Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 18

Ftüünftes Capitel.
Soa haiie während des Krieges an manchem Kranken-
bette gewaltet und gewacht; sie hatte dabei manchem Kummer,
manchem liefen Scherze, mancher Trauer und schwerem Herze-
leid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen; aber
eine ähnliche Verzweiflung, wie sie sich in Eleonorens Fieber-
phantasieen kundgab, war nie vor ihr laut geworden, und nur
in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend fand sie
die Kraft, deren sie an diesem Krankenbette bedurfte.
Viele, viele Tage vergingen, ohne daß Eleonore zu irgend
einem klaren Bewußtsein gelangte. Sie hatte in den letzten
Monaten so viel, so Gewaltiges erlebt, so gkoße Erschüütterungen
durchgemacht, daß alles, was ihr begegnet war und was ihr
augenblicklich begegnete, sich bei ihrer Schwäche in ihren Träu-
men und Fieberphantasieen durch einander wirrte. Bisweilen
meinte sie in ihrem Schlosse zu sein und beschwerte sich darüber,
daß man ihr Zimmer so verändert habe; dann wieder glaubte
sie sich in Nom in einer Klosterzelle, und als sie eines Tages
in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte
faßte und die Fille des Haares vermißte, das man ihr auf
des Arztes Anordnung während ihrer Krankheit abgeschnitten
hatte, rang sich der laute Aufschrei: ,Es ist vollbracht!' aus
ihrem Herzen empor, und sich weit über ihr Lager hinausbengend,
uuschlang sie Seba's Leib mit ihren Armen, und ihr Antlitz
auf den Knieen ihrer Pflegerin verbergend, weinte sio bitierlich.

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Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem
Abbs und verlangte doch, daß man sie vor ihm beschützen solle.
Sie beschwor dann Seba, mit ihr auus den engen Mauern dieses
Klosters zu enkfliehen, heimlich mit ihr forlzugehen aus dem
fremden Lande und sie nach ihrer Heimath zu bringen, unter
den Schatien ihrer eigenen Bäuume, an das Ufer des Flussos,
der durch ihre Wiesen floß. Sie nannte sich bald eine mächtige
Könüigit, hald eine Gefangene.
Wer darf mich halten? Wer hat Gewalt iber mich, went
ich frei sein will? rief sie in wilder Hefiigleil und flehte im
nächsten Auugenblicke, daß man ihr ihre Seele wiedergeben solle,
damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen uuherzu-
irren brauche. Das Fieber war im Abnehmen, aber die Vor-
stellungen der Kranken Lieben verwirrt, und die Besorgniß,
daß eine dauernde Störung der Denkkraft zurückbleiben könne,
hielt diejenigen, welche an dem Schicksale Eleonorens Autheil
nahmen, in angstvoller Spannuung.
Paul und Davide sahen es mit Sorge, wie Seba in der
Frühe das Haus verließ und erst am Abende spät und ermüdet
von der Kranken wiederkehrte; aber sie wußten es, daß es ver-
gebens sein wülrde, sie von den Liebeswerken abzuhalten, die sie
als ihre Lebendanfgabe betrachtete.
Ihr braucht mich nicht, sagte sie mit ihrer sanften Nuhe,
wenn ihre Pflegekinder ihr doch bidweilen die Vorstellung zu
machen versuchten, daß sie sich ihnen nicht so ganz entziehen,
daß sie an sich selber denken, sich schonen solle. Ihr braucht
mich nicht, denn Ihr seid glicklich. Ihr kenut Euuren Weg und
Euer Ziel; dort aber ist ein armes, völlig verirrtes Geschöpf.
Wie sollte ich anstehen, ihm die Hand zu bieten, damit es nicht
verloren geht? Wer wie ich sein eigenes Leben durch seine
Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten, nicht zu einem in
sich selbständig vollendeten machen konnte, der muß es fir Andere

zu verwerkhen und nützlich zu machen suthen; und Ihr wißt es
ja, ich finde darin ein groses Glick. Velleicht trägt die Natur
den Sieg davon, vielleicht erhalten oit Eleonore dem Leben,
vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben. Sie ist so jung,
sie ist ohne Lebe auferwwachsen, und sie ist so schön! füügte sie
dann sieis hinzu und giug voll hosfender Beharrlichleit immer
wieder an das Krankenbett zurück.
