Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 22

Neuntes Capite l.

,ßie Gräfin und Hildegard halten die Ruhe nicht so leicht
gefunden. Das Erbe, welches der Lezteren zugefallen, war noch
weit beträchtlicher, als man es erwartet hatte, und der Gedanke,
die Tochter ohne alle Nothwendigkeit mit dem Grafen Gerhard
sich verbinden zu sehen, dessen Vergangenheit, troz der Gunst
und königlichen Gnade, deren er sich gegenwärtig rühmen durfte,
doch immer eine bedenkliche blieb und für den eine Herstellung
nicht zu hoffen war, während man ein langes, furchtbares
Siechihum fiir ihn befürchten mußte, widerstrebte der verständigen
Einsicht der Mutter auf das höchste. Aber ihre Vorstellungen,
ihre Bitten, ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard's Ent-
schlossenheit.
Der Graf hatie sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern
gewußt, er hatte sich ihr so geschickt und mit so vielem Be-
hagen an der von ihm verübten Täuschung immer als einen
durch sie Bekehrten dargestellt, ihre Neugier auf die Geheimnisse
in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und
befriedigt worden, seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begrife
von Sitie, von des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und
von des Weibes großmüthig verzeihender Liebe so versälscht, daß
die Gräfin es plözlich mit Erstaunen wahrnahm, wie der Boden
sich verändert hatte, auf welchem ihre Tochter stand. Es fiel
ihr schwer, zu glauben, daß Hildegard, obschon sie in der Mitte
der Dreißiger war, für den um zwanzig Jahre älteren, kranken
Na

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Mann je etwas Anderes als antheilvolles Mitleiden, als eine
dankbare Ergebenheit empfunden haben könne. Indeß Hildegard
haiie sich so fest in den Gedanken eingelebt, der Schutzengel des
Grafen zu sein, und dieser hatte während ihres ersten gemein-
samen Aufenthaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte
Empfindung und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des
von Renatus verlassenen Mädchens von Anfang an so geschickt
ni: sl?enaiiis auus sich ze ilerlrngen gewssi, dus: Hilhegard
schon lange an den Grafen gekettet gewesen war, ohne sich
dessen bewsi zu sei. Troz aller Vorslellngen der Mller
nannte sie sich entschieden glicklich, dem geliebten Manne, dem
sie, und sie allein, den Glauben an alles Edle und Erhabene
wiedergegeben hätte, den Abend seines Lebens verschdnen z
können, und in seiner reinen, sie anbetenden Liebe einen reichen
Ersaz fir die Leiden zu finden, welche der Leichtsinn des Frei-
herrn Renatus ihr bereitet hatte.
Alles, was die Gräfin von der Tochter an dem Abende
erlangen konnte, war das Zugeständuiß, daß die Verlobung nicht
bekannt gemacht werden solle, ehe man nicht die Prinzessin,
welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige Beschitzerin
gezeigt, davon in Kenntniss gesezt und ihren Nath und ihre
Zustimmung dazu erbeten haben würde. Aber schon bei ihrem
Erwachen begrüßten ein Brief und eine Sendung des Grafen
seine Braut, und noch ehe die Stunde gekommen war, in
welcher man daran denken konnte, die Prinzessin aufzusuchen
und bei ihr vorgelassen zu werden, brachte einer ihrer Lakaien
Hildegarden ein paar Zeilen von der Prinzessin eigener Hand,
mit denen sie ihr zu der Wendung, welche ihr Schicksal ge-
nommen habe, ihren Glückwunsch aussprach. Sie nannte es
schön, daß ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre,
in Werlen der Liebe forizufahren, und die Prinzessin rihmte
dabei die Herzensfeinheit des Grafen ganz ausdricklich, der ihr

