Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 20

Siebenteö Capitel.
Ahie Aurikeln blihten schon, und die grofen Dolden der
Fliederbüsche strömten ihren Duft über die weiten Nasenplätze
des allen Garlend von Tanute Esther aus, als Seba eines Tages -
auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und
langsam, des schönen, warmen Frihlingwetters froh, durch die
breiten Wege nach dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging.
Die Gräfin Eleonore war an ihrer Seite.
Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wieder-
gewonnen, aber das Leben war doch wieder mächtig, in ihr,
und sie bedurfte des stüzenden Armes ihrer Freundin nicht mehr.
Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her, nur ihr Auge
war nicht mehr so strahlend, als in den Tagen, in welchen -
Renatus sie hatte kennen lernen, und auch die stolze Zuversicht
jener Zeit war nicht mehr in ihr.
Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen, dann,
als sie sich schon dem Zelte genähert hatten, unter welchem ;
Davide saß, die ihr Töchterchen nährte, während der Knabes
mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem ?
großen Garten, recht nach Menschenart, seinen eigenen Garten ;
zu machen strebte, wendete Eleonore sich in einen der Seiten-
wege, und Seba's Arm in den ihren legend, führte sie sie mit!
sich fort.
- =raa.U -A
Zelte, dann gehören Sie mir nicht mehr allein, dann gehörens

- I7P--
Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln= Eleonore bezeichnete
Tremann und die Seinen gegen Sebu stets mit diesem Namen
--- und nicht nur Ael, wie es das französische Sprüchwort
sagt, legt uns Verpflichtungen auf: auch Güte verpflichtet. Sie
müüssen gütig zu mir sein, weil Sie so gut gegen mich gewesen sind.
Seba drickie ihr mit freundlichem Worte di: Hand, und
Eleonore meinte nach einer kurzen Pause: Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, wie tröstlich es mir ist, wenn ich Sie an jedem
Tage mit derselben Herzenslreue das gleiche Liebeswerk verrichien
und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe. Anfangs
ging ich dazu mit, weil ich eben bei Ihnen bleiben, Sie be-
gleiten wollte. Jezt denke ich schon, wenn ich zu Ihnen komme,
daß wir die Blumen pfliücken und nach dem Denkmal tragen
müssen, und ich glaube, wären Sie nicht hier, ich thäte, ohne
Ihre Todien hier gekannt zu haben, ganz dasselbe. Es ist etwas
Schönes um ein alltäglich Thun, es verbindet jeden unserer
Tage mit der Vergangenheit und Zukunft, es gibt jedem Tage
einen Mittelpunkt. Wenn ich --- ihre Stimme wurde weich
-- wenn ich, fern von Ihnen sein werde, liebe Seba, werde ich
zu Ihrem und der Ihren Angedenken an jedem Tage auch
einen solchen Herzenskultus üben, und wie Sie unter den Le-
benden der Todten denken, werde ich in meiner Einsamkeit mit
noch größerer Liebe - ach, und mit welcher Sehnsucht! --
an Sie Alle, die ich hier verlasse, denken.
Sie waren während dieser Worte nach der Seite des
Gartens gekommen, an welcher Paul's Arbeitszimmer lagen,
und dieser, der eben sein Tagewerk beendet hatte, trat, als er
sie gewahrte, zu ihnen in den Garten hinaus.
Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern
um, erkidigte sich dann nach Eleonorens Ergehen und nannte
es einen bequemen Zufall, daß sie eben da sei, da er einen
Brief für sie erhalten habe. Sie fragte, woher derselbe sei.

