Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 19

Sechstes Capitel.
yald näch der Anluuft Eleonoren's, nur wenige Tage,
nachdem er Seba's Beistand für sie erbeten, hatte Renatus seine
Frau und seine Stiefmutter in das Tremann'sche Haus geführt.
Weil er damit in sich eine Selbstiberwindung vollzogen und in
seiner Frau Familie desßhalb Widerstand gefunden hatte, war
er des Glaubens gewesen, auf Tremann und die Seinigen
jedenfalls einen sehr bedeutenden Eindruck durch seinen förn=
lichen Besuch hervorbringen und in der Art des Empfanges die
Anerleunung fiür diese seine Leistung finden zu müssen. os
g.is
dieser Erwariung halte er sich jedoch geiäuscht.
In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren
Besuche von Fremden an und für sich kein Ereigniß, auf das
man irgend ein Gewicht legte. Paul's frhe Bekanntschaft mit
dem Fürsten Staatskanzler, seine Neisen, seine Handelsverbin-
dungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet,
und weil beständig Leute, den verschiedensten Nationen ange-
hörig, geschäftlich auf ihn angewiesen wurden, so fanden die
Einheimischen an den Fremden und diese an jenen immer eine
Gesellschaft, die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man
sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn
trefflich geleiteten Unterhaltung zu versehen hatte, welcher dann
durch die Bildung und Liebenswürdigkeit der beiden Frauen
noch ein erhöhter Neiz verliehen ward. Das Tremann'sche
Haus galt daher mit Necht für das gastlichste der Stadt. Kauf-

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leute, Gelehrte, Beamte und Külnstler krafen in demselben man-
nigfach zusammen, und wenn man mil dem Hose selbsi auch
in keiner Verbindung stand, so gab es unter den Edelleuten,
welche zu demselben gehörten, doch immer einzelne, die sich es
zur Ehre rechneten, sich frei nach ihrem Guidinken auch auser-
halb der enggezogenen Schranlen der Etiquuelte zu bewegen und
sich eier Gesellschasl anzuuschliesen, in welcher allein die duurch
Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb, die Aufnahme
bedingte.
It einem Hauuse, in welchem man die Leute um ihrer
alten Familiennamen willen eben so wenig suchke, wenn sie
sonst keine Eigenschaften hatten, als man sie um ihres Adels
willen mied, wenn sie in sich mehr besaßen, als nur eben ihre
alten Titel, konnte man es nicht als eine besondere Ehre an-
sehen oder sich dadurch geschmeichelt fihlen, wenn der Major
von Arten sich in demselben wieder meldete. Es war nur nae
türlich, daß er, der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen
und der sich noch dazu plözlich Hilfe suchend bei ihr einge-
funden hatte, seinen Dank für die Bereitwilligkeit auuszusprechen
kam, mit der man ihm die geforderte Hüülfe gewährte, und wenn
Seba und Davide die beiden Baroninnen trozdem noch freund-
licher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen,
so geschah es in der ganz bewuußten Absicht, es die Frauen nicht
empfinden und nicht entgelten zu lassen, daß man sich früher,
und bis jetzt mit vollem Rechte über Renatus zu beschweren
gehabt habe.
Während dieser sich nun bemühte, seine lange Versäumniß
vergessen zu machen und es kundzugeben, daß in seinem Innern
eine gewisse Wandlung vorgegangen sei, begegnete Paul ihm
mit jener ruhigen Znvorkommenheil, welche dem Gebildeten, der
viel mit Fremden zu verkehren hat, zur anderen Natur wird.
Er war nicht gewohnt, die Gäste seines Hauses um irgend

