Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 17

Vierteä Capitel.
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.aie mehr oder weniger großen Kreise von Menschen, welche
sich als eine duurch gewisse leberzeugungen, Sitten oder Lebens-
gewohnheiten zusammengehörende Gesellschaft betrachten, sind in
der Negel sehr geneigt, sich von einem ihrer Mitglieder einen
bestimmten Anstos; geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahnn hieinschlebeu zu lusse, in der sie baun, je nach den
Fähigleiten der Einzelen, vorwwwärlöschreiten und die Bewegung.
zu der sie getrieben worden sind, wie eine von ihnen selbst aus-
gegugene eisrig sorlzusehen pslegen. Deu wie die Gemeipschasi,
die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch
belebend auf den Einzelnen zurickwirft, so empfängt sie noch
häufiger ihre Gedanken und Meinngen von einer einzelnen
Person, und es sind leider nicht immer die Edelsten und Besten,
nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die Selbstlosen,
welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall,
irgend eine Schicksalögnusl, irgend ein das billige Mitleid an-
regender Unglücksfall, vermögen einem bisher mißachteten Cha-
rakter nicht nuur Verzeihung, sondern eine Anerkennung, eine
Geltung und einen Einfluß auf seine Umgebung zu verschaffen,
die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen ließ und
die geschickt zu nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versieht,
oder doch sehr bald erlernt.
Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren
kaum von ihren beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurück-

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- gekehrt, als sie es bemerken konnten, daß sie von ihren Umgangs-
genosseu mit einer ungewöhnlichen Zuvorlon menheit empfangen und
aufgenommen wurden und daß man ihnen eine Stellung, eine
Theilnnahme und eine Bedeutung eiuräuuuir, welche beide in einem
solchen Grade nie zuvor besessen hatten. Bei jedem Antritis-
besuche, welchen Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten
machte, erwähnte man des Wohlwollens, mit welchem die Prin-
zessin sich nach ihr, erkundigt, und der großen Billigung, mit
der sie Hildegard's edles Verhalten aufgenommen habe. Man
freute sich, Hildegard so gefaßt, so erholt zu schen, man be-
handelte sie mit jener Achtsamkeit und Schonng, welche man
einer Genesenden entgegenbringt. Mai schwieg von Renatus,
wie das in diesem Falle auch natiürlich war, und wenn man
gelegentlich einmal seiner jungen Fran gedachte, so geschah es
unur, um die arme Cäcilie zu bedauern, weil das große Opfer,
welches ihre Schvester ihr gebracht, weil Hildegard's edle Ei-
sagung fir die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig frucht-
lose, ja, vielleichi ein Unglück gewesen sei.
Die edle Hildegard und die arme Cäcilie, das waren für
diesen Augenblick gleichsan- die Stichworte und Erkennungszeichen
des gesellschaftlichen Kreises geworden, der sich um die Prinzessin
bewegte, und wenn Cäcilie auch nicht die entfernteste Ahnung
davon hatte, daß man sich dort darin gefalle, sie als eine un-
glickliche Galtin, als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten,
so fand doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein,
die Nolle, welche sie bis dahin nur in der Familie gespielt hatte,
fortan auch in der Gesellschaft durchzuführen, da der Zufall ihr
dies, wenn auch auf Kosten ihrer Schwestr, möglich machte.
Renatus hatte nach der Art, in welcher der erste Besuch
seiner Schwägerin in seinem Hause verlaufen war, darauf ge-
rechnet, daß ein solcher sich nicht so bald wiederholen, ja, daß
er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde. Er hatte sich aber

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in dieser Voraussezung geläuuscht. D.. Muiier und die Tochter
kamen beide schon an einem der nächsten Tage wieder, um die
Baronin Vittoria aufzusnchen. Sie wünschten, wie Hildegard
es ausdrücklich bezeichete, es den lieben Geschwistern darzuthun,
daß sie die neulichen kleinen Miszverständnisse so leicht genomen
hatten, wie man dies unter nahen Anverwandten thun müüsse,
und obschon der Freiherr wußte, was er von diesen Versiche-
rungen zu halten habe, bewog ihn seine Nücksicht auf dasjenige,
was er als den Familienanstand und die gute Sitle bezeichnete,
sein interes Abmahnen zu besiegen und den Schein eines freund-
lichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner
Schwiegermutter aufrecht zu crhalten. Das war aber alles, was
Hildegard fir sich und ihre Absichten bedurfte.
