Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 15

Zweite Capitel.
P
,enatus hatie, als die Parade beendet war, sein Pferd
dem Reillnechie übergeben, um nch eiige Besuche und Gänge
alzumachen. Er befand sich bereits wieder auuf dem Heimwege,
als er vor dem Gasthofe, in welchem die Gräfin abgestiegen
war, einen MiethSwagen halten sah, mit dem es ewwas Be-
sonderes auf sich haben mußte, denn der Wirth und die Kellner
umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken. E kamen die
Wirthin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei,
man rief nach einem Sessel, nach einem Arzte, und mit jener
Neugier, welche man in einem müßigen Augenblicke empfindet,
trat Renatus, der zur Zeit seiner Niickkehr aus Frankreich selbst
in dem Hauuse gewohnt hatte, an den Besizer desselben heran
und fragte, was es gäbe.
Ach, versetzte dieser, eine junge, vorurhme Dame, die vor
zwwei Stunden bei uns angekommen ist, hat gleich danach zu
Fuße das Haus verlassen und wird uns nun ohnmächtig oder
vielleicht gar todt in diesem Wagen nach Hause gebracht. Ihr
Diener ist hinauf gegangen, ihre Kammerfrau zu holen, und
wir versuchen eben, wie wir sie am besten von der Stelle bringen.
Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten, und von
der Seltsamkeit des Vorfalles angezogen, icat Renatus an die
andere Seite des Wagens heran, um hinein zu sehen. Kaum
aber hatte er die Gestalt erblickt, die ganz zusammengesunken
und bleich wie eine Todte mit geschlossenen Auugen dalag, als

-- 108--
er die Thire des Wu,,. ns aufriß und mit dem Ausrufe:
Eleonore, um Goltes willen, wie kommen Sie hieher? Was ist
geschehen, Eleonore? in den Wagen sprang und sie in seinen
Armen in die Höhe hob.
Die Umstehenden traten vor Verwunderung zuriück; nur
der Wirth sah es, wie die Fremde vor des Freiherrn lautem
Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug und, als habe
sie ihn erkannt, ihr Haupt auf seine Schulter legte.
Niemand wußte, was er von dem Vorgange denken solle;
aber als nun vollends die Leute der Gräfin herbeigekommen
waren, als der Diener und die Kammerfrau den Freiherrn bei
seinem Namen nannten, als die Letztere Gott dafür dankte, daß
er den Baron hieher geführt habe, da schien dem Wirthe plözlich
die Einsicht in die obwaltenden Verhältnisse zu kommen, und
den Kellnern ein Zeichen gebend, daß sie sich entfernen sollten,
leistete er in Person, mit den Leuten Eleonorens, dem Frei-
herrn den Beistand, dessen er bedurfte, um die ihrer selbst nicht
Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen.
Die Kranke war entkleidet, war zu Bette gebracht, ein Arzt
herbeigeschafft; aber von ihr selber konnte man keine Art von
Auskunft über ihr Befinden erhalten. Sie vermochte ihre
wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten, obschon sie
Renatus wiedererkannt hatte And nach ihm verlangte, wenn sie
in einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war.
Er und der alte Diener hatten den Arzt, so weit als
nöthig, mit den obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht, und
wie derselbe sich auch weigerte, in diesem ersten Augenblicke ein
festes Urtheil auszusprechen, ließ er es doch errathen, daß man
es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden, daß man
es allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krank-
heit zu thun haben werde. Er wollte sich, nachdem er seine
Verordnungen gemacht hatte, entfernen, und Nenatus schickte sich

