Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 21

Achtes
Capitel.
en
zNach großen Stürmen pflegen, wie in dem Leben der
Völker, so auch in dem Leben der einzelnen Menschen, wemnn
die aufgeregten Wogen sich geebnet haben, lange und tiefe Wind-
stillen einzutreten, in denen die Wasser sich beruhigen und all-
mählich so sanft hingleiten, daß man es leicht vergißt, wie es
eben noch anders gewesen ist und was unter der glatten Ober-
släche in der Tiese schlmmeri. W mian erlebie, was man
erlitt, wird von dem Einzelnen mehr und uehr vergessen, Von
der Gesammtheit überwunden und ausgeglichen. Man meint,
es sei des Erfahrens nun genng gewesen, man hofft, der ge-
wonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können, man sieht
rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen, und da
man ohne sein besonderes Zuthun von dem allgemeinen Elende
sein reichlich Theil getragen, so wird man zu der Meinung ver-
führt, daß man auch ohne sein besonderes Zuthun des Guten
theilhaftig werden müsse, das sich um uns her entfaltet hat.
und daß das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner
Segensfülle zudecken müsse, was der Eine oder der Andere sich
nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte.
Handel und Wandel standen denn auch, nachdem wenig
mehr als ein Jahrzehend seit der Befreiung Deutschlands von
der Fremdherrschaft verflossen war, wieder in voller Blüthe.
Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge
gekommen, von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch

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kaum eine Vorstellung gehabt hatte, und an der Spitze der be-
deutendsten- Unternehmungen fand man fast immer das mit
jedem Jahre mächtiger werdende Tremann'sche Handlungshaus.
Paul war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten
Männer der Stadt und des Landes geworden. Sein Einfluß
kam nicht nur dem eigenen Schaffen, sondern auch den Ange-
legenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu Siatten.
Er selber hatg sich freilich schon von den Fabrik- und indu-
striellen Geschäften zurückgezogen, die er bald nach Beendigung
des Krieges mit Steinert und Herbert gemeinsam unternommen
hatte, - um sich gänzlich wieder dem großen Geldgeschäfte zuzu-
wenden; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne
seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und ein-
ander in die Hände.
Eva war, wie sie das gewinuscht hatie, in dem alten, auf
das bese ausgebaulenn Amtshause in Nothenfeld mit ihrem
Herbert angesessen. Sie sah in behaglicher Nuhe ihrem Lebens-
abende entgegen, während der junge Steinert, der seine Cousine
Angelika geheirathet hatte, und Steinert's Schwiegersohn mit
seiner Eveline, der Eine auf dem von Nothenfeld jetzt abge-
zweigten Vorwerke, der Andere in Neudorf sich tüchtig regten.
Auf den Gittern, deren Ertrag nach dem Abgange von Aam
Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so
tief heruntergekommen war, daß er die Bedürfnisse der Herren
von Arten nicht mehr deckte, fanden jetzt drei Familien ein
reichliches Auskommen und ein immer wachsendes Gedeihen,
weil sie selber schufen und erwarben, was sie brauchten, weil sie
ihre Bedirfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und-
weil ihre eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um
sie her zu einem Antriebe und zu einer Ermuthigung gereichten,
die den Gutsbesizern ebenfalls zu Nutze kamen.
Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rothenfelder Amts-
z