==»=r, der es schen wollte, konnte sich jetzt also davon
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überzeugen, daß die Untreue des Freiherrn und Cääciliens, wie
man es doch mindestens bezeichnen muste, schr unschwesterlighes
und keineswegs edles Betragen auf Hildegard's großherzige Ge-
sinnung keinen Einflus; geibt hatten. Sie behandelte das junge
Paar mit der größten Freundlichkeit, sie war es, die seine Ver-
theidigung iübernahm, wo man Miene machte, es anzugreifen;
sie bestimmte den Grafen Gerhard, den Neuvermählten auf alle
Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen, und wo immer in
Eäciliens Abwesenheit von ihr die Nede war, machte die ältere
Schwester sich zu ihu.u aobrednerin und Beschitzerin.
z- Cs
Sie gab es den Leuten zu bedenken, daß die arme Cäcilie
kein leichtes Leben habe. Es sei für eine junge Frau nichts
Kleines, gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe eine Erfahrung
zu machen, wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie auf-
erlegt; es sei auch keine geringe Aufgabe, mit einer Schwieger-
mutter wie die Varonin Vittoria sich in das rechte Verhältniß
zu sezen und die Auuwwesenheit ihres Sohnes ruhig hinzunehmen.
Fragie man sie, was diese lezte Adeuiung besagen wolle,

ezerf
so brach Hildegard stels plözlich ab, schien erschrocken üiber die
Aeuszerung zu sein, die ihr entfahren war, und ging mit unver-
kennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von Vittoria's phan-
tastischen Lebensgewohnheiten üüber, bei dHen Ausmalung sie
gegen ihre sonstige schwermüthige und elegsche Weise eine gute
Laune und einen Huumor zu entwickeln verstand, welche die Hörer
unterhielten und sie zum Wiedererzählen des Vernommenen ver-
eiten musten. ,
Vitioria hatie noch keine Besuche in der Stadt gemacht,
als üiber sie bereits die widersprechendsten Gerichte im Umlauf
waren. Man unterhielt sich lachend davon, daß sie sich trotz
der vierzehn Jahre, seit denen- sie im Norden lebe, noch nicht
an das Klima habe gewöhnen können, das: sie beim Beginne
des Winters, am Tage schlafend und in den Nächten wachend,
sich förmlich in ihren Zimmern vergrabe, um von der schlechten
Jahreszeit so wenig alö möglich gewahr zu werden; daß sie sich
nur von Früchten und von Süsigkeiten nähre, das sie, unter
dem Vorgeben, um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu
trauern, beständig schwarz, und zwar in einem nonnenartigen
Gewande einher gehe, während diese schwarze Tracht ihr doch
als eine Buße fir ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt wor-
den sei; und neben diesen aus mißdeuteter Wahrheit und aus
absichtlicher Erfindung zusammengesezten Erzählungen tauchten
hier und da bedenklichere Gerüchte auf, welche sich in anderer
Weise mit der Baronin Vittoria zu thun machten. Sie bezogen
sich auf ihre eheliche Treue, auf ihr früheres und auf ihr ge-
genwärtiges Verhältniß zu ihrem Stiefsohne, auf ihre Feind-
schaft gegen Hildegard, auf ihre außerordentliche Freundschaft
für ihre Schwiegertochter und endlich auch auf ihren Sohn, der
sich jetzt bereits in der grosen militärischen Erziehungs-Anstalt
befand.