-- - 109---
an, ih zu begleiten; aber Eleonore bemerkte es, als der Freiherr
seine Hand auns ihrer in Fieberhize glihunden Rechten zog, und
ihn festhaltend, rief sie angstvoll Sie dirsen nicht fort! Sie
nicht! Nein, Sie nicht!
Es lag etwoas völlig Jrres in ihren Blicke und in ihrem
Tone, das ihn entsezte. Er hatte ein unbegrenztes Mitleid
mit dem schönen, einst so selbstgewissen Mädchen, das er so
hilflos vor sich sah; aber auch seine eigene Lage macht ihm
Sorge. Daß es für ihn, nach den vereinzelte: Gerüchten, welche
über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen
waren, nicht möglich sei, ihren Krankenpfleger zu machen, darüber
wäre er mit sich ganz im Klaren gewesen, auch ohne die An-
wandlung von Eifersucht, mit welcher seine junge Frau die
Gräfin Haughton stets betrachtet hatie.
Er hätte viel darum gegeben, wäre er nicht so unvorbe-
reitet, so plötzlich in dieses Abenteuer hineingezogen worden,
häiten die Leute in dem Gasthofe es nichi gesehen, wie er die
Gräfin, wie sie ihn wiedererkaunt, wäre de. Arzt nicht Zeuge
gewesen, wie Eleonore ihn nicht lassen wollen, wie sie sein
Bleiben gefordert hatte, als habe sie ein Recht darauf. Er konnte
es sich nicht verbergen, daß er jedem in die Verhältnisse nicht
Eingeweihten als der Mann erscheinen mußte, dem Eleonore
gefolgt war, der an ihrer Krankheit Schuld trug, und er hatie
eben erst die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst,
hatte sich eben erst verheirathet, eben erst seine Frau in die
Gesellschaft eingeführt, deren Verhalten gegen seine junge Gattin
ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war.
Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen, daran
dachte er nicht; aber er sann darüber nach, wem er sie über-
geben, wen er in die Lebens- und Herzensverhältnisse der Un-
glücklichen, so weit er selber sie zu beurtheilen im Stande war,
einweihen dürfe, ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen,

---- 100--
und er konnte Nieme... en finden. Die Gräfin Rhoden war
nicht in der Stadt, Cäcilie, wie sehr er sie auch liebte und ihr
vertraute, war Eleonoren nicht gewachsen. Sie konnte er un-
möglich zur Pflegerin Eleonorens machen, von ihr konnte er
fiir diese keinen Anhalt hoffen; er mochte auch den Schatten
dieses disteren Geschickes nicht auf die ersten, schönen Tage seiner
Ehe fallen lassen, er mochte die harmlose Fröhlichkeit seines
jngen Weibes nicht stören und nicht missen.
Wie er nun so, zwischen einer berechtigten Selbstsucht und
seinem Mitgefihl getheilt, vor- und rückwärts blickte, drängtt
sich ihm uuwilllirlich der Gedanle in die Seele, das; seiner
Familie von der Annäherung an die verslorbene Herzoginu von
Duras nichts als Unheil gekommen sei. Er grollte dem Tage,
an welchem die Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte,
er verwünschte es, sie in Paris aufgesucht zu haben. Er begriff
kaum, wie er überhaupt auuf den Gedanken versallen war. Hatte
er doch sein Leben lang niemals vergessen können, wie heiter die'
Herzogin stets gewesen, als seine Mutter in dem Flies'schen
Hause schon zum Tode lrank darnieder gelegen hatte; wie sie-
an nichts gedacht, als an sich und ihr Behagen, während die
treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner Mutier gesessen
und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache ge-
halten hatte.
Wie Jemand, der im Dunkeln, seines Weges ungewiß,
angstvoll umhergetastet hat, plözlich stehen bleibt und sich zurecht
zu finden trachtet, wenn ihn aus der Ferne ein Lichtschein die
rechte Siraße ahnen läßt, so hielt Nenatus plözlich inne: denn
jetzt wußte er, wo er Hülfe finden könnte. Eine Frau wie
D ,
Seba that Eleonoren Noih, eine Frau wie Seba fehlte an
diesem Krankenbette. Seba hatte die volle Einsicht in das
Menschenleben, welche duldsam und barmherzig macht. Sie hatie
die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Buseu ireu bewahrt;

