Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 13

Dreizehntes Capitel.
e
Hg ersten Oktober sollte die lebergabe der beiden Arien-
schen Güter an ihre neuen Besizer vor sich gehen und gleich-
zeitig auch die Verpachlng von Richten an den bisherigen Amt-
mann ihren Anfang nehmen. Das veranlaßte den jungen Frei-
herrn, von seiner kinftigen Schwiegermutier die Festsezung des
Hochzeitstages in die dritte Woche des Sepiembers zu begehren,
und die Gräfin widersprach diesem Wunsche nicht.
Sie fand es natirlich, daß Nenatus noch in der Kirche
getraut zu werden wünschte, so lange sie sein eigen war, und
ihr selbst war daran gelegen, so bald als möglich mit Hildegard
zusammenzutreffen, die, aus dem Bade zurückgekehrt, nicht figlich
länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte.
Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner
Ricksicht angemessen fand, eine grose Feierlichkeit bei der Hochzeit
zu veranstalten, hatte man leine besonderen Vorkehrungen fiür
dieselbe zu treffen. Nenatus hatte seinen ältesten Oheim, den
Majoratsherrn Grafen Feli; Berka, aufgefordert, Zeuuge seiner
Vermählung zu sein; indeß derselbe hatte geschrieben, dasß ein
Unwohlsein ihn daran hindere. In früheren Jahren würde
Renatus gegen eine solche Angabe keinen Zweifel gehegt haben
jezt fragte er sich, ob sein Oheim wirklich krank sei oder ob er
nur eine Krankheit vorschiize, um einem Begegnen mit dem
Neffen und einem Besuche in Richten auszuweichen, und leider
irrte er sich in dieser Voraussetzung nicht.

------ 1ßH--
Der Graf war immer ein guter Hus halter gewesen, und
Erfahrung haite ihn llug und noch vorsichiiger gemacht. Die
Arten'sche Lebensweise hatte seinem Sinne nie zugesagt; er hatte
die zweite, späte Heiraih seines Schwagerö, des Freiherrn Franz,
eben so mis;billigt wie die frühzeitige Verlobung von Nenatus.
dessen jezige Handlungsweise er vollends hart beurkheilte; und
eben weil er gern auf seiner Hut war, weil er sich gern be-
rihmte, ein tüchhhger Landwirth zu sein und wie ein solcher auch
seinem einfachen Bauernverstande zu folgen. hielt er es fir ge-
rathen, die Hand von einem Wagen loszulassen, der von einer
Höhe in das Hinunterrollen gekommen war.
Nenatus hatie Tag und Stunde seiner Ankuunft festgesezt.
Eäcilie und Valerio waren ihm bis zu de: bekannten letzten
Anhaltspunkte entgegengeritten, und da der warme Mittag des
sonnigen Herbstiages es ihm möglich gemacht hatte, das Verdeck
seines Wagens zuriickschlagen zu lassen, sah und erkannte er die
Geliebte schon von Weitem. Er war glücklich, als er die schlanke
und doch so volle Gestalt vom Pferde hol, glicklich, als er sie
nach den Tagen eines schmerzlichen Entbehrens wieder in seine
Arme schloß, als er sie neben sich im Wagen hatte und ihr von
den mannigfachen Mühen und kleinen Plagen erzählen konnte,
welche er für ihr künftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen
Heimath gelragen hatte.
Indeß diese Zufriedenheit verminderte sich, als man auf
die Arten'schen Giter kam; denn umwillkitelich drängte es sich
dem jungen Freiherrn in den Sinn, daß dies gleichsam Cäciliens
Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst seine Mutter
in Nichten eingefihrt habe. In mancher guten Stunde seiner
Kindheit hatte die Mutter ihm mit gerihrter Erinnerung davon
erzählt, wie die Schulzen und Schulmeisier der Ddrfer, geführt
von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von der ganzen Schaar
der Kinder gefolgt, sie unter der Ehrenpforte hegrüßt, die man

