Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 24

Eilftes Capitel.
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zz -s die Gräfin Berla fast um dieselbe Siunde bei der
Schwesier vorfuhr, wuurde ihr Besuch nicht angenommen, und
Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der Mutter mit dem
Zsatze, daß sowohl Ceilie als Vittoria zu Hause gewesen wären,
denn in ihren beiden Zimmern habe sie Lcht gesehen.
.h habe das Meine gethan, ihnen meine schwesterliche
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Theilnahme zu beweisen, sagte sie; man muus jezt abwarten,
bis sie kommen.
Jdeß der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen
von Cäcilie, in denen sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern
aussprach, daß es ihr gestern unmiglich gewesen sei, sie zu
empfangen. Eine unangenehme Angelegenheit, die ihr und ihrem
Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei, habe sie hin-
genommen und gebe ihnen eben in diesen nächsten Tagen man-
chherlei zu bedenken und zu ordnen. Sei das geschehen, so
wüürden Hildegard und die Mutter die Ersten sein, zu denen sie
eile, um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben,
die sie und Renatus fir sich zu machen beschlossen hätten.
Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuß jener
Fganz äußerlichen Rücksicht und Höflichkeit gekommen, hinter denen
die völlige Entfremdung sich verbirgt. Hildegard lächelte, als sie
kdem Grafen das Billet der Schwester hinhielt. Die Mutier aber
-hatte Mitleld mit Cellien. Sie fuhr am Nachmittage zu ihr.
An dem Zimner Vittoria's vorüübergehend, bemerkte sie,

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wie man in demselben einen Koffer packte, und sie war kaum
bei ihrer Tochter eingetreten, als sich Renatus zu ihnen gesellte.
Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte, sah
er es doch seit lange nicht mehr gern, wenn sie mit einem der
Ihrigen allein beisammen war. Er wußte das Gemüth seiner
Frau mannigfach belastet und bedrückt; und er besorgte, die
Macht der Gewohnheit und der alten Zuusammengehörigkeit möchte
ihr der Mutier oder der Schwester gegenüber doch einmal Ge-
ständnisse oder Klagen iber ihre Lage entlocken, die er laut
werden zu lassen nicht wiünschen konnte.

Noch ehe die Muikter eine Frage gekhan hatte, dankte der -
Freiherr ihr dafir, daß sie gekommen sei, und sagte, sie kenne
ja von seinem Vater her die alte Arten'sche Maxime, Verdrieß- j
lichkeiten mit sich selber abzumachen, und sie werde sich also !
deßhalb gestern nicht gewundert haben, daß er seine Frau ab- s
gehalten, den Besuch der Schwester anzunehmen.
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ergriffen sieht, und ich war das gestern in der That! Wir haben ;
große Unannehmlichkeiten mit Valerio!
Die Gräfin gab sich das Ansehen, als wisse sie noch nicht, ;
was vorgegangen sei. Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit Z
feinem Takte die Freiheit lassen, ihr in der ihm zusagendsten- !
Weise zu berichten, was er eben fir angemessen hielt.
Dem Freiherrn war das sehr willkommen. In leicht hn- s
geworfener Weise erzählte er, wie wenig ernsthaft Valerio seine j
Studien belrieben, wie schwer er sich in die militärische Zucht -
gefunden und wie nachtheilig die an und für sich edle und schdneg !
Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe. Ee l
erinnerte die Gräfin daran, wie Valerio habe Maler werder
wollen, nun, seit Emilio und Vitioria es ihm in den Kops
gesetzt hätten, das er eine der seltensten Stimmen sesize, sei er

