Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 07

Siebenteä Capitel.
Fie Bestaktung des Freiherrn fand in aller Sille und
nur im Beisein der Edelleute Statt, welche sich von den be-
nachbarten Gütern zu derselben eingestellt hatten. Da man in
der Mite des Sommers war, hatte man die Beerdigung nicht
hinausschieben dirfen, bis man die nächsten Verwandten des
Hauses herbeirufen können, und ihre Zahl war auch nicht eben groß.
E lebte ausßer Neatus und demn lleinen Vlerio jezt
Niemand mehr, der den Naumen von Arient-Richlen lrug. Die
beiden alten Vettern, welche einst der Grundsteinlegung zur Kirche
und der Geburt von Renaius beigewohnt hatten, waren lange
todt. Auch der Schwiegervater des Freiherrn, der Graf von
Berka, war gestorben. Der jezige Majoratsherr des gräflichen
Hauses stand noch bei dem Negimenfe, in das er fir die Be-
freiungskriege eingetreten war, und Graf Gerhard, mit dem der
verstorbene Freiherr, wie die Berka'sche Familie selbst, in einem
wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte, befand sich immer noch
in des Landes Hauptstadt, von wo man ihn der Entfernung
wegen nicht zur Leichenfeier hatte einladen können.
Niemals war das Schloß dem Caplan größer und würdiger,
niemals so einsam erschienen, als an dem Mittage, an welchem
er, von der Beerdigung seines Herrn und Freundes kommend,
es vor sich auf der Terrasse liegen sah. Er konnte sich deutlich
des Tages erinnern, an dem er vor vollenn fünfzig Jahren in
Richten eingetroffen war. Damals hatte der Freiherr neunzehn

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Jahre gezählt In ihrer ganze Schönheit hatte seine Schwester
an des herrlichen Jüünglings Seite gestanden, und vor ihnen
allen haite das Leben wie eine lacende Ebene sich in unend-
licher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen
fir die liihnsten Hosfnugen, fir den siolzesten Ehrgeiz. Nun
waren sie alle dahin, die Eltern des Freiherrn und Fräulein
Esther, die den jungen Geistlichen damals so vornehm freundlich
willkommen geheisen hatie, der Frriherr und seine Schwester
Amanda und die schöne Baronin Agelila. Sie alle hatie der
Caplan zu Grabe geleitet, er war der einzig Nebrige von dem
ganzen damaligen Geschlechte, und ws hatte sich verwirklicht
und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen Erwarten und
Wollen jener Juugendzeit?
Es stand noch da, das Schlos;, aber die Sellstherrlichkeit
seiner Bewoher war nichi uehr die asie. Die Zeit hatie sich
gewandelt. Die Auerkennung der Menschenrechte, welche der
Leibeigenschaft nothwendig früher oder später überall ein Ende
machen mußte, hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels
lange schon geüübt. Er hatte manche derselben eingebüßt, er war
in seinem Besitze angegriffen, seiner Reichsummittelbarkeit, wo
eine solche vorhanden gewesen war, fast überall beraubt, und
wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben an sich
selbst bestand, so mußte er sich stärker als zuvor an den Thron
zu lehnen suchen, zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte,
um sich mit jenem gemeinsam zu erhalten. Er mußte der Diener
der Monarchen werden, weil er aufgehört hatte, der Herr seiner
eigenen Leute und Unterthanen zu sein. Die Zeit seiner Freiheit,
seiner Herrschaft war voriber -- und es verhielt sich nicht viel
anders mit der Kirche.
In seine ernsten Betrachtungen vertieft, betrat der Geisi-
liche die Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnen-
saale, in welchem die Leiche deö Freiherrn, der alten Familiensitte