DaK Jahr war sasl zu Eie, ehe Eleonore auch nur zu
fragen anfing, wo sie sich befinde oder wer die Fremde sei, die
neben ihrer alten englischen Amme an ihrem Lager weile; und
noch eine geraume Zeit verging, ehe sie zusammenhängend über
sich zu denken, ehe sie ihre Gedanken wieder mitzutheilen im
Stande war.
Was der Beobachtung Seba's zuerst auffiel, war, daß
Eleonore zwar an jedem Morgen und an jedem Abende mit
tiefer Jnbrunst betete, daß sie sich aber nie des Kreuzes dabei
bediente, welches sie an einer goldenen, zugelötheten Kette an
ihrem Halse trng; und die Sone schien schon wieder frühlings-
warm auf die Erde herab, als die Genesende sich eines Tages
erkundigte, ob es ihr geträuumt habe, daß der Freiherr von Arten
bei ihr gewesen sei, als sie erkrankt war.
Man sagte ihr, das; ihre Erinnerung sie nicht täusche.
Sie wollte wissen, weßhalb er nicht wiedergekommen sei. Als
man ihr das Verbot des Arztes, irgend Jemanden zu ihr zu
lassen, vorhielt, erkundigte sie sich, ob Seba vielleicht den Frei-
herrn kenne.
Er hat mich zu Ihnen geholt, mein Kind, antwortete
ihr diese.
Sind Sie mit ihm verwandt? fragte Eleonore.
Nein, aber seine Mutter war meine Freundin, und als
ich jung war, wie Sie jezt, habe ich seine Mutter, die auch
viel Kummer hakte, in meinem Vaterhause lange gepflegt.

. ezr. eh
Eleonore gab sich damit zufrieden. Matt, wie sie es war,
gehörten nur wenig Vorstellungen dazu, sie eine geraume Zeit
zu beschäftigen, und erst nach langem Schweigen richtete sie sich
ein wenig in die Höhe und sprach: Sie sagten, die Mutter des
Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt; Sie wissen
also, daß ich Kummer habe?
Ihre Worte, Ihre unbewußten Klagen haben es mir ver-
ralhen, euigegnele ihr Seba; aber sorgen Sie Sich nicht darum.
Was ich vernommen habe, hat mir Mitleid mit Ihnen, hat
mlr Liebe siir Sie eingeslösil, und eC isl bei mir wohl aus-
gehoben.
Sind Sie katholisch? forschle Eleonore weiter.
Nein, ich bin eine Jidin, antwworteke ihr Seba.
Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an, und
als mache sie sich diesen Blick zum Vorwurfe, ergriss sie plözlich
die Hand ihrer Pflegerin und küßte sie zu wiederholten Malen.
Seba hinderte sie nicht daran. Alles, was sie während Eleonorens
langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses
Mädchens erfahren, alles, was Eleonorens Amme ihr über die
Vorgänge in Haughton Castle gesagt, hatte Seba überzeugt, daß
Eleonore einer völligen Umgestaltung ihres ganzen Wesens be-
dürftig sei, wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich selber
untergehen solle; und wie man ein Kind langsam und allmählich
auf die Begriffe hinfihrt, die man ihm zu geben wünscht, wie
man es so leitet und führt, daß es sehen muß, was man es
sehen lassen will, so langsam und so vorsichtig leitete Seba die
Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad, auf welchem
sie Heilung und Nettung für Eleonore finden zu können hoffte.
Weil sie selber sich gewöhnt hatte, das Leben eines Menschen
in seinem ganzen Znsammenhange zu betrachten und Ursache
und Wirkung einander gegeniber zu stellen, hatte sie die Kunst
erlernt, sich es in den meisten Fällen klar zu machen, durch

ezr D
welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders
gebildel habe. Noch ehe also ihre Kraunke im Slande war, sich
über sich selbst auszusprechen, wßte die feinsinnige Pflegerin,
was Eleonoren von Jugend auf gemangelt hatte, und sann
darüber in stillem Herzen nach, wie sie diesem auf den reichen
und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen
Mädchen den Segen zuwenden könne, der in der Hütte des
Armen dem Einde selten fehlt -- den Segen der selbsilosen
Liebe, die selbstlos lieben lehrt.
