Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 16

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-writteä Capitel.
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Zze Zeil und das Leben warez damals uoch nichl so
bewegt, das: ein Ereignis wie die Auluinft und Erlranlung einer
vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung begleitenden auf-
fallenden Nebenumständen in der Nesidenz unbeobachtet und un-
besprochen hätte bleiben können. Der und jener Voriberkom-
mmende hatte gesehen, wie man die Kranke aus dem Wagen ge-
hoben, wie ein Major in voller Uniform dabei behülflich gewesen
war; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gasthofes hatten
sich bei den Kellnern erkundigt, was es mit der Kranken für
eine Bewandtniß habe. Die Fragen waren, wie das in solchen
Fällen stets geschieht, über die ersten Antworten hinausgegangen.
die nächsten Antvortenden hatken mit Vermuihungen zu ergänzen
gestrebt, was sie an Wissen entbehrten, und schon an einem der
folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter
ihren allgemeinen Berichten die Kunde: daß eine vornehme
Engländerin, die Gräfin E. H...ton, deren Abenteuer am fran-
zösischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres Vaterlandes
viel von sich reden machen, in der Hauptstadt angekommen sei,
wohin ein Herzensverhältniß sie gezogen habe. Wider ihr Er-
warten habe sie aber den Man, welchem sie gefolgt sei, einen
höheren preussischen Offizier, bereits anderweitig verheiraihet ge-
fuunuden unnd sei auis Verzweislung darilber wahusiunig gewworden.
Der Name des sie behandelnden Arztes schloß diesen Bericht.
Die bürgerliche Gesellschaft las üiber denselben hinweg, wie

-=--- Sah-
man im Allgemeinen über derlei achklos fortgeht; aber in den
Kreisen, in denen Renatus lebte, und in denen man gewohnt
war, sich um die Vorgänge an den verschiedenen Höfen zu be-
kümmern, fiel die Nachricht auf.
Man erinnerte sich, das; vor ungefähr drel Viertel Jahren
eine junge Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden
war. Man enisann sich, daß es die berühmte Schönheit, die
Gräfin Haughton-Lanzun gewesen sei, die Nmliche, welche nach
den Berichien der englischen Zeitungen in London am Hofe zu
der üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden, und späier
zum Katholicimus übergetreten war. Eine der Hofdamen,
welche mit der gräflich Nhoden'schen Familie verwandt war,
hatte damals von ihrem bei der preußischen Gesandtschaft in
Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mittheilung erhalten,
daß der Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin
Haughton verwickelt, daß er einer ihrer Liebhaber gewesen sei; und
die in der Zeitung angegebenen Buchstaben paßten auf die Gräfin.
Das machte die Neugier rege. Man lleß sich die Frem-
denblätter holen; unter den ,Eingetroffenen' fand sich, zu all-
gemeiner Genugthuung, der Name der Gräfin Haughton, und
als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig
bei ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr, sah sie, daß man
vor und neben dem betreffenden Gasthofe die Straße, um das
Nollen der Wagen abzudämpfen, weit hinaus mit Stroh be-
schiittet hatte.
Abends erzählte die Hofdame der Ober - Hofmeisterin in
dem Zimmer ihrer Herrin von dem romantischen Ereigniß, und -
so leise sie auch sprachen, hatte die Prinzessin doch ein Wort
davon gehört. Sie verlangte, zu wissen, wovon die Nede sei.
Dle Ober-Hosmeislerin, sroh, einen Gegenstand der Unterhal-
tung fir die unbeschäftigte Prinzessin zu haben, erzählte, was
sie wußte.

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Die Prinzess sagte, sie habe der Sache schon früher er-
wähnen hören, als sie im Auftrage des Königs das Fräulein-
Stift zum heiligen Grabe besucht, und dort zu ihrem Erstaunen
die Gräfin Hildegard von Nhoden gefunden habe, die nach ihrem
Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren ver-
sprochen gewesen sei. Sie wunderte sich, wie Hildegard's Mniter,
nach der Weise, in welcher der Freiherr sich gegen Hildegard
benommen hatte, und nach den Gerüchten über ihn, die ihr doch
kaum verborgen geblieben sein konnnten, den Muth besessen habe,
ihm die zweite Tochier anzuverlrauuen.
Die Hofdame, welche mit Hildegard in gleichem Alter und
eine Freundin von ihr war, wagle die bescheidene Bemerkung,
Hildegard habe sich fitr die Schwester aufgeopfert, als sie deren
Leidenschast sir ihren Verloblen wahrgenomen hale. Die
Prinzessin, ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutierliebe,
schütielte mißbilligend das schöne Haupt.
Wie traurig ist es, daß selbst ursprünglich edle Naturen,
denn ich habe früher nur Günstiges von dem Baron von Arten
gehört, sich zu solchen Verirrungen hinreißen lassen können, die
ihre Strafe in sich selber tragen. Die Zeit bleibt sicherlich nicht
aus, in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das
glücklichere zu preisen haben wird ! Wenn Sie ihr schreiben,
so sagen Sie ihr, daß ich ihrer denke und daß ich sie zu sehen
hoffe, wenn sie wiederkehrt.
Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war fir die Per-
sonen, welche zu ihrem Hofstaate gehörten, die Weise vorgezeichnet,
in welcher man die Angelegenheiten der Arten'schen und der Nho-
den'schen Familie aufzufassen hatte; und da man einmal auf
dem Wege war, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zun
Gegenstande der Unterhaltung zu machen, gab es in den nächsten
Tagen kaum einen Theetisch, kaum ein Plauderstündchen, in
welchem sie nicht den Stoff für weit zurückreichende Erinnerun-