aH
hause niedergelassen hatte, war Seba in der Mitte des Som-
mers in ihre heimathliche Provinz zurückgekehrt, um ihr altes
Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf seinem Gute
zu besuchen, und Eleonore hatke sie dabei begleitek. Seit die
Gräfin in das Tremann'sche Hans gezogen und gleichsam ein
Mitglied seiner Familie geworden war, trennte sie sich von Seba
nicht. Sie waren einander in kiefem Verständnis; nahe getreten.
Di hsi s- Viele gesslegi ud gehegl. sagie die Gräfin
bisweilen, das; es nur in der Ordnuung ist, weun sich endlich
aiemand sinde!, der Dich nun hegt und pslegk. Davide hat
ihren Mann, hai ihre Kinder; ich hale Niemanden als Dich,
und es kommt Dir zu, das; ein Wesen um Dich ist, iber welches
Dn ganz verfiigen kannst. Wo Du bist, da bin ich, wo Du
hingehsl, gehe ich uii Dir!
Seba wollte das nicht gelten lassen, denn sie wiünschte,
Eleonore in einer ihr angemessenen Ehe glicklich zu sehen; aber
es war, als hätie das Gemüüth der Gräfin noch ein Ruhen
nöthig, nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war, sich
mit Hülfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen,
in denen der Abbä sie gehalten hatte; und Paul bestärkte sie
in ihrer Hingebung an Seba.
Laßt sie ungestört gewähren, rieth er, wenn Davide in
ihrem Glücke Heirathsplane für die Freundin machte. Fünr eine
Eleonore kommt gewiß der Tag, an welchem die Freundschaft
ihr nicht mehr allein genigt; laßt uns ihn erwarten.
Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene
große Neisen gemacht, sie waren auch einen Sommer in Haughton
Eastle gewesen. Aber Eleonore hatte in England nur ihre
nächsten Anverwandten aufgesucht, und obschon von ihnen jezt
wieder bereitwillig empfangen, hatte sie sich doch nach Vauisch-
Bz
land und in das Haus zurüückgesehnt, in dem ihr zuerst selbst-
lose Liebe begegnet war und in dem sie es erlernt hatte, sich

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im Anschlusse an ihre Umgebung, im engverbundenen Zuusam-
menhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern, durch
Unterordnung zu erheben. Man dachle nicht daran, sie besonders
aufzullären. sie zu erzichen. Die Luft macht eigen und die
Luft befreit. Man ließ das Leben walten.
Freilich wuunderten die Lenle, vor Allen: Nenalud und die
Seinigen sich darüber, daß die Gräfin Hauughton der Aufforde-
rung ihres Gesadie, sich bei Host vorslellen zu lassen, nichi
nachlam, das; sie noch immer in Dauutschland, noch imner als
eine Genossin des Tremaun'schen Hauses lebte; man fand sich
jedoch endlich damii ab, es ihr fiir eine ihrer englischen Grillen
auszulegen, und des Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der
Art, ihm eine besondere Theilnahme an den Seelenzuständen
der Personen einzuflößen, die nicht im nächsten Zusammenhange
mit ihm lebten.
Renakus mochte es ansehen, wie er wollte, das Glück
wendete sich ihm nicht wieder zu. Während in Paul's Hause
eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und Gesundheit heran-
wuchsen, war das einzige Töchierchen, welches Cäcilie ihren
Manne geboren hatte, ein schwächliches Kind gewesen, das bald
gestorben war, und er hatte bisher vergebens auf die Geburt
eines Sohnes gehofft, der seinen Namen erben und in die Zu-
kunft tragen sollte. Die Aussicht, daß Valerio, daß der seinem
Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten,
schönen Namens derer von Arten werden könne, widerstand dem
Freiherrn bei der eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen
mit jedem Jahre mehr, und etwas, woran er sich recht von
Herzen freuen konnte, hatte Renatus nirgend.
Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche;
aber Vittoria war eine schwere Last für ihn und seine Frau,
und auch seine Dienstverhältnisse gestalteien sich nicht so günstig,
als er es erwartet hatte. Er wurde tcoz der größten Pflicht-