leuore hulie ihre Muller nichl gelauni, ihr Valer, der
Marquis von Lanzun, wwar nicht der Maunn gewesen, einem
Kinde duurch seine Hingebung die Mutterliebe zu ersetzen, und
Arabella Warell, zu deren tccngen Gruundsätzen und zu deren
starkey; Verstande Eleonoren's Mutter mit Recht ein großes
Verirauen gehegt hatle, war sellst eine Waise und in der Er-
ziehung ihres Pfleglings von dem Gedanken geleitet gewesen,
daß sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin gewöhnen
und bilden niüsse, in sich selbst beruhen und den nachtheiligen
Einflüssen widerstehen zu lernen, welche ihm von Seiten der
Herzogin schon frühe drohten. Mit bewußter Absicht hatte ihre
Erzieherin die junge Gräfin mißtrauisch gegen ihre Tante und
gegen die Freunde derselben gemacht. Mit Geflissenheit hatte
sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen,
nur seinen eigenen Eingebungen, nur seinem eigenen Verstande zu
folgen, und die glänzende Ausnahmestellung, in welcher Eleonore
sich befand, die unausgesetzte Bewunderung und Huldigung,
welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der
Gesellschaft dargebracht wurden, hatten die junge Gräfin mehr
und mehr dazu verleitet, nichts hu begehren und zu bedürfen,
als immer neue Nahrung fir ihre eitle Selbstgenülgsamkeit,
immer neue Befriedigung fiir ihren ungemessenen Stolz.
Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzensiäuschung un-

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vermählt geblieben, . wie sie, um sich fitr den Irrthum ihrer
Jugend zu besrafen, sich eben deßhalb zu einer unerbitilich
scharfen Beobachterin gemacht hatte, war auch Eleonore durch
sie gewöhnt worden, an die Menschen, und namentlich an die
Männer, ideale Maßstäbe anzulegen und schonungslos über sie
abzuurtheilen, wo sie diesen Masßstäben nicht entsprachen. Fräu-
lein Warwell hatte gewünscht, Eleonore vor dem Mißgriffe zu
bewahren, den sie seller eiusl begangen, al sie in eiemn ge-
ringen und unbedeutenden Manne die Eigenschafien zu finden.
geglaubt hatte, die sie in ihrem Gatten sich ersehnte; und alles,
was sie für ihre Pflegebefohlene damit erreichte, war die Er-
weckung des Glaubens gewesen, daß kaum ein Mann es werth
sei, von einem edeln, reinen Frauenherzen mit voller Hingebung
geliebt zu werden, daß nur selten ein Mann es verstehe, den
Werth einer großen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hin-
gebung zu wülrdigen, und daß es das höchste, ja, das einzige
Gllck des Weibes sei, den Mann zu finden, den es in A
wunderung lieben, den es über sich stellen könne, während er
in jedem Augenblicke wisse, was diese freiwillige Unterordnung
des Weibes von ihm fordere und ihm auferlege. Mitten in
einer auf den äußern Lebensgenuuß, auf Befriedigung ihres welt-
lichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da
gestanden, in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Ge-
währung und Erfüllung ihrer idealen und überspannten An-
sprüche erwartend, nach Liebe dürstend und doch in keiner Weise
darauf vorbereitet, sich gn die Liebe liebend hinzugeben.
So hatie der Abbä sie gefunden, und entschlossen, sich ihrer
für seine Kirche zu bemächtigen, hatte er das traurige Werk
ihrer Erzieherin vollendet, Eleonore ganz abzutrennen von dem
Zusammenhange mit ihrer Umgebung, nm sie sich desto leichter
aneignen zu können. Das; seine Schönheit, seine persönliche
Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten, hatie er früh

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geseg.t, früh zu benuzen gewußt; selbst e Leidenschaft, die in
ihm fiir die Gräsin erwwacht war, hatte er seinen Zwecken dienstbar
gemacht. Es hatte ihm das wollüstige Entzücken der Herrsch-
sucht und den Genuuß gewährt, den men empfindet, wenn man
sich seinem Ziele nahe sieht, als er Eleonore, Dank seinen Rath-
schlägen, vom Hofe verwiesen, von dem Freiherrn, dem sie sich
angetragen, verschmäht, völlig vereinsamt gefunden hatte; und
erst ald sie, ausgegelen auch von der Geseslschast ihres Heimath-
landes, sich hilferufend an ihn gewendet, war er vor ihr er-
schienen, erst da hatie er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreu-
zigten vor ihr erhoben und es ihr als die Zufluchtsstätte dar-
geboten, in der er und sie sich' begegnen, er und sie sich in einer
ewigen und ausschließlichen Liebe zusammenfinden konnten.