- I1?---
gen, fitr eben so weit gehende Vermn thungen und Voraussichien
geboten hätten.
Von der Nhoden'schen Familie hatte man wenig zu sagen.
Da Leben, die Ehe der Gräfin warrn einfach und tadellos ge-
wesen; um so reicheren Stoff aber boten die Ueberlieferungen
aus deu Arten'schen Hause für die sagenbildende Kraft der
Menschen dar. Die Eigenartigkeit des Fräuleins Esther, die
Schönheit der hüh gestorbenen Amanda von Arten, die sich in
einer heimlichen Leidenschaft zu einem Manne niederen Standes
verzehrt haben sollte; der Tod der Baronin Angeli!a, welcher
ein Liebeshandel das Herz gebrochen, den ihr Gatte mit der
Herzogin von Duuraö unlerhallen hallt, wwaren Den und Jenem
aus yersönlichen Anschaunngen und Erinnerungen belannt, und
man war nich! algeneigl, eine Art von sitilicher Gerechtigkeit
darin zu finden, wwenn die Nichte der Herzogin an einer un-
glücklichen Liebe finr den Sohn der Baronin zu Grunde ging.
ohne daß man diesen deßhalb nachsichtiger beuriheilt hätte. Selbst
die Entschuldigungen, welche man ihm angedeihen ließ, dienten
nicht zu seinem Segen.
Man beklagte ihn, daß er von einem Vater erzogen worden
war, der, obschon er ein vollkommener Cavalier gewesen sei,
doch sich selbst nicht zu zügeln verstanhen und noch an der
Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus vornehmem
Hause aus dem Kloster entführt hatte. Man wußte darüber
freilich nichts Genaues, aber man hane von einem päpstlichen
Dispens sprechen hören, -den zu erwwirken der Freiherr Franz
lange Jahre in Jtalien gelebt hatte und der mit einem nam-
haften Theile des Arten'schen Vermögens erkauft worden war.
Die junge Frau sollte den greisen Gatien leidenschaftlich geliebt
und das Gelübde gethan haben, fortan dte Witwentrauer nicht
mehr abzulegen. Man war gespannt, zu sehen, ob sie diesen
Vorsaz auch in der Nesidenz, auch in dem Hause ihres Stief-

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sohnes zur Ausführung bringen werde, in dem sie, wie man
berichtete, gerade in diesen Tagen erwartet wurde. Und da nun
Jeder, in dessen Beisein von diesen Gerüchten die Nede war,
sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine
Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte,
so erwuuchs um den Kern von Wahrheit, der diesen Behauptun-
gen überall zum Grunde lag, eine Dunisischichk von Einbilduungen,
die sich in dem Bewusßtsein der Leute um so sester sezlen, je
weniger die Personen, um welche diese Märchen sich bewegten,
eine Ahnung von ihrem Vorhandensein besasßen und in der Lage
waren, sich gegen diese Erfindungen zu erheben und zu ver-
iheidigen.
Was Renatus anbetrifft, so hatte er eben in diesen Tagen
vollauf mit der Wirklichkeit zu ihun. Cäcilie war doch noch
tiefer, alö er es befüirchtet hatte, durch die Ankunft der Gräfin
erschittert worden, und wenn es ihm auch gelugen war, sie
bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache
in ihrem rechten Lichte erkennen zu machen, so fügte es sich
doch nicht glücklich, daß gerade jezt auch Vittoria mit ihrem
Sohne von der einen Seite anlangte, während von der anderen
die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf.
Vitioria, die in allen praktischen Angelegenheiten unbehllf-
lich wie ein Kind geblieben war, wollte in ihren Zimmern ein-
gerichtet sein und mißfiel sich in ihnen, während sie über die
ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich untröstlich zeigte.
Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr
auälend. Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt. Die beiden
von Renatus mit Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch aus-
gewählten Zimmer diünkten sie eng und niedrig, denn sie ver-
glich sie umwillkitrlich mii den grosßen, hohen SAlen ihres Klo-
sters und den stattlichen Näumen des Arten'schen Schlosses.
Die ihr fremde Heizungsweise belästigte sie, die Häuserreihen,