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treue nicht befördert, das Avancement im Frieden war sehr
langsam, und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren, daß
ein unbekanutes Etwas, das: ein heimliches Uebelwollen ihm,
wohin er sich auch wende, hindernd im Wege slehe. Dazu lam
er auuch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht, wie er es ge-
ssziss-
hofft, in die Ordnuung. =e Pächter halte nicht den=---s
O,-
seine erarbeiteten Capitalien in das fremde Gut zu stecken, und
der Freihserr keizie susilalien, mil deen er seller aiif deiii Gute
etwas hätte unternehmen lassen können. Das Pachlgeld, welches
regelmäßig genng einging, blieb immer nicht lange in des Frei- ;
herrn Händen, weil er gleich bei seiner Verheirathung eine
Summe aufgenommen, die er zu verzinsen hatte; und es fanden
sich, da die geseslschasllichen Beziehugen des Freiherrn sich mit
jedem Jahre ausdehnten und das Leben in der Residenz mit
dem wachsenden Reichthume ihrer Bewohner auch glänzender
und üppiger wurde, mit jedem Jahre irgend welche neue Aus-
gaben, denen man sich anstandshalber nicht zu entziehen ver-
mochte und die ein Abzahlen des gemachten Anlehens hinderten.
Hier und da, wenn Cäcilie es sah, daß Renatus sich in
Geldverlegenheii befand, wenn es sie drickte, daß man die ein-
gehenden Nechnungen nicht gleich bezahlen konnte, wenn man
die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld angehen -
mußte, hatte sie den Vorschlag gemacht, Nenatus solle sich von -
der Garde zu einem der Linien - Negimenter versezen lassen. -
==enn man indessen von der Hauptstadt fortging, wenn man s
N
sich also auch aus den Kreisen des Hofes entfernte, so gab man?
damit alle die Vortheile auf, welche in monarchischen Staaten ?
dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem ;
Herrn gelegentlich erwachsen können, und die man im Laufe der ;
a-»ee zu erreichen eben bemisht gewesen war. Eine Versezung ?
N,s.
von der Garde zur Linie, eine Nebersiedelung in eine Provin-ß
zialsiadt ließ sich aber, ganz abgesehen davon, daß sie dem Frei-I
-
D

-- W9B-
herrn wie ein Herabsteigen erschieeen wäre, ohne einen nam-
hafien Geldaufwand auch nicht betoerkstelligen, den man denn,
wie die beiden Gatten meinten, doch besser und dem Zwecke
entsprechender in der esidenz verwwertlen lonnte.
Ma blieb also beständig in einem Zuustande bes Wollens,
des Erwwägens, des Hoffens und det Sichiröstens, wenn wieder
einmal, wie das mehrmals geschah, eine günslige Aussicht, auf
deren Erfiillung man zuversichtlich gerechnet hatte, selhlgeschlagen
waar. Nennluus uocle es äieilien nicht eupfinden lassen, daß
er Sorgen hatie; Eäeilie bemühte sich. ihm ihr Unbehagen zu
verbergen, und mit ihren gegenseitigen Ermuthigungen täuschten
sie sich selber und einander. Cäcisie hätte sich ein Gewissen
daraus gemacht, der Mulier oder gar der Schwester, die sie
ohnehin beide nur selten sah, einen Einblick in ihre Lage zu
gestatten, und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht
darum. Sie waren zufrieden, daß Renatus und Cäcilie sich
innerhalb ihrer Mittel mit Anstand z erhalten schienen, daß
die Hiülfe und die maunigfachen Förderungen, welche die Gunst
der Prinzessin Hildegarden gewährte, es dieser möglich machten,
in jedem Jahre die Badereise zu unternehmen!, ohne welche sie
bei ihren Nervenleiden nicht mehr bestehen zu können glaubte;
und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch ein Gutes finden
- läßt, so figte es sich, wie Hildegard sagte, doch sehr glücklich,
daß sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Bade-
F orte zu besuchen hatten.
Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den
Gebrauch der Bäder nicht sonderlich gefördert worden. Die
, Lähmung seiner Glieder nahm im Gegentheile, wenn auch nur
, sehr allmählich, zu, und obschon er sich vortrefflich zu befinden
behauptete, schütielten seine Aerzte doch die Köpfe. Seine Zeit-
EaDD

---- 9ß--
Jahren hatten kennen lernen oder die im Stande waren, einem
Manne um seiner Liebenswwürdigleit willen seine unwwirdige
Vergangenheit zu vergessen, sagten, Graf Gerhard sei wie alter
Wein, der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde,
und in der That schien er an Lebhaftigkeit des Geistes zu ge-
winnen, was er an körperlicher Beweglichkeit verlor.
Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte, daß er ohne
Hülfe sich nur mühsam aufrecht halten und bewegen konnte,
ging er wenig aus. An jedem Miltage fnuhr er eine Skunde
in das Freie, gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte.
ab, sendele der einen Damne ein Buuch hinauns, schickie der andern
ein Billet mit einer Aufrage z, und da es in jeder großen
Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl von Misigen gibt, die
froh sind, ein Sielldichein zu haben, an dem sie eine ihrer leeren
Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsau unterbringen können,
so ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen
von Besuchern selten leer. In dem Plaudern und Schwatzen
erfuhr er, was ihm mitgetheilt zu haben man sich kaum bewußt
war, und es währte gar nicht lange, bis sich der Glaube fest-
gestellt hatte, daß Graf Gerhard einer der am besten unterrich-
teten Männer des Hofes sei, bei dem man nicht nur sichere
Auskunft über alles, was im Augenblicke geschehe, sondern auch
sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemei-
nen erhalten könne.
Es ward Mode, mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn
zu besuchen, und da die fromme Mildihätigkeit der Prinzessin unter.
den ihrem Hofstaate angehörenden Frauen auch die Barmher-
zigkeit zum guten Tone stempelie, so fand man es schön und
lobenswerth, als die Gräfin Hildegard. auf eine größere Ge-
selligkeit fast ganz verzichtend, sich freiwillig zur Gesellschafterin
ihres alten Freundes machte, der einst bestimmt gewesen war,
ihr als Oheim noch näher verbunden zu werden.

