Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 09

Neuntes Capitel.

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zzuun, Signora, habe ich richtig prophezeit? fragie am
nächsten Morgen die treue Gaetana, als sie mit breitem Kamme
das noch immer üüppige Haar der Baronin Vittoria schlichtete
und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand.
Habe ich richtig prophezeit, daß Alles sich zum Guten wenden
werde, sobald wir nur die Gräfin mit dem bösen Auge nichk
mehr im Schlosse haben? Ist nicht Alles wie umgewandelt?
Ist unser Herr Baron nicht fceudestrahlend? Jubelt unser Valerio
nicht? Ist die theure Signora Cäcilie nicht glückselig, und wird
nicht die Frau Gräfin selber es bald erkennen, daß erst jezt die
Dinge sich fügen, wie sie sein mußten? Nur Geduld, nur ein
Bißchen Geduld ist nöthig! habe ich immer gesagt. Jetzt sehen
Sie es selbst, meine theure Signorina!- Geduld ist nöthig,
das ist Alles!
In der That schien es, als sei im Schlosse ein neues Leben
aufgegangen. Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene
volle Liebesleidenschaft, welche den ganzen Menschen in Bewe-
gung bringt, und da ein helles Licht seine Strahlen überall,
soweit ihm keine Schranke entgegensteht, verbreitet, meinte er,
von seiner Leidenschaft aufgeklärt, auch die Vergangenheit jetzt
besser zu verstehen.
Er erinnerte ßch ganz deutlich, wie ihm die Heftigkeit und
die Inbrunst aufgöfallen waren, mit denen die vierzehnjährige
Ceilie ihn umarmt hatie, als er sich vor dem russischen Feldzuge
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von unn getremnt. Er bewunderte die Krcft des jungen Kindes,
jh die Festigteit, mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre ihrer -
ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte, und er schätzte
sie nuur um so höher, wenn sie ihm versicherte, sie habe es sich
nie eingestanden, daß sie ihn liebe, weil das eine Sünde gewesen
sein wirde, so lange er der Verlobte einer Anderen war. Nur
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beneidet habe ich Hildegard, sagte sie offenherzig, denn ihr fiel,
- weil sie die Aeltere war, Alles von selber zu: erst der Mutter
ganz besondere Liebe und dann auch noch die Deine. Was
Hildegard nur sagen, wie sie sich verwwundern wird? wiederholte
Gäcilie danach immer auf das Neue. Ihr Glick erschien ihr
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offenbar durch den Vergleich znit dem Loose ihrer Schwester nur
noch grösßer, und der Gedanke, das; es Hildegard's Schmerz noch
steigern könne, sich durch die eigene Schwester so schnell in dem
Herzen des Geliebten ersezt zu finden, kam in diesen Stunden
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der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht. Sie hatte an Hilde-
gardens Glick stets mit Entsagung gedacht, mochte diese jetzt das
Gleiche zu khun versuchen; denn vergessen und vergeben konnte
Cäcilie es der Schwester nicht, daß dieselbe ihre wohlgemeinten
Trostbezeigungen mit Bitterkeit von sich gestoßen hatte.
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jezt in voller Wahrheit. Er schien sich wirklich neu geboren
und ein Anderer geworden zu sein. Alles Unentschiedene, alles
Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen. Wie
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Renatus verdiente seinen Namen, wie er einmal äußerte,
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im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der
Gräfin geführt, und ihr wie der nicht minder überraschten Vit-
toria seine Liebe für Cäcilie und seine Absicht, sofort seine Ver-
lobung mit ihr bekannt zu machen, offenbart.
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Die Gräfin hatte Bedenkzeit, hatie Ruhe zur Neberlegung
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gefordert; aber alles was sie erlangen können, war das Zuge-
- ständniß gewesen, daß Nenatus sich anheischig gemacht, in den
ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner Verwandten oder
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. .

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FFreunde zu schreiben, oder vielmehr nur, keinen seiner Briefe
nach der Stadt zu schicken; denn daß die Gräfin wirklich einen
Einspruch thun könne, daß sie daran denken könne, ihm die Hand
des begehrten Mädchens zu verweigern, während er bereits die
Tage bis zu der Stunde zählte, in welcher er die Geliebte be-
sizen würde, hielt er fir ummöglich.
Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt, als die
Gräfin ihm am Morgen den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie
verweigerle, als sie es ihm rundweg abschlug, ihn mil der Tochier
allein verkehren zu lassen, ehe sie ihren Entschluß gefaßt habe.
Sie hielt es ihm vor, wie sie Alle ja eben jetzt noch unter den
Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes
geschlossenen Verlobung zu leiden hätten, und wie es also für
ihn doppelt geboten sei, sich sorgsam zu prüfen, ehe er sich zunr
zweiten Male binde. Auch sie erinnerte ihn an den Eindruck,
welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht habe, an ,die
Gerüchte, welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach. Verlin
verbreitet hatten, und sie bekannte ihm unumwunden, daß so-
wohl die natürliche Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten
Tochter als die Sorge um Cäciliens Zukunft sie anstehen
lasse, eine Entscheidung zu treffen. Sie nannte ihn jedem neuen
Eindrucke zugänglich, sie zweifelte, ob er treu zu sein vermöge,
und sie machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe, daß er
mit seiner Erklärung gegen Cäcilie, mit seiner Werbung nicht
gewartet habe, bis die Gräfin das Schloß verlassen hatte, und
nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Maßnahmen
gehindert war.
Trotz der würdigen und festen Haltung, mit welcher sie
ihm entgegentrat, war sie aber innerlich in einen Kampf mit sich
verwickelt, der ihr schwerer fiel, als sie verrieth. Ihr Zutrauen
zu Nenatus hatie wirklich einen Stoß erlilten, sie mißhraule
seinem Herzen, sie klagte ihn der härtesten Selbstsiucht, der

