Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 01

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Erstes Capite l.
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--=ze Tage folgen einander und gleichen einander nicht!
wiederholte sich der Freiherr, als er in seiner Neisekalesche einsam
durch die tief verschneiten Haiden gen Osten nach seiner Hei-
math fuhr.
Er empfand das jezt noch lebhafter, als es sich ihm bei
seiner Neise durch Deutschland dargestellt hatte. Gerade sechs
Jahre waren es her, seit er mit dem preußischen Contingente.
am Ausgange des Winters, denselben Weg gegangen war;
aber sie waren dahin, die jugendlichen Liebes- und Ruhmeö-
träume, welche ihm damals die Brust geschwellt hatten. Ihm
winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen mit seinem Vatrr, nicht
mehr die Aussicht, mit seinen fröhlichen Kameraden in seiner
Väter Schloß heitere Tage zu verleben, und Vittoria und ihren
Sohn in Freuden zu umarmen. Er war noch jung geng,
indeß die großen Ereignisse, die ungewöhnlichen Schicksalswechsel,
die er an sich hatte vorüberziehen sehen und in denen er selbst
betheiligt gewesen war, die Gefahren und Nöthen, die er über-
standen, die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die
Erfahrungen, die sich ihm in Paris in den letzten Wochen und
Monaten aufgedrängt hatten, machten, daß er sich älter, in der
That weit älter dinkte. Dazu trat die Sorge jetzt nahe und
näher an ihn heran.
So lange er in Frankreich gewesen war, hatte er sie wie
eine ferne, weit entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten

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umrissen und nur gelegentlich vor sich gesehen. Jetzt, da er sich
auf der altbekannten Strasße wiederfand, da jede Station ihm
eine halbvergessene Erinnerung wachrief, tauchte auch die ganze
Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor, und er
konnte, wohin er den Blick auch wendete, es nicht hindern, daß
sie sich hoch und höher aufzuthürmen schienen, bis er sich endlich
wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont von ihnen
in einer Weise eingeschlossen fühlte, daß es ihm jeden freien
Ausblick hemmte und ihm den Athem einzuengen drohte.
Was ging ihm nicht alles durch den Kopf! -- Jn diesem
Gasthofe war er gewesen, als er mit seinen Eltern, in Begleikung
der Herzogin, nach der Stadi gefahren war. Er erinnerte sich,
wie man ihn in den Wagen der Herzogi gebrach haile, damil
die Mutier Ruhe hätte, und wie heiter sein Vater an dem Tage
gewesen war. Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Nück-
reise zu trinken geben lassen, und der Krüger hatte nach der -
Frau Baronin gefragt, die unter Seba's Obhut mit dem Caplan
in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war. Nun lebten sie,
alle nicht mehr: nicht sein Vater, nicht seine Mutter, nicht der
Caplan und nicht die Herzogin! Und wie ihm das auch weh
that, sie lonnte er nicht beklagen. Das Leben diünlte ihm lein
so großes Gllck. Brauchten sie alle es doch nicht zu hören,
was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müüssen!
Er dachte mit einer zärtlichen Gengthnung daran, daß sie mit
weniger beschwertem Sinne, als er, durch ihr Dasein gegangen
waren, und daß nur er allein die Erbschaft ihrer Sorgen auf
sich nehmen mußte. Sie häiten denselben zu sehen nicht mehr
vermocht.
Vor dem Hause, vor welchem er auf seinem eiligen Ritte
nach dem väterlichen Schlosse damals, als er seinem Regimente
Quartier bestellen wollte, mit Steinert zusammengetroffen war,
mußte er auch jetzt wieder verweilen. Man hatte die Post-

halterei dahin verlegt, es war die lezte Siation, auf der er
seine Pferde wechselte. Der Posthalter, der den jungen Frei-
herrn troz der sechsjährigen Entfernung augenblicklich wieder-
erkannte, bewilllommte ihn mit lebhafiem Zuspruche. Wie vor
sechs Jahren, hatte Renatus jedoch auch jezt keine Neigung.
darauf einzugehen. Jetzt wie damals fürchtete er, irgend welche
ihm unwillkommene Berichte zu vernehrnen, denn Gutes war ihm
' von Hause schon seit langer Zeit nicht mehr gekommen. Und
sich wie Einer, der geschlafen hat und weiier zu schlafen denkt,
tief in die Wagenecke zurücklehnend, befahl er, sobald die Pferde
vorgelegt waren, weiter zu fahren.