--- II? ---
Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem
Oukel, wie sie ihn jetzt beständig nannte, zu. Sie machte seine
Vorleserin, sie besorgte seinen Briefwechsel, wenn er sich einmal
ermüdet fihlte, und einander stüzend, tragend und lobpreisend,
wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten, gelangten
sie dahin, sich ein Ansehen und eine Geltung, sich eine Aner-
kennung für ihr gegenseitiges Verhältniß zu erwerben, welche
keiner voau ihnen für sich allein jemals gewonnen haben wüürde,
ganz abgesehen davon, daß der Gräfin durch ihre täglichen
Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung
erwuchs, die sie heimlich doch in Aschlag brachie.
Es war früher einmal die Rede davon gewesen, dem Gra-
fen, welchen seine Sprachlenninisse und seine feinen Uigangs-
formen sehr wohl zu einem solchenn Amnie befähiglen, zum Kam-
merherrn der Prinzessin zu ernennen; seine Krankheit hatte aber
die Ausführung dieser Absicht verhindert, während dieser Krank-
heitszustand doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein ver-
mehrtes Einkonmen fir ihn wüünschenswerih machte. Der Graf
besaß allerdings ein mütterliches Vermögen, das ihm spät genug
zugefallen war, um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu
Rathe gehalten zu werden; indeß als jüngerer Sohn war er
doch nichts weniger als reich, denn die Berka'schen Güter waren
Majorate. Er hatte es also doppelt hoch zu schätzen, daß ihm -
durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Präbenden ver-
liehen wurde, welche über die Zeiten der Reformation hinaus
zu Gunsten des Adels erhalten worden sind und deren geist-
lichen Titel Niemand mit mehr Anstand und mit besserer Laune
zu tragen sich getrauen durfte, als Graf Gerhard Berka.
Man war schon wieder mitten im Sommer, und der Graf
hatte eben eine jener kleinen Mittagsgesellschaften um sich ver-
sammelt gehabt, die er, seit er Domherr geworden war, scher-
zend nur noch seine Capitel nannte, als man ihm einen der

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russischen Gesandtschannsräthe meldete, der ihn persönlich zu
sprechen wünsche. Der Graf kannle den Legationsrath, aber er
hatte kein persönliches Umgangsverhältniß mit ihm. Ein Besuch
desselben zu so ungewohnter Stunde mußte also irgend eine
besondere Veranlassung haben, und der LegationSralh ließ den
Grafen darüüber auch nicht lange im Ungewissen.
E ist uns heute, sagte er nach einigen einleilenden Be-
grisungsworten, mit dem Pekersburger Courier eine Privat-
uission zliprhpigrn, bie er hiesigzen Gesunls-hasl gzz uus-
drücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist. Es
handelt sich um eine Todesnachricht, um den Brief eines Ver-
storbenen an eine Dame der hiesigen Aristokratie, die, wie ich
aus zuverlässiger Tuelle weis, Ihhnen befreundet ist, mit Einem
Worte, um einen Brief a die Gräfin Hildegard von Nhoden.
Wissen Sie zufällig, ob die Gräfin irgend eine nähere Be-
ziehung zu einem Herrn von Kabeniew gehabt hat, der zux
Zeit des ersten Feldzuges Major gewesen ist, und der danach
eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat?
Der Graf besann sich eine Weile, dann sagte er: Ich habe
den Namen von der Gräfin nennen hören, dünkt mich.
Und Sie wissen nicht, ob Herr von Kabeniew ihr nahe
gestanden hat, ob man befürchten müßte, ihr mit der Nachricht
seines Todes eine Erinnerung zu erwwecken, die, ihr von fremder
Hand nahe gebracht, vielleicht peinlich für sie sein könnte?
Der Graf hatte dem Legationsrathe mit jener verbindlichen
Achtsamkeit zugehört, welche ein Zeichen guter Erziehung ist.
Jezt wurde seine Miene plötzlich ernst und kalt, und mit dem
Tone bestimmtester Abwehr sagte er: Ich meine mich zu er-
innern, daß die Gräfin gegen mich hier und da eines Mafors
Kabeniew erwähnte, den sie in einem unserer Hospitäler durch
eine lange Zeit gepflegt hat; aber wo oder wie sie den Gestor-
benen auch kennen gelernt hat, so wird sie sicher da Andenken