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Er ist uns duru, emen unserer römischen Geschäftsfreunde
vor einer halben Stunde zugekommen, und ich hoffe, daß man
ihn noch nicht zu Ihnen in das Hötel geschickt hat, gab er ihr
zur Antwort, während er hineinging, sich nach dem Briefe um-
zusehen.
Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden, und
die Bewegung, mit welcher sie das Schreiben aus Paul's Hand
empfing, ließ ihre Freunde nichl dariber im Uugewissen, von
wem es ihr kam. Auch wollten beide sich entfernen, ihr Zeit
und Ruhe zum Lesen zu geben; aber wie ein Kind, das sich
vor dem Mlleinsein fürchtet, langte die Gräfin unwillkürlich nach
der älteren Freundin Hand, und sich auf die nahe stehende
Gartenbank niederlassend, bat sie leise: Bleiben Sie!
Es war ein langer Brief. Die Gräfin hatte ihn gelesen
und noch einmal gelesen, dann ließ sie die Hand, mit der sie
ihn hielt, auf ihre Kniee niedersinken und sah sinnend vor sich
hin. Seba saß schweigend an ihrer Seite. Sie kannte die
Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch diese
selbst, und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein
Hehl aus ihnen zu machen gewünscht, wennschon sie den Beiden
nicht direkt davon gesprochen hatte. Nur von dem Religions-
wechsel und von ihren religiösen Zweifeln war zwischen ihr und
Paul zum Defteren die Rede gewesen, und er hatte es ihr nie
verborgen, wie er über das blinde, unbedingte Glauben, wie er
über den Glauben an positive Religion, wie er über den Gott-
glauben überhaupt denke und was er von jener Anschauung
halte, die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und
Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit er-
reichen zu können wähne. Aber er hatie diese Gespräche nie
geflissentlich gesucht. Denn gerade weil Eleonore durch augen-
libckliche Entschlitsse, durch gewaltsame Eindricke und durch die
Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu

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einem Abfalle von ihrer wahren Neberzeugung und zu einem
Handeln gegen die eigentlichen Bedinguungen ihrer Natur verleitet
worden war, meinte er, daß, wenn überhaupt eine Hüülfe für sie
möglich sei, ihr diese nur auf dem Wege der eigenen Einsicht
und der ruhigen, sie zur Erkenntniß langsam führenden Er-
fahrung mit Erfolg bereitet werden könne.
So lies: den auch Seba ihr eine Weile Zeit, sich zu
sammeln, und erst als sie bemerkte, daß Eleonore es schwer
finde, in diesen Augenblicke von sich zu sprechen, sagte sie: Sie
haben einen Brief von dem Abbs erhalten?
Eleonore bejahte es, und was sie nie zuvor gethan hatte,
sie reichle der Freundin das Schreiben hin.

, Ich komme von einer Reise zurück, also hob es an,
, die ich im Auftrage meiner Oberen unternommen und die
mich durch den ganzen Winter und das ganze Frühjahr in den
Geschäften unsers Ordens fern im Drient gehalten hat. Von
den Ufern des Nil, an den heiligen Wassern des Jordan, von
der Schädelstätte und an des heiligen Grabes geweihter Schwelle
sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen, und ich habe für Sie
gebetet, Eleonöre, gebetet, daß auch Ihnen der Friede kommen
möge, mit dem ich an Sie denke; daß Ihre endliche Bekehrung
zu der einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren
Sinn erheben möge, wie sie mich hinaushebt über mich selbst
und über all mein menschliches Verlangen und Begehren. Ich
habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster
nach Trinitä di Monte gesendet. Zurückgelehrt nach Nom, bin
ich gegangen, Sie in den heiligen Mauern aufzusuchen, in denen
ich Sie zu finden glauben mußte. Aber Sie waren nicht dort,
und erst auf Umwegen habe ich erfahren, wo Sie weilen und
daß Sie krank gewesen sind.
,Weßhalb schrieben Sie mir nicht, weßhalb riefen Sie mich
nicht? Ein Wort von Ihnen, das mich hätte ahnen lassen, Sie

