Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 23

Zehntes Capite l.
G,f Gerhard halie es iu Scherze steis gesagi, er halle
es mit Montecuculi, denn zum Leben wie zum Kriegfiühren
brauche man Geld und Geld und Geld, und er verstand es in
der That vortrefflich, das große Vermögen seiner Frau mit
Anstand zu benuzen.
Die Hochzeit des Grafen war wenig Wochen nach seiner
Verlobung gefeiert worden; die Neuvermählten waren in ein
Bad, aus diesem zu einem Winteraufenthalte in den Süden
gegangen, und nach ihrer Rückkehr in die Heimath hatien sie
das inzwischen nach des Grafen Angabe eingerichtete Haus be-
zegen, welches sie nun bereits seit drei Jahren inne hatten.
Kein Haus in der ganzen Stadt war so geschmackvoll und so
wohnlich als das des Grafen Berla ausgestattet. Pracht und
Bequemlichkeit gingen in demselben Hand in Hand, und wie
seine Wohnung, so war alles, was ihm gehörte, auf das Beste
ausgewählt.
Er ließ seine Wagen und seine Pferde aus England kommen,
er hielt sich einen französischen Koch, sein Keller war der best-
versehene der Nesidenz, seine Kleidung von der zweckmäßigsten
englischen Fagon; nur seine Gesundheit und seine Kraft konnte
das Vermögen seiner Frau, das er seit seiner Nückkehr aus
Jtalien durch mannigfache Spekulationen sogar noch zu ver-
mehren gewußt hatte, ihm nicht mehr erkaufen.
Aber man bewuunderte die Selbsibeherrschuung, mit der er

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seine wachsendea Beschwerden trug, den Muth, mit dem er gegen
seine fortschreitende Lähmung ankämpfte, und vor Allem pries
man die schöne Hingebung, mit welcher die Gräfin Berka ihn
vergessen zu machen strebte, daß ihr an seiner Seite doch eine
schwere Aufgabe zu Theil geworden war.
Es gal nich! leichl ein Ehepaar in der Geseslschaft des
hohen Aels, das mehr der allgemeinen Gunst und Theilnahme
genos, als Graf Gerhard und die Gräfin Hildegard; man
konnte sich auch lein würdigeres Familienverhältniß denken, als
das, welches zwischen der alten Gräfin Rhoden und den Berka's
herrschte, bei denen sie jezt lebte. Die Einigkeit der Mutiek
und der Tochter, die schönen weltmännischen Manieren des
Grafen, der Gräfin edler Sinn fir Häuslichkeit machten, daß
es Jedem wohl ward, der über ihre Schwelle trat; und da
man wegen der Kränklichkeit des Grafen große Gesellschaften zu
geben so viel als möglich vermeiden mußte, so hatte Hildegard
sich entschlossen, Mittags immer ein paar Pläze für gute Freunde
an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich für dieselben
um die Theestunde zu Hause zu sein.
Man rechnete es ihr sehr hoch an, daß sie ihrem Gatien
zu Liebe auf alle Geselligkeit ausßer ihrem Hauuse verzichtete, und
selbst die Prinzen und Prinzessinnen suchten sie dafür zu ent-'
schädigen, daß sie sich's versagte, an den Hof zu gehen. Ihre
Beschitzerin, die alte Prinzessin, empfing sie in den Morgen-
stunden, in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah; die
jüüngeren Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Gräfin
Berka vor, die an der Spitze aller wohlthätigen Unternehmungen
stand und deren Neligiosität, obschon sie eine Katholikin war,
sich von jeder Asschlieszlichkeit, vor aller Unduldsankeit fern zu
As
hallen wusle. Selbst auf ihren Gatien, der es mit der Religion
sonst leichl genng genonmen halle, wirlle der scomme Sinn der
Gräfin Hildegard mit Segen ein. Der Graf fuhr regelmäßig