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etvas zu befragen, was ihm mitzukheilen sie sich nicht veranlaßt
sihlten; er und die Seinigen kaunlen ohnehin die Arten'schen
Familienverhältnisse genan genug, und da Renatus sich Paul
ohne dessen Zuuthun angenähert haite, fand dieser, nachdem man
dariber einig geworden war, daß Sebn das Arten'sche Hans
muicht besuchen wülrde, um die Möglichkeit eines Zusammen-
lressene uil deu Grasen Gerhard zu vermeiden, keinen Grund
mehr in sich, den Freiherrn zuriczuweisen, besonders da eben
Seba eine Vorliebe fitr denselben bewahrt hatie, welche sie ge-
neigt machte, das Geschehene zu verzrihen und zu vergessen.
Man haile also Nenains und die Seinigen zu einem der
ersten Gesellschaftsabende eingeladen; Cäcilie und Davide, die
ziemlich gleichen Alters waren, sagten einander zu, und Eleonoren's
Krankheit hatte dann die Verbindung langsam fortgeführt. Ne-
natus war gelegentlich zu Seba gekommen, sich nach dem Er-
gehen der jungen Gräfin zu erkundigen; man hatte es auch
nöthig gehabt, von ihm über Eleonoren's Verhältnisse unter-
richtet zu werden, und ohne das es zu einem engeren Verkehre
zwischen den beiden Familien gekommen wäre, waren sie auf
diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben, der es den
Einen wie den Anderen möglich machte, beständig von den Vor-
gängen innerhalb der beiöen Häuser bis zu einem gewissen
Grade unterrichtet zu sein.
Man wußte es in dem Tremann'schen Hause, daß Nenatus
mit seiner Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem
Fuße stehe; Davide erfuhr es von Cäcilien, welche Unstände
die Mißverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen veranlaßt
hatten, und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei
genommen habe. Eäcilie klagte, daß er ihnen dadurch mannig-
fach im Wege stehe, das er sie grosßer Vortheile beraube; aber
man sah den Freiherrn und seine junge Gattin immer heiter,
und selbst mit der Baronin Vitioria schienen sie gut zurecht zu

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kommen, obschon das Leben mit dieser, seit sie in die Stadt
gezogen, nichts weniger als leicht war.
Vitioria hatte, wie sie behauptete, keine großen Bedirfnisse,
sie machte, wie sie beständig sagte, nur sehr einfache Ansprüche;
aber ihrer kleinen Bedirfnisse und ihrer einfachen Ansprüche
waren viele, und sie hatte es nicht gelernt, sich die Befriedigung
eines augenblicklichen Verlangens zu versagen, oder je zu über-
legen, ob diese Befriedigung zu dem Koslenauswaunde. den sie
veranlaßte, in irgend einem Verhältnisse stehe.
Es war zum Beispiel allerdings nur nakürlich, daß eine
Frau von Vittoria's musikalischer Begabung und Bildung die
Oper und die Concerte zu besuchen wünschte. Es ging ihr
damit, wie sie eö mit Entziücken nannhe, ein neues geisliges
Leben auf, und die schöne, sechsuunddreißigjährige Frauu war auch
noch jung genng, es geniesßen zu wollen und auf eine neue
Juugend, auf eine höhere künstlerische Ausbildung fir sich denkgn
und hoffen zu dürfen. Sie hatie sich bis dahin nuur in alter
Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern
ihrer Heimath versucht. Jezt, seit ihrer Uebersiedelung in die
Stadt, lernte sie die dramatische Musik, die gros artigen musi-
kalischen Dichtungen der Deutschen und der Franzosen kennen,
und da eine jede Künstlernatur nothivendig das Verlangen hegen
muß, sich ihrer Kraft bewußt zu werden, und zu gestalten und
darzustellen, was sie in sich trägt, so bemächtigte Viktoria sich
schnell, und mit aller Gewalt ihres Talentes, des neuen musi-
kalischen Gebietes, das sich vor ihr aufthat. Vor allem waren
es die Mozart'schen und die Gluck'schen Opern, von denen sie
sich ergrifen fühlte; aber sie glaubte zu bemerken, daß ihr für
den Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle, die sie nur
durch Uebung erlangen könne; und weil in jenen Tagen einer
der Haupträger dieser Opern, der erste Tenor der königlichen
Bühne, zugleich ein gründlicher Musiker und ein gebildeter Lebe-