n
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bedirften meines Trostes, hätte mich zu Ihnen geführt. Streng,
wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen üüber uns
walten, wüsrde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht
geweigert haben, Ihnen, deren Seele ich dem Lichte gewonnen,
in den Stunden der Krauukheit und der möglichen Entmuthigung
meinen Beistand leisten zu diürfen, und Sie zu ihm und auf
ihn hinzuweisen, der uuser Siab ui unsere Leuchle, unser ewiges
Heilmitkel und der Weg zu unserem ewigen Leben ist.
, Sie waren dem Tode nahe, Sie sind genesen und Sie
haben, ich weiß es, nicht einmal danach verlangt, Sich dubch
den Genuß des heiligen Abendmahles, Sich durch das erlösende
Sakrament, der Gemeinschaft anzuschließen, der Sie angehören,
Sich der Gnade und Vergebung zu versichern, die uns den Weg
durch dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige
ebnet und erhellt. Was soll ich davon denken? Was be-
deutet das ?
,Wäre es möglich, daß Ihre Seele wankend geworden ist?
Wäre es möglich, daß Du sie vergessen könntest, die Schwüre,
mit denen Du Dich mir und meinem Glauben zugeschworen?
Daß Du sie vergessen könntest, die gesegnete Stunde, in der
meine blutigen Thränen und die Angst meines durch Dich ge-
marterten Herzens Dich und mich neugeboren haben zu dem
ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in Goti? Solltest
Du abfallen, untreu werden können mir, Dir selbst und ihm,
dem Du gelobt hast, Dein Leben ausschließlich seiner Anbetung
zu weihen?
,Meine Seele erbebt vor dem Gedanken! Ich liege auf
meinen Knieen, und meine starke, feurige Liebe fie Ach ersehnt
und erfleht von dem Höchsten Deine Treue für ihn. Ich zähle
die Stunden, bis mir Kunde kommen wird von Dir, die Stunden,
, bis ich, an das Gitter des frommen Hauses tretend, mir werde
sagen dürfen: es birgt wie ein goldener Heiligenschrein den

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Schaz, den dn der heiligen Gemeinschaft zugefüührt, es umschließt
das edle Herz, das du der Kirche zu gewinnen durch Gottes
Gnade würdig befunden bist, und es eroächst in dieser gesegneten
Mauern stiller Huth eine jener Frauenseelen für das Herrscher-
amt innerhalb der Kirche, der die Starken sich mit Anbetung
und Wonne neigen.
, Koum, meine Schvester! Komnmn, Du Ersehnte meiner
Seele, las; pnich die Stunde nicht mehr lange erwarten, in welcher
unsere Seelen sich als zwei reine Flammen in der glühenden
Begeisterung Eines Liebens, Eines Glaubens, Eines Hoffens zu
Gott erheben. Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glickeg
-- Komm, denn ich erwarte Dich!-
Seba faltete, ohne ein Wort zu sprechen, den BriefFzu-
sammen, und eben so lautlos warf Eleonore sich mit beiden
Armen der Freundin um den Hals und weinte bitterlich. Seba
drüückte sie an sich und hielt sie sanft umfaßt.
Es war sehr still in dem Garten, Davide hatte sich ent-
fernt, um das Kind, das an ihrem Busen eingeschlafen war,
zur Nuhe zu bringen, der Knabe war ihr gefolgt, und Paul
saß, die französischen Zeitungen lesend, in dem Schatten der
großen, vor dem Gartensaale stehenden Bäume. Kein Lüftchen
regte sich. Man hörte die Bienen leise summen, ehe sie sich in
die Kelche der Blumen niedersenkten, in dem dichten Buschwerke
sang und lockte die Nachtigall.
Richken Sie Sich auf, Eleonore, sagte Seba endlich. Es
ist gut, daß dieser Brief gekommen ist. Sie hatten ihn er-
wartet; ich fühlte es Ihnen immer an. Was denken Sie zu
antworten? Was wollen Sie thun?
Wels ich's denn selbst? entgegnete die Gräfin, und nachdem
sie noch einmal in ihr schwermüthiges Sinnen versunken war,
sagte sie plözlich: Es ist mir wie einem Träumenden zu Muthe.
Was ich am deutlichsten wissen glanbte, was mich das Leben-

