Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 14

Fünfies Zuc.

Erstes Capitel.
Ilzwee Leben würde sehr leicht sein, wenn wir uns an
dem Tage, an welchem wir es aus eberzeugung oder aus
Nothwendigkeit umgestalten wollen, nicht eben auf demselben
Boden befänden und auf ihm weiter gehen müßten, aus welchem
unsere ganze Vergangenheit erwachsen ist; es würde gar leicht
sein, wenn unser neues Gewand bei dem Fluge, mit dem wir
uns emporzuschwingen denken, nicht hier an den dürren Aesten
eines alten Baumstammes hängen bliebe, den vielleicht einer
unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem
Wege fortzuräumen wir verabsäumt haben; wenn nicht dort
Gestrüpp und Ranken, in deren Bereich wir uns umhergetrieben,
unsere freie Bewegung hinderten; wenn wir es allein mit uns
und mit der Zukuuft, statt mit der Gesammtheit, der wir an-
gehören, und mit ihrer und unserer ganzen Vergangenheit zu
hun hätien. Das sollte der Major von Arten an sich selbst
erfahren.
Allerdings fand er es in keiner Weise schwer, sich in seinem
Regimente so zu stellen, wie er es beabsichtigte. Man hatte ihn
immer gern gehabt; er besaß nichts von jener herausfordernden
Selbständigkeit, welche einen Mann unhequem für seine Vor-
gesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht, und in
einer Zeit, in welcher in der Armee der militärische Geist und
das Gamaschenwwwesen, im Gegensaze zu dem biirgerlicheu Geiste
und dem auf den Universitäten noch nicht unterdrückten Frei-

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heitssinne, mit gcoßer Geflissenheit beginstigt wurden, konten
der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit, mit welchen der
Major von Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur
Ausführung zu bringen strebte, nicht unbeachtet bleiben. Dazu
wollte es das Glick, dasß einer der königlichen Prinzen Inhaber
des Regiments war, daß Renatus also seine Thätigkeit unter
dessen Augen entwickeln konnte und daß der Prinz selber ihn
dem Könige mit einem anerkennenden Worte vorzustellen sich
geneigt erwies.
E war schon im Beginne der lalten Jahreszeit, als man
zn Ehren eines von seinen Neisen nach Nusland zurickkehrenden
Grosgfirsien noch eine der grosen Paraden abhielt, welche sonst
in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden pflegten. Die
Straßen, welche nach den Linden führten, waren fir den Per-
kehr gesperrt, und die Fremden, welche in ihren eigenen Wagen,
denn von der Zeit der Eisenbahnen war man noch weit enternt,
während dieser Stunden in der Hauptstadt eintrafen, hatten
Noth, nach den Unter den Linden gelegenen Gasthöfen zu ge:
langen. Sie musten ihre Fuhrwwerke jenseit der abgesperrten
Straßen unter Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg
nach den gewählten Häusern zu Fuuß zu finden suchen.
So langte denn während jener großen Parade, als die
allgemeine Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und
den russischen Gast gewendet hatte, welche, von ihrem prächtigen
Gefolge begleitet, langsam an den regungslos da stehenden Reihen
der Regimenter vorüberritten, in dem berühmtesten Gasthofe
jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an. Der
Diener, welcher sie begleitete, forderte zwei herrschaftliche Zimmer
und zwei Stuben für die Dienerschaft, nebst einem Unterkommen
fir den Reisewagen, mit dem die Kammerfrau jenseit des ge-
zogenen Cordons zurückgeblieben war.
Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel

