashalm und kein
Blatt bewegten sich.
Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen,
hatte in der noch offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augen-
schein genommen und trat eben wieder ins Freie hinaus, um
nachzusehen, wie die weißen Rosenstöcke gediehen, die er nach
Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor der-
selben angepflanzt hatte. Vorsorglich die Stämög untersuchend,
nahm er von ihnen die Naupen und die Käfer ab, welche sich
um die Stengel und zwischen den Blätiern eingenistet hatten,
und es war eine wehmüthige Freude, mit der er diese Rosen,
die er aus Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem
Garten grosl gezogen hatte, nun wieder vor der Grabstätte der
ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen tragen und
erblihen sah.

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Das ewige Werden! sagte er zu sich selbst und bückte sich,
um nachzufühlen, ob das Erdreich nicht zu trocken sei. Da er
sich aufrichtete und sich umsah. ob er nicht Jemanden herbei-
winken könne, der ihm Wasser holen gehe, stand der Freiherr
vor ihm. Der Caplan war auf das äußerste betroffen. Der
Freiherr hatte von Juugend auf den Gedanken an pen Tod ge-
scheut, den Besuch der Kirchhöfe gemieden und seit der Beisezung
der Banroni:n Aigelika die Famniliengzrusl nie uehr beschl.
Sie hier, gnädiger Herr? rief er, und seine Freude, den
alten Lebensgenossen wiederzusehen, war eben so lebhaft, als
sein Erschrecken über den außerordentlichen Verfall, den er an
seinem Freunde wahrnahm. Was führt Sie hieher, verehrter
Freund? rief er noch einmal; und obenein in dieser heißen
Schwhle, die Ihrem Befinden gewiß nicht heilsam ist?
Der Freiherr lächelte; aber es war nicht mehr der frühere
gewinnende Ausdruck in diesem Lächeln. Seine Abspannung
und seine Gebrochenheit sprachen aus jedem Zuge und aus jeder
seiner Mienen.
Eben die heiße Schwüle, entgegnete der Freiherr, und eben
mein Befinden, das viel zu wünschen ibrig läßt. Ich schlafe
schlecht, fühle mich niedergeschlagen, und das heutige Wetter
lastet wie Blei auf mir. So wollte ich versuchen, mir mit
einem weiteren Gange, als ich ihn in den lezten Monaten
unternommen habe, über die Abspannung fortzuhelfen und mir
Schlaf zu schaffen fir die Nacht. Unterwegs kam mir der Ge-
danke, meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen.
Wir' haben uns lange nicht geschen.
Sehr lange nicht, entgegnete der Geistliche, und seine Sorge
um den Freiherrn wuchs, da er den gebrochenen Ton seiner
Stimme vernahm.
Sie haben viel durchgemacht, viel durchgemacht! nahm der
Freiherr wieder das Wort und hielt unentschlossen, ob er weiter

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sprechen solle, inne, bis er mit einem Ausrucke tiefer Schwer-
muth hinzufügte: Aber auch an mir, wenngleich ich Ihre Ge-
fahren und Arbeiten nicht theilte, sind diese Zeiten nicht spurlos
vorüübergegangen. Er seufzte dabei und schritt, sich abwendend,
dem Familienbegräbniß zu. D=ü Thüre ber Gruft war geöffnet;
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als er hineingehen wollte, hielt der Caplan ihn davon zurück.
Es ist kalt in der Gruft, warnte ec, Sie sind vom Gehen
'warm, und es. isi alles in dem Gewölbe, wie es vorher ge-
wesen isl.
Die Särge sind also wenigsiens ncht angetasiet worden?
fragte der Freiherr.
Ganz und gar nicht; nur die Vorhalle war stark mitge-
nommen. Die Ruhe unserer Todten wuurde nicht gestört.
Der Freiherr antwortete nicht. Der Gruft gegenüber lag
ein starker, gefällter Baumstamm an der Erde, der hier auf
dem Kirchhofe zu neuen Latten für die Umzäunung zerschnitten
werden sollte. Auf diesen Baumstamm ließ der Freiherr sich
nieder, und den Stock in seinen Händen, das Haupt auf die
Hände gesenkt, blickte er lange schweigend nach der Gruft.
Niemand hatte es erlebt, daß er sich in solcher Weise auf
offener Straße seinem Empfinden überließ, und vielerfahren,
wie der Geistliche es war, konnte er sich doch des tiefsten Mit-
leidens mit dem Freiherrn nicht erwehren. Er trat an ihn
heran und forderte ihn auf, sich zu erheben und den Schatten
aufzusuchen, da die Wolken sich zertheilten und die sinkende
Sonne ihre lezten Strahlen in voller Kraft über das Erdreich
ausbreitete.
Aber der Freiherr verweigerte es. Lassen Sie mich hier
verweilen, sagte er. Die Sonne ist mir erfreulich, und es thut
mir wohl, zu denken, daß selbst solche Kriege, wie sie über uns
hinweggegangen sind, die Nuhe der Todien nicht gestört haben.
So weiß man doch, wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat -

== sel -
und es will mich oft bedimten, als würde ich sie bald hicr
suchen kommen. Denn wenn die Todtgeglaubten wiederkehren,
müssen die Lebenden von dannen gehen, fügte er hinzu.
Sie
Sie haben Paul gesehen! rief der Caplan.
Der Freiherr neigte schweigend das Haupt. Was wissen
von ihm ? fragte er darauf.
Der Caplan sagte, das; er durch Renatus die erste Kuide
von dem so lange verschollen: Gewesenen erhallen hahe. Da
Paul aber seinen Nauen gewechsell und sich geslisseutlich von
dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe, so habe auch er
es für angemessen gehalten, des Wiedergelehrten gegen den Frei-
herrn nicht besonders zu erwähnen. Jetzt sei in den Dörfern
durch den Bauer, der Panl zu dem Grabe seiner Mutter hin-
geleitet habe, die Kue von seinem Leben und von seiner
Heimkunft als ein Gerücht verbreitet, und er habe demselben
nicht widersprochen, da ohnehin die Familie Steinert, in welcher
Paul durch mehrere Wochen gewohnt habe, in das Geheimniß
seines Namenswechsels eingeweiht und nit ihm und seinen Ver-
hältnissen bekanut sei, weil Adam Steinert mit dem Hause Flies,
dem Tremann angehöre, in beständiger Geschäftsverbindung stehe.
Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende
Frage zu. Dann sprach er, als ob er mit sich selber rede:
Wie das emporsteigt, wie sich das zusammenfindet: die Flies',
die Steinert's und nun gar Paul! Wie die Flut eines Meeres
erhebt er sich um uns, dieser Stand der Büürger, und man hat
die Dämme freventlich zerstört. die uns vor seinem Andrange
sicher stellten! Er schüttelte das Haupt und versank in seine
Gedanken. Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte:
Ich sehe trübe, sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes,
mein alter Freund, und ich werde mich nicht beklagen, wenn
ich nicht mehr Zeuge der Entwicklung sein sollte, welche dieser
Volkslrieg gegen Frankreich vorbereitet! Ich habe ohnehin nichts