, auf noch viel verkehrtere Plane gekommen. Er habe nichis als
, seine thörichten Liebhabereien betrieben, hcbe sich in der Astalt
f unmöglich gemacht, und nach längeren Berathungen sei man denn
, gestern dahin übereingekommen, ihn auuf eine süddeutsche land-
, wirthschaftliche Akademie zu senden. Valtrio verlange durchaus
, nach einer grösieren Freiheit; man wolle also versuchen, ob er
, Neigung fir die Ldwirthschaft gewiunen könne, und misse
l öann zusehen, wse man späler finn ihn ei Forilommen ermög-
, liche, uit dem es nichi so dränge, ald man es ihm darstelle,
, den er s-i iu Grede doch erst achnzehn Jahre alt.
Die Gräfin nahm das ganz so auf, wie Renatus es auf-
, genommen zu sehen wünschte. Sie sagte, er ihne wohl daran,
Iwen er die Sache nicht so chwer als Callie auffasse. ßalerio
Fsei ja nicht der erste junge Mensch, der den Seinen einmal
Sorge mache; man möge bedenken, das seine Erziehung fciher
Zverabsäumi worden sei, das; sie und Hildegard schon lange vor
Fdes Freiherrn Heimkehr darauf gedrugen hätten, den lebhaften
FKaben einer mäunlichen Auufsicht zu ibergeben und ihn von der
FMutter fortzunehmen. Sie und Hildegard hätien sich auch stets
jfdarüber gewuundert, ud Graf Gerhard -- sie kdnne das jezt
jswwohl sagen --- habe es nie gebilligt, daß Renatus es Vittoria
lhnsaubt, den Sohn in alle Opern und Concerte mitzunehmen
lhd ihn in hren Soiren singen zu lassen -
Sie war bei aller Milde und bei allem Miileid dennoch
, ßuf dem besten -u ge, es der Tochter und dem Schwiegersohne
, ßu beweisen, daß ihnen nur geschehe, was sie verdienten und
, ßerschuldet hätten, und weil Cncilie fürchtete, ihr Gatte könne
, Jarauf in seinem Uimuthe eine die Gräfin verlezende Ent-
, ßanng machen, bemerkte sie, natinlich trage Vittoria's grose
, Fhwäche an deu ganzen Unheil Schuld, und die Munter sei
P auch, die ihnen gestern die meisten Schwierigkeiten in den
P ß-a aiea bae.

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Ihre Eigemwmugkeit, ihre Launen werden wirklich immer
störender für uns, unser bester Wille, meine größte Nachgiebig-
keit vermögen ihr nicht geng zu thun, und, Eäeilie konnte ihr
Empfinden nicht mehhr beherrschen, und Herr mus; Renatus in
seinem Hause zulezt doch bleiben! fuhr sie unwislkürlich auf.
Dem Freiherrn kam die plözliche Aufwallung seiner Frau
nicht ungelegen, denn sie gab ihm Anlasi, mit der Thaisache
heranszuriicken, die man der Gräsin vor allent Dingen mitzu-
lheilen halle. Nuhig, r hig, mein Kied, sagle er, Du weisl, dass
Du von Vilioria's Grillein nichl lange uehr zu leiden haben wirst.
Die Gräfin sah ihn, sah die Tochter fragend an. Renatus
bemerlte das. Ic muus: eine Aenderung machen, sagte er.
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Eäeilie lommt wirllich neben Vilkoria nich zur Nuuhe. . habe
,
daher meiner Stiefuulier gestern den Vorschlag gemacht, sich
selbständig einzurichien. Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung
gefunden haben wird, verläßt sie unser Haus.
Gotllob! eief die Gräfin, die in der That sich dieses Ent- -
schlusses um der Tochter willen freute; aber Nenatus hörte darin
nur einen Vorwurf, den ihm die Mutter machte, und, wie alle
schwachen und eben desßhalb eitlen Menschen, stet? geneigt, von
einer zu der anderen Meinung überzugehen, wenn sie ihr eigenes
Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu
müssen glauben, erklärte er plözlich, daß die Trennung von j
seiner Stiefmutier uaiirlich nicht heute und nicht morgen vor;
sich gehen könne und werde. Er sagte, daß er Vittoria, ==g-« vas,h
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von selbst verstehe, nicht drängen, daß er ihr Zeit lassen wolle,;
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-illes nach ihrem Belieben einzurichten, und das leicht möglich, s
da eben jezt, inmitten des Vierteljahres, die Zahl der frei-
stehenden Wohnungen eine beschränkte sei, der Winter darübers
verstreichen könne.
Die Gräfin nahm das auf, wie es ihr von ihrem Schwieger-1
sohne dargestellt wurde; sie überlegte jedoch innerkch. daß Ne-j