Es war noch friih am- Morgen, als das Schloß sich vor
seinen Augen erhob. Die Staitlichleit desselben freute ihn, da
er es jetzt zum ersten Male als sein Eigenthum begrüßen sollte,
aber seine Besizesfreude warnicht rein. Wehmiüthige Erinnerungen
und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatien über sie.
Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn
auf Kufen gesetzt und die Räder untergebunden, denn der Schnee
lag hier noch auf dem ganzen Lande fest. Er reichte vor den
niedrigen Häusern der Jnsassen bis an die halbverstiemten kleinen
Fenster hinauf. Nun steckten aus den Thitren sich hier der
Kopf einer Alten, dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken
Pelzmizen hervor, als mit dem Schalle des Posthorns zugleich
das Klingeln der Schlittenschellen ertönte, und der Schlitten, von
den starken Gäulen fortgezogen, eilig durch das Dorf fuhr.
Die winterliche Einsamkeit, das Anschlagen der Hunde, das
sich von Hof zu Hof fortsetzte, bis es aus dem Bereiche des
Schlosses an des Freiherrn Ohr klang, hatten etwas Melancho-
lisches für ihn, dem jezt seit Jahren das belebte Treiben der
heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war.
Da er sich in Berlin so plözlich zum Aufbruche entschlossen und
auch seine Abreise von Paris schneller, als er es erwartet hatte,

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gekommen war, konnte man yier in Richten natürlich auf seine
Ankunft noch nicht vorbereitet sein.
Das eiserne Gitter in dem Hofthore war geschlossen, kein
Laden in beiden Stockwerken geöffnet. Man hätte das Schloß
für unbewohnt ansehen können, wäre nicht aus den Schloten
der Rauch emporgestiegen.
Der Postillon lies; auf's Neue sein Horn erllingen, um
Einlaß zu erhalten. Der Freiherr betrachtete während dessen,
wie der graue Rauch, von der Sonne erhellt, an dem lebhaft
gefärbten Himmel in graden, sich kräuselnden Säulen in die
Höhe tieg, die Gegend, das Klima, sein Schloß und sein ganzer
Zustand kamen ihm plötzlich so fremd, so wenig als zu ihm
gehörend vor, daß er über die Gleichgültigkeit erschrak, mit der
er, hier umherschauend, auf das Deffnen seines Hauses wartete.
Der Bursche, der das Thor aufmachte, kannte den Frei-
herrn nicht. Er war noch ein Knabe gewesen, als Renatus
fortgegangen war. Aber der Stallknecht, der hervorkam, riß voll
freudiger Bestürzung seine Mütze von dem Kopfe und rief,
während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug, den
Schlitten nachlaufend: Der Herr! Herr Jesus, unser junger,
, gnädiger Herr ist da! der Herr ist da!
Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung. Der
! Kutscher, ein Paar der andern Leute eilten nach der Rampe.
s Die Thüre des Schlosses ward rasch aufgemacht, es kamen ein
! Diener, einige Mägde zum Vorschein, man umringte Renatus,
s man küßte ihm die Hände, aber es waren lauter fremde Ge-
s sichter. Nicht Einer von den Leuten, die früher im Schlosse
s gewesen waren, fand sich unter den Begrüßenden, so daß es dem
s Schloßherrn endlich eine wirkliche Erquickung war, als Vittoria's
! italienische Kammerfrau, ihr rothseidenes Tuch wie sonst um das
t dicke, schwarze Haar geschlungen, aus einem der unteren Zimmer
s zum Vorschein kam.

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Wo ist die Signorina? fragte Nenatus lebhaft, und der
bloße Klang dieses einen Wortes erwärmte ihm das Herz.