---- II--
an ihn nicht zu scheuen haben; dessen dürfen Sie versichert sein,
mein Herr!
Der Legationsrath machte eine zustimmende Verbeugung.
Ich war dessen selbst gewis, Herr Grak, betheuerte er. Aber,
was wollen Sie - es waren aufgeregt: Zeiten, die Bewegung
der Gemülther war eine gewaltige, und-= er lächelte - nun,
wir waren Alle jung, juger vielleicht als unsere Jahre! Wo
eine Welt in Flamnen steht, fasit auuc der Einzelne leichi Feuer,
unu es hal bauu bisweilen doch seiu Scmerzliches, auf eine
solche alie Brandstätie zurickgefihrt zu werden! - Gerade die
auserordenlliche Verehrung aber, deren die Gräfin gemeßt, machte
es den Gesandien wünschen, sie wo möglich vor jeder Erschüt-
terung zu bewahren, und die Auskunfi, die ich von Ihnen,
mein Herr Graf, zu erhalten die Ehre habe, bestätigt nur eine
Vermuthung, die wir selber hegten. Herr von Kabeniew, ich
darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen,
der unvermählt und ohne nahe Verwandte gestorben ist, hat der
Gräfin Nhoden sein ganzes, äußerst beträchtliches Baarvermögen
hinterlassen, das, falls sie etwa nicht mehr am Leben gewesen
wäre, den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte. Ich
will mich also beeilen, noch heute mich des Auftrages meines
Gesandten bei der Gräfin zu entledigen.
Er erhob sich; man wechselle noch einige Worte, welche
sich zum Theil um die edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten,
und der Legationörath hatte sich kauum empfohlen, kaum das
Haus verlassen, als um die gewohnte Stunde die Gräfin und
Hildegard sich bei dem Grafen einstellten. Sie fanden ihn erhitzt
und aufgeregt. Sein Auge glänzie, seine Hände waren kalt
und selbst der Ton seiner Stimme schien seinen Freundinnen
ein veränderter zu sein.
Sie fragten, was ihm widerfahren sei. Er wich der An-
worl auus, erlundigle sich nach ihreu Ergehen, nach den Vor-

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kommnissen des Tages; aber Hildegard sowohl als ihre Mutter
fühlten ihm an, das er zersireut, das; er nicht bei der Unter-
haltung sei, und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht,
mit welchem ma sich schon seil mehreren Abenden beschäsligt
hatte. Indeß auch dieses Auskunftsmitiel wollte heute nicht
verschlagen. So oft Hildegard, welche die Vorleserin machte,
ihr Auuge von dem Buche aushob, fand sie den Blick des Grafen
in einer Weise auf sich gerichtet, die sie beunruhigte, und als
sie einmal ihre Linke auf dem Tische ruhen ließ, so daß der
Graf sie von seinem Platze aus erreichen konnte, ergriff er ihre
Hand und fihrte sie an seine Lippen.
Das war sonst auch geschehen, und doch lag heute etwas
Besonderes in des Grafen Thun, etwas Besonderes in dem
Seufzer, mit dem er sich in seinen Sessel zuricklehnte und seine
Augen mit seiner feinen, durchsichtig gewordenen Hand bedeckte.
Hildegard konnte nicht weiter lesen. Sle legte das Buch
nieder, und sich über den Tisch zu dem Grafen neigend, sprach
sie Es ist etvas geschehen, lieber Hnkel, etwoas, das Sie be-
trübt, das also auch uns nicht gleichgültig sein kann. Ich fühle
es unwiderleglich, ich empfinde es wie eine Ahnung und es
ängstigt mich! Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, geliebter
Onkel, was haben Sie, was ist vorgefallen?
Der Graf stüützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt.
und es leise und traurig wiegend, sagte er: Wir werden nicht
mehr oft beisammen sizen!
Was soll das heißen ? riefen Mutter und Tochter wie aus
Einem Munde.
Aber statt ihnen zu antworten, entgegnete der Graf: Wie
durfie ich daraus auch rechen? Wie konie ich nr wähnen,
daß so viel Anmuth, Geist und Gite allein dazu geschaffen
wären, den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu ver-
schönen! Und Hildegarden's Hände ergreifend, zog er sie näher
T
,