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die ihr den Horizont verengten, machten sie tra.rig, sie verlangte
mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft, nach Licht; und
wollte man sie nicht in Thränen ausbrechen sehen und in schwer-
müthigem Brüten sich selber überlassen, so blieb nichts übrig,
als auf ihre Zerstreuung zu denken, wie denn, nach des jungen
Freiherrn Ansicht, Ceilie ebenfalls Zerstreuung nöihig haile.
Weder dnc Alleinnsein mii Villvria, in welcem, wie na-
liirlich, Eleonore Hauughlon den einzigen Gegensta der Unter-
haltung machte, noch die Begegnungen mit der Mutier und der
Schwesler, bei denen derselbe Gegenstand und noc andere, eben
so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen musten,
lonnten dem aufgeregten Gemüülhe der jungen Frau zu einer
Besänftigung gereichen, und Renatus selber fühlte das Bedirf-
niß, sich, wenn auch nur für einzelne Stunden, von den pein-
, lichen Eindrücken, von den Sorgen abzuziehen, die auf ihm
lasteten.
; Er hatte gehofft, Hildegard werde sich wenigstens für die
F erste Zeit von seinem Hause fern halten, und er hatte dies nicht
, erst besonders gefordert, weil es ihm das Natürliche gedäucht
hatte. Aber er kante weder die Neigung gewisser Frauen, sich
und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen, noch die
furchtbare Berechnung, welcher eben solche Frauen fähig sind.
Er hatte es nicht vorausgesehen, daß Hildegard, um die von
he übernommene Rolle großmithiger Entsagung aufrecht zu
erhalten, sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines un-
nützen Zusammenkommens auferlegen würde; er hatte noch
weniger erwartet, daß die Mutter ein solches Verhalten als
nöthig bezeichnen und also es begünstigen werde.
. Renatus saß, von der Parade kommend, mit Cäeilien bei-
sammen, als die beiden Frauen, von deren Ankunfi in der
Stadt man noch nicht unterrichtet worden war, ich zum ersten
Male in dem neuen Haushalte melden ließen. Mit einer Be-

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fangenheit, mit einer Vestürzung, welche in diesen Verhältnissen
sehr erklärlich waren, erhoben die jungen Eheleute sich, den Ein-
tretenden entgegen zu gehen. Cäcilie warf sich der Schwester
in die Arme und barg, in Thränen ausbrechend, ihr Gesicht
an Hildegards Brust, während Renatus, nachdem Cäeilie sich
aufgerichtet hatte, die Hand seiner Schwägerin ergrisf und sie
an seine Lippen fihrte.
Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es, Dir
als ein Bruder zu vergillen, was ich Dir gethan ! Das war
alles, was er sagte, aber obschon er sehr blaß geworden, war
seine Stimme doch vollkommen,fest und ruhig.
Hildegard hatie ebenfalls die Farbe gewechselt; indeß das
Lächeln, mit dem sie in das Zimmer gekommen war, wich weder
vor Cäeiliens Thränen, noch vor ihres Schwagers Worten von
ihren Lippen; und sich zu der Mutter wendend, sprach sie:
Hatte ich nicht Necht, das: wir, ohne sie darauf vorzubereiten,,
hieher gegangen sind? Ihr solltel es gleich sehen, das: ich nichi
um meinetwillen komme, Ihr solltet nicht darüber in Zweifel.
sein, wie ich für Euch gesonnen bin, und daß die Rücksicht auf
Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist, als mein eigenes
Empfinden. Wer darf Euch tadeln, wenn ich für Euch bin?
Aber wie geht es Euch? Es scheint, die Stadtluft thut Euch
nicht recht, wohl. Nicht wahr, liebe Mutter? Caeilie sieht nicht
guut aus und Nenatus auch nicht!
Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu
einer Unmöglichkeit, ihr auf ihre ersten Erklärungen zu ant-?
worten, und weil'Cäeilie sich von der Herablassung der Schwester,!
von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt fühlte, als?
der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand, beeilte die junge?
Frau sich, der Unterredung ein Ede zu machen, indem sie dies
Mutier und die Schwester aufforderte, sich in ihrem Hause?
umzusehen.

Hezz
Die Sohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und
immer noch reich ausgestattet. Sie mußte fir prächtig gelten,
wenn man sie mit den Möglichkeiten der Gräfin Rhoden ver-
glich, und die Muiter hielt ihr Wohlgefallen an den Einrichtungen,
welche Nenatus geiroffen hatte und in denen sie ihre Tochter
wiedersah, auuch nicht zuric, so daß Cäciliens unschuldige Be-
sizeöfreude sich an der Theilahme der Mutier steigerte, und
ihr Gaite sich fie seine Mihe wohl belohnt fand.
Nur Hildegard ging langsam hinter den Annderen her und
musterte die einzelnen Gegenslände mit dem Augenglase in der
Had. Ach, die Lehnsessel aus dem lieben Bilder-Cabinetie!
rief sie. Ach, also auch, die antiken Statuetien aus der Mutter
Wohnziumer habt ihr von Nichten fortgenommen! sprach sie.
Wie nur die guten, alten Familienbilder sich hier in der Siadt
behagen mögen ? scherzte sie; und jedes ihrer Worte, jede ihrer
Bemerlungen war ein Nadelsich für den Freiheren.
Es ihat ihm wehe, wenn sie erwähnte, wie öde die Zimmer
jezt in seinem Schlosse sein müüßten, es verdroß ihn, wenn sie
die neuen Anschaffungen mit einer auffälligen Verwunderung
bemerkte, und das Blut stieg ihm zu Kopfe, als sie zum zweiten
Male gegen ihre Mutter den Ausspruch that, daß Cäcilie und -
Renatus wirklich ganz artig, aber ganz artig eingerichtet wären.
Schon trat ein Wort des ausbrechenden Zornes ihm auf die
Lppe, aber er unlerdrückte es wieder. Er hatie jenen edeln
- Sinn, der eine Buße entschlossen auf sich nimmt, wo er ein
Unrecht gegen Andere begangen hat, und seine Mißempfindung
gewalisam überwindend, brach er, um nicht in der Nede stecken
zu bleiben, den begonnenen Saz zu der Frage um, ob Hilde-
gards angeborene Kurzsichligkeit in dem Grade zugenommen
habe, daß sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jezt selbst
im Zimmer nöthig mache.
Wundert Dich das ? entgegnete sie ihm. IF habe viele
N,