Woher die Geriiche stammten, welche den Ruf und die

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Ehre Vittoria's so emofindlich antasteten und dem Hause des
jungen Freiherrn selbst in jedem Betrachte zu nahe traten, das
wußte Niemand zu sagen; aber man nahm sie nichts desto
weniger als alle, ganz belanite Tssatsachen anf. Hildegard und
die Gräfin Rhoden hatten, wie man versicherte, wohl' gelegentlich
iber Vittoria's Eigenheiten einmal gescherzt, indes; von ihnen
war ein Wort des ernsten Tadels gegen Cäcilien's Schwieger-
muiier, so weit man sich erinnerie, nichi auögegangen. Das;
Graf Gerhard, der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen
so vorsichtig zu Werle ging, nichts wider die Sliefmuller seines
Neffen geäusert haben lönne, davon waren alle, die ihn kannten,
überzeugt, und doch empfanden Renakus und Cäcilie immer
aufs Neue, daß man sie mehr und mehr mit einer peinigenden
Neugier beobachtete, das; man sich in einer sonderbaren Weise
nach der - Baronin Vittoria erkundigte und daß überall und
immer die Frage aufgeworfen wurde, ob der Freiherr denn für;
sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe nachzusuchen denke.
Die Lage wurde beiden Gatten unbequem. Man that im
Grunde durchaus nichts Entschiedenes wider sie, aber sie trafen
nirgends auf einen festen Voden, und überall war es, als wachse
ein Unkraut unter ihren Schritten auf, das sich ihnen hemmend
und hindernd um die Füsße legte. Wollten sie es nicht weiter
wuchern, sich nicht davon völlig umgarnen lassen, so mußten sie
es mit festem Auftreten niederzuhalten suchen. Es war ohnehin
Zeit, sich in die große Gesellschaft einzuführen, wenn man über-
haupt sich ihr anzuschließen beabsichtigte, und Nenatus wünschte,
wie schon erwähnt, sowohl fin Cäcilie als für Vittoria einen
sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang. Als man jedoch
daran gehen wollte, die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten,
fand es sich, daß Vittoria durchaus nicht für das Leben in der
Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette eingerichtet war.
Dem Uebelstande muszle abgeholfen werden, denn Renatuk

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hielt sich den alten Grundsatz vor, daß, wer den Zweck wolle,
auch die Mittel wollen müisse. Man ging also guten Muthes
daran, eine neue und vollständige Auusstaktu ig fitr Vitturia zuu
beschassen. und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des
Freiherrn eine grosse Frende daran. Weil sie niemals eine
Stadi bewohnt, niemals das für die meisten Frauen so ver-
führerische Vergnüügen genossen hatte, reich versehene Magazine
zi besichen üd -sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Be-
diirfnis zu versorgen, reizte und erfreute si: alles, was ihr vor
, die Augen kam. Allerdings blieb sie ihrem Vorsatze, die Trauer-
farbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen, kren, aber auch fir
eine solche Tracht war rs möglich, einen großen Geldaufwand
zu machen, und Vittoria besaß, wenn er bisher in ihr auch
niedergehalten worden war, den Sinn ihres Volkes für das
Reiche und das Prächtige, das obenein ihrer besonderen Art
von Schönheit sehr entsprechend war.
Sie hatie das Verlangen, in der grosen Welt zu leben,
zwar seit dem Tode ihres Gatten lebhaft gehegt, aber sie war
es doch nicht gewesen, welche die Veranlassung zu der Aus-
führung dieses ihres Wunsches gegeben hatte, und eben deßhalb
sah Renatus es als seine Pflicht an, ihr bei ihren jetzigen Aus-
gaben keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen. Er würde sich
geschämt haben, die Witwe' seines Vaters, die Baronin Vittoria,
die neben dem Namen seines Hauses den stolzen Namen der
Giustiniani trug, nicht ihrem Stande gemäß und nicht nach
ihrer Neigung auftreten zu lassen, und er hatie daneben, da
der Schönheitssinn seines Vaters auch auf ihn übergegangen
war, eine wirkliche Freude daran, Vittoria in einer Weise ge-
kleidet und geschmüückt zu sehen, welche die immer noch auffallende
Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen ließ.