Nicht aus Ueberzengung, nur aus Leidenschaft für den
Geliebten war Eleonore zu der katholischen Kirche übergetreten;
nicht eine Befriedigung ihres Herzens, nicht eine neue Beseligung
hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismuus gesucht, sondern
nur ihn, den Geliebten, der in diesem Gluuben seine Welt zu
haben behauptete, ihn, der ihr verheißen hctte, sich nie von ihr
zu trennen, wenn sie ihn zu suchen käme, wo er seines Lebens,
seines Geistes, seines Wirkens Heimath habe. Und als sie nun
zu seiner Kirche sich hingewendet, da hatte er sich ihr entzogen,
da hatte er das junge Weib, das man gewiegt hatie mit allen
Ansprüchen auf der Erde höchstes Glück und das sich in der
Lage wußte, es einem geliebten Manne und sich selbst in jedem
Augenblicke bereiten zu können, von sich geftoßen mit der grau-
samen Lust der Willtür, der einzigen Freiheit, die sein Eid
ihm gönnte.
Ich muuß Dich fliehen, denn ich liebe Dich! hatte er ihr
gesagt. Willst Du mich wiedersehen, willst Du mich nicht ver-
lieren, so muust Du alles daran setzen, wa Du hasi und bist,
so musgt Du der Welt entsagen, wie ich es gethan habe, und

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eines unlöslichen Schwures Schranken müssen aufgerichtet
werden zwischen uns, zwischen mir und Dir, denn wir sind
Menschen!
Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet! Was hätie
ihre Liebe dem Abgotie ihres Herzens versagen könen, so lange
er an ihrer Seite war, so lange sein Blick, sein Wort sie be-
herrschten und in ihre Bande schlugen? Aber die Lebenslust in
ihr war zu -umächlig. Ihre Jngend, ihhre Schönuhseit in der Ge-
fangenschaft eines Klosters verblilhen zu lassen, der Heimalh,
dem Ahnenschlosse ihrer Väier und vor Allemu der löniglichen
Freiheit zu euisagen, deren sie sich iheilhaftig gewuusst und ge-,
fühlt seit ihrer frühesten Kindheit an, das war iber ihre Kräfte
gegangen. Auf ihren Knieen hatte sie den Abbä beschworen,
sie von der Erfillung des Eides zu enibinden, den er ihr auf-
erlegt; mit inbrünstiger Liebe hatie sie von ihm begehrt, sich
begniigen zu lassen mit ihrem Gelöbnisß, das; sie niemals einem
Andern angehören wolle, und ihr Leiter und Führer zu bleiben
in der Welt und in der Freiheit, denen zu entsagen sie sich
nicht entschließen konnte. Sie hatte lein Gehöc bei ihm gefunden.
Voll Mißtrauen in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft, mit
dem festesten Glauben an die Gewalt von Eleonorens Liebe hatte
er sie verlassen - sicher, daß sie ihm folgen werde, wohin er
immer gehe, bis er sie hingeführt haben würde zu dem Aliare,
auf dem sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen
Besiz der Gemeinschaft einverleiben sollte, der er angehörte, und
deren Unerbittlichkeit er sich verfallen wußte, wenn er ihren Er-
wartungen nicht entsprach, wie er's verheißen, wie man es von
ihm erwartet hatte.
Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht. Wie von
einer Naturgewalt gezwnngen, war Eleonore ihm nach Deutsch-
land nachgeeilt, und noch einal hatte er sich von ihr entfernt.
Noch eiumial hatie sie erleunen müüssen, das; leine Gmnade von

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ihm zu hoffen sei, und überwältigt von der Größe ihres inneren
Kampfes war sie zusammengebrochen, ihrer selbst nicht länger
mächtig.
Es war Herbst gewesen, als die Krankheit sie ergriffen, das
Bewußtsein sie verlassen hatte; nun war es Frühling geworden.