-= ßJg -
mehr, was mich freut, nichts mehr, worzuf ich zuversichtlich
hoffe! Ich bin mide, wie Einer, der die eigeie Zeit zu Grabe
krägt; und oftmals möchte ich mich fragen: wofir habe ich
gelebt ? =- Wer kann es sagen, ob diese weißen Rosen, die Sie
hier mit stillem Sinne pflanzten, mit stiller Liehe pflegen, Ihnen
??? :
- Die Lissen beblen ihm, seine Stimme zitkete leise, als er,
diese Wore sprechend, von deum Baumslamme aufstand.
, Der Caplan war nicht weniger niedergeshlagen, als sein
Freund. Der Trosl, mit welchem sein gläubiger Sinn und
sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht hielten, war für den
Freiherrn nicht vorhanden, denn er war keine religiöse Natur
und sein Verhällnis; zu der Kirche und zu ihren Lehren war
immer nur ein äusßerliches gewesen. Nur in Stunden höchster
Nathlosigkeit hatte er sich ihr und seinem Beichtiger und Freunde
in die Arme geworfen, und sein Zustand war in diesem Augen-
blicke von der Art, das; der Caplan vor allen Dingen daran
denken mußte, ihm körperliche Hülfe zu leisten. Denn als der
Freiherr sich erhoben hatte, schien ein Schwindel ihn zu befallen.
Er schloß die Augen, griff mit der Hand tastend nach des
Freundes Arm und sagte, während dieser ihn umschlang, um
ihn zu unterstitzen: Rufen Sie Jemanden heuhei, ich besinde
mich sehr übel!
Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört.
Die Feierstunde war angebrochen, die Handwerker hatten ihre
Arbeit bereits verlassen, die Leute waren schon vom Felde nach
ihren Wohnungen zurückgekehrt. Der Caplan und der Freiherr
waren auf dem Kirchhofe ganz allein, und unfähig, den Zu-
sammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten, ließ
der Caplan ihn langsam zur Erde niedergleiten, daß er mit

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dem Rüücken gegen das Siandbild lehnte, welches einst Aulas;
zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte.
Mein Freund, mein theurer Freund! rief der Caplan,
indem er die Hände des müühsam Athmenden erfaßte und ihm
die Halsbinde zu lösen versuchte. Aber der Freiherr antvortete
dem Rufe nicht mehr. Sein Auge hob sich schwver und suchend
zu der Kirche empor, als wolle er sich noch mit dem letzten
Blicke an dem Denkmale halten, das er sich und seinem Ge-
schlechke aufgerichtet hatte, dann streifte es an dem Atlize
des alien Freundes hin ud senlie sich, um sich nicht wieder
zu erheben.
So schnell seine wanlenden Fiüsße ihn trugen, eilte der
Caplan nach seinem Hause, Beistand herbeizuholenz aber alle
Mittel, die man anzuwenden wußte, erwiesen sich als unfruchtbar.
Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu leben aufgehört.
Einsam, auf grimnem Nasen, unter freiem Himmel war
das stolze, müde Herz gebrochen, während das Kreuz auf dem
Kirchthurme im Golde des Sonnenuunterganges flammte und
iber der Margarethen-Höhe leicht und fröhlich die hellen, rosigen
Sommerwölkchen, im Lichte schimmernd, vorüberzogen.
Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen
Häusern die Leute herbei.
Es hat ihn hieher gezogen! sagte eine der Frauen. Es
hat ihm schon lange keine Ruhe mehr gelassen! meinte eine
andere. Niemand klagte um ihn.
Schrecken und Neugier, das waren die Empfindungen, mit
denen sie die Leiche des Gutsherrn umstanden. Er war ihnen
lange fcemd geworden, sie hatten nicht mehr die Liebe zu ihm,
wie ihre Eltern und Großeltern sie für die Herrschaft einst ge-
fühlt hatten. Kein Auge weinte über ihn.
Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die
-äränen nieder, als er das Zeichen des Kreuzes über dem Ent-

rP e
= Z. - -
seelten machte. Einst war er de- Jgl ngs Fihrer auf dem
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Lebenswege gewesen, nuun haite er ihn auf scinem letzten Gange
zu geleiten, und rückblickend auf das geendete Dasein seines
Freundes, wie in sein eigenes Herz, beteti er: Herr, gehe nicht
ins Gericht u.t uns und vergib uns unsrre Schuld!
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Der Jstiliaries fuhr eilig in das Schlos, dort die Todes-
botschaft zu verkünden. E dunkelte schon, als man die a.iche
N.
des Freiherrn auf einer Bahre D=« - I----Ig, und leise
sn-s. 8=
s,ps jz-
verhallend riefen die lezten Klänge des K= larit auch dem
Gestorbenen ihr: , kuhe in Frieden !'' nach.
-
F. Ve wul b, Voi Ges hlehl zu Geshhlenhl. lll.