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gemäß, aufgestellt gewesen war. Die Bilder sahen unter ihren
Verzierungen von schwarzem Flor, die man in Trauerzeiten
darüber anzubringen gewohnt war, schwermüthig auf den leeren
Katafalk hernieder. Alle Thüren nach der Terrasse waren ge-
öffnet, die Gärknerburschen trugen die Pflanzen hinaus, welche
man bei der feierlichen Ausschmückung des Saales verwendet
hatte. Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt, man räuumte
emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort, das noch vor
Kurzem, das so lange Jahre hindurch als bewegender Mitiel-
puunkt alles Lebens in diesen Räumen gewaltet halte! -- Mit
einem Seufzer wollte der Caplan das Gemach verlassen, als er
in einer Ecke desselben Valerio gewahrte.
Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augen-
blicke wieder überraschend auf. Er saß in einem der alten
Prachtsessel von vergoldetem Leder, hatte beide Fise auf den
Stuhl gezogen, ein kleines Brett, das dem Sarge irgendwie
zur Unterlage gedient haben mochte, gegen die Kniee gestützt und
zeichnete, wie es seine Art war, ein Liedchen summend, mit
einem Bleistifte auf das Holz.
Was machst Du hier? fragte ihn der Geistliche, indem er
näher an ihn herantrat.
Valerio hob den Kopf empor. Er hatte die Augen seiner
Mutter, aber nicht ihren ernsten Blick. Eine Fülle von Lebenslust
war über sejn ganzes Antlitz ausgegossen; seine vollen Lippen,
seine offene Stirn waren der Siz einer fortwährenden Heiterkeit.
Die schwarzen Kleider, die man ihm angelegt hatte, bildeten fui
ihn nur einen Hintergrund, auf dem seine blühenden Farben
sich noch glänzender hervorhoben.
Was machst Du hier? fragte der Caplan ihn noch einmal,
da Valerio ihn anschaute, ohne ihm zu antworten.
Sie sehen's ja, Hochwürden, ich zeichne mir die Ahnen ab!
Und das musßt Du gerade heute thun? warf der Caplan,

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der sich bei dem Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerz-
lichen Epfindung nicht entziehen konnte. ihm tadelnd ein.
Freilich, der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen! antwortete
der Knabe gleichmüthig, während er seinen Bleistift wieder in
Bewegung setzte.
Er war schon gestern und vorgesiern, als der gnädige
Herr noch hier slanden, gar nicht aus dem Saale fortzubringen,
sagte der inzwifchen herbeigekommene Diener. Der Junker ist
kein Kind, wie andere Kinder. Nicht Eine Thräne hal er um
den seligen gnädigen Herrn geweint. Wenn der Jnker nur
singen und zeichnen kann, so küümmert ihn nichts weiter.
Valerio hatke das alles mit angehört, ohne sich in seiner
Arbeit stören zu lassen. Mit Einem Male sah er den Caplan
mit seinen großen Augen zutrauulich an und sagte: Hochwürden,
wenn ich gros: bin, werde ich den Vater mialen, damit er auch
ein Ahne wird! Ich ilbe mich schon ein! Sehen Sie, so werde
ich ihn malen!
Er hielt dem Caplan die kleie Tafel hin; das Bild des
ersten Fre,herrn war auf derselben von dem Knaben ähnlich
genug algezeichtet worden und, die Tafel umwendend, erblickte
der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit den
ihn umgebenden Leuchtern, Bluumen und sonstigen Verzierungen.
Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers.
Ist's so richtig? fragte er gespannt. Dee Caplan nannte es
gut geuug, und Valerio sagte: Ich hätie auch die Mutter gern
gezeichnet, wie sie da stand und am Sarge weinte! Es sah
schön bei den Lichtern aus! Aber sie blieb nicht stehen, und
wie sie fortgegangen war, brachte ich es nicht heraus!
Da hören Sie es, Hochwürden! rief der Diener, den Junker,
den rihrt nichts! Er hat nur seine Spielerei im Sinne! Da
war der Freiherr Nenatuus doch ein anderes Kind!
Lassen Sie den Knaben gehen, bedeutete der Geistliche den

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treuen Diener; Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht,
und wer will es sagen, was er mit diesem Kinde und mit
dessen Zukunft vorhat. Lassen Sie ihn zeichnen und stören Sie
ihn nicht, so lange er kein Unrecht thut. Es verlangt ja jede
Kraft nach ihrer Uebung, und eine Kraft wohnt diesem Kinde
inne.- Komm, mein Sohn, sprach er, indem er ihn bei der
Hand nahm und mit sich fortfihrte, und die flichtige Abneigung.
die er gegen Valerio empfunden haties, wich der Liebe, mit
welcher der frme Greis jehl den längsl geahnien göillichen
Funken einer künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar
wahrnahm. Komm, mein Sohn, wiederholte er, Du sollst andere
Bilder nachzumalen haben, kommn. Dann zu sich selbst und in
sich hineinsprechend, sagte er: Wie wenig auch aufgegangen ist
von den Saaten, die ich streute, ich will des Säens und des
Jätens doch nicht müde werden, damit ich vor Ihm bestehen
kann, der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt. Konm, mein
liebes Kind!
Valerio verstand weder die Rüihrung des Geistlichen, uoch
den Sinn seiner Worte, aber ihr freundlicher Ton that ihm
wohl, und sich an ihn schmiegend, folgte er dem Caplan willig,
der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie hinausgeleitete,
während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn
verfügte, in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments
erwartet wurde.
Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheirathung
mit Vitioria durch seinen Justitiarius seinen lezten Willen auf-
setzen lassen und das Dokument in dessen Hände niedergelegt.
ndeß ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es zuriück-
gefordert, es im Beisein des Justitiarius vernichtet und dem-
selben ein neues, ganz oon des Freiherrn eigener Hand ge-
schriebenes Testament zur Aufbewahrung in dem Archive ibergeben.
Die Aufschrift bestimmie, dass es noch an seinem Begräbnistage