Hier, Signor,
wird gliicklich sein
Sie, kommen Sie,
Signorina sein!
hier! Im Bette! Sie schläft noch, aber sie
über ein. solches Erwecktwerden! Kommen
Herr Baron! Wie glücklich wird meine
Die trene Seele ließ dem Freiherrn kaum die Zeit, sich
seiies Pelzes und, seiner Reisestiefel zu entledigen; dann ihn
mit sich fortziehend, öffnete sie die Thüre von Vittoria's Gemach
znd meldete mit ihrer starken, lauten Stimme Signora, liebe
Herrin, unser Herr ist da! Unser junger Herr, unser Herr
Baron!
Das Feuer brannte hell im Kamine, Gaetana riß die
Fensterläden auf, daß die emporkommende Sonne durch die ge- .
frorenen Scheiben blendend hell hineinschien, und von dem grellen
Lichte schnell erweckt, richtete Vittoria sich auf ihrem Lager rasch
empor, sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll
Erstaunen an und rief dan, ihm ihre Arme entgegenbreitend:
Renatus, lieber Nenalus, mein Sohn, mein Freund! Aber welche
Freude, aber welch ein Glück!
Sie konnte sich nicht geng ihun. Er hatte sich zu ihr
niedergebeugt, sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
küßte ihn wieder und wieder.
Wie Du schön geworden bist, wie groß, wie stark! sagte
sie Mal auf Mal, und wenn sie ihn von sich entfernt hatte,
als könne sie ihn nun besser betrachten, so zog sie ihn wieder zu
sich heran, um ihn auf's Neue zu umarmen. Plözlich aber
brachen ihre Thränen gewaltsam hervor, und die Augen
hillend, sprach sie: Ich glaubte, ich ses alt, sehr alt! Aber
ein Bißchen Hoffnuung, nur ein Sonnenstrahl des Glickes,
ber-
nur
und
das Leben und die Jugend sind wieder da! - O, ich bin
jung wie Du, seit ich Dich wiedersehe!

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Ehe er es hindern .onnte, hatte sie in der Freude seines
Herzens seine Hand ergrissen und an ihre Lippen gedrlickl. Ihre
Warmherzigkeit, die Rückhaltlosigkeit, mit welcher sie sich an ihre
Empfindung hingab, bezauberten Renatus, und wie ihr in der
lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte glitt, daß
die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles, marmor-
farbiges Gesicht umfloß, übte auch ihre Schönheit den alten,
lieben Reiz auf ihren Stiefsohn aus.
Sie fragte nach seinem Ergehen, aber sie fragte, wie es die
Weise ihres phantastischen Sinnes war, bald nach Diesem, bald
nach Jenem. Er sollte erzählen, und doch war sie es, die ihm
erzählte, wie krauurig, wie verlassen sie hier im Schlosse lebe, wie
schön Valerio geworden sei, wie sie es hier gar nicht ertragen
haben würde, hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt, hätte
sie sich nicht damit getröstet, daß Renatus wiederkommen und
seiner armen, kleinen Mutter das Leben wieder leicht und lieblich-
machen werde. Nur des Freiherrn, ihres verstorbenen Gatten, -'
erwähnte sie mit keinem Worte, und Renatus mochte ihre Freude
durch keine schmerzliche Erinnerung stören. Es fiel ihr gar nicht
ein, daß Jemand, der von einer Reise kommt, ein Verlangen
nach Nahrung oder den Wunsch hegen könne, sich umzukleiden.
Sie dachte nicht daran, daß er von der mehrtägigen Fahrt er-
müdet sein müsse; selbst daß sie aufstehen und sich ankleiden
lassen könne, kam ihr nicht in den Sinn. Sie war froh und
glücklich, sie war immer noch die alte Vittoria, die im Augen-
blicke ihre Welt zu finden wußte, und wie sonst riß sie Nenatus
mit sich fort, daß er sich fröhlich und erquickt in ihrer Nhe fihlte.
Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel, auf
welchem er vor Vittoria's Lager Platz genommen hatte, und sich I
selber scheltend, sprach er Aber ich size hier bei Dir, Signorina.
und ich muß zu meiner Braut, zu Hildegard!
Das ist wahr! so geh', so eile! Sie wird sich freuen, die

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gute Hiloegard! Aher sie ist immer unwohl, immer unwohl,
die guie Hildegard! entgegnete Vittoria.
Auf seine Frage, was seiner Verlobten fehle, fügie die
Baronin hinzu, Hildegard habe den Schnupfen, immer den
Schnupfen, sie sei immer erkältet und leide, wie sie sage, an den
Nerven. Sie behaupie, die Sehnsucht habe sie krank gemacht.
Nun aber sei er ja da, nuun also werde sie genesen.
- Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stief-
mutter nicht üüberhören, indeß er mochte sich nicht gleich in dieser
Stunde mit den kleinen Mißhelligkeiten und Eifersüchteleien be-
fassen, deren Aenserungen er in jedem Briefe gefunden, welchen
er von Hauuse erhalten hatle, und schnell die Treppe und den
langen Korridor hinaufgehend, folgte er dem Diener, der ihn
bei der Gräfin ansagen sollte, während er selbst in seine Zimmer -
zu gehen und sich nach der langen Fahrt umzukleiden wünschte,
ehe er vor seiner Braut erschien. Er hatte jedoch den Korridor
noch nicht verlassen, als eine in Bewegung bebende Stimme die
Worte ausrief: Wo ist er? Ach, wo ist er? Und da er, diese
Stimme erennend, sich umwendete, eilte Hildegard mit ausge-
breiteten Armen, den Kopf wie in einer Verzückung erhoben,
auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos, als wolle sie
ihn nicht mehr lassen, an ihr Herz.
Die Mutter, die Schwester waren ihr auf dem Fuße ge-
folgt, der Diener stand dabei, das Kammermädchen, welches den
Frauen einige Kleidungsstiücke zuzutragen hatte, kam ebenfalls
den Gang herauuf, und wenn diese Begegnuung in dem kalien
Vorsaale, im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft, schon nicht
nach dem Wunsche des jungen Freiherrn war, so lag in dem
Wesen, in dem Tone, ja, selbst in der gewaltsamen Innigkeit,
mit welcher seine Braut ihn umarmte, etwas, das, stati ihn zu
erwärmen, ihn erkältete, weil es ihn unwillkürlich von sich selber
, abzog und ihn zum Beobachten nöihigte, wo er sich einer ein-

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facheren Ausdrucksweise oer Empfindung arglos und willig hin-
gegeben haben würde.
Fasse Dich, liebe Hildegard, fasse Dich! mußte er sie zu
wiederholten Malen ermahnen; aber sie schiittelte stumm und
immer noch sprachlos das Haupt, und Renatus war endlich ge-
nöthigt, sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen aufzuheben,
um die Muiter, um Ceilie begrüszen und Hildegard in das
Zimmer geleiten zu können, wohin die Andern ihnen solgten.
Die Gräfin hatte sich, weil sie in dem fremden Hause so
wenig als möglich an dem Bestehenden zu ändern gewüünscht,
als sie nach Nichten gezogen war, in dem sogenannten Fremden-
flügel niedergelassen, der einst von der Herzogin bewohnt worden
war. Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich, so
weit dies möglich war, ganz so eingerichtet, wie in den Räumen,
die sie in der Stadt zuletzt innne gehabt hatte. Hier wie dort
hingen die weißen, schlichten Vorhänge in langen, regelrechten
Falten an den Fenstern hernieder. Das kieine, alte Klavier,
das schlichte Sopha, die Bilder der Königin und des Prinzen
Louis Ferdinand, es stand und hing hier Alles so wie dort;
auch die strenge Ordnungsliebe, die glänzende Sauberkeit herrschten
hier wie dort. Nenatus kante Alles wieder, Alles; selbst den
Myrtenstock am Fenster in dem alterthümlichen, gemalten Topfe,
und doch war es ihm so fremd, doch ängstigte es ihn- so wie
Hildegard's stumme Liebe, wie ihr Blick ihn ängstigte, der sich
gar nicht von ihm wendete, wie ihre langen Händedrücke ihn
beängstigten.