Hcsz
an jedem Sonntage in die Kirche, die der Hof besuchte, und
das Einzige, was seine Frau bedauerte, war ihr einstiger Ueber-
tritt zur katholischen Kirche, zu welchem sie von der Mutier in
ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jezt in ge-
wissem Sinne von ihrem Gatten und von ihren fürstlichen Be-
schiitzern und Freunden lrennle.
Es war durchaus angenehm, mit den Berka's eng ver-
bunden zu sein, und Hildegard war für ihren Umgang sehr
wählerisch geworden. Sie hielt eo für nothwendig, Jeden und
Alles zurückzuweisen, was den Grafen aufregend oder störend
berühren konnte, den man nach des Arztes Ausspruch vor hef-
ligen Gemüihsbewegungen bewahren sollte, und sie nannte es
gegen ihre vertrauten Freunde eine Nücksicht auf das Empfinden
ihrer Mutter, daß sie den Freiherrn von Arten und seine Familie
troz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich sah. Denn,
sagte sie eines Tages zu einer ihrer näheren Freundinnen, der
Graf ist mit dem ganzen Thun und Treiben seines Neffen gar
nicht einverstanden, und selbst mein Zuusammenhang mit meiner
armen Schwester ist leider ein sehr oberflächlicher geworden. Ich
komme so selten in Eäciliens Hauus. Sie wissen's ja, ich ver-
lasse den Grafen ungern, und, ich bekenne Ihnen offen, die
Baronin Vittoria ist mir nicht sympathisch, ist mir's nie gewesen!
Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurück
üind nahm ihre Stickerei wieder zur Hand, die für eine der
Weihnachts-Ausstellungen bestimmt war, welche sie alljährlich in
den schönen Räumen ihres Hauses abhielt. Die Freundin, an
welche diese Worte gerichtet wurden, war die Mutter von des
Königs Adjudanten. Ihr Mann war General gewesen, ihr
zweiter Sohn bekleidete eine Instrnckorstelle im Kdelienhauuse.
Die Mitiheilng der Gräfin Bcrkc hatte sie nicht iberrascht.
z
--kan wussle, daß die belden Familien wenig Gemeinschaft hielten,
und eben deßhalb konnte die Generalin die Frage an die Gräfin
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1

Te)e
richten, ob sie .n von der Unannehmlichkeit schon unterrichtet
sei, die den Major von Arten eben in diesen Tagen be-
troffen habe.
Eine Unannehmlichkeit? wiederholte Hildegard. Was ist
dent geschehen? Ich weiß von nichts, die Arten's waren scit
mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm Hause. Ich bitie,
sprechen Sie; Sie beunruhigen mich auf das Aeußerste. Die
arme Cäeilie!
Dh- Geierülii lies; sich nichi lange lillent. -- Ee he!üissi
gliicklicher Weise, sagte sie, dieses Mal den Major nicht selbst;
es ist nur eine widerwwärlige Sache mit dem jingeren Arten.
Man hat ihn von der Asialt forkgewiesen.
Fortgewiesen? wiederholte Hildegard, und sich zu ihrem
Manne wendend, meinie sie: Dn behältst also auch damit leider
wieder Rechl, lieber Gerhard! Also von der Atslall forige-
wiesen?
Es war unnöglich, ihn zu halten! versicherte die Generalin.
Mein Sohn sagte mir, er habe in Nücsicht darauf, daß der
junge Arten zu Ihrer Familie gehört, das Aeußersie gethan,
diese Maßregel zu hindern; aber der Leichtsint des jungen
Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der
übrigen Kadetten willen nicht länger Nachsicht iben diürfen.
Der Graf wollte wissen, was man Valerio zur Last lege.
Die Generalin sagte, wie sie von ihrem Sohne erfahren habe,
sei der junge Arten immer kein sonderlicher Schiler gewesen
und habe seit Jahren vielfachen Anlass zu Klagen gegeben.
Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten,
dem man vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei,
habe man vertuscht; man habe ihn oftmals weggy seines Hanges
zum Spotte verwarnt, die Karikaturen, die er gezeichnet und in
der Anstalt in Umlauf gesezt, geflissenllich übersehen, bis man
neulich ein getuuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorge-