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an der Grenze der Giter zu ihremn Gupfange aufgerichet hatle.
äer aber von den Bauern und Jnsileuten machte heute in
Neudorf und Nothenfeld Vorbereitungen finr die am nächsten
Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn? Sie
wisßten, das; die lebergabe der Giter in wenig Tagen vor der
ihür stand, und wenn sie von dem jungen Herrn auf ihre
Weise auch viel hielten, so war es ihnen doch willkommen, den
jetzigen Amtmann los zu werden und es künftig wieder mit
einem von den Steinert' zu thun zu haben, die aif den Gütern
heimisch waren und ek wuusten, was möglich sei und wwas einmal
nicht möglich sei.
Cäeilie konnte nicht begreifen, was ihren Bräntigam so
ernsthaft stimme, was die weiche, wehmüüihige Zärtlichkeit bedeute,
mit der er sie umarmte und behandelte, und er liebte sie so
sehr, dass er ihr's nichi sagte. Aber diese Liebe ward ihm selbst
zum Troste und zur Beruhigung, denn in ihr, in seiner Reinheit
in seinem ungetheilten Epfinden konte er seiner kinftigen
Gattin bieten, was sein Vater seiner Mutter nicht hatte ge-
währen können, und er gelobte es sich fest, daß Ccilie gliicklicher,
als seine Mutter es gewesen, daß seine Ehe eine schöne und
würdige werden solle. Sein Wille, seine Vorsätze waren die
allerbesten.
Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familien-
papiere zu ordnen, die er mit sich nach der Stadt zu nehmen
wüünschte, und Cäcilie, vor der er kein Geheimniß hatte, leistete
ihm dabei freundlich ihren Beistand. Dieses erste gemeinsame
Arbeiten half ihm über das Unbehagen fort, das ihn bei dem
Eintritte in die altbekannten Näume zuerst befallen hatte, demn
eben aus dem Arbeitszinmer seines Vaters und aus den eigent-
lichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und Kronleuchter, die
Bilder und die Zierathen in seine künftige Wohnung hinüber
genommen, und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter,

? --
vorwurssvoller Dede an. Er war froh, als er seine Arbeit
beendet, als er die nothwendigen Besprechungen mit dem Amt-
manne gehall haiie, unnd als er gegen den Abend hin sein muiides
Haupt in Vittoria's Zimmer, an den Busen seiner Eeilie lehnen,
und an ihrer Schulier ruhen lassen lonnie.
Die Gräfin sah er wenig. Sie war den ganzen Nach-
mittag in ihrer Wohnng geblieben, sie schrieb an Hildegard;
die Neuvermählter sollten am anderen Tage die Briefe bis zur
Hauptstadt mit sich nehmen.
Die Trauuung war gleich auf den nächsten Mitiag fesi-
gesezt, denn Renatus hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub
fordern mögen. Der Morgen brach mit leichkem Nebel an,
aber die sirahhleünde Freüde seiner Brant ersetzte fiir den Bräuligam
das Licht der Sonne, das nicht recht zum Vorschein kam. Cäcilie
liesß hier in Nichten nichts zuriick, wonach ihr Herz sich sehnen
konnte, und ihre höchsten Wünsche sollten heute in Erfiislung
gehen. Sie wuurde wider all ihr Hoffen und Erwarten dem
Manne verbunden, den sie von frühester Jugend an geliebt hatte,
und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwiünschtesten Verhältnisse
in die Siadt zurück, nach der ihre heimliche Sehnsucht nie er-
loschen war. Freilich sah sie den Schatten, der sich oft über
des Geliebten klare Stirne senkte, aber sie beunruhigte sich darüber
nicht. Es dünkte sie ganz natürlich, daß er, der andere Nu..
.
erinnerungen hatte, sich dieser eben heute nicht erwehren konnte.
Sie glaubte, es sei der Gedanke an Hildegard, der ihn bewege,
und sie mißgönnte das der Schwester nicht.
Sie sprach das dem Bräutigam auch aus. Er nannte sie
ein schönes Herz, er küßte sie, er verhieß ihr, daß sie dieses
Tages stets mit Freude denken solle, aber seine Wehmuth wollte
doch nicht schwinden.
A.:
==- z erheitern, schlug sie ihm vor, als Brautleute noch
einen letzten Spaziergang zu machen. Er zeigte sich bereit