-- W1
seine auutter hatte ihres starken Verstandes, ihres großen Herzens
in den Tagebüchern oft erwähnt, die in den Besiz ihres Sohnes
übergegangen waren und die ihn bestimmi hatten, Seba auf-
zusuchen, als er vor neun Jahren zuerst nach der Haupistadt
gekommen war. Aber was lag alles zwischen dem heutigen
Tage und jener fernen
Freilich haite er
Zeit! --
nur mit tiefstem Bedauern, nur mit
die Mitiheilungen s ines Oheims über
innerstem Widerstreben
dessen Liebeshanbel ut Seba angehört und geglaubt; indeß er
hatte sie doch geglauult! Er hatke sie auf das Wort eines Mannes
hin geglaulk, dessen Chharalterlosigkeit er kannte, dessen frevel-
haften Leichtsinn in Bezug auf Franen. ja. dessen niedrige
Sinnlichkeit ihm immer ein Gegenstand dcr Abneiguung und des
Misztrauuens gewesen waren. Er hatte Seba, von der er nichiö
als Gutes wusßte und erfahren hatte, ohne eine Anfrage an sie,
ohne sie zu hören verurtheilt. Seine Schwiegermutter, die sie
schätzte, seine damalige Verlobte, die an Seba hing, hatte er
von ihr enifernt, sich selber in schnöder Weise von ihr losge-
sagt, und das alles, weil ein Mann mit den leichten und sichern
Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos be-
rühmt hatte, die Gunst dieser Frau besessen zu haben, als sie
noch ein halbes Kind gewesen war. Als ob es eine Heldenthat
oder eine große Kunst gewesen wäre, das Vertrauen der Un-
schuld zu gewinnen und zu mißbrauchen! Und Seba hatte
vielleicht einst eben so elend, eben so verzweifelnd, mit sich und
mit dem Leben gerungen, wie jetzt die ungliückselige Eleonore,
die in ihren Phantasieen bald die heilige Juungfrau zu ihrem
Beistande anrief, bald mit flehendem Verlangen den Namen
des Mannes aussprach, den sie liebte und von dem sie, wie sie
immer wiederholte, ihre Seele wiederhaben wollte.
Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher
Folge durch sein aufgeregtes Hirn, während er an dem Lager

ocH
der Kranken saß. Der Z Jer der Uhr, welche auf dem Spiegel-
tische zwischen den beiden Vasen voll kimnstlicher Blumen stand,
rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute
vorwärts, und jede Minuute steigerte mit der Unruhe und der
Angst des Freiherrn ein nicht abzuweisendes, lastendes Schuld-
bewußtsein in seinem Innern. Er, der meist immer mit sich
wohl zufrieden gewesen war, der sich stets mit selbstischer Leich-
tigkeit zurechtzusetzen gewust, wenn er sich in irgend welchem
inneren Zwiespalt befunden hatke, konie heute dies Schuldbe-
wuuszisein eichl ilberwinden, und es bezoz sich nichl aus eine be-
slimmle Person oder auf eine bestimmie Handlung, es war eine
allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich seiner be-
mächtigte.
Er fühlte sich schuldig gegen Seba, er war weniger al?
jemals darüber beruhigt, daß er den Grafen Gerhard einst so
nahe an sich herangelassen hatte. Er warf sich seine frühe Ver-
lobung mit Hildegard vor, er tadelte sich, daß er Eleonoren
von derselben nicht gleich unterrichtet, daß er dem Abbe, ohne
ihn genauu geng zu kennen, sein Vertrauen gewährt hatte; und
er bereute das alles hauptsächlich, weil er, der danach getrachtet
hatie, sich in dem ihm angeborenen Kreise unter seines Gleichen
recht festzusetzen und auszubreiten, jetzt, da er einer Leidenden
die Hand bielen, sie aufrichien und tragen wollte, sich es ein-
gestehen mußte, daß es ein trügerischer Boden sei, auf dem er
sich bewege, und daß er Niemanden, aber Niemanden in seiner
ganzen nächsten Umgebung und Verwandtschaft habe, von dem er
in einem außergewöhnlichen Falle auf einen außergewöhnlichen'
Beistand rechnen dürfe.
An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich
wenden, um Hülfe zu fordern für eine junge Gräfin Haughton,
die, von der Liebe fir einen katholischen Geistlichen über alle
Schranken der gesellschaftlichen Zucht und Sitte fortgerissen,