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vor allen Andern die Mittheilung des geschlossenen Bundes habe
zukommen lassen, da er sicher gewesen sei, daß sie sich jedes
Gmtten freuen wüirde, welches Hildegarden von der Vorsehuung
beschieden sei.
Damit stand nun die Verlobung als eine Thatsache fest.
Denn der Graf hatte sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung
rechtzeitig daran erinnert, das es Fälle gibt, in denen man
raschh hameln uund dei: Aidern zuv orloiumnen muß, wenun an
seiner Sache sicher sein will, und die Gentgthuung, die er über
seine Elschlosseüuhell süihlle, verlich ihm, wie er meinte, wirllich
eine neue Kraft.
Es war noch friih am Morgen, als er schon bei der Braut
erschien, und es sah aus, als habe er heute des Dieners, auf
dessen Arm er sich zu stiützen pflegte, kaum noch nöthig. Hilde-
gard eilte ihm auch gleich entgegen, ihm ihren Arm zu reichen,
und der Graf hatte es so geschickt erlernt, sich mit allerlei kleinen'
Küinsten von einem Plaz zu dem andern fortzuhelfen, daß selbst
die Gräfin Nhoden sich es nicht versagte, heute der Hoffnung
auf seine Herstellung Naum in sich zu geben.
Die Mutier hatte gewünscht, ihrer verheiratheten Tochter
gleich am Morgen die Nachricht von Hildegard's Erbschaft und
Verlobung zukommen zu lassen, aber diese war anderer Meinung-
Sie beabsichtigte, der Schwester die Kunde selbst zu überbringen,
und das konnte nicht sogleich geschehen. Der frühe Besuch des
Grafen, eine Besprechung mit dem Gesandten, die gerichtlichen
Vollmachten, welche die neue Erbin auszustellen hatte, nahmen
Zeit in Auspruch. Es verstand sich von selbst, daß die Ver-
lobten sich ihrer Beschützerin, der Prinzessin, präsentirten, und
es war natürlich, daß die Braut ihre jezigen Möglichkeiten zu
benzen und sich fir die Vorstellung bei der Prinzessin und
eben so fiir den Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen
Verhältnissen einzurichten begehrte.

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Unter Besorgungen, Berathungen und Einkäufen gingen
die Stunden hin. Hildegard und der Graf waren beide nicht
die Stärksten, die ungewohnten Anstrengungen ermideten sie,
Einer war finr den Adern auf Schonuung bedachl, man mußte
etwas Nuhe haben, und der späte Nachmiktag kam also heran,
ehe man sich anschickte, zu der Schwester hinzufahren.
Die Stadt war schon leerer geworden, der König hatte
sich, wie allsährlich, in ein böhmisches Bad begeben, die iibrigen-
HHofslaaten risteten sich ebenfalls zum Aufbruche, und obgleich
die Residenz damals noch nicht so gros: war, dasß man nicht
bald vor dad Thor gelommen wäre und ausßerhalb desselben
nicht noch Feld und Wald und Wiesen geng gefunden hätte,
suchte doch, wer es ermöglichen konnte, sich auch damals eine
Veränderung des Aufenthaltes zu bereiten. Cäeilie und Vitioria
aber weilten in der Stadt, denn Renatus war im Beginne des
Sommers längere Zeit zum Ankaufe der Nemonte-Pferde aus-
wärts gewesen und war nun wieder seit einigen Tagen mit
seinem Regimente zu den großen Manövern nach einer der be-
nachbarten Provinzen kommandirt. Man konnte seiner Rückkehr
erst in einigen Wochen entgegensehen.
Die Sonne brütete über der Straße und glänzte blendend
aus den gegenülberliegenden Fensterreihen wieder. Hier und da
wirbelte der Südostwind die Staubmassen empor, daß man sie
wie Wolken vorüberziehen sah. Vor dem Hause belud man
einen großen Reisewagen mit Koffern und Schachteln. Der
Wirth, ein reicher Kaufmann, der das Erdgeschoß bewohnte,
ging mit seiner Familie in ein Bad und wollte die kühlere
Nacht für den Beginn seiner Neise benutzen. Cäcilie und Vittoria
saßen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander. Endlich
erhob Cäcilie sich, und die Fensterfligel öffnend sagte sie: Welch
ein staubiger Brodem auf diesen Straßen liegt!
Ja, entgegnete Vittoria, ich dachte es eben! Was fiir ein