- ? -
dazu. Arm in Arm gingen sie aus dem Parke in das Freie
hinaus.
Der Sommer war schr güünstig gewesen. Große und lang
andauernde Wärme halle mit reichlichem Negen abgewechselt und
das Wachöihum der Bume wie das Neifen der Frucht unge-
wöhnlich gefördert. Alles war in diesem Jahre, wie der Aini-
mann es dem jungen Freiherrn im Frihlinge richtig vorauus-
gesagt hat... mächtig vdrwärts gekommen, Alles frih geerntet
worden; aber weil die Wärme noch im Herste fortdauerte und
überall noch neues Leben erschiuf und daö Vorhandene erhielt,
merkte man es nicht sonderlich, das; die Felder schon lahl waren
und das Laub an den Bäumen sich je nach seiner Weise rokh
und gelb gefärbt hatte. Wo es zur Erde fiel, wuuchs noch
überall frisches, neues Gras empor und verdeckte den Niederfall,
so das; die wellen Bläiter nur wie Bluumen aus dem Grün
hervorsaheu und das Abgestorbene selbst nuur dazu beitrug, das
Lebendige zu verschönen. Neber den griünen Kronen der Eichen
und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich gelb, und feuer-
roth umgaben die Blätter des wilden Weines, mit seinen lang-
stengligen violetten Trauben, den von unzähligen Silberfäden
übersponnenen Schlehdorn, der auf den Rainen zwischen den
einzelnen Feldern wuchs und grünte.
=- - =ag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht voll-
ezz- e
kommen auf, aber die Luft war mild. Der feine Nebel, der
über der ganzen Gegend liegen blieb, hakte noch nichts Herbst-
liches an sich. Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch
die Gegend, man fiihlie, das: er noch nicht schwer und dicht
geng sei, sich dauernd in ihr fesizusezen. Er zeg gewis in
wenig Stunden fort.
Ach, auch Nenatus zog in wenig Stunden fort, und wenn
er wiederkehrte - war dies alles nicht mehr sein!
Wie ihr Weg sich wendete, kam der Duuft der lezten Heu-

- 1
mahd zu ihnen herüber, traf der Geruch des abwelkenden Kar-
toffelkrautes hier und da den Sinn. Auf den frisch geackerten
Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher, die Nahrung
z suche, welche Pslig und Egge sin sie auns der Tiefe hervor-
geholt hatien, und schwangen sich dann rauuschend in die Luft,
im schellen Flge einen andern Acker zu besichen. Hier sgrang
ein Hase mik gespiztem Ohr in weiien Sätzen durch ein Kohl-
fekd in das Weig, dort schos: aus einem Kartoffelfelde, dicht
vor den Augen der Frauen, welche die Ernte in Säcke ein-
Fammelten, ein Volk Rebhühner, den Hahn an der Spitze,
lnailernd eupor. Die Gänse auf dem nahen Sloppelfelde reckten
darüber verwundert die Hälse in die Höhe, und bellend folgte
ihnen der Hund des Verwalters, der die Aufsicht über die
Ernte führte.
Welch prächtige Jagden hakte man zu des verstorhenen
Freiherr Zeiien auf diesen Felderu gehabt! Walch lstige Jagden
noch in den Jahren, als Renatus mit semem Negimente vor
dem russischen Kriege nach Richten gelommen war!
Er mußte sich heute der rückblickenden Gedanken zu ent-
schlagen suchen, sie thaten ihm nicht wohl; an den Genuß der
Stunde mußte er sich zu halten suchen, und fie sahen ja auch
so schön aus, diese rothblühenden Tabacköfelder, sie waren ihm
schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und
Blüthen eine Augenlust gewesen.
Die Vögel sangen noch in den Zweigen, aber sie lockten
nicht mehr. Es war Alles erreicht, Alles gesättigt. Es lag die
sanftesie Nuhe iber der Gegend, jene Nuhe, die es errathen läßt,
daß die Siunde des Schlunmmners nicht mehr fern ist und daß
er sich bald herniedersenlen werde. Die schwermüthige Empfin-
dung des Freiherrn wurde immer mächtiger. Er hatte stets ein
lebhaftes Gefühl fin die Schönheit der Natur gehabt, und sie
war ihm nirgends lieblicher, nirgends anmuthender erschienen,