digste, das Nothwendigste dünkte, Alles, worauf ich mich stützen
zu können wähnte, zerrinnt mir wie Nebel, wenn ich mein Auge
darauf richte, und es ihut sich mir hinter demselben eine Ferne,
eine Weite auf, die mir fremd ist und in der ich mich nicht
zurecht zu finden weiß. Ich möchte, wenn es möglich wäre -
sie zögerte und schwieg.
Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können! fiel
ihr Seba in die Nede, um ihr zu Hüülfe zu kommen.
Ja! rief Eleonore, als habe Seba mit dem bloßen Aus-
sprechen dieses Wortes eine Fessel von ihr genommen, ja! Ich .
wünschte, ich hätie mein ganzes Leben nicht gelebt!
So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres, ein
neues!
k
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Kann man dac? fragte Eleonore. Kan man es sich
selber vergessen machen, was man empfunden hal?
Seba nahm sie bei der Hand. Sehen Sie, Elepnore,
sprach sie sanft, seit mehr als zwanzig Jahren schaue ich dem
Leben jener Bäume zu, die da drüben, jenseit des Flusses, in
dem Garten stehen. Als ich zum ersten Male im Herbste ihr
Laub erbleichen und zu Voden fallen sah, war ich jung wie
Sie, und unglücklich, weit unglücklicher, als Sie, denn ich hatte
mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem Manne zugewendet,
den ich verachten mußte, ich hatte durch meine Schuld mich selbst
verloren; und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten
Bäume hin und dachte: sie sind dein Bild, dein und ihr Früh-
ling, deine und ihre Blüthenzeit sind hin, es ist Winter ge-
worden und Alles ist todt und öde, todt und öde für immer!
Sie hielt inne, die Gräfin küßte ihr die Hand. Da glitt ;
ein melancholisches Lacheln lber Seba's Autliz, und ihr Haupt
mit seinen schönen Augen zu ihrer jungen Freundin wwendend,
sagte sie mit einem Tone, welcher dieser tief in's Herz drang:
Und nun blicken Sie hinüber, ob ich mich nicht irrte? Ob das

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Leben nicht viel mächtiger, die Welt in ihrem ewig waltenden
Werden nicht viel wunderthätiger ist, als unser armes Herz in
seinem kleinmüthigen Verzagen es fir möglich Jält? Jener
Winter ist entschwunden, und mancher andere nach ihm, und jeder
neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und
neues Blühen gebracht, und in allem ihrem Blühen und Ver-
gehen sind sie gewachsen und gewachsen, und der Abfall ihrer
Blätter selbst hat dem Boden, der sie erzeugte, noch Wärme
und noch neue Kraft verliehen! Und Sie wollten dem Leben
entsagen, weil Sie einmal irrten? Sie wollten Sich gebunden
glauben durch den Eid, den Sie in einer geflissentlich durch
fremden Willen in Ihnen erregten leidenschaftlichen Neberspannung
geleistet haben? Wie dürfen Sie nur daran denken, einen un-
freiwilligen Irrthum Ihres Verstandes, eine Nebereilung Ihres
Herzens zu einer bewußten Lüüge zu machen? Nimmermehr,
Eleonore! Das darf, das kann nicht geschehen!--
Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener
Stimme gesprochen, so daß Paul und Davide, die herangekommen
waren, sie vernommen hatten, und Paul die Frage aufwarf,
wovon die Rede sei.
Seba gab ihm eine andeutende Antwort, aber Eleonore
sagte sehr bestimmt: Wir sprachen von einem traurigen Gegen-
stande, von mir und meiner Zukunst, und es ist gut, daß Sie,
meine Freunde, jezt dazugekommen sind, denn ich fühle mich
halt- und raihlos! Ich habe Stunden, in denen ich mich in
Lebenslust an das Dasein klammern, und Tage, an denen ich
aus Widerwillen gegen mich selbst, mich vor der Welt verbergen
und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte, das . .. -- Sie
brach plözlich ab, und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend.
rief sie: Wenn Sie es wüßten, wie man mich umworben hat,
wenn Sie wüßten, wie ich in dem Glauben an eine große,
reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe, von den Spielen