. H Oz ez
Nächte durchwacht uuo viele Tage durchweint; das dient den
Augen nicht!
Dann, als sie sich überzeugt hatte, daß auch diese Bemer-
kung ihres Eindrucks auf Renatus, auf den einst geliebten und
eben deßhalb jetzt gehasßten Mann nicht verfehlte, reichte sie ihm,
als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige Stimmung
darthun, das Augenglas hin und sagte, plötzlich in den Ton
,
gleichmüthigster Unterhaltung ibergehend . habe jezt sogar
weit stärkere Gläser nöthig, und Dein Dnkel, der sich meiner
in Pyrmont mit der grösßten Güte angenommen, hat mir dieses
schöne Lorgnon geschenkt. Sein und mein Auge tragen ganz
gleich weit, und wir sehen auch geistig die Dinge und die Men-
schen häufig unter gleichen Gesichtspunkten an. Er ist vor-
gestern zurüück gekommen; wir waren eben bei ihm.
Nk..
-=e wart bei ihm ? fragte Nenatus, und heute schon?
Ist den der Dukel krant?
Nicht eigentlich, gab Hildegard zur Aivort; er ist schmer-
zensfrei und heitern Geistes. Das Bad hat ihm sehr wohl-
gethan, nuur das Gehen wird ihm schwwer. Doch hält der Arzt'
die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich.
Die Lähmung ? wiederholte der Freiherr, seit wann ist der
Onkel denn gelähmt?
Wußtest Du das nicht? fragte Hildegard, statt ihm zu
antworten. O, das ist nicht hübsch von Dir! Das Uebel zeigie
sich ja gleich nach seinem Anfalle, er suchte nur, es zu verbergen,
weil er die Anderen nichi zu beunruhigen wüinschte! Aber man
sieht es, daß Du Dich um unsern guten Grafen wenig küm-
merst, und er nimmt doch so viel Theil an Dir! Das Erste,
wovon der Onkel mit uns sprach, war nicht sein Befinden,
sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich!
Renatus hob das Haupt empor, und der neuen Schwä-
gerin mit einem scharfen Blicke ins Auge sehend, fragte er be-

-- eD
stimmt: aas soll das heißen? Was hat d Onkel zu besorgen
für mich und meine Frau ?
Hildegard seufzte, und die Stimme senkend, sprach sie:
Die Unüberlegtheit, mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist. die
Nicksichtslosigkeit, mit der sie sich in dem ersten Gasthof: der
Stadt unter ihrem eigenen Namen emauartierte, beunruhigen
ihn um Euretwillen, und - - -
- Und Du hast hoffentlich, fiel Nenatus ihr in die heuch-
lerische Nede, da Du die Wahrheit kennst, es dem Dukel gleich
gesagt, dasß Eleonore nicht mir gefolgt ist, daß ich gegenwärtig
mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe, als in dem-
jnigen, in welchen ein Zefall mich verstrickte, ein Zufall, den
ich nicht einmal beklägen darf, denn Cäcilie ist eben so ver-
ständig als meiner Liebe sicher, und die Gräfin Haughton wäre
hier sehr verlassen, hätie sich Seba Flies ihrer nicht auf meine
Bitte angenommen!
Seba Flies? rief Hildegard mit einem allerdings begreif-
lichen Erstaunen, Du hast Deine alte Bekanntschaft mit der
Flies wieder aufgenommen? Das ist ja elwas völlig Neues!
--- Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend, sagte
sie: Stelle Dir vor, Mama, Renatus hat sich mit der Flies,
vor der er mich einst mit Recht gewarnt hat, wieder in Ver-
bindung gesetzt, hat ihr die Gräfin Haughton anempfohlen! -
Du hast also wohl auch Cäeilie zu ihr hingeführt? Das ist
sonderbar!
Nenakud war empört über Hildegard, denn sie reizte und
kränkte ihn mit einer Art von Wollust, weil sie von ihm auf
die Schonung und Nücksicht rechnen durfte, die er ihr mehr als
jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse ge-
zungen war.
Das ist sonderbar, höchst sonderbar! wiederholte sie; aber
Du bist freilich oftmals unbegreifiich! fügte sie hinzu.