==== z F ? -=
als auf dem Boden, =.t er sein eigen genannt hatte bis auf
diesen Tag. Jezt erst gewahrte er, wie viel Autheil er in
diesem letzten Sommer mitielbar an den wechselnden Beschäfti-
gungen auf den Gütern genommen hatte, wie viel Freude das
Wachsen und Gedeihen desscn, was sein gewesen, ihm, fast ohne
daß er sich dessen bewußt gewesen war, bereitet hatte. Er mußte
seiner Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen, wenn er sie
nicht erkennen lassen wollte, was in ihm vorging -=- und es war
ja ihr Hochzeitsiag.
Ulun zwei llhhr fuhr unan nach der Kirche. Vorauf der
Edelmann, mit welchem Eenatus bei Steinert gewesen war, und
ein anderer seiner näheren Bekannten aus der Nachbarschaft.
Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares. Dann die
Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne: das Brautpaar machte
den Schlus.
Sonst hatten die Landleute sich von der katholischen Kirche
fern gehalten, heute war sie voll von Menschen. Sie waren
aus allen drei Dörfern herbeigekommen, der Trauung beizu-
wohnen, den jungen Herrn noch einmal zu schen; und sie, die
trotz ihrer verhältnißmäßigen Armuth sich die lustige Hochzeit
nicht leicht versagten, hatten Mitleid mit dem Freiherrn, der
nicht mehr ihr Herr war. Es war anders gewesen vor jenen
Jahren, als der Vater und vollends als der Grosvater des
jungen Freiherrn geheirathet hatien. Es lebten noch alte Leute,
die von ihren Eltern davon erzählen hören, wie dazumal die
Wagen vorgefahren waren vor das Schloß, wie das ganze
Schloß und der Park erleuchtet gewesen waren und die großen
Pechtonnen überall gebrannt hatten.
Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem
Geiste des Bräutigams wieder lebendig werden. Er war sehr
ernst, das war natürlich; aber er war auffallend bleich. Was
er dachte? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht sagen;

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indeß Cääue verstand ihn, und es ging ihr tief zu Herzen, als
der Geistliche sie fir die Ehe einsegnete und sie den festen treuen
Druck von des Geliebten Hand empfand.
Auf gute und auf böse Tage, fiir Leben und Tod sollte
dieses unauflösliche Testament sie verbinden, und Nenatus wußte
was er damit übernahm, und war in sich entschlossen, es zu
halten. Seit er zu einem eigenen Urlheile gekommen war, hatte
er immer gros von der Ehe gedacht, und seine Liebe für Cäcilie
machte ihm zu Bllcke, was er ohnehin als seine Pflicht
erlaunle.
Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die
Sonne herein, als das Brautpaar, vom Altar lommend, in das
Freie trat. Sie war zum ersten Male an diesem Tage zum
Durchbruche gekommen.
Das soll uns ein gutes Zeichen sein, sagte Nenatus zärtlich,
fasse Muth wie ich, wir werden glücklich sein!
Die Worte erschreckten Cäcilie. Sie hatte nie an ihrem
Gllicke gezweifelt, sie war gliicklich und es freute sie Alles der
Sontenschein und die Glückwüünsche der beiden sie begleitenden
Freunde, welche sie Frau Baronin nannten, und der Zudrang
der Frauen ans den Dörfern, die ihr schönes Hochzeitskleid so
nahe als möglich sehen wollten, und das oft wiederholte: Leben
Sie wohl, gnädiger Herr! Leben Sie wohl, gnädiger Herr! -
bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn fast das
Herz zerriß.
Während man noch unter dem Portale stand und der
Wagen vorfuhr, fielen die- Augen der jungen Frau auf das
Gärtchen, welches die Gruft umgab. Die weißen Rosen, welche
der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte
und zu deren Fülßen er begraben worden war, bliihten, von dem
nilden Herbste begünstigt, noch in voller Pracht. Auch Renatus
hatte seine Blicke dorthin gewendet. Sollte dieser kleine Raum