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eingehüllt, ein tiefgehender Hut, ein dichker Schleier verbargen
ihr Gesicht; aber ihre hohe Gestalt und ihre gebieterische Hal-
tung kennzeichneten sich trozdem. Sie hörte der flüchligen Ver-
handlung, welche ihr Diener mit dem Hesitzer des Hanses pflog,
schweigend zu und folgte dann dem Wirthe, der, mit sicherem
Blicke eine vornehme Frau in seinem ncuen Gaste erkennend,
ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt, um ihr die von ihr ge-
winschten Näyme anzuweisen.
Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt, warf sie, noch
ehe ihr Diener oder der Wirth ihr dabei Hilfe leisten konnten,
Huut und Mantel von sich, und sich zu dem Wirthe wendend,
fragte sie, Französisch sprechend, ob er ein Verzeichniß der Fremden
besitze, welche sich in diesem Augenblicke in der Siadt befänden.
Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer
Schönheit, die troz ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem
Antlitze noch etwas Neberwältigendes hatten, bejahte der Wirth
die Frage, und alle seine andern Anerbietungen von sich wei-
send, befahl sie ihrem Diener, mit dem Wirthe hinab zu gehen,
und ihr das betreffende Blatt herbei zu schaffen.
Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen,
großen Gemache auf und nieder. Sie trat an das Fenster und
blickte hinaus; aber weder die fremde Stadt, noch das kriege-
rische Gepränge, das sich vor ihren Augen entwickelte, selbst
nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch
nr für Sekunden zu fesseln. Gleichgültig, als hätte sie in eine
Oede oder in die Dunkelheit hineingeschaut, wendete sie sich in
das Zimmer zurück, und nur nach ihrer Uhr sah sie zu ver-
schiedenen Malen, als vergesse sie von einer Minute zu der
andern, was sie gesehen habe, und als hange doch Alles für sie
daran, genau zu wissen, wie weit die Stunde vorgeschritten sei.
Mit einer Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen
verrieth, trat sie ihrem Diener entgegen. Sie nahm ihm das

-- ,ZZ--
Zeitungblatt ans der H-und, und es mit raschem Auge durch-
fliegend, blieb ihr Blick endlich aus einer Stelle des Verzeich-
nisses hafien. Sie las sie zwei, drei Mal, als wolle sie sich
ihrer Sache sicher machen, als wolle sie die Namen nicht ver-
gessen, und das Blatt auf den Tisch niederlegend, befahl sie dem
Diener, während sie die Notiz in ihr Taschenbuch verzeichnele,
ihr den Mantel zu reichen.
Zögernd blieb der Alie siehen. Sie wollen wieder fort,
Mylady ? fragie er mit sichilicher Besorgniß. Vier Tage und
R D-
Hast Du die Phrase auch gelerut? rief sie, und ein eisiges
Lcheln glitt über ihr stolzes, schönes Antliz. Sei ohne Furcht,
Du sollst schlafen diese Nachhi, jrht aber loum!
Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern gewor-
fen, und der Thüre zuschreitend, gebot sie dem Alten, einen
Lohndiener anzunehmen, der sie nach dem Gasthofe führen lönne,
dessen Namen sie dem Diener angab.
Der Alte aber trat ihr in den Weg. Mylady, sagte er,
nur das nicht, nur das ihun Sie nicht! Ich habe die selige
Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen und das Wappen-
eg
schild über der Thüre befestigt, als wir sie verloren haben. aas
Sie von mir verlangt haben, ich habe es gethan, Mylady, und
ich habe mich nicht unterfangen, zu fragen, was Sie beabsichtigten,
denn das war nicht meines Amtes. Aber heute, heute beschwöre
ich Sie: gehen Sie den Weg nicht, den Sie jezt eben gehen
wollen -- gehen Sie ihn nicht! Es ist Ihr Untergang, Mylady!
Sie blieb stehen; das gab dem Alten Muih. Lassen Sie
mich gehen, schreiben Sie, Mylady! Ich will eilen, schneller,
als Sie jezt durch die abgesperrien Straßen und durch die
Menschenmenge dringen können - - -