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des Herzens, in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und
genüügt! Rein und ganz in meinem Empsinden, so hatte ich mich
und alles, was ich habe und bin, mit meiner Liebe einst dem
Manne hinzugeben gehofft, der mich zu seiner Gattin nehmen
würde! Und sich jetzt sagen zu müssen, dasß ich dies alles, daß
ich diese große, diese umfassende Liebe, daß ich die tiefste Ver-
ehrung meines Herzens einem Manne entgegenbrachte, der mit
kaltem Auge auf mich herniedersah, dem ich nichts, nichts ge-
wesen bin, als der Gegensiand einer Berechnuung, und der, als
ich in Liebe zu seinen Fißen niedersank, es vielleicht bedachie,
was mein Besiz dem Orden werth sei, in dessen Dienste er sich
meiner zu bemächtigen wünschte..-- Sie hrach noch einmal ab
und sagte dann nach einer Pause wie im Selbstgespräche: Das
denkt keines Menschen Seele aus!
Doch, rief Paul, der ihr achisam zuhörend gefolgt war,
doch! Und Seba's Hand Jergreifend und schüttelnd, sagte er:
Fragen Sie Seba, ob sie es nicht nachzudenken vermag,' ob sie
nicht Gleiches, ob sie nicht Schwereres erduldet hat! Und sie
hat sich aufgerichtet in sich selbst, daß sie die Stüze und die
Zuflucht aller derer geworden ist, die einer starken und geduldigen
Liebe für sich nöthig haben! Was ist Ihnen denn geschehen,
was haben Sie denn erlitten und erlebt?
Die Gräfin sah ihn betroffen, ja, mit Erstaunen an. Es
ist wahr, fuhr er fort, Sie haben ein großes, ein schönes Ca-
pital von Liebe falsch angelegt, das ist aber auch Mlles! Sie
haben Sich in dem Manne betrogen, dem Sie es anvertrauten,
und nur Sie, nicht er, tragen die Schuld davon! Sie sahen
das Kleid, das er trug, Sie kannten die Grundsätze der Ge-
meinschaft, der er angehört! Wer hieß Sie der eiteln Ver-
lockung nach Herrschaft nachgeben, mit der er zuerst verführend
an Sie herantrat? Nicht er, Ihr Stolz hat Sie verleitet, die
Freiheit, deren Sie nach allen Seiten hin genossen, gegen die

-- ? ---
Ulnfreiheit zu veriauschen, die Ihien Herrschaft i:ber Aidere und
die blinde Unlerordnung Anderer als ein Glick vorspiegelte!
Nicht Ihre Lebe finn den Abbe allein, .- Has gegen Ihre
N-
Tan-- .. die ganze müfige, selbstsüchtige Abgeschlossenheit, in
»ff-
der Sie, wie Sie es mir geschildert haben, lebten, haben Sie
dem Abbe in die Arme getrieben! Und jetzt, da Sie ihn kennen,
jezt wollen Sie aus falschem Ehrgefihl hingehen, Sich in einem
Kloster zu verbergen? Sie wollten auuch jezt och nach jener
hochniihige Selbsibesriediguuug scen, die Sie der Erde und
.hren Mitmenschen enifremdet? Wie lönnen Sie nur daran
denlen, noch länger ein Dasein zu füühren, welähes in unserer
Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht mehr werth ist, daß
man's lebt? -- Er schittelte mißbilligend sein ernstes Haupt,
und der Gräfin fest in's Auge scauend, sprach er: Da wär's
besser, Sie wären nichi genesen!
Die Frauen blicten besorgt auf Eleonore hin. Sie sah
schweigend vor sich nieder. Pauul slörte sie in ihrem Sinnen
nicht. Ein paar Mal schien es, als ob sie sprechen wolle, aber
sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht von den
Vorsiellunge loszureißen, mit denen sie sich bisher getragen
hatte, und Davide, welche ihr dies nachempfand und ihr zu
Hilfe kommen wollte, fragte: Aber was soll Eleonore denn
jezt thun?
Sie soll sich befreien und sich durch Selbstüberwindung
selbst wieder gewinnen, wie unser Aller Vorbild, wie unsere
Seba es geihan hal! Sie soll hem Abb und der Habsucht
seines Ordens den Triumph nicht vollenden, den sie ihnen zu
bereiten auf bestem Wege war! rif Paul.
Er hielt inne. Ihr fragt mich, was die Gräfin thun soll?
Errellen soll sie von dem schlecht angelegten Capitale ihrer Liebe,
ihrer Freundschafi, was sie kann! Sie soll ihr Herz tapfer in
die Hand nehmen, sie soll sich muthig ihren Irrthum, ihre Ver-