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funden habe, durch welches die Liebhaberei Sr. Mafestät fitr
das Theater und namentlich fir das Ballet in wahrhaft empö-
render Weise zum Gegenstande des Spottes, zu einer Karikatur
gemacht worden sei.
Und was ist danach geschehen? erkundigte sich der Graf.
Die Generalin zuckte die Schultern.- Es wäre natürlich
meines Sohnes Pflicht gewesen, sagte sie, betreffenden Ortes
davon Anzeige zu machen, aber eben weil mein Sohn um Ihret-
willeii glich un dein Major Aiihsil ini!, hal er davon ab-
geslanden. Er hai den Major sofort von dem Vorfglle benach-
richligk, man hat den jungen Arten in seine Familie zurückge-
schickt, nd der Direllor der Astalt hak dem Major den Raih
ertheilt, den jungen Menschen so bald als möglich von hier fort
und in eine andere Lebensbahn zu schaffen, da er ohnehin sehr
phanlastisch sein soll.
Das kommt von der Mutter! meinte der Graf, während
Hildegard die Gräfin Nhoden, welche hinzugekommen war, mit
einem Bedauern, dem der Ausdruck ihrer Zilge völlig wider-
sprach, von dem Geschehenen in Kenntniß setzte.
sei
Die Generalin bemerkte, der verstorbene Freiherr Franz
auch sehr phantastisch gewesen.
vom
Der Graf fragte, was sie mit der Erinnerung sagen wolle.
Die Generalin erwiderte, daß leider der Apfel selten weit
Stamme falle.
Wenn ihn der Baum getragen hat, gewiß nicht! entgegnete
der Graf; aber an wie manchen alten Baumes Stamm findet
man Frichte, die von außen hinübergeworfen worden sind und
auf die das Sprüchwort also wenig paßt.
Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an. Hil-
degard, der die schweren seidenen Kleider und die kleinen weißen
Spizenlücher, die sie über ihre noch immer lang herniederfallen-
den, röthhlich-blonden Locken zu knüssfen pflegie. ein jugendlich
An

-- ZF-
matronenhaftes Anzeyen gaben, hob die Augen mit ihrem sanf-
testen Blicke bittend zu ihrem Gatten auf, und der Graf ver-
sagte es sich also, die Neugier der Generalin zu befriedigen.
Aber diese gab ihre Erwartung so leichten Kaufs nicht für
verloren.
Nehmen Sie es mir nicht übel, rief sie, als müsse sie ihr
Herz endlich einmal von einem schweren Zweifel zu befreien
suchen, ist denn irgend eiwas daran, das; die Vergangenheit der
Baronin nicht ganz makellos ist, und ist's denn wirklich wahr,
was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio
erzählt? Ich wiürde mir, darauf kenten Sie mich ja, eine solche
Frage sicherlich nicht gestalten, weun ich nicht zuverlässig hossle,
von Ihnen zu erfahren, daß man der Baronin Unrecht thue,
aber - unvorsichtig bleibt es doch, daß man Emilio auch jetzt
noch in des Freiherrn Hause sieht.
Die Gräfin Nhoden, deren Mutierherz durch den neuen
Kummer, welcher jetzt über Cäcilie wieder hereinbrach, doch be- .
wegt ward, sagte, die Generalin irre, wenn sie glaube, daß
Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle. Man
empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr.
Es war auch gar nicht möglich, länger ein Auge zuzu-
drücken, figte Hildegard hinzu, als müsse sie diese Erklärung
geben, denu Emilio trieb seine Schauspielkust in meines Schwa-
gers Hause so oon arore, daß er, um sein Verhältniß zu der
Baronin Vittoria zu verbergen, nicht ibel Lust bezeigte, sich
als den Verehrer meiner Schwester darzustellen.
Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein, meinte die
Generalin, denn die Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre
schöner. Sie wird Ihnen, liebe Nhoden, seit sie voller geworden
ist, nnur immer ähnlicher.
Die Mutter nahm das Lob der Tochter, das ihr zugleich
schmeichelte, freundlich auf. Hildegard sagte, Gäcie werde doch