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in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und
, dem Justitiarius eröffnet werden und, falls der Freiherr Re-
natus von Arten-Richten nicht im Schlosse anwesend sei, dem-
selben eine Abschrift des Testaments sofort zugesendet werden sollte.
Der Juustitiarius war schon vor dem Caplan im Schlosse
eingetroffen. Als der Letztere in das Arbeitszimmer des ver-
stopbenen Freiherrn trat, fand er jenen bereits dort warten, und
auf eine Benachrühtigung gesellte die verwwittwete Freifrau sich
zuu ihnen.
Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine große
Veränderung vorgegangen, eine Veränderung, welche heute selbst
den beiden Männern auuffiel, die sie doch eben jezt zum Defteren
gesehen hatten. Sie erschien ihnen älter, abeu noch schöner, als
sonst. Die langen, schleppenden Trauerkleider machten sie größer
aussehen, ihre Züge, welche bisher meist einen weichen, spielenden
Ausdruck zur Schau getragen hatten, zeigten sich stolz zusammen-
gefaßt; man meinte ihr anzumerken, daß sie auf einen Urtheils-
spruch gefasßt sei, dem sie Stand zu halten denke.
Als ob sie sich vor einer großen Versammlung darzustellen
habe, so gemessen trat sie in das Zimmer, ließ sich ohne ein
Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder und forderte den
Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der
Hand zur Entsiegelung des Testamentes auf. Der Freiherr hatte
dasselbe in Form eines Briefes an seinen Sohn Renatus ge-
richtet. Mit einer Umsicht, welche er, wie er sich ausdrückte,
leider zu spät gewonnen habe, setzte er dem Sohne die Ver-
mögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn, alle seine
Kraft zu ihrer Hebung aufzuwenden und, wie der Freiherr es
gethan, seine Ehre in der Aufrechterhaltung ihres alten Namens
und Ansehens zu suchen. Von Valerio, von Vittoria war in
dem ganzen. Testamente bis zu dem lezten Abschnitie keine Rede,
und in diesem hießß es: , Wenn die Baronin Vittoria von

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Arten mich überlebt, so solen ihr die Zinsen von dem ihr ge-
bührenden Pflichtantheile an meinem Vermögen durch Dich, meinen
Sohn, den Freiherrn Renatus von Arten-Richten, in regelmäßigen
Zahlungen zugewendet werden. Es soll ihr auch, falls es mit
Deinen Winschen und Absichten in lebereinstimmuung is!, der
dauernde Aufenthalt in unserem Schlosse zu Richen nicht versagt
werden, wweun sie es nichl lhrer Vuge astgeiessener findet, in
das Kloster zuriiczukehren, in dem sie ihre ersie Jgendzeik verlebte,
um dort in Sammlung und in Einsamkeit fir ihr Seelenheil
zu sorgen. In jedem Falle aber wirst Du, mein Sohn, über
die Erziehung ihres Sohnes Valerio zu wachen haben, damit
er dem Namen, den er führt, damit er unserem Namen keine
Schande mache. Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für
ihn, welche über die Zeit seiner Großjährigkeit hinausgeht, und
vielleicht wirde es auch fir ihn das Eutsprechendste sein, ihm
in einem der oberitalienischen Klöster, in welchen die Giustiniani'sche
Familie noch von Einfluß ist, seine Bildung geben zu lassen,
um ihm, dem Vermögenslosen, die Neigung für eine Laufbahn
in dem Dienste der Kirche einzuflößen.- Wenn, was ich jedoch
nicht erwarte, die Baronin Vittoria sich mit diesen meinen An-
ordnuungen nicht einverstanden erklären und etva für sich oder
für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte, als mein Wille ihnen
zuerkennt, so ermächtige ich Dich, die Papiere, welche diesem
Testamente beigefügt find, zu eröffnen und von denselben gegen
die Verlangnisse der Baronin den gebotenen Gebrauch zu machen.
Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet und in ihrem
Beisein sofort vernichtet werden. ? Das Testament schloß danach
mit einem Segenswunsche fir den Sohn und fir das Fort-
bestehen des Geschlechtes.
Die Baronin halle während der Verlesung des Schrisl-
stückes keine Miene verändert; aber sie war sehr blasß geworden,
und es vergingen ein paar Minuten, ehe sie sich zum Sprechen