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an sich heran und nöthigte sie damit unmerklich, sich von ihrem
Plaze zu erheben.
Sie begriff nicht, was der ganze Vorgang bedeuten konnte,
indes: sie war stels geneigl, bei irgend einer Gefithlsergießung
mitzuwirken, und sich auf dad Polster niederlassend, das zu des
Grafen Füsßen lag, sagte sie, die Muuter anblickend Mama,
frage Du den Hkel, womil Deine Hldegard es verschuldet hat,
daß er ihx mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft
heut' so wehe thut!
Nein, rief der Graf, schweigen Sie, schweigen Sie, meine
Freundin, damit ich uich fassen, mich überwinden lann! Ihre
Ankunft überraschte mich und ließ mir nicht die Zeit, mich zu
sammeln. Sie wissen es ja, ich bin ein Egoist, ich kann nicht,
kann nicht selbstlos lieben, wie Sie beide, wie die theure Hil-
degard. So - eigensiichtig, so ganz auf dieses lieben Wesens
Nhe ist mein Sinn und mieine Zuversicht gestellt, daß selbst
sein Glück mich nicht mit dem Gedanken aussöhnt, es küünftig,
es vielleicht bald entbehren zu mülssen.
Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer räihsel-
hafter, aber seine Erregtheit kheilte sich ihnen mit, und die
Gräfin, welcher der Vorgang doch bedenklich scheinen mußte, ver-
langte endlich eine bestimmte Erkläruung desselben.
Der Graf gewährte ihnen dieselbe nur auf seine Weise.
Er fragte, ob er sich irre, wenn er glaube, von Hildegard den
Namen eines Mafors von Kabeniew gehört zu haben. Ob er
sich täusche, wenn er meine, daß der Major ihr seine Hand
angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus
ausgeschlagen habe.
Nein, nein, rlef Hildegard, Sie irren nicht! Aber was
ist's mit dem Mafor?
Da legte der Graf seine Hand auf Hildegard's Schulter
und sagte: Was es mit ihm ist? -- Er entreißt mir meines

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Lebens einziges, wahres Gllck! Er is gesiorben -- und Sie,
Hildegard- - Sie sied seine Erlin. Seint Tesiament liegt auf
der russischen Gesandlschasl; mau hal sich bei uir erkuundigl, ol
man's Ihnen unvorbereitet übermachen düürfe. Morgen schon
wird es in Ihren Händen sein, morgen sind Sie eine reiche
Erbin!-- Und was werde ich Ihnen dann noch sein?--
Was kann mein mäßiges Vermögen, das einst das Ihrige wer-
den sollte, Ihnen dann noch bedeuten?
Es entstand eine lange Pause, denn man geht aus großer
Beschränkung nicht zu groser Lebensfreiheit über, ohne eine
Wandlung, eine Erschitterung in sich zu spiren. Hildegard
hatte den Neichthum steis ersehnt und ihre verhältnißmäßige Ar-
muth war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnuung auf ihre Ver-
heirathung doppelt drückend gewesen. Sie wuste, das; Herr
von Kabeniew sehr reich gewesen war, und die Aussicht, jezt
plözlich zu einem bedeutenden Vermögen zu gelangen und vor
allen Dingen dadurch unabhängiger, reicher, freier zu werden
als Nenatus, als Cäeilie, schwellte ihre Brust mit einer nie ge-
kannten Freude. Nicht nur ihr Glick genoß sie, sie genoß im
voraus auch bereits das Erstaunen und wo möglich die De-
müüthigung der beiden Menschen, die sie ködtlich hasßte, denn sie
gehörte zu den verbitterten Naturen, deren Freude der Unterlage
eines fremden Schmerzes nöthig hat, um voll und ganz zu sein.
Kein Wort, nur ein lauut aufgeschrieenes Ach! entrang sich ihrer
Brust, und beide Arme um der Mutier Nacken werfend, weinte
sie, als solle es ihr das Herz zersprengen.
Die' Gräfin weinte ihre Freudenthränen mit ihr. Auch
ihr fiel eine schwere Lst vom Herzen. Graf' Gerhard saß in
seinem Sessel und wendete sein Auge nicht von ihnen. Endlich,
als er meinte, daß die Frauen sich mit ihren Gefühlsergüssen
geng gethan hätten, richtete er sich empor, die Schelle zu ziehen.
Das lenkte Hildegard von sich selber ab. Sie eilte hin-