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gewesen, so hätte sie nicht angestanden, dem jungen Freiherrn
die Hand ihrer zweiten Tochter, nach der Beleidigung, welche er
der ältesten Tochter zugefigt hatte, unbedenklich zu verweigern.
Sie sah voraus, in welcher Weise man es beurtheilen werde
und müüsse, wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie
willige; sie fürchtete fich vor dem Zwiespalt, in welchen diese
- Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese mit Cäcilie und
Nenaius bringrn müsse. Sie sagte sich, daß die geringste Bir-
gersfrauu sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten
Bewerbung ihre Zustimmung versagen wirde; aber sie war eben
keines schlichten Bürgers Frau, sie war die Gräfin Rhoden, sie
hatte sich und zwei Töchter zu versorgen, und sie war noch
üttelloser, als sie es vor dem Kriege gewesen war.
Eine Bürgersfrau konule daran denken, mit ihren Töchtern
gemeinsau sich des Lebens Nothdurft zu erwerben. Eine Bürgers-
frau brauchte vielleicht in solcher Lage und in solchem Augenblicke
auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz und auf die Em-
pfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen, denn Bürgermädchen,
wenn sie kein Vermögen besitzen, werden von Jugend an darauf
hingewiesen, sich selbst zu helfen, sie können arbeiten, um ihrem
Ehrgefühle zu entsprechen, arbeiten, um ihren Kummer zu über-!
käuben, arbeiten, um sich eine getäuschte Liebeshoffnung aus dem!
Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie, die Gräfinnen!
Rhoden, konnten das doch nicht.
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Schaache an, und wäre sie reich, wäre sie auch nur wohlhabend
Sie hatten eine gute, standesmäßige Erziehung erhalten,
sie besaßen, wie die wohlhabenden Frauen überhaupt, von
Menge von Dingen, von Kunst, von Literatur und Wissen-
schaft genau so viel Kenntnisse, als unerläßlich waren, über die
ernsthaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburtheilen
zu können; aber sie hatten nichts so griindlich erlernt, daß es -
sie irgendwie befähigte, darauf eine Zukunft zu banen, und sie

