Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Alcte s Capitel.
Hzeeuria hatie die kcäftige Gesiindheit des Volkes, dem sie
ängehörte. Der Gram vermochte sie nicht zu zerstören, nr die
eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr und konnte sie überwäl-
tigen. Sie erwachte erst spät, aber sie war völlig von ihrem
Anfalle hergestellt, und als der Caplan gegen den Mittag zu
ihr kam, fand er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes.
Verzeihen Sie mir, Hochwüirden, begann sie, das ich Sie
gestern erschrecte; man ist bisweilen nicht Meister über sich.
Was ich Jahre hindurch gewaltsam in mir verschließen mußte,
das stürmte, nachdem ich mir eine große Neberwindung zuge-
muthet hatte, alles auf einmal über mich ein und durchbrach die
Schranken meiner Kraft. Ich war außer mir; verzeihen Sie
mir das!
Er sicherte ihr dieses zu; sie schien sich damit zu beruhigen
und nicht wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren
zzu wollen, aber der Caplan gestattete ihr dies nicht.
Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu ent-
- hüllen gewünscht, sprach er, und ich mußte es Ihnen versagen,
sich diese Erleichterung zu gewähren, weil ich Sie nicht in der
Werfassung fand, in welcher allein es dem Menschen vergönnt
-werden darf, sich dem Throne der höchsten Wahrheit zu nahen.
Heute fordere ich Sie, im Namen des mir durch Gottes Gnade
z gewordenen Amtes und Berufes, hente fordere ich Sie mit dem
- Anrechke, das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe, dazu auf,

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Sich auszusprechen mit der vollen, ungekheilten Wahrheit, die
Sie mir, die Sie Sich selber schulden, und ohne welche fir
den Menschen kein Heil, keine Selbsterkenntnis und keine Er-
lösung möglich sind.
Vitoria hörte ihm sehr gesammelt zu. Es lag in der
starken Neberzeugung des Greises, in dem mächtigen Gefühle
seiner unanlaslbaren Wüirde eine Krast, welcher sich Niemand
leicht entzog, besonderö wenn er, wie die Baronin, ihrem Ein-
flusse einmal unterworfen gewesen war. Aber sie zögerte dennoch,
seiner Mahnung nachzukommen, und ersi nach einer längeren
Ueberlegung sprach sie: Es wird nicht kurz sein, was ich Ihnen
mitzutheilen habe, denn es umfaßt Jahre voll langer Leiden,
voll schwerer Seelenkämpfe, und ich zweifle, daß Sie mir die
Hülfe bieten können, die Sie mir zu leisten wüünschen; denn, das
ahne ich, ein verlorener Glaube findet sich nicht wieder. Aber hören
sollen Sie mich, und jetzt gelobe ich Ihnen die ganze, volle
Wahrheit, die Sie von mir erheischen, wennschon ich sicher bin,
damit vor Ihnen keine Gnade zu gewvinnen.
Sie schwieg eine Weile, stitzte das Hauupt auf ihren Arm,
als suchte sie nach der Weise, in welcher sie beginnen könne,
dann sagte sie: Ich habe nicht nöthig, Ihnen die Geschichte
meines Herzens zu erzählen, Sie kennen sie. Sie wissen, wie
meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite
einsam blieb, wie nahe, wie sehr nahe ich daran gewesen bin,
für meinen Stiefsohn die Empfindungen zu hegen, die sein Vater
in mir nicht mehr zu erwecken vermochte; und Sie selbst, Hoch-
würden, haben mir das Zeugniß gegeben, daß ich meinem Gatten
zu leisten und zu sein bestrebt gewesen bin, was er von mir
begehrte. Sie können mir auch das Zeugniß nicht versagen,
daß ich meiyes Stiefsohnes jugendlich mir entgegenwallendes
Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken ge-
halten habe und daß er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr

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an der Klippe vorübergeleitet worden ist, dir mir und ihm den
Uniergang bereilen konnle.
Die Gutihat, die Pflichterfiülluung, wendete der Caplan
ein, hat Ihnen reichen Lohn getragen. Die Freundschaft, die
Ergebenheit, welche Baron Nenatus finn Sie shegt, sind wahr
und tief.
- Ich weiß das, Herr Caplan; ich bin mir meines Ein-
flusses auf ihn vvllauf bewußt. Ich weis es, daß ich auf ihn
zählen kann, obschon er es in neuester Zeit und durch mich
selbst erfahren hat, das; meine Liebe niemals seinem Vaier an- -
gehörte, das: ich nur Einen, Einen Ma:mn geliebt, und das;
derselbe nicht mehr ist =. rief sie, indem sie ihren schwarzen
Trauerschleier mit beiden Händen an ihre Lippen drückte, o,
wenn Sie ahnen könnten, wie frei und glücklich ich mich in
diesen Trauerkleidern fühle, wie meine Seele nach den schwarzen
Gewändern verlangt hat! Niemals, niemals werde ich sie wieder
von mir legen! Ich werde sie tragen bis zu meinem letzten
Aihemzuge, als Erinnerung an die große Liebe, die Sie mir
zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann,
weil mein schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt.
Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe, über die
Wonne, von derselben jezt in Freiheit sprechen zu dürfen, aber-
mals die religiösen Bekenntnisse vergessen, welche sie dem Geist-
lichen zu machen entschlossen gewesen war, und der Caplan hatte
große Mihe, sie auf dieselben zuriczufihren. Die Freisinnigkeit
ihres verstorbenen Gatten, die völlige Glaubenslosigkeit ihres
Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüüttert, und die un-
klaren religiösen Begriffe, die kindlichen Neberlieferungen, welche
aus ihrem Klosterleben in ihr haften geblieben waren, hatten
nur dazu beigetragen, ihren Sinn vollends zum Zweifel und
zum Unglauben hinzulenken.
Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorher-

bestimmung auferzogen worden, und ohne sich von den Ein-
wendungen des Caplans im mindesten beirren zu lassen, halie
sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Aunfang an als ein
ihr von Gott vorherbestimmtes Schicksal, ihre Liebe für ihn al?
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Sie selbst, sprach sie, Sie selbst, Hochwwirden, haben mir
oft genng wiederholt, das; lein Zusall in der Wellordnung eine?
allweisen Goties möglich oder auch nur denkbar sei. Noch als
ich ein Kind war, hat man mich gelehrt, daß kein Sperling
vom Dache fällt, ohne daß der Allwissende es wolle; und, ich
sollte hierher gekommen sein, weit ab von den Meinigen und
meiner Heimath, in dieses unwirthliche, kalte Land, ohne Goties
Fügung? Hierher, in den fernen, grauen Norden sollte Mariano
von des Krieges Wogen geschleudert worden sein, ohne Gottes
ausdrücklichen Nathschluß? Unmöglich, unmöglich! Etweder
es lebt kein Gott, es ist Alles, Alles Zufall und wir des Zufalls
blindes Spiel, oder was ich erlebte, litt und that, war mir von
Gott bestimmt: ich that, was er mich thun lassen wollte -
und was Sie mir als Sinde anrechnen, war mein vorherbe-
stimmtes Müssen; ich mußte siindigen!
Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rück-
sichtslosen Freiheitslust des Sclaven, dessen Fesseln gebrochen
worden sind, bekannte sie sich zu ihrem Unglauben, zu ihrem
Abfalle von allen Neberzeugungen, die sie einst gehegt hatte. Der
Caplan verhinderte sie nicht daran. Er wollte die Tiefe der
Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen, ehe er sie zu schlie-
ßen und zu heilen unternahm. Er hörte sie schweigend an, als
sie ihm eingestand, wie sie ihn in der Beichte getäuscht, wie sie
keinu Abmahnen dagegen, und keine Reue in sich empfunden habe
rr Ra a

gekommen sei, dasß eine unvollständige, eine uunwahre Beichte eine
der schwerslen aller Sinden, dass zeilliches und ewiges Verderben
ihre sichere Folge sei.
Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika gethan hatte
und wie die iberwältigende Leidenschafi es mit sich bringt, stiizte
sie sich immer wieder auf ihr inneres Müssen und Nichtanders-
khnnen als auf ein Zeichen der Vorherbestimmung; nur daß An-
gelika's sansie Seele in Demuih und Zerschlagenheit vom Him-
mel Kraft und Trost begehrte, wo Vittoria's stolzer Sinn völlig
in seinem Rechie zu sein behauptete. Selbst als der Caplan
ihr zu bedenken gab, daß Gott innerhalb seiner Vorherbestimmung
dem Menschen ein gemessenes Theil von Freiheit zugestehe, an
welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben
habe, und dasß er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mah-
nungen nicht fehlen lasse, wenn er von dem rechten Wege ab-
geirrt sei, machte sie das in ihren leberzeugungen nicht wankend,
in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiß.
«-« habe viele Nchte durchwacht, spruch sie, viele Tage
,
durchweint, und in Leid durchwachie Nächte und im Schmerze
durchweinte Tage währen lange. Ich bin einsam gewesen in
diesem Schlosse, ich hätte nicht einsamer mich fihlen können im
BergesgekliEt in verlassener Karthause. Es hat mir an Muße
nicht gemangelt zum Denken und zum Prifen. Was blieb mir
denn auch übrig, wenn ich gelächelt und gesungen hatte, den
Freiherrn zu vergnügen, was blieb mir iibrig, als zu denken,
immerfort zu denken und zu sinnen? Ich habe Zeiten gehabt,
in denen ich mich überreden wollte, daß ich fehle, daß ich eine
schlechte Gattin sei - meine innerste Empfindung hat dem wider-
sprochen. Ich bin dem Freiherrn vollständig gewesen, was er
in mir gesueht, von uir begehrt hat. Ich habe sein Vertranen,
seine Achtung nie besessen, er hat die Liebe, die ich noch nicht
kannte, als ich mich ihm vermählte, und die er mich nicht kennen
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ul