eH,
Ich finde es ni.g- unbegreiflich, entgegnete Renatus, daß
man, so lange man jung und unreif ist, sich von augenblick-
lichen Eindrücken zu unbesonnenen Handlungen fortreißen läsßt,
und nicht sonderbar, das; ein Mann, wenn er zur Einsicht in
seine Irrthümer gekommen ist, ihren nachtheiligen Folgen, so
weit er es vermag, vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut
zu machen trachtet! Ich habe äcilie noch nicht zu Seba fihren
können, aber ich denke es zu thnun, sobald die Gräfin Haughton
Seba's Beisiand weniger bediiren wird!
Du bist natürlich Herr, zu thun und zu lassen, was Duch
gut diünkt, meinte Hildegard, welche in der Aeusßerung des
Freiherrn über seine jugendlichen Irrihüümer eine fir sie krän-
kende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden hatte; und
=u has« =- j auuch die Freiheit, nach Deiner wechselnden Er-
u O-
kenntniß zu verfahren, immer und in allen Lebensverhältnissen
unbedenklich zuerkannt! Nur wundern wird man sich über diese
Sinnesänderung, und der Oukel nicht am weuigsten!
Sie erschrak, als sie diese Worte auögesprochen hatte, denn
öenatus überflog sie mit einem Blicke voll stolzen und irium-
phirenden Erstaunens, vor dem sie unwillkurlich die Augen
niederschlug. Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten und in
die Geheinnisse des Onkels, sagte er. Gleichviel aber, ob die
Beichte, die er Dir offenbar gethan hat, seiner von Dir ge-
rühmten Sinnesänderung vorausgegangen oder ob sie eine Folge
der Bekehrung gewesen ist, die Du an ihm gemacht hast, in
jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger Geheim-
nisse nicht zu beneiden! Ich fir meinen Theil finde solche Ge-
ständnisse empörend, und ich würde es einem Manne nie ver-
zeihen, der sich unterfinge, sie einer mir in irgend einer Weise
angehörenden Frau nach seinem Belieben aufzudrängen ! Die
Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre finn eine =uun,
z )
und für eine Frau - - -

--- IF?--
Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten, das
vernichtende Wort anszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte.
Sie hatte bisher anscheinend nur auf Ceiliens Mitihei-
lngen hingehört, doch war ihr nichls von der Unterreduung der
beidenn Andern und von der immer bitterer werdenden Wendung
enhgangen, welche sie genommen hatte. Einzig der Wuuusch, es
zuu keinem ösfentlichen Zerwüirfnisse in ihrer Familie kommen zu
lassen, halfe sie bis dhi algehhalien, das uierfrenliche Gespräch
zu unlerbrechen, und eben das nämuliche Verlangen war es jetzt
R :; -
Renakuus autwortete darauf, wie seine gegenwärtige Ge-
reiztheit es ihm eingab. Er sprach, ohne im Grunde viel davon
zuu wissen, von der ausgezeichneten Verehrung, deren Seba genieße,
von den würdigen Verhcltnissen, in denen sie sich bowege. Er
erwähnte ihrer ginstige Vermögenölage, ihrck glicklichen Familien-
kreises, und er hegie bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung,
das; es Hildegard zuwwider sein, das es sie wo möglich noch mehr
verletzen werde, als er Verlezungen von ihr erlitten hatte.
Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Gite auf.
Sie äusterte ihre Genugihnung darüber, sich in Seba, mit der
sie zu den Zeiten des Tugendbundes viel verkehrt hatte, nicht
getäns.=- z haben; sie nannte cs sogar einen glicklichen Ge-
.s.i -
danken, das; Nenatus Seba zu der Kranlen hingerufen habe,
da sie hilfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren aus-
harren werde, bis sie selber, sie und Hildegard, die Pflege der
Gräfin Haughton übernehmen könnten, wnzu sie gleich in den
---==- -- agen, wenn sie nuur ihre nöthigsten Einrichtungen gen
z-Fss.s K
troffen haben wirden, gern erbötig wären.
Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter
für den Augenblick um seine Fassung, obschon
er nicht läuugnen, in vielfachem Beirachte eben
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. 1.
brachte Renatus
es, das konnte
so natüürlch als
1