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mann war, hatte sie bald gewünscht, seine Belanntschaft zu
machen, um sich von ihm Naths zu erholen.
Das erstere hatie sich fast ohne ihr Zuthnn gemacht. Der
beliebte Sänger war in der Gesellschaft gern gesehen; man traf
ihn in den verschiedensten Kreisen, und da unter den Dilettanten
der vornehmen Gesellschaft eine zweitc Sängerin wie die Ba-
ronin Vitioria nicht zu finden war, siigie sich eine Auniäherung
der beiden guz von selbst. Der Sänger - die Baronin
nannte ihs, weil sein deutscher Familienname ihrem Ohre nicht
gefiel, nach der Weise ihrer Heimath nur mit seinem Tauf-
namen: Signor Emilio - machte sic ein Vergnilgen daraus,
eine der Partieen, die er mit Vittoia in einer befreundeten
Familie singen sollle, eigens mit ihr zu stndiren. Sie empfand
das als eine große Förderung, sie sprach ihm dies mit Wärme
auns, und er lies; sich denn auch sehr bald iberreden, der schönen,
reich begablen Frau auusnahmsweise Unterricht zu ertheilen.
Niemand hatte daran ein Arg, Vittoria selbst war davon
entzück. Freilich vermochte Emilio, ehen weil er bei dem Theater
angestellt und durch seine Proben und Dienstgeschäfte sehr in
Anspruch genommen war, die festgesezten Stunden nicht immer
regelmäßig einzuhalten; aber bei einer Frau, die so vollkommen
frei über ihre Zeit gebot, wie die Baronin, hatte das wenig
zu bedeuten. Sie war ohnehin dem Zwange, der Regelmäßigkeit
und jedem Missen abhold; sie mochte auch nicht immer singen,
wenn Emilio zur Stunde kam, und dem beiderseitigen Hange
zur Ungebundenheit Folge gebend, war zwischen ihnen von einem
eigentlichen Unterrichte bald nicht mehr die Rede.
Emilio kam, wenn er eben konnte; man sang, man mu-
sicirte, wenn man eben mochte. Vitioria versäumte keine Oper
und kein Concert, in welchem Emilio beschäftigt war; sie wurde
durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern bekannt
gemacht, und in die vielfachen Nebungen hineingezogen, in denen

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die Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen.
So bildete sich für Vittoria neben der Gesellschaft, in welcher
sie durch ihre Verhältnisse und durch Renatus heimisch geworden
war, noch ein weiterer Umgangskreis, in dem sie, wie sie be-
hauptete, zum ersten Male ihre wahre Heimath gefunden hatte,
und in dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schön-
heit willen eine große Bewunderung erregte, einer enthusiastischen
Aufnahme theilhaftig wurde.
Die Baronin Viktoria von Arten war bald in aller Leute
Mund. Die Künstlerinnen, und die Haupistadt war damals
reich an grosßen Sängerinnen, waren von ihr und ihrer An-
muth schnell bestochen. Sie rihmien die gänzliche Anspruchs-
losigkeit, mit welcher sie sich ihnen hingab, sie waren bereit, der
schönen, vornehmen Jialienerin jeden Dienst zu leisten, und es
kostete Vittoria also nur ein Wort, die ersten musikalischen Kräfte
der Stadt in ihres Sohnes Hauuse zu versammeln. Der Frei-
herr fand das Afangs eben so geneßreich, alö seinen Absichien
entsprechend. Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria
eine Freude zu machen, sezte man regelmäßige Empfangsabende
fest, an denen man musicirte, und deren Gäste zu sein die
Prinzen selber nicht verschmähten. Aber man mußte den Künst-
lern, auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah, doch auch
eine Entschädigung für ihre Mühe, eine Erwiederung fir ihre
Gefälligkeit bieten, und da Nenatus nicht große Gesellschaften
zu geben wüünschte, in denen er seine Standesgenossen und die
Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier nicht
angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen, ließ er
es, wenn auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner
Gatiin Seite, allmählich doch geschehen, daß Vittoria in ihren
Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre musikalischen Be-
kannten bei sich sah.
Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die