-- Z(Z--
zu, ihm die Miihe zu erspuren, und erlundigte sich, was er
wimnsche.
Ich will den Diener nach einem Wagen finn Sie senden,
sagte er.
Sollen wir Sie verlassen? fragte Hildegard.
Der Graf sah schwermüüthig zu ihr empor. Sie werden
zu Hause möglicher Weise schon die Dokumente finden, welche
der Legatjonsrath Ihnen auszuliefirn hatte. Es ist natürlich,
dasß Sie dieselben zu lesen, das; Sie Sich mit der Mutter zu
besprechen wünschen, und ich habe Sie, liebe Hildegard, ja nun
gesehen! Fahren Sie nach Hause, theures Kind!
Die Gräfin und Hildegard weigerten sich dessen; er bestand
jedoch auf seinem Vorschlage. Ich habe ja Freude, sprach er,
wenn ich Ihrer denke, und -- an das Alleinsein werde ich mich
gewöhnen müssen! Er reichte ihr di: Hand. Als sie sich zu
ihm neigte, zog er sie, als lönne er seiner Empfinduung nicht
widerstehen, auf das Polster zu seinen Füßen nieder, und ihr
Haupt in seine beiden Hände fassend, küßte er ihr Haar mit
leiser Lippe.
Einmal, einmal nuur, rief er, wie seiner selbst nicht mächtig,
einmal, Du sanfter Engel, sollst Du es im Beisein Deiner
edlen Mutter von mir hören, daß Du mein Erlöser gewesen
bist, das ich, der das Leben von seinen höchsten Höhen bis hinab
in seine reulosen Tiefen ausgekoslet zu haben wähnte und der
an nichts glaubte, auf nichid veriraute, in Dir das Jdeal ge-
funden habe, das mich bereuen, wünschen, glauben, hoffen und
mich auferbauen lehrie! Einmal muß ich es Dir sagen, daß
ich Dich liebte, seit ich Dich kennen lernte, daß ich den thörich-
- ten Knaben haßte, der Dich und DAne reine Liebe nicht zu
würdigen verstand, und daß ich jetzt die Stunde segne, in der
er Dich von sich stieß, denn Du bist jezt frei, und das Leben
wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen!