In einfacher Umgebung, unbewundert, von Niemandem bean-
sprucht, fremd und in der Fremde, hilflos wie ein Kind, so
lag sie ba, uugh hie warmenn Smneusiruhslen, die auus dest Wünnden
wie die rieselnden Wellen eines lichten Skromes hin und wieder
slossen, waren ihres Auuges stille Frenude. Sie war zufrieden,
das; sie dieselben sehen lonnte, daß sie noch athmete, daß der
Erde dunkler Schooß sie noch nicht umfing.
' Eines Morgens, als die Sonne auch wieder freundlich in
ihr Zimmer schien, trat in der Frihe Seba bei ihr ein und
legte ein paar Veilchen auf ihr Lager. Es sind die ersten
unseres Gartens, sagte sie. Meiner Pflegetochter Söhnchen hat sie
gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen.
Eleonore nahm die Veilchen in die Hand; ihr Duft, ihre
Form, ihr ganzer Anblick schienen ihr wie neu. Sie drückte sie
an ihre Lippen und die Thränen traten ihr in die Augen.
Seba fragte, was sie so bewege.
Es rührt mich, antwortete ihr Eleonore, daß hier in der
Frende Blumen fir
sie für mich pflckt.
mich wachsen und baß ein fremdes Kind
Lieben Sie die Kinder?
Welche Frage! rief Seba. Wer sollte den Frühling, wer
sollte die Hoffnung nicht lieben? In tiefster, eigener Entmuthi-
gung hat die Beschäfiigung mit Kindern mich aufgerichtet, und
noch heute, wenn ich mich niedergeschlagen fühle, brauche ich nur
auf die schöne Zuversicht hinzublicken, mit welcher die Kinder
in das Leben schauen, um zu begreifen, daß schon in dem bloßen
Wollen, Streben, Hosfen ein Gllck verborgen liegt Und nun
vollends der Gedanle, wie leicht man solch ein Kind erfreuen
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
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kann! Diesen holden, genügsamen Geschöpfen gegeniber besitzen
wir ja eine wahrhaft göitliche Allmacht!
Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie: Ich habe nie
ein Kind bei mir gehabt, nie mit einem Kinde gespielt, und
keinem Kinde je etwas zu Lieb gethan.
Armes Mädchen, sagte Seba, Sie sind eben einsam und
ohne Liebe groß geworden; Sie werden viel nachzuholen haben,
wenn Sie erst genesen sind!
Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt, Seba
brach von dem Gespräche äugenblicklich ab; indes Eleonore blieb
fort unnd sorl mnil dem Gedanlen an den Kmiaben, der die Blumen
fir sie gesendet hatie, beschäftigt. Sie wollte wissen, wie alt
er sei, sie wollie, das; Seba ihr beschreibe, wie er aussehe, und
als diese von ihhrer llhsrkelle die Kussel lo slösle, in welcher sie
das Miniaturbild ihres Lieblings trug, konnte Eleonore sich an
dem blonden Lockenkopfe und an den hellen, braunen Augef des
Kindes gar nicht satt sehen. Sie fragte nach des Knaben
Mutier, nach seinem Vater, nach Seba's Verwandtschaft mit
ihnen, nach ihrem Thun und Treiben, und Seba konnte es be-
merken, wie die schlichte Darstellung dieses gesunden und be-
gliickten Familienlebens die junge Gräfin, als etwas ihr völlig
Unbekanntes, anzog und bewegte.
Am Abende, da Seba sie, wie immer, verlassen wollte,
hielt Eleonore sie zurück. Sie schien etwas auf dem Herzen zu
haben und Schen zu hegen, es zu offenbaren. Endlich, als
Seba sich erkundigte, ob sie irgend etwas wünsche, was sie ihr
gewähren könne, fragte die Genesende: War meine Krankheit
von der Art, daß meine Nähe Andern Nachtheil bringen konnte?
Ist eine Ansteckung für diejenigen zu befürchten, die mich jetzt
besuchen?
Seba verneinte es auf das bestimmteste. Da richtete sich
Eleonore auf, ergrif die Hände ihrer Pflegerin und sagte: Sie

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haben so viel fir mich gethan; Herr Tremann und seine Frau
haben mir so großmithig durch alle diese langen Monate Ihre
Pflege gegönnt, bitten Sie sie -- Aber es war, als halte eine
unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück.
Sie verstummte plötzlich, und erst als Seba ihre frühere Frage
wiederholte, sagte Eleonore, während ein flichtiges Roth ihre
eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes Lächeln ihren
schönen Mund umspielte: Wenn es ihm nicht schadet, wenn es
ihm gar nicht schadet, und wenn seine Eliern ihn mir einmal
senden wollen-- bringen Sie mir den Knaben mit!