Was war denn mit seiner Braut geschehen? Die Mutter
sanften Lächeln und dem guten, mütkerlichen Ausdrucke. Cäcilie
war noch gewachsen, war voll, stark und hübsch geworden, weit
hübscher noch, als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen;
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fand er, wie er sie verlassen halte. Sie war imnner noch die
edle, statiliche Frau mit den breiten Wangenflächen, mit dem
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nur Hildeg..d hatte sich in einer Weise verändert, daß es Re-
natus schwer fiel, ihr zu verbergen, wie ihn Ke überrasche.
In ihrem dunkeln, engen Morgenrocke, mit der fest an-
liegenden, kleinen weißen Haube über dem glatt gescheitelten
Haare sah sie ihm wie eine Nonne, wie eine barmherzige
Schwwester aus, und ihr Behaben lies; ihn vollendö an ihr irre
werden. Er kam nicht iber die Frage hinaus Was stellt das
, vor?, was soll das bedeutenn? Er konnte sich des Gedankens
, nicht' erwehren, dasß er verurtheilt sei, in einer Komödie eine
s ihmr aufgedrungene und nicht natürliche Nolle zu spielen. Er
s missiel sich in derselben, er fand sich lächerlich in ihr; aber
s Hildegard mißfiel jhm noch weit mehr. Er war froh, wenn
s die Mutter, wenn Cäcilie mit ihm sprachen, er konnte es endlich
j gradezu nicht mehr eriragen. sich von seiner Braut mit dieser
l schwermuthsvollen Liebe ansehen zu lassen, und von einer plöz-
, lichen Ungeduld ergrifen, fragte er sie, ob sie krank sei.
Krank? D nein, glicklich bin ich, unaussprechlich glüclich.
s entgegnete sie ihm, so glicklich, daß ich's noch nicht fassen, noch
, nicht glauben kanu!
Aber diese Antwort machte das Uebel ärger, und lachend,
! um seine wahre Empfindung zu verbergen, sagte er: So will
, ich mich umkleiden gehen, damit Du Zeit gewinnst, Dich zu be-
ruhigen! Und den Anderen freundlich zunickend, verließ er sie.
Jn seinem Zimmer angelangt, warf er seine Kleider von
j sich und ging mit heftigen Schritien in dem gcoßen Raume
auf und nieder. Das Herz war ihm still in der Brust, zum
j Erschrecken still, und seine Gedanken wirbelten mit einer Schnelle
, durch seinen Kopf, daß er ihnen kaum zu folgen vermochte.
Es war unmöglich, er konnle sein Wort nicht halten.
z Dieses Mädchen konnte er nicht heirathen. Daß er Hildegard
! nicht liebe, das halie er lange, das hatie er eigentlich schon am
Tage nach seiner Verlobung gewußt; dennoch hatie er es für

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möglich gehalten, sic; mit ihr zu verbinden, um seinem Ver- s
sprechen nachzukommen, und er hatte gemeint, auch ohne die s
eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite leben zu können. Sie j
war immer schwärmerisch, immer überspannt, immer von einer s
großen Empfindsamkeit gewesen. Aber die Schwärmerei, welche
ihr vor Jahren einen eigenthimlichen Neiz verliehen, die Empfind-
samkeit, die ihn bei dem Abschiede mit sich fortgerissen hatte,
kleideten sie jezt nicht mehr. Sie sah so verblüht aus. Vittoria
hatte Recht, man sah es, daß sie beständig kränkelte, daß sie
beständig den Schnupfen haben mußte; und dazu diese Gefühls-
komödie, dieses Zurschautragen der Empfindung!