--- W--
ihren Glauen gegen ihre Neberzengung abgeschwworen hatte, und
nun in halbem Jrrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft
verfolgte?
Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu
angethan, jene Frauen abzustoßen, welche in die Bewahrung
ihres guten Nufes, in die strenge Unterordnung unter die her-
gebrachte Sitte, und in das Beharren innerhalb der ihnen durch
ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre
sezten. Renatuus hakte von frühester Jngend an auus voller
leberzeugpungz die engeu und uuwandelbaren Formnen und Gesetze
der sogenannten guien Gesellschaft als ein Heilsames und Noth-
wendiges anerkannt. Er hatte es von den Frauen seines Standes
als ein Unerläfliches gefordert, das: sie selbst den geringsten
übeln Schein zu meiden suchen sollten, und er wirde noch in
dieser Stunde jedem, auch dem leisestek Zweifel an einer zu ihms
a U
Hier aber lag nun Eleonore, dem härtesten Urtheile ge-
rechten Anlaß bietend, unglicklich und verlassen, und doch nicht
schuldig.
Jmmer und immer wieder kam Renatus auf die eine
Frage zurick: Wen soll ich rufen, ihr beizustehen und mir zu
helfen?
Einen Priester seiner Kirche? Der Arzt hatte dies eben
so entschieden verboten, als die Zulassung eines protestantischen
oder englischen Geistlichen, auf welchen die Dienerschaft der
Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte. - Eine der älteren Frauen
seiner Bekanntschaft? Man war gegen ihn selöer nicht ohne
Voreingenommenheit, wie konnte er hoffen, für Eleonore ein
gerechtes, ein nachsichtiges Urtheil zu gewinnen? Wie konnte er
erwarten, von denen, welche sich für makellos, finn ei ie besondere
und bevorzugie Menschenklasse betrachteten, das Erbarmen mit

-- 0----
den Irrthümern und Fehlern eines Mädchens zu erlangen, das
sich eben durch dieselben von dem Herlommnen ihres Hauses und
ihres Standes so auffallend entferute!
Und er selber? Nun, er hatie es ja auch fitr Pflicht er-
achtet, selbst den Schein des Unrechtes von sich fern zu halten,
weil die Welt berechtigt sei, nach dem Scheine zu urlheilen -=
und der Schein war ganz entschieden gegen ihn. Heute, jetzt
verstand er es, weßhalb der Heiland, an den er glaubte, nicht
die Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schilern und
Aposteln auserkoren hatic, weßhalb er sich mit seiner Lehre von
der Liebe und von der Vergebung zu den Armen hingewendet,
die der Liebe und der Vergebung sich selber bedinftig gefihlt
hatien; heuie verstand er zum erslen Male, was Chrisius hin-
gzogen zu der Sünderin.
Nur Seba lounie ihuu helsen, und was es ihn auch losiele,
ihr zu nahen, gegen die er sich versündigt hatte, er muste ihren
Beistand fordern.
Vorsichtig, um Eleonore nicht zu erwecken, die in Schlaf
versunken war, zog er seine Hand aus der ihrigen, und ihren
Leuten die noihwendigen Weisüngen zurüüclassend, machie er sich
zu Seba auf den Weg.
E war zwei Uhr vorüber, als er an Tremann's Thüre
den öffnenden Hauswart fragte, ob Fräulein Flies zu Hause
sei. Die Herrschaft speise, gab man ihm zur Autwvork, und
HHerr Tremann habe streng befohlen, daß man während der
Mahlzeit Niemanden melden dirfe. Der Freiherr schiützte drin-
gende Geschäfte vor; der Hauswart blieb bei seiner Weigerung.
bis die Unruhe, welche Nenatus nicht verbergen konnte, jenen
anderen Sinnes machte. Er zog eine Schelle, welche in das
Innere des Hauses ging; der Diener kam heraus, und auf die
Erklärung, daß der Herr Major das Fräulein zu sprechen,
wünsche und sich nicht abweisen lasse, forderte der Diener des