Jetzt erst, da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte, fing
auch sie nach dem Schmuck zu fragen an, welchen ihr verstor-

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bener Gatte ihr einst als ihr Eigenthum und als das Erbe des
Hauses übergeben hakte, und Renatns konnte sich nicht über-
winden, ihr oder gar seiner Frau das Geständnis; zu machen,
wie von demn vielbessrocheuen Arien schen Familienschmucke jetzt
nicht mehr ein Stein vorhanden sei. Er meinte der Ehre seines
Vaters damit zu nahe zu lrelen, und, wie er mil sich in seinem
Imnern des:hall auch ßrifend utd iberlegend zu Naihe ging.
es war nicht persönliche Eitelleit, auch nichi einmal der Wunsch,
seine Frau und seine Stiefmukter in reichem Schmucke erscheinen
zu lassen, sondern ganz eigentlich die Rüicksicht auf das Andenken
seines Vaters, es waren seine Kindesliebe und ein Gefihl fir
das, was er sich und seinem Hause schuldig sei, die ihn be-
wogen. sowohl fitr Vittoria als finr Ceilie heimlich Ankäufe
von Schmuck zu machen. Sie kamen natirlich den einstigen
Familien»Diamanten. wie die Baronin Angelika sie aus ihres
Gatten Hand empfangen hatte, in keiner Weise gleich; indeß
Eäcilie hatte die alten Brillanten niemals, Vittoria sie seit langer
Zeit nicht mehr gesehen, und Nenatus hatte also keine große
Müihe, es den beiden Frauen glaublich zu machen, das: der ver-
storbene Freiherr während der Kriegsjahre einige der Werih-
stücke verkauft und das; er selbst jetzt den übrig gebliebenen
Brillanten, Behufs der Theilung zwischen seiner Frau und seiner-
Mutter, eine neue Fassung habe geben lassen. Es gewährte
ihm dabei eine Freude, zu sehen, wie wenig Vittoria zur Hab-
sucht geneigt war, wie bereitwillig sie die Hälfte des, wie sie
glauben muste, ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an
die Schwiegertochter abtrat; und da nebenher auch Cäcilie ein
außerordentliches Vergnigen über den Besiz dieser Diamanten
kund gab, so schlug sich Nenatus endlich die Sorge wegen dieser
nenen und fitr seine gegenwärtigen Verhälmnisse viel zu grosßen
Ausgaben auus dem Sinne. Er tröstete sich damit, das die
Vorsehung, welche ihm so mamnigfache, unerwwartete Hindernisse

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bereitet und Prüfungen jeder Art auferlegt habe, ihm doch endlich
auch auuf irgend eine unvorherzusehende Weise zu Hülfe kommen,
daß sie es ihm möglich machen miisse. die guten und fesien
Vorsäze, die er schon in friher Juugzend fisr seine einstige Ehe
gehegt hate, zur Ausfihrung zu bringen, damit cr sich jenes
schöne und wührdige Familienleben auufrichten köne, welches ihm
von jeher als das Ziel vorgescwebt hatle, nach welchem vor
Allem der wahre Edelmann zu streben habe. Daß ihm fir
diesen idealen Ba die beiden Hauptbedinguungen: der feste Boden
gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder
Euutbehrung bereiten Selbsibeschränlung, fehllen, daran allerdings
dachie der Freiherr nicht.