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Launo und was für ein Leben ist es, in denen man mitten in
der besten Jahreszeit sich den grausigen Winter ersehnt!
Cäeilie sezte sich wieder zu ihr. I: Richien muß es heute
schön sein! hob sie nach einer Weile an.
Iu dem leeren, wüsten Schlosse? entgegnete die Andere,
und sich fächelnd, wie es ihre Gewohnheit war, rief sie nach
längerem Schweigen: Wenn man nur wenigstens eine Stunde
in das Freie fahren könnte!
Nenaluh hat die Pferde verlauft und noch keine ihm
passenden gefunden -- wir müssen uns gedulden, bis er wieder-
kommt! bedeuteie Cäeilie wie entschuld gend, und schloß mit der
Bemerkung, das: es innen, in dem Zimmer erträglicher als
draußen sei, das Fensier, welches sie eben erst geöffnet hatte.
Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an,
aber man konnte sehen, dasß sie nicht dabei war. Sie blätterte
hin und her, legte es fort, grif nach einem Zeitungsblatte und
schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden. Vittoria sah
ihr gelangweilt und ermüüdet zu.
Die Aussicht, einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben
zu derbringen, rief sie dann mit Einem Male aus, ist mir wirklich
ganz entsezlich! - Und nach einer neuen Pause sagie sie, ihre
eben erst gethane Aeußerung halbwegs vergessend: Ich wollte,
Nenatus hätte mich wenigstens gelassen, wo ich war - was
hatte ich hier in der Stadt zu suchen?
Caeilie antwortete ihr nicht gleich. Sie fühlte sich selbst
gedrückt. Die neue Trennung von ihrem Manne ward ihr
schwer, der ungerechte Vorwurf, den die Stiefmutter ihm machte,
that ihr weh.
Renatus hat es gut gemeint, sagte sie endlich, und mich
dünkt, Du von uns Allen hättest die meiste Befriedigung hier
in der Siadt gefunden. Wenigstens hast Du oft geng ver-
sichert, das: Dir hier ein neues Leben afgegangen sei. Du hast

Freunde gefunden, der Kronprinz zeichnet Dich aus, Du hast
Genüsse aller Art.. -
Beklage jch mich denn? fiel Vitkoria ihr nach der Weise
aller Derer in das Wort, die, keines zusammenhängenden Denkens
gewohnt, - von jeder in ihnen angeregten Vorstellung auf einen
völlig veränderten Standpunkt geführt werden. Ich beklage mich
ja nicht! Ich meine, ich hätte es von jeher bewiesen, daß ich
mich in das Unabänderliche zu fügen und daß ich auch zu
schweigen weiß!
Was nennst Du das Unabänderliche? fragte Cäcilie.
Glaubst Du, entgegnete die Stiefmutter, daß es behaglich
ist, dasß es sir eine Fran, die, wie ich, Herrin in ihrem Hause
zu f:in gewohni war, behaglich ist, abhängig wie eine Kloster-
schllerin zu sein?
Mich dünkt, Du wärst so ziemlich die Herrin in unserem
Hause! wendele Eieilie ein.
Vittoria lachte. Nennst Du es Herrin sein, wenn mein
Sohn, wenn Renatus mich förmlich unter Deine Kontrole stellt?
Wenn er mir die Weisung hinterläßt, daß ich in seiner Ab-
wesenheit keine Besuche machen, Niemanden empfangen soll.. - -
Vitioria, rief die junge Baronin, entstelle die Thatsachen
nicht! Nenatus hat Dich nur gebeten, Emilio nicht bei Dir zu
sehen, weil.. -
Weil Emilio Dir den Hof macht! warf Vittoria ein.
Cäcilie wurde blaß vor Zorn. Laß das, ich bitte Dich!
sagte sie sehr fest. Emilio's plözliche Galanterie für mich täuscht
weder meinen Mann noch mich! Sei zufrieden, wenn wir
schweigen -- das Schweigen ist nicht immer leicht!
Und schweige ich denn nicht, füge ich mich denn nicht in
alles, was Renatus fordert? meinte Vittoria, die von ihrem
früheren Klosterleben her ein Vergnüügen in dem kleinlichen