--- W
Freiherrn Karte, nöihigie ihn, in das Borzimmner einzuireten,
und entfernte sich dann, den Bescheid fir ihn zu holen.
Wie sie das gelernt haben! sagte Renatus unwillkürlich
und mit Erstaunen; als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit
und an jene häuslichen Einrichtungen, welche vor unwillkommenen
Störungen und Ansprüchen bewahren, das Vorrecht einer be-
sonderen Menschenklasse wäre. Wie sie das gelernt haben!
Der alte Flies sprgig noch behende von seinem Tische auf, wenn
man im Laden schellte -- und nun gar für Unsereinen!
E blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze
Zeit, denn der Diener brachte ihm, die Antwort, daß die Herr-
schaft ihn zu empfangen bereit sei, und ging vorauf, ihn nach
Seba's Zimmer zu geleiten.
Er fand sie seiner bereits warkend; aber sie war nicht
allein. Paul war bei ihr; denn nach den Erfahrungen, welche
Graf Gerhard ihn bei Anlaß von Seba's Briefen hatte machen
lassen, und uach der Weise, in der Renatut sich von dem
flies'schen Hause zurückgezogen, meinte Paul seine Freundin vor
jeder Begegnung mit diesen beiden Munern, so viel an ihm
war, behüten, oder ihr bei einer solchen doch mindestens zur
Seite stehen zu müssen. Es lag daher auch wenig Ermuthi-
gendes in seinem Tone, als er den Freiherrn fragte, welchem
Zufalle man die Ehre seines Besuches zu verdanken habe.
- Auf Paul zu treffen, wo er darauf gerechnet hatte, Seba
allein zu finden, war dem Freiherrn nicht willkommen; aber er
Füberwand sich, weil die Nothwendigkeit ihn dazu zwang, und
Fohne auf eine Entschuldigung zu sinnen, sagte er mit der Sicher-
sheit derjenigen, welche es gewohnt sind, für sich um ihrer
Jtellung und ihrer Persönlichkeit willen schließlich doch immer
Jeine gute Aufnahme zu finden: Sie haben ein Recht, diese Frage
ßin solchem Tone an mich zu richten, und ich würde, ehe ich es
gewagt hätte, Fräulein Flies nach einer so lcngen Versäumniß

-- W0.--
aufzusuchen, mich sicherlich vor ihr zu rechtferligen getrachtet
haben, wäre der Anlaß, der mich heute, der mich eben jezt
nöthigte und trieb, mich an Fräulein Flies zu wenden, nicht
ein plözlich eingetretener, und häite ich Zeit, an etwas Anderes
zuu denken, als an die Hilse, die ic von ihr si:r eine llnngliickliche
zu fordern gelounnen bin!
Seba hatte ihn genöthigt, sich niederzusezen, und den Faden
seiner Mittheilungen wieder aufnehmend, sagte er: Sie werden
Sich, ich weiß es, wundern, daß ich mich eben an Sie wende..
Nein, Herr Major, fiel Seba ihm mit ihrer sanften Würde
in die Rede, o nein! Sie sind nicht der Erste meiner Freunde,
der mich versäuumte und mir wiederkam, der mich in seinem
Glücke vergaß und sich an mich erinnerte, wenn er mich brauchte.
Ich habe dies, füügte sie mit einem Lcheln hinzu, das sie noch
immer sehr schön erscheinen ließ, ich habe dics aber immer als
mein besonderes Aelsdiplom betrachtet, und Ihr hentiger Besach,
Ihr Anspruch an mich sind mir eine Bestäiigung desselben.
Seien Sie also willkommen -- sie hielt ihm ihre Hand hin -=
in der That willkommen, Herr Major! Und uu, waö wünschen
Sie von mir?
Renatus kißte ihr die Hand, die sie ihm dargeboten hatte;
aber das Roth der Scham trat ihm auf die Stirne, denn Paul
war Zeuge der freundlich vornehmen Verzeihung, mit der sie
ihren einstigen Freund behandelte, der Gnade, welche Seba ihm
angedeihen ließ. Indeß Renatus mußte dies zu vergessen, sich
darüher fortzusetzen suchen, und Seba und Paul erleichterten,
nachdem die Erstere sich die ihrer würdige, aber unerläßliche
Genugihuuung bereiie! hatle, ihm dies beide durch ihre Fragen
und durch die Art, in welcher sie seiner Miltheilung ihr Ohr
liehen.
So schnell, so gedrängt und so schonend, als es nur möglich
war, suchte Renatus sie von den Verhältnissen der Gräfin, von