ze zu stark, und kaum hatte die Generalin sich entfernt, als
Hildegard die Mutter fragte, ob sie nicht anspannen lassen solle
und ob sie nicht gemeinsam zu Gteilie fahren wollten, nachzu-
hören, was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für
sie thun könne.- Eäeilie bemitleiden zu gehen, war die Gräfin
Berka immer bei der Hand, und ihr Mitleid war der Schwester
und dem Schwager nicht das Leichteste. das sie zu tragen hatten.
Auch jezl wieder lasteken ihre Zstände schwer auf diesen
Beiden. Valerio war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn
Hause. Es hatte heftige Auftritie und die unangenehmsten Ver-
handlungen gegeben. Cäcilie sah mit Kummer, wie die Furchen
aus ihres Gallen Slirn sich mii jedeun nenen Jahre vertiefien,
wie sein ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich
krankhaft steigerte. Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn
wieder sehr niedergeschlagen, während der Jüngling selber und
seine Mutter das Geschehene äußerst leicht zu nehmen schienen.
Vittoria sagte, sie habe immer die Ueberzeugung gehegt-
ihr Sohn sei nicht dazu geschaffen, in dem geistlosen Zwange
der militärischen Disciplin seine glänzende Begabung untergehen
zu lassen. Ihr Blut, das Bliit eines glücklicheren Volkes, lebe
in seinen Aern. Die Natur habe ihn bestimmt, ein Kinstler
zu werden, und die Natur lasse sich nicht überwinden, sie räche
sich, wenn man ihr Gewalt anthue. Auch Valerio sprach von
seinem eigentlichen Berufe, von seinem inneren Müssen. Der
Freiherr beachtete ihre Worte kaum. Der Gedanke, daß der
Jüngling, den er in großmüthiger Liebe als seinen Bruder
gelten lassen, der seinen Namen trug, daß ein Freiherr von
Arten wegen einer unwürdigen Handlung aus dem Kadetten-
hause ansgestosen worden sei, brannte als eine Schmach in des
Freiherrn Seele, und es hatte ihn e:ne große Neberwindung
gekostet, sich heute zur Parade zu begeben. Allerdings hatte
Niemand mit ihm von dem Vorgange gesprochen, aber der Major

Depg
=)= gE? z1? ===--
zweifelte nicht daran, das er vielen seiner Nebenoffiziere bereits
bekannt gewesen sei. Es war gestern ein Sonntag gewesen;
die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt, in Hunderten von
Familien haite ma das Ereigniss gestern fraglos mitgetheilt,
und Nenaluus halle es aus der Parade in den Mienen seiner
Kameraden zu lesen gemeiut, das; sie sich Gewall anlhälen, der
Augzelegzenuuhseil nicl zuu ersväihen.
eer Freiherr brachle au Miliage leinen Bissen über seine
=- ppen. Er siand vomn Tische auuf, weil er es nicht ertragen
Is-
lonnle, Vilioria's Gleichmulh und die unverminderte Eszluust an-
zusehen, mil der Valerio sich Genige lhai.
Als man sich von der Mahlzeit erhob, folgte Eäcilic -=----
szwo in
Gailen in sein Zimer. Er bemerlte sie kaum. Gesenken
Hauptes, die Hände auf den Nucken gelegt, gig er auf und
nieder. So pflegte sein Vater umherzuwandern, wenn ihn
,ioi- A-Fs,fs
==- -h-- -=====---, wanl er etwas mtit sich abzu utaOelz h===- s
KAfi: -
aber Renatus war nicht mehr, wie einst der Freiherr, in den
großen Gemäch. des Ruchtener Schlosses, in denen man seiner
z N.«
isis s
=-==i=g»1g wweit ausschreitend Luft machen kon., uund dt. ==--
szsfs-sen
wegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit, tatt
sie zu mäisigen. Er kam sich wie ein Gefaugener vor, er meinte,
die Wände immer näher zusammenrücken zu schen, es versezte
ihm den Athem, und sich ru;y umwwendend, wie Einer, der sich
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A.of
l,siöp soibf- ins s-,llsp oe doiss I,fsb=- !
s=»==V 1 K z=sb 11lss Pp !V9=»G-- =- s =s1l -==-ü1 -z
Eäeilie fragte, was er winsche.
Ichh muß mit dem Burschen zu Ende kommen! gab er ihr
ziikoss
Antwort und befahl dem Duener, ihm Valerio z----
..uf dem andern Fliügel bei d.- --- =eh==-
os- HsF,zs fp si
ifn
e-
fii dz-sll. s..s is.:
=.e eigpe BefCegllll( zll ==- s-= - - -=- =- -;-=- =-- -gl -
szn sp i 1zss
ein. Er war zu einem vollendet schönen Jiünglinge erwachsen.
Seine Gestalt war hoch und tadellos, =- quliener war in
pz- s,-
ei.id üs Is ss,.
si iss
jedem seiner Zige, in seiner gatzen Haltz --- -=----