=- ZßH.-
Er brach ab und hillte sein Gesicht in seine Hände. Hil-
degard haite ihr Hauupt an des Grafen Schulter gelehnt, sein
Arm umfing sie; die Gräfin stand bestirzt an ihrer Seite, aber
die Verherrlichung des von ihr sg vorzugSweise geliebten Kindes
that ihr wohl. Hildegard erschien ihr wieder jung und schön,
wie sie jezt, von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines
umflossen, vor dem Grafen knieete, dessen gehobene Stimmung
den ursprünglichen Adel seiner Züge troz seiner Jahre und
seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreken ließ.
Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor,
und noch einen Kus; auf ihre Stirn drickend, während er ihrer
Muter die Hand hiniberreichte, sprach er: Nun ist's gut! Nun
geh', nuun geh', Du lieles Kind, und denk' nicht mehr an mich!
Leb' wohl!-- Leben Sie wohl, Hildegard ! Leben auuch Sie
wohl, theure Mutter! Wir sehen uns nicht wieder!
Dnlel, mein Freund, mein kheurer Freund, rief Hildegard,
was soll das heißen? Nehmen Sie das Wort zurick!
Er schitttelte verneinend das Haupt und gab ihr, als könne
er nicht sprechen, ein Zeichen, sich zu enifernen.
Hildegard blieb vor ihm stehen. - Ich komme morgen
wieder! sagte sie!
Er wendete sich von ihr ab.-- Nein, das geht über meine
Keaft! Wie soll ich kinftig schweigen, da das unselige Ge-
ständniß meinen Lippen nun entflohen ist? sprach er dumpf in
sich hinein.
Hildegard regte sich nicht; der Gräfin begann die Scene
peinlich und bedenklich zu werden. Sie nahm die Tochter bei
der Hand.- Komm, komm, mein Kind, sagte sie, der Onkel
ist zu sehr ergrifßen, und auch Du bist sehr erschütiert. Wir
haben Alle, Alle Fassung nöthig!-- Sie wollte die Tochter
mit sich fortführen. Hildegard wendete ihr Antliz nach dem

-- Z0ß--
Grafen zurück; er hatte das Haupt uf seine Arme niedersinken
lassen, die auf dem Tische ruhten.
Da machte sich Hildegard vo:n ber Mutter los, und noch
einmal vor dem Grafen niederknieend, rief sie: So kann ich
ihn doch nicht verlassen! Und warum soll ich denn auch von
ihm gehen?-- Weinen Sie nicht, weine nicht, mein Freund,
ich bleibe! Wo soll ich denn auch bleiben, als bei Dir, der mir
beigestanden hat in meiner größten Noth?
Engel des Lichtes, sprich es, sorich es noch einmal aus.
dieses Wort, das mich beseligt! rief der Graf, und es war ver-
gebens, daß die Mutter es versuchte, dem Vorgange das Ge-
präge einer förmlichen Verlobung zu entziehen.
Hildegard lag in des Grafen Armen, er kisßte ihr Haupi.
ihre Häde; sie nannte sich glicklich in dem Besize seiner Liebe,
und noch einmal genoß der finfzigjährige und krante Mann
den Triuph, sich eines Weibes zu bemächtigen, dessen er nicht
werth war, weil die unklare Herzensüberspanntheit Hildegard's
ihm dazu die Handhabe darbot.
Es dunkelte schon, als die Gräfin mit der Tochter sein
Haus verließ. Er war sehr mit sich zufrieden. Es war ihm
ein Meisterstreich gelungen, und er häitte nur gewünscht, ihn
irgend Jemandem mittheilen zu können. Nie zuvor hatte er
daran gedacht. Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen; er hatte
sich überhaupt nie mit seinem Testamente beschäftigt. Es war
ihm stets zuwider gewesen, auf sein einstiges Ende hinzublicken,
denn er fühlte in sich noch Lust, zu leben, und die Nachricht
von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm
plözlich die Aussicht eröffnet, sich größere Lebensbequemlichkeit,
sich noch größere Lebensfreiheit zu verschaffen, als bisher.
Er konnte sich eines Lchelns nicht erwehren, als er sich
sagen mußte, er sei Bräutigam, er habe sich verlobt., Ward
je in dieser Laun' ein Weib gefreit? Ward je in dieser Laun'
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. E.
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ein Weib gewonnen?' fragte er sich selber, Shakespeare's Worte
brauchend, den er anzuführen liebte.
In seine Genugthnung mischte sich jedoch ein Schmerz.
Die Anspannung seiner Kräfte hatte ihn erschöpft. Es kam wie
eine Reue über ihn. Er hätte jung, er hätte noch ganz er selber
sein mögen! Aber er nannte diese rückblickende Wehmuth eine
Schwäche, eben eine Folge der Anstrengung. die er sich zuge-
mulhel haile. Er ließ sich gegen seine Gewohheit Wein hin-
stellen, trank ein Paar Gläser davon, und als er dann sein
Lager aufsuchte, und das auf dem Nachttische liegende Buch
aus der Hand legte, waren es philosophisch -religiöse Fragen,
Fragen, mit denen sein völliger Uiglaube sich zu beschäftigen
liebte, unter denen ihm endlich das Bewuußtsein schwand und
Schlaf und Traum ihn sanft umfingen.