OHo
-e J,eFL -=-
zweckentsprechend war. Wenn die Mutter und die Schwester
seiner jungen Frau, wenn die Gräfin Nhoden, deren Charakter
über jeden Zweifel erhaben und deren geseslschaftliche Stellung
eine so wohl begrimndete war, sich der Gräsin Haunghton an-
nahmen, musßten alle Gerichte, welche iber Eleonore wie üüber
ihre Beziehuungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren,
davor versiu uimten, iunnd Elcunore halle slir dein Fall ihsrer Her-
stellung an der Gräfin gleich den Anhalt, dessen sie bedurfte.
Er hätte daher den Vorschlag seiner Schwiegermutter, als ein
gllckliches Ereigniß, mit tausend Dank begrist, wäre Hildegard
in demselben nicht bekheiligt gewesen und hätte er nicht auf das
unwiderleglichste gefühlt, das; die Feindschaft zwischen dieser und
zwischen ihm eine unversöhnliche sei, daß Hildegard ihn und
Cäcilie hasse, daß die Mutter, aus einem sehr erklärlichen Mit-
gefühle fir ihre weniger glickliche Tochter, Partei fir diese
nehme und daß also auch die Hülfsleistung, zu der man sich
für die Gräfin Haughton erbot, ohne alle Frage nur dazu benutzt
werden würde, einen neuen Heiligenschein für Hildegard daraus
zu machen.
Es ist ein unvergeßlicher, es ist oft ein entscheidender
- Moment fir einen Menschen, went er sich zum ersten Male
eingestehen muß, daß er Feinde, unversöhnliche Feinde habe,
wenn er es in sich fühlt, wie er diejenigen zu hassen vermag,
an deren Haß gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann, und es
war ein doppelt schmerzlicher Augenblick füür den im Grunde
seines Wesens guten und nicht charakterfesten Freiherrn, der
bisher nur selten auf Widerstand gestoßen war. Er hatte in
seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hilfe nöthig
gehabt. Er war überall gern gesehen worden, weil er nicht?
zu begehren gebraucht, er haite es also auch nicht gelernt, wie
man sich mit seinen berechtigten Ansprichen denen gegenüber zu
behaupten hat, die aus irgend einem Grunde nicht gewillt sind,

-- A?- -
jene Anspriiche anzuerkennen und zu befriedigen. Nach der Lehre
seiner Kirche hakte er umwillkürlich an dem Glauben festgehalten,
das; wie vor Gott, so auch den Menschen gegenülber, die Nee
geung lhne fiir den Jrrihum, und die Busse fiir den Fehl. Er
hatie sich über sein Verhalten und iber sein Unrechl gegen
Hildegard in keinter Weise verblendet, er hatke nur nicht sich
allein, nichl sichh aeschliesilich fir den Schuildigen beirachlel,
sondern vielmehr erwartet, dasi auch Hildegard ed allmählich
einsehen werde, in wie weit sie selber zu ihren schmerzlichen Er-
lebnissen die Veranlassung geboten habe, und eben deßhalb hatte
er sich der Hosfnung hingegeben, frilher oder späier zu einer
Ausgleichung mit ihr gelangen zu können, über welcher, wie
auf einem neuen Unterbau, sich ein schöncs und friedliches Fa-
milienleben errichten lassen würde. Hildegard's Güte, ihr liebe-
volles Gemüth, ihre Hhngebung für Andere, ihre Entsagungs-
und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie
und von Fremden immerdar bewundert worden; sie hatte ihren
Verlobten auch beständig und mit einer Vertrauen fordernden
Kraft auf diese ihre Tuigenden und Eigenschaften hingewiesen,
und er hatie also darauf gerechnet, daß sich dieselben auch in
diesem besonderen, in seinem besonderen Falle bewähren würden.
Nun fand er sich plözlich in dieser Voraussetzung auf das Un-
erbittlichste getäuscht.
Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte
es ihm unwwiderleglich dargethan, daß er in ihr eine Feindin
besize, daß sie fir ihre Feindschaft in dem Grafen Gerhard
einen Bundesgenossen gewonnen habe, und daß die Gräfin
Rhoden, troz ihrer Mutterliebe für Cäcilie, sich, wie gesagt,
verpflichtet halte, vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch
unverheiratheten, der unversorgten Tochter oder, wie sie es in
der Sprache der Gesellschaft bezeichnete, auf das Empfinden und
die Beruhigung lhrer armen Hildegard Nücksicht zu nehmnen, die
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sich nur in Thaten deu Intsagung und in Werken der Liebe
genug ihun lonnte.
Er hätte nicht gleich, nicht mit Sicherheit anzugeben ver-
mocht, was er davon befirchtete, wenn die Gräfin Nhoden und
Hildegard sich mit Eleonore in Verbinduung sezten, er hatte nur
die Neberzenguung, dasß er es zu hindern suchen und das; er vor
allem Andern darauf denken müsse, sich in seinen Angelegen-
heilei nor jeher Bepiznslssiing dirchs die Fainilie zu lewahren.
Obschon er bei seinem Wiebersehhe mnil Seba dieser von seiner
Frau gesprochen, hatte er damals nicht die bestinmte Absicht
gehabt, ein Umgangsverhältis zwischen seinem und den Tre-
maun'schen Hause eizugehen; jezt aber fihlie er sich dazu ge-
neigt, denn er übersah mit jener Klarheit, die uns bei entschei-
denden Anlässen oft in ungewöhnlich hohem Grade und plöhzlich
zu Gebote steht, wie er dadurch eine Scheidewand zwischen sich
und seinem Oheim aufrichtete, die nicht leicht zu übersteigen
war, und daß er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen
werde. Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem
Hause haben. Seine Frau sollte nicht, wie einst seine Mutter.
von heimlicher Böswilligkeit beunruhigt werden, und weitergehend,
als es in diesem Augenblicke nöthig gewesen wäre, lehnte er
den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin
entschieden ab. Er sagte, daß Eleonore noch auf lange Zeit
hinaus vor jedem sie aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben
müsse und daß es eine Undankbarkeit gegen Seba's Alles ver-
gessende und vergebende Gütte sein würde, wollte man sie wie
einen Nothbehelf behandeln, den man beseitige, sobald man
seiner nicht ganz unumgänglich bedirfe, eine Undankbarkeit, deren
er sich gegen sie zum zweiten Male nicht schuldig machen wolle.
Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu; wer
sie aber näher kannte, den vermochte diese Gelassenheit nicht iber
ihren Unmuth zu täuschen. Es war ein gutgemeinter Vorschlag.