---- Z?-
seinem Mienenspiele und in seine: Geberdensprache unverkennbar,
und selbsi die steif machende n ili ärische Schulung hatte den
freien Ael seiner Bewegungen nicht zu unterdrücken vermocht.
Dii hast mich rufen lassen, Brüder? fragke er, als er bei
Renaluus einiral.
Dieser halle sich niedergesezt, als wolle er sich damit zur
Niihe zinzr. iu lunzzsuuer ssrechend, als er soust pslegie,
sagie er Ic habe Dich kouen lussen, um von Dir selber zu
erfahrens, welche Vorstellug T.. Dir von Deiner Zukunft
machst. Das; Du fort muust, weisßt Dn, das; Du kein Vermögen
hasi, auf welches D Dich irgend sliizen dinnftest, habe ich De
gesagt, als ich Dir den Nath ertheilte, in das Heer einzutreten,
und als die Gnade unseres Königs Dir die Aufnahme in das
Kadelienhaus bewilligte.
Er hielt inne. Valerio regte sich nicht. Er hatie den
Arm auf einen kleinen Schrank gestüützt, der dem Spiegel ge-
genüberstand, und Cäcilie, die besorgt der Unterredung folgte,
konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß Valerio auch in
diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Siel-
lung, als mit den Worten seines Bruders beschäftigt sei.
--« spreche nicht davon, hob der Freiherr, da Valerio
A,.
schwieg, auf's Neue an, ich spreche nicht davon, wie Du Sr.
Majestät dem Könige die Gnade gedankt hast, die er Dir an-
gedeihen lassen; das würde, wie Du Dich erwiesen hast, eine
vergebene Mühe sein. Laß uns also kurz zur Sache kommen!
Was soll aus Dir werden? Was denkst Du mit Dir anzu-
fangen?
Valerio änderte seine Stellung nicht; aber er hob den Kopf,
den er bis dahin gesenkt gehalten haiie, in die Höhe und sagte:
Fragst Du mich das im Ernste, Bruder?
Mich düult, eutgegnete der Freiherr bitter, Deine Lage ist
nicht dazu angeihan, mir Lust zum Scherzen einzuflößen!

---- I8 -- --
Nun denn, rief Valerio, wenn es Dein Ernst ist, wenn
Du mir jetzt wirklich endlich die Freiheit geben willst, über
mich selber eine Meinung zu haben und über mich zu verfügen,
so will ich Dir sagen, was ich wiünsche!-- Er zögerie, als
habe er ein Bedenken, es auszusprechen; dann aber faßte er
sich ein Herz. zg mit rascher Bewegung einen Sessel heran,
und sich seinem Bruder gegenüber niederlassend, sagte er: Du
bisi immer gul grgr mich gewesen, uun ic hale Dich immner
lieb gehabt, Nenalus; aber Du hasl meine Naluur nichl ver-
standen, hast mich nie auflommen lassen . - -
Du machst Vorirse, wo Di: Dich enschldigen solltest,
fiel der Freiherr ihm in die Nede; die Taktik ist nicht nen,
aber sie ist hier nicht angebracht. Ich habe es heute nicht mit
Deinen Beleunlnissen, uichi mit Beirachlgen über die Ver-
gangenheit zu thnn, die jezt zu nichts mehr fihren. Beant-
wworte mir rund und nackt die Frage: Was soll aus Dir werden?
Da hob der junge Mann seinen vollen Blick äuf den
Freiherrn und meinte Wenu D auf mich geachtet hättest,
brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen! Ic werde zur Bühne
gehen!
Valerio! rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren
nicht, und plötzlich die stolze Oberlippe aufwerfend, daß seine
Miene, so wenig seine Züge dem Vater glichen, dem Ausdruce
des verstorbenen Freiherrn von Arten äußerst ähnlich wurde,
sprach er mit schneidender Kälte: Aber freilich, Du bist kein
Arten!
Er wurde blas, als das Wort seinem Munde entflohen
war. Er hätte viel darum gegeben, es nicht ausgesprochen zu
haben, sehr viel! Denn er erschrak vor dem wilden Blicke des
jngen Manes, der ihm gegenübersas, vor dem unheimlichen
Zucken seines schönen Mundes.
Sie schwwiegen beide; Eellie klopse daa Herz, dass sie