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nains vielleicht eben jezt die Augaben fiir einen solchen Uuzug
und fir Vittoria's besondere Einrichtung zu machen scheue, da
die bürgerliche Ausstattung und die Neise Valerio's schon Kosten
verursachen musten, und nach Mittheilungen und Fragen, von
deren Oberflächlichkeit und innerer Unwwahcheit beide Theile über-
zeugt waren, fuhr die Gräfin wieder ork, ohne sich die vöslige
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.=islörkheit in dem Wesen ihres Schwiegersohnes recht erklären
zu löen. -
Der Vorfall it Valerio war freilich arg geung; aber je
uudhr die Gräsin darilber uachsann, uu so weniger hieß sie es
gui, wenn duurch dieses Ereignis; ein öffentlicher Bruch in dem
Arten'schen Familienleben herbeigefiihrt werden sollte. E war
nach ihrer Meinung eine Sache, die man möglichst im Stillen
ablhrn, um dereutvillen man nicht an die große Glocke schlagen
muußte. Zn Hause wieder angekommen,- lagte sie es, daß
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Nenatus und Cäcilie, roz mancher gar vortrefflichen Eigen-
schaften, so wenig Talt besäßen, und sie bedauerte es, daß man
ntcht wagen dirfe, ihnen einen unumwunden... Rath zu ertheil.i,
weil man leider nicht mehr wissen könne, in wie weit sie ihm
vuachzzkommen im Stande wären.
Hildegard bemerkte darauf, sie danke Goit täglich dafür,
daß er ihr so schöne, so einfache Lebensverhälnisse zubereitet
habe und daß sie hier in ihrem Hanse mit ihrem Gaiten und
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-= der Mulier ein so llares, rhigeb aasein hätien.
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Eben darum, bat die Gräfin, müsse man nachsichtig gegen
die arme Eäcilie sein. Man müsse die Hände liebevoll iiber sie
breiten, denn sie irage an ihrem Leben schrecklich schwer.
Der Graf meinte, wem -g- zu rathen sei, dem sei auch
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--=- zu helfen. Renatus habe ihm nichi folgen wollen, als er
hn vor Jahren darauf hingewiesen, daß er wohl daran ihun
wurde, sich von der Sorge fir Vittoria und Valerio möglichst
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und es sei keine von seines Neffen kleinsten Thorheiten, den
völlig mittellosen Sohn Vittoria's jetzt auf eine landwirth-
schaftliche Akademie zu senden. Es ist geradezu unbegreiflich,
rief der Graf, denn ich möchte wissen, wessen Güter Valerio
einst verwalten soll!
Während man aber noch in dieser Weise uil denn Vor-
güign i der Arlei schhenn Fmilie leschisligzl wr, lies; sich
durch einen seiner Conzloir-Beamtlen bei Tremann ein junger
Mann melden, der ihn zu sprechen winsche, und gleichzeilig ?
mit dem Diener, welcher die Lnuse auus den Schreiblisch seines ,
Herrn niedersezte, lrat Valerio bei ihm ein.
Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend
im Arten'schen Hause gesehen, als der Jüngling uit seiner
Mutter und mit Emilio unter grosem Beifalle verschiedene
Terzette gesungen hatte. Das war aber über anderthalb Jahr -
her, Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen, der frühe
Bart der Sidländer kräuselte sich bereits voll auf seiner Ober-- I
lippe, und die bürgerliche Kleidung veränderte ihn noch mehr,
so daß Paul ihn mit der Bemerkung empfing, daß er ihn kaum
wiedererkenne.
Das darf mich nicht wundern, entgegnete der junge Mann,
denn ich habe ja nur einmal die Ehre gehabt, Sie im Hause
des Herrn Majors von Arten zu sehen; trozdem aber habe ich
eine Bitte an Sie zu richten.
Es fiel Paul auf, daß Valerio von seinem Bruder in so
gezwungener Weise redete, und es lag überhaupt etwas khn Be-
fremdendes in der ganzen Haltung des Jünglings. Er nöthigte
ihn also, sich zu setzen und ihm zu sagen, was er wünsche.
Ich würde es nicht wagen, Sie mit meinen Angelegen-
heiten zu behelligen, hob Valerio fest und ohne alle Verlegenheit
an, wären Sie nicht ein paar Jahre lang mein Vormund ge-
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wesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es eäuunal zufällig
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erfahren, daß Sie auch i-- o-- - Ilgend aus Verhältnissen
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entflohen sind, die Ihnen unerträglic geworden waren. .
befinde mich in der gleichen Lage . - -
Hurchaus nicht! fiel ihm Paul .. -e Nede, und da Valerio
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vor diesem Worte inne hielt, sagtn Jener: Sie haben eine
--uller am Leben, sind unler deimn Shuuze eines älieren Bruuders
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isn eiie zzrwiesmner Luisluhnu zun lrelrnn, inn welcer Ihr Name
Ihen von Nze isi: das sind Vozige, deren ich mich nichl
ersreunle. Wenn Sie dieselben angehlic lich elwa nichi hoch an
schlagen sollien. werden Sie bei der Lnuusbahn, die Sie er
wählten, wahrsceiulich später anders dariber denken!
Erlauben Sie uir, Ihuen eine Bemerkung zu machen,
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sagte der junge Man. I habe die militärische Laufbahn
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zwwungen worden. Meine ganze Seele war von meiner frithesten
Kindheit an nur auuf Ein Zel, aus die Kuust gestellt. Als
Knabe wollte i., Maler werden, weil ich ein Höheres nicht kannte.
».
Und was hinderte Sie daran ? fragle Paul.
=., rief Valerio, ich war ja ein Herr von Arten! Ein
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Edelmann, ein Herr von Arten kann kein Maler werden; er
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kann malen, sagte mir der Major, wenn er Zeit und ==g dazu
hat, so viel er mag. Ein Herr von Arten kann nicht von seiner
Hände Arbeit leben, kann nicht um Geld für Kreihi und Ple.,.
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Bilder-malen. Ein Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern,
von seinen Renten oder in seines Königs Dienst.
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Ue.. Paul's Antliz flog ein leisck ==geln, es entging
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= - --= - »eobachtung de- .oglings nicht, und durch dasselbe
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noch ermuthigt, sagte er: Das =- des Freiherrn Franz,
K ,sfffsnff
das mich und meine Mutker ganz von dem guten Willen seines
Sohnes abhängig machi, hat Sie wahrscheinlich, al Sie es
kennen lernten, iber Verhältnisse auufgeklärt, die mich, -- --«
s. s.is 1.s.
darüber nachzudenken vermochte, viel beschäftigten, und -= er
czHze