Manu hatie keinen Grund, ihr die Erfillung dieses Wunsches
zu verweigern, und Davide war so stolz auf ihres Knaben
Schönheil, das; sie sich ein Fest darans machie, ihn auch von
Amiern lewuunuderi zu sehhenn. Schn am nächsien Tage also
führte Seba ihn der Kranken zu. Der Kleine war keines der
Kinder, die durch eine fremde Umgebung befangen werden. Wo
er nur einen der Seinen bei sich hatte und man ihn gewähren
ließ, war er zu Hause oder sezte er sich mit seinen schnellen
und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht.
Eleonore, die des Deutschen nur wenig mächtig war, verstand
den Knaben kaum, der noch unzusammenhängend sprach, aber
sein bloßes Dasein war ihr eine Freude. Sie vergaß sich völlig,
wenn sie zusehen konnte, wie er sich tummelte, sie strengte sich
an, zu errathen, was er wolle, sie ließ aus ihren Koffern hervor-
holen, was ihn freuen, ihn einen Augenblick beschäftigen konnte,
und wenn es geschah, daß der Knabe sich mit einem Worte,
Fmit einem Verlangen an sie wendete, wenn es ihr gelang, ihn
Feben sich festzuhalten, so glänzte ein Ausdruck des Vergnügens
in ihren Augen, der Seba rührte, weil er bei Eleonoren fast
Hedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermuth
wwurde, die sie bis dahin nicht verlassen hatte.
-' Kein Tag verging jeitdem, ohne daß man ihr den Knaben
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brachte,, bald lonnte auuch Davide mit ihm bei Eleonoren ver-
weilen, und man konnte daran denken, die Genesende an einem
warmen Mittage in den Tremann'schen Garten fahren zu lssen,
damit sie in Nuhe und Stille sich der Luft erfreue. Die ver-
schiedenen Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesell-
schaft. Man holte ihr, weil sie es wünschte, das Töchterchen
herbei, welches Davide ihrem Manne im Laufe des Winters
geboren hatte, und obschon Eleonore noch sehr matt war, ver-
langle sie, das; man ihhr den Säugling geben, das: man das
schlafende Kind auf ihren Knieen ruhen lassen solle. Sie sagle
nicht, waö in ihrem Herzen vorging, aber es war fiir die sie
beobachtende Familie kein Näthsel. Man lies; sie still gewähren,
sie war Allen bereits werth geworden.
Davide, deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe
willen hingezogen fühlte, welche diese ihren Kindern entgegen-
brachte, that schon nach wenig ,agen ihrem Gatten und ihxer
Pflegemuiter den Vorschlag, das man die Gräfin ganz in ihr
Haus übersiedeln möge, wo sie besser als in dem Gasthofe auf-
gehoben sein würde; indeß wider ihr Erwarten wies Paul vor-
läufig diesen Vorschlag noch zurück, und zu noch größerem Er-
staunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in seiner Meinung
bei, daß es noch nicht an der Zeit sei, Eleonore von dem trau-
rigen Gefühle ihrer Vereinsamunng zu befreien. Sie waren beide
der Ansicht, man misse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich
selber lassen. Daß sie es bereue, zum Katholizismus über-
getreten zu sein, daß ihr Freiheitssinn vor dem Eide zurückschrecke,
mit dem sie sich vor dem Abbb gebunden haiie, und das mit
der beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen
den Eintritt in ein Kloster nur gewachsen set, davon hatten vers
schiedene, ganz beiläufige, ganz unwillkürlich gethane Aeußerungen
der jungen Gräfin Seba iberzengt. Es gab sich fast bei jeden
Anlaß kund, wie schwer Eleonore es fühle, den alten Anhalk

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ihres Daseins verloren und keinen neuen, ihr genügenden dafisr
gefunden zu haben.