se=ege mit ihrer Umgebung fand, dns sie sich, sobald sie Lange-
weile haiie, nichl versagle.
O ja, rief Cäeilie, gewiß, Du schweigst, aber man sieht
es Dir an, wie unbehaglich Du Dich fühlst, wie widerwillig
Du Dich dem unerläßlich Gebotenen fügst! Und glaube mir,
das lastet so schwer, so schwer auf meinem Manne und auch
auf mir, fuhr sie, wider ihren Willen heftig werdend, fort, daß
wir. . - --- Sie brach plözlich ab.
Vittorka fragte, ob sie nicht vollenden wolle.
Iiesß die junge Frau hatte sich schon wieder zusammen-
genommen. Sie bereute ihre Aufwallung, denn Renatus wollte
durchaus den Frieden in seinem Hause ausrechi erhalien haben,
und bemiht, dieses Ziel zu erreichen, bemiht, ihrem Manne
vielleichi duurch eine Erörlerung mit seiner Stiefmuitex das Leben
zn erleichtern, sagie sie, sich iberwinhend: Du bist wirklich nicht
gerecht gegen uns, besie Viitoria! Dut weißt es, glaube ich,
wirllich nicht, wie schwer der arme Nenatus es hat! Er thut
für Dich und für uns alle, was er kann, aber. . - - - sie
zögerte auf's Neue und sagte dann endlich, als müsse es einmal
ausgesprochen werden: Er will freilich nicht, daß Du darum
weißt, indeß Du kannst ja ohne das seine Handlungsweise nicht
begreifen, und ich lenne ja auch Deine Lebe für ihn und mich,
wennschon Du manchmal an die unsere für Dich nicht glauben
willst!-- Sie machte eine Pause, dant fuhr sie fort: Heute
zum Beispiel - wie gern wollte ich Dir einen Wagen holen
lassen! Ich führe ja auch selbst gern vor das Thor hinaus!
Aber unsere Einkünfte sind nicht groß, und das Leben kostet
hier so viel! Dazu . - - - - sie näherte sich der Stiefmutter,
nahm ihre Hand und sagte: Versprich mir, daß Niemand, am
wenigsten Nenatus darum erfährt, und laß es Dich nicht kränken,
wenn ich sage, daß das ganze Unheil nur von des Vaters falscher
Großmuth herrührt - dazu ist Renatus seit den beiden letzten

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Jahren immer in großer Geldverlegenheit gewesen. Wir haben
schon im vorigen und in diesem Winter überlegt, wie wir es
machen könnten, uns zurüückzuziehen, ohne ein unangenehmes
Aufsehen zu erregen, und nöthig wäre es, denn Renatus hat,
von einem Wechselgläubiger gedrängt, sich schon vor anderthalb
Jahren entschlossen, von unserem Pächter Vorschisse zu nehmen.
E bleibt ihm in diesem Jahre also nichis mehr übrig, als die
auf ihn laufenden uiglickseligen Wechsel verlängern zu lassen,
was neuue, grösßere Koslen machen wird, während woir mil unseren
Gehalte beim besten Willen nicht im Stande sind, unsere Aus-;
gaben zu bestreiten! Häiest Dn ihn je gesehen, wie ich, wemn
die Zahlungstermine nahe lommen -= und er hat ja schon in
dem zweiten Jahre unserer Ehe die Hypokhekenlast auf Nichten
noch erhöhen missen-- Du wütrdest Dich nicht mehr über ihn
beschweren!
Die Siiefmuller hörte ihr ruhig zu, aber Cäeilie uerkie,
daß sie mit ihren Worten nicht den erwarteten Eindruck auf sie
machte, denn Vitioria sagte, offenbar gelangweilt, sie versiehe
von diesen Angelegenheiten nichks.
Gewiß, hob die junge Baronin, weil sie lebhaft wünschte,
ihrem Manne vor Vittoria's Ansprüchen Ruhe zu schaßen, so
freundlich als sie konnte, noch einmal an, Du verstehst das nicht'
genau, und ich -- ich habe ja auch davon nichts verstanden
oder vielmehr nie recht daran gedacht, bis ich es Nenatus endlich
anmerkte, daß ihn ekwas drickte! Nuun ich ihn aber gefragt habe,
nuun er mir Mlles vertraut hat, nun ich weiß, weshalb Renatus
fir den Sommer unsere Wagenpferde verkauft und den Kutscher
und den Diener bis zum Winter abgeschafft hat, nun ertrage
nch, weil es ja dem geliebten Nenatus zu Hülfe kommt, den
heißen, einsamen Sommer hier in unserem Hause auch weit
besser! Und ich meine, auch Du wirst Dich gedulden um seinet-
willen, Liebe! Er hat's gewis: nicht leichi, er hai oft schwere