-=- , Zß-
Ich lann nich! -- lann nichi schreiben! rief die Herrin
ungeduldig.
So will ich ihm sagen, das: Sie hier find, will ihn holen. . -
Di?-- ihn? Sie lachte. Du-- ihn --- wenn meine
flehenden Billen, meine verzweifelden Thränen ihn nicht halten
konnken?
Aber was hoffen Sie, was wünschen, oa? wollen Sie
denn jezt, Mylady?.
Sie gab ihm keine Auiwort, und mit festent Schriite an
ihm vorübergehend, verließ sie das Gemach. D Alte folgte
ihr mit einem schweren Seufzer nach.
aurch Seilenslrasßen, auuf weiien Uunvcgen fühhrte der Lohr-
diener sie nach dem Gasthofe, dessen Namen man ihm aufgege-
ben halte. E war gegen den Mittag hin, die Kellner in dem
Hause mit Vorbereitungen fie die Mahlzeit beschäftigt. Das
Kommen der Fremden ward nur von dem Hausvart bemerkt.
Sie selber erkundigte sich, ob derjenige, den sie suchte, zu Hause
sei. Der Hauswart verneinte es, wusßte aber, dus er z. -=uhl-
i-- WP,-
zeit wiederkehren werde.
Deffnen Sie mir sein Zimmer, ich werde ihn erwarten!
befahl die Dame in einem Tone, welcher es he-= - -== -=-
giss?, n-»-pss
sie sei gewohnt, daß man ihr gehorche. Trotzdem zögerte der
Hauswart, ihr Folge zu leisien, und erst die Weisung des ihm
bekannten Lohndieners bestimmte ihn, dem Verlangen der Frem -
den zu willfahren.
Fest enischlossen, wie ihr ganzes Wesen sich kund gab. ---
v..s»--s
sie das Gemach. Sie schien ruhiger zu werden, als sie sich in
demselben befand. Sie legle den Maniel und den Huut von
sich und sezte sich nieder. Sie hatte das noch nicht gethan, seit
sie ihren Wagen verlassen hatie. Ihr Diener und der Führer
entfernten sich auf ihren Wink.
Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war, blieb

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sie jetzt regungslos au, dem erwählten Plaze sizen. So oft
ein Fuusßtritt auf der Treppe hörbar wurde, so oft man sich
von außen im Vorübergehen dem Zimmer näherte, schreckte sie
znsaumen, schien sie sich erhebeu zuu wollen; indes; sie überwand
sich, und die Hand auuf die Lehne des Sessels gepresßt, die
-ppen sest geschlossen, hielt sie ihr Age mil höchster Span-
Ii:
nung auf die Thire gerichtet, während ihre Wangen noch blässer
wurden und ihr Busen sich unter ihrer wachsenden Aufregung
angstvoll hob und senkte. Denn abermals kam es die Treppe
hinauuf, wieder schrilt es de:n Gang entlang, wieder näherte sich
a-aand mit raschem Schritie dieser Thure, und diesen Schritt,
E,-
den kanike sie.
Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem Kopfe, nach
dem Herzen, als sich drausßen eine Hand auuf den Dricker legte.
,-ts
=-pk öffneie die Thinne sich, jezt trat er ein!
Und wie sie sich erhob, wie sie hoch aufgerichiet vor ihm
stehen blieb, da wich auch ans seinen Wangen ihm das Blut,
und wider seinen Willen erschreckend über die Verheerung, welche
die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher Schönheit an-
gerichtet hatie, rief er, die Hände wie zur Abwehr gegen sie
erhoben: Eleonore- Sie hier?
Indeß sein Anblick, -« -on seiner Stimme schienen sie
v.i-=- N
zu beruhigen; gleichviel, was er auch sagte, sie sah, sie hörte
ihn doch! Sie ließ sich auf den Sessel niederfallen, ihre Arme
sanken schlaff herab, und mit einer Weichheit, welche gegen ihre
bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien, sagtesie, während
ih. Auge auf ihm ruhte: Und wo soll ich denn sonst sein?
Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungs-
los. Wie er auch gewohnt war, sich zu beherrschen und seine
===-- zu erwägen, dieses Mal wußte er nicht, was er damit
MlJissb
that, als er noch einmal die Frage auufwarf: Wie kommen Sie
hierher? Was wollen Sie, Eleonore?