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lehrte, nie von mir verlangt. Nicht Einen Tag hat er an mir
gezweifelt, nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlaß gegeben, sich
von mir versäumt zu glauben. Ja, als ich es fihlte, was die
Liebe sei, als ich glücklich geworden war durch sie, habe ich das
Bestreben gehabt, auch ihn noch glucklicher zu machen, da er es
gewesen ist, der mich nach Gottes Vorbestimmung dem mir Aus-
erwählten entgegenfülhren mußte. Und wie ich mich in dank-
barer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe lberließ, habe ich
schweigend die Donrenkrone des Schmierzes mnir in die Siirn
gedrückt, und keine Thräne, kein Seufzer hat es dem Freiherrn
je verrathen, was ich litl. Ich bin ihm eine gute Gatiin ge-
u ez
wesen, ich fühle mich uicht schuldig gegen ihn. Es war Gottes
Wille, der ihm ohne all mein Zuthun mein Geheimniß offen-
barte, um mir endlich meine Freiheit zu vergönnen und um
vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten, was er einst
an der Baronin Angelika gesündigt hat. Mein Herz ist völlig
mit sich einig, meine Seele ist in vollem Frieden!
Und Sie haben nie gefürchtet, daß die Hand des Höchsten
sich über Ihnen mächtig zeigen, daß er Ihr verirrtes, ihm ver-
schlossenes Herz mit schweren Schlägen zu eröffnen wissen werde?
fragte sie der Caplan, um sie zu weiterem Sprechen zu bewegen.
Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit, rief
Vitioria, wenn mir mehr auferlegt würde, als ich getragen habe.
Nein, fügte sie hinzu und ihre Züge wurden weich und mild,
Gott wußte, was mir fehlte. Hatte ich doch der Eltern- und
der Geschwisterliebe ganz entbehrt, hatte er selber mich doch in
das freudenleere, abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt!
Gott versagt der kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl, der
sie erblühen und reifen macht, dem geringsten seiner Geschöpfe
nicht die Nahrung, ohne die es nicht bestehen kann. Er hat
auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt. Und
wenn er ihn mir auch sehr bald, ach, so gar bald entzogen hat.

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so weiß ich es jetzt doch, daß ich einmal lte, und ics kann
weiter leben, so lange es mir beschieden ist. Ich habe meinen
Sonnenstrahl gehabt.- O, rief sie, indem sie ihre Hände in-
brünstig in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum
Himmel emporhob, o, ich würde Gott zu lästern glauben, ich
würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe, wenn
ich als Schuld erkennen müsßte, was mein zugewiesen Theil, mein
Recht gewesen ist! Hiten Sie Sich, Hochwürden, mir diesen
Glaiiben auszuudriigen, Sie winrden mich zur Golieslüugnung
-treiben!
Sie versank in ein Schweigen, und mit chmerzlichem Sin-
nen blickte der Caplan vor sich auf den Boden nieder. Vittoria
fühlte sich in ihrem Gewissen frei, er aber fühlte sich gedemüthigt
wie nie zuvor, denn er wurde irre an der Macht, welche des
einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben ver-
mag, er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung füc sein
Amt, und zum ersten Male fragte er sich: welche Bedeutung
seine Kirche, welche Bedeutung das Priesteramt in der Zukunft
haben würden, haben könnten.
Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut
worden, aber man hatte sich in der Erwartung getäuscht, eine
Gemeinde fitr sie heranbilden und in dem protestantischen Lande
neue Anhänger für die alte katholische Lehre gewinnen zu können.
Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende
Hand war in der Menschheit kein allgemeines mehr. Nur in
vereinzelten Gemüthern war noch das Bedürfniß rege, sich dem
bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen, in ihrem Prie-
ster die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren, in
ihm einen Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen.
Die Aufklärung, welche die Schriftsteller des achtzehnten Jghr-
hunderts vorbereitet hatten, wirkte in immer weiteren Krei-
sen nach, und die Verbindung, welche das Oberhaupt der