---- I0?--
dem, was er selber mit ihr erlebt hatte. in Kenntniß zu sezen.
Er hatte dabei seiner Verheirathung, er hatte Cäcilien's wie
Vitioria's zu gedenken, und von dem E.fet seiner Mittheilungen
fortgerissen, sagte er: Sie werden meine Stiefmutter, Sie werden
meine Frau ja leunen lernen. Keiner von beiden, ich darf das
zuversichllich sagen, würde der guie Wille fehlen, der Gräsin bei-
zustehen, aber der gute Wille ersetzt die Kraft, die Einsicht, die
Erfahrung nicht. Sie sind meiner theuren Mutter einst ein
solcherTrost gewesen -- nehmen Sie Sich der Gräfin Haughton an.
Seba antvortete ihm nicht gleich, als er geendet hatte;
das beunruhigte ihn.
Sie zögern? fragte er. Sie wollen oder Sie können ihr
nicht beistehen?
Ich sinne nur darüber nach, entgegnete ihm Seba mit jener
Einfachheit, deren nur die höchste Bildung und die höchste Güte
fähig machen, ich sinne nuur darüher nach, wie ich es anfange,
gleich jezt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren. Sie sagen
mir, daß Sie nach Hause müssen, um Frau von Arten nicht
zu beunruhigen, und ich habe fir den Nachmittag eine andere
Verabredung getroffen.
Das ist leicht zu ändern, bedeutete ihr Paul, der gewohnt,
das Steuer zu führen, es unwwillkürlich und überall, bei kleinen
wie bei großen Anlässen ergrif; und die Schelle ziehend, befahl
er dem Diener, daß man anspannen, schnell anspannen, und
ihm aus dem Comptoir einen Boten senden solle. Dann schlug
er dem Freiherrn vor, die Baronin duurch ein paar Zeilen über
sein Asbleiben zu beruhigen; er selber ülberuahm es, Seba von
ihrer genommenen Abrede zu befreien, und während diese sich
entfernie, um sich anzulleiden und Davide von ihrem Ausgehen
zu benachrichtigen, blieben Paul und Nenatus in Seba's Wohn-
zimmer zurüück.
Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell

-- L8--
geschrieben, der Bote damit fortgeschickt, und Nenatus ward es
nun mit einer peinlichen Empfindung inne, daß er sich mit
Paul allein befand. Indeß auch jezt wieder kam der Leztere
ihm zu Hilfe.
Wie nannten Sie den Naumen der jungen Gräfin? fragie
er, um eine Unterhaltung einzuleiten. Ih mochte Sie vorhin
N
in Ihrer Mittheilung nicht unterbrechen und habe ihn nicht
verstanden.
Gräsin Eleonore Hauughlon! auiborlele der Freiherr.
Paul besann sich. Den Namen habe ich schon gehört,
meinte er; und plözlich sich erinnernd, sagte er: Irre ich nicht,
so ist die Gräfin bei unserm Hause accreditirt und uns in dem
Ereditive warm empfohlen; aber ich vermulhele in jener uns
zugewiesenen Dame naiiürlich leine junge Fraun, noch weniger
ein junges Mädchen, und darum fiel mir der Name nicht gleich
am Anfange auf.
Renatus erwwiederle darauf nichls; das Gespräch drohle
in's Stocken zu gerathen, und doch mochte er sich nicht inuner wieder
von Tremann vorwärts helfen lassen, mochie er nicht eben diesem
Manne gegenüber den Aschein auf sich laden, als fehlten ihm
die Leichtigkeit und Sicherheit, welche sein Vater in so hohem
Grade besessen hatie, oder als fühle er sich in der Gesellschaft
Paul's nicht frei. Er suchte nach einer neuen Auknüpfung; die
lange Parade am Morgen, die erschüütternde Begegnung mit der -
Gräfin, das Wiedersehen von Seba, kurz, alles, was er in den
wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden, hatte ihn
jedoch ermüdet, und zu der unerfreulichen Ahnung, daß er durch
Eleonorens Ankunft in den Bereich neuer Verwicklungen getreten
sei, gesellte sich noch der Gedanke, wie Paul sich jetzt nicht nur
im Besize dieses Hauses, sondern zum Theil auch bereits in
dem Besize der Arlen'schen Glter befinde. Das befing Nenatus
vollends. Er konnte, wie er sich auch mihte, keine jener all-