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doch bald das Einzige, ., was ihm von dem Besitze der beiden
grosen Güter Neudorf und Rothenfeld verblieb; und als errathe
seine junge Frau, was in seinem Jnnern vorging, sprach sie
den Wunsch aus, eine von diesen weißen Rosen zum Andenken
mit sich zu nehmen.
Valexio eilte, einen Zweig zu brechen, und reichte ihn der
Schwägärin, wie er Eäeilie mil Selbsibewuszlsein nannle; als
sie die Bluie aber an ihrer Brsi besesligen wollle, hielt ße-
natus sie davon zurick. Die weiße Nose hatte in dem Arten-
schen Geschlechte, wie Mamsell Marianne ihm als Knnaben er-
zählt, immer eine krauurige Bedeutung fiür die Frauen gehabt;
er wollte nicht, daß seine Frau sich heute, eben heute mit den
weißen Rosen schmücken sollte, die vor der Familiengruft er-
wachsen waren, und ihr die Rose abnehmend, steckte er sie in
das Kopfloch seines Nockes. Selbst den Schatten einer übeln
Vorbedeutung wollte er von dem Weibe abwennden, das er liebte
und das sich und seine Wohlfahrt ihm finr die Zukunft an-'
vertraute.
Das Mittagbrod war, weil die eigentlichen Empfangszimmer
jezt der gehörigen Einrichtung entbehrten, in dem Ahnensaale
hergerichtet worden. Man hatte ihn mit Laub und Blumen
freundlich aufgeschmückt, aber er war zu gros, viel zu groß für
die kleine Tafel, finr die geringe Anzahl von Personen, und
Nenatus wie seine beiden Freunde empfanden dieses Mißver-
hältniß lebhaft. De Trinkspriche, welche sie anszubringen fir
Pflicht erachteten, die Erinnerung an die Ahnenreihe, die man
eben in diesem Naume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum
unterlassen konnte, haiten etvas Peinliches fir alle Theile, und
die schlecht verhehlte Traurigkeit, die bei jedem Anlasse hervor-
brechenden Thränen der Gräfin, waren auch nicht dazu angethan,
dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien. Er wusßte, wem
vor Allen diese Thränen flossen. Das Einzige, was ihm das