-- 1ß!-
Was ch will?-- Dich sehen! gab sie ihm zur Antwort,
und als habe sie jetzl alles erreicht, was sie winsche und begelne,
stizte sie das Haupt auf ihre Hand und blieb schweigend sizen.
Unenschlossen, was er thun solle, ging der Abl in dem:
engen Naume auf und nieder. Drausen rief der harte, lang
anhallende Ton einer Gloce die Gäste des Hauses zur Tafel;
auf den Treppen, auf den Gängen wurde es lebhaft; laute,
lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch
neues Sprechen und durch fröhliches Lachen ersetzk. Innen war
es todtenstill.
Eundlich schien der Abbs seiner wieder Meister geworden zu
sein. Er irai an die Erschöpfie heran, nahm sie bei der Hand
und sagte: Sie sind krank, Eleonore! Und dies ist nicht der
Ort, an dem wir einander wiedersehen, einander Nede stehen
können. Ermannen Sie Sich! ein Wagen soll sofort zu Ihren
Diensten sein. Lsseu Sie mich Sie nach Ihcer Wohnuung
hingeleiten, dort. - -
Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor, und langsam
mit dem Haupte nickend, rief sie: Ja, ich bin krank, sehr krank!
aSie soll ich auch leben ohne meine Seele, die Du mir ent-
wendet hast? Wie soll ich leben, wenn D.. Duch mir entziehst.
der Du mir alles zu ersezen angelobtest, was ich um Dich ver-
loren und verlassen habe? Wollte ich nicht leben, um Dich zu
sehen, ich wäre lange, lange schon gestorben!
T.. Thränen, welche sie bis dahin mihsam zurückgehalten
d.-
hatte, brachen jezt hervor; sie verhitllte ihr Antliz.==- -==e.
e,a- Iss.
da er sich von ihr nicht beobachiet sah, schloß, vom Schmerze
überwältigt, seine Augen. Dann fuhr er sich mnt der Hand
flüchiig iber die bleich gewordene Stirne, und sich zu ihr nieder-
sezend, bat er, indem er ihre Rechte in die seinige nahm, daß
sie ihn hören möge.
Sie schüitelte verneinend daö Haupt. Ich habe Dich nur

-- P9F--
zu oft gehört, sagte si.. was kannst Du mir noch sagen,
ich zu glauben vermöchte? Ich habe Dich gehört, als Du
das
mir
vorgehalten, Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen,
das
Loos des gewöhnlichen Weibes zu iheilen! Wer war es, als
=--u, der mir den Stolz im stolzen Herzen nährte, daß ich nur Einen,
nur Einen als meines Gleichen ansah, mit dem mich hinweg-
zusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen und
Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien?
Losgetrennt von der Welt, wie Du es bist, trenntest Du auch
mich von ihr los! Festgewuurzelt in Deinem Glauben, zerstörtest
Du mir den meinen! Und als ich, verschmäht von dem Manne,
auf dessen Lebe Du mich verwiesen hailest, obschon Du wstest,
daß ich ein Verbrechen begehen wüirde in dem Auugenblicke, da
ich sie mir zu eigen machte; als ich, ausgestoßen von der Ge-
sellschaft, in welcher ich bis dahin heimisch gewesen war, zurück-
gewiesen von den Edeln des Landes, deren Pair ich bin, als
ich mich da gedemükhigt und verzweifelnd in die Einsamkeit
meines Schlosses zurickzog -= wer hies; Dich damals meinem
Hülferufe folgen? Wer hieß Dich. . -
Ihre Stimme war lauuter geworden, je länger sie sprach;
der Abbä versuchte vergebens, sie zu beruhigen, beschwor sie
vergebens, zu bedenlen, das; man sie in den Nebenzimmern
hören könne. Sie beachtete seine Worte, seine Vorstellungen nicht.
Lasß mich! rief sie. Mag die ganze Welt es wissen, daß
ich elend bin, weil ich mich elend und verlassen fühle!-- Oder
hast Du ihn vergessen, den Tag, fragte sie, und noch jetzt glitt
ein seliges Lächeln über ihre Züge. hu=-=u den schönen Tag
»s ed.
vergessen, an dem Du mir gestandrn hast, daß Du nie geliebt
und daß Du mich liebiest? Hast Du vergessen, daß ich Dich
auf meinen Knieen angefleht, hinzunehmen alles, was ich bin
und habe, mein zu werden als mein Gatte und mein Herr,
und das; ich sie gefihlt auf meinem Haupte, Deine heißen

--- 1IZ- -
TThränen, daß ich sie noch fühle, Deine heißen Küsse, unter
denen ich zu vergehen wünschte? Hast Du es vergessen, wie
Du mich mit heiligem Eide schwören lassen, das; ich nie einem
Manne angehören würde, weil Du geschworen, keines Weibes
Mann zu sein? Hast D bas alles, alles ganz vergessen, Mann?
Der Abbe war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt.
Er preßte seine Hände gegen seine brennende Stirn, auch sein
Herz schlg ihm gegen die Brust, daß es ihm den Athem ver-
setzte; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf ent-
wöhnt, hatte er es auch fir Eleonore nichk.
Wir uissen zu Gide lommen, sagle er, sich mit Gewalt
beherrschend, wenn wir nicht Beide, Beide untergehen sollen!
-- Er hielt inne, und mit jener grausamen Offenheit, die sich
nicht scheut, Alles zu bekennen, weil sie nichts mehr zu verlieren
hat und firchtet, sprach er: E ist wahr, wie Du es sagtest,
Alles wahr!-- Ich habe mit dem bestimmten Zwecke, Dich
der Miterkirche wiederzugeben. mein Auge üler Dir gehabt,
seit ich Dich lannte! Ich habe Dir frih gestanden, daß ich zu
Grosßem Dich berufen glaubte, ich habe danach gestrebt, Dein
Vertrauen zu gewinnen, Deine Seele zu beherrschen! Aber wann
hat je die Stuunde geschlagen, in welcher ich es Dich vergessen
machen gewollt, daß ich füür mich von Dir nichts zu begehren
hatte? Du wußtest, wer und was ich war! Du sahst das
Kleid, das mich von der großen Menge trennte, Du wußtest,
daß ich ein Diener unserer Kirche bin! Habe ich sie je vor
Dir verborgen, die Dornenkrone der Entsagungg, die wir tragen
als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung? War ich es.
der von Liebe zu Dir gesprochen hat? War ich es, der die
heißen Wünsche Deines Herzens angefacht? Ich hielt Dich für
ein Höheres geschaffen ! Du solltest sie kennen lernen in ihrer
Nichtigkeit, die Gunst der Mächtigen, die triigerischen Freund-
schaften der Welt, die urtheilslose Gesellschaft Deiner Standes-
F. Le wald, Von Geschhlechi ze Geschlecht. l.