.
-- LI--
sagte sie, und Du hast sehr Necht, mein Sohn, ihn abzulehnen,
wenn er Deinen Absichten nicht entspricht. Ob Du aber meine
Tochter grade jezt, grade in Deinen gegenwärtigen und beson-
deren Verhältnissen, zu Seba Flies und in das Haus von Tre-
mann fihren sollst, das, meine ich, würde doch erst reiflich zu
erwäge sein. Ich belenne Dir, ich bin ncht dafür.,
Und darf ich fragen, was Sie dawider haben ? erkundigie
Fich Neuuln, gru ein Elwas in dein Tonne seiner Schwieger-
muller schr eupsindlich aussiel.
Du hattest sonst, und ich habe dies nuur zu begreiflich ge-
funden, eine Abneigung dagegen, mit diesem Herrn Tremann
in Berührng zu kommen! entgegnete sie ihm, ihre Worte nach-
drücklich bezeichnend.
Renatus fühlte, daß er erröihete, und das bestimmte ihn,
sich gegen die verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter
aufzulehnen. Es mußte heute, gleich heute, ein füür alle Mal
entschieden werden, wer der Herr in seinem Hause sein solle,
und entschlossen, nöthigenfalls seine ganze Vergangenheit an die
Sicherung seiner. Zukunft zu sezen, sagte er Es ist nicht gut,
liebe Mutter, daß Sie mich an alle die Fehler und Irrthümer
erinnern, die ich mir habe zu Schulden kommen lassen! Schieben
Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr einseitigen Erziehung,
aber glauben Sie mir, daß ich gesonnen bin, sie abzulegen und,
so viel an mir ist, zu vergüten!
Es ist also Dein Vorsaz, Dich - sie hielt inne, als sträube
sich ihre Empfindung dagegen, das Wort auszusprechen -= dem
Sohne Deines Vaters, den Dein Vater nicht anzuerkennen doch
sicherlich seine guten Gründe hatie, jezt brüderlich zu nähern
und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd
den Schwager zuzuführen? - Darauf war ich wirklich nicht
gefaßt!
Renatu, der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner

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Mutter geerbt hatte, wurde jezt eben so bleich, als er vorhin
mit Röihe übergossen worden war. Es ist nicht meine Absicht,
sagte er, vor der Welt ein brüderliches Verhältnis mik Paul
aremann aufnehmen zu wollen, das eben vor ihr einmal nicht
zu Recht besteht! Aber es ist mein Vorsaz, mein fester Vorsaz,
einen Mann, von dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiß,
einen Mann, dem ich das Höchste schulde, was ein Mensch dem
andern schulden kann, und der sich mir, ganz abgesehen davon,
soweil ich seiner anderwweil behursie, dieusigesäällig uud mil ehr-
licheu Nalhe bewäihrl hal, linslig nicl mehr, llos; uum dess-
halb von mir zu weisen, weil er der uneheliche Sohn meines
Vaiers ist.
Die Gräfin schiittelte mißbilligend das Haupt. Sähle
Deine Ausdriücke etwas vorsichtiger, lieber Nenaius. sagie sic;
meine Töchter sind an solche Unumnwundenheiten Gottlob nicht
gewöhnt!
So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen, sie ist eines
Soldaten Frau! entgegnele der Freiherr, der, gleichmäßig von
seinem Zorne wie von dem Bewußtsein fortgetrieben, daß er
viel weiter gegangen war, als er je beabsichtigt hatte, den Anschein
einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu erhalten wünschte.
Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer!
bedeutete ihn die Gräfin, indem sie sich erhob.
Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster
getreten, als die Unterredung sich auf Paul gewendet hatie. Sie
machte sich an Cäciliens Nähtisch mit der Betrachtung jhrer
Stickerei zu thun. Die junge Frau blickte verlegen und bittend
bald die Mutter, bald den Gatten an. Sie war beständig dem
Weinen nahe, und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus
gegen die Gräfin und gegen Hildegard noch unversöhnlicher.
Die Gräfin sah nach der Uhr, Hildegard sagte, sie habe
die Mutter bereits daran erinnern wollen, daß es .- zun
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Geh.i. sei, weil man mit dem Mittag auf sie warten werde.
Eäcilie fragte, ob sie nicht zu Hause äßen, die Mutier verneinte
es, sagte jedoch nicht, wohin sie geladen sei, und Cäcilie zog es
vor, sich danach nicht zu erkundigen.
Das unbehagliche Gespräch war plözlich und mit einem
entschiedenen Misßtone abgebrochen worden, man redete nur noch
von den allergleichgültigsten Dingen, während der Diener den
Damen die Mäntel in das Zimmer brachte. Als er sich ent-
fernt hatie, fragie Eäeilie, ob ihre Mutier' die Baronin Vittoria
nicci legrisen, ol mai nichl noch eiuen Auugennblick zu ihr gehen
wolle; aber Hildegard bestand darauf, dass es zu spät sei, das
man sich beeilen müsse.
So gelangte man in das Vorzimmer. Mit einem Male
blieb die Gräfin stehen. Du wirst also, sagte sie, sich zu Ne-
natus wendend, voraussichllich in nicht zu ferner Zeit Cäcilie zu
Seba und zu Tremann bringen, der sich ja wohl auch verhei-
rathet hat, und es ist jhre Pflicht, sich Dir, auch wo es ihr
schwer fallen wird, durchaus zu fügen! Wolltest Du mich aber,
damit ich diesen in der That für Dich sehr auffallenden Schritt
doch zu erklären und vor der Gesellschaft zu begrinden im
Stande bin, vielleicht wissen lassen, welches der große Dienst
oder welches die große Aufopferung ist, fir die Du TTremann
Dich verpflichtet fühlst, so würdest Du mich verbinden, und
Cäcilien würde Deine Forderung dann vielleicht auch weniger
überraschend dünken!
O! rief Renatus, fir den es in diesem Augenblicke der
Ueberreizung keine Zurückhaltung mehr gab --- o, Cäcilie wird.
wenn es sie anders glicklich macht, mein Weib zu sein, gewiß
mit Frenden zu dem Manne gehen, dem ich meine Erhaltung,
dem ich mein Leben zu verdanken habe!
Dein Leben? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde.
Ja, mein Leben! wiederholte der Freiherr, dem es plötzlich