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Tage, und er ist ein Herr von Arten, von dem man in der
Gesellschaft und im Regimente etwas erwartet! Er muß doch
leben, wie es einem Arten zukomni!
Eäcilie fand eine Beruhigung darin, das; sie dies endlich
ausgesprochen hatte. Sie hoffte durch diesen Beweis ihres un-
bedingten Vertrauens ihre Schwiegermutter mit den Einschrän-
kungen auuszusöhnen, die sich aufzuerlegen sie ihrem Manne ver-
sprochen hakie; aber Vilioria faste es anderö auf.
Ich habe Dich nicht unterbrechen mögen, Kind, sagte sie;
indes; ich begreife nicht, weshalb Du mir solche Mitiheilungen
machst, obenein, wenn Nenatus Dir dies verboten hat. War
ich es, die den Eintritt in die Welt begehrte, die unsere Vor-
stellung am Hofe forderte? Oder meinst Duu, das; mein Lxus
Deines Mannes Geldverlegenheit verschuldete?
Nein, nein, gewiß nicht! besänftigte sie Cäcilie, die bereits
einzusehen begann, das: sie einen Mißgrisf gethan hatte. Aber
=eu hegtest doch so gut wie ich die Neigung. die Gesellschaft
cg
kennen zu lernen, und Renatus hielt und hält es noch fir nöihig,
daß wir uns in ihr bewegen!
So muß er auch die Mittel schaffen, daß wir's können,
entgegnete Vittoria mit großem Gleichmuthe, und er hat Unrecht,
daß er Dich und mich mit Angelegenheiten peinigt, in denen
wir ihm doch nicht helfen können! Sein Vater khat das nie!
Er machte Alles mit sich selber ab. Er war nicht kleinlich!
Nenatus weiß davon zu sagen! fuhr Cäcilie auf; aber sie
unterdriickte, was sie noch hatte hinzufüigen wollen, und schweigend
und in sich versunken blieb sie in dem Zimmer neben ihrer
Schwiegermutter sizen.
Sie war dieses Zusammenlebens mit Vittoria von Herzen
müde, sie war der Nothwendigkeit des Scheinenmüssens höchlich
satt. Wäre sie nicht in der Liebe ihees Mannes so gllicklich
gewesen, häile sie sich nicht damit geiröstet, daß er sich glicklich

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in seiner Ehe mit ihr fihle, sie würde Hildegard oft um das
ruhig bescheidene Leben in ihrer Mutter Hause beneidet haben.
Bisweilen, wenn die Zahlungstermine für die Wechselschulden
ihres Mannes herankamen, wenn sie berechnen konnte, wie jedes
fortschreitende Halbjahr sie mit wachsender Gewalt in eine immer
tiefere Verwirrung ihrer Verhältnisse hinabzog, hatten ihre Sorge
und ihre Liebe fiür den Gatien ihr die verschiedensten Plane zu
seinemn Beislannde eingzegelen. Tie haile sich uu Eleonore, an
Seba, an Tremann, an dent Kronpritzen wenden und ihn um
ein Darlehen angehen wollen, das mäßig zu verzinsen und dann!
allmählich alzuzahlen, nichl liber ihre Kräsle gegaugen wäre;
indes die leiseste Andeutung einer solchen Möglichkeit hatte stets
ihres Gatten Zorn erregt, und sich bescheidend, weil sie nichts
zu ändern vermochte, hatte sie sich gewöhnt, am Tage den Tag
zu leben und sich mit den kleineren und grösßeren Entbehrungen
und Ersparnissen zu beschwichtigen, die sie unter anehmbaren
Vorwänden sich aufzuerlegen und den Ihren abzugewinnen geschickt
erlernt hatie. Ward Renatus das gewahr, so schlng es ihn
nieder, und seine Zärtlichkeit suchte dann nach einem Anlaß,
Gäcilie für ihr Opfer freigebig zu entschädigen; aver sie hatte
die Sorglosigkeit verloren, sich daran zu freuen, und auch jetzt
war sie in trübe Befürchtungen versunken, als ein Wagen vor
ihrer Thüre vorfuhr und der Diener des Grafen ihr seinen
Herrn und die Comtesse Rhoden meldete.
Um diese Stunde? riefen beide Frauen, da der Graf,
wenn er nicht das Theater oder ausnahmsweise eine Gesellschaft
besuchte, gegen den Abend nicht mehr ausfuhr; es blieb ihnen
jedoch nicht lange Zeit, über den Anlaß seines Kommens nach-
zudenken, denn auf Hildegard's Arm gelehnt, trat der Graf in
. , e ,
das Ziuuer ein, und sich auf den Sessel miederlassend, den sein
Diener ihm schnell herleiholie, sagle er: U Vergebung, meine
Freundiunen, das; wir Sie zuu ungesoohnler Slunde sidren, aber