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siockle ein wenig, sehle jedoch mit Selbsibeherrschug hinzu: die
ich seit gestern verstehen gelernt habe. Vor sechs Jahren indessen,
als wir Richten verließen, war ich ein Knabe und hatte zu ge-
horchen. So wuurde ich für den Soldatenstand bestimmt. -
Aber, fiel ihm Paul, der die Unterredung nicht über die
Gebihc verlängert zu schen wiinschte, in die Rede, Sie sind
nicht in Uniform! Was bedeutet das?
Ich bin aus dem Kadeitenhause auögestosßen, antwortete
Valerio, ohne eine Miene zu verziehen, und ich bin überhaupt
ein Ausgesiosener! Ich sihre den Namen der Freiherren von,
Arten jezt nicht mehr!
Sie fihren den Namen Ihres Vaters nicht mehr? Wat
wollen Sie damit sagen? fragte Paul, dem die Festigkeit des
anglings Wohlgefallen an ihm einzuflößen anfing.
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Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann
hin. Er war von Renatus an Valerio geschrieben. Der, Frei-
herr hielt dem juungen Manne in strengen, krockenen Worten
noch einmal den Fehltritt vor, dessen derselbe sich schuldig ge-
macht hatte, erwähnte des Streites, der gestern zwischen ihnen
vorgefallen war, sprach von der Unmöglichkeit, daß er Valerio,
wie dieser und seine Mutter es forderten, seine Einwwilligung zu
einer Kinsiler-Luufbahn auf der Bühue geben lönne, so lange
er den Namen eines Herrn von Arten trage, und wies ihn an,
reiflich zu überlegen, was er jezt anzufangen denke, da der
Freihexr sich weder in der Lage, noch veranlaßt fände, ihn lange
und kostspielige Versuche mit seiner Berufswahl anstellen zu lassen.
Paul fragte, weßhalb der Freiherr ihm dies geschrieben
und nicht gesagt habe.
Valerio entgegnete, er habe des Freiherrn Haus mit Be-
willigung seiner Mutter gleich gestern verlassen, um es nicht
wieder zu betreten.
Und was beabsichtigen Sie jezt zunächst? kundigte sich

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Paul, der uun einsah, daß die Sache ernster war, als sie ihm
zuerst erschienen.
Ich will einen Namen nicht mehr fihren, sprach Valerio
mit einem Selbstgefühle, das seine ohnehin edle Gestalt noch
höher adelte, den man mich nur aus Gnade bisher hat tragen
lassen. Ich habe dem Major geschrieben, dasß ich entschlossen sei,
fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir
meinen Weg zu schen, wo er für mich zu finden ist. Mit
meiner Stimme, mit meiner muusikalischen Begabung und mi
mmeiner Begeisterung für die Kunst kann es mir nicht fehlen,
mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere
Zukuft zu bereilen, als sie mir im Heere und im Dienste
werden könnte. Mein eigenes Bewußnsein und meines bis-
herigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch sind mir dessen
Birge.
Der junge Mann brach ab, als schäme er sich dieses eigenen
Lobes. Paul schwieg ebenfalls.
Wie jedem auf sein eigenes Lehen achtsamen Menschen,
war es Paul bisweilen wohl begegnet, daß er in irgend einem
bestimmten Augenblicke bei irgend einem ganz plötzlich eintretenden,
unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt hatie, als
habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewußt, daß
und wie dies eben jetzt geschehen müsse; aber nie zuvor war er
von diesem Eindrucke so betroffen worden, wie von dem Ge-
genbilde, welches Valerio's Vorhaben ihm zu seinen eigenen
Jugenderlebnissen jezt vor Augen stellte.