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wohler und frei um's , erz ward, als er den ersten Schritt zu
der Genugthuuung gethan hatie, welche er auus Hochmuth seinem
Netter bisher schuldig geblieben war. Ohne Tremaun's männliche
Entschlossenheit, ohne seinen Muth läge ich begraben unter den
Tausenden, die bei Möcern ihren Tod gefunden haben! Und er
sah meinem, unscrem Vater in dem Augenblicke, in welchem er
mir zu Hüilfe eilte, so vollkonmen gleich, er rief mich so völlig
mit mteines Vaters Stimie an, das; ich lange wähnuke, eine
Vision gehull zu haben, duust ich ersl, ulS ich ihn spüiler, als ich
ihn in Nuhe wiedersah, zu der Erleuniniß lam, das; es ein
sterblicher Mensch wie ich, daß es Tremann und nicht mein
Schutzgeist in der ehrwürdigen Geslalt meines damals eben erst
dahingegangenen Vaters gewesen war, der den Todesstreich von
meinem Haupte abgewendet haite!-
Es war gesagt. Nuun war es ausgesprochen, und doch
hatte Nenatus auch jezt noch nicht die Kraft besessen, sich in
voller Wahrheit von dem früheren Märchen loszureisen, er hatte
sich einer Nuwoüürdigkeit nicht zeihen mögen.
Es entstand eine Pause. Eicilie hing sich an ihres Gatten
Arm, die Gräfin war unentschlossen, was sie sagen sollte, Hilde-
gard's Mienen verriethen ihren Zweifel an dem Sachverhalte.
Die Mittheilung war Allen so spät, so unerwartet gekommen,
daß man nicht wußte, wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu
verhalten habe, und die kühle Weise, mit welcher sie von der
Mutter und von Hildegard aufgenommen wurde, lähmte den
Aufschwung, zu dem die Seele des Freiherrn sich eben erst er-
hoben hatie.
Das verändert die Sache freilich! meinte die Gräfin endlich,
das sind Gründe, die man gelten lassen muß und die man an-
zugeben vermag! Hüte Dich aber, daß Deine schöne Dankbarkeit
Dich nicht zu weit fihrt, lieber Sohn! Sei vorsichtig auch in
diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!

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Die Frauen hatten aber die Schwvelle des Hauses noch
überschritten, als Hildegard ihren Arm in den der Mutter
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und, sich an sie schmiegend, leise s.g- --ama, sci ruh,
ganz ruhig üüber Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr klagen
hören, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir ge-
meiui! D war nichi der Main, mil deun ic gliicklich werde:n,
das war nici bns Haus, in dem ic Frieden sinden lounie!
Renatuus hat doch iuu Grunde seines V. ..rs, hu. -och den Arten-
kiffn
schen Sinn. d. g zu allem demjenigen hingezogen fühlt, was
os- s,s
vps Hz-. iinidoors
unseren Begriffent von Sitte und von wdahs- =---=- --=-
sf.-F! W,
is-= - a-« wäre an seiner Seite zu Grunde gegangen wie die
Cousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich immer
ll.... ---- - --s uus hoffen, Mama, daß Cäcilua -=-b-8- i---
for Si; ! N,is
szisino=- fßfzs
empfindet, und vor allen Dingen, l=- = == -, laß uns ihr zur
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, »isz-i
Seite stehen und über ihr wachen. Sie wurd das, wie l-« --=-
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