==- lh, F F -====
Herz -=yob, war Cäciliens ungetrübte Frrude, war die Hin-
gegebenheit, mit welcher sie in seine Arme sank.
Er war froh, als er am andern Tage sein Schloß ver-
lassen hatte, als die Grenzsteine der Arten'schen Güter hinter
ihm lagen und er mit seinemt jungen Weibe einem eigenen,
neuen Leben enlgegengig. Das öde gewordene Schloß halte
allen heimathlichen Neiz für ihn verloren, es war ihm nur noch
eine trauurige Mahnuung an bessere Tage gewesen, und er hatte
die Stunde, es zu verlassen, laum erwarien können.
Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Nesidenz so
schnell zurick, alö die damaligen Verhältnisse es gestaiten wollten.
Eäeiliens tüchtige Gesundheit hatte eine solche Anstrengung nicht
zu scheuen, und Nenaius war nicht mehr sein eigener Herr.
=-- =ieust nöthigte ihn, Zeit und Stunde einzuhalten.
D,. ce
Voll der hellsten Erwartungen langie die junge Frau in
der Hauptstadt an, und ihres Gatten Lebe hatte all ihr Hoffen
zu übertreffen gewnusßt. Gegen daö weite, in jedem Sinne un-
wirthlich gewordene Schloß nahm sich das wohnliche Siadthaus
um so freundlicher as, und selbst den Freiherrn wollte es be-
dünken, als genieße er die Gegenstände, welche er aus Richten
hieher verpflanzt haite, hier mehr als dort, weil man sie näher
beisamnnen hatte. Eäcilie aber, die sich erst jezt als die Be-
sizerin dieser Einrichtung zu denken anfing, die nebenher ihrem
Gatten fiür die vorsorgliche Großmuth zu danken hatte, mit
welcher er allem ihrem Bedürfel begegnet war, kannte in ihrer
Freude keine Grenze, und das Bewusßtsein, hier von jezt an
unumschränkte Herrin zu sein, Alles nach eigenem Gefallen und
Ermessen ordnen und bestimmen zu können, gab ihr schnell ein
gewisses Selbstgefihl, das ihr sehr wohl anstandJ
Wohin Renatus mit seiner jungen Gatrin in den ersten
Tagen lam, auf den Spaziergängen, bei den Fahrten im Parke,
im Theater und in dem zufälligen Zusammentreffen mit seinen
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. .

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näheren Bekannten, , g er es mit Genugthuung, wie die Blicke
der Männer ihr wohlgefällig folgten, wie die unverhohlene
Aeußerung ihres Vergnügens ihr schnell die Neigung aller der-
jenigen Personen gewann, welche sich an der Natürlichkeit und
Urspriünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen; aber es
entging ihm daneben nicht, das; die Frauen ihr die gleiche
Gunst nicht angedeihen ließen. Ihr selber fiel es auf, wie ge-
flissentlich man sich danach erkundigte, ob ihre Muiter auch nach
der Hauptsiadt konmen werde, ob sie der Trauuung beigewohnt
habe, oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte
gewesen sei. Und ehe Cäcilie noch auf solche Fragen Antwori
ertheilen konnte, war man in der Regel in eine so übertriebene
Lobpreisung der abwesenden Schwester verfallen, daß sie zu einer
Kränkung fir Cäcilie wuurde.
Es ist unerträglich! rief Nenatus ungeduldig aus, als er
seine Frau einer ihrer Anverwandten zugeführt hatte, welche
Ober-Hofmeisterin und von dem Könige wohl gelitien par.
Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein
Vorwurf sein, und wir danken sie ohne Frage eben so wohl
Hildegarden selbst als Deiner Mutter und meinem Oheig Ger-
hard! Wir werden nöthig haben, auf unserer Hut zu sein!
Cäcilie, welche die Welt nicht kannte, wollte davon nichts
hören. Sie war in dem Besize ihres Gatten so wohlbefriedigt,
daß sie der Schwester, welche solch ein Glick entbehrte, jede
Anerkennung, daß sie ihr alles, was dieselbe nur irgend erfreuen
konnte, von ganzem Herzen wünschte, und ein förderliches Er-
eigniß kam dazu, Cciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zu-
kunft zu erhöhen und zu festigen.
In den Regimenlern, welche eben jetzt erst and Frankreich
zurückgekehrt waren, fand die erwartete Entlassung der älteren
Offiziere Statt, und da auch einige jingere Ofsiziere nach dem
beendeten Feldzuge den Abschied forderten, erhielt Nenatus kurz