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sammeln konnte. Dann schien sie ihren Entschluß gefaßt zu
haben, denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit: Melden Sie
dem Freiherrn Renaius, meinem Stiefsohne, daß ich mich den
Anordnungen meines Gatten, seines Vaters, unterwerfe. Das
ist alles, dinlt mich, was ich heuie zi erllären nöthig habe.
Was weiter zwischen ihhm und mir über meine und Valerio's
Zukunft festzusetzen ist, mag unentschieden bleiben, bis ich es
mit meinem Siiafsohne selbst beralhen lann.
Sie verneigie sich darauf vor dem Juuslitiarins und vor
dem Caplan wie vor ihr völlig fremden Männern und verließ
das Gemach in derselben feierlichen Weise, in welcher sie es
betreten hatte.
Der Justitiarius und der Caplan blieben, weil ihre Ge-
schäfie es erheischten, an dem Tage ganz im Schlosse; aler
Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine. Erst spät am Abende
ließ sie den Geistlichen zu sich entbieten.
Er fand sie auf ihrem Nuhebetie, sie erhob sich jedoch bei
seinem Eintritie, nöthigte ihn, Plaz zu nehmen, und sagte:
Es drängt mich, mit Ihnen zu sprechen, Hochwiirden, aber ich
benachrichtige Sie im voraud, das; ich von Ihnen keine Ver-
mittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren
denke. Ich habe meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem
Stiefsohne zu ordnen, --- sie bezeichnete, was sie sonst stets ver-
mieden hatte, Renatus heute immer nur mit diesem Namen, -
und da ich die Bestimmuungen des Freiherrn angenommen habe,
ist eigentlich Alles gethan, denn meine Zusage ist mir heilig.
Der Caplan, welcher nicht voraussehen konnte, was diese
befremdliche Einleiiung bedeuien sollte, hielt sich an ihre letzten
Worte, und ihr ernsthaft in das Auge blickend, sprach er: Wollte
der Himmel, daß Sie damil die Wahrheit redeten, wollte der
Himmel, Sie häiten Ihre Zsage stets so heilig gehalten, als es
Ihre Pflicht gewesen wäre, so hätie es des Freiherrn - -

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Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. Ich weiß, was Sie
sagen wollen, rief sie lebhaft, und eben deshalb habe ich Sie
gebeten, mich noch heute zu besuchen. Sie hielt einen kleinen
Augenblick inne, dann hob sie wieder an : I habe die De-
N,s
müthigung, die Buße, welche der Freiherr mir aufzulegen für
gut befunden hat, gelassen hingenommen. Es war eine sehr
bittere Stunde! Indeß ich hatie, wie ich den Freiherrn kannte,
irgend eiswas der Ayi erwarienn mnilsse und mich darauuf vor-
bereitet. Er hat mich ßhwer dafir bestraft, das ich mit acht-
zehn Jahren, daß ich, aus dem Kloster kommend, nicht mehr
Einsicht in meine eigene Natur, nicht mehr Lebenserfahrung be-
sessen habe, als der welt- und herzenskundige Mann, der mich
in sein herbsiliches Leben wie ein Spielzeng aufnahm.
Sie sprach das so lebhaft, das; ihre Wangen sich rötheien
und die Fülle ihrer schwarzen Locken ihr weit über die Stirn
und die Wangen herabfiel. Mit schneller Handbewegung warf
sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie: Sie haben
mir oftmals meine Sünde vorgehalten; aber haben Sie es auch
dem Freiherrn eben so oft vorgehalten, Hochwürden, daß er ein
Unrecht, ein schweres Unrecht an mir begangen hat, als er meine
blinde Urtheilslosigkeit und mein noch völlig schlafendes Herz
benutzte, um mich zu der Seinigen zu machen? Nicht eine Stunde,
aber nicht eine Stunde bin ich glicklich gewesen in diesem Lande,
in diesem Hause, bis zu dem Tage, an dem ich - wie Sie
es nennen und wie das Gesetz es nennt - zur Süünderin ge-
worden bin.
Frau Baronin, sagte der Caplan, es ist meines Amtes in
der Beichte, Ihre Geständnisse ganz so anzuhören, wie Ihr
Herz Sie zwingt, sie vor mir niederzulegen, und ich habe mich
Ihrem Vertrauen, so schmerzlich es mir gewesen ist, nicht ent-
zogen. Ich habe ihm nach meinem besten Wissen, nach meiier
heiligsien Neberzeugg zu begeguen und Sie immer wieder auf