Mit seinem Namen, mit seinen Verbindungen und bei seiner
militärischen Stellüg fand er für seine Vorstellung bei Hofe
keine Schwierigkeit; dennoch war der Empfang, welcher ihm und,
seiner Familie in den verschiedenen Hcfstaaten zu Theil ward,
je nach den, in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnun-
gen und Lebensgewohnheiten, sehr verschiwen. Dasß er von Seiten
der Prinzessin, welche sich zu Hildegard's Beschüzerin gemacht
und deren Gunst Graf Gerhard sich erworben, auf keine gin-
stige Stimmung fir sich rechnen konnte, hatte sich Renatus im
, voraus gesagt. Aber die Gnade, welcher die Gräfin Rhoden
sich von Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte, machte
es trozdem fir Cäcilie und für ihren Gatten zu einer Pflicht
der Dankbarkeit, die Vorstellung bei der Prinzessin nachzusuchen,
und Renatus, der in dem Negimente diente, dessen Chef eben
der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war, fand
sich damit ab, daß er wenigstens doch die Zufriedenheit und
Geneigtheit dieses Lezteren besize und es in seiner Gewalt habe,
sie durch die strengste Pinulllichleit im Dienste in immer höherem:
Grade zu verdienen.
Diese Pinktlichkeit im Dienste war es auch, welche den
F. Le wald, Von Geschlehhl zu Geschlecht. 1

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König auf den jungen Major von Arten aufmerksam hatte wer-
den lassen. In der ganzen Garde gab es bei den Cavallerie-
Regimentern kaum eine andere Schwadron, deren Exercitien so
vollendet, in welcher der Mann und sein Pferd so Eins, in der
die Leute eine so in einander gefestete Masse und jeder Knopf
und jede Schnalle so der strengsten Dienswvorschrift ensprechend
gewesen wären, als in der des Majors von Arten. Aber wenn
die Armee und ihre äuustere Siaitlichkeit auuch der Stolz des
Königs und die Freude an der regelrechien, seelenlosen Front
jetzt nach den Kriegen noch mehr als vor denselben seine eigent-
liche Liebhaberei geworden war, so bestimmte doch der strenge,
bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Königs, aus
welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang, seine
Anschauungen und Ansichten auch nach andern Seiten. Er er-
kannte überall nur mit Widerstreben die Noihwendigkeit oder die
Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an. Feste
Gesetze fir eine möglichst einförmige Menscheumasse, das är
es, was ihm als Jdeal vorschwweben mochte. Er verabscheute
jene Selbständigkeit des Einzelnen, welche sich ihre Lebensver-
hältnisse nach eigenem Vedirfen zu geslalten unternimmt; und
wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den zügellosen
Zeiten seineö Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte ge-
liefert hatte, so verlangte er, daß auch von seiner Umgebung
kein böses Beispiel gegeben, daß der Anstand und die Zucht in
den Familien mit Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten
und überall dasjenige vermieden werden sollte, was von sich
sprechen machen, was Aufsehen oder gar ein Aergerniß erregen
konnte.
Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu
nöthig, den Major von Arten in der guten Meinung des Königs
zu beeinträchtigen. Man bedurfte dazu keiner Künste, keiner
Verleumdung, keiner Unwahrheit, die Sache machte sich ganz

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von sälbst. Die Prinzessin, welche nach dem frühen Tode seiner
Gemahlin dem Könige nur noch näher getreten war, erwähnte
nur einmal zufällig und bedauernd der armen, guten Gräfin
Nhoden, die uun nach so langer Entfernung von der Haupt-
stadt unter so trauurigen Verhältnissen wieher in dieselbe zurück-
gekehrt sei.
Der König, dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Ge-
dächiniß nicht leicht eine Thatsache verloren ging. von der er
einnal hatte sprechen hören, und der ebenfalls nach Fürstenweise
von den Siadt- und Familiennenigleiten unier der Hand guui
unlerrichtet zu sein liebte, meinte, sich zu erinnern, daß die Tochter
der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig ver-
sprochen worden war; und wie dann eine Frage nun die andere
gab, erfuhr der König alles, was man über die Familienge-
schichte der Freiherren von Arten wußte, vermuthete und fabelte.
Das war aber durchweg danach angethan, dem Könige zu miß-
fallen.