Wie schön, wie frei war Vitioria, die man mitten aus
dem Schlafe erweckt und die von seiner Ankunft eben so wenig
eine Kenntniß gehabt hatte, in ihrer Freude gewesen! Wie
herzlich hatte ihn die Mutter, mit wie fröhlicher Zärtlichkeit hatte
Cäcilie ihn empfangen! Er brauchte nicht an Eleonore, an,
dieses herrlichste der Weiber zu denken, um sich zu sagen, daß
Hildegard nicht fir ihn passe, daß er zu jung, zu lebensvoll
und, der fliüchtigste Blick in seinen Spiegel rief es ihm zu, ein
zu schöner Mann sei, um ein Mädchen wie Hildegard an den
Altar und in sein Haus zu füühren. Es war unmöglich!
Aber was sollte er thun? Sollte er es ihr gleich jetzt,
gleich heute sagen, daß er sie nicht liebe? Sollte er warten
und die Zeit walten lassen? War es denkbar, daß sie ihm bei
längerem Beisammensein weniger mißfiel? Durfte er darauf
rechnen, daß sie vielleicht selber einsehen lernen wüürde, wie wenig
sie und er zusammen paßten? Sollte er ihr schreiben - mit
der Mutter sprechen? Sollte er abreisen? = Damit war freilich
nichts gewonnen!- Und doch hätte er es am liebsten thun
mögen, hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre
Vittoria nicht dagewesen, die er liebte, die wiederzufinden er so
glücklich gewesen war.
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-er Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht aus-
gepackt, als dieser etwas die Treppe hinau?stürmen hörte, und
im nächsten Augenblicke warf sich ein Knab mit dem Auusrufe:
Mein Bruder, willkommen, mein lieber Bruder! ihm in die Arme.
Ein blihenderes, ein schöneres Geschöpf war kaum zu
denken. Weit gröster, als seine Jahre es erwarken ließen, das
braune Gesicht von einer Fülle schwarzen Haares umlockt, die
Fchönen Lippen vom Lachen umspielt, die großen Augen vor
Frende funkelnd', und leicht und kräfiig in jeder Negung und
Bewegung. entzückte Valerio den jungen Freiherrn durch sein
- bloßes Erscheinen; und jene Liebe für die Kindheit, welche die
Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und angeborenes
Gefühl bezeichnen, während die Männer sie oft in ganz gleichem,
wenn nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen, be-
. mächtigte sich urplözlich seines Herzens. Er konnte nicht satt
s werden, den schlanken Knaben anzusehen. Er hörte es mit un-
säglichem Vergnügen, wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder,
seinen geliebten Bruder nannte, wie er sich freute, daß der
, Bruder nuun wieder da sei, wie er den Bruder bewunderte, der
s alle die Schlachten gefochten hatte. Nie zuvor waren die Worte
,mein Bruder' zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen, es
j hatie Niemand mit so voller, kindlich vertrauender Liebe zu ihm
! emporgesehen. Und diese Zuversicht, diese vertrauende Bruder-
! liebe des schönen Knaben, den er hatte geboren werden sehen,
den er auf seinen Armen getragen hatie, sollte er Lüügen strafen,
sollte er jemals wieder entbehren müssen? Nimmermehr!-
Vittoria war der Stern seiner Jugend gewesen, ihre Liebe und
Freundschaft hatten seine bis dahin einsame und freudlose Kind-
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heit in Glück verwandelt. Jetzt konnte er es ihr vergelten, es
ihr in ihrem Sohne mit Genuß vergelten, und er gelobte sich,
es zu thun.
Nur mit Widerstreben, nür, um ihn nicht in fremder

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Hand zu lassen, hatte er ds?. Brief, der gegen Vittoria Zeugniß
gab, von dem Grafen Gerhard angenommen. Renatus hatte
nicht daran gedacht, ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem
Willen seines Vaters entgegen zu handeln. Nur darüber war
er mit sich nicht eins gewesen, ob er ihn Vittoria übergeben
solle oder nicht, ob es gerathen sei, die alte Wunde aufzureißen
und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio's unrecht-
mästiger Geburl zu machen, oder ob er besser lhue, dasjenige,
was begraben sei, auch begraben bleiben zu lassen. Und wie
er heute Vittoria wiedergesehen hatte, wie jezt Valerio in seiner
Schönheit und Liebe vor ihm stand, zweifelte er nicht mehr,
was hier zu thnn ihm zieme. Hätte er sich doch am liebsten
selbst vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen, was
diese beiden ihm so iheuren Wesen von ihm trennen lonnte;
und rasch entschlossen, nahm er seine Brieftasche zur Hand, suchte
aus derselben den bewußten Brief hervor, betrachtete ihn sorg-
fältig, um sich zu iberzeugen, daß er sich nicht irre, und warf
das Blatt dann in das Feuer des Kamins.