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hatten vor allen Dingen nicht arbeiten, das Leben nicht als eine
ernste, foridauernde Arbeitszeit betrachten lernen.
Die Leistungen, welche Hildegard während des Krieges über
sich genommen hatte, waren von der Begeisterung des Augen-
blickes erzeugt und getragen worden. Sie hatte dieselben mit
vielen Andern geiheilt, sie waren eine anerkannte, eine bewun-
derte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare
Thätigkeit für Andere gewesen. Mit der Arbeit um die eigene
Existenz, nm das tägliche Brod war es nicht dasselbe. Das
Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen, Niemand bewuunderl,
laum irgend Jemand lheili oder versiehl sie in den gesellschafi-
lichen Kreisen, denen die Gräsinnen angehörien. Wenn sich in
ihnen auch Männer fanden, welche ihr Eilommen duurch die
Dienste erwarben, die sie dem Fürsten oder dem Staale leisteten
so hrat doch das Arbeitenmissen der Ehre der Frauen, nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen, osfebar zu nahe; und dieuen
konten Frauen ihres Nanges nach denselben Anschamngen
eben nur den Fürsten, welche über ihnen standen. Es war
nicht anders, die Gräfin mochte es ansehen, wie sie wollte,
sie mußte ihr beleidigtes Herz, sie mußte ihr Ehrgefihl über-
winden, weil der Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit
für entehrend erachtete, und Hildegard mußte sich darein ergeben,
ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer Schwester werden zu
sehen. Die Mutier durfte es nicht hindern, das; Cäcilie sich
mit einem Manne verheirathete, zu dessen Charakter ihr das
rechte Vertrauen fehlte. Ihre Armuth zwang sie, um der Stan-
desehre willen zu thun und geschehen zu lassen, was allen ihren
Gefühlen, was ihrer Neberzeugung widersprach.
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Es kam ihr deßhalb sehr gelegen, als Vittoria sich zur
that, hörte die Gräfin es gern an, wenn die Baronin ihr aus
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Vermittlerin zwischen den Wünschen ihres Stiefsohnes und den
Bedenken von Cäciliens Mutter machte. Obschon es ihr weh
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einander setzte, wie übel die Gräfin jezt daran sei. Im Tone
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mit Renatus vorzeitig gealtert habe, daß die Mutter und die
Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines unver-
heiraiheten Mannes, wenn dieses nicht seine Heirath mit einer
der Töchter zur Etschuldigung habe, in einem bedenklichen Lichte
-erscheinen müßten. Sie erinnerte daran, daß man, falls sich
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wie das Zerwürfniß zwischen ihren Töchtern ja bereits ein altes,
wie es eben jezt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei, und
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geliebie Cäeilie auf Kosten der älteren Schwester gliücklich werden
zu lassen, als beide mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe
für einander in bedrängter Lebenslage dauernd neben sich zu
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fitgen lönnten; und schliesßlich gab sie der Muutter zu bedenlen,
das; es doch in jedem Falle weiser und rathsamer erscheine, die
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sollie, diese doch meist nur mit jungen und hübschen, vor Allem
Herrinnen ohne jede Ricsicht über ihre dieuenden Damen ver-
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behalten.
Einen Menschen von der Nothwendigkeit dessen zu über-
zeugen, was zu thun er innerlich entschlossen ist, hält nicht
schwer, und Cäciliens unter Thränen lächelnde Augen, vereint
mit den Vorstellungen der Baronin und den dringenden Bitten,
und den festen Betheuerungen des jungen Freiherrn, trugen
denn auch bald den Sieg davon.
Weil Nenatus sein früheres Verlöbniß geheim gehalten hatte,
war er und war die Gräfin jetzt der Meinung, daß man die
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Hildegard duurch den langen, nicht öffentlich erklärten Brautstand
aber mil rechl gesunden Mädchen zu besezen pslege, damil die
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der Anklage gegen Renatus stellte Vittoria es ihr vor, daß
selbst am Hofe der Prinzessin eine freie Hofdamen-Stelle finden
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neue Verbindung nicht schnell genng verösfentlichen kdnne. Aber
man mußte doch eine Form dafür finden, das Auffallende des
Vorganges denjenigen, welche die Verhältnisse mehr oder weniger
kannten, wenn auch nur einigermaßen zu erklären oder an-


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nehmbar zu machen; und die Gräfin, welche vor allen Dingen I
um Hildegard besorgt war, hatte schnell einen Plan entworfen, (
der zu Gunsten dieser lezteren berechnet war. Man sollte, so
forderte sie, aus Cäciliens früher und dauernder Neigung z
Renatnes kein Geheimnis machen, man sollte auch eingestehen,
das dessen Liebe zu Hildegard nichk mehr so feurig als frilher
gewvesen und dasz er bel der Helnkehr vo der Auuuih und
von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jiingeren Schwester
gerührt worden sei. Dann aber solle man die Dornenkrone
der armeu Hildegaro in einen Helllgeusceit verwuidel' und er-
zählen, wie die Großmuuih und die Eutsagung dieser schönen
Seele das Unheil, welches hereinzubrechen gedroht, durch ihren
heldenmithigen Gutschlus; verhindert, wie sie durch eine Ent-
fernng, von welcher selbst die Mutter nichts gewust, die Ver-
wirrung gelöst und in einem zuuriickgelassenen Schreiben den
Wunsch ausgesprochen habe, die beiden ihr kheuersten Menschen,,
den Geliebten und die Schwester, verbunden und so glücklich
zu sehen, als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden
gewesen sei.
Die Gräfin konnie sich in ihrer Rührung der Thränen
kaum erwehren, als sie den schnell erfundenen Ausweg vor ihren
erstaunten Hörern darlegte. Vittoria, die jetzt plözlich ihr müt-
terliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für Cäcilie
geltend machte, so daß man sie bei keiner Besprechung und Be-
rathung übergehen konnte, hatte Mühe ernsthaft dabei zu bleiben,
und Cäcilie und Renatus, welche in der Erdichtung der Gräfin
keine üble Rolle spielten, waren mit allem zufrieden und ein-
verstanden, was sie auch nur eine Stunde früher an das ersehnte
Ziel zu füühren verhieß.
Sie waren beide sehr bereit, an Hildegard zu schreiben,
ihre Nachsicht, ihre Verzeihung zu erbitten, ihr jede möglichen
geschwisterlichen Dienste für die Zuukunft' anzubieten und ein
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; treues Zujammenhalten zu geloben; aber beide waren so voll
f von ihrem Gliicke, so voll von Lebenslust und Hoffnung, das:
s sie sich in den Gemüthszustand des verlassenen Mädchens gar
z nicht hineinzuversetzen wusßten und dasß die Gräfin es endlich
h gerathener fand, die Briefe des Brautpaares an die Entferntr
s zu unlerdricken und die Darsiellung des Geschehenen allein aus
! sich z nehe
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