Nicht hibsch, gar nicht hübsch von dem Major, sagte er,
ein Mädchen Jahre lang warten und dann sizen zu lassen!
Auch von der Schwester nicht hiibsch, gar nicht hüübsch!
Er belobte die Prinzessin dafür, daß sie sich Hildegard's
angenommen habe. Müssen sehen, dem Mädchen eine Versor-
gung, einen andern Mann zu schaffen! -- Schade um den
Maor! sonst ein tüchtiger Offizier! fügte er in seiner abge-
rissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann, was
denn aus der Jtalienerin, aus der ehemaligen Nonne geworden
sei, welche der Vater des Majors seiner Zeit aus dem Kloster
entführt und aus Jtalien mitgebracht habe.
Man berichtete dem Könige, daß die Baronin im Hause
ihres Stiefsohnes lebe, daß dieser den Sohn aus seines Vaters
zwweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben habe, und wie von
selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von
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Arien sicherlich sehr unervariete und unbequeme Ankunft und
über das Erkranken der zum Kalholizismus belehrlen Gräsin.
Haughton an jene Mittheilungen an. Der König, der in seiner
protestantischen Strenggläubigleil den Neligionswwwechsel an sich,
besonders aber den lleberirill von Proiesianien zum Kaiholizismns
ungern sah, schittelte misbilligend das Hauupt.
Könnte auch was Klügeres thun, als die Arten'sche Genie-
Wirthschaft fortzusezen! Schict sich nicht, schickt sich nicht für
einen Offizier! wiederholte er noch einmal, indem er sich erhob,
und das Urtheil üüber die Arien'sche Familie war mit diesen
Worten fir den ganzen Hof nuur noch entschiedener als durch
die Prinzessin auögesprochen. Ner Einer ließ sich nicht davon
bestinnen, nur auf den ältesten Sohn des Königs, auf den
jngen, geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese
ganze Unterhaltung eine gerade entgegengesetzte Wirkung aus.
Er liebte die Künste und die Wissenschaften, er war ein
Verehrer der alten italienischen Musik, seine Vorliebe für Jtälien
und für die Gebräuuche der kalholischen Kirche war schon damals
eine entschiedene, und es hatte daher eben nur der Erwähnung
bedurft, daß die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene
Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen
Kirchenmusik sei, um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer
Bekanntschaft einzuflößen. Eine ehemalige None die alten,
tiefsinnigen Melodieen des finfzehnten und sech?zehnten Jahr-
hunderts inmitten der aufgellärten und zumn Theil so nilchternen
Gesellschaft singen zu hören, bot für die Phantasie des lebhaften,
jungen Prinzen einen reizenden Gegensaz dar, und die Er-
scheinung der verwittweten Baronin war wie dazu geschaffen,
die Gerüichte über ihre Vergangenheik zu bestätigen.
Vittoria selber fühlte sich üüberrascht, als sie sich zum ersten
Male in ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte, welche die
Etiquetie bei den großen Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt.

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Das schwwere Schleppkleid lies: ihre Gestalt gröster erscheinen.
als sie war, ihre Biste, ihr Nacken zeigten noch die vollendeke
Schönheit der italienischen Formen, und was die Zeit ihrem
mächligen Auilize an Frische geraubt hatte, das ersetzte der
Ausdruck ihrer Augen, das vermiste man nichl, wenn die Leb-
haftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener feinen Nöthe
färbte, welche eben auch nur den Sidländern eigen ist.
Der Kronprinz, der über das Alter Vittoria's nicht unter-
richtet gewesen war, hatte in ihr, wen auch nicht eine alte, so
doch eine wesentlich ältere Frau zu finden erwartet, und er war
daher erstaunt, in ihr noch eine wirksiche Schönheit zu erblicken.