oepz
Zahl ihrer Gäste war nicht groß gewesen. Man war jedoch
damals überhaupt noch geselliger, als jetzt; es verging daher
bald kaum ein Abend, an welchem Vittoria ihre Freunde nicht
empfing. Eine Weile sah Cäcilie das mit an; da sie aber,
Dank ihrer Erziehung, eine achtsuume Haushälterin geworden
war, fand sie sich bald veranlaßt, ihrem Manne die Mitthei-
lung zu machen, daß Vittoria's Weise, ein offenes Haus zu
haben, Außgaben verursache, welche sie mit den ihr von Nenatus
für den gesammten Haushalt festgesctzten Summen nicht zu decken
vermöge.
Renatus, dem es Ernst damit war, seine Vermögensver-
hältnisse zu ordnen, erklärte also seiner Stiefmutter, daß er sie
bitten müsse, eine Aenderung in ihrer Lebensweise einzuführen,
und er gab ihr auch die Mittel und Wege an, wie eine solche
ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein wüürde, wenn sie sich
entschließen wolle, ihre Abende gelegentlich außer dem Hause zu-
zubringen. Aber Vittoria, die von ihren Gatten stets wie, ein
Kind behandelt worden, war auch ein Kind geblieben. Sie
weinte, wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen
stieß, sie hielt es Nenatus, als er auch wieder einmal mit großer
Schonung nur einige Nicksicht für sich forderte, in leidenschaft-
licher Heftigkeit und jede Rücksicht vergessend als eine unedle
Handlung vor, daß er ihr, die auf seine Großmuth angewiesen
sei, das Gnadenbrod, welches er ihr reiche, zum Vorwurf mache;
sie erinnerte ihn an die Liebe, die er einst für sie gehegt, sie
gab ihm ihre freudlose Jugend zu bedenken, sie klagte seinen
Vater und ihr Schicksal an, und aufgelöst in Thränen warf sie
sich dann Renatus doch wieder in die Arme, der, in allen seinen
Empfindungen beleidigt, sie endlich nur zu beruhigen suchen
mußte, wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese
Scene ziehen.
Vittoria ließ sich danach zwei Tage lang nicht sehen; ihre

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Dienerin meldete, daß sie krank sei. Erst am dritten Tage er-
hob sie sich; aber auf der Herrin Befehl wies Gaetana die Per-
sonen ab, welche gekommen waren, die Baronin zu besuchen.
Nur Emilio wurde vorgelassen, und bald war er's allein, mit
dem Vittoria fast allabendlich nach dem Theater den Thee in
ihren Zimmern einnahm. Auch dagegen mußte der Freiherr
Einspruch thun. So schwer es ihm fiel, mußte er es seiner
Stiefmutter zu bedenken geben, daß eine solche Vertraulichkeit
mit einem Manee, der in der Geseslschafi durch seite glicklichen
Abenteuer von sich sprechen mache, nicht statthaft sei, und er
hatte dabei natirlich neuen Thränen, nenen Scenen zu begegnen,
die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und lästiger werden-
mußten.
E kam Nenatus hart an, aber er konnte sich jetzt der
leberzeugung nicht mehr verschließen, daß sein Vater nicht wohl
daran gethan habe, den Fehltritt Vittoria's zu verbergen nnd
ihm die Sorge fiür eine Frau, deren leidenschafiliche Verirrung
er gekannt hatte, ihm die Sorge für einen jungen Menschen
aufzubiirden, der nicht sein Bruder war und der, wie seine ganze
Entwickelung es verrieth, mit der Begabung ,einer Mutter auch
ihre völlig rcksichtslose Phantastik ererbt haiie.
Das Selbstvertrauen und die Zuversicht, mit denen der
Freiherr im Beginne seiner Ehe auf seinen neu errichteten Haus-
stand und in das Leben und in seine Zukunft geblickt hatte,
hielten vor den oftmals wiederkehrenden Verdrießlichkeiten mit
Vitioria nicht Stand. Er wünschte lebhaft, daß er sie nicht
von Richten fortgenommen, daß er sie nicht zu seiner Haus- -
genossin gemacht hätte. Nun es aber einmal geschehen war, -
hielt er es doch nicht fir gerathen, eine Aenderung herbeizu-
führen. Da er bereits, wie man es wußte, mit den nächsten !
Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim, dem Grafen ?
Gerhard, in keinem guten Einvernehmen lehte, konnte er sich
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mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl verfeinden, ohne die
Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben, welche durch die
blendenden Eigenschaften Vittoria's sehr für dieselbe eingenommen
war. Sie hatte sich zum Theil auf seine und auf Cäciliens
Kosten den Nuf der höchsten Liebenswürdigkeit gewonnen, ihre
Weise, sich gehen zu lassen, hatte etwas so Natürliches, daß man
sie überhaupt für einfach und natürlich hielt, und Renatus, der
eine gerechte Scheu trug, die unbesonnene und leidenschaftliche
Frauu aussichlslos sich selber zu überlassen, ward auch noch durch
andere Ricksichten abgehalten, sich von ihr zu trennen. Er mußte
sich sagen, daß eine besondere Haushaltung für die Baronin
ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten würde, als
ihr Aufenthalt in seiner Familie. Er konnte es sich auch nicht
verbergen, daß Vittoria, wenn er sie nicht mehr bei sich behielt,
genöthigt ward, diese Trennung vor ihren Freunden als eine
von ihr gewünschte darzustellen; und ob sie das nicht in einer
Weise thun würde, welche für ihn und für Cäcilie nachtheilig
werden konnte, dessen hielt Renatus sich bei ihrer Unvorsichtigkeit
auch nicht versichert.
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Seine Güte, seine Großmuth und seine rücksichtsvolle
Schonung für Vittgria, seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen
hatten ihm die Hände gebunden. Er konnte seine eigenen freund-
lichen und liebevollen Urtheile über sie nicht zurücknehmen, ohne
von denen, vor welchen er sie ausgesprochen hatte, für einen
Thoren gehalten zu werden; er konnte auch kaum Glauben für
Anschuldigungen zu finden hoffen, welche seinem früheren Lobe
entschieden entgegengestanden hätten, und er mußte jetzt zusehen,'
wie er mit den Folgen seiner uneitigen Großmuth fertig werden
konnte, auf die Vittoria in ihrem Leichtsinnne sich zu verlassen
gewohnt worden war. Er trug auch in diesem Falle die Folgen
eines fremden Verschuldens; es war wieder die Rückwirkung an
und fiir sich gnuler, aber nicht an rechter Stelle angewendeter
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. M,
us