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nac, jeiner Hochzeit und wenige Tage. nachdem die Uebergabe
seiner Gitter an ihre neuen Eigenthümer erfolgt war, seine Er-
nennung zum Major.
Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen
können, dennoch iberraschke ihn das Zutreffen dieser Voraussicht
angenehm. Er gewann damit eine neue, selbsterworbene Be-
deutng in dem Augenblicke, in welchem er auf den größeren
Theil seiner ererbten Giter hatte verzichten missen, und der
Besiz des neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben,
wäre durch die Erlangung desselben nicht seinem Selbstgefühle
eine Beschränkung auferlegt worden, die er vielleicht in keinem
andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde, gegen
die er aber eben jetzt empfindlich war.
Er war sehr jung Offizier geworden, hatte im Felde die
fortschreitenden Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten;
aber er war der Gesellschaft gegeniber und überall, wo er sich
nicht im militärischen Dienste befunden hatie, der Freiherr von
Arten geblieben. Niemand hatte ihn Lieutenant oder Nittmeister
genannt, seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus
altem Hause hatie über seinem Amte gestanden. Er hatte auch
seinen Dienst immer nuur als eine freiwillig übernommene Leistung
angesehen, von der er sich entbinden konnte, sobald es ihm be-
liebte, sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen
Unabhängigkeit des grundbesizenden Edelmannes seine Tage zu
perleben. Das Gehalt, welches er als Offizier bezogen, war
ihm stets unwesentlich erschienen neben den standesmäßigen Be-
dürfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten, und er hatte sich
und Annderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt: daß
ein Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe, wenn er,
fern von seinen Gittern im Heere dienend, auf alle die An-
nehmlichkeiten verzichte, deren er in seinem Schlosse und auf
seinem Grund und Boden sicher sei, während er in der Stadt
1

----- 1Z0- --
zn einem Geldaufwande genöihigl werde, welcher in gar keinem
Verhältnisse zu seinem Solde stehe.
.rzt aber war da alles anders geworden. Nenaius konnie
D? -
zwar noch an jedemn Tage den Alschhied uehmen, umn als ein
«uindedelmann auf seinem Grunde und Boden zu leben; aber
N,
die Audehnuung dieses Grundes uund Bodens war nichi mehr
die alie, er war kaumn noch zum driltent Thheile sein eigen, und
selbst über dieses Drillheil seines eisligen Besizes hulle er ni-hl
mehr die Möglichkeit einer völlig freien Verfigung. Nr im
Schlosse und im Parle lonute er noch nach seinem Belieben
schalien, und auch da Schlos: war jezt nicht uehr die alte
wohnliche und prächlige Heimaih, nach welcher seine Gedanken,
wo er sich auch befunden halte, immer geru gewvandert waren.
Die Eindrücke, welche er in seiner letzten Anwesenheit in Richter
empfangen halt.. waren ihm sehr qälend gewesen. Die blosße
Vorstellung, duures - eudorf und durch Rothenfeld als ein Freet-
, gs
der hinfahren zu sollen, widerstrebte ihm. Er mochte auch mit
dem Amtmanne nichks zu thun haben, der für sech? Jahre jezt
s,sf«z Hpzz ssio
in Ng=-- z---», er wüirde sich in seinem Parke wie ein
Gefangener erschienen sein, da er auszerhalb desselben nicht mehr
unmschränkt gebot, mit Einem Worte, er mochte nicht mchr
gern an Nchten denken, es hatte auufgehört, die Heimah fiir
ihn zu sein, und sein Maforsgehalt- Iht nicht mehr ein
sii
unwesentlicher Thetnl in seinen Einkiinften, er war auf dasselbe
mit seinen Bedürfnissen zum Theile angewiesen. Die Pferde,
der Diener, wwelche der Staat jedem Offizier hält, waren ihm
jetzt eine Erleichterung, die er nicht wohl enlbehren konnte. Er
mußte darauf sehen, sich auszuzeichnen, wenn er vorwärts kom-
men, wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte,
und vorwärts kommen hieß jetzt für den Freiherrn im mili-
tärischen Dienste Stufe um Stufe ersteigen. Er war mit seiner
-o-»--- uu den Dienst geketiet. Er lebte, wo der Dienst es
NiKüz- ff s