«, dem unbezweifelten Erben seines Blutes, dem Sohne
seiner Liebe, hatte der Freiherr Franz einst den Namen derer
von Arten aus Standeöricksichten versagt, während er mit eben
diesem Namen, aus denselben Standesriicksichten den im Ehe-
bruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet
gehalten hakte. Und vor Paul, der einst entflohen war, weil

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sein Vater ihm die Anerkennung und seinen Namen geweigert
hatte, stand jetzt eben jener dem Freiherrn untergeschobene und
von ihm doch anerkannte Sohn, entschlossen, den Namen Arten
von sich abzuwerfen, um in Freiheit der ihm angeborenen Be-
gabung zu entsprechen. Schnell wie diese Gedanken in Tre-
mann sich erzeugten und an einander reihten, entstand durch sie
doch eine Unterbrechung in dem Zwiegespräche; und mit unruhiger
Spannung blickte Valerio zu dem ältereit Manne hinüber, bis
dieser die Frage an ihn richtete, welchen Beistand und welche
Hülfe er von ihm begehre.
Ich habe davon sprechen hören, daß Sie Mitbesizer der
Schiffe sind, die zwischen Hamburg und England den Personen-
verkehr besorgen, sagte der Jüngere. Meine Mittel sind be-
schränkt... Er hielt inne, und eine heiße Röthe überflog sein
schönes Antlitz; er war des Bittens, er war es noch nicht ge-
wohnt, Hülfe begehren zu müssen. -- Ich möchte nach ondon
gehen, den Unterricht des dort lebenden größten Sängers zu
genießen. Verschaffen Sie mir eine freie Neberfahrt, und -=
in Ihrem Hause lebt die Gräfin Haughton; sie hat sicherlich
Verbindungen in England. Ich möchte, bis ich zur Bühne
gehen kann, Unterricht zu ertheilen versuchen, portraitiren. Ich
hreffe gut!
Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen, und er wartete
mit sichtbarer Unruhe auf die Antwort Tremann's, als dieser
statt derselben die Frage an ihn richtete, ob der Major von
Arten von diesen Absichten und von dem Besuche, welchen
Valerio ihm jetzt eben mache, unterrichtet sei. Der Jüngling ver-
neinte dies.
So erlauben Sie, versetzte Paul, daß ich mich erst mit
dem Herrn Major verständige, ehe ich Ihnen sage, ob ich etwas
und was ich für Sie thun kann.
Valerio erhob sich. Sie weisen mich zurück! meinte er,

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und man konte ihm den gekränkten Stolz und die schmerzliche
Enttäuschung in jeder Miene ansehen.
Nein, enigegnete ihm Paul, aber Sie sind unmündig. Ich -
muß erst wissen, wie Ihr Vormund über Ihre Plane denkt.
Valerio blieb zögernd stehen; er schien etwas sagen zu wollen
und den Muth dazu nicht zu finden. Endlich stieß er rasch
die Worte hervor: Entflohen Sie demn mit Erlaubniß?
Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem
schönen, ruhigen Ernste: Nein; aber ich hatte Niemandem von
meinem Vorhaben gesprochen und von Niemandem Hülfe dabei
begehrt! Ich verließ mich auf mich selbst!
Valerio schlug beschämt die Augen nieder. Paul hatte
indeß durchaus nicht beabsichtigt, ihn zurüczuscheuchen, und stets
zum Begütigen geneigt, fügte er sofort hinzu: Ich war ein
Kind, das man zur Verzweiflung getrieben hatte. Ich wußte,
ich übersah nicht, was ich that, denn ich kannte vom Leben und
von der Welt weit weniger, als Sie, und ich tadle es durchaus
nicht, daß Sie Sich an mich wandten, im Gegentheile!-- Er
sann einen Augenblick nach, blickte auf einen Kalender, der zur
Seite seines Schreibtisches hing, und sagte dann: Kommen Sie
morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir, und Ihre Hand
darauf, junger Mann, jezt, da Sie mit mir über Ihre Zukunft
Rücksprache genommen haben, treffen Sie keine Entscheidung
über Sich, ohne daß ich davon weiß!
Er hielt ihm die Hand hin; Valerio schlug mit neu be-
lebter Hoffnung herzhaft in die dargebotene Rechte. Dann hieß
Paul ihn gehen, und kaum hatte der Jüngling ihn verlassen,
so setzte Jener sich nieder, an Renatus zu schreiben.
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