Als Seba ihr angeboten, Miß Warwell jerbeizurufen, hatte
die Genesende dies abgelehnt. Ich habe mich freiwillig ron ihr
geschieden, sagte sie, und ihre in jedem Betrachte unduldsame
Strenge kann und wird mir nicht verzeihen, was ich gethan
habe. Sie ist abhängig von ihren vorgefaßten Meinungen, ab-
hängig von Neberzeugungen, die sie auf Treu und Glauben
angenommen hal, alhüiigig auch vor allei: Diugen von der
Ansicht und dem Urtheile ihrer Umgebnng. Ic habe mich los-
gesagt von ihr, mich abgeschworen von ihrer Kirche, ihre Gesell-
schaft hat mich auögestoßen: ich bin fir sie nicht mehr vorhanden!
Und mit einer Bitterkeit, welche sich oftmals in Eleonorens Worten
zeigte, sezte sie hinzu: Ich wollte ja frei sein! Nun bin ich fcei.
frei wie der Vogel in der Luft! Wen kümmert es, wohin er
zieht und wo er endet?
Bisweilen fragte sie, ob Briefe für sie angekommen wären.
Aber sie schien zufrieden, wenn man es ihr verneinte. Merkte
sie dann, daß dies ihren neuen Freunden auffiel, so äußerte sie,
,gleichsam sich entschuldigend, sie habe Nuhe nöthig, sie müsse sich
, erst wieder daran gewöhnen, daß sie weiter leben solle. Und
, als Paul, dessen männliche Bestimmtheit von dem ersten Augen-
-blicke an einen guten Eindruck auf sie machte, sie nach einer
ßsolchen Aeußerung einnal fcagend ansah, sprach sie: Ich habe
hzu sterben geglaubt und war damit zufrieden; denn was soll ich
,noch im Leben und in einer Welt, der nicht mehr anzugehören
fich geschworen habe? Und doch liebe ich noch diese Welt, doch
ßfreut mich noch die Luuft und das Licht, doch enhzückt mich das
fächeln Ihrer Kinder, und ich könnte weinen über die Güte.
Pie Sie Alle mir beweisen; vor Schmerz und vor Freude
T ? = =- =. = === = sn=

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b== äL ä --=
Als ihre Kräfte gewachsen waren, verlangte sie nach Re-
natus. Sie wollte ihm danken fir all das Gute, welches ihr
durch seine Vermitilng während der langen Leidenszeit zu Theil
geworden war; aber das Wiedersehen that weder der jungen
Gräfin, noch ihrem Freunde wohl. Sie louuien sich nichi in
einander finden.
Ist das die strahlende Eleonore? Ist dieses Mädchen mit
den sanften, hülfesiichenden Auugen das königliche Wesen, dem
meine Huuldiguung sich kauum zu nahest wagle? sragle Renaius
sich in seinem Innern, und es war ihm, als habe er die Gräfin
in einer ihr feindlichen Verzaunberung vor sich, da ihr die siolze.
Umgebung fehlte, in der er sie bisher zu sehen gewohnt ge-
wesen war.
Er hatte Mitleid mit ihr, aber er schämte sich fast der
anbetenden Epfindung, mit der er einst zu ihr emporgeblickt,
und sie hinwiederum hatte ihre gegeuwärlige Lage nie schserer
als in des Freiherrn Gegenwart gefihlt. Sein Bedanern that-
ihr wehe.
Sie hätte den Freiherrn bitten mögen, sic zu meiden, häite
sie nicht gefiirchiet, den Schein der Undaulbarleit oder den der
Feigheit auf sich zu laden. Sie ließ es also geschehen, daß
Nenakus, um sich und Eleonore vor den Mißdeutungen der gegen?
sie erregten übelvollenden Neugier zu bewahren, auuch seine Frau!
und seine Stiefmutter zu ihr brachte. Aber auch an dem Bei?
sammensein mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Ge-!
fallen. Sie konnte die Stunde nicht vergessen, in welcher sies
sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte. Sie nannke?
es in ihrem Herzen eine durchaus berechligte That, daß er sej
zurickgewiesen hatte; dennoch vermochte sie die Mißempfindung!
gegen die Frau, um derentwillen sie, wie sie glauben mußteF
verschmäht worden war, in sich nicht zu besiegen. Die Zuvor
komumuenheil, mii welcher Eellie ihr begeguele, lau ihr erklinstelß!