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Empfindungen und Thaten, unter welcher er zu leiden hatte
und die ihn mißtrauisch nicht nur gegen die Menschen, sondern
auch gegen sich selber zu machen begann.
Seine grübelnde Sinnesart, sein alter Glaube, daß er
einmal nicht zum Glücke geboren sei, fingen wieder an, sich in
ihm zu regen. Das rasche bewegte Leben während des Krieges
hatte diesen Grundion seines Wesens übertäubt, der ihm, wie
er glaubte, durch die Schwermuth angeboren sein mochte, mit -
welcher seine Mutier ihn unter ihrem Herzen gelragen halte.
Nun, da er troz seiner guten Vorsäze und seiner redlichen Be-
strebungen, sich ein ruhiges und würdiges Leben zu errichten,
immer auf neue Behinderungen sties, kauchte jener melancholische
Zug auf das Neue so stark in ihm empor, daß er die Noth-
wendigleit füühlte, sich dagegen aufzulehnen, wenn er duurch sein
Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn beglückende Heiterkeit zersiören
wollte. Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets den Vorwurf,
daß er in seinen Besorgnissen weiter gehe, als es nöthig sei.
Sie übernahm es gutwillig, Vittoria in ihren Ansprüchen all-
mählich einzuschränken, sg bat ihren Gemahl, keine weiteren Er-
klärungen mit der Stiefmutter herbeizuführen, keine bindenden
Versprechungen von ihr zu begehren. Sie erbot sich, Vittoria
des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Gesellig-
keit zu überreden, sie verhieß, in ihrer Wirthschaft solche Er-
sparungen zu machen, daß man die Möglichkeit behielte, der
Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit zu gestatten, und da
Vittoria, von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und
beruhigt, sich dieser immer wieder mit der alten Neigung an-
schloß, übernahm Cäcilie ihr Mitileramt in der That mit Zu-
versicht und Freude.
Sie, die zuerst auf Vittoria's Unbesonnenheiten warnend
hingewiesen hatte, gab es dem Freiherrn doch zu bedenken, daß
Vittoria's Unstätigkeit erst seit ihrer Trennung von Valerio her-

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vorgetreten sei. Sie verlangte also, daß man Valerio so oft
als möglich nach Hause kommen lasse. Sie setzte es durch, daß
er, in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszu-
bilden begann, die Mutter, wenn es sich irgend thun ließ, in
die Theater begleitete; und Mutter und Sohn verlangten es
nicht besser. Die Baronin verzichtete, wenn sie Valerio bei sich
hatte, am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern, sie
Fang mit dem Sohne, dessen musikalisches Gedächtniß ein ganz
ungewöhnlicheö war, und selbst Nenakus und Cäcilie hatten ihr
Vergniigen daran, wenn Valerio mit seiner feurigen Lebendigkeit
ganze Scenen aus den Opern, in welche die Mutter ihn an
den Sonntagen zu führen pflegte, vor ihnen nachzuspielen und
zu singen unternahm.
Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plözlich in
. - den Hintergrund zu treten. Er hantierte allerdings noch immer
mit dem Bleistifte und der Feder, aber es waren nur noch
Opern-Scenen, die er entwarf, wenn er nicht Karrikaturen auf
seine Mitschüüler und Vorgesetzten zeichnete, deren komische Wir-
kung bei unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von
sich sprechen machte.
Von Valerio's Verhalten in dem Kadettenhause war über-
haupt nicht viel zu rühmen. Seine Zeugnisse erkannten zwar
seine Begabung an, rüügten jedoch seinen Mangel an Ausdauer
Iud wahrer Arbeitslust, und kaum eine Woche verging, in
welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin
der Anstalt zu büßen gegeben hätte. Wennn er auf solche Weise
dn einem Sonntage den Besuch bei der Mutter verscherzte, wußte
Fr das nächste Mal durch verdoppelte Liebenswüürdigkeit seine
Bestrafung vergessen zu machen, und selbst Ndenatus, der sich
Porgenommen hatte, ihn streng zu behandeln, fühlte sich oftmals
Joider seinen Willen von ihm hingerissen. Man mußte sich
Jagen, das: ein Knabe, der in so schrankenloser Willkür aufge-
z