--- I0--
geeeinen, gleichgülltigen Bemerkungen nachen, mit denen man
sonsi einem Freuden gegenüber eiüige Minuten gemeinsamen
Wartens auszufillen pflegt. Aber dise Unbeholfenheit wurde
ihm immer drückender, ja. sie steigertc sich allmählich bis zum
Verdrusse iber sich selbst, bid zu einer Angst; uid als müsse
er sich von derselben um jeden Prei befreien, als müsse er es
durchaus erklären, was ihn beschäftige, sagte er plözlich mit einer
durch die Uustände in leiner Weise gerechifertigten Lebhaftigkeit:
Sie sehen, ich habe Iren Naih befolgi; Nothenfeld und Neu-
dorf sind verkauft!
Paul neigte kaum merklich das Haupt. Und Sie sind im
Militär geblieben, figie cr hinzu, ud haben die Frucht dieses
Enischltsses, wie ich mit Vergnügen hörie, schnell geng ge-
erniet. Man ha- .oen z gratiliren; Sie sind frih Majjor
.s »,
geworden!
Er hatte die Absicht gehabt, Nenatus mit dieser Wendung
von den ihm unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet
zu lenken, auf welchem ihm Butes widerfahren und erwachsen
war. Ueber diesen war jedoch uil der ersten Stuunde, in welcher
er sich zu dem Verbleiben in der ailitärischen Laufbahn ent-
schlossen ha... die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes ge-
ss,-
kommten, die sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag,
wenn Anderen das Gleiche zu heil geworden ist, und Tre-
manns Anerlennuung von sich weisend, entgegnete Renatus: Ich
bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen;
Sie waren ja auch zu Ende des ersien Feldzuges bereits Major!
Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig,
bemerlie Paul; das Avancement in der Landwehr machte sich
bei den ungeheuren Verlusten, die wir erlitten hatten, schnell.
Und wieder hatte troz der beiderseitigen guten Absicht das
Gespräch nach diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende
erreicht. Es war, als läge eine unausfillbare Kluft zwischen
J. Lc wald, Von Geshlehi zu Geshlecht.

--- Z0-
ihnen, die zu übersc;reiten keiner von beiden die Brücke fand.
Renalus meinte, es sei in seinen Verhältnissen geboten, seine
Würde mit Zurückhaltung zu behaupten, und Paul fannd keinen
Grund in sich, dem Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit
zu beweisen. Indeß die Unfreiheit, welche auf dem Anderen
lag, fing Paul, dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt war,
zu belästigen an. Das Mitleid, welches er mit Nenatus hegte,
konnte ihn nicht verhindern, dieses Beisammensein beschwerlich
zu finden. Unwillktrlich zog er die Uhr hervor, um zu ermessen,
ob Seba noch nicht kommen, der Wagen noch nicht fertig sein
könne. Das entging Renatus nicht, und als wolle er wenigstens
in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten,
sagte er, sich gewaltsam überwindend, um eine neue Unterhaltung
anzulnilpsen: Sie ssrachen, als ich Sie bei meiner Ricklehr
hier aufzusuchen veranlasst war, von Einbußen und Verlusten,
welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte. Derlgi
stellt sich wahrscheinlich auch in Jaer Lage so leicht nicht wieder
her. Wie ist es Ihnen ergangen, was haben Sie gethan, seit ich
Sie damals sah?
Paul's schönes Antliz hellte sich auf. Es war ihm eine
Erleichterung, daß Renatus sich von seiner Befangenheit loszu-
machen trachtete, und da er, wie alle tüchtigen Menschen, troz
der Enttäuschungen, denen Niemand mehr als eben solche unter-
worfen sind, doch immer wieder zum Glauben an den Menschen
und zum Hoffen auf das Gute in der Natur desselben geneigt
war, sprach er freundlich, wenn auch über die Art der Frage
unwillkürlich lächelnd: Fir Unsereinen, der mit seinem Thun
und Lassen auf sich selbst gewiesen ist, läst sich eine solche Frage
nicht rundweg, nicht mit Einem Worte abthun. Indeß ich darf
wohl sagen: ich habe nicht gefeiert! -- Dann, als besorge er,
den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide wieder in das frühere
Unbehagen zurüczuwerfen, fügte er hinzu: Es sind nicht allein