Was machst Du da? fragte Valerio, dessen Neugier alles,
was der Freiherr that, beschäftigte.
Ich verbrenne einen Brief.
Weßhalb das?
Weil ich Dich liebe, mein Valerio, mein lieber, lieber
Bruder! gab Renatus ihm zur Antwort, indem er ihm die Arme
entgegenhielt.
Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend: Du
gibst grade solche Aniworten, wie die Mutter.
Der Freiherr fcagte ihn, was er damit meine.
O, versetzte der Knabe, solche Antworten, bei denen man
s nicht weiß, was sie will, und über die man sich freut, auch
j ohne daß man sie versteht! Aber da Du jezt zu Hause bist,
! lieber Bruder, will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer fragen.
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A
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Der Freiherr, der es wohl bemerkte, wie stolz es den
Knaben machte, einen fertigen Mann als seinen Bruder an-
sprechen und behandeln zu können, forderte ihn, von Valerio's
Weise mehr und mehr gefesselt, freundlich auf, mit dem Sagen
und Vertrauen nur gleich zu beginnen; indeß Valerio weigerte
sich dessen. Noch sei es nicht an der Zeit, noch sei es Winter;
aber, im Friühlinge, wenn der Schnee geschmolzen und Alles
wieder grin sei, dann werde er es ihm schon sagen.

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- Er fing darauf, während Renatus sich säuberte und kleidete,
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zählen an: wie Hildegard ihn in die Stadt und in die Schule
schicken wolle, wie er Hildegard nicht leiden könne, wie Cäcilie
weit besser, aber weit besser sei, ind wie auch die Mutter
Cäcilien viel lieber habe. Renatus ließ ihn immerfort gewähren,
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von der Mutter, von der Gräfin und von Hildegard zu er-
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aber er konnte sich aus dem planlosen Geplauder des Knaben
doch bald überzeugen, daß derselbe durch das beständige Zusam-
mensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und
daß man ihm weit mehr als wünschenswerth den Zaum und
Ziigel habe schießen lassen.
Auf des Bruders Frage, was Valerio denn lerne, was
er treibe, entgegnete dieser, der Pfarrer käme Tag um Tag,
ihm Unterricht zu geben, und an den anderen Tagen lerne er
mit der Mutter und mit Cäcllie Jtalienisch und Französisch.
Hätten die keine Zeit, so zeichne er oder er spiele Klavier. Als
Renatus sich erkundigte, wer ihn darin unterweise, sagte er sehr
bestimmt, darin unterweise ihn Niemand, das könne er von selbst;
und er hatte denn aich gleich, ohne um Erlaubniß zu fcagen,
aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen
und auf den Rand eines der Papiere, die zur Einwicklung von
i
des Freiherrn Besteck gedient hatten, eine Menge von kleinen
Figuren in den wunderlichsten Stellungen und Sprüngen, oft
nur mit wenig Strichen, aber mit so vollkommener Sicherheit
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. U.

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hingeworfen, daß Renatus sich des Erstaunens und des Lachens
nicht erwehren konnte. Sein Wohlgefallen an Valerio ward
immer größer. Er meinte, nie eine so reine Freude genossen
zu haben, als die Liebe für diesen Knaben sie ihm bereitete,
und er begriff seinen Oheim nicht, der mit solcher Wärme und
Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen, lebens-
vollen Knaben kaum Erwähnung, und zwar mit Abneigung
halte Erwähnung thun können.