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.1G-
katholischen Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen fran-
zösischen Kaiser um der Selbsterhaltung willen eingehen müssen,
hakte die päpstliche Krone ihres Anspruchs auf einen überirdischen
Ursprung beraubt. Wie der Ael, so mußte auch die Kirche
sich jetzt bereits an die Throne lehnen, deren Vertheilerin sie
einst gewesen war, denn auch die Kirche, darüber hatte der Caplan
sich nie verblenden können, hatte ihre freie, unangefochtene Herr-
schaft duurch die Revolution und die ihr folgenden Jahrzehnde
ber napoleonischen Tyranniei siir immerdar eingebiiszt.
Man haiie in Fraulreich Priesier der laiholischen Kirche
sich von ihren alten Lehren und Gesezen lossagen, neue Belestt-
isse verkimnden, sie verlassen und die Abirüünnigen zuu ihren ersten
Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren sehen, und die Kirche
hatte sie als Bereuende wieder in sich auufgenommen. Damit
war die Nevolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden,
damit war das Amt des Priesters vor den Augen der Gläu-
bigen seiner Unfehlbarkeit, seines göttsichen Ursprunges enikleidei
worden. Der Priester war von seiner Höhe in die Reihen der
irrenden Menschheit hinabgestiegen, er hatie sein Anrech! auf
sein Mitileramt zwischen dem Höchsien und dem sindigen Men-
schen verscherzt. Nur ein persönliches Vertrauen konnte der Seel-
sorger, der Geistliche von seiner Gemeinde noch begehren, und
dieses persönliche Vertrauen -- der Caplan schlug voll Zerknir-
schung an seine Brust, und an seinen greisen Wimpern zitterte
die =räne - dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht
s.
mehr; denn er hatte die Sünde nicht abzuwehren vermocht von
denen, die ihm übergebeu worden waren, und den Zweifel mäch-
tig werden lassen in den Seelen, die er hätie hiten sollen.
Er fiühlte sich wie vernichet, er sah auf sein ganzes langes
Leben als auf ein verfehltes zurick, und aus seiner an sich selbst
verzagenden Seele rangen sich wie ein Noihhschrei die Worte her-
vor: Herr, Herr, gehe nicht mit mir in das Gericht!--

Er wollte sich erheben und das Zimmner verlassen, aber er
konnte es nicht. Er mußte sich niedersezen, und durch die beben-
den Hände, die er vor sein Aulliz schlngz. flossen seine heißen
Thränen nieder.
Da war es. als wenn ein Riß geschehe in dem stolzen
Herzen der Trauernden. Was seine Woute nicht an ihr ver-
mocht haiten, das wirkte sein Beispiel jezt an ihr. Sein flehen-
des Gebet erzittette in ihrem Jmern. Sie wusgte selber nicht,
wie ihr geschah. Sie meiule sich an diesenn. Greise versindigt
zu haben, sie sagle sich: ich bin es, u die er diese Thränen
weint; mir, mir gilt sein flehender Ausruf Herr, gehe nicht
in das Gericht mit mir!-- Denn wessen hätie er sich anzu-
klagen gehabt, dessen ganzes LebenDemuth und Reinheit und selbst-
verläuugnende Liebe gewesen war?=- Und von einer gewaltigen
Empfindung, die sie sich selber nicht zu deuten wußte, hinge-
rissen, warf sie sich vor dem Greise nieder und wiederholte, wäh-
rend auch ihre Augen überströmten: Herr, gehe nicht in das Ge-
richt mit mir!
Langsam, aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung,
richtete der Caplan sein Autliz empor und seine Hände falteten
sich aufs Neue zum Gebete. Vergib uns unsere Schuld! sprach
er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach; wie wir
vergeben unseren Schuldigern! tönte es kaum hörbar von seinen
Lippen.
Wie wir vergeben unseren Schuldigern! wiederholte die
Erschütierte mit erhobener Stimme und barg ihr Antliz auf des
Greises Kniee, dessen Hände segnend niedersanken auf ihr Haupt.
So blieb sie eine Weile liegen. Die Sonne schien warm
in das Zimmer hinein, ein leiser Lifihauch zog erfrischend vor-
über. Es war Alles still um sie her, und still war es auch
geworden in ihrer Brust. Da bedünkte sie es, als drücke die
segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder.

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Sie hob ihr Haupt zu ihm in die Höhe, die Hände des Caplans
sanken bewegungslos herab.
Herr Caplan! rief sie, Herr Caplan! - und die Stimme
versagte der Erschrockenen ihren Dienst. Sie umfasgte ihn mit
beiden Armen, er regie sich nichi; aber sein Aeiliz lächelie in
himmlischem Frieden, uur die Auugenlider waren ihhm zugesunken.
Gr war beiend eigescluuuunerl.
Sanft, wie sein Leben gewesen war, hatie der Caplan sein
leztes frommes Werk gethan-- Vittoria haile den Segen eines
Sierbenden erhalten. Seine tiefe Demuih hatte die Empörung
ihres stolzen Herzens überwunden, sein lezter Athemzug hatie
dem Dienste seiner Kirche angehört.