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, den Pfad der Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht. Zum Vertrauten
l Ihrer verbrecherischen Phantasieen fühle ich mich nicht berufen.
Er erhob sich bei den Worten un wollte jsie verlassen.
Indeß sein strenger Blick, seine abweisende Bewegung schreckten
sie nicht zurick.
Nun denn, rief sie, ich stehe an einem Scheidewege meines
,Lebens; ich habe zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll
schmerzlicher Vebslelling, vosl marlervoller Liige; so hören Sie
denn als Beichtiger meine Beichte, da Sie mir nicht als Berather
zur Seite stehen wollen. Hören Sie meinc Beichte, Herr Caplan!
Sie stand auf, trat an einen Seitentisch heran, trank, sich
zu beruhigen, schnell ein Glas Wasser au.s, und vor dem Geist-
lichen niederlnieend, der sich in stillem Gebete zu sammeln ge-
trachtet hatte, wollte sie selber ein Gebet beginnen; aber nur
ihre Hände fanden sich in die altvertraute Form, hihr Sinn
wollte sich nicht beugen; und sich eben so schnell emporrichtend,
als sie sich niedergeworfen hatte, rief sie: Das ist's, das ist's,
was ich Ihnen zu sagen habe und was früher oder später doch
einmal ausgesprochen werden muß: ich glaube nicht mehr, ich
glaube nichts, nichts, gar nichts mehr! Die Welt, der Himmel,
Alles ist mir entgöitert, nuur Eines ist mir heilig, Eines --
und das ist dahin!
Thränen auufgelöst, wie in einem Krampfe weinend,
zs
warf sie sich auf das Lager nieder; der Caplan sand sprachlos
vor ihr. Er muste dem wilden Anfalle Zeit lassen, vorüber-
zugehen; aber es waren wundersame Gedanken, die ihn be-
wegten, und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des
Herzens zu schen, das sich ihm in so gewaltsamer Weise ent-
hüllen zu miüssen meinte. Was hatte er in diesem Hause alles
erleben sehen und mit erlebt! Die Süinde ihres Gatien tragen
und biisßen zu helfen, haite das liebende Herz der im prote-
stantischen Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufge-

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wachsenen Baronin Anngelika sich der latholischen Kirche und
ihrer Gnade in die Arme geworfen. Ihr zartes Gewissen hatte
sich eine flichtig aufwallende Eupfindung zum Verbrechen ge-
stempelt, und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Muth
gefiihlt, haile sie sich mil aller Jnhrsl ihrer Seele zu der hö-
heren Machi gewendel, vmn der sie Vergelug ihsrer Sinden
erslehe:n uud erwarlenu louuule.
Und jetzk siand Vitoria vor ihm: arotz bietend allen
leberlieferungen ihres Vaterlandes, dem Glauben, in dem sie
geboren und erzogen war, der klösierlichen Zucht, in der sie so
lange gelebt hatie, ja allen Grundsätzen der Kirche und des
Staates, und nichts anerlennend, als das blinde Missen ihres
von Leidenschaft hinweggerissenen Herzens.
Er konntte sie in diesem Zustande nicht sich selber über-
lassen, er duurfte sie in diesem Herzenswahnsine nicht Beichte
hören. Er muszte sich zu ihrem Arzte machen, ehe er wieder
ihr Seelsorger zu sein vermochte; aber es kaut dem Greise
schwer an, denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele
zum Tode traurig. Ohne eine Sylbe zu sprechen, ihre Hand
fest in der seinigen haltend, saß er an ihrer Seite. Sein Blic!
folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen, sein Auge suchte das
ihrige zu erfassen, um es festzuhalten; indeß es verging eine
lange Zeit, ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann, ehe
er daran denken konnte, hr mit seinem Zuspruche zu nahen,
und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer Kräfte kam endlich
so viel Ruhe über sie, daß er sie der Pflege ihrer Dienerin an-
vertrauen konnte.
Morgen, morgen! sprach er, als Vittoria versuchen wollt..
ihm die Erkläruung ihres Zustandes zu geben; aber als er sie
mil Hüilse ihrer Kammersrau nach dem Schlafziunner geleiiete,
muuste er ihr die Zsage geben, sie nicht zu verlassen, sondern
die Nacht im Schlosse, in der Nhe ihrer Zimmer zuzubringen.
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