Hs rf
Gliick ist etwas so Seltenes, das; ich neinte, ein paar Gliickliche
müßten zu jeder Zeit willkommen sein! Erlauben Sie also,
fügte er lächelnd hinzu, daß wir uns Ihnen als Verlobte'
vorstellen!
Als Verlobte? wiederholten Cdcilie und Vittoria, ihren
Ohren kaum verlrauend, und währen die Lezlere sich noch be-
müühte, ihr Erstaunen über dieses unerwarkete Ereignis; in Gliick-
wülesche zu verbergzen, hautle Hildegurd der Scwesler Häinde
bereiis ergrissen, und ihr lies in die Auugen blickend, sprach sie
in ihrem sanftesten Tone: Sieh', Cäeilie, nun ist Alles zwischen
Dir und mir vergessen und Alles wieder, wie es war! Ich
darf wohl sagen, wie es geschrieben sleht: sie dachten es bdse
mit mir zu machen, aber der Herr hat es wohl gemacht!--
.h bin sehr glicklich, so glicklich, das: ich Dir Dein Glück von
N,
Herzen gönne! Schreibe das Renütus, oder ich will es lieber
selber thun! Nicht wahr, geliebter Gerhard, wir wollen an Ne-
natus schreiben? Ich denke, es soll ihm wohlthun, und auch
Dir, Cäcilie, wird es das Herz befreien, daß ich glücklich, ja
daß ich sehr glicklich bin!
Sie umarmte Cäcilie, sie umarmte Vittoria, sie war voller
Zärtlichkeit, voller Vergebung für die Schwester, und doch war
jedes ihrer Worte wie darauf berechnet, Cäcilie zu verwunden.
Mit großem Geschicke wußte sie, ohne der Gegenstände
irgend zu erwähnen, die Schwester auf die neue, reiche Kette,
an der sie ihre Uhr trug, auf den feinen florentiner Hut, auf
den prächtigen tirkischen Shawl aufmerksam zu machen, und
von ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit wie von der Badereise
zu sprechen, die sie gleich nach der Hochzeit unternehmen würden.
Nur ganz beiläufig erzählte sie, das sie einen neuen Reisewagen
kaufen werde, weil auf des Grafen Wagen für ihre Kammer-
juugser nichi der nölhige Plaz vorhnhen sei, und von allen
ihren beabsichligten Aschaffungen sprechend, gelangte sie endlich

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an das von u=r ersehnte Ziel, der Schwester die Mittheilung
von dem reichen Erbe zu machen, welches ihr anheimgefallen war.
Dann erhob sie sich plözlich mit der Bemerkung, daß es
Zeit zum Aufbruche sei, und noch im Fortgehen wiederholte sie
es der Schwester, daß sie und der Graf dem Freiherrn schreiben
wüürden, um ihm Kenntniß von ihrem Glicke zu geben.
Gaetana brachte eben die Lampe in das Zimmer, als der
Graf mit Hildegard sich enifernte.
Isi dac Vorha schon erlenuchlel? sragle Geille lebhast.
Die gnädige Frau haben ja befohlen, die Lampe in dem
Vorhause immer so spät als möglich anzuzüünden! wendete die
Dienerin ein.
Cäcllie schwieg und bisß sich in die Lippe. Hildegard wird
immer einen gut erleuchteten Vorsaal, wird immer einen Be-
dienten haben! dachte sie in ihrem Innern, und von einer
bittern Empfindung hingenommen, verließ sie das Gemach. Sie
wollte wenigstens allein sein.
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