-- ZF --
wähnte, die Andern müüßten es hören können. So entschwanden
ein paar Minuuten. Renatus konnte zu keinem Entschlusse kommen.
Einmal stand er auf dem Punkte, seinen Ausspruch als eine
bildliche Redeform auuszugeben, dann wieder meinte er mit der
Enthillung dieses Geheimnisses einen Zilgel gewonnen zu haben,
durch den er den unruhig phantastischen Sinn des jungen
Mannes wirksam lenken könute; aher Valerio's heißes Blut
iriel iln zu schielleren Eilscheiduungen, als Nenaius sie zu sassen
gewohnl woar, ued sich hoch auusrichlend wie ein lragischer Held,
denn bei seiner Künstlernatur war er sich selbst in diesem Augen-
blicke noch eiu Gegensiand der Darstellung, sagte er: Ich hoffe,
meines Vaters Namen wirst Duuu mir wohl lassen müssen, da
er diesen nicht, wie seinen Besiz, auusschließlich nr auf Dich
vererben lonnie! Meinen Namen wenigslens danke ich doch
Deiner brisderlichen Gnade nicht!
Nicht? rief Nenatus, der jezt seiner selbst nicht länger
Herr war, nicht? - Und er hätte in seiner zornigen Empörung
Tausende hinzuwerfen vermocht, hätte er die Beweise von Vit-
toria's Untrene, von Valerio's unrechtmäßiger Geburt dem Jüng-
linge unter die Augen halten können, der ihm zu trozen wagte,
nachdem er Unehre aus den alten Namen seines Hauses gebracht
hatte. - Frage Deine Mutier, ob Du ein Arten bist! Frage
Deine Mutter, ob sie und Du nicht meinem Schweigen, meiner
Ehrfurcht vor dem Namen meines theuren Vaters die Stellung
verdanken, die ihr einnehmt! Ein Wort von mir . -
Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen.
So weit hatie man ihn gebracht, so weit war er von sich selber
und von den Ehrbegriffen seines Hauses abgefallen, daß er dem
Leichtsinue eines Jünglings wie Valerio das Geheimniß anver-
traute, welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes
zu hüten gegeben hatte! So weit hatte er sich vergessen, daß er
Vitioria, die Freundin seiner Kindheil und Juugend, daß er die

HOc
=-- eßegß 1? ---==
Mutter blo,,.ellte vor dem Urtheile ihres Sohnes - eines jungen
Menschen, dessen Keckheit vor keinem Aeustersten zurickschrak!
Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine Grenzen,er
schämte sich vor seinem eigenen Weibe; und wie konnte er jezt
noch darauf hoffen, ein irgend erträgliches Verhältniß zwischen
Vitioria und Cäcilien auufrecht zu erhalen, da er selber Vitioria
als eine Ehelrecherin angellagt, da erJes Eäeilien jezt verrakhen,
was er auuch ihr bisher mit ängsilicher Geflissenheit wverborgen
und fern gehalten hatte!
Wie ein Wetterstrahl war das unglüückselige Wort zwischen
sie Alle niedergefahren, Alles zerstörend, Alle lähmend. Renatus
rang nach Fassung; aber es war Valerio, der sich zuerst be-
zwang, der sie zuerst erlangte.
Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen,
seine Stimime klang weich, und in einer Weise, welche seine
große Erschitterung verrieth, sagte er: Du hast ein Wort aus-
gesprochen, über das ich in's Klare kommen muß!' Es zwingt
mich, Dir eine Frage vorzulegen: War es nur der Zorn, der
Dich jene Worte brauchen ließ, oder sagtest Du die Wahrheit?
Bin ich des Freiherrn Sohn. oder bin ich's uuicht? -- Ist's
deßhalb, daß ich fast ohne Antheil an unseres Vaters Erle blieb,
obschon unsere Giter nicht Majorate sind?-- Ist's deßhalb,
daß meine Mutter in einer Weise von Deinem guuten Willen
abhängt, die fiir die Witiwe unseres Vaters mir schon seit lange
unbegreiflich erschienen
nicht?= Und wieder
heftig a- us doch
. ,.
ist? Bin ich Dein Bruder, bin ich's
diese Wahrheit habe ich
in seinen Troz zurückfallend, rief er
wissen, wer ich bin! Dies wenigstens,
von Dir zu fordern!
Der Freiherr maß ihn vom Wirbcl bis zur Sohle. Das
Pathetische in des Jünglings Erscheinuung, das ihm immer miß-
fällig gewesen war, reizte ihn jezt doppelt. Alles, was er seit
Jahren und Jahren Lästiges und Schwexes um Vittoria's