die großen Unternehmungen, es sind eben so wohl die kleinen
täglichen Erfolge, welche unö vorwärts bringen; und das Wachsen,
das Gedeihen vollzieht sich überall in der Regel geräuschloser
und weniger sichkbar, als das Zerstören und das Zugrunde-
gehen. Es liegt fir den Dritien, fir den Zuschauer daher
vielleicht kein besonderes Jnteresse darin, uns auf unserm Wege
zu begleiten, unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechsel-
reichen Arbeiten zuzusehen, selbst wenn es, wie dies meist der
Fall ist, mit den allgemeinen Nothwendigkeiten eng genug ver-
bunden ist. Wir haben keinen Nang, keine äußeren Anerken-
nungen, als diejenigen, welche das Urtheil unserer Standes-
genossen und Milbüürger uns zu Theil werden läßt; denn jene
Titel und Orden, welche der König einem Gewerbtreibenden
gelegeullich verleiht, zäihlen nicht vor den Tüchtigen und Ver-
ständigen unter uns. Wir schaffen uns unsern Namn, unsere
Stellung in der kaufmännischen wie in der büürgerlichen Welt
aus eigener Machwvollkommenheit. Unsere tägliche Arbeit wird
erst merkbar, wenn sie ihre Erüte getragen hat, obgleich wir
uns derselben stets bewusßt sind und unserer Freude an unsern
mit tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht ent-
behren. Und da es und an Sorgen und Hoffnungen dabei
durchaus nicht mangelt, so brauchen wir nach Erregungen und
Zerstreuungen nicht zu suchen, uns Lst und Pein nicht erst zu
schaffen. Das hat auch sein Gutes, besonders für denjenigen,
der in der freien Arbeit an und für sich schon seine wahre Be-
friedigung genießt!
Er brach ab, weil er besorgte, mit der Schilderung seiner
Zustände wider seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Frei-
herrn geboten zu haben; und in der That lag in des Kauf-
manns stolzer Selbstgenüügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben
und in die Zukunft verborgen, um welches der Freiherr ihn
beneidete. Er konnte sich jedoch nicht überwinden, ihm dies aus-
1 -

e1 e
= FF l. Fa ===
zusprechen, und ohne eine Bemerkung auf Paul's Auseinander-
sezungen hinzuzufügen, sagte er: Und Sie sind auch verheirathet?
Sie haben Kinder?
aa, ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweiies
Kind. Dazu geniese ich das Gllck, Fränlein Flies, die mir
und meiner Frau eine Muulier gesoesen, und die ja leider un-
vermnühll gellielen isl, in meinemn Hauuse eie Heiaihs bielen
zu können; und wir befinden uns in einer Lage, in welcher
wir uns in vollster Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und
bewegen lönnen. - Er hielt abermals inne und sagte danach:
Das ist freilich nichts Besonderes, das haben hundert Andere
auch, das ist viel und wenig, wie man es betrachtet. Mir ge-
nügt es! Ich könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem
schlichten Worte beantworten: es geht uns Allen in jedem
Sinne wohl!
Nicht so, Seba? fragte er, sich mit seinem hellen Blücke
und seiner volltönenden, männlichen Stimnne, deren bloßer Klang
erfrischend wirkte, an die Freundin wendend, welche, für die
Ausfahrt angelleidet, eben in das Zinnner lrat.
Gewiß! entgegnete sie; aber weßhalb soll ich das besonders
erst versichern?
O, rief Nenatus, und eine weiche, schmerzliche Eupfin-
dung, wie er sie diesen Menschen gegenüber, wie er sie in
solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt hatte, bewegte ihn und
drohte, ihn zu überwältigen, o, bereuen Sie diese Versicherung
nicht! Es ist ein Segen und es ist sehr selten, Glückliche zu
sehen!
Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen, und
ein V..ck des Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte, waö se
1sl-
dachten. Indeß die Meldung des Dieners, daß der Wagen
vorgefahren sei, trat eben jezt dazwischen.
Nenatus, sich schnell ermannend, bot Seba seinen Arm;

czt O
== SF Z t -
Paul begleitete sie. Als sie eingestiegen war, wendete Renatus
sich zu Jenem und sagte, indem er, was er sonst nie gethan
haite, ihm die Hand reichte und schittelte: Leben Sie wohl,
und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glick und Ihre Zufrieden-
heit! Leben Sie wohl!
Auf Wiedersehen! enigegnele Paul, ihm den Händedruck
vergellend. llnnd iu dus Hauus zurilclehrend, dachle er: Wenn
er ein Egsehen hätie - wie gern wollte man ihm helfen!