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vor und war es auch zum Theil, und die Erzählungen aus der
Gesellschaft, durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu
unierhalten strebtent, hailen keinent Neiz fitr diese leztere. Eleonore
dachie nich daran, an diesem Hofe zu irscheinen. Die Namen
der Personen, auuf deren Guist oder Uuguust die Gattin und
die Stiefmutier des Majors von Arlen Gewicht zu legen hatten,
waren fitr Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung, und schon
-uach wenigen Besuchen bei der Kranlen hrauchte Nenatus es
seier juungen Gal!in nichl mehr zuu versichern, das: er Eleonore
zwar bewundert, aber nicht geliebt habe, daß er sie niemals
häite lieben löunen und das: sie iberhauht in ihrer Herzenslälte
ihm nichi fie die Lebe, nicht fir die Ehe geschaffen zu sein
scheine. Wurde doch Eleonore selber oftmalä an sich irre, wenn
sie es ihren Pflegern anözusprechen wünschte, was sie finn sie
fihlte, und wenn sich ihr das Wort, das sie von früüher Juugend
an uit seliener Gewalt bemeistert hatie, jetzt versagte, wo cs sie
drängte, sich ihnen zu erschliesßen und sich ihnen hinzugeben.
Was können wir fir sie thun ? fragte Seba oftmals, wenn
sie und die Ihren das innere Ringen und Käpfen in Eleonorens
Seele wahrnahmen. Soll man so viel Schönheit, so viel Gaben
in Einsamleit verloren gehen lassen? Oder wwie soll man es be-
ginnen, sie mit dem Verstande einsehen zu lassen, was sie ahnend
fihlt: daß sie verloren ist, wenn sie ihrer eigensten Natur ent-
gegenhandelt?
Paul hörte diese Klagen, in denen Davide mit Seha steis
zusammentraf, mit jenem zuversichtlichen Gleichmuthe an, der
ihn fast nie verließ. Auch er hakie Theilnahme für Eleonore
gewonnen, und es waren nicht nur ihre Schönheit, ihre Jugend
und ihr Mißgeschick, welche sie in ihm erregten. Sie ist eine
Kraft, sagte er einmal, aber eine Kraft, die sich noch nicht zu
würdigen weiß. weil sie sich überschäzt. De.n Tode ist ste jetzt
entrissen; ob sie dem Leben zu gewinnen ist, das steht dahin.

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Ihre Gesundheit ist Wachsen, sie bedarf Eurer nicht mehr
wie sonst, überlaßt sie jezt sich selbst.
Und soll es sie ermuthigen, wenn wir, denen sie ihre Nei-
gtng zugewendet hat, uns ihr entziehen? Soll sie, die ohnehin
der übeln Erfahrungen so viele schon gemacht, auch an uns irre
werden, an deren uneigennützige Freundschaft zu glauben ihr
offenbar so wohl thut? wendete Davide ein, deren sanfte Seele
doppelt für die Gräfin sorgte, weil sie neben Eleonorens Ver-
einsamung ihr eigenes Familienglick noch lebhafier empfand.
Paul zog die geliebte Frau in seine Arme. Kennst Du
die Macht der Gutbehrung und der Trennung nicht, obschon wir
lange Jahre von einander fern gewesen sind? fragte er sie, oder
soll ich, dem ihr es immer vorwarst, das; er von den mannig-
fachen Wahrheiten, die in der Bibel enthalten sind, zu wenig
weiß, Euch an ihre Lehren mahnen? Soll ich Euch erst daran
erinnern, dasß nur dem Bittenden gegeben, nur dem Anklopfenden
aufgethan werden soll? Sie mus hungern und durslen nach der
wahren Liebe, ehe sie derselben mit Segen theilhaft werden kann.
-- Das Leben hat diesem Mädchen Alles, ohne sein Zuthun,
gewährt. Es hat des Wünschens kaum bedurft, es hat das
Verlangen, das Entbehren, das Ringen und das Kämpfen um
die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt, und kein Mensch
gedeiht, wenn er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in
solcher Art entzogen wird. Auch jezt wieder ist Eleonoren unsere
Theilnahme geworden ohne all ihr Zuuthun, ohne ihr Verdienst!
O, rief Davide, fiihlt sie das denn nicht?
Was will das sagen ? entgegnete Paul. Sie genießt das
Gute, das sich ihr bietet, aber es dünkt sie natürlich, daß man's
ihr gewährt, daß wir es ihr leisten. Sie ist an mich empfohlen,
sie ist jung und schön und reich, und der Freiherr von Arten
war bei uns noch außerdem ihr Bürge. Laßt es sie empfinden,
daß es freie Dienste sind, die sie empfängt.