z -d s
wegen auuf sich genommen, alle die Opfer, die er füür sie und
auch fir Valerio gebracht, die quälenden Eindriücke, welche er
seit gestern um des Letzteren wullen durchzumachen gehabt hatte
und mit denen er noch nicht zu Ende war, bclasteten den Frei-
herrn wie ein eiuziger, gewalliger Druck. Sein ganzes Leben
war von Rücksichien auf seines Vaters Willen, auf die Ehre
seine Hauses und Namiens geleitl und bestimmt worden, und
was hatke er damit erreicht? Ec war genug der Opfer, der
Rücksichten auf Andere! Nur an sich selber, an seine persön-
lichen Verhältnisse, an die Aufrecht:haltung seines Namens und
seiner Ehre hatie er noch zu denken; es war Zeit, seine Rech-
nung mit denen abzuschlicßen, die ihmn dies erschwerten. Int
ihm, dessen war er sich bewußt, lebte der wahre Sinn seines
Geschlechies, er muste sich und fir sich die Möglichkeit des Fort-
bestehens zu erhalten suchen. Wollte er nicht uniergehen zu-
sammt dem Weibe, das sich ihm in Liebe anvertraut, so mußte
er, wie bei einem Schiffbruche, endlich Alles von sich stosßen,
was sich hemmend an ihn klammerte, was sich wider ihn zu
erheben drohte, und finster, wie der Geist, der über dieser Siunde
waltete, sagte er: Was fragst Du mich? Lege diese Frage
Deiner Mutter vor!
Valerio erhob sich, sein Antliz war todtenblaß geworden;
auch der Freiherr war aufgestanden. Wo willst Du hin? fragie
er, da Jener sich zur Thir wendete.
. gehe, meiner Mutter die Frage vorzulegen, die. -
er hielt inne und sagte dann sehr fest: mir Freiheit schaffen soll!
Halt, rief der Freiherr, vergiß es nicht, daß Du unseren
Namen trägst und daß i., Dein Vormund, daß ich fir Dich
verantwortlich bin!
Besorgen Sie nichts, Herr von Arten! entgegncte der
e
.üngling mit einer Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone
des Spottes, der ihn für Renatus und Cäcilie völlig zu einem

O Ocz
Fremden maaz --- besorgen Sie nichts! Aber zum Dienen bin -
ich nicht geschaffen! Wäre es mir nicht gelungen, mich durch
jene Zeichnung von diesem Nocke- er ris; die Unisorm vom
Leibe und trai sie in wild auufwallender Heftigkeit unter die
Füße -- von diesem Nocke und von der Sllaverei, zu der er mich
verdammie, zu befreien, so hätte ich mir durch die Flucht ge-
holfen; denn mich des Namens zu entäusern, der mir nicht? -
werth ist in der Laufbahn, die ich einzuschlagen denke, war ich -
ohnehin eutschlossen! -- Ich begehre Ihres Naens nicht!
Nenaius lral in rascher Bewegung auf ihn zu, seine Hand
erhob sich-- -- aber wie im Entsetzen über sich selber blieb
er mitten im Zimner stehen. Geh! sagte er so tonlos, daß er -
seine eigene Stimme nicht erkannte.
Valerio hörte es nichi mehr. Er hatte da Gemach bereiis
verlassen, seine Uniform blieb auf dem Boden licgen.