19e---
genossen, um zu ermessen, was es heisßt, in fester Gliederung
einer unwandelbaren Einheit anzugehören, die, ein geheimniß-
volles Wesen, der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt!
.n, ich liebte Dich -- ich liebe Dich noch, das fihle ich an
dem Verlangen, das ich hege, Dich einzureihen in den Kreis
der Herrschenden! Aber -- D bist kleiner, als ich Dich ge-
glaubt! Du hast sie nicht verstanden, jene Liebe, die ich fir Dich
hege! Nichi ein Wille, Dei:te Siine haben Dich lesirickl, das:
ich kaum wußte, wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem
Sturme, deu. -uu über uns heraufbeschworen! Mit aller Gewalt
, eg
mußte ich Dich und mich hinfliichten zu den Füßen des Gottes,
der fitr uns gestorben ist, um es zu vergessen, das: ich ein Mann
bin, ein Mensch, und Du ein schönes Weib! Ich musgte Dich
meiden, um Deiner selbst willen! Denn rein solltest Du nieder-
knieen, ein reines Weib, zu den Fiszen der unbeflecten Jungfran,
der Du Dch angelobt in jener Stunde, da ids ---g aufge--
e. gz1?
nommen in den Schoos; der Kirche, die jezt iiber ich und mich
ihre schüützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug
Gott Dich sicher auserkoren hat! Ich habe fitr Dich ge-
khan,
kann
was ich gemusst, was mein Glaube mir geboien! Ich
nichts weiter fitr Dich khun -- ich gehöre nicht mir
selber an!
Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüüber, aber er
. As; -
wagte sein. «cke nicht auf sie zu richien. Er wendete sich von
ihr ab. Sie glaubte, daß er sich entfernen wolle, und auf-
springend aus der tiefen Versunkenheit, mit welcher sie ihn an-
gehört hatke, warf sie sich ihm zu Füsßen, und mit ihren Armen
seine Kniee umklammernd, rief sie: Ich sierbe, wenn Du von
mir gehst!
Er zuckte zusammen vor dem Jammerli.ü.e, aber er erhob
Asif
sie mit fester Hand, und mit einer Nuhe, die ihhn älter erscheinen
machte, als er war, versetzte er: Jeder von uns muß in sich

- 1IJ
den Tod erleiden, um ein neues Leben zu beginnen, und das
wirst auch Du. Glaubst Du, ich habe sie nie gefühlt, diese
Schmerzen der Entsagung? Glaubst Dne. ich habe sie nie ge-
kannt, die Angst vor der eigenen Ohnmiacht und die Zweifel
an des Höchsten Kraft verleihender Hilfe? Glaubst Duu, ich habe
nicht gesorgt um Dich, nicht zu Goti gefleht fnr Dich? Whust
Dun, das: meine Seele nicht bei Dir ist, wenn Dein Auge mich
nichi siehs1? - Er halle ihre Häinde i die seinen genonnnen,
jezt hob er sie in die Höhe, und den Blic! zum Himmel ge-
,wendei, bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet. Die Gräfin
stand ihm wie gebrochen gegenüber. Als er geendet hatte, legte
er seine Hände segnend auf ihr Haupt, und machtlob und
schweigend sank sie vor ihm nieder, seine Kniee noch einmal in
Thränen zu umfassen.
Er lies; sie einen Augenblick gewähren, dann führte er sie
nach dem Sessel und ging hinaus. Sie war betäubt vor Schmerz.
Drausßen fand der Abb0 den Diener der Gräfin. Er befahl
ihm, einen Wagen herbeizuschaffen; der Alte hatte schon dafür
gesorgt
In das Zimmer zurickgekehrt, trug der Abbe selbst dafür
Sorge, die Gräfin einzuhillen. Sie ließ es willenlos geschehen.
Kommen Sie, Gräfin, sagte er, hier ist Ihres Bleibens nicht!
- Er nahm ihren Arm in den seinen, und mit dem welt-
männischen Anstande, dessen Niemand mehr Meister war, als
er, fihrte er sie die Treppe hinab und nach ihrem Wagen. Sie
mochte erwartet haben, das; er sie begleiten werde, denn erst,
als er sie hineingehoben hatte und, ihr die Hand noch einmal
reichend, von der Thire desselben zurücktreten wollte, erwachte sie
aus ihrer Versunkenheit, und sich emporrichtend, rief sie: Wann,
wann sehe ich Sie wieder?
Nicht eher, bis Sie es verlernten, ür Sich selbst zu
wünschen und zu hoffen, nicht eher, bis Sie den Schleier ge-
z O s

1
nommen haben, der Sie abtrennt von dem irdischen Verlangen!
Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom! sagte er fest und
feierlich; und dem Kutscher das Zeichen gebend, daß er fahren
solle, ging der Abb mit ruhigem Schritte und hochgehobenen
Hauptes in sein Gemach zurück. Eine Stunde später hatte er
die Stadt verlassen und seinen Weg gen Siden fortgesetzt.