-- 1Z!-
fo.u -ke, er ging, wohin man ihn scickte, er that, was man
ihm gebot, er lrug das Kleid, welchee der Geschmack des Königs
ihm vorzuschreiben sir gut befand, er duurfte an des Königs
Rock nach sreier Wahl nichts ändern. und er muste ihn hin-
wiederuuun ändern und ihn anlegen, wie des Königs Willkir
es besiinmie. Er schniil sein Haar, wie es befohlen war, und
Zeil und Slunde waren ichl mehr sein.
Siine mehhr sein eigener Herr, lein frrier
mehr der wchre Freiherr von Arten-Richten.
ss -
Von eiesl, er wwar eit Dienter - wenn
Er war in keinem
Mani mehr, nicht
Er wau der Major
auch eines Königs
Diener geworden, und es lebte geuuug von dem alten freiherr-
lichen Siolze seines Hauses in ihm, ihn seine Abhängigleii in
einzeluen Augenblicken bitier und schwer empfinden zu lassen.
Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen, daß man ihn
mnicht mehr als Baron, nicht mehr als Freiherr von Arien an-
sprach, das; man ihn nicht mit seinem Namen, sondern mit
seinem Atel anredete, um ihm eine Ehre zu erweisen; cr hatte
wie sein Vater und dessen Väler alle nur er selber, nue = --
G,ee
auf seinem Schlosse sein mögen -- aber es war zu spät. Er
hatte keine Wahl mehr, er mußte vorwärts!
Vorwärts ging er also, und die umgestaltende Ueberlegung,
die Trösterin aller derjenigen, welche einer Beschönigung für
ihre Verhältnisse bedirfen, kam auch ihn zu Hilfe, indem sie
ihn antrieb, seinen besonderen Fall in dem Lichte einer allge-
meinen Nothwendigkeit zu betrachten.
Er sagte sich, daß seit Jahrhunderten der Adel in allen
enropäischen Staaten sich um die Throne geschaart, und in den
-ienst der Fürsten begeben habe, mit denen er auf diese Weise
ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- unl =.utzbüündniß
« As
eingegangen sei. Die Fürsten und der Ad.. ,.anden jezt fast
hs s
immer und fast überall für einander ein, waren, wie Renatus
dessen eben erst in Frankreich Zeuge gewesen war, auf einander

-- 18F--
angewiesen und stand. und fielen mit einander. Nenaius folgte
also gleichsam enem Naturgeseze, wenn er sich der Minderheit
so fest als möglich anschloßß, in welcher er geboren worden war,
jener Minderheit, die sich das Herrschen als ihr angestammies
Recht zuschrieb und sich nur erhalten konnte durch Einigkeit in
sich und Einigkeit wider alles, was sich ihr widersezte.
Er war, als er sich noch im vollen Besize allcr seiner
Güter geglauubt hatte, nur mit Widerstreben in das Heer ge-
treten, und die Zeikverhälknnisse hatten ihm in demselben zu bleiben
geboten, obschon sein Sinn von Natur dem Kriege eben so
wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war. Jezt
aber waren das Heer, der Dienst ihm eine Zuflucht und ein
Anhalt, jezt bedurfte er des königlichen Schuzes, der Gnade
seines Herrn. Er wünschte, für sich und die Seinigen die per-
sönliche Gunst des Königs zu erwerben. Er haite es in Frank-
reich kennen gelernt, welche Vortheile es gewähren kann, sich in,
dem Kreise der Gnnadensonne zu bewegen, und wie er bei dem
Beginne seiner Ehe voll der besten Vorsäze fir dieselbe gewesen
war, so war er bei der Uebernahme seines neuen Amtes auch
entschlossen, mit Selbstverlängnung ein unbedingt ergebener Diener
seines Herrn und Königs zu sein.