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blendung eingestehen! Sich soll sie anklagen, nicht die Andern
oder gar ihr Schicksal, und sie soll lieben, ihre Mitmenschen
lieben lernen . -
O, rief Eleonore, und ihr Antliz leuchtete in einer Ver-
klärung, deren es friher nie theilhaftig geworden war, liebe ich
Euch denn nicht? Wie eine zrkliche Mutier, wie liebende Ge-
schwister seid Ihr mir gewesen! Muiierliebe und Geschwisterliebe
und die Seligkeit, welche in der Ehe, in dem Lächeln eines ?
Kindes liegen kann, Alles habe ich kennen und empfinden lernen
hier bei Euch!-- Aber wenn ich von Euuch geschieden seh.
werde . -
Scheiden? fiel ihr Davide in das Wort, und die Gräfin
in ihre Arme schließend, rief sie: Wer denkt denn an Scheiden,
Eleonore? Du hast mich ja selbst Deine Schwesier genannt!
Du bleibst bei uns, bei Seba, bei Paul, bei mir, bei unseren
Kindern! - Seba, Paul, sagt es ihr doch, daß sie nicht gehen
soll, nicht gehen darf, daß sie unser, unsere Eleonore ist!
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Gräfin hing an ihrem
Halse, Seba legte ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen
Häupter, selbst Paul war sehr erschüttert. Die Blumen aber
dufteten ruhig fort, die Bienen tauchten tief in ihre Kelche .
hinein, und die Nachtigallen lockten und sangen, während in dem
leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend
hin und wieder bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen
funkelnd durch die Blätter niedersendete.
Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war, hielt sie
Paul ihre Hand hin. Er schlug mit festem Schlage ein und
schüttelte sie ihr wie einem Manne. Muth, Gräfin! sprach er
mit der vollen Stimme, die schon in ihrem bloßen Klange etwas
Ermuthigendes hatte. Die Welt geht nicht unter, wenn ein
Stein unter unseren Füßen fortrollt, auf den wir mit Sicherheit
treten zu können meinten! Irgendwo findet sich ein Ast, an dem

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man sich halten kann, und -- er reichte ihr mit schöner, herz-
gewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin -- zur
Noih bin ich auuch noch da! Frugen Sie Seba und Davide, ob
ich loszulassen pflege, was ich in die Hand genommen habe!
Lieber, lieber Freund! rief die Gräfin und hlickie wie eine
Tochier ergeben und verlrauensvoll zu ihm empor. Was soll ich
thun? Sagen Sie's, ich folge Ihnen ubedingl!
Pgul machte eine abwehrende Bewegung. Kein blindes
Gehorchen, kein unbedingtes Vertrauen, liebe Gräfin! warnte er.
Ich bin kein Priesier! Aber ich würde mich freuen, wenn Sie
mir den Brief zu lesen geben wollten, den Sie dem Abbä auf
seine heutige Zschrift senden.
Was soll ich ihm sagen? fragte sie, von dem Gedanken
dieser unerläszlichen Annäherung ergriffen und erschreckt. Was
soll ich ihm sagen?
Die Wahrheit! entgegneke ihr Paul.
Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben? Wird er nicht
Alles amwvenden, sie uns zu entreißen? wendete Davide ein.
Gewisß! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem
stolzen Haughton Castle! Sie ist in eines Bürgers Hause, sie
hat sich ja eben freiwillig als der Unseren Eine unter meinen
Schuz gestellt, und wenn wir auch nicht wie sie in ihrem freieren
Vaterlande von uns sagen können: ,Mein Haus ist meine
Burg!'' so bin ich doch Herr in meinem Hause, und sie soll,
wie wir alle ruhig leben, ruhig schlafen, und sich frei bewegen
unter meinem Dache und unter meinem Schutze, bis sie uns
nicht mehr braucht, bis sie gelernt hat, wieder aus eigenem
Antriebe ihren eigenen und, ich denke, einen schönen, neuen
Weg zu gehen!
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlect. N.