Ihre stolze, edle Haltung gefiel ihm wohl, der weiche, tiefe Ton
und die vollendete Neinheit, mit welchem sie ihre Muttersprache
redete, erfreute sein gebildetes und füür jeden Wohlklang sehr
empfängliches Ohr, und als er dann am dritten Orie Vitoria
einnal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die Gelegen-
heit gehabt, hatie er seine Freude iber diesen seltenen Genuß
so offen und waruherzig ausgesprochen, daß man überall, wo
man auf die Anwesenheit des Kronprinzen sich Rechnung machen
durfte, die Arten'sche Familie einlud, sicher, den Prinzen durch
den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten.
Plözlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also
auf diese Weise in eine Parteistellung gebracht, die er nicht
gesucht hatte und die er nicht gewählt haben würde, hätte er es
in seiner Hand gehabt, sie nach seinen Wünschen zu bestimmen.
Er hatte sseine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militair-
dienste und auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut;
aber diese letztere ward ihm nicht zu Theil. Es hatie bei der
einmaligen Einladung, mit welcher der König ihn beehrte, sein
Bewenden; auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus
und die Seinen nicht in der Weise, wie sie es wünschen mußten, -
aufgenommen; dafür aber empfingen alle diejenigen sie mit

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offenen Armen, welche zu dem näheren Umgangslreise des Kron-
Prinzen gehörten.
Nenatns, der sich den vorsichkigen Itriguen seinör Schwä-
gerin und seines Oheims gegenilber in die Noihwendigleit ver-
setzt sah, sich nach einem Sizpunle und Anhalte umzuihnn,
und der, wie alle leichl besliibaren: Menschen, sehr dazu ge-
eigzueel wwair, dajenigze ls seiie sreie lFmn!schslinsiii nnzz zu le l rnrhlen,
wwas ihu bon der Gewall der Ulntsiände algezwuu igen oder auf-
genöthigt ward, kam dadurch bald dahin, sich zu üüberreden, wie
es fir ihn, wie es fir jeden jungen und vorwärks strebenden.
Mann gerathener sei, sich uit seinen Hofsnungen eineu gleich-
alterigen Firsten anzuschliesten, als deren Erfi:llung allein von
der augenblickltchen Gunst eines ält..--eannes abhängig z
orois As
ois s.ssz-l.--s
machen, und die Fran.-p-=---lh- - dieser Ansicht. Sie
sss fi-
waren beide in ihrem Jnnern herzlich froh, die Gräfin Nhoden
und mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als
möglich zu vermeiden. .pnen sagte der jingere, lebenslustige
DA.
-äheil der Gesellschaft besser zu, als die ernsthaften Unterhaltungen
aAt
in den Gemächern der Prinzessin, und Renatus, der es in den
auilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl
erlernt hatie, sich in den durch Geist und Amumuth verfeinerten,
Umgangsformen eines gebildeten Hofes mit Leichtigleit zu be-
wegen, fand sich in der Nähe des jungen, immer angeregten,
jedem neuen Eindrucke offenen, leicht bewegten und die Andern'
mit sich fortreißenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente.
Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr be-
sonders an, daß sein inneres Zerwürfniß mit seinen und seiner
Gattin Anverwandten Niemandem verborgen war. Er suchte
die Gesellschasi des Grafen Gerhard und die der Gräsin Nhoden
nicht, aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre
Anwesenheit in semnem Hause nicht. Es war ihm sogar nicht
umwillloumen, wenn sie sich überzeuglen, das-=-« heimliche
Nl.- 1


---- Lg?--
Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe, daß er sich, wenn auch
nicht in der ihren, so doch inmitten der ihm erwünschtesten Ge-
sellschaft viel begehrt, bewege und daß auch ihm die Gunst eines
Mchtigen nicht fehle.
E freute ihn, wenn Hildegard es hörte, wie man Cäci-
liens bliheude Frische, ihren kinblichen Frohsiun uid ihren Ge-
sag lewuuniderle; ee sreuuie ihn. wveun er seinem Oheim und
seiner Scwiegeruuuiler sagen konnte, das; der Kronprinz am
Abend zum Thee bei ihm erscheinen werde, weil man heute
eine alte Messe in seinem Hause singe; und daß die Art der
Geselligkeit, in die Nenaius, wie er sich sagen durfte, fast ohne
all sein Zuthun hineingezogen worden war, ihn zu einem größeren
Haushalte und zu nanigfachen Ausgaben veranlaßte, den zu
führen und die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen
Absichten gelegen hatte, darüber durfte er sich kein Bedenken
und keinen Vorwurf machen. Er that ja nur, was von einem
Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebiete-
risch gefordert ward; er that nur, was die Erfahrensten ihm
auf andern Gebieten zu thun stetö gerathen hatten. Er durfte
die Mittel nicht schonen, wenn sie dem richtigen Zwecke galten,
und wie er Rothenfeld und Neudorf hatte verkaufen müssen,
um die Capitalien für den Betrieb der Nichtener Wirthschaft
flüssig zu machen, so mußte er jezt kein kleinliches Bedenken
dagegen tragen, sich ein paar Tausend Thaler, deren er für sein
breiteres Leben durchaus bedürftig war, auf Wechsel zu verschaffen.
Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der
Gesellschaft zurüczuziehen, auf die errungenen Vortheile zu ver-
zichten, den heimlichen Gegnern das Feld zu räumen, statt ihnen
die Slirn zu bieten, das hälte gegen alle Negeln der Kriegs-
kunst arg verstosßen; und vollends sich freiwillig aus der Nähe
des Kronprinzen zu verbannen, freiwillig allen den Aussichten
zu entsagen, welche die beginnende Gunst desselben für die Zu-

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kunft verhieß, das wäre, wie Renatus meinte, eine unverant-
wortliche Unklugheit gewesen, eine Unklugheit, deren er, ohne ein
Unrecht an seiner Familie zu begghen, sich nicht schuldigmachen durfte.
Er konnte sich sagen, daß er sich jetzt in völlig geregelten
Verhältnissen befinde. Er hatte ein festes Gehalt, ein sicheres,
wenn auch nuur allmähliches Avancemenl im Heere vor sich, sein
Gui war den Uuständen nach in vortheilhafie Pacht gegeben,
seine Einnahmen waren leineswegs unbeträchtlich. Nur seine
Ausgaben waren allerdings in diesem lezten halben Jahre iber
alles Voraussehen gros gewesen; aber man haite nichl in jedem
Jahre sich nen einzurichten, nichi in jedem Jahre die völlige
Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruuder zu beschaffen,
nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusczen, und so
lange man sich eine so genane und strenge Rechnung legte, als
er es ihat, hatte es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Ver-
hältnissen nicht das mindeste Bedenken; denn nur die achilose,
die sorglose Wirthschaft war seinem Vater so gefährlich, so ver-
derblich geworden. Und es handelte sich ja nur um wenig
Monate. Schon im Laufe der nächsten Zeit, wenn die Gesell-
schaft aus einander ging, und namentlich in den Sommer-
monaten ließen sich sehr leicht Ersparnisse machen, mitiels deren
das neue, kleine Anlehen zu bezahlen war. Nenatus war deß-
halb ganz unbesorgt. Er hätte es für eine ganz unnöthige
Grausamkeit gehalten, seine Frau oder seine Stiefmutter mit
der Erwähnung dieser Thatsachen in dem unschuldigen und
fröhlichen Lebensgenusse, dem sich beide zum ersten Male über-
lassen durften, irgendwie zu stören. Er hatte sie dazu zu lieb,
der Beifall, den sie ernteten, that ihm selbst zu wohl, und er
fühlte sich auch Man geung, sie, ohne daß sie eiwas davon
ahnten, an solchen kleinen Klippen still vorbei zu fihren.
Häile er über Eleonoren Schicsal nuur eben so ruhig sein
können!
Iaeugugo egwn IwEwwEweAAöewew a-PggAaeagp