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wachsen sei, es schwerer als Andere finden müsse, sich dem
strengen Zwange zu fügen; sogar unter seinen Lehrern fanden -
sich Einer und der Andere, die für ihn sprachen, die der Ansicht ;
waren, das: man mehr als mii Aundern Geduld mit ihm haben
und ihm Zeit vergönnen müsse, sich allmählich unterordnen und -
beherrschen zu lernen, wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit j
nicht zu einem Nachtheil für ihn selber verkehren und ihn dahin (
bringen wolle, seinen fröhlichen Freimuth hinter der Maske I
einer erhennchelien Sinnesänderung zu verbergen, die vorzunehmen
und aufrecht zu erhallen, eben ihu, bei seiner Lust au Dar-'
siellen, verlockend werden lönnle.
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Wie dem aber auch sein mochie, Valerio war in dem Ka- ;
dettenhause eben so schnell der Liebling seiner Mitschiler geworden, j
als seine Mutter die Gesellschaft fir sich gewonnen hatie. Seine !
auffallende fremdartige Schönheit, die Leichtigkeit, mit welcher j
er neben dem Deutschen das Französische und das Itglienische j
sprach, die Bereitwilligkeit, mit der er Jedem zeichnete, was s
man von ihm verlangte, und seine erfinderische Phantasie, die ?
ihn immer neue Spiele und neuen Zeitvertreib ersinen ließ,
führten ihm die Herzen seiner Altersgenossen zu, während seine j
ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten belustigte. In der j
Einsamkeit seines heimathlichen Schlosses hatte er, Dank ek ?
Achtlosigkeit seiner Muiter, mehr von dem Leben erfahren, als j
es Knaben seines Alters sonst geschieht, und der freie Gebrauch,j
den er bis zu der Nückkunft seines Bruders von des verstorbenenj
kRaK l
Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge dess
Hauses, Valerio erzählen zu machen, sei es, daß er von seinemf
Leben auf dem Lande oder von seinen gegenwärtigen Besuchen;
in seineö Bruders Hause und bei seiner Mutter plauderte. Sein:
lebhaftes Mienenspiel, seine Beobachkungs- und Nachahmungss

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gabe, die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen
Leuten einen heitern Zeitvertreib. Sie hielten vor ihm auch
nicht, wie vor den andern Knaben zurick. Mit Cherubin, dem
schönen Pagen, wie sie ihn hießen, brauchte man sich auch nicht
in Acht zu nehmen. Er wußte, wak er sagen und wovon er
schweigen sollte; er halte das in Richten zwischen den beiden
feindlichen Haushaltungen frih erlernt, und er hörte es gern,
wenn man in den Pagen hieß.
Er halie schon in der Heimaih seinen Figaro gelesen, er
hatie daö Pagenlied stetö vor allem Andern geliebt; und nun
volleds, seil er mil der Muller Mozari's Figaro auf der Bühne
gesehen und gehört hatte, seit die Mutier und Emilio es rühmten,
wie genau er das Mozart'sche Pagenlied behalten habe, ließ er
sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen. Vittoria
selber nannte ihn bald nicht anders, und ihren Cherubino Sonn-
tags, wenn sie Leute bei sich hatie, das ,oi ohe speten
zum Flügel singen, ihren Cherubino von der Gesellschaft be-
wundern zu lassen, das war, wenn Renatus es nicht hinderte,
ein Genuß, den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte.